Drei Tage

„Drei tolle Tage“ wären es ja, wenn nicht der Lockdown wäre. Aber interessant waren die drei letzten Arbeitstage in der Bibliothek in ihrer so unterschiedlichen Tagesenergie schon.

Der Montag war wettermäßig ein Wintermärchen mit traumhaftem Sonnenschein und immer noch gefühlt klirrender Kälte. Wie schon an den Arbeitstagen zuvor staunte ich über die Spuren auf dem Hof, die Aufschluss über nächtlichen tierischen Besuch gaben. Mehrere Vögel, darunter ein sehr großer, vielleicht eine Möwe oder eine Ente, waren bis zum oberen Hof gekommen, sogar eine Katze war die Treppen zum oberen Hof hochgestiefelt, ebenso ein Tier, dessen Spuren ich nicht deuten konnte. Ich schoss einige Fotos, damit die nächste Kita-Lesung zum Thema „Tiere im Winter“ noch anschaulicher wird. Ich hatte ja vor einigen Jahren mal eine Geschichte rund um Tierspuren im Schnee geschrieben, die Kita fordert sich das Vorlesen dieser Geschichte in jedem Winter wieder ein und der Kindergärtner fragt mich jedes Mal, ob ich denn nun endlich die Geschichte als Buch herausbringe. Vielleicht irgendwann mal … 🙂 Trotz des Winterwetters fanden einige Leser den Weg in die Bibliothek, darunter auch Ferien-Kids und eine Lehrerin, die ebenfalls Winterferien genoss. Immer wieder spüre ich die Dankbarkeit der Leser dafür, dass die Bibliothek auch während des Lockdowns für sie da ist – und das tut gut.

Während es im Bibliotheksbetrieb flutschte, lief bei meiner „Nebenbei-Finanzverwaltung“ so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte. Was daran lag, dass ich einfach unkonzentriert war. Irgendwie nur halb da. Wo die andere Hälfte von mir gerade war, weiß ich nicht. Ich wurschtelte mich so durch, und bis ich meine eigenen Fehler erkannte und wusste, wie ich es anders machen muss mit dem Hin- und Herbuchen von einer Gutschrift, geteilt durch drei „Produkte“, war es fast Feierabend. Ich bin ja auch keine Finanzbuchhalterin, sondern studierte Bibliothekarin.

Zwischen Leserbetrieb und Finanz-Gewurschtel kam auch noch ein Anruf, der mich umhaute. Ich wurde aufgefordert, meine Statistik zu fälschen. Alle deutschen Bibliotheken geben ihre Jahreswerte in eine gemeinsame Plattform, die Deutsche Bibliotheksstatistik. Hier werden auch die Entleihungszahlen inklusive Verlängerungen angegeben. Aus politischen Gründen, nämlich um den Mangel darzustellen, wurde ich nun angewiesen, alle automatischen Verlängerungen von Medien während des Lockdownbs aus der Statistik rauszunehmen. Herauskommen sollte dabei in jedem Falle eine niedrigere Zahl der Entleihungen als im Vorjahr 2019. Mir sträubte sich angesichts dieser hanebüchenen Anweisung alles. Wenn seit 1999 bundesweit einheitlich alle Entleihungen mit den Verlängerungen der Leihfristen inklusive angegeben werden, dann macht es keinen Sinn, die Zahlen während des Lockdowns ohne Verlängerungen anzugeben, denn die Bücher waren ja bei den Lesern und wurden dort bestimmt auch während des Lockdowns genutzt. Abgesehen davon habe ich mit einigen Lesern, die auf den Dörfern wohnen und selten rankommen, sowieso die Vereinbarung, dass ich automatisch die Medien verlängere, wenn die Leihfrist abgelaufen ist. Ächz. Zu dem Frust durch das Finanzgewurschtel kam jetzt noch der Frust durch die gefälschte Statistik hinzu. Aber der Witz kommt ja noch: Als ich alle Verlängerungen aus dem ersten Lockdown abzog (im zweiten Lockdown 2020 hate ich ja sowieso schon Weihnachtsurlaub und verlängerte nicht), blieb immer noch ein leichtes Plus an Entleihungen – eben deshalb, weil die Leser nach dem Lockdown die Bibliothek so stürmten wie sonst noch nie zuvor. Da geht irgendwie die politische Milchmädchenrechnung des Bibliotheksvereins oder der Bibliotheksfachstellen oder von wem auch immer irgendwie überhaupt nicht auf. Ätsch!!! 😀

Von all dem Wirrwarr war ich dann so verwirrt, dass ich mittags beim Abtauen des Kühlschranks und dem damit verbundenen Abwasch versehentlich einen noch laufenden Wasserhahn in die falsche Richtung drehte, dabei kurz abgelenkt war und ihn laufen ließ – und mich wunderte, als plötzlich die halbe Personalküche unter Wasser stand. Was war das denn für ein Zeichen? „Wasch dir den Frust ab!“ oder „Diese Gegebenheiten sollten bereinigt werden!“ oder sowas in der Art? Abends im Bus auf dem Nachhauseweg konnte ich dann doch über mich selbst lachen, und über diesen ganzen verwirrenden Tag. 🙂

Am Dienstag sollte eigentlich Eisregen kommen und die ganze weiße Pracht sollte so nach und nach wegtauen. Aber statt dessen kämpfte ich mich auf dem morgendlichen Weg zum Bus durch Massen von Neuschnee und erlebte noch einmal eine Busfahrt durch zauberhaft verschneite Landschaften. Herrlich!!! Es war so richtig klebriger Schneemann-Schnee, und so sah ich an meinem Arbeitsort auch einige dieser lustigen Schneegesellen stehen, einzeln und in Schneefamilie. 🙂 Vormittags half mir Doreen in der Bibliothek, und ich nutzte die Gelegenheit, mal kurz was im Archiv zu suchen. Als ich wieder in die Bibliothek kam, fand ich Doreen strahlend vor, vor sich eine Tüte selbst gemachter gebrannter Mandeln – ein Geschenk von ziemlich neuen Lesern, die sich über unseren Service so freuten. Ich war ganz geplättet vor Freude, während Doreen ganz freudig mit der Leserfamilie über die Herstellung von gebrannten Mandeln fachsimpelte. Doreen hatte selbst einige Versuche schon gemacht, gemeinsam mit der Tochter ihres Freundes, aber sie hatten das optimale Rezept noch nicht gefunden. Die hier uns geschenkten Mandeln waren mit Rohrzucker, Butter und ohne Wasser in der Pfanne geschwenkt worden. Sie schmeckten absolut köstlich, das fanden wir beide. „Eigentlich ungesund!“, sagte ich und meinte den Zucker. „Nein, das meiste ist gesund!“, sagte Doreen und meinte die Mandeln. Ein schönes, kleines Überraschungsgeschenk zu erhalten ist aber auf jeden Fall Balsam für die Seele und somit sehr gesund. 🙂 Insofern war dieser Tag Gesundheit pur, denn nachmittags erhielt ich ein zweites Überraschungsgeschenk. Eine Leserin schenkte mir einen kleinen Karton „eigentlich ungesunder“ Pralinen, zufälligerweise auch noch eine meiner Lieblingssorten, was sie nicht wissen konnte. „Ich wollte mich einfach mal dafür bedanken, dass Sie immer, auch jetzt, für uns da sind und dass Sie so eine tolle Auswahl haben!“ 🙂 Also da war ich echt sowas von baff!!! Diese Leserin kenne ich schon seit Jahren. Sie liest keine Allerwelts-Bücher und ich bemühe mich immer sehr, ihr etwas Besonderes zu empfehlen. Da ihr Geschmack (und wohl auch ihre Ansichten) meinem ähneln, fällt mir die Empfehlung bei ihr immer leicht. Aber diesmal habe ich dann wohl mit „Der Salzpfad“ von Raynor Winn und „Wut ist ein Geschenk“ von Arun Gandhi (Erinnerungen an seinen Großvater Mahatma Gandhi) besonders ihren Lesegeschmack getroffen. Was wieder mal zeigt, dass im Lockdown gute Bücher so sehr wichtig sind. Sie sind eben Seelennahrung!!!

Trotz der Neuschnee-Massen war an diesem Tag doch mehr Betrieb als sonst. Wobei die Kinder schon auch mit ihren Schlitten durch die Stadt zogen oder Schneemänner bauten. Eine Omi, die eigentlich mit Enkelin kommen wollte, entschuldigte sich: „Heute bin ich allein, denn das Kind wollte noch einmal auf das Eis!“ – „Na klar, das ist der letzte Wintertag, noch dazu ein geschenkter, weil es eigentlich heute schon tauen sollte. Das muss man noch nutzen!“ Was gibt es schöneres, als auf dem Eis des kleinen Stadtsees Schlittschuh zu laufen! Gemeinsam mit der Omi suchte ichschöne Bücher für die Enkelin raus, damit sie am Abend des vielleicht letzten Wintertages gemütlich beim Vorlesen mit der Omi kuscheln kann.  🙂

Über Nacht hatte es tatsächlich geregnet, also fuhr ich heute durch eine grün-braun-weiß-gescheckte Landschaft zur Arbeit. Einerseits freute ich mich darüber, wieder die dünnere Winterjacke anziehen und Mütze und Handschuhe weglassen zu können. Denn dieses Gewurschtel mit Mütze, Maske und Brille beim Einsteigen in den Bus ist jedes Mal ein Graus, ganz ehrlich! Andererseits fing ich schon an, dem schönen, klaren, sonnigen, kurzen Winter hinterherzutrauern.  Vom Bus zur Bibliothek watete ich teilweise durch weißbraune, matschige Pampe. Diesmal hatte ich einen Arbeitstag im Archiv. Dort gab es eigentlich so viel zu tun, aber ich fasste hier mal was an, räumte dort mal etwas um und hatte nicht die Motivation für das ganz große, eigentlich geplante Umräumen. Ich war, wie zwei Tage zuvor, wieder nur gefühlt „halb anwesend“. Zwischendurch las ich noch eine Mail vom Bürgermeister. Dieser freute sich darüber, dass die 7-Tage-Inzidienz in unserem Amtsbereich nunmehr den zweiten Tag in Folge bei 0 liegt. „Dies ist ein Anlass, Ihnen dies mitzuteilen!“  Toller Ausdruck. Dass in meinem Arbeitsort einer der größten deutschen Übersetzer aufwuchs, hat wohl nicht gerade bis in die Gegenwart abgefärbt. Der Bürgermeister gab aber zu verstehen, dass alle Einschränkungen aufrechterhalten werden und bitte keiner der „Mitarbeitenden“ – wörtlich – „in Aktionismus verfallen“ sollte. 🙂 Was oder wen immer er auch damit meint. Mittags war noch eine terminlich vereinbarte Telefonkonferenz mit dem Geldgeber eines Veranstaltungsprojektes für die Bibliothek. Der Mann am anderen Ende der Leitung wirkte beinahe schläfrig und ebenso nur halb anwesend wie ich. Ach, das ist doch beruhigend, dass es nicht nur mir so geht! 🙂 Nach diesem Telefonat entdeckte ich noch eine Mail eines Stadtvertreters, der mir ein großes Zukunfts-Entwicklungs-Konzept einer großen benachbarten Bibliothek mit 70.000 Medien und 17 Mitarbeitern zur Kenntnis gab. Einfach mal so als Anregung und nette Geste. Nach Feierabend habe ich darin dann mehr als quergelesen, teils geschmunzelt (über eine geplante „neue Zweigstelle“, die es zu DDR-Zeiten schon mal gab) und teils sehnsüchtig geseufzt (über den Anspruch, die Bibliothek als Treffpunkt und Kommunikationsort, gerade für Kinder, so ansprechend und gemütlich wie möglich einzurichten). Ja, ich gebe es zu, ich bin noch immer nicht hinweg über die mir aufgezwungenen schwarzen Bibliotheksregale und nicht vorhandene, gemütliche „Lümmelsessel“ im Kinderbuchraum! Meine ganz persönliche Bibliotheksentwicklungskonzeption sieht es vor, dies langfristig auf jeden Fall zu ändern!!! Und da ich bisher alles durchsetzen konnte, was ich für die Bibliothek erreichen wollte, werde ich auch dies noch eines Tages in die Tat umsetzen. Irgendwann bin ich ja hoffentlich auch nicht mehr nur „halb anwesend“, sondern „ganz da“! 🙂   

