Drei Tage

„Drei tolle Tage“ wären es ja, wenn nicht der Lockdown wäre. Aber interessant waren die drei letzten Arbeitstage in der Bibliothek in ihrer so unterschiedlichen Tagesenergie schon.

Der Montag war wettermäßig ein Wintermärchen mit traumhaftem Sonnenschein und immer noch gefühlt klirrender Kälte. Wie schon an den Arbeitstagen zuvor staunte ich über die Spuren auf dem Hof, die Aufschluss über nächtlichen tierischen Besuch gaben. Mehrere Vögel, darunter ein sehr großer, vielleicht eine Möwe oder eine Ente, waren bis zum oberen Hof gekommen, sogar eine Katze war die Treppen zum oberen Hof hochgestiefelt, ebenso ein Tier, dessen Spuren ich nicht deuten konnte. Ich schoss einige Fotos, damit die nächste Kita-Lesung zum Thema „Tiere im Winter“ noch anschaulicher wird. Ich hatte ja vor einigen Jahren mal eine Geschichte rund um Tierspuren im Schnee geschrieben, die Kita fordert sich das Vorlesen dieser Geschichte in jedem Winter wieder ein und der Kindergärtner fragt mich jedes Mal, ob ich denn nun endlich die Geschichte als Buch herausbringe. Vielleicht irgendwann mal … 🙂 Trotz des Winterwetters fanden einige Leser den Weg in die Bibliothek, darunter auch Ferien-Kids und eine Lehrerin, die ebenfalls Winterferien genoss. Immer wieder spüre ich die Dankbarkeit der Leser dafür, dass die Bibliothek auch während des Lockdowns für sie da ist – und das tut gut.

Während es im Bibliotheksbetrieb flutschte, lief bei meiner „Nebenbei-Finanzverwaltung“ so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte. Was daran lag, dass ich einfach unkonzentriert war. Irgendwie nur halb da. Wo die andere Hälfte von mir gerade war, weiß ich nicht. Ich wurschtelte mich so durch, und bis ich meine eigenen Fehler erkannte und wusste, wie ich es anders machen muss mit dem Hin- und Herbuchen von einer Gutschrift, geteilt durch drei „Produkte“, war es fast Feierabend. Ich bin ja auch keine Finanzbuchhalterin, sondern studierte Bibliothekarin.

Zwischen Leserbetrieb und Finanz-Gewurschtel kam auch noch ein Anruf, der mich umhaute. Ich wurde aufgefordert, meine Statistik zu fälschen. Alle deutschen Bibliotheken geben ihre Jahreswerte in eine gemeinsame Plattform, die Deutsche Bibliotheksstatistik. Hier werden auch die Entleihungszahlen inklusive Verlängerungen angegeben. Aus politischen Gründen, nämlich um den Mangel darzustellen, wurde ich nun angewiesen, alle automatischen Verlängerungen von Medien während des Lockdownbs aus der Statistik rauszunehmen. Herauskommen sollte dabei in jedem Falle eine niedrigere Zahl der Entleihungen als im Vorjahr 2019. Mir sträubte sich angesichts dieser hanebüchenen Anweisung alles. Wenn seit 1999 bundesweit einheitlich alle Entleihungen mit den Verlängerungen der Leihfristen inklusive angegeben werden, dann macht es keinen Sinn, die Zahlen während des Lockdowns ohne Verlängerungen anzugeben, denn die Bücher waren ja bei den Lesern und wurden dort bestimmt auch während des Lockdowns genutzt. Abgesehen davon habe ich mit einigen Lesern, die auf den Dörfern wohnen und selten rankommen, sowieso die Vereinbarung, dass ich automatisch die Medien verlängere, wenn die Leihfrist abgelaufen ist. Ächz. Zu dem Frust durch das Finanzgewurschtel kam jetzt noch der Frust durch die gefälschte Statistik hinzu. Aber der Witz kommt ja noch: Als ich alle Verlängerungen aus dem ersten Lockdown abzog (im zweiten Lockdown 2020 hate ich ja sowieso schon Weihnachtsurlaub und verlängerte nicht), blieb immer noch ein leichtes Plus an Entleihungen – eben deshalb, weil die Leser nach dem Lockdown die Bibliothek so stürmten wie sonst noch nie zuvor. Da geht irgendwie die politische Milchmädchenrechnung des Bibliotheksvereins oder der Bibliotheksfachstellen oder von wem auch immer irgendwie überhaupt nicht auf. Ätsch!!! 😀

