Reden ist Gold

Alte Sprichwörter sind meist sehr wahr und lehrreich, aber nicht immer. Das trifft auch auf das Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ zu. In manchen Situationen ist es doch besser, miteinander zu reden.

Es gibt ja ganze, dicke Bücher über das Reden, über Rhetorik und vor allem über Kommunikation. Dieses Thema begleitet mich schon seit meiner Diplomarbeit. Damals stand neben langweiligen, schon jahrzehntelang unveränderten Rahmenthemen auch das ganz neue Thema „Kommunikation in der Bibliothek“ zur Auswahl – und wurde sofort meins. Es war die Zeit, als Vera F. Birkenbihl mit ihren Büchern und Seminaren große Erfolge feierte. Drei Studenten hatten sich in dieses Thema verliebt, und wir „fraßen“ alles, was es damals zu diesem Thema gab, machten sogar selbst ein Kommunikations-Seminar mit Videotraining und zeichneten für unsere Diplomarbeiten Gespräche mit Lesern auf Diktiergeräten auf, um diese später auszuwerten – natürlich mit Einverständnis der jeweiligen Leser. Es gab verschiedene Modelle, Gespräche zu analysieren, bzw. das, was während eines Gespräches psychisch abläuft. Noch heute ist mir diese ganze damalige Beschäftigung mit der Kommunikation eine große Hilfe.

In dieser Woche merkte ich mal wieder, wie wichtig Reden ist. Unser Hauptamtsleiter hatte aus Kostengründen die Reinigungspläne gekürzt, ohne mit den Betreffenden zu reden. Ich erfuhr erst davon, als meine Reinigungskraft mir am Abend eines Öffnungstages erzählte, dass sie jetzt nicht mehr so oft kommen wird. Erst am nächsten Tag erhielt ich eine Mail des Hauptamtsleiters mit der neuen Vereinbarung. Ich ließ es einen Tag sacken und überlegte mir, wie ich da vorgehen könnte. Mit unseren Chefs ist es manchmal nicht so einfach. Am nächsten Tag stand der Hausmeister bei mir und erzählte mir, dass in der Turnhalle der Stadt jetzt, so lange dort kein Trainingsbetrieb ist, nur einmal wöchentlich gereinigt werden soll, dies aber zu wenig ist, denn Staub fällt ja immer an und wird durch die Lüftungsanlage angesaugt, die dann bei zuviel Staub verdreckt. Der Hausmeister, schnell mal in der Opfer-Rolle, tat dann so: „Die Chefs machen ja sowieso, was sie wollen, das hilft ja nichts.“

„Das wollen wir doch mal sehen!“, dachte ich, und bezog in meine Mail, die schon in Arbeit war, das Turnhallen-Problem mit ein. Obwohl die Turnhalle ja eigentlich nicht „mein Problem“ war. (Haupt-Sozialarbeiter-Spruch der 90er Jahre: „Das ist nicht dein Problem“!) Aber auch, wenn es nicht mein Problem war, konnte ich ja mal dem Kollegen etwas unter die Arme greifen. … Es dauerte gefühlt zwei Sekunden nach Abschicken der Mail, dass ich einen sehr netten Anruf vom Hauptamtsleiter erhielt. Er sagte, es sei doch kein Problem, alles so zu machen, wie ich es vorschlug, auch eine mehrmals wöchentliche Turnhallen-Reinigung sei überhaupt gar kein Problem! Er hätte das ja auch nicht entschieden, sei ja nur dem Vorschlag der Reinigungsfirma gefolgt! Und es sollten doch nicht durch zu wenig Reinigung irgendwelche dauerhaften Schäden am Gebäude oder am Fußboden herbeigeführt werden! – Na, geht doch!!! Der Hauptamtsleiter setzte sich auch mit dem Hausmeister in Verbindung, und sie einigten sich sogar auf dreimal wöchentlich Turnhallen-Reinigung! Siehe da, sie haben miteinander geredet!!! Die Einrichtungen, die die Kürzungen so hinnahmen, gingen allerdings leer aus. Ich bin jedenfalls mit dem Kompromiss für mein Haus sehr zufrieden. Wie übrigens auch mit einem anderen Kompromiss. Denn das Geplänkel um die Reinigung war nur „Warming up“.

Der Bürgermeister hatte gelesen, dass die Bibliothek der Nachbarstadt zeitweise geschlossen wurde und wollte dies mit meiner auch tun. Er schickte den Hauptamtsleiter vor und dieser verkaufte mir das mit dem Argument, dass es doch schön wäre, wenn ich jetzt mehr Zeit im Stadtarchiv verbringen könne, wo dieses doch jetzt gerade so viele Neuzugänge hat. Oh, da musste ich schon gute Argumente liefern! Als da wären: Bibliotheken dürfen für die Aus- und Rückgabe von Medien öffnen (Landesverordnung M-V), die Leser hätten sehr großen Bedarf an Literatur und Medien, weil die Kinder zu Hause beschäftigt werden müssen und weil die Alten wegen der Kontaktbeschränkungen vereinsamen, Akten sind nicht gefährdet und stehen warm und trocken, aber hier geht es um Menschen in Notsituationen – und öffentlicher Dienst heißt Dienst für den Bürger. Und man muss sich ja nicht am schlechtesten Beispiel orientieren. Andere Bibliotheken bieten Besuchsmöglichkeit nach Terminvergabe an oder Lieferdienste oder gleich die Onleihe.
Bei so vielen Argumenten war der Hauptamtsleiter dann wieder platt und ließ mich gewähren. Statt Öffnungszeiten“ steht jetzt auf dem Öffnungsschild: „Möglichkeit zur Ausleihe und Rückgabe im Rahmen des Leihverkehrs nach Covid-Landesverordnung …“ – aber immer noch mit den gleichen Öffnungszeiten. Einige Leser melden sich an, vor allem die aus den Dörfern der Umgebung, andere kommen einfach so. Und wenn ich mal länger im Archiv räumen möchte, dann ist ein Schild an der Tür „Bin im Stadtarchiv, bitte klingeln!“ Wenn man also redet, dann findet man auch Lösungen miteinander. Aber nicht miteinander reden geht überhaupt nicht!