Unverwüstlich

Erster Arbeitstag in der Bibliothek nach fast einem Monat Urlaub. Ich werde in einem fast leeren Bus durch die verschneite Landschaft gefahren. Schon einige Häuser vor der Bibliothek hält mich ein Mitarbeiter der Wärmeversorgung an, der In den Keller des Bibliotheksgebäudes möchte, um dort die Jahreswerte abzulesen. Ich lasse ihn rein, schließe ihm den Keller auf und wir schnacken ein bisschen, während ich schon mal links und rechts schaue. Soweit alles in Ordnung, aber vor der Archivtür stapeln sich Unmengen von Umzugskisten mit Akten. Da haben sich zum Jahreswechsel wieder einige Kollegen der Stadtverwaltung ausgemistet. Tief Luft holen, erstmal ignorieren, erstmal den Rechner hochfahren, um sich in das Arbeitszeitkonto einzuloggen. Blumen gießen, Post grob durchschauen – ein kurzer Blick aus dem Fenster mit Staunen über eine ganz kurz sonnenbeschienene, glitzernde Winterwelt. Und dann öffne ich die Tür für die Leser.

Und da steht schon Doreen in der Tür, meine ehrenamtliche Kollegin. Freudestrahlend umarmt sie mich (ja, sie darf das!!!), schaut mich an, sucht offensichtlich nach Worten – und herausgeplauzt kommt: „Du bist – unverwüstlich!11“ Erst schaue ich ganz perplex, dann muss ich so lachen, dass ich Doreen sofort damit anstecke und wir wie die Hühner gackern. Ich hatte mich noch nicht beruhigt, als Christina, meine zweite ehrenamtliche Kollegin, mit ihrem Dackel aufkreuzte. Natürlich verriet ich Christina gleich den Grund für meine Heiterkeit und wir wieherten erneut los. 😀 Welch ein heiterer Anfang des Arbeitsjahres! Den ganzen Tag musste ich über Doreens „unverwüstlich“ schmunzeln!

Der Dackel, der ohne Leine durch die Bibliothek streunte, heftete sich an meine Fersen und folgte mir überall hin. Das war neu. Ich begrüße ihn grundsätzlich freudig, spreche immer mit ihm, streichle ihn immer, ernte auch fast immer ein Schwanzwedeln, je nach momentaner Dackellaune mal mehr oder mal weniger – aber so verhielt er sich noch nie. Selbst als ich die erste Leserin beriet und mit ihr am Krimi-Regal stand, drängte sich Dackel Kniffo ständig an meine Füße. Die Leserin war wohl nicht sehr erbaut und blieb auf Abstand. Als sie weg war, beschäftigte ich mich noch etwas mit dem Dackel, streichelte ihn, redete mit ihm und Christina meinte begeistert: „Der Dackel hat sich in dich verliebt!!!“ Na, das ging ja gut los. Unverwüstlich mit Dackelliebe! 🙂

Christina, die vor Weihnachten ängstlich zu Hause geblieben war, verkündete nun, dass ihr die Decke auf den Kopf falle und sie unbedingt helfen wolle. Und dass es in der Bibliothek bald sehr voll sein werde, denn sooo viele Leser hätten sie beim Einkaufen angesprochen mit der Frage, wann die Bibliothek wieder öffnet. Es wurde dann auch ein, sagen wir mal, normal lebhafter Tag. Viel Betrieb, aber nicht so irre viel wie am letzten Öffnungstag im alten Jahr. Alle Leser freuten sich sehr darüber, endlich wieder an neuen Lesestoff zu kommen. Aber besonders freute sich wohl meine Lese-Queen Frida. Sie hatte wirklich, aber auch wirklich alles gelesen, was sie zu Hause hatte oder was ihr gerade unter die Finger kam. Und sie konnte ihr Weihnachtsgeschenk nicht lesen, weil es sich um die letzten beiden Bände der „Glücksbäckerei“-Reihe handelte, von der ihr noch einige Vorgänger-Bände aus der Bibliothek fehlten – und die Bände dieser Reihe bauen aufeinander auf, die muss man in der richtigen Reihenfolge lesen. Hm. Unter uns gesagt, hätte die Familie das mit mir auch absprechen können. Auch die letzten beiden Bände hätte Frida aus der Bibliothek haben können, statt dessen hätte ich den Eltern für Frida gern andere Weihnachtsgeschenk-Bücher empfohlen. Aber egal, nun hatte Frida die kompletten Bücher der Reihe geholt und war sowas von selig! 🙂

Eine andere jahrelange Stammleserin, die in Quarantäne sitzen musste (was, wie mir meine sprachbegeisterte Freundin Inge übrigens beibrachte „Karantäne“ ausgesprochen wird), schickte ihre Tochter auf die Suche nach Lesefutter, wobei die Tochter sich gleich selbst als Leserin anmeldete. Einige Rentnerinnen freuten sich, bei der Ausleihe endlich mal mit jemandem erzählen zu können, ein Leserkind stellte mir ihre Puppe vor und die Mutti des Leserkindes freute sich total, als ich ihr den Kalender 2020 mit den Tierfotos meines Schwagers schenkte, denn sie hatte in jedem Monat neu die Fotos bewundert und sich auch sonst manchmal Farbkopien von Tierfotos oder Tierzeichnungen aus Büchern für ihre Tochter von mir anfertigen lassen.

Eine Kollegin aus dem Museum schaute vorbei, und was diese erzählte, fand ich nun nicht so prickelnd. Die vier Mitarbeiterinnen des Museums sowie die beiden Hausmeister des Bürgerzentrums, die für unsere Gebäude mit verantwortlich sind, wurden von der Stadt auf Kurzarbeit gesetzt. 😦 Ehrlich, da musste ich schon schlucken. Da hätte es sicher auch andere Möglichkeiten gegeben. In anderen Bundesländern wurden solche derzeit ungebrauchten Mitarbeiter per Amtshilfe an die Gesundheitsämter ausgeliehen. Die Hausmeister hätten die Bauhof-Truppe verstärken können, die mit vielen Arbeiten überlastet sind und sicher dankbar wären für jede Hilfe. Die Stadt muss ein massives Geldproblem haben, wenn sie so massiv die Personalkosten einsparen will! Da kann ich ja nur froh sein, dass es mich nicht trifft. Die aktuelle C-Landesverordnung eiert in Sachen Bibliotheksöffnung etwas rum. Aktuell ist es ein „Jein“, welches aber Öffnungen nur für den „Leihverkehr“, also Ausleihe und Rückgabe, zulässt. Meine Heimatstadt nahm dies zum Anlass, die Bibliothek gleich ganz zu schließen und die Kollegen auf Kurzarbeit zu setzen. Und eine weitere Bibliothek lässt die Leser nur nach vorheriger telefonischer Terminvergabe rein, um Kontakte zu vermeiden. Das kommt für mich aber alles nicht in die Tüte. Ich bin da. Hundertprozentig. Unverwüstlich!!!  Und hundertprozentig ich. Vielleicht war es das, was Doreen mit ihrer Begrüßung meinte. Na dann stürze ich mich mal rein in ein interessantes Arbeitsjahr voller netter Begegnungen mit Lesefreunden, Büchernarren und Lesekids! Auf geht’s!            

Letzte Arbeitstage in diesem Jahr

Wieder einmal drohte ein Lockdown für die Bibliothek. Alles, aber auch alles sollte runtergefahren werden, so hieß es in den Nachrichten. Wieder einmal begann dasselbe Spiel wie im vorletzten Blogbeitrag beschrieben. Aber diesmal tangierte es mich nicht, denn ich wollte sowieso bis in den Januar hinein meinen ganzen, vor mir her geschobenen Resturlaub nehmen.

Am Dienstag, dem letzten Öffnungstag vor dem offiziellen Bundes-Lockdown, steppte in der Bibliothek der Bär. Es kamen fast alle Stammkunden, auch die, die länger nicht hier waren. Alle hatten natürlich die EINE Frage: „Schließen Sie nun oder schließen Sie nicht?“ Trotz fehlender Lockdown-Info vom Land konnte ich zweifelsfrei behaupten: „Ich schließe, denn ich habe Urlaub!“ Also deckten sich alle noch einmal mit großen Stapeln von Büchern und sonstigen Medien ein. Es war gigantisch. Der Ansturm begann mit der ersten Öffnungsminute und hörte erst zehn Minuten vor Schließung auf. Einige Leser brachten sogar kleine Aufmerksamkeiten für mich mit. Und meine beiden ehrenamtlichen Helferinnen brachten mir einen dicken Weihnachtsblumenstrauß. Ich war an diesem Tag ganz oft sehr gerührt. Und ich freute mich, so viele Leser in diesem Jahr noch einmal zu sehen. Für einige hatte ich schon mal das Passende zurückgelegt, etwa den vierten Band der „Tuchvilla“-Familiensaga, der gerade erschienen war oder andere Fortsetzung der Reihen, von denen ich wusste, welchen Teil die Leser als nächstes ausleihen würden. Oder auch aktuelle Krimis. Für alle war gut gesorgt.

Zwischendurch rannte ich dreimal in die Stadtverwaltung auf der Suche nach den letzten Rechnungen, die irgendwo im Verwaltungsweg hängengeblieben waren. Sollte ich die Rechnungen nicht rechtzeitig bearbeiten können, müsste ich extra dafür im Urlaub noch einmal in meinen Arbeitsort fahren, das wollte ich vermeiden. Die Rechnungen tauchten an diesem Tag nicht auf, aber ich hatte ja noch einen Arbeitstag Zeit …

Am Ende des Arbeitstages, der letzte Leser ging gerade und die Reinigungskraft holte sich von mir noch Anweisungen, stand auf einmal der Bürgermeister in der Tür und wünschte uns ein frohes Fest. Nach zahlreichen Auseinandersetzungen und nachdem er während der letzten drei Jahre einen Leitungsstil gepflegt hatte, der an Feudalabsolutismus grenzte, war er nun auf einmal handzahm geworden und übte sich zunehmend darin, meine fachlichen Entscheidungen zu respektieren und mitzutragen. Bis dahin war es wirklich ein jahrelanger anstrengender Prozess der ständigen Reibung. Nachdem wir den Bürgermeister sachte hinauskomplimentiert hatten, schaffte ich gerade noch den Tagesabschluss und im Laufschritt auch noch meinen Bus.