Von all dem Wirrwarr war ich dann so verwirrt, dass ich mittags beim Abtauen des Kühlschranks und dem damit verbundenen Abwasch versehentlich einen noch laufenden Wasserhahn in die falsche Richtung drehte, dabei kurz abgelenkt war und ihn laufen ließ – und mich wunderte, als plötzlich die halbe Personalküche unter Wasser stand. Was war das denn für ein Zeichen? „Wasch dir den Frust ab!“ oder „Diese Gegebenheiten sollten bereinigt werden!“ oder sowas in der Art? Abends im Bus auf dem Nachhauseweg konnte ich dann doch über mich selbst lachen, und über diesen ganzen verwirrenden Tag. 🙂

Am Dienstag sollte eigentlich Eisregen kommen und die ganze weiße Pracht sollte so nach und nach wegtauen. Aber statt dessen kämpfte ich mich auf dem morgendlichen Weg zum Bus durch Massen von Neuschnee und erlebte noch einmal eine Busfahrt durch zauberhaft verschneite Landschaften. Herrlich!!! Es war so richtig klebriger Schneemann-Schnee, und so sah ich an meinem Arbeitsort auch einige dieser lustigen Schneegesellen stehen, einzeln und in Schneefamilie. 🙂 Vormittags half mir Doreen in der Bibliothek, und ich nutzte die Gelegenheit, mal kurz was im Archiv zu suchen. Als ich wieder in die Bibliothek kam, fand ich Doreen strahlend vor, vor sich eine Tüte selbst gemachter gebrannter Mandeln – ein Geschenk von ziemlich neuen Lesern, die sich über unseren Service so freuten. Ich war ganz geplättet vor Freude, während Doreen ganz freudig mit der Leserfamilie über die Herstellung von gebrannten Mandeln fachsimpelte. Doreen hatte selbst einige Versuche schon gemacht, gemeinsam mit der Tochter ihres Freundes, aber sie hatten das optimale Rezept noch nicht gefunden. Die hier uns geschenkten Mandeln waren mit Rohrzucker, Butter und ohne Wasser in der Pfanne geschwenkt worden. Sie schmeckten absolut köstlich, das fanden wir beide. „Eigentlich ungesund!“, sagte ich und meinte den Zucker. „Nein, das meiste ist gesund!“, sagte Doreen und meinte die Mandeln. Ein schönes, kleines Überraschungsgeschenk zu erhalten ist aber auf jeden Fall Balsam für die Seele und somit sehr gesund. 🙂 Insofern war dieser Tag Gesundheit pur, denn nachmittags erhielt ich ein zweites Überraschungsgeschenk. Eine Leserin schenkte mir einen kleinen Karton „eigentlich ungesunder“ Pralinen, zufälligerweise auch noch eine meiner Lieblingssorten, was sie nicht wissen konnte. „Ich wollte mich einfach mal dafür bedanken, dass Sie immer, auch jetzt, für uns da sind und dass Sie so eine tolle Auswahl haben!“ 🙂 Also da war ich echt sowas von baff!!! Diese Leserin kenne ich schon seit Jahren. Sie liest keine Allerwelts-Bücher und ich bemühe mich immer sehr, ihr etwas Besonderes zu empfehlen. Da ihr Geschmack (und wohl auch ihre Ansichten) meinem ähneln, fällt mir die Empfehlung bei ihr immer leicht. Aber diesmal habe ich dann wohl mit „Der Salzpfad“ von Raynor Winn und „Wut ist ein Geschenk“ von Arun Gandhi (Erinnerungen an seinen Großvater Mahatma Gandhi) besonders ihren Lesegeschmack getroffen. Was wieder mal zeigt, dass im Lockdown gute Bücher so sehr wichtig sind. Sie sind eben Seelennahrung!!!

