Der ganz normale Wahnsinn?

Schon seit Tagen brodelt es um mich herum. Alltag war jedenfalls gestern. Heute ist jeder Tag neu. Vorlagen gibt es nicht mehr. Spontan agieren ist angesagt. Schon Montags ging die Aufregung los. Kommt ein Drehteam für einen Podcast oder kommt es nicht? Halbstündlich wechselten die Nachrichten: ja – nein – in einer halben Stunde – doch nicht. Mich ging es ja nur am Rande etwas an, aber die Noch-Museumschefin drehte Achten im Hause.

Mich ging es nur insofern etwas an, als dass ich dafür zu sorgen hatte, dass das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden einen guten Eindruck macht. Gut, im Haus war letzte Woche schon alles schick gemacht worden, denn schließlich hatten wir ja am Freitag schon einen wichtigen Termin. Was aber noch fehlte, war der Innenhof. Das sauteure Natursteinpflaster des Hofes hat so seine Tücken und sieht nach dem Winter immer vermoost und veralgt aus. Schon seit Tagen sollte der Hausmeister das in Ordnung bringen. Auch hier die Zitterpartie: Kommt er – kommt er nicht? Nachdem ich schon fast soweit war, den Hof selbst in Angriff zu nehmen, tauchte der Hausmeister doch noch auf, ausgerüstet mit einer ordentlichen Alkoholfahne. Er hat gerade wieder mal private Probleme und versucht diese in Alkohol zu ertränken. Demzufolge ist der Umgang mit ihm eine ständige Gratwanderung. Deshalb war ich mehr als heilfroh, als er kurz vor dem am frühesten genannten Zeitpunkt des angekündigten Drehs den Hof hübsch hatte. Puh! Das war knapp!!! Auch wenn das Drehteam nun nicht mehr kommt, ist dennoch der Hof endlich frühlingshaft sauber. Der Dienstag verlief dann wieder halbwegs normal, wobei ich mich auch schon montags über steigende Besucherzahlen in der Bibliothek freuen konnte. Lag es vielleicht daran, dass schon wieder Spekulationen über einen Lockdown kursierten?

Die Pandemie-Angst war deutlich spürbar. Sogar in der Stadtverwaltung meines Arbeitsortes schien das Thema angekommen zu sein. Der Bürgermeister hatte einige Tage zuvor eine Rundmail geschrieben, in der er meinte, Arbeitgeber sollten ja möglichst Tests bereithalten, das wäre aber teuer, und wenn es nicht sein müsse, dann würde er gern darauf verzichten. Wenn aber jemand unbedingt sich testen lassen wolle, dann würde er dies auch ermöglichen. So sinngemäß rumgeeiert. Offenbar hatte es Reaktionen bei den Kollegen gegeben, also erhielt ich einen netten Anruf vom Hauptamtsleiter, in dem er mir mitteilte, dass wir in der Arbeitszeit zum Testzentrum gehen können, um dort einen Schnelltest zu machen. Für alle Bürger sei ja sowieso einmal wöchentlich ein Schnelltest kostenlos möglich. Na, gut, okay. Das Testzentrum ist in meinem Arbeitsort ein umgebauter Wohnwagen vor der Apotheke, der dreimal wöchentlich vormittags geöffnet ist. „Aber kommen Sie nicht in größeren Horden dorthin, so dass es in der Stadt für Diskussionen sorgt!“ 😀 Für mich kam Testen erstmal nicht in Frage. Die Inzidenzwerte in unserem Amt waren am Dienstag noch sehr niedrig, während es in den benachbarten Ämtern schon seit Tagen ordentlich kriselte. Statt dessen musste ich abends mit meiner Mutter eine unangenehme Diskussion führen, denn sie überraschte mich mit dem Anliegen, dass ich mich doch möglichst schnell impfen lassen solle. Was ich immer noch nicht möchte.

Am Mittwoch freute ich mich auf einen ruhigen Archivtag. Doch irgendwann klopfte es an der Tür und die Noch-Museumschefin wollte in das Haus. Sichtlich erschrocken darüber, dass ich noch mittags im Hause war, griff sie sich einen Stapel Fachbücher, der seit einem halben Jahr unberührt in der Ecke liegt, und zog sie sich in den Veranstaltungssaal zurück. Ich fand das irgendwie komisch, arbeitete aber normal weiter. Bevor ich ging, schaute ich noch einmal zum Abschied bei ihr vorbei: „Haben Sie noch einen Termin im Hause?“ – „Nein, ich wollte mich nur mit den Büchern beschäftigen.“ Komisch, die Bücher hatten sie wirklich monatelang überhaupt nicht interessiert, das Museum im Haus ist schon seit November geschlossen und die Museumsmitarbeiter standen wieder einmal kurz vor der Kurzarbeit. Das mit den Büchern kann sie also ihrer Oma erzählen, aber nicht mir. Ich vermutete eher einen hiemlichen Termin. Wenn die Dame im Hause einen Termin hat, weiß ich eigentlich Bescheid, wann, mit wem, mit wie vielen Leuten. Zu Hause angekommen, rief ich meine Museumskollegin an. Auch sie wusste nichts. Die Museumschefin habe sich einfach verabschiedet und gemeint, sie sei jetzt mal im anderen Haus.

Am Donnerstag machte ich als erstes eine Kontrollrunde. Die Tür zur Bibliothek war offen und zwei PCs waren nicht richtig runtergefahren, in der Küche stand angegammeltes Geschirr. Die Museums-Chefin kämpft immer noch gegen Windmühlen um die Verlängerung ihres Vertrages. Wir nehmen an, dass sie einen Termin mit jemandem hatte, den sie auf ihre Seite ziehen wollte. Schließlich sollte am Donnerstag der Kulturausschuss beraten. Vielleicht wollte sie erreichen, dass dort noch jemand Einfluss nimmt. Sie versucht es auf allen Ebenen bis zur letzten Minute: nicht abgestimmte Pressetermine, böse Briefe und Mails und Termine mit Stadtvertretern, die sie – O-Ton Hauptamtsleiter – „im Beichtstuhlverfahren einzeln bearbeitet.“ Nun ja. Spätestens am Monatsende ist der Spuk endlich ein vorbei.

Der Vormittag wurde dann aber noch ganz lustig. Doreen war da, liebe Leser kamen, gefühlt tausend Anrufe mit immer der gleichen Frage trudelten ein: „Locken Sie nun down oder nicht?“ Tja, wenn wir das wüsten? Zwischendurch platzte noch ein sehr netter Mann rein, den ich im letzten Sommer kennengelernt hatte und der sein Herz auf dem rechten Fleck hat. Ich freute mich wie ein Schneekönig darüber, noch weitere Teile aus dem Nachlass seines Vaters für das Stadtarchiv zu erben und es gab ein kurzes, herzliches Gespräch. 🙂 Nachmittags musste ich dann wieder meine genervte Museumskollegin auffangen. Die Museumschefin war wieder den ganzen Tag mehr oder weniger sinnvoll aktiv gewesen und hatte den verdutzen Mitarbeitern erklärt, dass die Kurzarbeiter-Regelung für sie nicht gelte, denn sie wisse ja offiziell von nichts. Sie hätte ja außerdem nachmittags noch einen Termin und wäre abends im Kulturausschuss. Als wir beide noch am Reden waren, kam ein Anruf der Museumschefin: Sie würde jetzt doch nach Hause fahren, den Termin hätte sie abgesagt und am Kulturausschuss würde sie auch nicht teilnehmen. Wir schauten uns an. Wie jetzt? Woher dieser plötzliche Stimmungsumschwung?

