Achtung! Künstler im Anmarsch!!!

Der Dienstag nach einem langen Wochenende. Ich freue mich auf einen ruhigen Arbeitstag im Stadtarchiv, denn die Bibliothek lockt gerade down. Unendlich vieles ist im Archiv zu sichten, zu erschließen, zu verschlagworten (ich liebe dieses wort) und neu zu ordnen. Außerdem bastle ich mmer mal an meinem stadtgeschichtlichen Vortrag, den ich auf einer virtuellen Tagung halten soll.

Morgens, nach der obligatorischen Blumen-Gieß-Runde, flutscht es ganz gut. Einige Ordner mit Bauakten sind gesichtet und erschlossen – wunderbar.

Gegen zehn Uhr bewege ich mich wieder aus der Unterwelt hinauf in die Höhen der Bibliothek. Ich schließe schon mal die Tür auf, damit Christina, meine ehrenamtliche Helferin, gleich reinrutschen kann. Sie wollte sich Verpackungsmaterial holen. Und ich hatte ihr und mir selbst eine Kaffeepause auf dem sonnigen Hof versprochen.

Während ich, auf Christina wartend, etwas in der Bibliothek herumsortiere, rutschen zwei Leser rein. Als sie schon in der Bibliothek standen, fragten sie vorsichtshalber mal nach: „Ist denn überhaupt geöffnet?“ Tja, Schließschilder an der Tür sind in dem Moment Schall und Rauch, wenn die Tür mal fünf Minuten aufgeschlossen ist. Da ich weiß, dass die Leser aus dem am weitesten entfernten Dorf unseres Amtes kommen, nehme ich die Bücher von ihnen zurück und gestatte ihnen, sich schnell neue auszusuchen. Sie verschwinden im Roman-Raum und Christina steht in der Tür. Wir machen kurze Dienstberatung und schwatzen etwas, darauf wartend, dass die Leser nach ganz schnellem Aussuchen der Bücher wieder gehen und wir unseren Kaffee auf den Hof trinken können. Doch die Leser bleiben im Romanraum und rühren sich nicht.

Dann klingelt das Telefon. Eine Frau vom Kulturverein kündigt an, dass die Künstlerin, die die nächste Ausstellung bestückt, statt in einer Woche schon heute aufbaut, denn sie hat gerade heute mal Hilfe. In einer dreiviertel Stunde würde sie kommen. Ob das ginge? Im Prinzip ja, antwortete ich, aber dann müsse die Künstlerin auf den für nächste Woche bestellten Hausmeister als Hilfe verzichten. „Wieso denn das?“ – „Der Hausmeister betreut insgesamt vier Häuser und etliche Grünanlagen. Bei uns ist er turnusmäßig nur donnerstags im Hause. Für den Aufbau der Ausstellung habe ich ihn auf Wunsch der Künstlerin für den nächsten Dienstag ausnahmsweise einbestellt. Bei solchen spontanen Aktionen wie heute kann ich ihn aber nicht aus seiner anderen Arbeit herausnehmen.“ Hm, dann muss es wohl ohne gehen, meint die Kulturvereins-Frau.

Zum Verständnis vielleicht folgendes: Die Bibliothek teilt sich den großen Veranstaltungssaal mit dem Museum und dem Kulturverein. Die Mitglieer des Kulturvereins haben es übernommen, ehrenamtlich die Ausstellungen zu betreuen. Das Ausstellungs-Jahresprogramm wird gemeinsam mit allen Beteiligten abgestimmt. Die jetzt ausstellende Künstlerin zeigt ihre Werke annlässlich ihres 80. Geburtstages – diese Ausstellung war ein Wunsch aus dem Museum.

Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, schaue ich zu den Lesern, die nun schon mehr als eine Viertelstunde im Roman-Raum verweilen. Der Mann hatte es sich mit einem Buch in der Sitzecke bequem gemacht. Ich bitte die Leser, sich doch möglichst zu beeilen und erinnerte sie daran, dass wir ja eigentlich geschlossen haben und nur freundlicherweise spontan ihnen eine schnelle Ausleihe ermöglichen. Die Frau reagiert sofort und kommt mit ihren Medien an die Theke. Als ich sie schon abgefertigt hatte, Beleg war gedruckt, kommt der Mann gaanz laaangsam hinterher und will sein Buch, in dem er sich bereits festgelesen hatte, auch noch verbucht haben. Tief Luftholen, freundlich bleiben, lächeln – und tschüß!!!

Nun suche ich im Lager für Christina die Verpackungsmaterialien zusammen, während sie uns den Kaffee kocht. Wir schaffen es gerade, unseren Kaffe auf dem sonnigen Hof auszutrinken und hatten noch nicht mal ein wichtiges To Do besprochen, als es an der nun wieder geschlossenen Tür klingelt und die Künstlerin mit ihrer Helferin Einlass begehrt.

Erste Frage: „Wo ist der Hausmeister?“ Ich erkläre der Künstlerin, einer achtzigjährigen Dame, dass der Hausmeister zum ursprünglichen Termin am 4. Mai gern zur Verfügung gestanden hätte, dass wir aber soo spontan leider nicht umdisponieren können. Das wird naserümpfend zur Kenntnis genommen. Nun betritt die Künstlerin den Ausstellungssaal, der gleichzeitig als Touristinfo und Veranstaltungssaal dient. Ein kritischer Blick umfasst den gesamten Saal, dann ging es los: „Die Flyerständer müssen raus.“ Okay, es ist ja Lockdwon, so schnell wird wohl kein Tourist hier aufschlagen. „Die Tische müssen raus.“ Da geht das Verhandeln schon los. Ergebnis: zwei Tische dürfen raus und zwei bleiben drin, denn der Raum wird auch mal für Dienstberatungen genutzt. Als nächstes visiert der kritische Künstlerinnen-Blick die große Theke. „Kann die hinter die Schränke geschoben werden?“ Nein, kann sie nicht, denn dort stehen schon die Stühle aufgestapelt und die Theke wird auch manchmal gebraucht. Zwar nicht als Theke, aber zu anderen Zwecken. Und die Theke ist so groß, dass sie stört, egal wo sie steht. Dann fällt der Weg auf die Bühne. Dort stehen zwei gemütliche Korbsessel mit bunten Kissen. Die werden sehr kritisch beäugt. Dann hebt die Künstlerin einen Sessel von der Bühne. „So ist es besser!“ Inzwischen hat sich Christina weise vorausschauend unauffällig verdünnsisiert und die Kulturvereins-Frau war gekommen. Ich helfe nun etwas tragen und lasse die Künstlerin und ihre beiden Helfer dann allein weitermachen. Ich verziehe mich ins Archiv und springe nur hinzu, wenn etwas gebraucht wird. Irgendwann gegen Eins verschwindet die Kulturvereins-Tante, die ja ebenso wie ich mit dieser Aufbau-Aktion spontan überfallen worden war.  Und so gegen halb drei muss die Helferin dann auch leider gehen. Zwischendurch rief noch eine Leserin an, eine alleinerziehende Mutter mit Kind, welches beschäftigt werden will. Ich wusste, dass ich mich auf diese Leser wirklich verlassen konnte, ließ sie rein und fertigte sie wirklich schnell ab.

Danach schaue ich zur Künstlerin rein, die nun allein vor sich hin wurschtelt. Als mein Blick auf die Bühne fiel, standen wieder beide Korbsessel oben, aber ohne die bunten Kissen. Auf meine Frage nach dem Warum erhalte ich einen Vortrag über die hässliche Aufdringlichkeit der bunten Kissen, die den Saal dominiere. Ich lasse das kommentarlos an mir abprallen, habe keine Lust auf künstlerische Auseinandersetzungen, von denen ich anscheinend nichts verstehe, und frage nur kurz: „Wo sind die Kissen jetzt?“ – „Die habe ich in einen Schrank gestopft.“, so die Antwort im sehr verächtlichem Tonfall.

