Ein Gang durch die Stadt

Nach einem Vormitag Archivarbeit mit Auspacken und Sortieren von unzähligen Archivboxen aus zehn Umzugskisten endlich Feiermittag und Wochenende. Ab geht’s zum Bus. Der Himmel ist heute hellgrau, also heller grau als sonst. Fast meint man die Sonne zu sehen. An der Schule und an der Bushaltestelle nur wenige, aber fröhliche Kinder. Es ist der letzte Schultag vor den Winterferien. Dann die Busfahrt mit Blicken in eine weite, verschneite Landschaft mit erstaunlicher Fernsicht. Alles klar und strukturiert, so wie auch mein inneres Empfinden heute. Während am Wochenanfang alles so zäh dahin lief und ich mich sehr selbst an die Hand nehmen musste, um alle to do`s anzugehen, flutscht es seit gestern nur so. 🙂

In meiner Heimatstadt angekommen, stieg ich in der Innenstadt aus, einem Impuls folgend nicht an der üblichen Haltestelle, sondern an der eigentlich ungeliebten, eine Station vorher. Ungeliebt ist sie deshalb, weil sie an einer riesigen Kreuzung liegt, an der die Ampel gefühlt immer auf Rot steht. Aber diesmal war gerade Grün und freudestrahlend schwebte ich über die breiteste Verkehrsader der Stadt. Seinen Impulsen und seiner Intuition sollte man eben folgen. 🙂

Die Einkaufsstraße (der Boulevard, wo früher mal der Bulle war, so der Spruch einer Stadtführerin 😀 ) war doch etwas belebt. Der Fahrradladen hell erleuchtet, mit vielen Fahrrädern vor der Tür. Oh Wunder. Dort ist aber auch gleichzeitig eine Reparaturwerkstatt, und die dürfen öffnen. Auf dem Markt keine Freitags-Markt-Buden zu sehen, dafür aber ein strahlendes ❤ Hochzeitspaar ❤ mit einer großen Hochzeitsgesellschaft drumherum. Oh Wunder! Sie mit rauschendem weißen Kleid, er im feierlich dunklem Anzug, der Hochzeitsstrauß mit roten Rosen, die voller Hoffnung den schneebedeckten Marktplatz regelrecht erleuchteten. Es war eine Szene wie aus einem Schwarz-Weiß-Film, auf dem nur die Rosen leuchtend rot hervor schienen. Einfach toll!  ❤ Ein schönes Bild! ❤ Ich schlich mich an der Hochzeitsgesellschaft vorbei und betrat das altehrwürdige historische Rathaus, um in das Stadtgeschichtliche Museum zu gehen. Hier waren einige Dinge für mich als Fördervereins-Vorsitzende zu erledigen. Das übliche Bild wie überall: Museum geschlossen, Mitarbeiter in Kurzarbeit. Aber dennoch war jemand da und werkelte an einem neuen Stolperstein-Projekt. Entwürfe für eine Wanderausstellung wurden stolz gezeigt. Am 11. Mai wird unter anderem ein Stolperstein, den ich mit angestoßen habe, verlegt, zum Gedenken an zwei Menschen, die im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ verhaftet wurden und im Arbeitslager bzw. in einer Haftanstalt für psychisch Kranke zu Tode kamen. Ich war zufällig während meiner Archiv-Recherchen darauf gestoßen, aber es sollte wohl so sein. Voller Überraschung darüber, dass dieses Projekt schoh so weit gediehen ist, ging ich durch die ruhige Stadt nach Hause, immer den eiskalten Ostwind im Rücken. Ich ging am großen See, am kleinen Meer, entlang. Der See war zugefroren und schneebedeckt. Das hatten wir lange nicht. Der letzte, richtige Eiswinter ist über zehn Jahre her. Früher waren wir in jedem Winter auf Schlittschuhen auf den Seen unterwegs. Die Schlittschuhe waren unser Wintersportgerät Nr. 1. Was in der Natur unserer Gegend liegt: viele Seen und wenige Hügel, von Bergen ganz zu schweigen. Skifahren gab es nur im Winterurlaub im Vogtland, in Thüringen oder im Erzgebirge. Das waren schöne Urlaube! 🙂