Danach strömten die Leser ohne Ende bis in den Feierabend hinein. „Wer weiß, ob wir nächste Woche noch kommen können!“ Gerade tagte der MV-Gipfel. Ich hing alle halbe Stunde im Internet, aber Bibliotheken wurden in den Pressemitteilungen wie üblich nicht erwähnt. „Die meisten kulturellen Einrichtungen schließen.“ Irgendwann kam die Nachricht: „Buchhandlungen dürfen offen bleiben.“ Da atmete ich schon auf. Wen Buchläden öffnen dürfen, dann Bibliotheken ja wohl ebenso.

Nachdem ich abends einigermaßen beruhigt ins Bett gegangen war, ereilte mich morgens noch beim Frühstück die Nachricht, dass der Landkreis eine eigene Verfügung erlassen hat und alle Bibliotheken ab sofort geschlossen sind. Na toll. Was das Land nicht macht, macht nun der Landkreis. Der Tag kann nur besser werden. In Erwartung einer Mail mit Dienstanweisung vom Chef betrat ich die Bibliothek und fand ich zunächst eine aufgeregte Reinigungskraft mit Tränen in den Augen vor, während die zweite Reinigungskraft eifrig den Fußboden seifte. Ich hörte mir nun an, dass die Vorarbeiter sie kontrolliert hätten und feststellten, dass der Fußboden nicht geseift war. Aber sie wären doch sooo ordentlich und hätten ihn immer geseift! Naja. Ich würde mal sagen, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Ich hatte Mühe, die Damen zu beruhigen und verzog mich schnell ins Stadtarchiv, um selbst erstmal anzukommen. Vorher nahm ich aber noch dezent eine stets vergessene Fußmatte hoch und bat die Damen, darunter auch noch zu seifen. Sie kamen dann schließlich noch nach ins Archiv unf fingen noch eine Diskussion an. Als ich ihnen dann nach einer Stunde endlich ein schönes Wochenende wünschen konnte, war ich sehr erleichtert. Ich traute mich nun endlich an meine Theke und rief die Mails ab. Die purzelten nur so. Der Bürgermeister leitete die Allgemeinverfügung des Landkreises weiter. Der Bürgermeister leitete die Pressemitteilung des Landkreises weiter. Der Bürgermeister nahm Stellung zur aktuellen C-Lage mit den von einem Tag zum anderen sprunghaft gestiegenen Zahlen. Damit man mal die unglaublichen Dimensionen erahnt: Statt bisher 7 positiv getestete Personen haben wir jetzt 16. Der Hauptamtsleiter leitete ebenfalls die Allgemeinverfügung weiter und hatte außerdem zweimal versucht, mich anzurufen. Während ich den Hauptamtsleiter zurückrief und es kam, wie es kommen musste, kam eine weitere Mail vom Bürgermeister „Schließung Bibliothek“. Aber wenigstens so nett formuliert wie nie zuvor. Auch Bürgermeister sind lernfähig. Und wir haben ja die Situation nun schon des Öfteren geübt. 🙂 Der Hauptamtsleiter regte schließlich noch an, dass ich doch mal einige Tage Urlaub nehmen könnte. Ja, klar. Und währenddessen stellt die Noch-Museumsleiterin vielleicht das Haus weiter auf den Kopf. Außerdem war zwischen den ganzen Mail-Bomben noch die Vorlage für die Endkorrektur einer umfangreichen Publikation gekommen. Die kann man ja auch mal ausnahmsweise in der Arbeitszeit bearbeiten und nicht an Abenden nach langen Bibliothekstagen. Urlaub kann ich dann noch im Mai nehmen, wenn wenigstens Urlaubswetter ist. Als der ganze Spuk vorbei war, kam noch eine Mail der Landesfachstelle hinterher: „Also im Moment ist noch alles offen, aber wenn ich weiß, wie der Landtag M-V über die Bibliotheken entschieden hat, melde ich mich sofort!“ Da lag ich schon wieder lachend unter der Theke. 😀

Nun machte ich also die Aushänge und Mitteilungen fertig und ordnete alles schick für das Wochenende. Als ich so beim Wirbeln war, fiel mir ein: „Mensch, Mist, Online-Meeting meines Veranstaltungs-Projektes verpasst!“ Das nun auch noch …  Dann fuhr ich nach Hause, in einem Bus voller Schulkinder, die sich vielleicht für Wochen das letzte Mal live gesehen haben. Ach Leute, hört das jemals wieder auf?

Stürmische Tage

Meine letzten zehn Tage gestalteten sich so wie das Wetter – April-launig wechselhaft, stürmisch. Wobei Stürme ja nichts rein Negatives sind. Stürme können den Kopf freipusten, Stürme können Altes wegwehen und neue Herausforderungen bringen. Und zwischen den Stürmen scheint ja auch mal die Sonne.

Bis zu meinem Osterurlaub fühlte ich mich aber gestresst und ausgelaugt. Ein Hin und Her um personelle Entscheidungen im städtischen Museum hatte seine Auswirkungen. Zwar nicht unmittelbar betroffen, fing ich doch die chaotischen Stimmungen ab, war für mehrere Leute Kummerkastentante, sogar abends und am Wochenende. Das schlauchte und nahm kein Ende. Kurz vor Ostern war dann der „geht nicht mehr“-Punkt erreicht. Kurz entschlossen reichte ich für die zwei Arbeitstage nach Ostern Urlaub ein. Und schon beim Gedanken an die Auszeit ging es mir etwas besser. Als von der Kirche gegenüber der Bibliothek das Ostergeläut erklang, fühlte ich mich regelrecht beschwingt. Ich bin nicht christlich erzogen, aber seit diese Kirche neue Bronzeglocken hat, ist das ein so, sooo schöner Klang mit wunderbarem Nachhall, der sich anfühlt wie Klangschalenmassage. Der Nachhall dringt bei mir immer gefühlt in jede Pore und ich öffne immer die Fenster weit, um den vollen Klang zu erfahren.

Kurz nach dem Ostergeläut war es auch schon Zeit, die Sachen zu packen und meinen Arbeitsort zu verlassen. Der Karfreitag mit Familien-Karpfenessen gestaltete sich noch etwas mühsam. Meine Mutter hatte wieder ihre Erlebnisse von 1945 zum Thema gemacht. Sie ist immer noch bei der Bewältigung des Traumas, was sie als vierjähriges Kind erlebte. Es war wieder bedrückend. Das Wetter mit dem eisigen Wind passte zu diesem Tag. Der Sonnabend floss mit letzten Einkäufen so dahin. Aber auch an diesem Tag zog es mich runter. Die Museumskollegin, die seit sechs Wochen für Dauer-Stress sorgt, hatte einen Zeitungsartikel zu einer Sage veröffentlicht, der von Fehlern strotzte. Für mich als Hobby-Sagenforscherin war das mehr als antriggernd. Da hat sie es selbst im Urlaub, am Wochenende, zu Ostern mal wieder geschafft, dass ich mich zumindest ärgere. Ich setzte mich sofort hin, schrieb ihr eine Mail und benannte sachlich die Fehler. So ist meist mein Weg. Den Ärger sofort dort abladen, wo er herkommt. Dann ging es mir besser.