Über Kunst kann man trefflich streiten. So hässlich, wie die Künstlerin die bunten Sesselkissen findet, so hässlich finde ich die meisten ausgestellten hageren Terrakotta-Gestalten der Künstlerin. Ich kann mit ihnen einfach nichts anfangen. Das ging mir aber auch schon mit ihren früheren Werken so. Sie hat immer mal in unserer Gegend Ausstellungen, aber ich konnte mich nie für ihre Kunstobjekte begeistern. Die Farben und Materialien finde ich schön, aber die Figuren – naja … Aber ich kommentiere nichts und begebe mich nun in die Rolle der helfenden Hand. Da musste hier mal eine Aufhängung gezogen werden, dort mal etwas angepasst werden. Nebenbei bekomme ich eine Vorlesung darüber, was Kunst überhaupt ist und dass sie laut Kokoschka immer im Auge des Betrachters passiert. Da wäre ich nie drauf gekommen … Neben den Skulpturen lehnt noch eine Auswahl von Reliefs an der Wand, die mir ebenfalls nichts sagen. Neben den Reliefs hängen vier Medaillen. „Die habe ich mal für den FDGB angefertigt!“, verkündet die Künstlerin stolz. Hm. Auch hier springt bei mir kein Funke über. Einige Keramiken, diese allerdings nur auf Postern, gefallen mir dann wieder. Jedenfalls halte ich mich mit jeglichem Kommentar zurück und die Künstlerin fragt auch nicht nach meiner Meinung. Zum Glück.

Schließlich deutet sich so gegen Drei so etwas wie ein Aufräumwille an und die Künstlerin erklärt mir, sie müsse ja noch in die Stadt. „In welche Stadt?“, frage ich nach. Es handelt sich um die 15 km entfernt liegende Großstadt. Vorher müsse die Künstlerin aber noch einen Brief abschicken. Ob ich denn einen Kopierer hätte? Dann könne sie sich schon einen Gang sparen. Ich kopiere ihr die gewünschten Materialien. Sie hatte einen Brief an ihren Bruder geschrieben und bereits versandfertig verklebt. Den öffnet sie nun wieder und will ihn ebenfalls kopiert haben. „Mein Bruder ist Schriftsteller und der nimmt immer jedes Wort auseinander. Deshalb muss ich hinterher noch wissen, was ich ihm schrieb.“ Sie behält das Original und stopft die Kopie in den Umschlag. Ich wundere mich zwar, sage aber nichts. Meine Arbeitszeit war bereits überschritten, mein Feierabend-Bus war schon abgefahren und ich bete inständig im Stillen, dass man mich endlich von dieser Frau erlöesn möge. Sie tüdelt noch hier und tüdelt da, macht den Briefumschlag dreimal auf und klebt ihn wieder zu, erzählt noch etwas mit mir. „Kommt Frau R. auch zur Vernissage?“ Mühsam überspielte ich meinen Schrecken. Vernissage? Hatte nicht eben noch die Kulturvereins-Tante bestätigt, dass es pandemiebedingt keine Vernissage geben wird? Wie denn auch. Mit Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln und Veranstaltungsverbot nahezu unmöglich. Ich hielt mich zurück, sagte nur sowas wie „weiß nicht“. Kurz vor Vier bin ich sie dann endlich los.

Ich mache erstmal eine Runde durchs Haus, alle Türen zu, alle Lichter aus, alle Fenster zu und stehe noch eine Weile vor den Terrakotta-Skulpturen, deren Sinn sich mir einfach nicht erschließen will. Dann schreibe ich noch eine Mail an den Hausmeister, dass sich der Termin am 4. Mai erledigt habe, er aber dafür übermorgen von der Künstlerin gebraucht werde.