Bis zum Abend dieses sportlichen Arbeitstages hatte ich noch keine Info, ob in M-V die Bibliotheken nun downlocken oder nicht. Am nächsten Tag, einem Urlaubstag, erreichte mich dann die Mail, dass Bibliotheken in M-V öffnen dürfen. Da war ich wirklich platt. Es wurde so viel in den Medien von einem ganz harten Lockdown getönt, dass ich damit ehrlich nicht gerechnet hatte. Gleichzeitig erreichte mich die Mail, dass die Stadtverwaltung für den Publikumsverkehr ihre Pforten schließt und man nur noch mit vorheriger Terminvergabe in das Rathaus kann. Na toll. Und ich bin immer noch auf der Suche nach verschollenen Rechnungen.

Der heutige Donnerstag war ein Öffnungstag. Die Bibliothek durfte ja nun mal öffnen, also musste ich mich noch vor Öffnungszeit auf die Suche nach den verschollenen Rechnungen begeben. Da stand ich nun vor der Stadtverwaltung. Die Klingelanlage ausgeschaltet, die Tür verrammelt. Ich klopfte einfach an das Fenster der Kämmerei und eine liebe Kollegin sprang herbei, um mir zu öffnen. Mein Postfach leer. In dem einen Büro keine Rechnung, im anderen auch nicht, in der Kämmerei erst recht nicht. War der Posteingang überhaupt schon durch? Das wusste keiner. Wer hat denn den Posteingang gemacht? Das war die Vertretung der Vertretung der Vertretung. Zum Glück war sie da und wusste, dass der Bürgermeister schon den Posteingang hatte, aber der Hauptamtsleiter noch nicht. Gemeinsam mit der Vertretung der Vertretung der Vertretung ging ich zum Postfach der Hauptamtsleiters und wir fischten dort die beiden gesuchten Rechnungen aus der Postmappe. „Die nehme ich jetzt mit!“, verkündete ich. „Das können Sie doch nicht einfach…?“, meinte die Vertretung der Vertretung der Vertretung. – „Doch, ich kann. Der Rechnungsstempel ist schon drauf, den fülle ich aus und kopiere mir das Ganze, dann kann der Hauptamtsleiter immer noch unterschreiben.“  – „Na Sie müssen ja wissen, was Sie tun!“

Um Felsbrocken erleichtert ging ich mit den beiden heldenhaft erbeuteten Rechnungen zur Bibliothek, füllte den Rechnungsstempel aus, kopierte mir das Ganze noch einmal, denn ich brauche den Nachweis für eine Fördermittelabrechnung, machte noch die Abrechnung für die Handkasse und noch eine weitere Rechnung für laufende Betriebskosten fertig, fertigte zwischendurch noch tatsächlich einige Leser ab  und flitzte noch einmal in die Stadtverwaltung. Wieder Klopfen am Fenster der Kämmerei, wieder öffnete mir die eine Kollegin sehr freundlich die Verwaltungstür, jedoch die andere, mit der ich die Abrechnung der Handkasse machte, war etwas schräg drauf. Das war sicher der Stress, das nahm ich nicht persönlich. Die Kämmerei macht zum Jahresende mehr als Hochleistungssport.  Richtig total erleichtert brachte ich alle Rechnungen auf den richtigen Weg. Auf dem Flur begegnete mir der Hauptamtsleiter und ich informierte ihn darüber, dass ich ihm zwei Rechnungen aus dem Posteingang entführt hätte. „Das ist okay, alles, was die Prozedur verkürzt, ist gut!“ Na bitte, geht doch!!! 😀

Sehr gut gelaunt und total erleichtert flitzte ich wieder in die Bibliothek. Letzte Absprachen mit dem Hausmeister, Anfertigen des Urlaubs-Schließungs-Aushangs, großes Aufräumen, immer noch letzte Leser, Wegstellen der Medienberge vom letzten Öffnungstag, Absprachen mit der Reinigungskraft und vertrauensvolles Übergeben des Blumen-Gießdienstes an sie, zuletzt noch einmal in meine Mails geschaut…

Und was sehe ich da als krönenden Abschluss? Mein Antrag auf Förderung einer Veranstaltungsreihe an eine bundesweit agierende Stiftung war erfolgreich!!! 😀 Wir kriegen die Förderung!!! Damit können wir auch gegebenenfalls mit weniger Besuchern unter Pandemie-Bedingungen hochkarätige Veranstaltungen anbieten, denn alle Honorare werden voll gefördert! Den Antrag hatte ich bei all dem Stress der letzten Tage schon nicht mehr auf dem Schirm, umso größer die Überraschung!!! Welch ein schöner Abschluss dieses Arbeitsjahres!!! Nun kann ich ganz beruhigt Weihnachten feiern! 🙂

Raus aus dem Hamsterrad

Advent – Zeit er Heimkehr und Besinnung auf das Wesentliche.

Seit langem schiebe ich meinen Urlaub vor mir her, denn die dringenden Erledigungen in der Bibliothek reißen nicht ab. Letzte Woche zog ich die Reißleine und beantragte wenigstens den Urlaub für ein verlängertes Wochenende. An diesen Vollmondtagen, an denen die Energien um mich herum nur so tobten, wurde ich sofort ruhig. Ganz bei mir und ganz zentriert erledigte ich endlich die mir persönlich wichtigsten Dinge. Die Wohnung dekorieren, einen Handwerker-Termin und Einkauf von Geschenken. Es tat unendlich gut, mal einfach bei mir anzukommen und jeden Gedanken an die Bibliothek schnell wieder ziehen zu lassen. Die einzigen freiwilligen Homeoffice-Überstunden waren eher ein Vergnügen: ein Online-Seminar über Neuerscheinungen von Kinderbüchern und die anschließende Komplettierung meiner Bestellliste für meine Lieblingsbuchhandlung. Mit schönen Kinderbüchern beschäftige ich mich immer wieder gern. Diesmal lag mein Augenmerk auf den Bilderbüchern für die ganz Kleinen, damit Leo, der Büchertrog-Löwe, wieder einen vollen Bauch bekommt. Mit der Eichhörnchen-Geschichte „Mein Baum gehört mir!“ und vielen anderen schönen Büchern bekommt er endlich wieder Futter. Im Moment gehen Kinderbücher immer noch weg wie warme Semmeln. Kaum hatte ich einen Stapel Weihnachtsgeschichten-Bücher aus dem Lager geholt, stürzte sich eine Leserin mit ihrem fünfjährigen Sohn darauf – und weg waren sie. Alle. Auch die Weihnachtsbastelbücher. Wahrscheinlich sehe ich sie erst im nächsten Jahr wieder, denn diese Familie kommt aus ihrem Dorf selten ran. Ich denke, sie werden viel Freude haben, besonders an meiner Lieblingsgeschichte „Mein 24. Dezember“ von Achim Bröger. In dieser Geschichte erlebt ein Hund zum ersten Mal Weihnachten. Er muss erkennen, dass der Weihnachtsbaum nicht zum Beinchenheben geeignet ist und dass dieser komishe bärtige Mann im roten Mantel, den er vertrieb, kein Feind war. Auch war der Weihnachtsbraten nicht wirklich für ihn bestimmt … 😀 Wirklich lustig, diese Geschichte, für Leser von 4 bis 99 Jahren ein Vergnügen. Wir haben sie sogar mal auf einer Seniorenweihnachtsfeier in Plattdeutsch vorgetragen und hatten die Lacher auf unserer Seite.

Interessant verlief der Handwerker-Termin. Wir kamen sofort miteinander ins nette Gespräch, natürlich über das leidige C-Thema. Und siehe da – noch jemand, der sich alternativ informiert und seine eigene Meinung vertritt, auch über das Impfen. Über die Impfstoff-Entwickler war er sogar besser informiert als ich, da konnte ich echt etwas lernen. So langsam habe ich das Gefühl, dass ich mehr Menschen treffe, die sich die richtigen Fragen stellen als solche, die sich in Angst und Schrecken versetzen lassen. Das ist sehr wohltuend. Denn es gibt immer noch einige Freunde und Bekannte, die mich meiden wie die Pest, weil ich täglich öffentliche Verkehrsmittel benutze. Okay, wenn ihnen das hilft und sie sich so sicherer fühlen … – jeder darf seinen eigenen Film abspulen. Ich respektiere es und greife dann eben zum Telefon, wenn ich Kontakt halten möchte.

Was ich allerdings bis jetzt vor mir herschiebe, sind lange fällige Briefschulden. Ja, Briefe in echt. Es gibt sie noch und ich schreibe sie gern! Allerdings brauche ich dazu mal einen ruhigen Tag. Das letzte verlängerte Wochenende war dann doch zu schnell vorbei. Also was tun? Noch einmal Urlaub beantragen und noch ein verlängertes Wochenende zelebrieren! Die Bibliothek kann warten. Alle Buch- und Medienbestellungen sind erledigt, die Rechnungen und Lieferungen erwarte ich erst später, eine beantragte Förderung muss jetzt doch noch nicht ausgegeben werden, Bibliotheksveranstaltungen locken immer noch down, alle Anfragen für das Stadtarchiv sind erledigt, also nix wie weg. W wie weg, würde Elke schreiben. 🙂

Ich inspizierte meine Weihnachtspost-Kiste. Kein Wunder, dass ich so lustlos war! Ich hatte ja kaum noch Utensilien, die mir wirklich gefielen! Weder schöne Umschläge noch schöne Karten – naja, und Winterfotos? Fehlanzeige mangels Winter in den letzten drei Jahren. Um mich zu motivieren, machte ich erstmal einen ausführlichen Bummel durch mein Lieblings-Papierhaus. Farbige Umschläge, Schneeflocken-Aufkleber und so allerlei nützliches Zeug landeten im Einkaufskorb, dazu noch der Taschenkalender für das nächste Jahr, den ich sonst immer schon im Herbst kaufe. Die Verkäuferin staunte. So viele Umschläge? Und keine Karten dazu? „Die Karten bastle ich selbst mit eigenen Fotos!“ Die Verkäuferin war so baff, dass ich vermute, einen solchen Aufwand für Weihnachtskarten erlebt sie sonst wohl nicht oft. Zum Glück hatte ich noch einen Gutschein für dieses Papierhaus einzulösen, da wurde die Rechnung nicht ganz so teuer. Bei einem anderen Anbieter waren mir noch zufällig lustige Elch-Masken 🙂 über den Weg gelaufen. Wie geschaffen für zwei Freundinnen, die es lustig mögen. Wenn schon „schützen“, dann aber auch mit Schmunzel-Alarm! 😀

Nun sitze ich hier und schreibe Weihnachtsbriefe und Weihnachtskarten, denke an die lieben Empfänger und erzähle ihnen ausführlich über mein Leben in den letzten Wochen und / oder Monaten. Auch andere Schreiber sind schon aktiv und schreibwütig wie nie zuvor. Von einem Bekannten erhielt ich einen seitenlangen Brief, in dem er fast sein ganzes Leben Revue passieren lässt. Er erzählte mir (und seinen vielen Freunden, Kollegen und Bekannten, die diesen Rundbrief erhielten) vieles, was ich über ihn noch nicht gewusst hatte. Er muss Stunden an diesem Brief mit eingefügten Fotos gesessen haben. Ich fühlte mich richtig geehrt, diesen Brief erhalten zu haben, ganz ehrlich! Nun bin ich dabei, ihm ebenfalls zu schreiben und ihm etwas Freude zurückzugeben. Nichts ist jetzt wichtiger als das.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ebenso schöne, mit Liebe geschriebene Adventsbriefe und Adventskarten und viele Nikolaus-Überraschungen!