Der Ostersonntag wurde dann schön. Wir waren bei meiner Schwester und meinem Schwager eingeladen, die in einem kleinen Dorf in der Nähe der Ostsee leben. Dort gestaltete sich alles freudig entspannt. Auf einem weiten Spaziergang trafen wir lauter entspannte Nachbarn mit ihrem entspannten Besuch. Frieden und Freude lag in der Luft. In dieser Zeit werden nicht nur in unserer Familie die Begegnungen intensiver und man freut sich mehr aneinander und an sonst so selbstverständlichen Kleinigkeiten.  Abends gab es noch einen Videochat mit dem Rest der Familie.

Ich nahm diese Oster-Entspannung mit und sie vertiefte sich immer mehr. Ich kam immer mehr zur Ruhe und immer mehr zu mir selbst.

Am Dienstag und Mittwoch werkelte ich in meiner Wohnung, sortierte lange liegende Stapel mit Unterlagen zu meinen zahlreichen Projekten. Zwischendurch flogen nette Mails zwischen mir und einem Forscher-Kollegen hin und her. Wir beschäftigten uns mit einer Persönlichkeit, die in meinem Arbeitsort wirkte und ein Jubiläumsjahr hat. Ich brütete zu Hause über dienstlichen Archiv-Hausaufgaben. Vor kurzem wurde ich gebeten, im Juni einen virtuellen Vortrag zu halten. Das ist zwar noch eine Weile hin, aber jetzt habe ich gerade die Muße, mich in das Thema intensiv einzulesen. Aber auch sonst war ich klar und zentriert bei der Sache. Die Steuer-Unterlagen schon mal griffbereit auf einen Stapel gepackt und sortiert, die Vereins-Unterlagen auch, die Sagen-Unterlagen durchgeschaut, denn im Juni steht auch eine Sagen-Lesung an.

So richtig schön klar, zentriert, durchgelüftet und fokussiert begann der erste Arbeitstag nach dem Osterurlaub. Von der ersten Minute bis zur allerletzten Sekunde, bevor ich im Dauerlauf zum Bus rannte, waren Leser in der Bibliothek. Aber nicht nur die. Zwischendurch gab es immer mal nette Überraschungen. Es rief eine erleichterte Kollegin an, die ein klärendes Gespräch in der Chefetage hatte und sich glücklich fühlte. Na endlich, dann dürfte die Kummerkastentanten-Zeit vorbei sein. 🙂 Und nachmittags stand mein ehemaliger Lieblings-Praktikant https://spiritimalltag.wordpress.com/2020/09/12/ein-kind-der-neuen-zeit/ überraschend in der Tür. Er hatte sich genau mit dem Mann beschäftigt, der mich auch im Urlaub umtrieb. Das war schon eine Aufgabe im Praktikum. Mein Praktikant aber blieb auch lange nach dem Praktikum dran, was so weit ging, dass er mal eben Wikipedia-Einträge änderte. 🙂 Er brachte nun einen ganzen Hefter voller Ausarbeitungen mit und berichtete glücklich über den Fortgang seines Studiums und seine Pläne. Da war ich einfach happy. Es läuft bei ihm, er arbeitet zielstrebig, weiß nun genau, was er wann tun und erreichen möchte und hat aus seinem damaligen Praktikum bei mir das Thema für seine Bachelor-Arbeit mitgenommen. Besser kann es nicht laufen. 🙂 Und dann kam noch der nächste Hammer. Sein Praktikumsbericht war wohl so gut eingeschlagen, dass er mich nun im Auftrag seiner Dozentin fragte, ob ich meine Einrichtung nicht in eine virtuelle Vorlesung an der Uni vorstellen möchte. Da war ich dann erstmal mehr als baff. Und ich bin noch am Verdauen.

Am heutigen Tag war schon eine Überraschung geplant, diesmal für Doreen, meine ehrenamtliche Kollegin. Es gab eine (Wahlkampf)aktion, in der sich Bürger wünschen konnten, wer einen Blumenstrauß erhalten sollte. In diesem Fall hatte nicht ein Bürger, sondern die Landtagsabgeordnete, also die Initiatorin selbst meine Doreen auf die blumen-Schenk-Liste gesetzt. Also musste ich Doreen unter einem Vorwand an einem Archivtag in die Bibliothek locken, damit sie dort ihren Blumenstrauß erhält. Wir schafften es auch, sie abzulenken und sie zu beschäftigen, bis die Tür aufging, die Landtagsabgeordnete eine Rede hielt, der Bundestags-Kandidat ihr einen wirklich großen, hübschen Strauß überreichte und wir Fotoshooting machten. Doreen war wirklich perplex, aber sie strahlte sehr. 🙂 Ich konnte dann noch kurz die zwei Abgeordneten durch das ganze Haus führen und sie für das sensibilisieren, was uns Bibliothekare in dieser Zeit gerade beschäftigt.  Ich bin eigentlich nicht so für solche politischen Termine, aber das war wirklich nett. Eine nette Begegnung mit interessierten Leuten. 🙂 Sie haben an diesem Tag noch weitere Blumensträuße verschenkt. Und allein durch Doreens Lächeln fühlte ich mich auch reich beschenkt. 🙂

Alles so zäh und dunkel

Seit dem langen Familienfeier-Wochenende vor zwei Wochen fühle ich mich ausgepowert. Die Batterien sind leer. Die Akkus übrigens auch. Alles, was ich anpacke oder gerade weiter bearbeite, zieht sich so zäh dahin. Ächz! Vielleicht hat das mit dem rückläufigen Merkur zu tun, diesem Schreckgespenst, welches die Astrologen immer so vor sich hertragen. Ich habe das nie gespürt, aber jetzt werde ich doch so langsam nachdenklich … Beim rückläufigen Merkur sind beispielsweise die Verkehrs- und Kommunikationswege gestört. Und? Was passierte kurz nach der Familienfeier? Eine dreistündige Steh- und Warteparty im zähen Nebel an verschiedenen Haltestellen auf dem Weg zur Arbeit. Wegen einer Baustelle. Der Witz aber war, dass die Baustelle nicht auf meinem Arbeitsweg lag, sondern vorher an der langen Buslinie. Der Bus selbst war auch nicht das Problem, der hatte nur 40 Minuten Verspätung, was ich gern toleriert hätte. Doch es fuhren einfach immer die Anschlüsse weg, die eigentlich nur ein Buswechsel mit nahtlosem Umsteigen sind. Ja, eigentlich … In derselben Woche fing mein Telefon an, Probleme zu machen und Akkus zu „fressen“. Hm. Merkwürdig. Dann konnte ich ewig einen Auftrag nicht auslösen, weil das Auftragsformular der Stadtverwaltung irgendwo im Dateien-Nirwana verschollen war und ich immer wieder wegen „ganz dringender Anfragen, bis vorgestern zu beantworten“ von der Sache abkam. Naja, so dringend war der Auftrag ja noch nicht. Heute konnte ich es erledigen. Puh, endlich!!!