Als ich schon fast zum nächsten Bus will, fallen mir siedend heiß die Kissen ein. Wo hatte sie die hingetan? Die beiden schwarz-weiß-goldenen fand ich schnell auf der Erde liegend, aber die beiden schwarz-weiß-roten bleiben verschwunden.

Nun muss ich zum Bus und verriegele das Haus.

Am nächsten Tag stelle ich das ganze Haus auf den Kopf und suche nach den beiden bunten Sesselkissen. Sie waren und blieben verschwunden. Ich schiebe Panik. Ich bin nahe am Heulen. Mir ist schlecht. So kenne ich mich sonst nicht.  Aber nix zu machen, nix zu finden. Spurlos verschwunden. Ich mache mir dann erstmal einen Kaffee und setze mich auf den sonnigen Hof. Unruhiger Gedankenkreisel. Was, wenn sie die Kissen entsorgt hat? Bis zu diesen Sesseln mit genau diesen Kissen war es ein elend langer Entscheidungsweg gewesen. Genau diese Sessel mit genau dieses Kissen waren eine Einzelanfertigung. Sie waren „abgesegnet“ worden vom Architekten, vom Bauamt, vom Bürgermeister und von der Museumsleiterin und von mir. Sie waren von Fördermitteln bezahlt worden. Was, wenn die Kissen wirklich weg sind?

Bei meiner Panik hilft nur Bewegung. Ich nehme mir vor, ein Archivregal umzuräumen, welches ich schon immer umräumen wollte. Ich vertiefe mich schließlich so sehr darin, dass die Kissen allmählich in den Hintergrund rutschen. Dennoch suche ich kurz vor Feierabend noch einmal das ganze Haus ab. Die Kissen bleiben verschwunden. Ich schreibe der Kulturvereins-Tante eine Mail, sie weiß auch nichts. Wozu steht sie denn da und betreut die Künstler??? Einmal mehr ist das ein Grund, auf den lange fälligen Kooperationsvertrag mit dem Kulturverein zu bestehen, in dem genau festgelegt ist, was Kulturverein und Künstler dürfen und was nicht. Der „gute Onkel Bürgermeister“ hielt so etwas für einen Vertrag bisher nicht für nötig. Wir lieben uns doch alle. Wozu dann ein Vertrag.

Dann fahre ich nach Hause und mache einen groooßen Gang in  der Sonne, um den Stress durch Bewegung abzubauen. Das hilft immer.

Am nächsten Tag, pünktlich um Zehn, steht der Hausmeister rauchend vor der Tür, die Kulturvereins-Tante kommt und das Künstlerinnen-Auto rollt an. Unumwunden gleich als erstes meine Frage: „Wo sind die Kissen?“ Da geht die Helferin fröhlich zu einem hölzernen Flyerständer mit vielen offenen und geschlossenen Fächern, öffnet das kleinste Seitenfach ganz unten und zieht die Kissen raus. Puh!!! Ganze Felsbrocken fielen mir von der Brust. Da hätte ich sie laut der Aussage „In irgendeinen Schrank gestopft“ nun wirklich nicht vermutet. Ich verfluchte wieder mal den Innenarchitekten. Der hatte überall, wo es passte und wo es nicht passte, lauter kleine Fächer installiert, dabei aber, nebenbei bemerkt, vergessen, dass ich große Fächer für Ordner gewünscht hatte. Mehr als die Hälfte dieser lauter kleinen Fächer benutze ich nie.  Der betreffende Flyerständer stand so abseits in der Ecke, dass ich nie darauf gekommen wäre, dass sie ausgerechnet dorthin, in das unterste, kleinste Fach, die Kissen stopft. Ich atmete dreimal tief ein und aus. Immer lächeln.