Trotz der Neuschnee-Massen war an diesem Tag doch mehr Betrieb als sonst. Wobei die Kinder schon auch mit ihren Schlitten durch die Stadt zogen oder Schneemänner bauten. Eine Omi, die eigentlich mit Enkelin kommen wollte, entschuldigte sich: „Heute bin ich allein, denn das Kind wollte noch einmal auf das Eis!“ – „Na klar, das ist der letzte Wintertag, noch dazu ein geschenkter, weil es eigentlich heute schon tauen sollte. Das muss man noch nutzen!“ Was gibt es schöneres, als auf dem Eis des kleinen Stadtsees Schlittschuh zu laufen! Gemeinsam mit der Omi suchte ichschöne Bücher für die Enkelin raus, damit sie am Abend des vielleicht letzten Wintertages gemütlich beim Vorlesen mit der Omi kuscheln kann.  🙂

Über Nacht hatte es tatsächlich geregnet, also fuhr ich heute durch eine grün-braun-weiß-gescheckte Landschaft zur Arbeit. Einerseits freute ich mich darüber, wieder die dünnere Winterjacke anziehen und Mütze und Handschuhe weglassen zu können. Denn dieses Gewurschtel mit Mütze, Maske und Brille beim Einsteigen in den Bus ist jedes Mal ein Graus, ganz ehrlich! Andererseits fing ich schon an, dem schönen, klaren, sonnigen, kurzen Winter hinterherzutrauern.  Vom Bus zur Bibliothek watete ich teilweise durch weißbraune, matschige Pampe. Diesmal hatte ich einen Arbeitstag im Archiv. Dort gab es eigentlich so viel zu tun, aber ich fasste hier mal was an, räumte dort mal etwas um und hatte nicht die Motivation für das ganz große, eigentlich geplante Umräumen. Ich war, wie zwei Tage zuvor, wieder nur gefühlt „halb anwesend“. Zwischendurch las ich noch eine Mail vom Bürgermeister. Dieser freute sich darüber, dass die 7-Tage-Inzidienz in unserem Amtsbereich nunmehr den zweiten Tag in Folge bei 0 liegt. „Dies ist ein Anlass, Ihnen dies mitzuteilen!“  Toller Ausdruck. Dass in meinem Arbeitsort einer der größten deutschen Übersetzer aufwuchs, hat wohl nicht gerade bis in die Gegenwart abgefärbt. Der Bürgermeister gab aber zu verstehen, dass alle Einschränkungen aufrechterhalten werden und bitte keiner der „Mitarbeitenden“ – wörtlich – „in Aktionismus verfallen“ sollte. 🙂 Was oder wen immer er auch damit meint. Mittags war noch eine terminlich vereinbarte Telefonkonferenz mit dem Geldgeber eines Veranstaltungsprojektes für die Bibliothek. Der Mann am anderen Ende der Leitung wirkte beinahe schläfrig und ebenso nur halb anwesend wie ich. Ach, das ist doch beruhigend, dass es nicht nur mir so geht! 🙂 Nach diesem Telefonat entdeckte ich noch eine Mail eines Stadtvertreters, der mir ein großes Zukunfts-Entwicklungs-Konzept einer großen benachbarten Bibliothek mit 70.000 Medien und 17 Mitarbeitern zur Kenntnis gab. Einfach mal so als Anregung und nette Geste. Nach Feierabend habe ich darin dann mehr als quergelesen, teils geschmunzelt (über eine geplante „neue Zweigstelle“, die es zu DDR-Zeiten schon mal gab) und teils sehnsüchtig geseufzt (über den Anspruch, die Bibliothek als Treffpunkt und Kommunikationsort, gerade für Kinder, so ansprechend und gemütlich wie möglich einzurichten). Ja, ich gebe es zu, ich bin noch immer nicht hinweg über die mir aufgezwungenen schwarzen Bibliotheksregale und nicht vorhandene, gemütliche „Lümmelsessel“ im Kinderbuchraum! Meine ganz persönliche Bibliotheksentwicklungskonzeption sieht es vor, dies langfristig auf jeden Fall zu ändern!!! Und da ich bisher alles durchsetzen konnte, was ich für die Bibliothek erreichen wollte, werde ich auch dies noch eines Tages in die Tat umsetzen. Irgendwann bin ich ja hoffentlich auch nicht mehr nur „halb anwesend“, sondern „ganz da“! 🙂   