Ein mentaler Ausflug ins Opfer-Dasein

Die Welt, in der du lebst, ist immer eine Illusion. Es können zehn Menschen in einem Zug sitzen und jeder erlebt diese Reise anders. Das ist mir in den letzten Tagen während einer Diskussion in Emmyxs & Elkes Blog wieder einmal bewusst geworden. Ja, manchmal springt einen ein Thema an. Ich hatte in den letzten Wochen schon mehrmals den Impuls, darüber schreiben zu wollen, aber es brauchte diesen Funken.

In der Theorie weiß ich immer genau, wie alles funktioniert. Aber in der Praxis war ich von April bis Juni in einer sooo großen Opfer-Falle, dass es schon fast peinlich ist.

Aber der Reihe nach: Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mich als Opfer der Umstände fühle. Wer meine Blog schon länger liest, erinnert sich vielleicht an die schwarzen Bibliotheksregale und die damit verbundene Abmahnung. Der böse, böse Architekt und der noch bösere, abgrundtief schlechte Chef, der dem Architekten Recht gibt, weil der ist ja Gott, und mir eine Abmahnung erteilt. Opferfalle vom Feinsten. Aber aus diesem Sumpf konnte ich mich selbst rausziehen. Irgendwann kurz vor dem Umzug verkündete ich meinen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen: „Die Bibliothek können wir jetzt nicht mehr umbauen, jedenfalls vorerst nicht. Aber es kommt auf den Inhalt an, auf die Bücher und Medien, die in den schwarzen Regalen stehen. Die Leute wollen immer das Beste, was auf dem Buchmarkt zu finden ist, egal ob die Regale schwarz sind oder nicht. In der alten Bibliothek war auch nicht alles schön, aber die Leser waren da, weil wir ein tolles Angebot hatten und immer gut beraten haben. Lasst uns also mit den allerschönsten Medien, die es gibt, weiter machen und sehen wir den Umzug als ein großes Abenteuer!“ Es wurde ein mehr als großes Abenteuer 🙂 und es nahm uns alle so in Anspruch, dass wir die blöden Regale erstmal ignorierten.

Die Leser kamen weiterhin und lobten wie immer das tolle Angebot der Bibliothek. Ich ließ mir keinen Maulkorb verpassen und erzählte vielen Besuchern, wie ich mir diese Bibliothek eigentlich erträumt hatte und ich erzählte auch, so kurz vor der Kommunalwahl erst recht 🙂  von der Abmahnung. Viele gaben mir Recht und waren besorgt: „Halten Sie bloß durch und lassen Sie sich nicht fertig machen!“ Als eine Freundin aus meinem Heimatort im Krankenhaus das Zimmer mit jemandem aus meinem Arbeitsort teilte, kam das Gespräch auch auf die Bibliothek, wobei meine Freundin nicht verriet, dass sie mich kennt. Folgendes wurde ihr erzählt: „Die neue Bibliothek ist viel zu dunkel und die Regale sind zu mächtig, das hat der Architekt versaut. Aber da ist eine tolle Bibliothekarin, die macht ganz viel mit Kindern!“ 🙂

Ja, genau, auf den Inhalt kommt es an, und der hat in den ganzen Jahren bei mir immer gestimmt!!! 🙂

Während wir mit Schwung den Umzug meisterten, bahnte sich bereits die nächste Katastrophe an. Mir sollte eine Vorgesetzte vor die Nase gesetzt werden. An meinem Arbeitsort gibt es ein Burgmuseum. Dessen wissenschaftliche Leiterin, eine Germanistin, hatte bislang einen Honorarvertrag und dozierte hauptamtlich in einer polnischen Universität. Da sie (naja, eigentlich nicht nur sie allein) das Drehbuch geschrieben hatte für die Ausstellung, die sich über der neuen Bibliothek befindet, war klar, dass sie auch für diese Ausstellung nebenamtlich zuständig sein würde. Doch es kam anders. Gerade 60 geworden, hatte sie bemerkt, dass ihr Jahre der versicherungspflichtigen Beschäftigung fehlen, um in Deutschland eine Rente beziehen zu können. Daraufhin bettelte sie den Bürgermeister an, er möge sie doch bitte einstellen. Der Bürgermeister war schon immer ihr größter Fan und so drehte er es mit einer fingierten Ausschreibung so hin, dass diese Frau tatsächlich hauptamtlich eingestellt wurde, und zwar „als Leiterin des Burgmuseums, der neuen Ausstellung, der Bibliothek, des Archivs und der Touristinfo“. Das war ein ziemlicher Brocken für mich, denn ich hatte bisher diese Frau als intrigant, geltungsbedürftig, sich mit den Erfolgen anderer schmückend und überhaupt nicht in ihrer Mitte bleibend erlebt. Da ich ein authentisches Wesen bin und bleiben möchte, hatte ich dieser Frau im Vorfeld erklärt, was ich davon halte, nach fast elf Jahren erfolgreicher Arbeit geleitet zu werden. Sie meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, an ihrer Uni habe sie mit der österreichischen Bibliothek zusammengearbeitet, daher wisse sie, wie eine Bibliothek funktioniert. Das machte mich auch nicht glücklicher. Ich fühlte mich als Opfer des bösen Chefs und der intriganten neuen Vorgesetzten. Ein Sch … gefühl war das!!!