Schließlich hatte ich ja auch schon schlimmere Künstler-Umgestaltungs-Orgien. Ich erinnere mich nur an die Seencard-Box mit lauter kleinen Flyern, die einmal monatlich von einer Firma bestückt wird und die dummerweise bei uns auf einer Staffelei steht. Tja, wie Künstler so sind: Staffelei = Kunst, Seencard-Box =überflüssiger Kommerz = kann weg. Das ging dreimal mit derselben Kulturvereins-Tante, aber mit unterschiedlichen Künstlern so. Beim dritten Mal platzte mir derart der Kragen, dass ich ein fürchterliches Donnerwetter veranstaltete. Ich wurde fortan von den beiden betreffenden Wessi-Künstlern wie eine Geisteskranke schräg angesehen und mit Samthandschuhen angefasst. 🙂 Das war mir egal. Inzwischen hat die Kulturvereins-Tante wohl dazugelernt, denn die Seencard-Box hat die jetzige Künstlerinnen-Invasion jedenfalls unbeschadet überlebt. Ach, Kunst kann sooo aufregend sein!!! Und sie liegt immer im Auge des Betrachtet. Manchmal führt sie zur Selbstbetrachtung. Ich glaube, ich bin ein Kunstbanause. Und ich stehe dazu. 🙂

Der ganz normale Wahnsinn?

Schon seit Tagen brodelt es um mich herum. Alltag war jedenfalls gestern. Heute ist jeder Tag neu. Vorlagen gibt es nicht mehr. Spontan agieren ist angesagt. Schon Montags ging die Aufregung los. Kommt ein Drehteam für einen Podcast oder kommt es nicht? Halbstündlich wechselten die Nachrichten: ja – nein – in einer halben Stunde – doch nicht. Mich ging es ja nur am Rande etwas an, aber die Noch-Museumschefin drehte Achten im Hause.

Mich ging es nur insofern etwas an, als dass ich dafür zu sorgen hatte, dass das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden einen guten Eindruck macht. Gut, im Haus war letzte Woche schon alles schick gemacht worden, denn schließlich hatten wir ja am Freitag schon einen wichtigen Termin. Was aber noch fehlte, war der Innenhof. Das sauteure Natursteinpflaster des Hofes hat so seine Tücken und sieht nach dem Winter immer vermoost und veralgt aus. Schon seit Tagen sollte der Hausmeister das in Ordnung bringen. Auch hier die Zitterpartie: Kommt er – kommt er nicht? Nachdem ich schon fast soweit war, den Hof selbst in Angriff zu nehmen, tauchte der Hausmeister doch noch auf, ausgerüstet mit einer ordentlichen Alkoholfahne. Er hat gerade wieder mal private Probleme und versucht diese in Alkohol zu ertränken. Demzufolge ist der Umgang mit ihm eine ständige Gratwanderung. Deshalb war ich mehr als heilfroh, als er kurz vor dem am frühesten genannten Zeitpunkt des angekündigten Drehs den Hof hübsch hatte. Puh! Das war knapp!!! Auch wenn das Drehteam nun nicht mehr kommt, ist dennoch der Hof endlich frühlingshaft sauber. Der Dienstag verlief dann wieder halbwegs normal, wobei ich mich auch schon montags über steigende Besucherzahlen in der Bibliothek freuen konnte. Lag es vielleicht daran, dass schon wieder Spekulationen über einen Lockdown kursierten?