Mangelnde oder gestörte Kommunikation war in der Bibliothek eigentlich nicht das Problem. Eher im Gegenteil. Viele schauten nach langer Zeit mal wieder rein und wollten erzählen. Natürlich freue ich mich über jeden Kunden, erst recht über die treuen Stammleser, aber innerlich saß ich immer wie auf Kohlen und wollte meine to do`s zu Ende bringen. Noch dazu trat die typische Situation ein, wie ich sie nach Bücherflohmärkten schon kenne. Da kommen ein … zwei … drei Leute die Woche rein: „Och, ist der Flohmarkt schon vorbei? Ach übrigens, ich habe da noch was für Sie!“ Und schwupps, stehen große Beutel oder Kisten mit Medienschenkungen auf der Theke. Wahnsinn, was da so zusammenkommt! Nun war das Lager gerade leer und schon ist es wieder knackedickevoll! Am merkwürdigsten war eine Schenkung aus einem Nachlass. Huderte von DVDs und Bluerays waren es. Von Disney-Zeichentrickfilmen über unzählige Western bis zu etlichen Filmen mit FSK 18 holte ich aus den Tüten und Kartons. FSK 18 war mir noch nie in die Bibliothek gekommen, das höchste war bisher FSK 16. Schon die Cover dieser FSK 18-Filme sahen blutig aus. Doch damit nicht genug. Als ich mich noch eine Weile mit der Schenkerin unterhielt, erzählte sie, sie habe den Haushalt eines Nachbarn aufgelöst, der Psychologe gewesen sei. Hm. Vielleicht hat er diese FSK 18-Filme psychologisch analysiert? Oder er hatte beruflich so viel mit psychisch gestörten Mördern zu tun, dass er sie durch diese Filme noch besser verstehen wollte? Die Schenkerin erzählte, er habe allein gelebt, habe sogar eine Spezialklinik seines Fachgebiets geleitet und sei im Alter von 70 Jahren ganz schnell an einem aggressiven Lungenkarzinom verstorben. Aber er sei ja auch starker Raucher gewesen. Ja, man roch es noch. Von mir ungefragt, plauderte die Frau sogar den Namen des Verblichenen aus. Da setzte ich mich gleich wieder überrascht hin. Ich kannte den Mann, hatte mal vor gut fünfzehn Jahren mit ihm zu tun, als ich ein Jahr in einem psychsoszialen Betreuungsverein arbeitete und Partner für ein EU-Freiwilligenprojekt suchte. Da der Psychologe aus einem Nachbarland stammte, konnte er mir Kontakte vermitteln. Es war eine nette Begegnung und ich habe ihn als sehr hilfsbereit in Erinnerung. Was ich mit den geschenkten Filmen mache, weiß ich noch nicht. Erstmal auf dem Hof auslüften und die Hüllen abwischen. Und ich werde eine Kerze für den Mann anzünden. Er scheint sehr einsam gewesen zu sein. Ohne Familie, Kinder, Angehörige.

Einsame Menschen gibt es viele, auch in meiner Funktion als Touristinfo-Mitarbeiterin hatte ich es in dieser Woche mit einem solchen Menschen zu tun. Da rief ein Mann an und erkundigte sich im nahezu unverständlichen Bayerisch nach einem Museum in der Region. Er werde zwar nie dorthin reisen, interessiere sich aber für diesen Archäologen, dessen Kindheitshaus ein Museum ist. Ich versprach ihm einen Prospekt, aber er war nicht so schnell auzufertigen. Er wollte wohl mit jemandem reden. „Wie ist das Wetter bei Ihnen?“ So freundlich wie möglich brachte ich das Gespräch dann doch noch zu Ende. Ich kenne solche Fälle. Es passiert von Zeit zu Zeit, dass einsame Menschen anrufen, nach irgendetwas ganz speziellem fragen, die Info zugeschickt kriegen und dann noch dreimal anrufen und etwas ganz wichtiges fragen. Diese Menschen tun mir leid. Das Gespräch endete so, dass der Mann sagte: „Ich werde Sie in mein Abendgebet einschließen!“

Am schlimmsten war die dunkle Zähigkeit aber im Stadtarchiv. Eine Anfrage einer Frau, die Familienforschung betreibt, schleppte ich schon Wochen mit mir rum und kam einfach nicht voran. In der ersten Zeit war da noch mein sehr kommunikativer Praktikant mit seinen anspruchsvollen Projekten, der gut betreut sein wollte. Dann kamen immer wieder „Eilt sehr!“-Anfragen aus dem Bauamt für das Bauarchiv, die Vorrang hatten. Bei komplizierten Recherchen über mehrere Familiengenerationen hinweg muss man aber eigentlich mehrere Stunden intensiv dranbleiben, sonst verliert man den Faden. So zwischen Tür und Angel geht das einfach nicht. Und wenn das Ergebnis steht, muss es verständlich „rübergebracht“ werden. Schließlich zahlen die Anfragenden dafür eine ganz ordentliche Verwaltungsgebühr.

Wenn es bei einer Recherche zu verworren wird, weil einfach zu viele Personen mit gleichem Familiennamen existieren, die aber nicht unmittelbar zusammen gehören, nehme ich mir die Arbeit mit nach Hause und recherchiere abends in meinem privaten Ancestry-Zugang weiter. Dort sind die Volkszähllisten aus unterschiedlichen Jahren beispielsweise sehr hilfreich. Da hat man dann wenigstens schon mal die Personen aufgelistet, die zu bestimmten Zeiten in einem Haushalt lebten. Bei der erwähnten Recherche nahm ich wieder Ancestry zu Hilfe. Unter anderem fehlte mir das Todesdatum eines Familienmitglieds. Nachdem ich den Namen in die Suchmaske eingegeben hatte, kam der Hinweis: „verstorben im KZ Dachau“. Schrecksekunde. Nochmal geschaut, noch mal überprüft – es blieb dabei, denn das war wirklich der gesuchte Mann. Er wurde 1938 von meinem Wohnort erst in das KZ Sachsenhausen deportiert, dann nach zwei Jahren in das KZ Dachau überführt. Ich fragte meinen Kollegen in meiner Heimatstadt, ob er von diesem Fall schon mal etwas gehört hätte? Hatte er nicht, aber er arbeitete gerade an einem ähnlichen Fall, der jemanden betraf, der am gleichen Tag deportiert worden war. Wie wir bald herausfanden, wurden die beiden im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ deportiert. Das waren Menschen, die als „asozial“ eingestuft worden sind. Deportationsgründe können gewesen sein: mehrmals beim Arbeitsamt die Arbeit verweigert, eine psychsiche Krankheit, eine Alkoholabhängigkeit oder einfach bei den Nachbarn unangenehm aufgefallen. Prozesse gab es nicht, diese Menschen wurden einfach abgeholt und zur Schwerstarbeit, u. a. in Steinbrüchen, gezwungen. Mein Kollege übernahm die Recherche, er hat dafür viel mehr Zeit als ich. So nach und nach kam da vieles zutage. Schrecklich. Eintauchen in die Dunkelheit. Ich schrieb eine sachliche Zusammenfassung der gesamten Rechercheergebnisse an die Anfragende und hatte dabei etwas Bauchschmerzen. Wie würde sie es aufnehmen? Erst tagelang Schweigen, dann ein Anruf. Eine nette Frau, etwas jünger als ich, meldete sich, erzählte, dass alle in der Familie sehr geschockt waren und keiner je von diesem Familienmitglied gewusst hatte. Ich stellte ihr zumindest die Verlegung eines Stolpersteins in Aussicht – so weit war mein Kollege schon bei seiner Arbeit. Wir verabredeten, in Kontakt zu bleiben. Und es stellte sich heraus, dass diese Frau sich schon intensiv mit dem Dritten Reich, mit der Judenverfolgung, mit Stolpersteinen in ihrer Heimatstadt beschäftigt hatte. Sie gab zwar zu, nach dem Schock schlaflose Nächte gehabt zu haben, aber sie kann damit gut umgehen, finde ich. Außerdem hatte sie sich gleich selbst ins Internet gestürzt und weiter recherchiert, war dabei schon fast soweit gekommen wie mein Kollege. Vielleicht sehen wir uns ja bei der Stolperstein-Verlegung.