Auf der Buchmesse gestöbert

Es ist wieder soweit: Leipzig liest und lädt die ganze Welt dazu ein, neue Bücher zu entdecken. Meine Lieblings-Buchhandlung hat, wie in jedem Jahr, einen Bus gechartert, damit lesehungrige Stammkunden die Leipziger Buchmesse erkunden können. Schon im letzten Jahr erhielt ich eine Mail: „Wollen Sie mit auf die Buchmesse? Es sind nur noch drei Plätze im Bus frei!“ Ups, so früh schon alles ausgebucht? „Ich brauche alle drei Plätze!“, mailte ich zurück. Zwei Leserinnen der Bibliothek wollten unbedingt mitfahren.

Gestern war es nun soweit. Eigentlich strotzte ich nicht gerade vor Tatendrang, denn der Super-Vollmond hatte mich in der Nacht nicht schlafen lassen. „Das kann ja heiter werden“, dachte ich. Aber immer, wenn ich befürchte, ein besonderer Tag könnte anstrengend oder stressig werden, dann wird es gerade ganz besonders schön. Je näher wir nach Leipzig kamen, um so mehr riss der Himmel auf, die Sonne kam, die Gespräche im Bus wurden interessanter und alles war gut. Die lieben Buchhändler hatten wieder mal einen leckeren Verpflegungs- und Informationsbeutel gepackt. Meine Mitfahrerin griff sich als erstes das „Buchjournal“ und hielt mir schließlich grinsend die Seite 1 hin. Na, das war ja mal ein schöner Tages-Auftakt! Gut sichtbar präsentiert, mit meinem Klappentext daneben, strahlte mich das Cover meines neuen Sagenbuches an. Wow!!! Die Buchhandlungen, die das „Buchjournal“ verteilen, haben in jeder Ausgabe Seiten zur Verfügung, die sie selbst gestalten können. Und mein Buchhändler, der ja gleichzeitig mein Verleger ist, hat gleich die Hälfte der ersten Seite meinem Sagenbuch gewidmet. 🙂

Nach vier Stunden Fahrt konnten wir uns ins Buchmesse-Getümmel stürzen. Mit meiner Mitfahrerin, einer eifrigen Leserin meiner Stadtbibliothek, hatte ich vereinbart, dass wir uns einfach treiben lassen. Wir ergänzten und perfekt und hatten das selbe Schritt- und Schau-Tempo und auch ähnliche Interessen. Statt haufenweise Buchkataloge zu sammeln, fotografierten wir einfach die Titel, die uns interessierten. Sie „verschlingt“ täglich Bücher und ist dabei offen für vieles, ich hatte die Interessen aller Bibliotheksleser im Blick. So suchten wir nach den ultimativen Fantasy-Romanen, den spannendsten Krimis und Thrillers, anrührenden Familiensagas, interessanten Sachbüchern und, ganz wichtig, Kinderbüchern, die den Kindern wirklich Spaß machen.

In der Kinderbuch-Halle tummelten sich wirklich die Kinder und lasen ganz interessiert. Ein schöner Anblick!!! 🙂 Comic-Romane sind bei den Kindern immer noch hoch im Kurs. Die Reihe „Collins geheimer Channel“ kannte ich noch nicht. Fantasy ist bei den Kindern auch nach wie vor gefragt. Etablierte Reihen laufen weiter. So staunte ich z. B., wie viele Bücher „Luzifer Junior High“ es inzwischen gibt. Neu waren für mich „Kiesel die Elfe“, „Julie Jewells“ und „Monsterjäger“

Die Bücher für Erstleser werden pfiffiger. So wurde die Leselöwen-Reihe etwas aufgepeppt. Wenn ein Buch für ältere Kinder, wie z. B. die „Ostwind“-Reihe oder „Petronella“ (ein Hexlein) , gut läuft, wird neuerdings flugs eine Erstlese-Variante hinterher geschoben. Aber auch sonst sind die Erstlese-Geschichten spannender geworden.

Immer noch stark verbreitet ist die allgemeine Spaltung in „Bücher für Mädchen“ mit pastellfarbenem Glitzer-Cover und „Bücher für Jungs“ in dunklen Farben mit gelb-grünlich leuchtenden Schwertern oder ähnlichem. Beispiel: „Die Monsterprüfung“. Wenn die Kinder dieser Generation mal erwachsen werden, dann erwarten sie wahrscheinlich genauso pink glitzernde Frauenromane und Männer-Romane mit leuchtenden Star Wars-Schwertern auf dem Cover. Aber egal, wichtig ist, dass die Kinder ein Gefühl dafür entwickeln, dass Lesen Spaß machen kann, dass Bücher Portale sind zu magischen Welten.

Wenn man genau hinschaut, gibt es ja schon geschlechtsspezifische Aufmachungen bei Erwachsenen-Romanen. Wenn auf einem Buchcover eine Frau in einem schönen Kleid erwartungsvoll zu einer Villa schaut, dann handelt es sich garantiert um eine schöne, rührende Familiensaga für Frauen. Weil ihre letzte Trilogie mit eben diesen Covern so toll angenommen wurde, macht Ulrike Renk beispielsweise gleich weiter: „Die Seidenstadt-Saga“. Mit ähnlichem Cover werben „Die Villa in der Elbchaussee“ (Lena Johannson) oder „Die Lytton-Saga“ (Penny Vincenzi). Manchmal sind es auch einfach Cover mit romantischen Häusern ohne schöne Frauen davor, die eine Familiensaga enthalten: „Das Weingut“ (Marie Lacrosse) oder „Der Gutshof im Alten Land“ (Michaela Jary). Da die Leser solche Geschichten so lieben, habe ich in fünf Jahren in meiner Bibliothek wohl Regale voller Bücher mit schönen Frauen vor schönen Villen zu stehen. 🙂 Das peppt die schwarzen Bibliotheks-Regale ungemein auf. 🙂

Bücher, die früher mal gut gelaufen sind, wie die Zeitreise-Reihe von Diane Gabaldon, werden nun im zeitgemäßen Cover neu aufgelegt. Man muss schon sehr genau hinschauen: Ist es eine Neuerscheinung oder ist es nur „Aus alt mach neu“.

Entzückt waren wir über eine Fantasy-Ecke für Erwachsene. Meine Begleiterin stürzte sich auf die Reihe „Das Zeitalter der Fünf“ von Trudy Canavan. Ich begeisterte mich für „Die Götter von Asgard“ und „Helden von Midgard“ von Liza Grimm alias Jennifer Jäger.

Und was gibt es Neues in Sachbuch-Bereich? Natürlich Gesundheits-Bücher ohne Ende, wie „Der Selbstheilungs-Code“ und weiterhin Ernährungsbücher ohne Ende, nicht nur von den Ernährungs-Docs. Z. B. „Warum wir ohne Hunger essen müssen“. Die neuesten Sachbücher sind mehr Erfahrungsberichte als Anleitungen. So beschreibt Meike Winnemuth, die Weltreisende, wie sie das Bewirtschaften eines eigenen Gartens für sich entdeckte und wie sie sich anhand von Youtube-Videos das Gärtnern beibrachte. Hm. Ich ahne es. Es kommen schlechte Zeiten für Do it yourself-Bücher …

Das Buch als Medium wird niemals aussterben, davon bin ich überzeugt. Die E-Books machen gegenwärtig höchstens 10% der Entleihungen in einer Bibliothek aus. Kinder greifen generell lieber zum Buch als zum E-Book. Und wenn man während der Buchmesse an den Ständen, in den Gängen, während der Lesungen, auf den Höfen in der Mittagssonne, beim Cappuccino in der Snack Bar mal die Leute beobachtet, ein bunt gemischtes Publikum, alt, jung, Mann, Frau, divers, Anzugtypen, Jeanstypen, Kinder, Jugendliche, Manga-Fans – dann geht einem wieder mal das Herz auf bei so viel Leselust.

Buchmesse und das Kommen und Gehen der Bücher

Buchmesse und das Kommen und Gehen der Bücher

So schnell vergeht ein Jahr! Es ist wieder Buchmesse-Zeit! Meine Lieblingsbuchhandlung hatte wieder einen Bus gechartert, um den Interessierten aus unserer Region eine komfortable Reise zur Buchmesse zu ermöglichen. Diesmal waren wir zu dritt, denn neben meiner Freundin konnte ich auch eine meiner aktivsten Bibliotheks-Leserinnen begeistern, die zum allerersten Mal Buchmesse-Luft schnuppern wollte. Dieser Konstellation meiner Reisebegleitung sah ich nun mehr als gespannt entgegen. Es harmonierte super mit uns dreien und die Leserin wird auch im nächsten Jahr wieder mitkommen. 🙂 Die Bibliotheks-Leserin wollte möglichst alle bekannten Verlage zu sehen. Meine Freundin war bedauerlicherweise gesundheitlich etwas unpässlich und schlich hinter uns her. Sie hielt aber gut durch und stürzte sich eifrig auf die Neuerscheinungen zur Politik und Geschichte. Meine Leserin und ich fachsimpelten dagegen über die aktuellen Romane. Ich beobachtete interessiert, worauf sie sich „stürzt“, denn ich kenne ihren guten Geschmack In vielem liege ich mit ihr auf einer Wellenlänge. Wir suchten gemeinsam das neue, unbedingt lesenswerte Fantasy-Buch, wurden aber leider nicht fündig. „Das sind eh immer dieselben Geschichten, nur immer etwas anders verpackt“, meinte die Leserin, und da hat sie irgendwie Recht. 🙂 Wir debattierten eifrig, ob man beispielsweise „Kain und Abel“ von Jeffrey Archer unbedingt für die Bibliothek kaufen muss oder nicht. Am Tag zuvor hatte ich dieses Buch schon gemeinsam mit einer Kollegin nach einer Fortbildung in der Buchhandlung liegen sehen. Wir hatten gemeinschaftlich gestöhnt, denn wir Bibliothekarinnen kämpfen immer noch damit, den Überblick zu behalten, wer von unseren Lesern welchen Band der siebenbändigen Clifton-Saga als nächstes lesen möchte. Ich hatte ja im Blog schon des Öfteren erwähnt, dass ich prinzipiell gegen solche mehrbändigen Sagas bin, aber die Clifton-Saga-Bände in meiner Bibliothek sind größtenteils Schenkungen.

Meiner Freundin fiel übrigens auf, dass es ein Trend zu sein scheint, die Klassiker der Weltliteratur in besonders schönen, liebevoll gestalteten Taschenbuchausgaben neu zu verlegen. Wir staunten über Neuausgaben von Kästner, Werfel, Remarque und vielen anderen. Und ich hatte noch zwei Tage zuvor ratlos die schon ziemlich lädierten, aber immer noch gern ausgeliehenen DDR-Ausgaben dieser Klassiker angeschaut und mich gefragt, wie ich damit umgehen sollte.

Mit den Veranstaltungen war es in diesem Jahr schwierig. Meine Bibliotheksleserin wollte sich am liebsten ausschließlich auf die Bücher stürzen, ich wollte zu Bernhard Schlink, meiner Freundin war alles egal. Bernhard Schlink verpasste ich zweimal, bei der dritten Veranstaltung war es so voll, dass kein Rankommen war. Eine Mitfahrerin im Reisebus erzählte auf der Rückfahrt, dass es eher ein Interview als eine Lesung war, und dass die Moderatorin so grottenschlechte und primitive Fragen gstellt hätte, dass sich alle Zuhörer nur geärgert hatten. Im Vorbeigehen sahen wir noch ganz von fern auf dem blauen Sofa in der Glaushalle Sahra Wagenknecht, aber akustisch war aus dieser Distanz absolut nichts zu verstehen. Nach ihr sollte eingentlich Jojo Moyes lesen, was meine Bibliotheksleserin und mich schon sehr interessiert hätte. Da uns aber die Bücher noch mehr interessierten, verzichteten wir daraus, und eventuell zwei Stunden vorher schon einen Platz zu sichern, damit wir überhaupt die Chance hatten, die Lesung zu verfolgen. Ab und zu blieben wir im Vorbeigehen bei weniger besuchten Lesungen stehen und hörten mal einige Minuten rein.