Noch wird aber vor dem Betreten des Eises gewarnt. Mit Recht, denn unter der dicken Schneedecke sind Spalten und Löcher nicht sichtbar. Zudem braucht es noch einige Tage, ehe das Eis wirklich überall dick ist. Dann werden die Kinder mit Schneeschiebern kommen und sich ihre Spiel- und Lauffelder freischieben. Zuerst werden sie den See mit dem riesengroßen flachen Strand testen, bevor sie dann mit ihren Schlittschuhen, Gleitern, Schlitten und Schnee-Surfern auf das kleine Meer kommen. Das wird lustig! 🙂

Auf dem weiteren Weg nach Hause übte ich zwischendurch immer mal, ohne Brille zu gehen. D. h. ich ließ die Brille auf die untere Nase rutschen und lugte drüber. Mal mit beiden Augen, mal nur mit dem rechten oder nur mit dem linken Auge. Da beide Augen unterschiedlich stark gucken, ist das ganz interessant. Das habe ich lange nicht mehr probiert. Es ist eine Anregung von Elke. Vielleicht habt ihr mal Lust, Elkes Erfahrungen auf euch wirken zu lassen. https://lebenalsmensch.wordpress.com/2021/02/05/schritt-fur-schritt-ubung-ohne-brille-laufen-teil-3-%f0%9f%98%8a%f0%9f%91%93/ Heute ging der kurze Zwischendurch-gang ohne Brille besonders gut, da auf dem Bürgersteig rechts und links Schneeränder waren, die Orientierung gaben, so dass ich weniger „rumeierte“ als sonst beim Hin- und Herswitchen zwischen den Augen.

Dann mit kaltem Ost-Rückenwind schnell nach Hause, kurz Tasche tauschen und weiter zum Supermarkt, bevor hier der ganz große Freitags-Trubel ausbricht. Die obligatorische Einkaufs-Maske (illegalerweie dünner als vorgeschrieben) spüre ich schon nicht mehr und das Anti-Beschlags-Brillentuch, ein Geschenk meines Neffens, wirkt wahre Wunder. Überhaupt kein Beschlagen heute, weder im Bus noch im Supermarkt. Im Supermarkt wie immer vor dem Wochenende Gang durch die Regale ohne Plan. Was spricht mich heute an? Was möchte am Wochenende gekocht werden? Wieder der leckere Rosenkohl oder doch mal eine Hühnersuppe? Wenn ich mal mit einem Plan in einen Wochenend-Einkauf gehe, dann sehe ich garantiert etwas anderes Leckeres und mein Plan wird wieder umgestoßen. Also dann lieber gleich mit ohne Plan …

Mit Einkauf und Wochenend-Blümchen laufe ich zurück nach Hause. Immer noch sind wenig Leute unterwegs. Aus einem Garten dringt Vogelgezwitscher. Dort zwitschern fast immer Vögel hinter der großen Hecke. Jetzt bläst der Ostwind kalt von vorn, aber mir macht er nichts aus. Ich gehe, denke nach, lasse die Ereignisse der Arbeitswoche Revue passieren und schmunzle wieder mal über ein Erlebnis mit einer übereifrigen Kollegin, die auf ihrem Weg wohl noch einige Lernaufgaben vor sich hat. Mal sehen, wo ihr Weg sie hinführt, ich werde es weiter beobachten – aus sicherer Entfernung.

Aber nun kann das Wochenende beginnen. Die Arbeit ist getan, die Vorräte sind aufgefüllt. Kommt der angekündigte Schneesturm? Kommt er nicht? Egal, ich nehme es so, wie es ist. Allen Lesern wünsche ich ein schönes Wochenende!

Brötschen kaufen

Heute möchte ich eine (n)ostalgische Erinnerung mit euch teilen.

Bei unserem traditionellen Weihnachtsspaziergang stürzte meine Schwester begeistert auf eine Passantin zu. Es war die hochbetagte Bäckersfrau. „Wie war das schön, dass wir bei Ihnen immer frische Brötchen kaufen konnten! Und die haben geschmeckt!!!“ Meine Schwester war wirklich ganz aus dem Häuschen und überwältigt von schönen Erinnerungen. Und die Bäckersfrau strahlte.