Nachdem sie am ersten Mai eingestellt wurde, passierte erstmal – gornix. Sie ließ sich kaum mal blicken. Hintergrund war dieser: Während jeder Mitarbeiter der Stadtverwaltung seine Arbeitszeit registrieren lassen muss, konnte sie kommen und gehen, wann sie wollte. Sie hatte dem Chef erklärt, sie arbeite geistig und das sei an keine Uhrzeit gebunden. Gerade gibt es ein Gerichtsurteil, welches besagt, dass jeder Arbeitnehmer in Deutschland seine Arbeitzeit erfassen muss. Jeder, bis auf eine … Alle Entscheidungen traf ich weiter allein oder in Absprache mit dem Hauptamtsleiter. So langsam entspannte ich mich. Erst Ende Mai gab es eine offizielle Amtseinführung mit allen Mitarbeitern, die ihr unterstellt worden waren. Der Bürgermeister hielt eine ausführliche Rede darüber, wie rechtens doch das Bewerbungsverfahren gelaufen sei. Sie sei die geeignetste Bewerberin eines langen Auswahlverfahrens gewesen, betonte er sehr. Aha. Und überhaupt sei eine Leitung nötig geworden, denn durch den neuen Zeltplatz spiele die Stadt jetzt in einer anderen touristischen Liga mit, da brauche es Leute, die Konzepte für Museum, Ausstellung, Touristinfo und Öffentlichkeitsarbeit entwickeln. Die Burgfrauen und ich schauten uns an: Aha. So begründet er das also. Tolles Märchen, was er da erzählt! Der Chef redete noch etwas darüber, dass wir unser neues Haus bestmöglichst verkaufen sollen und nicht schlechtmachen sollen. (kleiner Blick auf mich). In einer Kleinstadt redet man natürlich viel und so blieb es auch nicht vor dem Chef verborgen, dass ich, gerade vor der Kommunalwahl, allen Leuten erzählte, wie ich mit eigentlich die Bibliothek vorgestellt hatte. „Sie müssen rüberbringen, dass Sie für Ihr Haus brennen“, sagte man uns. Ein Maulkorb also. Klar. Stellt euch vor Leute, euer Büro wird schwarz angestrichen und man sagt euch, dass ihr es in der Öffentlichkeit loben sollt!!! Lange hielt ich diese Show nicht durch. Zum Glück war auf dem Vorplatz des neuen Hauses gerade eine Gruppe angekommen. Die war zwar erst für später angekündigt, aber für mich kam sie gerade rechtzeitig. Mit den Worten „Wer für sein Haus brennt, lässt keine Leute vor der Tür stehen!“, ging ich aus dem Raum und die Show war für mich beendet.

Am Tag nach der offiziellen Amtseinführung stand die neue Chefin tatsächlich in der Tür und leitete: „Was macht dieser Frosch da an der Wand? (ein Monats-Kalenderbild) Der passt nicht zu unserem Literaturhaus! Ich möchte, dass der verschwindet! Und überhaupt, wieso sieht das hier so vollgemöhlt aus? Überall Bücher hinter der Theke, muss das denn sein?“ – „Äh, das ist eine Bibliothek und das sollen die Leute auch sehen?!“ – „Das interessiert mich nicht. Lassen Sie sich etwas einfallen, ich will, dass die Bücher da wegkommen!!!“ Oh je, das kann ja heiter werden. Außerdem hielt sie mir einen Vortrag über Loyalität und über mein krankhaftes Geltungsbedürfnis und überhaupt mein unmögliches Verhalten.

Von da an war ich unglücklich. Alle in der Familie und im Freundeskreis nahmen Anteil und jeder erkundigte sich mitfühlend nach den neuesten Ideen der neuen Vorgesetzten. Das bestärkte noch mein Opfer-Dasein, jeden Tag aufs Neue.

Aber wozu eigentlich? Sie war ja nach diesem kurzen Anfall von „Leiten wollen“ wieder kaum da! Und dennoch war sie ständig da – in mir, in meinen Gedanken. Ich war es, die mein eigenes Opfer-Bewusstsein täglich nährte, nicht sie. Irre, oder?

Sie kam bis jetzt, innerhalb eines Vierteljahres, nur zweimal unangekündigt für zwei Stunden in die Bibliothek, setzte sich auf den Arbeitsplatz gegenüber der Theke und beobachtete mich bei meiner Arbeit genau. Sie hörte genau zu, wie ich die Leser beriet. Ich hatte gerade zufälligerweise mein schönstes, neu erworbenes Sommerkleid an und stolzierte selbstbewusst und sie ignorierend an ihr vorbei und plauderte wie gewohnt mit den Lesern. Nach dieser Aktion war sie wieder für Wochen verschwunden. Irgendwann traf ich mal die Burgfrauen und bemitleidete sie wegen der ständigen Präsenz der Chefin. „Wieso, bei uns ist sie nicht. Wir dachten, sie ist bei dir die ganze Zeit und haben dich bedauert?“ Ist ja cool. So ein Job könnte mir auch gefallen. Die dicke Kohle für 20 Wochenstunden in TvöD/K 11 kassieren und fast nie da sein. „Aber sie arbeitet ja geistig!“, meinten wir und lachten. So böse sind wir ja alle nicht darüber, dass sie nie auftaucht.

So nach und nach kam ich wieder in meine alte Form, ließ den Opfer-Gedanken los und stürzte mich voller Freude in die Vorbereitung des Sommerleseclubs. Einige Regalbretter waren für die neue Bibliothek aus Versehen in Weiß geliefert worden. Ich holte sie aus dem Lager und bastelte inmitten der schwarzen Kinderbibliothek-Wandregale ein weißes, schönes FerienLeseLust-Regal. Lektorat und Einarbeitung der neuen Bücher, Einführungen mit Schulklassen – alles lief freudig und mit Hilfe meiner Ehrenamtlerinnen wie gewohnt. Trotz großer Hitze und rückläufigem Bundes- und Landestrend wieder Rekord-Teilnehmerzahl. Wir brauchten garnicht so viel werben wie in den letzten Jahren. Das Projekt hatte sich schon unter den Kindern und Eltern herumgesprochen, sie kamen alle wie von selbst und brachten auch noch Freunde, Geschwister und Verwandte mit. Herrlich!!! Ich war glücklich!!! Spätestens da hatte sich der letzte Hauch von Opfer-Bewusstsein verdünnisiert. Irgendwann rief der Hauptamtsleiter an: „Es ist mal wieder Zeit für unser Monatsgespräch!“ – „Sie wollen weiterhin mit mir die Monatsgespräche führen?“ – „Ja warum nicht, wir haben doch immer gut zusammen gearbeitet!“ Wir besprachen wie immer die Dienst- und Urlaubspläne (was eigentlich in der Tätigkeitsliste der neuen Chefin enthalten ist) und wetteten wie immer augenzwinkernd, wie denn diesmal die Besucherzahlen für die neue Ausstellung sein würden.