Die Pandemie-Angst war deutlich spürbar. Sogar in der Stadtverwaltung meines Arbeitsortes schien das Thema angekommen zu sein. Der Bürgermeister hatte einige Tage zuvor eine Rundmail geschrieben, in der er meinte, Arbeitgeber sollten ja möglichst Tests bereithalten, das wäre aber teuer, und wenn es nicht sein müsse, dann würde er gern darauf verzichten. Wenn aber jemand unbedingt sich testen lassen wolle, dann würde er dies auch ermöglichen. So sinngemäß rumgeeiert. Offenbar hatte es Reaktionen bei den Kollegen gegeben, also erhielt ich einen netten Anruf vom Hauptamtsleiter, in dem er mir mitteilte, dass wir in der Arbeitszeit zum Testzentrum gehen können, um dort einen Schnelltest zu machen. Für alle Bürger sei ja sowieso einmal wöchentlich ein Schnelltest kostenlos möglich. Na, gut, okay. Das Testzentrum ist in meinem Arbeitsort ein umgebauter Wohnwagen vor der Apotheke, der dreimal wöchentlich vormittags geöffnet ist. „Aber kommen Sie nicht in größeren Horden dorthin, so dass es in der Stadt für Diskussionen sorgt!“ 😀 Für mich kam Testen erstmal nicht in Frage. Die Inzidenzwerte in unserem Amt waren am Dienstag noch sehr niedrig, während es in den benachbarten Ämtern schon seit Tagen ordentlich kriselte. Statt dessen musste ich abends mit meiner Mutter eine unangenehme Diskussion führen, denn sie überraschte mich mit dem Anliegen, dass ich mich doch möglichst schnell impfen lassen solle. Was ich immer noch nicht möchte.

Am Mittwoch freute ich mich auf einen ruhigen Archivtag. Doch irgendwann klopfte es an der Tür und die Noch-Museumschefin wollte in das Haus. Sichtlich erschrocken darüber, dass ich noch mittags im Hause war, griff sie sich einen Stapel Fachbücher, der seit einem halben Jahr unberührt in der Ecke liegt, und zog sie sich in den Veranstaltungssaal zurück. Ich fand das irgendwie komisch, arbeitete aber normal weiter. Bevor ich ging, schaute ich noch einmal zum Abschied bei ihr vorbei: „Haben Sie noch einen Termin im Hause?“ – „Nein, ich wollte mich nur mit den Büchern beschäftigen.“ Komisch, die Bücher hatten sie wirklich monatelang überhaupt nicht interessiert, das Museum im Haus ist schon seit November geschlossen und die Museumsmitarbeiter standen wieder einmal kurz vor der Kurzarbeit. Das mit den Büchern kann sie also ihrer Oma erzählen, aber nicht mir. Ich vermutete eher einen hiemlichen Termin. Wenn die Dame im Hause einen Termin hat, weiß ich eigentlich Bescheid, wann, mit wem, mit wie vielen Leuten. Zu Hause angekommen, rief ich meine Museumskollegin an. Auch sie wusste nichts. Die Museumschefin habe sich einfach verabschiedet und gemeint, sie sei jetzt mal im anderen Haus.

Am Donnerstag machte ich als erstes eine Kontrollrunde. Die Tür zur Bibliothek war offen und zwei PCs waren nicht richtig runtergefahren, in der Küche stand angegammeltes Geschirr. Die Museums-Chefin kämpft immer noch gegen Windmühlen um die Verlängerung ihres Vertrages. Wir nehmen an, dass sie einen Termin mit jemandem hatte, den sie auf ihre Seite ziehen wollte. Schließlich sollte am Donnerstag der Kulturausschuss beraten. Vielleicht wollte sie erreichen, dass dort noch jemand Einfluss nimmt. Sie versucht es auf allen Ebenen bis zur letzten Minute: nicht abgestimmte Pressetermine, böse Briefe und Mails und Termine mit Stadtvertretern, die sie – O-Ton Hauptamtsleiter – „im Beichtstuhlverfahren einzeln bearbeitet.“ Nun ja. Spätestens am Monatsende ist der Spuk endlich ein vorbei.