Ein Gang durch die Stadt

Nach einem Vormitag Archivarbeit mit Auspacken und Sortieren von unzähligen Archivboxen aus zehn Umzugskisten endlich Feiermittag und Wochenende. Ab geht’s zum Bus. Der Himmel ist heute hellgrau, also heller grau als sonst. Fast meint man die Sonne zu sehen. An der Schule und an der Bushaltestelle nur wenige, aber fröhliche Kinder. Es ist der letzte Schultag vor den Winterferien. Dann die Busfahrt mit Blicken in eine weite, verschneite Landschaft mit erstaunlicher Fernsicht. Alles klar und strukturiert, so wie auch mein inneres Empfinden heute. Während am Wochenanfang alles so zäh dahin lief und ich mich sehr selbst an die Hand nehmen musste, um alle to do`s anzugehen, flutscht es seit gestern nur so. 🙂

In meiner Heimatstadt angekommen, stieg ich in der Innenstadt aus, einem Impuls folgend nicht an der üblichen Haltestelle, sondern an der eigentlich ungeliebten, eine Station vorher. Ungeliebt ist sie deshalb, weil sie an einer riesigen Kreuzung liegt, an der die Ampel gefühlt immer auf Rot steht. Aber diesmal war gerade Grün und freudestrahlend schwebte ich über die breiteste Verkehrsader der Stadt. Seinen Impulsen und seiner Intuition sollte man eben folgen. 🙂

Die Einkaufsstraße (der Boulevard, wo früher mal der Bulle war, so der Spruch einer Stadtführerin 😀 ) war doch etwas belebt. Der Fahrradladen hell erleuchtet, mit vielen Fahrrädern vor der Tür. Oh Wunder. Dort ist aber auch gleichzeitig eine Reparaturwerkstatt, und die dürfen öffnen. Auf dem Markt keine Freitags-Markt-Buden zu sehen, dafür aber ein strahlendes ❤ Hochzeitspaar ❤ mit einer großen Hochzeitsgesellschaft drumherum. Oh Wunder! Sie mit rauschendem weißen Kleid, er im feierlich dunklem Anzug, der Hochzeitsstrauß mit roten Rosen, die voller Hoffnung den schneebedeckten Marktplatz regelrecht erleuchteten. Es war eine Szene wie aus einem Schwarz-Weiß-Film, auf dem nur die Rosen leuchtend rot hervor schienen. Einfach toll!  ❤ Ein schönes Bild! ❤ Ich schlich mich an der Hochzeitsgesellschaft vorbei und betrat das altehrwürdige historische Rathaus, um in das Stadtgeschichtliche Museum zu gehen. Hier waren einige Dinge für mich als Fördervereins-Vorsitzende zu erledigen. Das übliche Bild wie überall: Museum geschlossen, Mitarbeiter in Kurzarbeit. Aber dennoch war jemand da und werkelte an einem neuen Stolperstein-Projekt. Entwürfe für eine Wanderausstellung wurden stolz gezeigt. Am 11. Mai wird unter anderem ein Stolperstein, den ich mit angestoßen habe, verlegt, zum Gedenken an zwei Menschen, die im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ verhaftet wurden und im Arbeitslager bzw. in einer Haftanstalt für psychisch Kranke zu Tode kamen. Ich war zufällig während meiner Archiv-Recherchen darauf gestoßen, aber es sollte wohl so sein. Voller Überraschung darüber, dass dieses Projekt schoh so weit gediehen ist, ging ich durch die ruhige Stadt nach Hause, immer den eiskalten Ostwind im Rücken. Ich ging am großen See, am kleinen Meer, entlang. Der See war zugefroren und schneebedeckt. Das hatten wir lange nicht. Der letzte, richtige Eiswinter ist über zehn Jahre her. Früher waren wir in jedem Winter auf Schlittschuhen auf den Seen unterwegs. Die Schlittschuhe waren unser Wintersportgerät Nr. 1. Was in der Natur unserer Gegend liegt: viele Seen und wenige Hügel, von Bergen ganz zu schweigen. Skifahren gab es nur im Winterurlaub im Vogtland, in Thüringen oder im Erzgebirge. Das waren schöne Urlaube! 🙂

