Mit Intuition und ohne Führer*in

Das Internet ist ein Segen für die Menschheit, aber man kann sich auch darin verlieren. Man kann Irrwege einschlagen, man kann sich vom hundertsten auf den tausendsten Beitrag „schieben“ lassen, man entdeckt Beiträge neu, die man irgendwo anders schon mal las und man sieht sehr oft Beiträge, die man rein intuitiv nicht lesen möchte.  Durch das Internet zu navigieren, um die Infos „zu sich kommen zu lassen“, die man gerade braucht, ist ein ständiger, sehr interessanter und inspirierender Lernprozess. Jeder kann lernen, sicher zu navigieren und jeder hat dabei die einmalige Chance, seine eigene Intuition zu schulen. Das funktioniert im Internet genauso wie im richtigen Leben – man muss sich nur auf diesen Prozess einlassen.

Nun gibt es aber Blogger*innen, die sich berufen fühlen, die User sicher durch das Internet geleiten zu wollen. Es ehrt diese Menschen, dass sie den Usern helfen wollen, durch den Informations-Dschungel zu finden. Ab und an ist so ein gut gemeinter Hinweis hilfreich, auch für mich. So ein „schaut mal dort“ unter Freunden und Bekannten kann wirklich eine Bereicherung sein und ein Anstoß dazu, die gewohnten virtuellen Trampelpfade zu verlassen.

Wenn man aber von einer dieser selbst berufenen „Führer*innen“ zu viel „schaut mal dort, diese Seite ist guhut!“ liest und noch viel mehr „Achtung! Dieser Blog ist schlehecht!“ , dann sollte man auf höchste Alarmstufe schalten. Man sollte sich fragen: „Ist es für mich jetzt und auf die Dauer gut, so an die Hand genommen und geleitet zu werden? Dient dies meinem Lernprozess? Kann ich so wachsen? Nützt es mir oder nützt es eher dem Ego der sich hier präsentierenden Führer*in? Was ist das überhaupt für ein/eine Führer*in? Wie ist sein/ihr Hintergrund? Was schreibt sie oder schreibt er außerdem noch so? Geschichten aus dem eigenen Erleben oder eher abgehobenes Zeug? Gibt es eine angenehme Vielfalt in dessen / deren Beiträgen oder wird immer die selbe Leier abgespult?“ Dies wäre es wert, einfach ohne Wertung mal beobachtet zu werden.

Ich gebe zu, es ist bequemer, dauerhaft so einem Internet-Guide zu folgen und das eigene Denken abzuschalten. Aber man sollte sich dann auch klar sein, dass man mit der Möglichkeit zum eigenen Denken und eigenem Finden und eigenem intuitiven Treiben lassen im www verspielt. Man gibt die Befugnis zum Erkennen an jemanden ab. Wenn viele das an jemanden abgeben, dann geben sie damit auch Energie ab. Diese Energie schluckt dann dieser oder diese „Internet-Guide*in“ und wird damit immer mächtiger und einflussreicher. So werden Gurus erkoren. Dies ist ein sehr schleichender Prozess, viele bemerken ihn nicht, weil der oder die Internet-Guide*in ja sooo sympathisch ist.

Ich hätte gern heute, am Valentinstag ein anderes Thema behandelt, aber dieses schwelt schon eine Weile in meinen Gedanken und es will gerade heute hinaus in die virtuelle Welt. Ich möchte mit diesen Zeilen niemanden verurteilen oder irgendwie an den Pranger stellen. Ich möchte nur, dass ihr mal beiseitetretet, um ganz neutral eure eigenen Suchstrategien im Internet zu beobachten. Wie geht ihr vor, wenn ihr aktuelle Infos sucht? Welche Quellen nutzt ihr? Wie erkennt ihr, dass euch ein Beitrag anzieht oder abstößt? Bei mir reichen da meist schon die Überschrift oder /und die bildliche Illustration. Und ganz wichtig: wie viele Beiträge konsumiert ihr überhaupt täglich im Internet? Und kommentiert ihr Beiträge ständig mehrmals, öfter oder selten? Einfach mal von Zeit zu Zeit sich selbst beobachten und achtsam bleiben. Aus Liebe zu sich selbst – und nicht zu einem eventuellen Guru.

In diesem Sinne wünsche allen Lesern noch einen Liebe-vollen Valentins-Abend sowie einen glücklichen Start in die neue Woche.