Zwischendurch überraschte ich mich selbst. Meine beiden Begleiterinnen blieben am Stand eines kleinen Verlages stehen und lasen sich fest, so dass ich wohl oder übel hinterherging. Im letzten Jahr noch war ich an diesem Verlagsstand vorbei gegangen und hatte dabei eine leichte Wut im Bauch. Diesmal schaute ich mir die Auslagen an und stand staunend neben mir als ich mich sagen hörte: „Auf Ihren Verlag bin ich total sauer!“ 🙂 Meine beiden Begleiterinnen schauten auf, die eine wissend, die andere sehr verdutzt. Die jetzige Verlagsleiterin eilte hinzu und ich begann, mir den Frust von der Seele zu reden. Es war der Verlag, in dem eins meiner Sagenbücher erschienen war. Der Verlag hatte sich nicht an seinen eigenen Vertrag gehalten. Für mein nun entstehendes neues Sagenbuch ergab sich vor kurzem so quasi nebenbei die Zusammenarbeit mit einem neuen Verlag. Es tat gut, den Frust endlich dort loszuwerden, wo er hin gehörte. Es stellte sich heraus, dass die Schuld nicht, wie von mir vermutet, bei der neuen Verlagsleitung lag, die sich ehrlich und sehr betroffen entschuldigte. Bei der alten Verlagsleitung, mit der ich meinen Autorenvertrag abgeschlossen hatte, war wohl einiges schief gelaufen. Das hatte ich auch schon von anderen Autoren dieses Verlags gehört, deshalb glaubte ich es sofort. Wir trennten uns friedlich, jeder wünschte dem anderen Glück auf seinem Weg und wir gingen weiter zum Nachbarstand. Das war irgendwie symbolisch, denn auch im Verlag „nebenan“ hatte ich schon publiziert, und die Zusammenarbeit mit diesem Verlag läuft immer noch erfolgreich und für beide Seiten gut.

Als der Tag zu Ende ging, merkte ich erst, wie anstrengend er war. Wir sind wirklich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, sind von Verlag zu Verlag geschwebt, mit nur einer halbstündigen Kaffeepause dazwischen. Wir sogen mit allen Sinnen die Atmosphäre ein und beobachteten beim Kaffeetrinken die vorbei gehenden Messebesucher. Menschen jeden Alters, ganze Familien, ganze Schülergruppen, natürlich wieder verkleidete Manga-Fans. Meine Bibliotheks-Leserin war begeistert und konnte nicht genug kriegen.  Meiner Freundin ging es zunehmend besser und auch sie taute im Laufe des Tages immer mehr auf. Ich war rundum glücklich und beobachtete die vielen literaturinteressierten Messebesucher. Und ich habe so viele Anregungen für neue Bucheinkäufe, dass es kein Problem sein dürfte, den Geschmack meiner Bibliotheksleser (und meiner Familie bei den Ostergeschenken) zu treffen.

Heute katte ich Urlaub und konnte alles sacken lassen. Ich dachte auch noch einmal über das Gespräch mit meinem ehemaligen Sagenbuch-Verlag nach. Es tat sehr gut, in diesem Gespräch von Angesicht zu Angesicht reinen Tisch zu machen. Den Groll über drei Jahre mit sich rumzuschleppen, war keine gute Lösung. Wie soll ich denn unbeschwert ein neues Sagenbuch zusammenstellen, wenn das Vorgänger-Buch quasi noch nicht richtig verabschiedet werden konnte? Wenn da immer noch etwas ungeklärtes im Raum schwebte? Kein Wunder, dass ich mich schwer tat mit dem neuen Manuskript. Aber jetzt ist alles gut. Jetzt darf es wachsen, das neue Buch. Ende gut, alles gut.

Non, mon Cherie!

Turbulente Zeiten sind das wieder. Manchmal kann ich nur ratlos mit dem Kopf schütteln und mich fragen, wie so etwas passieren kann. Eine Kollegin in der Stadtverwaltung arbeitet schlampig und mindestens fünf Leute haben Ärger und zusätzlichen Zeitaufwand. Dann wiederum ergibt sich beinahe nebenbei etwas, was ich nicht zu hoffen gewagt hätte, und was eine Freundin mit ihrem Standardsatz kommentiert: „Bei dir fügt sich mal wieder alles!“ 🙂 Stimmt. Es fügt sich aber nicht einfach so, sondern das, was sich fügen soll, muss stimmig sein und man muss sich zuvor mit ganzem Herzen dafür einsetzen, dass es sich fügen kann. Also nur auf dem richtigen Weg ergeben sich magische Fügungen. Sobald sich etwas als immens schwere Land anfühlt, sollte man sich fragen, ob das der richtige Weg ist oder ob es auch anders gehen kann. Ober ob man sich ein falsches Ziel gesetzt hat.

Aber darüber wollte ich garnicht schreiben. In Zeiten wie diesen, wenn es tagsüber dunkelgrau ist und nachts so klar, dass der Vollmond direkt auf mein Bett scheint und mich weckt, in denen alles irgendwie turbulent ist, in denen man vieles hinterfragen muss, half für den Extremfall immer ein Stück Schokolade. Immer lag etwas eingewickeltes, schokoladiges 🙂 oder Marzipan auf meinem Schreibtisch. Ein Stück, zwei Stück, auch drei – dann war ich wieder fit für das, was so kommt.

Dieses Jahr ist alles anders. Ich brauche keine Schokolade und auch kein Marzipan. Weder tagsüber in der Bibliothek noch abends. Ich brauche manchmal noch nicht mal ein Mittagessen. Mir reicht einer der leckeren italienischen Äpfel, die ich neuerdings für mich entdeckt habe. Endlich eine Sorte, die mich annähernd an die Äpfel des knorrigen Baumes aus meiner Kindheit erinnern. 🙂 Warum ich mich im Moment so ernähre, weiß nur mein Körper. Es steht kein Abnehmen wollen dahinter, kein Schlankheitswahn, kein Heilfasten oder sowas. Die alte Personenwaage, die ich von meiner Oma geerbt habe, ist seit Monaten unbenutzt. Es ist einfach so, dass ich auf meinen Körper höre, und der sagt mir genau, was er gerade braucht oder nicht braucht.

Noch stapeln sich die meisten Weihnachts-Leckereien in meiner Wohnung. Da ist kein Bedürfnis, sie anzurühren. Auch in der Bibliothek stapelt es sich.

Viele nette Kunden wollen ja vor Weihnachten einen süßen Dank loswerden. Eine sehr nette Geste, auch ich stecke gern mal meiner netten Friseuse zum Trinkgeld noch einen Schokoladenweihnachtsmann dazu. Mein Neffe, Hörakustiker, und seine Freundin, Physiotherapeutin, werden regelmäßig, nicht nur zur Weihnachtszeit, mit Süßigkeiten zugeschüttet. Also bitten sie sich regelmäßig zu Ostern und zu Weihnachten in der Familie aus: Keine Schokolade! Und bitte erst recht kein Merci!!!“ 🙂

Okay, dann ist es eben so. Bei dieser Gelegenheit kann man sich ja mal selbst hinterfragen: Muss es wirklich immer ein Weihnachtsmann sein oder freut sich Conny, meine lustige Friseuse, nicht auch über etwas Trinkgeld mehr, gerade vor Weihnachten? Zumal sie in der Friseurbranche wirklich nicht viel verdienen. Und wenn ich mich recht entsinne, hat die Schwester meiner Augenärztin auch mal etwas gequält geschaut, als ich vor Jahren in der Weihnachtszeit mit einem Pralinenkarton als Dankeschön dort ankam. Okay, falls ich mich also wieder mal bei irgendwem für den netten Service bedanken will, gebe ich lieber etwas in die Kaffeekasse. Das soll jetzt keine Aufforderung sein. Als öffentlich Bedienstete darf ich nämlich keine privaten Geldspenden annehmen. Sollte doch jemand etwas spenden wollen, dann geht das in eine amtliche Spendenkasse, die einmal jährlich in die Stadtkasse gebracht wird, um so den maroden Stadt-Haushalt zu retten. 🙂 Der süße Merci-Dank scheint übrigens bei uns im Nordosten mehr Brauch zu sein als in Bayern. Seit mein Neffe und seine Freundin in Bayern – oh, Verzeihung, natürlich in Franken – wohnt, werden sie als Dank von älteren Klientinnen bestrickt. So haben sie jetzt haufenweise neue Schals, Mützen, Handschuhe, Loops und alles, was man so stricken kann. Auch eine nette Geste, kann aber auch wieder zuviel des Guten werden.

Als mein Neffe und seine Freundin von den süßen und kreativen Kunden-Gaben erzählten, habe ich immer gelacht. Sowas passiert mir nicht. Jedenfalls nicht oft. Meine Bibliotheksleser bringen mal Bücherspenden und wenn sich dann doch selten mal ein Stück Schokolade in die Bibliothek verirrt, packe ich das auf den Kaffeetisch, wenn meine beiden ehrenamtlichen Helferinnen kommen. In besonderen Fällen, etwa bei besonders aufwändigen Recherchen im Stadtarchiv, kam schon mal jemand mit einer Flasche Wein, die ich manchmal selbst nehme, aber auch manchmal einfach im Arbeitskreis Stadtgeschichte weiter verschenke, wenn jemand von ihnen an den Recherchen beteiligt war. Es gab auch schon mal Gläser mit Honig aus eigener Imkerei, selbst gemachter Marmelade oder selbst gemachter Leberwurst. Und einmal hat mir eine Leserin einen tollen, robusten Stoffbeutel genäht, weil sie es überhaupt nicht gut fand, dass ich immer mit einer Plastiktüte zum Bibliotheks-Postfach in der Stadtverwaltung flitzte. Sie hatte ja Recht und ich nehme den Beutel jetzt gern. 🙂 Wenn mal ganz selten solche netten Gaben kommen, dann rührt mich die Geste, die dahinter steckt, mehr als die Gabe an sich. Obwohl, bei den seltenen selbst gemachten Köstlichkeiten sage ich nie „nein“, schon allein, um den Aufwand zu ehren. 🙂

Anders war es in diesem Jahr. Hatte ich vor einem Jahr noch über die Schokoladenflut bei meinem Neffen und seiner Freundin gelacht, war ich nun selbst dran. Alle hatten sich verabredet, mir Süßes schenken zu wollen. Und fast alle kamen mit Mon Cherie-Packungen an. Erst fand ich das ja noch toll, und meine ehrenamtlichen Mädels auch. Vor Weihnachten griffen wir noch munter zu. Schokolade hebt die Stimmung an grauen Wintertagen. 🙂 Aber als ich im Januar den Mon Cherie-Berg anbot, streikten die Mädels. Schlankheitskur war angesagt! Und ich hatte, wie oben beschrieben, null Appetit auf garnix. Da ich selbst diese Kirschpralinen zwar esse, aber eigentlich mal vor Jahren mit einigen Freundinnen den „Club der Marzipanfreunde“ gegründet hatte, saß ich nun ratlos da. Wohin mit dem Zeug? Normalerweise wäre das überhaupt kein Problem, denn mein Vater braucht Mon Cherie sozusagen als Grundnahrungsmittel. Aber auch er streikte: „Ich habe über Weihnachten zu sehr zugenommen, muss abnehmen!“ Na toll.