Ja, auch ich erinnere mich gern an den kleinen Bäckerladen fast um die Ecke. Im Laden hatten nur wenige Kunden Platz, und so sah man, besonders an Freitagen, eine lange Schlange vor dem einzeln stehenden Bäckerhaus. Wartezeiten von mindestens einer halben Stunde waren keine Seltenheit. Deshalb freuten wir uns immer riesig, wenn wir schon mal den kleinen, duftenden Laden betreten konnten. Ein kurzer Blick in das Regal hinter dem Tresen gab Aufschluss über die Situation. War das Regal mit den drei Brötchensorten gut gefüllt, dann erhöhte sich die Chance, nun schnell die Brötchen kaufen zu können. War das Regal jedoch fast leer, dann würde es noch eine Weile dauern. Gebannt richteten sich dann die Blicke nach links. Dort befand sich hinter dem Tresen ein schwarzes Loch. Nicht irgendein Loch, sondern die Öffnung für einen Aufzug. Sehnsüchtig starrten wir also auf das „Loch“ und warteten, bis ein Rumpeln die frische Brötchenlieferung ankündigte. Rumpelnd kam allmählich ein Wäschekorb  zum Vorschein, der prall gefüllt war mit frischen, duftenden Brötchen. Die Bäckersfrau nahm ihn und schüttete die Brötchen in das Regal hinter dem Tresen. „Der nächste bitte?“ Und schon schüttete sie uns die noch warmen Brötchen in unsere Stoffbeutel oder Einkaufskörbe. Bis dahin warteten alle geduldig. Uns blieb ja auch nichts anderes übrig. Die Brötchen zu holen war erst die Aufgabe meiner Schwester, bis ich später den Job übernahm. Noch bis 1988, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, aber schon in der Bibliothek meines Wohnortes arbeitete, gehörte das Brötchen holen zum Freitags-Ritual. Ich hatte Freitags regelmäßig die Spätschicht übernommen, um die Kolleginnen mit kleinen Kindern zu entlasten. Daher konnte ich am Morgen einige Einkäufe für die Familie erledigen: erstes Anstehen beim Bäcker, dann drei Häuser weiter zweites Anstehen im Milchlanden und schließlich einmal über die Straße sausen und drittes Anstehen beim Fleischer. Alle drei Läden existieren heute nicht mehr. Heute wird in den Supermärkten eingekauft, alles in einem Rutsch und ohne Anstehen. Sollte sich doch mal eine kleine Schlange bilden, dann sieht man sofort in den Gesichtern der gestressten Einkaufenden die Ungeduld. Dann dauert es nicht lange, bis es aus der Sprechanlage schallt: „Bitte die vierte Kasse besetzen!“

In unserer Familie wurde fast immer ein großer Einkaufskorb benutzt, also ein richtiger Weidenkorb. Der stand stets griffbereit auf der selbst gebauten Hutablage im Hausflur. Ausgelegt mit Zeitungspapier wurde dieser Korb auch zum Pilze sammeln benutzt. Ich war mächtig stolz, als ich einen eigenen Einkaufskorb erhielt. Der war ganz hell und etwas kleiner als der Familien-Einkaufskorb, aber dafür mit schickem Stoff ausgeschlagen. Und er war ein Geschenk meiner Tante „aus dem Westen“. Tja, das sind alles Erinnerungen … Wer zieht schon heute noch mit einem Einkaufs-Weidenkorb durch die Gegend? Eine Freundin meiner Mutter hat kreative Stoff-Einkaufsbeutel genäht, die benutze ich jetzt gern.

Heute sind wieder viele kleine Einzelhändler in ihrer Existenz bedroht. Es bleibt zu hoffen, dass ich auch nach der Pandemie den Buchhändler meines Vertrauens in der Innenstadt vorfinde, in meinem kleinen Lieblings-Klamottenladen shoppen kann oder in meinem Lieblings-Schuhladen stöbern kann.

Supermarkt-Allergie

Es ist Freitag, früher Nachmittag. Das Wetter ist gut, der angesagte Nieselregen wartet noch. Also rauf aufs Rad und ab zum Supermarkt. Die ganze Woche hatte ich keine Zeit oder Lust, Lebensmittel einzukaufen, aber jetzt ist der Kühlschrank echt leer und das Wochenende steht bevor. Ich schließe das Fahrrad an, hole einen Einkaufswagen, fahre durch die Tür und das Drehkreuz – und schon geht es los. Niesen, Tränen in den Augen, absolutes Unwohlsein. Das ist mir schon öfter passiert, und immer in meinem Stamm-Supermarkt.