Ich hatte diesen einen, zähen Fall noch nicht ganz abgeschlossen, da kam schon der nächste Fall auf den Tisch, der ebenso zäh und dunkel wurde. Zumal die zuständige Beamtin, die anfragte, auch noch „Dunkel“ hieß. Gefragt wurde nach dem Eigentümer eines Grundstücks, welcher immer noch im Grundbuch eingetragen war, obwohl er schon lange tot sein dürfte. Wann starb er? Und bitte dazu Angaben über Eltern, Geschwister, Kinder? Wann und wie er starb, war leicht zu ermitteln. Es gab in meinem Arbeitsort beim Einmarsch der Russen nach dem Zweiten Weltkrieg einen Massensuizid. Der noch im Grundbuch eingetragene Eigentümer hatte sich erhängt. Wieder mal geschockt und nichts Gutes ahnend blätterte ich intuitiv die nächste Seite im Folioband mit den Sterbeeinträgen auf:  seine Frau und seine Tochter hatten sich vergiftet. Ich zeigte meinem Praktikanten, einem angehenden Historiker, dieses Beispiel. Aus der Geschichte, die er irgendwann mal gehört hatte, wurden reale Personen, die lieber sterben wollten, als von den sowjetischen Soldaten drangsaliert und vergewaltigt zu werden. Danach fasste ich diese Recherche immer mal wieder an, scheiterte aber immer an der unheimlich langen Liste von Personen gleichen Nachnamens. Ich musste die Einträge von jedem von ihnen abgleichen und klären, ob es Geschwister des Grundstückseigentümers sind. Dabei blieb ich wieder und wieder stecken. Vorgestern jedoch verbarrikadierte ich mich im Archiv und ließ das Telefon, welches sich gefühlt alle zehn Minuten meldete, einfach klingeln. Irgendwann muss auch die dunkelste und zäheste Sache einfach vom Tisch, damit es wieder Licht werden kann. Es gab dann noch das dunkle Zusammentreffen, dass ein Mitglied der einen „dunklen Familie“ den Tod eines Mitglieds aus der anderen „dunklen“ Familie dem Standesbeamten zur Kenntnis gegeben hatte. Da fühlte ich mich schon etwas im falschen Film. So etwas geballt Dunkles und Merkwürdiges hatte ich wirklich in all den Jahren noch nie. Aber heute ist alles geschafft. Ein großer Stapel Kopien ist eingetütet, eine Übersicht mit Erklärung aller kopierten Geburts-, Sterbe- und Heiratseinträge ist angefertigt und die Sache kann in die Post. Endlich wieder Luft für andere Projekte!

Was war das bloß für eine geballte Ladung Dunkelheit, die da angeschaut und verarbeitet werden wollte! Heißt „rückläufiger Merkur“ auch „rein in die dunkle Nacht der Seele“? Ich weiß es nicht. Ich versuchte, so gut es geht bei mir selbst zu bleiben und mich nicht von der Dunkelheit verschlingen zu lassen. Als gestern noch einmal so herrlich die Sonne bei angenehmen Temperaturen auf den Hof schien, verordnete ich meiner ehrenamtlichen Kollegin Doreen und mir eine halbe Stunde Pause mit Cappuccino in der Sonne. „Das machen wir bald wieder!“, sagte Doreen total begeistert. Also, liebe Sonne, bitte scheine bald wieder so schön!

Runterfahren

Vor einem Jahr sah es in meiner Bibliothek so aus: Scharen von Handwerkern gaben sich die Klinke in die Hand, Bauleiter und Bauamts-Kollegin wuselten mit hohem Adrenalinpegel umher, um die Bauleistungen zu beaufsichtigen, die Mitarbeiter unserer Reinigungsfirma wirbelten auf Hochtouren umher, der Hausmeister war im Dauereinsatz, hochmotivierte Kolleginnen aus anderen Bereichen der Stadtverwaltung gingen ein und aus, stellten alles auf den Kopf, um die große Eröffnungsparty des neuen Literaturhauses mit Bibliothek, Museum, Archiv, Veranstaltungssaal und Touristinfo vorzubereiten. Dazwischen der Bürgermeister und die neu ernannte „Leiterin des Hauses“, die exklusiv besondere Gäste und Sponsoren durch die noch chaotischen Räume führten. Und der Hauptamtsleiter mit seinen ständig sich ändernden Dienstplänen für die neue 10-h-Mitarbeiterin des Hauses. Dies alles bei laufendem Bibliotheksbetrieb. Es war der Wahnsinn. Zeitgleich für mich die Sorge um eine Freundin, der es überhaupt nicht gut ging und die dabei war, sich aus dieser Welt zu verabschieden. Und zwischendurch die große Familienparty zum 80. Geburtstag meines Vaters. Es war alles so sehr in Bewegung, dass es surreal wirkte.

Und jetzt? Runterfahren auf null. Das ganze große Haus, der ganze Palast, ist geschlossen. Die 10-h-Mitarbeiterin hat vor Monaten gekündigt, die „Leiterin des Hauses“ sitzt im Ausland fest, weil ein kleines Virus es so will und ich – ich genieße die Ruhe!!!