Vorgestern kam die Kita-Gruppe zu einer Lesung – wie immer schön. Nun sind sie schon Vorschulkinder, die Kleinen, die ich seit drei Jahren mit gelegentlichen Lesungen begleiten darf. Und zuhören und sich etwas merken können sie auch inzwischen. 🙂 Partielles Aufmerksamkeitsdefizit: Wie heißt das Pony? Ich finde es immer toll, wenn die Kinder mir als Dank ein Lied singen. Aber diesmal – oh Schreck – die nächste Packung Mon Cherie!!!

Nächste Woche trifft sich mein Verein. Dreizehn Leute werden angestrengt über dem neuen plattdeutschen Programm für die nächste Aufführung brüten. Bei so vielen rauchenden Köpfen kann man vielleicht mal als kleines Doping eine Packung Mon Cherie in die Runde schmeißen. 🙂

Bücher, Bücher, Bücher …

Am 2. 11. 2017 erfuhr ich, dass die Landesfördermittel für den Medienankauf kurz vor der Auszahlung stehen. Bis dahin wusste ich zwar, dass meine Bibliothek wieder in den Genuss von Fördermitteln kommen wird, aber nicht, mit wieviel Geld ich rechnen darf. Es ist jedes Jahr dasselbe Spiel. Nein, stimmt nicht. Im letzten Jahr war es anders. Da hatte wohl irgendjemand Interesse daran, dass der Geldsegen, der dazu noch größer als üblich war, uns ausnahmsweise schon vor der Landtagswahl in M-V im September erreicht. 🙂 So langsam empfinde ich den allzu späten Landesfördermittel-Segen als ständige, gedankenlose Ignoranz unserer Arbeit. Wie sollen wir da planen? Wie sollen wir in so kurzer Zeit sinnvoll neue Trends setzen? Noch dazu, wenn es eine Bibliothek mit nur einer Mitarbeiterin in einer Kleinstadt ist? Im Ministerium gibt es die Meinung: „Geld ausgeben geht immer!“ Ja, stimmt, geht auch immer. Notfalls auch noch am 30.12. mittags. Aber inwieweit ist man dann noch in der Lage, das Geld sinnvoll einzusetzen?

Es gibt ja viele Anbieter, die auf Bibliotheken spezialisiert sind. Aber die haben alle im November und Dezember Stress und Hochkonjunktur. Genau wie ich. Der November war auch in meiner Bibliothek ein gut frequentierter Monat. Wendet man sich an den Hauptdienstleister für Bibliotheken, dann erhält man zwar ein Lektorat dazu, der Service rund um die Bibliothek frisst dann aber wieder den Bibliotheksrabatt auf. Außerdem liebt dieser Dienstleister es, unzählige kleine Lieferungen mit unzähligen kleinen Rechnungen für nur eine große Bestellung zu schicken. Habe ich schon öfter getestet, aber letztendlich festgestellt, dass ich das Lektorat, zumindest bei Romanen, Kinderbüchern und Hörbüchern, allein besser hinkriege, wenn dann auch Zeit dazu ist. Aber die Zeit habe ich meist nicht. Eine sehr gute Zusammenarbeit verbindet mich mit der Firma Spieltruhe. Die haben einen super Service für Brettspiele und tiptoi-Bücher. Allerdings wollen sie ab Mitte Dezember schon ihre verdienten Betriebsferien antreten. Also sollte man dort schon möglichst Anfang Dezember mit allen Bestellungen durch sein.

Neuerdings buhlen auch große Buchhandelsketten um die Gunst der Bibliotheken. Hugendubel schreibt mich z. B. ständig an, offeriert irgendwelche Angebote, die bei genauem Vergleich aber anderswo noch günstiger zu haben sind. Sie geben auch Bibliotheksrabatt und bieten Info-Veranstaltungen zu Neuerscheinungen an. Weltbild hat dagegen vor einigen Jahren den Bibliotheksrabatt komplett gestrichen, mit dem Hinweis, ihre Bücher seien sowieso günstiger zu haben als anderswo. Tja, da haben sie eben Pech gehabt und zahlreiche Kunden verloren. Ab und zu nutze ich mal die Rabattaktionen beim Weltbild-Ableger bücher.de, aber dort gibt es nur „für nicht preisgebundene Ware“ Rabatte. Also alles außer Buch.

Vor einigen Jahren waren noch einige „fliegende Buchhändler“ unterwegs. Also Buchhändler ohne Buchhandlungen, die die Ost-Bibliotheken bereisten, oft auch spontan ohne Termin, mir einen Katalog vor die Nase knallten, aus dem man dann sofort bestellen sollte. Das muss nach der Wende mal ein ziemlich gewinnbringendes Geschäft gewesen sein. Nachdem der eine dieser Händler mir die Bücher in einem nach Zigarettenrauch stinkenden Paket geschickt hatte und der zweite mir überalterten Kram andrehen wollte, wimmelte ich diese unangenehmen Leute konsequent ab. Wahrscheinlich war es wirklich mal ein tolles Geschäft, durch das Ossiland zu reisen und überalterte Ware oder Ladenhüter anzubieten.

Da lobe ich mir meine Buchhandlung am Ort. In meinem kleinen Arbeitsort gibt es aber leider schon längst keine Buchhandlung mehr. Wahrscheinlich werde ich gerade deshalb immer wieder von fragwürdigen Angeboten heimgesucht. Wohl aber gibt es in meinem Wohnort noch zwei Buchhandlungen. Mit einer dieser Buchhandlungen verbindet mich eine jahrelange, sehr gute Zusammenarbeit. Selbst wenn ich sie, zusätzlich zum eigentlichen Weihnachtsgeschäft mächtig unter Stress setze, sind sie freundlich, kompetent und versuchen immer, das Unmögliche noch vor Kassenschluss möglich zu machen, sogar mit 10% Bibliotheksrabatt. Ich versuche es auch, ihnen die Arbeit so weit wie möglich zu vereinfachen, also gibt es immer genaue, alphabetische Excel-Wunschlisten mit ISBN-Nummern und Preisen. Die Wunschlisten erstelle ich zu Hause, abends nach der Arbeit oder am Wochenende.

Eigentlich lebt man ja als Bibliothekarin sowieso mit Büchern. Beim Frühstück liegt schon ein Zettel auf dem Tisch, um die guten Literaturempfehlungen von Anneliese Stoltenberg im NDR Kultur nicht zu verpassen. Jeder Wunsch der Leser wird sowieso notiert, bei jedem Gespräch im Freundes-und Familienkreis werden Buchtitel notiert, jede Buchhandlung in jeder Stadt, die ich auf Reisen sehe, ist meine. Das ganze Jahr über suche ich gern auf Buchhandelsseiten und in Literaturblogs. Natürlich immer mit den Wünschen meiner Leser im Blick. Welche neuen Familien-Schicksals-Romane gibt es? Sind die in sich abgeschlossen oder ist es wieder der siebente Teil von irgendwas? 🙂 „Die sieben Schwestern“ von Lucinda Riley habe ich übrigens von vornherein abgewählt, ebenso wie die mehrteilige Ferrante-Saga, und es hat noch nie eine meiner Leserinnen danach gefragt. Die Clifton-Saga habe ich nur im Bibliotheksbestand, weil ich daraus einige Bände geschenkt bekam. Jetzt erscheint gerade Band 7, es soll der letzte sein. Jauchzet, frohlocket!!! 🙂

„Die Tuchvilla“ von Anne Jacobs (Trilogie) lief bei meinen Lesern ganz gut. Ob „Das Gutshaus“ ebenso gut laufen wird? Eine Rezensentin auf der Thalia-Seite deutete an, dass mal wieder die blöden Ossis dumm dastehen in dieser Geschichte um ein altes Herrenhaus in Mecklenburg. Ups! Ich hatte sogar schon überlegt, ob ich dieses Buch meinen Eltern schenke, aber zumindest das fällt jetzt aus. Sowohl meine Eltern als auch viele Bibliotheks-Leser mögen es sowieso lieber anspruchsvoller. Mit dem 87. Buch des Ehepaares, welches unter dem Pseudonym „Iny Lorentz“ schreibt, brauche ich da den meisten nicht mehr zu kommen. Eher mögen so etwas wie „Die Brückenbauer“ – Serie von Jan Guillou die sehr viel gelesen wurde. Der letzte Band „Die Schwester“ fiel aber wieder total ab (vielleicht brauchte der Autor Geld?). Weitere große, lesenswerte, niveauvolle historische Romane muss man schon mit der Lupe suchen, wenn man nicht gerade wieder den xten Teil von irgendeiner Saga kaufen will. Ken Follett – naja. Seine letzten Bücher gingen jedenfalls in meiner Bibliothek nicht besonders gut. „Underground Railroad“ von Colson Whitehead ist sehr vielversprechend, privat habe ich es gern gelesen, dann wird es wohl auch meinen Lesern gefallen. Natürlich hatte ich als Jugendliche „Wurzeln“ von Alex Hailey verschlungen und „Die Farbe Lila“ von Alice Walker. Auch die Fernsehserie „Fackeln im Sturm“ verfolgte ich damals im „Westfernsehen“ mit großer Spannung. Deshalb dachte ich, das Thema wäre durch und man müsste es für nicht wieder aufwärmen. Aber „Underground Railroad“ lohnt sich wirklich zu lesen! Coras Geschichte ist spannend, berührend, ohne abgedroschene Südstaaten-Klischees, hat viele aktuelle Bezüge und damit auch eine umfassendere Sicht auf die Sklaverei in den Südstaaten der USA. Da Thema scheint gerade in der Luft zu liegen, denn es ist zeitgleich „Heimkehrer“ von Yasa Gyasi erschienen. Ansonsten scheint der Schwerpunkt bei den Neuerscheinungen von historischen Romanen eher um die Jahrhundertwende in Deutschland zu liegen. Dazu ist jetzt unheimlich viel erschienen. Für meine Eltern zu Weihnachten erwäge ich jetzt, „Mit der Flut“ von Agnes Krup zu kaufen. Einige der Bibliotheksleser werden sicher bei der Lektüre von John Boynes „Der Junge auf dem Berg“ ganz beeindruckt sein.