Haben die irgendwelches Zeug versprüht, um Kunden kauffreudig zu machen? Oder ist ein extremer Allergieauslöser unter den angebotenen Waren? Ist es eine Stressreaktion bei mir? Nein, das scheidet aus. Ich bin in entspannter Freitag-Nachmittag-Stimmung, ohne Termindruck, freudig. Nach einer ebenso entspannten Arbeitswoche, in der ich seit Wochen mal wieder Land zwischen allen „to do’s“ sah. 🙂 Oder ist es der Stress der anderen Kaufwilligen, der sich auf mich überträgt? Der Mensch ist ein energetisches Wesen, und man nimmt die Energie automatisch auf, die um einen herum existiert, ob bewusst oder unbewusst. Ich schaue mich um. Das übliche Bild. Ältere Damen stehen zwischen den Regalen und hecheln einen Bekannten nach dem anderen durch. Ein junger Mann telefoniert so laut mit „Schatzi“, dass wir alle mithören. Eine Frau sucht immer genau in dem Regal etwas, das ich auch im Visier habe. Ältere Ehepaare, junge Muttis mit Ferienkindern. Alles normal und noch verhältnismäßig ruhig. Ich bin früh dran. Also gestresste Kunden scheiden aus. Vielleicht ist dicke Luft im Supermarkt-Team? Diese Energie kann sich auch auf die Kunden übertragen. Aber auch hier nichts Auffälliges. Die Chefin räumt Regale ein, die Kassiererin unterhält sich beim Abkassieren so angeregt mit ihrer Kollegin, dass ich während des Kassierens meine Sachen endlich mal in Ruhe verstauen kann. (Ich war zwar in dem Moment froh, dass sie mich tränendes, schniefendes Wesen heute mal ignorierte, aber in meiner Bibliothek habe ich das Motto: Der Kunde, der jetzt vor mir steht, ist der Wichtigste der Welt!

Was ist es aber dann? Was bringt mich zum Niesen und meine Tränen zum Fließen, kaum dass ich mit noch leerem Einkaufswagen drei Schritte im Supermarkt bin? Vielleicht die Klimaanlage? Ich weiß es nicht und ich werde es auch wohl nicht rausfinden.

Also alles schnell zusammen gesucht und dann nichts wie weg hier. Meine Einkäufe sind immer überschaubar und passen immer in einen Fahrradkorb. Sie sind auch meist gesund, bis auf Schokolade für die Seele. Schon vor der Tür geht es mir wieder gut. Kein Niesen, keine tränenden Augen mehr. Auch als meine Nachbarin mich vor der Wohnungstür abpasst und mir partout jetzt! sofort! stolz die neuesten Bilder ihrer Enkelkinder auf dem Smartphone präsentieren muss, geht es mir gut. Den ganzen Nachmittag nichts dergleichen mehr, keine allergischen Reaktionen, weder im Antiquariat noch beim Friseurtermin. Komischerweise treten diese allergischen Reaktionen nur in diesem einen Supermarkt auf. Dabei mag ich gerade diesen ganz gern. Er liegt nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernt, auf schönen Radwegen erreichbar, ist überschaubar, das Personal ist jahrzehntelang dasselbe geblieben. Und ich finde dort die meisten Grundnahrungsmittel, die ich brauche.

Meistens habe ich keine gesteigerte Lust auf Wochenend-Einkäufe, geschweige denn Einkäufe vor Feiertagen. Ich versuche immer, in Zeiten einzukaufen, in denen es kein gestresstes Gerammel gibt. Bei den Lebensmitteln, die in meinem Einkaufswagen landen, achte ich mehr auf Qualität und Frische als auf den Preis. Ich hoffe mal, dass auch „Bio“ und „Fair gehandelt“ drin ist, wenn es drauf steht. 😉

Meine Eltern, beide Rentner, stürzen sich jede Woche auf die Angebote in der Wochenend-Zeitung, studieren sie akribisch und erstellen Listen, wann sie was in welchem Supermarkt unserer Stadt kaufen. Ich war einmal, vor Jahren, dabei, als meine Mutter wegen eines Angebotes aus der Zeitung, was sie nicht finden konnte, eine Verkäuferin in den Wahnsinn trieb. Da stand mir auch ohne Allergie der Schweiß auf der Stirn. 🙂 Die Angebote fliegen bei mir ungesehen in den Papiermüll. Schade um den Wald.