Noch wird aber vor dem Betreten des Eises gewarnt. Mit Recht, denn unter der dicken Schneedecke sind Spalten und Löcher nicht sichtbar. Zudem braucht es noch einige Tage, ehe das Eis wirklich überall dick ist. Dann werden die Kinder mit Schneeschiebern kommen und sich ihre Spiel- und Lauffelder freischieben. Zuerst werden sie den See mit dem riesengroßen flachen Strand testen, bevor sie dann mit ihren Schlittschuhen, Gleitern, Schlitten und Schnee-Surfern auf das kleine Meer kommen. Das wird lustig! 🙂

Auf dem weiteren Weg nach Hause übte ich zwischendurch immer mal, ohne Brille zu gehen. D. h. ich ließ die Brille auf die untere Nase rutschen und lugte drüber. Mal mit beiden Augen, mal nur mit dem rechten oder nur mit dem linken Auge. Da beide Augen unterschiedlich stark gucken, ist das ganz interessant. Das habe ich lange nicht mehr probiert. Es ist eine Anregung von Elke. Vielleicht habt ihr mal Lust, Elkes Erfahrungen auf euch wirken zu lassen. https://lebenalsmensch.wordpress.com/2021/02/05/schritt-fur-schritt-ubung-ohne-brille-laufen-teil-3-%f0%9f%98%8a%f0%9f%91%93/ Heute ging der kurze Zwischendurch-gang ohne Brille besonders gut, da auf dem Bürgersteig rechts und links Schneeränder waren, die Orientierung gaben, so dass ich weniger „rumeierte“ als sonst beim Hin- und Herswitchen zwischen den Augen.

Dann mit kaltem Ost-Rückenwind schnell nach Hause, kurz Tasche tauschen und weiter zum Supermarkt, bevor hier der ganz große Freitags-Trubel ausbricht. Die obligatorische Einkaufs-Maske (illegalerweie dünner als vorgeschrieben) spüre ich schon nicht mehr und das Anti-Beschlags-Brillentuch, ein Geschenk meines Neffens, wirkt wahre Wunder. Überhaupt kein Beschlagen heute, weder im Bus noch im Supermarkt. Im Supermarkt wie immer vor dem Wochenende Gang durch die Regale ohne Plan. Was spricht mich heute an? Was möchte am Wochenende gekocht werden? Wieder der leckere Rosenkohl oder doch mal eine Hühnersuppe? Wenn ich mal mit einem Plan in einen Wochenend-Einkauf gehe, dann sehe ich garantiert etwas anderes Leckeres und mein Plan wird wieder umgestoßen. Also dann lieber gleich mit ohne Plan …

Mit Einkauf und Wochenend-Blümchen laufe ich zurück nach Hause. Immer noch sind wenig Leute unterwegs. Aus einem Garten dringt Vogelgezwitscher. Dort zwitschern fast immer Vögel hinter der großen Hecke. Jetzt bläst der Ostwind kalt von vorn, aber mir macht er nichts aus. Ich gehe, denke nach, lasse die Ereignisse der Arbeitswoche Revue passieren und schmunzle wieder mal über ein Erlebnis mit einer übereifrigen Kollegin, die auf ihrem Weg wohl noch einige Lernaufgaben vor sich hat. Mal sehen, wo ihr Weg sie hinführt, ich werde es weiter beobachten – aus sicherer Entfernung.

Aber nun kann das Wochenende beginnen. Die Arbeit ist getan, die Vorräte sind aufgefüllt. Kommt der angekündigte Schneesturm? Kommt er nicht? Egal, ich nehme es so, wie es ist. Allen Lesern wünsche ich ein schönes Wochenende!