Die Hörbuch-Hörer unter den Bibliotheksbenutzern freuen sich immer über Humor und skurrile Geschichten. Also suche ich für sie. Gibt es etwas im Format von „Ein Mann namens Ove“ oder dem „Hundertjährigen“? „Die Wurzel alles Guten“ könnte so ein Hörbuch sein. Also auf jeden Fall mit auf die Bestell-Liste! Eine meiner älteren Hörbuch-Hörerinnen fragt immer wieder nach „dem Russen, den Sie mir mal empfohlen hatten“. Auch sie wird sich freuen. Von Wladimir Kaminer gibt es sowohl ein neues Buch als auch ein neues Hörbuch. Neuerdings fragt sie auch nach „dem Eckehard“. Nein, Hirschhausen hat leider nichts Neues rausgebracht. 🙂 Aber dafür ist die Internet-Omi auf Kreuzfahrt gegangen. Nachdem ich das neue Buch von „Renate Bergmann“ schon für die Bibliothek gekauft hatte, dachte ich, ich schenke noch eins davon meinen Eltern als witzige Reiselektüre für ihre Kreuzfahrt. Ganz selten liege ich mal total daneben, aber hier: absolute Fehlanzeige!!! Nach der Kreuzfahrt drückte mir meine Mutter das Buch mit spitzen Fingern in die Hand. „Hier! Das kannst du in deine Bibliothek stellen!“ Da steht es ja schon. Also ein Fall für den nächsten Bücherflohmarkt. Hätte ich doch lieber den Kreuzfahrt-Roman von Bodo Kirchhoff gekauft! 🙂 Unter den Hörbuch-Hörern sind auch viele Autofahrer/innen und Pendler/innen. Da muss es etwas interessantes sein, „etwas fürs Herz“, etwas skurriles oder auch seicht-witzig. Es gehen auch Krimis, wenn sie nicht allzu thrillermäßig sind. Sonst übersehen die nächtlichen Autofahrer vor lauter Spannung noch die rote Ampel und erleben ihren ganz persönlichen Thriller. 🙂 Gute Sprecher sind hier wichtig. „Mörder Anders und seine Freunde“ war als Story wirklich nicht allzu berauschend, aber Jürgen von der Lippe als Sprecher hat alles rausgerissen.

Bei Frauenromanen sind übrigens die im romantisch geblümten Cover, am besten noch mit Rezepten, nach wie vor bei den Leserinnen gefragt. Beliebt sind auch Schicksalsromane, die in unserer Region spielen, wie z. B. Corina Bomann. Natürlich darf auch der neue Ironside-Roman „Nein! Ich gehe nicht zum Seniorenyoga!“ nicht fehlen, und zwar als Buch und Hörbuch. Anspruchsvollere Leserinnen haben z. B. Jodie Picoult für sich entdeckt. Und gemeinsam mit mir freut sich eine Bibliotheksleserin besonders auf John Irvings „Straße der Wunder“. Und ich bin gespannt, ob „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky den Lesern gefällt. Ich werde es auch bestimmt irgendwann mal lesen. Meist lasse ich aber den Bibliothekslesern den Vortritt. Bis heute habe ich es beispielsweise nicht geschafft, eines der Wohlleben-Bücher zu lesen, da diese immer unterwegs sind. Vielleicht hilft es, diese im Freundes- und Familienkreis zu verschenken. Vielleicht borgt es mir dann ja mal jemand! 🙂

Im Fantasy-Bereich war ich etwas ratlos. Die Hugendubel-Leute hatten bei ihrer Neuerscheinungs-Präsentation auch nicht den neuen absoluten Kracher parat. Hier kommt eher das neu gelernte Wort „pingoff“ zum Einsatz. Also es wird aus einer schon erfolgreich gelaufenen mehrbändigen Serie ein Handlungsstrang herausgenommen und daraus eine neue mehrbändige Serie gebastelt. Oder die ganze, bereits erfolgreich gelaufene mehrbändige Serie wird noch einmal mehrbändig aus der Perspektive einer anderen handelnden Person erzählt. Nein. So etwas bestreike ich. Liebe Autoren, lasst euch mal wieder etwas kreatives einfallen!!!

Krimis und Thriller sind nicht so mein privates Leseding. Da kennen sich meine ehrenamtlichen Helferinnen Christina und Doreen besser aus. Ich bitte sie also regelmäßig um ihre Wunschlisten. In diesem Jahr waren sie allerdings keine große Hilfe. „Du findest immer so tolle Bücher – mach du mal!!!“ Okay, also weiter die Literaturseiten rauf- und runtergesurft. Krimis und Thriller werden viel gelesen und viel besprochen, da findet man genug Titel. Allerdings kann ich den Autor nicht verstehen, der ungefähr mal vor einem Jahr in einem Zeitungsartikel den skandinavischen und nordischen Krimi totgesagt hat und uns erzählen wollte, jetzt seien die amerikanischen Krimis im Kommen. Da merke ich nicht viel. Außer den schon bekannten Autoren ist mir in letzter Zeit nur Linda Castillo mit ihren Amish-Krimis aufgefallen.

Gestern war nun großes „Weihnachtskisten“-Auspacken in der Bibliothek. Das überließ ich meinen beiden ehrenamtlichen Mädels, während ich an der Theke nebenbei Schreibarbeiten erledigte. Immer wieder hörte ich ein verzücktes „Ah!“ und „Oh!“, während Christina und Doreen die drei prall gefüllten großen Kartons auspackten und die Lieferscheine abglichen. Zumindest für meine beiden fleißigen Helferinnen dürfte es schon mal ein spannender Lesewinter werden. 🙂 Vorher wartet aber noch ein ganzes Stück Arbeit. Die Mädels wissen inzwischen auch ohne Anweisung, was zu tun ist: „Folieren bis zum Umfallen!“, benannte Christina schon mal den nächsten ihrer Arbeitsschritte. 🙂 Und ich werde die Bibliothekssoftware füttern ohne Ende. Heute haben wir drei uns zur Stärkung ein Nikolaus-Essen bei meinem Lieblings-Kroaten gegönnt. Lecker!!! 🙂

Monster, Detektive und natürlich Lotta – ein Lesesommer beginnt

Als ich heute in meinem Arbeitsort aus dem Bus stieg, stand eine ganze Schulklasse an der Haltestelle, die gerade einsteigen wollte. Die Kinder strahlten mich an, winkten mir zu und begrüßten mich lautstark. Ich war völlig perplex. Hey, so eine Begrüßung hatte ich ja noch nie! So muss sich ein Rockstar fühlen, der aus dem Flugzeug steigt und von den Fans bejubelt wird. 🙂 🙂 Das war irgendwie auch so komisch, dass ich noch jetzt lachen muss.

Nun bin ich aber kein Rockstar, sondern Bibliothekarin. Und eben diese Schulklasse (2. Klasse) war am Vortag bei mir in der Bibliothek zu Gast. Erst waren sie ziemlich still, denn sie wurden von einer Lehrerin der alten Schule begleitet und wohl vorher „geimpft“: „In einer Bibliothek hat man leise zu sein! Man hört brav zu, wenn die Bibliothekarin vorliest!“ Nun wollte ich aber garnicht vorlesen und sie sollten auch nicht still zuhören. Das hätte sowieso nicht funktioniert, denn in der letzten Woche vor den großen Ferien haben die Kinder natürlich Hummeln im Hintern. Ich erzählte ziemlich frei, mit nur wenigen Lesepassagen dazwischen, eine Geschichte aus der Reihe „Ein Fall für Kwiatkowski“ von Jürgen Banscherus. Die Kinder waren aufgefordert, mitzuraten und sich selbst in die Lage des kleinen Privatdetektivs zu versetzen. Sie tauten wirklich immer mehr auf und die Lehrerin saß an der Seite und ließ mich machen. Die Kinder waren ziemlich clever und lösten den Fall. Und offenbar habe ich wirklich den Geschmack der Kinder getroffen und sie begeistert, sonst hätte ich heute am Bus nicht so eine Rockstar-Begrüßung gehabt. 🙂 Mittags traf ich die Kinder an der Haltestelle wieder, da hatten wir etwas mehr Zeit zum Erzählen. Mindestens drei Kinder versprachen, demnächst mit ihren Eltern zu kommen und sich eine Jahreskarte zu holen. Ob sie das wirklich tun, werde ich sehen, aber wichtig ist, dass sie den Bibliotheksbesuch in angenehmer Erinnerung behalten. Die Detektivgeschichte hatte ich ausgesucht, weil mir aufgefallen war, das seit einigen Monaten „Die drei ??? Kids“ wieder in Mode gekommen sind. Sie standen einige Jahre wenig beachtet im Regal, aber jetzt werden die zahlreichen Bände wieder gut entliehen.

Unmittelbar nachdem diese zweite Klasse gegangen war, stand gleich die vierte Klasse in der Bibliothek. Meine beiden ehrenamtlichen Mädels waren auch gerade gekommen und wir hatten nur einige Minuten zum Umräumen. Jetzt ging es darum, den Sommerleseclub zu bewerben und möglichst viele Kinder zum Mitmachen zu bewegen. Ich erklärte zunächst die Regeln für die Teilnahme und machte dann eine Art „bookslam“. Also ich versuchte, den Kindern so viele unterschiedliche Bücher wie möglich schmackhaft zu machen. Die Comic-Romane, ohne die im Sommerleseclub nichts geht, die Mädchenbuchreihen, die neue Abenteuerreihe „Tombquest“ und natürlich die Fantasybücher. Als ich gerade „Darkmouth“ in der Hand hielt, rief ein Mädchen begeistert: „Das kenne ich! Das ist richtig gut!!!“ Da ich das erste Buch dieser Reihe auch gelesen hatte und es auch gut fand, fing ich den Ball auf und erzählte etwas mehr darüber. Außerdem fragte ich das Mädchen, ob sie den dritten Band auch schon kennt, denn der war ziemlich neu und stand auch im Sommerleseclub-Regal. Nachdem ich das Regal zum Stürmen freigegeben hatte, waren sofort alle drei „Darkmouth“-Bücher weg. Der Junge, der den zweiten Band gegriffen hatte, war ein Wenig-Leser, ich kannte ihn. Ich erklärte ihm, dass es besser wäre, mit dem ersten Band anzufangen, denn sonst kennt man die Vorgeschichte nicht. (Außerdem ist die Reihe schon etwas für anspruchsvollere Leser.) Aber der Junge hielt das „erbeutete“ Buch fest umklammert und rückte es nicht raus. Nichts zu machen! Die zahlreichen anderen Fantasy-Bücher konnten ihn auch nicht locken. Noch nicht mal „Bitte nicht öffnen! Schleimig!“ zog ihn an. Auch sonst waren die Monster „in“. „Super Nick“ stand verschmäht in der Ecke und nur zwei Mädchen nahmen sich „Mein Lotta-Leben“-Bücher. Und alle griffen sich die dicksten Wälzer, wie z. B. „Woodwalker“. Normalerweise nehmen sich die Nicht-Leser, die im Sommerleseclub ausnahmsweise mal sich überreden lassen, ein Buch zu lesen, die dünnsten Comic-Romane. Als die Klasse weg war, hatten sich wirklich fast alle Schüler der Klasse für den Sommerleseclub angemeldet. In einer anderen Klase am Vortag war das Interesse ähnlich groß, aber auch da wurden die Monsterbücher ausgeliehen. Nun sitze ich da mit „Mia“, „Carlotta“, der „Glücksbäckerei“ und den anderen Mädchenbüchern und reibe mir verwundert die Augen. Auch „Die wilden Küken“ und „Die Karlsson-Kinder“ stehen in diesem Jahr schmollend in der Ecke. 🙂 Es ist doch immer wieder überraschend, worauf die Kinder gerade abfahren. 🙂 Ich beschäftige mich Abende lang mit der Vorauswahl der Sommerleseclub-Bücher und studiere die Rezensionen und Kritiken bei Amazon & Co. Es soll eine gute Mischung für alle Geschmäcker, möglichst niedrigschwellig und möglichst  aus den Neuerscheinungen der letzten zwei Jahre sein – Bücher, die Leselust wecken. Das ist ja letztendlich auch gelungen, denn Monster waren im Sommerleseclub-Regal reichlich versammelt. 🙂

Die größte Freude für mich ist, dass sich ein zwölfjähriger syrischer Junge, der gerade ein Jahr in Deutschland lebt, für den Sommerleseclub angemeldet hat! Natürlich hat auch er ein Fantasybuch entliehen. Das wird ein spannender Lesesommer!