Natürlich würde ich lieber heute als morgen die Bibliothek wieder öffnen. Aber – ganz ehrlich – so ganz ungelegen kommt mir diese Zwangspause nicht. Es gibt im Haus ja noch das Stadtarchiv, in das immer neue Teilbestände so nach und nach einziehen, so wie der Bauhof eben Zeit zum Transport hat. Und für dieses Archiv hatte ich mir nie so richtig Zeit genommen. Dieses Archiv war es, was mir von Anfang an neben der so erfüllenden und erfolgreichen Bibliotheksarbeit ein dauerhaftes schlechtes Gewissen bereitet hat. Neben laufenden Anfragen, Recherchen, Erstellen oder Zuarbeiten zu Veröffentlichungen zur Stadtgeschichte, hatte ich nie Zeit, in das Archiv so richtig Grund reinzubringen. Im alten Archiv wusste ich wenigstens, wo welche Akte steht. Aber beim Umzug war so vieles in die falsche Richtung gelangt, dass ich im neuen Atchiv mit den coolen Rollregalen so ziemlich oft verzweifelt suchte. Der Bürgermeister führte gern mal ganz besonders wichtige Gäste eigenhändig durch das Haus und auch durch das Archiv. Deshalb wollte er natürlich ein auf Hochglanz poliertes und geordnetes Archiv sehen. Seit dem Sommer wiederholt sich die Mail des Hauptamtsleiters einmal monatlich, ich solle bis Monatsende ein „vollständiges Verzeichnis des Archivs“ vorlegen. Klar. Ein vollständiges Verzeichnis über Tausende von Akten, die Hälfte davon gerade erst neu eingezogen. In zehn Stunden wöchentlich, die für das Archiv eigentlich vorgesehen sind, die ich aber allzu oft uneigentlich für Verwaltungs- und Abrechnungskram brauche oder für Bibliotheksveranstaltungen außerhalb der Öffnungszeiten nutze. Eine Stadtbibliothek mit nur einer Bibliothekarin mit 20 h für die Bibliotheksarbeit und 10 h für die Archivarbeit – das funktioniert nun mal nicht. Ohne meine beiden fleißigen Ehrenamtlerinnen und ohne abendliche Sondereinsätze von zu Hause würde ich noch nicht einmal die Bibliotheksarbeit vernünftig schaffen.

Aber nun – nun hat mir so ein kleines Virus mit dem schönen Namen Corona die Möglichkeit gegeben, dem Archiv die „geklaute“ Zeit zurückzugeben. Ich bin so glücklich darüber!!! Natürlich nicht über dieses Virus, aber dafür um so mehr über die geschenkte Zeit.

Sie lassen mich alle in Ruhe arbeiten. Ab und zu melden sich einige Leser und es gibt immer noch Wege, damit die Bücher zum Leser gelangen. Aus der Stadtverwaltung meldet sich niemand, der Mailkasten bleibt fast leer, die Landesfachstelle der Bibliotheken schweigt, die „Chefin des Hauses“ meldete sich im Laufe der letzten zwei Wochen nur einmal. Sie fragte nicht, wie es mir geht. Nein. Sie gab mir (an meine private Mailadresse) und zahlreichen anderen Mitarbeitern oder Partnern des Hauses einen kuriosen Ernährungstipp. Lesen Sie selbst:

„Liebe Kollegen, einige wissen, dass ich zur Entspannung manchmal in der Natur Wildkräuter sammele. Und natürlich habe ich die Nachrichten auch in Opole gelesen. Einsame Spaziergänge sind ja gestattet. Da finde ich jetzt die Vogelmiere, den Spitzwegerich und oftmals auch die rote Taubnessel. Man kann die Pflanzen auch in google bilder anschauen um sicherzugehen. Im Netz findet man, dass – insbesondere die Vogelmiere – die Lunge stärken soll.  Wie man liest, sind viele Wildkräuter geeignet für Salate (auch zu Wild und Fisch), Pestos, aber auch für wohlschmeckende Tees. Zudem kann man mit Blick auf den Mineralstoffgehalt manch unnötigen Einkaufsweg (Obst, Gemüse) vermeiden. Eine vorab gekräftigte Lunge – das kann ja nicht verkehrt sein. Ganz persönlich mache ich das so. Es ist natürlich unverbindlich und ersetzt  keinen ärztlichen Rat.“

Das ist ja wirklich lieb gemeint, aber ich hätte da schon etwas anderes erwartet. Aber nun ja. Jeder Mensch ist anders und irgendwie springt mich aus dieser Mail auch Angst an. Zumindest war sie eindeutig nicht in ihrer Mitte, als sie dies schrieb. Während die Chefin also als einziges Lebenszeichen einen Wildkräuter-Rat gab, pflegte der Hausmeister eine Woche lang seinen Männerschnupfen und die Reinigungskräfte traten erst garnicht zum Dienst an. Sie meinten, wenn keiner das Haus betrete, müsse man ja auch nur mal einmal wöchentlich putzen. Mein Lieblingscafé ist geschlossen, aber die Cafébesitzerin Veronika gehört zu den taffen Frauen, die immer einen Weg aus der Krise finden. Dennoch genieße ich die Tage im Archiv. Ich kann zu normalen Bürozeiten arbeiten, muss keine langen Öffnungstage anbieten, ich kann die reichlich vorhandenen Überstunden etwas reduzieren und ich muss nicht ständig Smalltalk über ein kleines, gemeines Virus halten.

Da die Nachmittage etwas länger sind als sonst, habe ich Zeit, mir öfter mal etwas gesundes zu kochen. Auf Vogelmiere habe ich dabei bisher allerdings verzichtet. Ich halte per Telefon, Mail und WhatsApp den Kontakt zu Freunden und Familie. Und es ist gut, dafür mehr Zeit zu haben als sonst. Viele Menschen sind ängstlich und panisch. Und diejenigen, die arbeiten und plötzlich ganz zu Hause bleiben sollen, kommen auch nicht einfach damit klar, dass von heute auf morgen alles anders ist. Da muss man erstmal seinen Tag neu strukturieren lernen. Es steht ja auch nicht bei jedem von jetzt auf gleich das Home-Office mit allen Funktionen zur Verfügung.

Im Moment spüre ich eine große, wabernde Angst im kollektiven Feld. Die Menschen informieren sich nicht umfassend, sie fangen nur Bröckchen auf und verdauen diese schwer. Wenn man sich umfassend informieren möchte, ist es schwer, dem Sog der Medien zu entkommen. Eine Sondersendung jagt die andere. Nachdem ich am letzten Wochenende mal die Tagesschau geschaut hatte, gefüllt mit lauter düsteren Corona-Nahcrichten, hatte auch ich einen Anfall von tiefer Angst und Sorge, aus dem ich mich nur schwer wieder rausziehen konnte. Man sollte sich zwar informieren, aber genau auswählen, in welchen Medien. Es gibt beispielsweise noch viele andere Virologen außer dem einen, der immer Podcast in den öffentlich-rechtlichen Sendern anbietet. Über die Fallzahlen informiere ich mich allerdings täglich genau und gebe sie auch gern weiter, um meine Lieben zu beruhigen. Denn bisher leben wir in unserem Bundesland auf einer Insel der Seligen. Als „Mama Staat“ die rigorosen Maßnahmen zur Kontakt-Einschränkung ergriff, waren wir noch ganz am Anfang der Pandemie – und sind es quasi noch. Dies sollte jetzt nicht zur Unvorsichtigkeit verleiten, aber es gibt einem auch das sichere Gefühl, dass nicht an jeder Ecke des Supermarktes oder des Busses ein Infizierter  mit tausend schönen „Krönchen“ im Gepäck lauert.