Winterblues und Frühlingserwachen

 

Eigentlich liebe ich es ja, wenn bei knackig kalter Luft die Landschaft tief verschneit ist. Vorausgesetzt, alle Gehwege sind geräumt. 🙂 Dann sind die Seen zugefroren und gerade jetzt, in den Winterferien, sieht man dort tatsächlich kleine Schlittschuhläufer und Eishockeyspieler. Wenn dann noch die Sonne scheint und der Schnee glitzert, sieht die Landschaft wirklich traumhaft schön aus. Sonne war seit Wochen fast täglich vorausgesagt worden. Aber Fehlanzeige: wie eine graue Käseglocke wirkte der Himmel tagelang, dazu wehte ein eiskalter Ostwind. Vorgestern hatte ich einen richtigen Winterblues-Tag. Es reichte!!! Die dicken Winterklamotten ödeten mich an, das morgendliche und abendliche Warten auf den Bus war trotz dicker „Federbett“-Daunenjacke belastend und überall husteten und schnieften die Leute um mich rum. Außerdem war meine Abkürzung zum Bus, eine kleine Wiese, so vereist, dass ich immer einen größeren Umweg in Kauf nehmen musste. Ächz! Es reichte!!! Das muss wohl auch eine wildfremde Passantin gemerkt haben, der ich in einer Straße mit Vorgärten begegnete. Sie Sprach mich an, zeigte in einen der Vorgärten und sagte: „Schauen Sie mal, die Knospen sind schon ganz dick!“

 

Ich bin absolut kein Mensch, der schlechte Laune verbreiten möchte. Die Freude der Frau war so ansteckend, dass ich mich auf ein kleines Gespräch mit ihr einließ. Wir bewunderten gemeinsam die dicken Knospen und stellten fest, dass die Vögel auch schon kräftig zwitschern. Auch in der Bibliothek ließ ich mir den Winterfrust nicht anmerken. Immer schön lächeln, freundlich zu den Kunden sein und zu den Kollegen natürlich auch. Dazu muss ich mich ja auch nicht anstrengen, denn im gemütlichen, warmen Raum ist der Winter schnell vergessen. 🙂 Gestern dann der Valentinstag mit vielen kleinen Nettigkeiten, die das Herz erfreuten. 🙂 Und erstmalig lugte die Sonne wieder länger hervor, tagsüber waren es wenige Stunden lang mal sachte Plusgrade. Als ich abends vor die Bibliothekstür trat, roch es irgendwie anders. Es roch – nach Frühling!!! Die Luft war abends schon wieder eiskalt und frostig, die Sonne war schon fast untergegangen, aber es roch eindeutig nach Frühling!!! Ich kann es nicht genauer beschreiben, aber es roch nach tauender Erde, irgendwie völlig anders als sonst.

 

Schlagartig war der Winterblues wie weggeblasen. Heute wurde es noch wärmer und sonniger. Die Kinder der Kita-Gruppe, die zur Lesung kamen, waren ausgeglichen und fröhlich und sangen mir zum Abschied ein Frühlingslied. Keines der Kinder hustete und schniefte. Nach einem kurzen Arbeitstag zu Hause angekommen, machte ich mich auf den Weg, um das Einkaufen mit einem Spaziergang zu verbinden. Wieder roch ich es: Frühling lag in der Luft! Die Winterjacke, morgens am Bus noch wohltuend wärmend, war nun schon fast zu warm, und Mütze und Handschuhe konnte ich zu Hause lassen. Doch was war das? Als ich eine gewisse, altbekannte Stelle passierte, an der ganz geballt viele Sträucher wachsen, rebellierten Nase und Augen plötzlich so sehr, dass es mich fast umhaute. Okay, die Pollen sind also auch aus dem Winterschlaf erwacht! 😦 Na, dann ist jetzt wirklich Frühling! 🙂

 