Kürzlich rief jemand vom NDR an und fragte, ob ich die Bibliothek in der Reihe „Sommer im Bücherregal“ vorstellen würde. Ich mailte die Bitte an den Bürgermeister und die mir vor die Nase gesetzte Person. Von letzterer keine Antwort, sie war mal wieder gerade abwesend. Ersterer schrieb sinngemäß folgendes: „Wir können jede Werbung brauchen. Aber bitte nur positive Nachrichten, wenn Sie verstehen, was ich meine!“ Selbstbewusst mailte ich zurück: „Über die inhaltliche Arbeit in der Bibliothek gab es in den letzten elf Jahren ausschließlich positive Nachrichten! und der gute Start des Sommerleseclubs ist noch eine gute Nachricht mehr!“ 🙂 Das Interview machte Spaß und war locker. Nach der kurzen Vorstellung der Bibliothek sollte ich ein Buch empfehlen, wenn möglich ein Sachbuch. Meine Empfehlung: „Die stille Revolution“ von Bodo Janssen. 🙂

Allen Opfern von intriganten Chefs und Chefinnen rate ich: Mache deine Arbeit weiter mit Liebe und konzentriere dich auf das, was du am besten kannst, was dein Herzens-Projekt innerhalb dieser Arbeit ist. Wenn sie dir erzählen, wie schlecht, wie geltungsbedürftig, wie undankbar du bist – lass es an dir abprallen. Sie benutzen dich als Spiegel, um sich selbst darin zu sehen und beschreiben nur sich selbst. Bleibe authentisch und lasse dich nicht verbiegen. Versuche, die Opfer-Haltung nicht zu nähren. Alles das, worauf du deinen Fokus richtest, wächst und gedeiht und wird riesengroß, bis es dich zu verschlingen droht. Bedanke dich (in Gedanken) bei deinem Chef, bei deiner Chefin für diese Lebens-Erfahrung und schau, was du aus dieser Situation für dich lernen kannst. „Ich kann gar nicht erwarten, zu sehen, wie viel Gutes aus dieser Situation entstehen wird!“

Muss ich meinem Chef etwas schenken wollen?

Es ist schon ein halbes Jahr her, als ich eine Mail der Sekretärin des Bürgermeisters öffnete: „Der Bürgermeister wird 50. Wollen Sie sich am allgemeinen Geschenk beteiligen oder haben Sie ein eigenes Geschenk?“ Nö. Weder noch. Weder will ich mich beteiligen noch will ich ihm selbst etwas schenken. Zumal eine Einladung zu einem Geburtstagsfrühstück bis dahin nicht erfolgt war und später auch nicht erfolgte. Der Bürgermeister ist nämlich ein ziemlicher Geizkragen. Dies zeigt sich sowohl privat (u. a. im nicht erfolgten Geburtstagsfrühstück, aber auch im nicht geschenkten Frauentagsblümchen) und auch dienstlich (wir sind fast alle unterbezahlt – das geht sogar trotz TvöD. Und er hält sich selbst mit Geburtstagsglückwünschen und dergleichen für Kollegen sehr zurück, selbst zu runden Geburtstagen. Selbst ein Lob hört man von ihm fast nie. Auch eine Art von Geiz. Alles ist immer selbstverständlich, sogar die Überstunden. Freundlicher Smalltalk im Vorbeigehen kommt von ihm überhaupt nicht. Der Hauptamtsleiter ist da anders. Begegne ich ihm auf dem Weg zu meinem Postfach im Dauerlauf auf dem Flur, hat er immer einen netten Satz für mich, und wenn es über das Wetter ist.

Es kann durchaus sein, dass diese Mail, die voraussetzt, dass wir alle dem Bürgermeister etwas schenken wollen, ein Fauxpas der neuen Sekretärin war, die die Gepflogenheiten des Hauses noch nicht kannte und vermutlich noch ganz begeistert vom Chef war. Wie ich auch am Anfang.

Aber Zeiten ändern sich. Ich bin nicht die, die zu Kreuze kriecht, ich sage immer ehrlich und sachlich meine konstruktive Meinung. Und damit ecke ich regelmäßig an. Dumm nur, dass der Chef statt sachlich zu reagieren jedes Mal persönlich beleidigt ist und fast in eine Art Verfolgungswahn verfällt. Einmal hat er mir in einer ziemlich bösen Mail Loyalitätsprobleme unterstellt und hat sich auf den Loyalitätsparagraphen berufen, den ich bei der Einstellung angeblich unterschrieben haben soll. Das war, als er der Meinung war, ich hätte den Arbeitskreis Stadtgeschichte gegen ihn aufgehetzt. Aber die waren alle von ganz allein wütend auf ihn und eine seiner Mitarbeiterinnen. Selbst verzapft – da konnte ich wirklich nix für! Vorsichtshalber schaute ich doch mal nach, was ich damals unterschrieben hatte. Aber ich fand nichts zum Thema Loyalität. Im Internet fand ich dann heraus, dass es früher mal tatsächlich einen Loyalitätsparagraphen gegeben hatte, den man bei der Einstellung unterschreiben musste. Heute gibt es das nicht mehr, und auf dem Formular, was ich unterschrieben hatte, bekannte ich mich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und das tue ich noch heute. Würde ich jederzeit wieder unterschreiben!