Sind Bibliothekare autoritäre Machtmenschen?

Wieder einmal erschien in unserer Fachzeitschrift ein Artikel über die Zukunft der Bibliotheken oder über die Bibliothek der Zukunft (was ja ziemlich genau das selbe ist). Natürlich wieder einmal von einem Autor, der kein Bibliothekar ist, auch wenn er schon mehrere Bibliotheks-Publizistenpreise erhielt. Der Autor beschreibt Bibliotheken als konservative „Institutionen mit hoher Beharrungskraft.“ Und natürlich wieder einmal das Schreckensszenario: immer weniger Bücher „in echt“, immer mehr digital, immer leerere Räume. Die kommunale Bibliothek nur noch als rund um die Uhr geöffneter Kommunikations- und Veranstaltungsort. Das kennen wir alles schon. Alles schon tausend Mal gelesen und gehört. Leute, schmeißt eure Bücher raus und stellt Sofas rein.

Doch etwas an diesem Artikel war anders und ließ mich nachdenken. Die Bibliothek der Zukunft, so die ach so revolutionäre Meinung des Autors, sollte vom Leser gestaltet werden. Aber davor hätten ja die Bibliothekare Respekt, denn den Leser die Bibliothek gestalten zu lassen hieße ja Macht und Autorität aus den Händen geben. Wie jetzt? Im Umkehrschluss hieße das, wir seien alle machtgeil und autoritär? Der Autor fordert die „Demokratisierung des bibliothekarischen Selbstverständnisses“ explizit ein.

Hat der Leser etwa jetzt überhaupt kein Mitgestaltungsrecht? Wer entscheidet denn, welche Medien in den Bestand der Bibliotheken wandern? Ich denke, in den meisten Fällen die Leser. Es wird doch wohl keine öffentliche Bibliothek geben, die ihren Bestand an den Bedürfnissen der Leser vorbei aufbaut. Was gern gelesen wird, wird auch gekauft, denn das bringt ja die Entleihungen.  Beispiele gefällig? Bitteschön, ganz aktuell aus dieser Arbeitswoche. Ich harmoniesüchtiges Wesen würde, wenn es nach mir ginge, möglichst nicht noch mehr Thriller in die Bibliothek stellen. Da es aber nicht nach mir geht, erfülle ich natürlich gern den Wunsch einer Leserin, die nach dem ersten und zweiten auch den dritten. gerade erschienenen Teil von „Post Mortem“ lesen möchte. Und ich weiß, dass dann noch mindestens zehn weitere Leser dieses Buch lesen werden. Das ist nun eben so, da geht es nicht nach meinen Wünschen, sondern nach denen der Leser. Gerade haben wir das Sommerleseclub-Regal eingeräumt und ich musste schweren Herzens einige in meinen Augen sehr niedliche Kinderbücher entsorgen, weil sie seit vier Jahren kein Kind lesen wollte und mir einfach der Platz dafür fehlt. Was nicht gelesen wird, fliegt weg und wird durch Bücher ersetzt, die gern gelesen werden. Alles im Sinne der Leser. Wobei es dann auch wieder unzählige Leser gibt, die garnicht glauben und schon gleich überhaupt nicht verstehen können, dass wir Bücher einfach wegschmeißen. Gut, okay, wir versuchen es vorher noch, sie im Bücherflohmarkt anzubieten, aber wenn sie dann auch keiner nimmt, fliegen sie eben weg. Ganz im Sinne des Lesers, aber eben irgendwie doch nicht ganz im Sinne der zahlreichen Leser, denen Bücher nach wie vor heilig sind. Alles hat zwei Seiten.

Wenn ein Leser Einfluss auf die räumliche Gestaltung oder die Aufstellung der Bestände nehmen möchte – bitteschön, solange es sinnvoll ist und alle sich zurechtfinden. Das war aber bisher in meiner Bibliothek kaum der Fall. Es kam schon mal vor, dass einige Ecken für zu dunkel befunden wurden – gut, vor dem Umzug muss dann eben eine stärkere Glühlampe reichen. Oder dass einer Leserin die Stapel auf dem Neuerscheinungs-Wühltisch zu hoch waren. Auch das kann man ändern. An viel mehr Wünsche kann ich mich im Moment nicht erinnern. Der aktuellse Wunsch ist der des Pastors, der unsere Bibliothek noch nie von innen gesehen hat. Der wünscht sich einen Selbstbedienungs-Bücherschrank mit kostenlosen Büchern vor dem Neubau der Bibliothek, weil ihm die Leseförderung so sehr am Herzen liege. Warum er den Kostenlos-Bücherschrank nicht schon vor Jahren in seine im Sommer offene Kirche gestellt hat, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Viele Kirechen haben mittlerweile so einen Büchertisch.

Es gibt allerdings durchaus Fälle, in denen ich total autoritär reagiert habe. Und dazu stehe ich auch. 🙂 Das war dann, wenn meine jeweiligen Vertretungen in der Bibliothek oder der Touristinfo so umgeräumt hatten, dass ich nichts mehr wiederfand. Das eine Mal hatte meine Trulla, mit der ich ewig Zickenkrieg führe, den Schlüssel zur Handkasse wohl bewusst an einem ganz anderen Platz versteckt als ich es üblicherweise tue, mir aber das neue Versteck nicht verriet. Und da stand ich nun am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub: kein Schlüssel da, damit kein Wechselgeld da und natürlich gerade dann jemand da, der einige wenige Kopien mit einem großen Schein bezahlen wollte. (Wieso passiert eigentlich immer sowas gerade dann? 🙂 ) Und Trulla telefonisch nicht erreichbar. Da steht man dann in seiner eigenen Bibliothek wie ein Trottel und weiß nicht weiter. In solchen Fällen werde ich dann schon mal, gelinde gesagt, zur rasenden Wildsau. 🙂 Ein anderes Desaster passierte, als meine ehrenamtlichen Mädels mich während meines Amsterdam-Urlaubs vertraten. In dem Moment, als ich nach dem Urlaub die Bibliothek aufschloss, kamen schon Kunden, die in der Touristinfo, die ja mit dazu gehört, die CD des örtlichen Männerchores kaufen wollten. Komisch, seit Monaten hatte keiner mehr diese CD gekauft, aber gerade dann. Ich schaute irritiert auf den Tisch, wo sie immer lag: keine CD da! Überhaupt sah der Verkaufstisch total umgeräumt aus. Glücklicherweise hatte ich noch einen kleinen Vorrat von CDs im Schrank. Als die Kunden weg waren, schaute ich mir das Ganze genauer an: Die CDs waren von meinen Mädels in einen Ständer verfrachtet worden, in dem außerdem nur kostenlose Flyer standen. Statt dessen hatten sie andere, kostenlos erhältliche Dinge zwischen die Verkaufsartikel gelegt und die Verkaufsartikel dafür so zusammengelegt, dass man sie garnicht einzeln anschauen konnte. Ich atmete dreimal tief – und fünf Sekunden später, noch bevor meine Mädels zur Tür reinkamen, sah der Tisch wieder so aus, wie ich ihn aus praktischen Gründen brauche: alle Verkaufsartikel extra schön ausgebreitet auf diesem Tisch, den ich gut im Blick habe, und alle kostenlosen Flyer wieder in dem Ständer, der für mich von der Theke aus nicht so gut einsehbar ist. 🙂 Da war ich dann wirklich ganz autoritär. Ich sagte kein Wort dazu, denn ich wusste ja, dass die Mädels Augen im Kopf haben, um die wieder hergestellte alte Ordnung wahrzunehmen. (Nebenbei bemerkt: Wenn ich alle Vierteljahre mal eine Vertretung in einem Antiquariat mache, räume ich ja auch nicht das Antiquariat um.) Eine gewisse, praktische Ordnung muss schon sein, gerade in der Bibliothek. Denn wenn man Leserwünsche erfüllen möchte, dann wäre es auch ganz schön, etwas wiederzufinden. Alle Bibliothekare kennen bestimmt das ziemlich blöde Gefühl, was entsteht, wenn ein Leser gerade drei Minuten raus ist und das von ihm verzweifelt gesuchte und nicht gefundene Buch drei Meter weiter irgendwo auf einem Stapel liegt, auf dem es eigentlich nicht liegen sollte. Schade!!! Ein frustrierter Leser mehr! Ist das autoritär, wenn man für die Leser die richtigen Bücher nicht nur haben, sondern auch finden möchte? So wie ich vielleicht „autoritär“ bin, entspricht auch die Bibliothek, die ich leite, nicht dem allgemeinen Trend. Keine Onleihe, also keine eBooks, und dennoch, seit ich vor fast neun Jahren diese Bibliothek übernommen habe, von Jahr zu Jahr leicht steigende Entleihungszahlen, und das, ohne wie andere Kollegen in der Region die Statistik fälschen zu müssen. Was ich anders mache als die anderen, kann ich so nicht benennen. Ich bin eben einfach immer nur im Dienste des Lesers.

Die Bibliothek der Zukunft wird gerade in Hamburg-Finkenwerder erprobt und ist in 500 dänischen Bibliotheken schon Realität: Mit ihrem Leserausweis können Leser ab 18 Jahren 24 Stunden am Tag und 8 Tage die Woche, also größtenteils ohne Beratung und Aufsicht durch Bibliothekare, die Bibliothek betreten. Für die Verbuchung gibt es ja schon diese Selbstverbucher, so dass sich der Leser selbst ohne Hilfe des Personals seine Medien ausleihen kann. Und zur Diebstahlsicherung gibt es die RFID-Technologie, ähnlich wie im Supermarkt. In Hamburg wird ein auf diese Weise nutzbarer Bereich mit 11.000 Medien präsentiert. Die dänischen Kollegen berichten, dass in solchen 24 h-Bibliotheken manchmal über Nacht von den Lesern die Möbel umgeräumt wurden, aber manchmal auch zum Vorteil.

Okay, machen wir es doch so: Eine Hälfte Bibliothek der Zukunft mit 11.000 aktuellen Medien und dazu Möbeln, die der Leser so im Raum verteilen kann, wie er es gerade will – und eine Hälfte ganz traditionell eingerichtet, auch mit 11.000 aktuellen Medien, die ich so ordnen kann, dass ich sie für die Leser auch wiederfinde. Eine Alternative wäre die Erfindung eines neuen Ortungssystems. In welcher Ecke hat der kreative Leser gerade das neueste „Lotta-Leben“ fallenlassen, welches wie die Natter die Flatter gemacht hat? Suchgerät an, Peilung – ah, in der linken Ecke des roten Sofas, welches übrigens gerade von der Kuschelecke auf die Terrasse gewandert ist! 🙂 Kindern würde so ein Suchgerät bestimmt total Spaß machen. Das weckt doch mal wieder das Interesse am echten Buch und lässt einen Hauch von Abenteuer entstehen! Zur Deckung der Mehrkosten schlage ich vor, dass alle kreativen Köpfe mit klugen Ideen für die Bibliothek der Zukunft, die keine schlecht bezahlten Bibliothekare sind, von ihren Publizistenpreisgeldern eine Stiftung gründen, damit die finanziell klammen Kommunen auch alle in den Genuss der Bibliothek der Zukunft kommen.

(Dieser Beitrag bezieht sich auf den Artikel von Henning Bleyl: Ich bin eine Bibliothek, verändert mich!. in: BuB7/2017)