Wintergedanken

Während ich abends auf dem dunklen Busbahnhof meines Arbeitsortes stehe, dreifach eingemummelt mit Kaschmirpullover, Blazer und meinem „Federbett“ (meinem Daunenmantel), gehen mir folgende Gedanken durch den Kopf: Wir sind heute bestens gegen die Winterkälte ausgerüstet: Kleidung, die wärmt, aber dennoch nicht kratzt, einengt, kalten Wind oder Nässe durchlässt oder uns an bestimmten Stellen zum Schwitzen bringt, Heizungen in den Wohnungen und Häusern, die wir so programmieren können, dass es warm ist, wenn wir aufstehen oder wenn wir abends nach Hause kommen, geheizte Autos und Busse und sogar manchmal geheizte Garageneinfahrten. Dennoch empfinden wir den Winter (wenn dann wirklich mal Winter ist) als unangenehm kalt. Wir jammern über die Heizkosten, den Schnee, der geräumt werden muss, die Zeit, die wir länger brauchen auf dem Weg zur Arbeit, die vielen Klamotten, die wir übereinander ziehen müssen und über die Kälte. Die Einzigen, die sich ab und zu freuen, sind die Kinder, wenn sie im Schnee toben und Schlitten fahren oder auf dem See Schlittschuh laufen können.

Ich habe heute darüber nachgedacht, wie es wohl unseren Vorfahren vor 100 Jahren an solchen Wintertagen erging. Die Frauen froren bestimmt mehr als die Männer, denn sie waren ja nur in Röcken und Mänteln unterwegs. So wie ich heute bekleidet war, mit dicken Jeans und Leggins darunter, daran war ja damals nicht ansatzweise zu denken. Schon allein das morgendliche Aufstehen wird unsere Vorfahren Überwindung gekostet haben, besonders, wenn kein Dienstpersonal zur Verfügung stand. Keine warme Heizung beim Aufstehen, kein warmes Wasser aus der Leitung, keine morgendliche warme Dusche, keine Kaffeemaschine, die nach wenigen Handgriffen heißen Kaffee bereit hält …!

Wie es ist, in einer kalten Wohnung aufzuwachen und erst den Kachelofen heizen zu müssen, habe ich (nach einer Kindheit in einem Haus mit Zentralheizung) als Studentin und in der ersten eigenen Wohnung (bis 1993) noch selbst erlebt. Auch die drei Kachelöfen in meiner allerersten Bibliothek mussten noch Ende der 1980er Jahre jeden Morgen bei Dienstbeginn von den diensthabenden Mitarbeitern, also auch von mir, angeheizt werden. Bis sie dann Wärme abstrahlten, dauerte es eine Stunde. Da half nur: warm anziehen!!! Waren die Öfen dann angeheizt, ging die Wärme erstmal nach oben, denn sowohl die Bibliothek als auch meine Studentenbude und meine erste Wohnung hatten sehr hohe Räume. Wobei es dann ja auch sehr gemütlich war, am warmen Kachelofen zu sitzen oder in der Ofenröhre Bratäpfel zu brutzeln. J Richtig fies fand ich es aber, nach dem Wochenende am Sonntag gegen 23 Uhr in die Leipziger Studentenbude zu kommen. Da war immer die Freude groß, wenn meine Mitbewohnerin mal eher gekommen war und den Ofen schon angeheizt hatte. Ansonsten half es nur, eine Wärmflasche mit ins Bett zu nehmen. Damit verbunden sind natürlich auch die Erinnerungen an den ollen Kohlenschuppen hinter dem Bibliotheksgebäude, dessen Vorhängeschloss ständig eingefroren war, an den tiefen Kohlenkeller meiner Studentenwohnung, zu dem eine steile, dunkle Treppe führte und den Kohlenkeller der Wohnung, in der ich mit meinem Ex-Mann lebte. Die Briketts wurden lose, in Säcken geliefert. In den Wohnungen hatten wir Glück, da wurden sie direkt durch die Kellerluken in die Keller geschüttet. In der Bibliothek fanden wir dann regelmäßig vor dem alten Kohlenschuppen große Brikett-Berge vor, die wir per Hand in den Schuppen transportieren mussten. Jeder, der konnte, packte mit an, und sowohl für diese Sondereinsätze als auch für das tägliche Heizen der Öfen in der Bibliothek gab es ein kleines Extra-Heizgeld.

Das ging alles irgendwie, und nach der Kindheit im zentralgeheizten Haus empfand ich es sogar manchmal wie ein spannendes Abenteuer und genoss es, nach dem Anheizen mit Holzscheiten und Kohleanzünder und nach dem Entsorgen der Asche eine Weile in die Flammen zu schauen. Vielleicht war ich damals abgehärteter und bin heute zu verwöhnt?