Ein Adventstag mit der Familie

Meine 75 und 77jährigen Eltern sind sehr reise- und unternehmenslustig. Eigentlich ist es Tradition, dass wir uns gemeinsam in der Vorweihnachtszeit einer Bustour zu einem Weihnachtsmarkt mit anschließendem klassischem Weihnachtskonzert anschließen, die eine ehemalige Kollegin meiner Mutter jedes Jahr organisiert. Diese Tour führt in jedem Jahr an einen anderen Ort, auf diese Weise haben wir schon die unterschiedlichsten Weihnachtsmärkte gesehen, tolle Konzerte gehört und zwischendurch schöne Stadt- oder Museumsführungen genossen. In diesem Jahr konnte ich jedoch an dieser Tour nicht teilnehmen und unglücklicherweise war wohl ausgerechnet diese Tour ein totaler Reinfall, nicht nur wettermäßig. Meine Eltern kamen jedenfalls ziemlich frustriert zurück. Dem wollten sie wohl ein schönes Weihnachtsmarkt-Erlebnis entgegensetzen und fragten deshalb an, ob ich nicht Lust hätte, mit nach Rostock zu kommen. So könnten wir auch gleich meiner Schwester und ihrer Familie einen kleinen Nikolausstiefel vorbeibringen.

Hm. Erst war ich nicht so begeistert. Ich liebe den Rostocker Weihnachtsmarkt sehr, aber ich weiß auch, was dort am Wochenende so los ist: Gedränge, Geschiebe, Menschenmassen und Autoschlangen. Aber ich ging in mich und entschied mich doch, mitzukommen. Denn ich habe ja meinen Eltern jedes Jahr in der Adventszeit einen gemeinsamen Tag geschenkt, irgendwie würde uns da was fehlen.

Ich fuhr ohne jede Erwartung, weder positive noch negative, los. Und es wurde schön. Es war nicht spektakulär, aber ich fühlte mich, auch als ich noch keinen Glühwein intus hatte, so heiter und gelöst, dass ich über die allerkleinsten Sachen und Bemerkungen herzhaft lachen konnte. Auf dem Hinweg erzählten wir uns, was sich in der Woche so alles ereignet hatte. Meine Mutter hatte ehemalige Nachbarn aus dem Kindheits-Dorf meines Vaters eingeladen. Sie meinte: „Da konnte Vati endlich mal wieder Kindheitserinnerungen austauschen und erzählen.“ Mein Vater fragte trocken: „Ach, wirklich?!“ Mehr brauchte es nicht, und ich brach in schallendes Gelächter aus. Ungefähr weiß ich, was da abgegangen war. Diejenige, die am meisten erzählt hatte und andere wohl nicht zu Wort kommen ließ, war vermutlich meine Mutter.