„Bitte registrieren Sie sich!“

Wie war die Welt doch früher schön analog! Wenn sich meine Daten für den Berufsverband geändert hatten, rief ich dort an. Wenn ich eine Reise buchen wollte, tat ich das im Reisebüro. Und die Telefonrechnung kam per Post. Also ich kann heute nicht mehr ohne Internet leben und nutze es sehr gern. Bloggen ist zum Beispiel eine tolle Übung im kreativem Schreiben. 🙂 Aber noch gibt es Menschen, die partout nicht ins Internet wollen und ohne ganz zufrieden sind. Und auch die sollte man respektieren. Nur wird es für sie immer schwieriger, analog zu überleben. Das beste Beispiel sind meine Eltern. Ständig steckt mir mein Vater einen Zettel mit einer Homepage zu und bittet: „Kannst du mal eben …?“ Klar, mache ich ja auch gern. Der Nachteil dabei ist, dass man sich ständig irgendwo registrieren muss. Ich habe schon Mühe, den Überblick über meine Passwörter zu behalten, und nun habe ich auch noch die Passwörter meiner Eltern dazu. Ich bezahle mit den Kreditkartendaten meiner Eltern, ich buche Ausflüge für die nächste AIDA-Kreuzfahrt meiner Eltern, die Handyrechnungen meiner Eltern gehen auf meine Mailadresse – es wird immer mehr. Es wird ja auch für mich immer mehr. Neulich erhielt ich Post von meinem Berufsverband: „Wir führen jetzt die elektronische Mitgliederverwaltung ein. Bitte registrieren Sie sich, dann können Sie auf unserer Plattform die Änderung Ihrer Mitgliederdaten selbst vornehmen“ So ähnlich jedenfalls. Also Anrufe nicht mehr erwünscht. Kommunikation nur noch digital. Und wieder ein Passwort mehr. Von den Passwörtern, die ich, teilweise von zu Hause, für meine Bibliothek verwalte, schweige ich lieber gleich, sonst werde ich nur noch frustrierter. Seit einiger Zeit bettelt mein Vater, ich möge doch sein VW-Navi aktualisieren. Da sitze ich nun wieder: „Bitte registrieren!“ Also wieder meine Mailadresse angeben und noch ein Passwort dazu. Und dann irgendeine App runterladen, die alles Mögliche kann, was meine Eltern nie nutzen werden. Das will ich doch überhaupt nicht! Ich will ja nur das blöde Navi aktualisieren, weil das den richtigen Abzweig zur Straße meiner Eltern immer noch nicht kennt!!! 🙂 Ich überlege gerade, wie ich meinem Vater die Nutzung dieser Plattform erklären sollte. Der würde davor sitzen und nur Bahnhof verstehen. Also selbst, wenn meine Eltern Internet hätten, müsste ich sowieso immer ran.

Das digitale Leben nimmt jetzt nicht nur Randbereiche ein. Nein, es wird sogar ziemlich existenziell. Gerade heute habe ich einen neuen Personalausweis beantragt. Mit elektronischer Unterschrift auf einem Display, versteht sich. Und mit Fingerabdruck auf einem Display. (Vom Verbrecherfoto schweige ich lieber!) Als ich danach ein Merkblatt über die tollen, grenzenlosen digitalen Möglichkeiten des digitalen Personalausweises erhielt – die Pin wird Ihnen in Kürze zugeschickt – wurde mir schon wieder schlecht. Was ist, wenn diese Daten doch mal in falsche Hände kommen? Für viele Firmen sind diese unendlichen digitalen Möglichkeiten bestimmt eine willkommene Optimierung der Ressourcen. Soll heißen, dann werden weniger nett kommunizierende Mitarbeiter gebraucht. Sicher erfinden die Anbieter meiner Bibliothekssoftware irgendwann eine Möglichkeit, die Daten aus dem digitalen Personalausweis direkt in das Leserkonto einzulesen. Dann hätte auch ich mehr Ressourcen. Der PC macht die Anmeldung von selbst, während ich dem neuen Leser die Bibliothek zeige.

Auch privat sollte ich meine zeitlichen Ressourcen optimieren. Ich sollte eine Plattform für Freunde und Bekannte einrichten. Bitte registriert euch! Ihr könnt euch in meinen Terminkalender einloggen und eure Wünsche dort eintragen: gemeinsamer Kaffeeklatsch, gemeinsamer Spaziergang (oder beides nacheinander), gemeinsamer Ausflug, Kinobesuch, Konzertbesuch, Besuch einer Lesung oder ein abendfüllendes Telefongespräch für Freunde, die mich als Kummerkastentante brauchen. Das kann man ja schon wunderbar mit Google machen. Für Firmen, die mir etwas verkaufen möchten, richte ich auch eine Plattform ein. Da stelle ich beispielsweise rein: „Ich suche einen halblange, türkisfarbene Jacke für die Übergangszeit.“ Bitte registrieren, wenn Sie mir Angebote schicken möchten. Ich prüfe dann die Angebote und brauche mich nur noch entscheiden. Ohne Passwörter für diverse Online-Shops. Das spart viele meiner Ressourcen! Obwohl, ganz analog shoppen in meiner schönen Stadt macht doch viel mehr gute Laune und tankt meine Glückshormone wieder auf! Und man fühlt sich dabei ach so sozial, weil man seine Region stärkt! Da tut man gleich noch etwas, um sein Helfersyndrom zu pflegen! 🙂