Dass mein Chef psychisch instabil ist, wissen wir seit langem. So ist der Umgang mit ihm ein ständiger Balanceakt. Jeder Kollege sucht sich den für ihn optimalen Weg. Die meisten halten sich an die Redewendung: „Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen würst.“ 🙂 Ein sehr guter Rat, dem auch ich folge. Einige, die ihm doch öfter über den Weg laufen müssen, arbeiten erfolgreich mit der Methode „überkorrekt arbeiten, aber sehr distanziert im persönlichen Umgang“ Zumindest die Arbeit dieser Mitarbeiter weiß der Chef zu schätzen. Für sie selbst war diese Methode jedoch offenbar zu anstrengend, oder sie konnten vieles von dem, was der Bürgermeister wollte oder äußerte, nicht mittragen. Jedenfalls sind die meisten dieser netten Kollegen leider gegangen. Was vielleicht auch an der Unterbezahlung lag. Diese Kollegen verhielten sich meist loyal, aber wenn man in einem Vier-Augen-Gespräch genau hinhörte (und als gelernter DDR-Bürger kann ich das noch ganz gut), dann konnte man zwischen den Zeilen doch das eine oder andere kritische Wort heraushören. Einer dieser gegangenen Kollegen zieht heute in seinem Dorf über seinen Ex-Chef ordentlich vom Leder. Dummerweise kenne ich jemanden in diesem Dorf, der mir das dann immer brühwarm weitererzählt, u. a. die völlig unangebrachten Bemerkungen des Bürgermeisters über die Flüchtlinge in unserer Stadt. Peinlich, sowas!

Es gibt auch einige Kollegen, die den Chef total anschleimen. Die eine tat das ziemlich offensiv, wohl in der Hoffnung, Chefsekretärin zu werden. Ich mag diese Kollegin nicht besonders, weil sie, so wie sie nach oben schleimt, versucht, nach unten zu treten. Bei einer Weihnachtsfeier tat sie mir dann aber wieder Leid, denn kaum war sie gegangen, fing der Chef an, unendlich über sie zu lästern. Und Chefsekretärin ist sie schließlich auch nicht geworden. Da hat sich der Chef lieber etwas Junges, Knackiges geholt. Zumal man bei neuen, unverbrauchten Kollegen ja noch Sympathiepunkte sammeln kann. 🙂

Eigentlich gibt es ja einen Personalrat, der dazu da ist, Ungerechtigkeiten zu vermeiden. Ja, eigentlich. Dieser war aber im Laufe der Jahre so inaktiv geworden, dass man glatt die Personalrats-Wiederwahl vergessen hatte und sie erst zwei Jahre später pro Forma nachholte. Und wozu soll ich mich an der Wiederwahl eines Personalrats beteiligen, der nicht einmal selbst dafür sorgen kann, dass er rechtzeitig wiedergewählt wird? Wenn er schon nicht in der Lage ist, sich dafür einzusetzen – wie soll er sich dann für die Rechte der Kollegen einsetzen?

Wie ist nun meine Strategie? Ersten möglichst aus dem Weg gehen. (gehe nicht zum Fürst …) Zweiten habe ich immer ein gutes Gewissen, weil ich fachlich erfolgreich arbeite. Deshalb biete ich keinem Chef eine Angriffsfläche. Und wenn es sich doch nicht vermeiden lässt, ihn zu kontaktieren, dann versuche ich es erst per Mail. In 99% aller Fälle reicht die sachliche Mail aus und erspart die persönliche Begegnung. („Gehe nicht zu deinem Fürst …“) Da ich in einer Außenstelle arbeite, geht das wunderbar. Auf diese Weise habe ich meinen Chef Monate nicht gesehen, das letzte Mal bei einer Arbeitsschutzbelehrung, an der alle teilnehmen mussten. Wenn er eine Anweisung an mich hat, dann tut er das auch in einer Mail, und immer sehr höflich und formvollendet. Neuerdings bedankt er sich auch schon mal für Zuarbeiten. Vielleicht sind Chefs ja doch lernfähig? Zumindest dann, wenn sie auf einmal ohne ihre Führungsebene dastehen, weil Kämmerer, Bauamtsleiter und Ordnungsamtsleiterin gegangen sind.

Ich habe jedenfalls, da ich die freiheitlich-demokratische Grundordnung liebe, mein Recht auf Überprüfung meiner TvöD-Entgeltgruppe geltend gemacht. Ich bin es mir selbst wert! Mit Erfolg!!! Zumindest wurde ein Kompromiss gefunden, der mir etwas mehr Gehalt ermöglicht. Vielleicht könnte ich mir nun zum nächsten runden Geburtstag auch ein Geschenk für den Bürgermeister leisten – wenn er dann noch Bürgermeister sein sollte.

Mut zur Veränderung

Mein Neffe ist jung, gut ausgebildet und hoch motiviert, gute Arbeit zu leisten und sich fortzubilden. Das war nicht immer so. In der Pubertät hatte er einige sehr kritische Hängephasen und wir fragten uns oft: „Was soll aus dem Jungen bloß einmal werden?“ Umso größer unsere Freude und Erleichterung darüber, dass er nach dem Abi auf Anhieb den Ausbildungsberuf fand, der ihm bis heute gefällt und dass er während der Ausbildung einen nie gekannten Ehrgeiz und großes Interesse zeigte.