In Rostock angekommen, stellten wir uns zunächst in eine wahnsinnig lange Autoschlange an. Es dauerte von der Einfahrt in die Innenstadt wohl eine halbe Stunde, bis wir unseren Platz im Parkhaus hatten. Jedes Auto, was sich rücksichtslos an der Schlange vorbei drängelte, wurde durch bissige Kommentare meiner Mutter begleitet. Mein Vater reagierte genervt und versuchte, das Problem auf seine Art zu lösen: „Wollt ihr nicht schon mal aussteigen und in den Kaufhof gehen, während ich einen Platz im Parkhaus suche?“ Gesagt, getan. Ins Kaufhaus wollten wir sowieso, um gemeinsam die Kaffeemaschine auszusuchen, die ich mir zu Weihnachten wünsche. Wir blieben dann noch ziemlich lange im Kaufhaus hängen, weil jeder von uns noch diverse Wünsche und Anliegen hatte. Es gelang mir aber nicht, für meine Eltern ein Weihnachtsgeschenk zu finden. Nachdem sie jedes Jahr immer mit dem Spruch kommen: „Wir brauchen nichts, wir haben schon alles!“, war ich nun Zeuge, wie sie eine Glasteekanne kauften, weil die alte bei dem eben beschriebenen Kaffeetrinken zu Bruch gegangen war. „Ich kann euch doch die Teekanne zu Weihnachten schenken!“ – „Nein, die ist zu teuer!“ Meine Mutter entdeckte eine wirklich schöne, kleine Ausgehtasche, an der einfach alles stimmte, inklusive der gesenkte Preis. „Wir könnten doch zusammenlegen und dir die Tasche schenken.“ – Ach nö, die passt doch nicht zu meinen Ausgehsachen, denn sie ist ja anthrazit und nicht schwarz!“ Das konnten zwar weder mein Vater noch ich verstehen, aber egal. Ich weiß sowieso schon, welche Bücher ich meinen Eltern schenken werde. Auch ein Nachthemd wollte meine Mutter sich nicht schenken lassen. Schon seit Wochen sucht sie ein Nachthemd und alle angebotenen waren ihr bisher zu teuer. Ich glaube, meine Mutter bringt bei ihren Einkaufstouren manche Verkäuferinnen zur Verzweiflung. Nachdem sie nun ein hübsches Nachthemd gefunden hatte und der Preis von 35,- € (von dem noch 10% Rabatt abgezogen wurden) auch noch zu teuer war, erklärte ich ihr, dass billigere Nachthemden in Dritte-Welt-Ländern, vielleicht sogar mit Kinderarbeit, hergestellt werden, ob sie das unterstützen will? Sie haderte noch eine ganze Weile mit dem ach so teuren Nachthemd rum, aber sie kaufte es am Ende doch. Mein Vater atmete auf. Er hat vermutlich schon eine wochenlange Nachthemd-Odyssee hinter sich. 😉 Die Mittagszeit war schon fast vorbei, als mein Vater, sonst immer ein äußerst geduldiger Einkaufs-Begleiter, sehr unruhig wurde. „Könnt ihr mal zum Ende kommen?“ Ihn plagte der Hunger und wir hatten ihm eine Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt versprochen. Das gehört irgendwie seit Jahren zu unserem Ritual, ebenso wie der Glühwein. Also die Sachen an der Sammelkasse geparkt und ab ins Geschiebe auf dem Weihnachtsmarkt.

„Lasst uns in den Klosterhof schauen, der soll so schön sein!“ Der Klosterhof-Weihnachtsmarkt war aber nur mit 3,- € Eintritt zu betreten, und nur mal eben für eine Bratwurst mit Glühwein zwischendurch war selbst mir das zu teuer. Also wieder rein ins Geschiebe, meine Mutter mit silberfarbener Jacke immer vorweg. In dem auffallenden Look konnte sie uns wenigstens nicht verloren gehen. 🙂 Irgendwann bemerkte mein Vater ganz traurig: „Nun sind wir schon an der dritten Bratwurstbude vorbei gerannt!“ Sein Magen muss schon sonstwo gehangen haben. 🙂 Die vierte Bratwurstbude mit echten Thüringer Bratwürsten war es dann endlich. Sie lag etwas abseits, war deshalb nicht von Menschenmassen umgeben und, was sehr wesentlich war: sie lag windgeschützt. Denn der Wind hatte inzwischen bei uns im Norden kräftig zugelegt. Es gab auch gleich leckeren Heidelbeer-Glühwein dazu und wir standen eine Weile ganz angenehm, bis die Frauen an unserem Tisch anfingen zu rauchen. Mein Vater hatte aber inzwischen einen Tchibo-Laden gesichtet, in dem er unbedingt noch frisch gemahlenen Kaffee kaufen wollte. Ich hatte die Erzgebirgs-Bude erspäht, die eigentlich seit Jahren immer an derselben Stelle zu finden ist. Und sie hatten auch wirklich meine heißgeliebten echten Crottendorfer Weihrauch-Räucherkerzen, die es an meinem Wohnort leider nicht zu kaufen gibt. Meine Mutter war sofort fasziniert von den kleinen süßen Holzanhängern: „Der Weihnachtsbaum deiner Schwester ist immer so kahl, ich werde ihr mal einen Anhänger kaufen!“ Das stimmt überhaupt nicht. Der Weihnachtsbaum meiner Schwester ist immer überaus reichlich behängt mit kreativen Basteleien ihrer Schüler. Aber egal, diese Anhänger sind wirklich niedlich und passen bestimmt auch noch an den Baum. 🙂 Ein Stand ist noch Pflichtprogramm, die warmen Mutzen, mit Puderzucker bestreut. Davon nahmen wir noch eine Tüte mit, die aber dann auch nicht mehr ganz vollständig bei meiner Schwester landete. 😉