Ganz besonders ängstlich sind unsere Busfahrer. Sie bastelten sich schnell riesengroße Schutzplanen, die sie zwischen sich und die Passagiere hängten. Gegen Schutz ist ja nichts einzuwenden, aber dagegen, dass die Schutzplanen den halben Bus für die Busfahrer absperrten und nur der andere halbe Bus für die Mitfahrer zur Verfügung stand, die Abstand halten sollten, schon. Ich fotografierte die Plane und schrieb dazu einen augenzwinkernden Kommentar über ein „Bollwerk von Firewall“ in einem regionalen Netzwerk. Für die Redakteurin war es ein gefundenes Sensations-Fressen, sie nahm das Augenzwinkern raus und verpackte das ganze etwas dramatischer. Mit überraschendem Effekt. Der Beitrag wurde hunderte Male gelikt, etliche Male geteilt und kommentiert, immer unter dem Aspekt „Das ist richtig, Schutz tut not!“ Es waren nur ganz kritische Stimmen darunter. Ich vermute mal, die meisten der Leser und Kommentatoren haben nich nie einen Bus von innen gesehen, wollen aber mitreden. Seit zwei Tagen sind die Planen in den Bussen doch mehr in die Nähe der Fahrer gerückt, so dass die Fahrgäste mehr Platz haben. Gut so! Die Fahrer sind dann immer noch viel besser geschützt als die Supermarkt-Kassiererinnen, zumal die Fahrer noch nicht einmal mehr Geld einnehmen müssen. In diesen Ausnahme-Zeiten ist das Busfahren kostenlos. Jedenfalls für die, die keine solche Jahreskarte haben wie ich.

Die Verkäuferinnen in meinen Stamm-Supermärkten sind übrigens nett, hilfsbereit und entspannt wie immer. Die Regale sind wieder gut gefüllt und im Eingangsbereich stand heute eine Riesenpalette des meist gekauften Utensils dieser Zeit. Dass die Baumärkte geschlossen wurden, finde ich besonders tragisch, denn jatzt, im Frühling, in Zeiten des Kontaktverbots, brauchen die Menschen ihre Beschäftigung im Garten mehr denn je. Und in unserem Bundesland haben noch sehr, sehr viele Menschen einen Garten. Mir tun auch die ielen Pflanzen leid, die jetzt vermutlich auf dem Müll landen. Ich finde, dies hätte man anders regeln können. Für meine Schwester war dies aber ein Grund, endlich mal wieder auf einen schönen Wochenmarkt zu gehen, wo neben Obst und Gemüse auch Blumen und Pflanzen verkauft werden. Für sie, die sonst selten Zeit hat, morgens auf einen Wochenmarkt zu gehen, war dies ein Erlebnis für alle sinne.  Natürlich sieht man jetzt viele Eltern mit ihren kleinen Kindern auf einem Spaziergang, die Kinder meist mit allen möglichen Fortbewegungsmitteln. Ein schöner Anblick! Ansonsten fällt mir auf, dass in den ganzen letzten zwei Wochen kaum ein Rettungswagen im Einsatz war. Sonst sieht und hört man sie ständig irgendwo. Jetzt sind sie weder zu hören noch zu sehen. Liegt es daran, dass die Menschen ihr Leben entschleunigen müssen, dabei innerlich zur Ruhe kommen und deshalb auch weniger Herzanfälle haben oder Unfälle bauen? Wenn dies wirklich so wäre, dann wäre das ja mal ein wirklich positiver Nebeneffekt dieser so besonderen Situation.

Ich ben gespannt darauf, wie dieses Virus unsere Welt verändern wird. Es gibt kaum einen Winkel in unserer Gesellschaft, wo durch das Virus keine Einschnitte entstehen. Ich bin auch weiterhin gespannt auf die Reaktionen der Menschen. Man sagt, in einer Krise zeigt jeder sein wahres Gesicht. Dann kommt alles zum Vorschein, was geheilt werden möchte. In diesem Sinne: bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund!

Forschungen – verschlungene Wege führen schnell zum Ziel

Jahrelang schwebte der Wunsch im Raum, aber nun endlich wird es konkret: Der Bürgermeister möchte für die einzige direkt aus meinem Arbeitsort deportierte jüdische Familie Stolpersteine setzen lassen. Eine rührige, resolute Frau aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte jubilierte und begann, alles über die Juden aus unserer Stadt „zusammenzuharken“, wie sie immer so schön sagt, und noch einmal die letzten Zeitzeugen zu befragen.

Viele Informationen hatten wir nicht. Vieles wussten wir gerüchteweise. Z. B., dass der Sohn der Familie über die Schweiz nach England geflohen sein soll und überlebt hat. Im Laufe der letzten Jahre versuchte ich immer mal, über das Internet Informationen über den Sohn zu suchen, aber erfolglos. Irgendwann hatte ich es dann aufgegeben.

Vor einigen Jahren hatte ein anderer Kollege meines Arbeitskreises irgendwo ein Klassenfoto ausgegraben, auf dem die Schwester des Überlebenden zu sehen war, die im Holocaust ermordet wurde. Er veröffentlichte immer wieder in diversen Artikeln die schlecht recherchierte rührende Geschichte des ausgegrenzten Mädchens – sehr zum Unmut einiger Einwohner der Stadt: „Wieso, wir haben doch mit ihr gespielt! Und unsere Eltern haben der Familie durch die Hintertür Sachen zugesteckt!“ Aber das interessierte den Mann nicht. Die schlechte Story passte einfach zu gut zum Foto. Schlechte Nachrichten verkaufen sich immer besser als gute, und er verdient sich durch freiberufliche Autorentätigkeit ein paar Euro zur Rente dazu.

Die resolute Frau aus meinem Arbeitskreis wollte jedoch mit ihren Zeitzeugeninterviews die ganze Wahrheit herausfinden, was ihr auch gelang. Sie suchte nur einen Mitstreiter, weil es ihr mit über 80 Jahren schon schwerfällt, Texte knapp und sachlich zu formulieren. Außerdem erhoffte sie sich, dass ich im Internet doch noch etwas mehr rausfinde. Wenn sie allerdings etwas auf dem Faden hat, dann aber heftig. Jeden Tag stand sie in der Bibliothek auf der Matte, um mich für die Mitarbeit zu gewinnen, denn wir waren schon einmal ein gutes Autorenteam und haben uns dabei gut ergänzt.