Nach der Ausbildung wurde er von seiner Firma übernommen. Er wollte sich gleich einen festen Kundenstamm aufbauen, eine Zusatzausbildung an einigen Wochenenden absolvieren und zwei Jahre später den Meister „anpeilen“. Doch was passierte? Seine Chefin verheizte ihn als Springer. Er wurde von Filiale zu Filiale geschockt, überall dorthin, wo gerade eine Kraft ausgefallen und Not am Mann war. Er konnte keine Termine mit Kunden vereinbaren und sich keinen eigenen Kundenstamm aufbauen. Er musste sein Sporttraining in seiner Mannschaft aufgeben, weil er fast jeden Tag in einer anderen Stadt arbeitete und so die Trainingszeiten nicht wahrnehmen konnte. Überstunden, die er leistete, wurden weder durch Freizeit abgegolten noch bezahlt. Es frustrierte ihn immer mehr. Natürlich versuchten wir alle, ihn zu motivieren: „Es ist ja auch ein Zeichen, dass dir die Chefin vertraut, wenn sie dir zutraut, eigenständig in einer Filiale erkrankte Kollegen zu vertreten.“ Oder: „Du bist jung und ohne Kinder und Familie, du bist eben von allen am flexibelsten einsetzbar.“ Oder: „Wenn du in so vielen Filialen arbeitest, kannst du doch prima Erfahrungen sammeln!“ Oder: „Vielleicht ist es nur eine kurze Durststrecke in der Firma, die geht bestimmt vorbei, und danach wird dein besonderer Einsatz bestimmt honoriert!“

Jetzt dauert dieser Zustand schon zwei Jahre an. Die Wochenend-Fortbildung – gestrichen. Meisterkurs? Nicht dran zu denken, da sind noch zwei Kollegen vor ihm dran. Auch der mehrmals in Aussicht gestellte feste Arbeitsplatz in einer neu eröffneten Filiale kam nicht. Er ist immer noch der ewige Springer und hört von der Chefin statt eines Karriereplans nur pampige Worte. Seine Kollegen sind übrigens auch unzufrieden, was zur Folge hatte, dass schon sechs (!!!) innerhalb weniger Monate kündigten.

Mein Neffe hat eine Freundin, die ähnlich frustriert ist. Sie hat zwar etliche (selbst finanzierte) Zusatzausbildungen, deren Anwendung ihrem Unternehmen bares Geld bringt – aber davon merkt sie leider nichts in ihrer eigenen Geldbörse. Auch bei ihr wurden Überstunden nicht bezahlt.

Auch ich bin in einer Arbeitssituation, in der mir immer mehr abverlangt wird, dazu gibt es dumme Kommentare des Bürgermeisters. Auch in unserer kleinen Stadtverwaltung ist innerhalb von drei Jahren schon der sechste Kollege gegangen. Da ich in meinem Beruf und in meiner Region bleiben möchte, ertrage ich es – noch.

Mein Neffe und seine Freundin haben jetzt ganz selbstbewusst die Reißleine gezogen. Die junge Generation zeigt, wie`s geht: vom Osten ab in den Westen! (Und ich dachte, die Zeiten wären langsam vorbei, die Lebensstandards gleichen sich an und die junge Generation bleibt oder kehrt langsam zurück? – Denkste!!!) Im Westen nahmen sie meinen Neffen mit Kusshand. Vertraglich geregelt sind 800 € mehr Monatslohn. Und er hat schon die festen Termine für seine Zusatzausbildung und den Meisterlehrgang. Die Kosten dafür übernimmt selbstverständlich der Arbeitgeber. Falls er bei seiner alten Firma im Osten überhaupt jemals zum Meisterlehrgang angemeldet worden wäre, hätte er die Kosten allein tragen müssen.) Darüber hinaus wurde ihm schon die Leitung einer Filiale als Karriereziel langfristig in Aussicht gestellt. Natürlich sind wir alle sehr traurig, wir hätten wenigstens einen meiner beiden Neffen in unserer Nähe gehabt. Aber wir werden ihn weiterhin unterstützen, ihm beim Umzug helfen und .. – na gut, Mut machen müssen wir ihm nicht, denn den Mut und das nötige Organisationstalent für die spontane berufliche Veränderung hatten er und seine Freundin ganz allein zu zweit, sie haben uns heute vor vollendete Tatsachen gestellt. Aber Daumen drücken und ihm beiseite stehen, wenn es mal klemmt, das dürfen wir bestimmt schon noch. Und stolz sein auf den Mut dieser jungen Leute zur totalen Veränderung, zum Start in ein neues Leben, dürfen wir auch. 🙂

Liebe Chefs – ob in Ost oder West – schreibt euch eins hinter die Ohren: Ausbeutung war gestern! Wer ausgebeutet wird oder ständig verbal schlecht behandelt wird, stimmt mit den Füßen ab – und tschüß! Wenn ihr gute Leute haben wollt, dann behandelt sie auch gut! Wenn ihr aus verschiedenen Gründen eure Mitarbeiter nicht gut bezahlen könnt, dann sorgt wenigstens für ein gutes Arbeitsklima, dazu reichen schon manchmal kleine Gesten. Wie z. B. einem jungen Basketballer weinigstens einen Wochentag mit einer festen Arbeitszeit in einer festen Filiale garantieren, damit er trainieren kann. Liebe Chefs, arbeitet mit den Mitarbeitern, nicht gegen sie. Denn gute und hoch motivierte Mitarbeiter sind Goldstaub und nicht beliebig ersetzbar.

Frauentag

Heute, am 8. März, wird der Weltfrauentag gefeiert. Bei uns in den „jungen Bundesländern“ hat dies eine lange Tradition und wird auch heute noch gebührend gefeiert.

Angenehm überrascht war ich schon am Morgen, als in meinem Frühstücks-Radiosender NDR Kultur auf diesen Ehrentag hingewiesen wurde. Sie spielten Musik von Komponistinnen und Interpretationen von Musikerinnen oder weiblichen Ensembles. Leider kann ich an Arbeitstagen nie lange Radio hören, denn der Bus zur Arbeit wartet nicht.