Nun mussten wir noch zum Kaufhof zurück, weil wir unsere gesammelten Einkäufe an der Sammelkasse geparkt hatten. Als wir dann dort waren, fiel mir noch ein, dass ich ja auch noch nach Pullovern schauen wollte. Meine Mutter schaute gleich mit. Die beiden netten Verkäuferinnen, die uns halfen, beschnupperten den Beutel meines Vaters: „Hmmm, frischer Kaffee, wie das duftet!“ Eine halbe Stunde dauerte die Auswahl mit Modenschau. Der Kommentar meines Vaters war diesmal nicht sehr hilfreich: „Ich würde sie alle nehmen!“  Na gut, da ich gerade Weihnachtsgeld erhalten hatte, nahm ich sie zwar nicht alle, aber zwei von drei. Meine Mutter fand auch einen für sich – weil er (im Gegensatz zu den Pullovern, die ich mir ausgesucht hatte) so ein Schnäppchen war. Als wir uns von den Verkäuferinnen verabschiedeten, hielt mein Vater ihnen den Kaffee-Beutel hin: „Wollen Sie noch mal schnuppern?“ Auf dem Weg zur Sammelkasse wollte meine Mutter noch einmal abdriften, aber mein Vater sprach ein Machtwort: „Kommt, Mädels, wir werden bereits erwartet!“ Während wir an der Sammelkasse unsere Einkäufe bezahlten, fing meine Mutter fast wieder an, das Nachthemd auszusortieren, aber wir konnten es erfolgreich verhindern. 🙂

Und los ging es ins Dorf meiner Schwester. Unterwegs legten wir noch eine Grübelrunde ein. Mein Vater war, während wir in der Umkleidekabine beschäftigt waren, freundlich und namentlich begrüßt worden, und er wusste nicht, von wem. Er konnte diese Frau einfach nicht einordnen. War es eine Bekannte aus unserem Ort, war es eine Kollegin oder Freundin meiner Schwester oder war es eine meiner Rostocker Bekannten? So eine Situation kennt wohl jeder. Irgendwann wird sich das Rätsel schon auflösen.

„Hübsch sieht es bei dir aus!“, meinte meine Mutter beim Anblick der weihnachtlich geschmückten Kaffeetafel meiner Schwester. Meine Schwester, beruflich in der Weihnachtszeit immer im Extrem-Stress, raunte mir zu: „Vor zwei Stunden sah es hier noch ganz anders aus!“ Ich wusste, was los war, denn sie hatte vormittags noch mit Schülern für ein Konzert geprobt, danach den Wochenendeinkauf erledigt und mein Schwager war gerade erst von einer Dienstreise gekommen. Wir beide schauten uns an und gackerten los, so, wie wir als Kinder oft zusammen gelacht hatten. Das Kaffeetrinken wurde dann noch ganz gemütlich. Eine Panne gab es noch, als meine Eltern erzählten, dass sie als Weihnachtsgeschenk für mich eine Kaffeemaschine gekauft hatten. Mein Schwager reagierte etwas beleidigt, denn er hatte mir meine jetzige (Billig-)Kaffeemaschine geschenkt, die nach wenigen Jahren kaputt gegangen war. 😉  Über den Ablauf des gemeinsam geplanten Weihnachtstages konnten wir uns auch noch nicht einigen. Fahren wir zu meiner Schwester, wie sie es wünscht, müssen wir ihre Schwiegereltern ertragen. Nur dann sehen wir aber meinen älteren Neffen. Zu meinen Eltern zu kommen, wie sie es sich wünschen, hat aber mein Schwager keine Lust. Er ist schon so oft auf Dienstreise und will auch mal Zeit zu Hause verbringen. Außerdem ginge das nur am zweiten Weihnachtstag, und dann ist mein Neffe schon wieder mit seiner Freundin verabredet. Und meine Schwester will am zweiten Weihnachtstag immer ein Konzert besuchen, auf dem ehemalige Schüler von ihr spielen. Mal sehen, wie sie sich einigen werden. Ich als Single kann mich in jedem Fall in diesem Familientheater entspannt zurücklehnen, zuschauen und genießen. 🙂 Irgendwie gehört das alles dazu zur Adventszeit.