Innerlich stöhnte ich. Ich musste doch noch die Auswahlliste für den Sommerleseclub der Bibliothek durchsehen und die Bücher möglichst schnell bestellen, ich musste im Archiv Liegengebliebenes aufarbeiten, ich musste Fördermittel abrechnen und das letzte Buchprojekt schmort auch immer noch irgendwie vor sich hin – ich musste irgendwie so vieles. Und der Holocaust ist ja auch nicht gerade ein erfreuliches Forschungsthema. Ich habe mich ja sogar in Amsterdam davor gedrückt, mich stundenlang an die Schlange vor dem Anne-Frank-Haus anzustellen. Ich schob und schob es vor mir her. Natürlich bin ich ständig voll ausgelastet. Und für so ein Projekt muss ich mich bewusst entscheiden, denn ich kenne mich lange genug. Wenn ich etwas anpacke, dann aber richtig, intensiv und heftig. Keine halben Sachen zwischendurch. Dazu muss ich dann emotional auch bereit sein. Da geht dann schon mal nicht nur die Archiv-Arbeitszeit komplett rein, sondern auch teilweise Bibliotheks-Arbeitszeit und auch viel Freizeit. Denn wenn ich einmal etwas recherchiere, dann soll es auch Hand und Fuß haben. Ich möchte schließlich nicht die schon mal veröffentlichten eventuellen Fehler abschreiben.

Also dann los, und am besten jetzt. Wenn der Sommerleseclub beginnt und im Herbst der Umzug von Bibliothek und Archiv vorbereitet wird, dann wird es wieder nichts. Dann lieber das eh schon lange liegende aktuelle Buchprojekt noch länger liegenlassen und die jüdischen Familien meines Arbeitsortes recherchieren. (Das hätte je eigentlich schon mal jemand vorher tun können – wieso eigentlich immer ich?)

Wo beginnen? Ich habe ja einen privaten ancestry-account, vielleicht finde ich ja darüber etwas über den einzigen Überlebenden der letzten jüdischen Familie. Fehlanzeige. Nichts zu machen. Wie nun weiter? Es gab schon eine gute Arbeit über Juden in meiner Region, in der auch viel über meinen Arbeitsort nachzulesen ist. Darin werden viele Namen genannt. Es gibt in meinem Wohnort schon Stolpersteine für eine Familie, deren Familienvater in meinem Arbeitsort geboren wurde. Irgendwie waren die mit „unseren“ Holocaust-Opfern verwandt. Ich könnte ja so vorgehen, wie es sich bei meiner privaten Familienforschung bewährt hat. Ich schaue einfach über die Volkszähllisten, welche jüdischen Familien zuletzt bei uns gelebt haben, gehe dann in die Geburts-, Sterbe- und Heiratsregister meines Stadtarchivs und versuche, Stammbäume zu erstellen, um einen Überblick über die jüdischen Familien zu erhalten. Nach 1900 hatte die jüdische Gemeinde nur noch wenige Mitglieder, also wäre das eine überschaubare Recherche. Und dann müsste man sich auf diese Weise immer weiter in die Vergangenheit arbeiten, auch mit Hilfe von ancestry. Alle in meinem Arbeitsort geborenen Opfer des Holocaust kannte ich bereits aus dem Bundesarchiv. Man könnte nun versuchen, den Opfern ihre Geschichte zu geben, um dann später bei der Verlegung des Stolpersteins nicht nur an die eine Familie, sondern an alle zehn Opfer aus dem Ort zu erinnern. Eine Übersicht über jüdische Kaufleute, die es in dem Ort gab, haben wir schon. Vielleicht könnte man einen kleinen Einblick in das jüdische Leben unserer Stadt erhalten.

Die Anzahl meiner Daten wuchs in kürzester Zeit. Ups, das war doch mehr als ich dachte.Es wurde aber doch ziemlich kompliziert, denn einige Familien lebten nur kurz Inder Stadt und tauchten dann nie mehr in den Registern auf. Auch an die Namen musste ich mich erst gewöhnen. „Salomon Jacobsohn, der Sohn von Jacob Salomon.“ Wie soll man denn da durchfinden?  Die meisten Holocaust-Opfer stammten aus einer Familie, waren miteinander näher oder weiter verwandt. Überlebende fand ich nicht. Zunächst. Nach zweiwöchiger intensiver Arbeit bekam ich einen ancestry-Kontakt zu Nachfahren einer vor zweihundert Jahren in meinem Heimatort lebenden Familie, die in den USA leben. Es gingen einige Mails hin und her, und sie verwiesen mich – oh Wunder – auf eine deutsche Internet-Seite, die es erst seit 2015 gibt und deren Betreiber sich intensiv mit Juden in meinem Bundesland beschäftigen. Ich hatte schon vor einigen Monaten mal davon gelesen, fand es aber damals nicht schön, dass sie die Opferdatenbank verschlüsselt hatten und vergaß die Seite wieder. Da aber meine Mailpartnerin so von der fleißigen Recherchearbeit dieser Seitenbetreiber schwärmte, entschloss ich mich doch, diese anzumailen.

Das Ergebnis war so überraschend, dass ich jetzt noch ganz perplex bin. Ich erhielt ganz selbstverständlich und ganz unentgeltlich einen kompletten Stammbaum der betreffenden jüdischen Familie zugemailt, mit den Daten von mehreren Überlebenden und ihren (inzwischen leider schon verstorbenen) Nachfahren. Der Überlebende, den ich so gesucht hatte, war also tatsächlich bis nach England gekommen, andere in meinem Arbeitsort Geborene kamen bis Stockholm. Es blieb fast keine Frage mehr offen, und wenn sich bei weiteren Recherchen wieder Fragen ergeben sollten, habe ich jetzt einen heißen Draht. Es gibt schon noch einiges zu erforschen, zu hinterfragen und in richtige Zusammenhänge zu setzen, aber ich sehe jetzt keinen unüberwindlichen Berg mehr vor mir. Ich kann garnicht beschreiben, wie dankbar ich bin. Das alles, was mir hier sozusagen auf dem Silbertablett kredenzt wurde, hätte ich nie im Leben allein recherchieren können. Da steckt unendlich viel Arbeit drin. Und die betreffende website hat noch nicht mal einen Button für Spenden!!! Immerhin habe ich jetzt eine Liste mit offenen Fragen der website-Betreiber an mein Stadtarchiv, so dass ich wenigstens etwas zurückgeben kann.

Während meine Arbeitskreis-Mitstreiterin und ich vor Freude im Rundeck springen, kam vom Bürgermeister (der ja den Stolperstein verlegen lassen will) bisher überhaupt keine Reaktion. Der „rasende Reporter“ mit der rührseligen Fotostory reagierte etwas verlegen, aber nicht so übermäßig interessiert, und ein weiteres, bisher eher inaktives Mitglied des Arbeitskreises (weil bisher mit eigenen Memoiren beschäftigt) schleimt plötzlich hinter uns her und verkündet: „Ich habe ja auch sooo viel über die Juden gesammelt!“ Tja, wenn es so wäre, dann hätte er ja mal eher damit rausrücken können?

Egal, wir machen es ja nicht für die, sondern um die Opfer zu ehren, ihre Geschichte zu erfahren und an die nächsten Generationen zu vermitteln. Wir machen weiter. Was neben der Rede für die Stolperstein-Verlegung daraus entstehen wird – ein Faltblatt, eine Info-Tafel, ein Artikel für die website der Stadt oder vielleicht doch eine Broschüre – schauen wir mal! Zumindest fügen wir der Stadtgeschichte ein weiteres Mosaiksteinchen hinzu, in welcher Form auch immer. Aber jetzt steht Pfingsten vor der Tür und damit eine willkommene Verschnaufpause.