Als ich die Bibliothekstür öffnete, folgte die nächste Überraschung. Günthi Bufdi stand nicht wie erwartet mit einer Blume in der Hand da, sondern mit einem ganzen Frühstück, dass er gemeinsam mit seiner Frau für uns drei vorbereitet hatte. Eine nette Idee, denn es war Schließtag und somit eigentlich Archivtag. Und eigentlich hatte ich, pflichtbewusst wie immer, 1000 „to do’s“ im Kopf. Aber ich fand die Idee so schön, dass ich sofort umschaltete und mich wirklich mit Günthi und seiner Frau anderthalb Stunden gemütlich unterhielt, bei leckeren belegten Brötchen, Kaffee und Kuchen. Beim alltäglichen Achten rennen ist wenig Zeit für private Gespräche nebenbei. Der Smalltalk fällt bei mir immer sehr „mall“ aus, nicht, weil ich nicht gern mit Günthi plaudern würde oder auch mit seiner Helga, wenn sie ihn mal abholt, sondern weil wirklich immer ein Berg Arbeit auf mich wartet. Und bald ist Günthis Bufdi-Zeit schon  vorbei. Ein Grund mehr, um wirklich mich mal gemütlich mit ihm und seiner Frau zu unterhalten. Als wir fertig waren, griff ich mir schon automatisch das Geschirr, um in Richtung Kochecke zu gehen. Sofort sprang Günthi ungewohnt schnell auf mit den Worten: „Heute ist Frauentag! Heute wasche ich mal ab!“ Helga, seine Frau, und ich zwinkerten uns amüsiert zu und ließen ihn machen. . Er wusch also das Geschirr ab, während wir Frauen die Zeit für einen Erfahrungsaustausch unter vier Augen nutzten, über Männer im Allgemeinen und Günthi im Besonderen. Also wir lästerten liebevoll etwas ab. 🙂

Normalerweise sind wir ja ein Viererteam: Günthi als Hahn im Korb, meine beiden ehrenamtlichen Helferinnen Christina und Doreen, und ich. Christina und Doreen hatten heute keinen Bibliotheks-Dienst und waren nachmittags und abends auf Frauentags-Parties unterwegs. Wenn wir dienstags und donnerstags zu viert nach getaner Arbeit einen Cappuccino trinken, dann greift sich hinterher immer eine der Frauen die Tassen und zieht damit ab. Von Günthi kommt dann ganz selten mal ein Kommentar wie „Ich könnte ja auch mal abwaschen“, aber das ist nach meiner Einschätzung reine Rhetorik. 🙂 Bevor er diesen Gedanken zu Ende ausgesprochen hat, sind wir mit den abgewaschenen Kaffeetassen meist fast schon wieder zurück. Heute dagegen war er mit den Kaffeetassen so schnell verschwunden, dass ich nur staunen konnte! 🙂

Unsere männlichen Vereinskollegen waren heute nachmittag, bei der Probe meines plattdeutschen Vereins, dagegen absolut enttäuschend. Kein Wort, keine nette Geste, nicht mal ein Glas Sekt!!! Den Kuchen, den wir aßen, hatte eine Vereinskameradin gebacken, und unsere Frauen machten auch wie immer den Abwasch. 😦

Ein Kavalier war dagegen mein Vater, der mir Blumen in die Wohnung gestellt hatte, die ich auf einer kurzen Stippvisite zwischen Arbeit und Probe fand. Es gab auch mehrere Mails und Anrufe von Freunden. Meine Chefs in der Stadtverwaltung dagegen ignorierten, wie jedes Jahr, die Tatsache, dass in den Außenstellen auch Frauen arbeiten, die mindestens genauso gute Arbeit leisten, wie die Mitarbeiterinnen in der Kernverwaltung, die mit einer Rose beschenkt werden. So etwas ist nicht sehr motivierend. 😦 Ich habe es schon mal ganz offen beim Hauptamtsleiter thematisiert, aber ohne Erfolg. 😦 Da haben die Chefs Glück, dass ich auf deren permanente Nicht-Motivation nicht angewiesen bin und mich ganz gut selbst motivieren kann. 🙂

Ich ließ den Tag dann gemeinsam mit einer Freundin ausklingen, für die ich eigentlich immer viel zu wenig Zeit habe, was ich sehr bedauere.

Und da wären wir wieder ganz schnell bei der Frage nach dem Sinn des Lebens: Was ist wichtiger: unterbezahlt Achten rennen für demotivierende Chefs oder Gespräche und Unternehmungen mit Freunden oder mit wirklich netten Menschen? Zum Glück arbeite ich ja nicht für die Chefs sondern eigentlich im Dienst für die Menschen meines Arbeitsortes. Das ist eine schöne Motivation für meine tägliche Arbeit. Aber meine Freunde sind mir auch sehr wichtig. Das werde ich mir jetzt öfter in Erinnerung rufen. Und zwar bevor ich mich abends zu Hause an den PC setze, um noch etwas für die Bibliothek zu tun. Auf neudeutsch hieße das, die richtige work-life-Balance zu finden. Genau das werde ich ab jetzt beherzigen. Und zwar täglich – weil ich es mir wert bin!

Die Woche vor Ostern

Diesmal kein Blogbeitrag zu einem bestimmten Thema, sondern einfach nur mal ein aktueller „Lagebericht“ meiner Befindlichkeiten.

Ich habe in dieser Woche normal gearbeitet, nachdem wir am Wochenende ein rauschendes Familienfest feierten und ich schon für einen Teil der Familie die süß gefüllten Osterkörbchen mit auf den Weg gegeben hatte. Stürmische Zeiten waren das im Außen, aber im Inneren verspürte ich eine ungewöhnlich tiefe Ruhe und tiefen Frieden. Osterstress wird es nicht geben, denn die Osterkörbchen sind schon fertig und in der Familie wollen wir die Feiertage relaxt genießen: essen gehen und Ausflüge machen. Also kein Getümmel in überfüllten Supermärkten – es ist eh zu stürmisch dafür gewesen!

Am Dienstag wurde ich mit dem Bus auf dem Weg zur Arbeit durch eine tief verschneite Landschaft gefahren. Der Weg von der Haltestelle zur Bibliothek war mit meinen glatten Übergangsschuhen sehr abenteuerlich. Ich fiel sofort in den „Überlebensmodus“: aufpassen, wo man tritt und wie man tritt, Schritt für Schritt bewusst gehen. Kapuze festhalten und ab durch den Schneesturm. Als ich unterwegs im Blumenladen vorbeischaute, staunte meine nette Blumenfee nicht schlecht über die Schneefrau, die da im Laden stand. Sie hatte das Schietwetter garnicht bemerkt, griff sich aber flugs den Schneebesen und eilte vor die Ladentür. Leser kamen an diesem Vormittag kaum, aber Liegengebliebenes zum Aufarbeiten gibt es ja immer genug. Die Leser, die in dieser Woche „reinschneiten“, waren meist gut gelaunte Familien, die schon Osterurlaub hatten, mit Osterferien-Kindern. Die Kinder waren besonders anlehnungsbedürftig und mitteilsam. Ein vierjähriges Mädchen zeigte mir gleich ihr „Auaweh“, sie war am Vortag auf die Nase gefallen. Ein sechsjähriger Junge lief gleich zu mir und verkündete: „Ich habe meinen Zahn verloren!!!“ Danach riss er den Mund weit auf und präsentierte mir die Lücke. Als ich ihn trösten wollte und sagte, „Da wächst bestimmt bald ein neuer“, riss er den Mund gleich noch mal weit auf: „Du musst genau hingucken, der neue ist schon zu sehen!“ – „Na, das wird ja ein wirklich schicker Zahn!!!“ (Ich sah zwar nur ein winziges Stummelchen, aber ist ja egal! 🙂 Ein vierjähriges Mädchen kam rein, steuerte auf die Theke zu und quietschte begeistert los: „Ich kann drübergucken!!! Ich bin gewachsen!!!“ Süß!!! Nebenbei wurden natürlich auch Bücher ausgeliehen und nicht so schrecklich viele DVDs wie vor Weihnachten. Eine Begegnung freute mich besonders: eine alleinerziehende Hartz-IV-Mutter verlängerte den Jahresausweis ihrer Tochter. Das war nicht selbstverständlich und hatte eine Vorgeschichte. Die Mutter war vor zwei Jahren mal mit ihrer Tochter in die Bibliothek gekommen, um für sich selbst Bücher über das Nähen auszuleihen, denn sie wollte sich ein Kostüm für das Stadtfest nähen. Ohne überhaupt zu fragen oder zu betteln, meldete sie ganz frech ihre Tochter an, und erklärte der Tochter dann noch in meinem Beisein: „Dann wird es billiger!“ Ich hatte den Protest schon auf der Zunge, aber ich verbiss mir jeglichen Kommentar, denn die Tochter, damals in der 2. Klasse, reagierte prompt: „Dann ist das aber mein Ausweis!!!“ Die Mutter murrte zunächst etwas rum, so etwa: „Du bist ja garnicht zuverlässig, du vermöhlst doch die Bücher …“ Die Kleine blieb stur und beharrte darauf, dass sie den Ausweis auch selbst nutzen darf und ich bestärkte sie. Kurze Zeit später war die Klasse des Mädchens zur Klassenführung da und sie verkündete allen stolz wie Bolle, dass sie schon einen Leserausweis hat. Sie nutzte ihn zwar nicht regelmäßig, aber doch immer mal wieder. (Die Mutter nutzte den Ausweis wirklich nur das eine Mal für die Nähbücher.) Als der Ausweis das erste Mal abgelaufen war, hatte das Mädchen wohl bei der Mutter vergeblich um Verlängerung gebettelt. Schließlich kam sie, clever wie sie ist, mit der Oma, die ihr die 5,- € für die Verlängerung spendierte. Nun war der Ausweis wieder abgelaufen, und – oh Wunder – die Mutter verlängerte ihn! Zwar auch nicht ohne zu murren und ohne sich noch einmal die Benutzungsordnung mitgeben zu lassen, aber egal, sie ermöglicht dem Kind ein weiteres Jahr Lesen.

An den Abenden fiel ich in dieser Woche früh ins Bett. Total geschafft, obwohl eigentlich tagsüber alles entspannt war und auch kein Vereinsstress in der Freizeit lauerte. Der kommt erst nächste Woche. 🙂 . Der Körper hatte wohl mit der nervigen Zeitunstellung zu tun, die von mir aus abgeschafft werden kann. Aber auf mich und den Rest, der immerhin laut Tagesschau aus 75% der Bevölkerung besteht, hört ja keiner…! Gibt’s da eigentlich irgendwo eine Petition im Netz gegen die Zeitumstellung? Ich wäre sofort dabei!!! Gähn! (es ist wieder abends)  Immerhin schaffte ich gerade noch rechtzeitig, meine selbst fotografierten Osterkarten loszuschicken. In der Hoffnung, dass die netten Postboten in den Zielorten gerade nicht streiken. Nun kann Ostern kommen, und nach Ostern hat sich mein Körper hoffentlich an die Sommerzeit gewöhnt. Ach ja, der Clou kam ja kurz vor Feierabend: der Chef schickte tatsächlich am Donnerstag um 17.30 Uhr eine Rundmail an alle (sogar mit Außenstellen) und wünschte frohe Ostern. Wow! Das hat der noch nie gemacht! Auch Bürgermeister scheinen lernfähig zu sein. 😉 Die meisten Kollegen werden diese späte Mail wohl erst nach Ostern vorfinden, aber egal, die gute Absicht ist ja schon mal vorhanden …

Allen Lesern und Followern wünsche ich sonnige Ostertage!