Der Vormittag wurde dann aber noch ganz lustig. Doreen war da, liebe Leser kamen, gefühlt tausend Anrufe mit immer der gleichen Frage trudelten ein: „Locken Sie nun down oder nicht?“ Tja, wenn wir das wüsten? Zwischendurch platzte noch ein sehr netter Mann rein, den ich im letzten Sommer kennengelernt hatte und der sein Herz auf dem rechten Fleck hat. Ich freute mich wie ein Schneekönig darüber, noch weitere Teile aus dem Nachlass seines Vaters für das Stadtarchiv zu erben und es gab ein kurzes, herzliches Gespräch. 🙂 Nachmittags musste ich dann wieder meine genervte Museumskollegin auffangen. Die Museumschefin war wieder den ganzen Tag mehr oder weniger sinnvoll aktiv gewesen und hatte den verdutzen Mitarbeitern erklärt, dass die Kurzarbeiter-Regelung für sie nicht gelte, denn sie wisse ja offiziell von nichts. Sie hätte ja außerdem nachmittags noch einen Termin und wäre abends im Kulturausschuss. Als wir beide noch am Reden waren, kam ein Anruf der Museumschefin: Sie würde jetzt doch nach Hause fahren, den Termin hätte sie abgesagt und am Kulturausschuss würde sie auch nicht teilnehmen. Wir schauten uns an. Wie jetzt? Woher dieser plötzliche Stimmungsumschwung?

Danach strömten die Leser ohne Ende bis in den Feierabend hinein. „Wer weiß, ob wir nächste Woche noch kommen können!“ Gerade tagte der MV-Gipfel. Ich hing alle halbe Stunde im Internet, aber Bibliotheken wurden in den Pressemitteilungen wie üblich nicht erwähnt. „Die meisten kulturellen Einrichtungen schließen.“ Irgendwann kam die Nachricht: „Buchhandlungen dürfen offen bleiben.“ Da atmete ich schon auf. Wen Buchläden öffnen dürfen, dann Bibliotheken ja wohl ebenso.

Nachdem ich abends einigermaßen beruhigt ins Bett gegangen war, ereilte mich morgens noch beim Frühstück die Nachricht, dass der Landkreis eine eigene Verfügung erlassen hat und alle Bibliotheken ab sofort geschlossen sind. Na toll. Was das Land nicht macht, macht nun der Landkreis. Der Tag kann nur besser werden. In Erwartung einer Mail mit Dienstanweisung vom Chef betrat ich die Bibliothek und fand ich zunächst eine aufgeregte Reinigungskraft mit Tränen in den Augen vor, während die zweite Reinigungskraft eifrig den Fußboden seifte. Ich hörte mir nun an, dass die Vorarbeiter sie kontrolliert hätten und feststellten, dass der Fußboden nicht geseift war. Aber sie wären doch sooo ordentlich und hätten ihn immer geseift! Naja. Ich würde mal sagen, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Ich hatte Mühe, die Damen zu beruhigen und verzog mich schnell ins Stadtarchiv, um selbst erstmal anzukommen. Vorher nahm ich aber noch dezent eine stets vergessene Fußmatte hoch und bat die Damen, darunter auch noch zu seifen. Sie kamen dann schließlich noch nach ins Archiv unf fingen noch eine Diskussion an. Als ich ihnen dann nach einer Stunde endlich ein schönes Wochenende wünschen konnte, war ich sehr erleichtert. Ich traute mich nun endlich an meine Theke und rief die Mails ab. Die purzelten nur so. Der Bürgermeister leitete die Allgemeinverfügung des Landkreises weiter. Der Bürgermeister leitete die Pressemitteilung des Landkreises weiter. Der Bürgermeister nahm Stellung zur aktuellen C-Lage mit den von einem Tag zum anderen sprunghaft gestiegenen Zahlen. Damit man mal die unglaublichen Dimensionen erahnt: Statt bisher 7 positiv getestete Personen haben wir jetzt 16. Der Hauptamtsleiter leitete ebenfalls die Allgemeinverfügung weiter und hatte außerdem zweimal versucht, mich anzurufen. Während ich den Hauptamtsleiter zurückrief und es kam, wie es kommen musste, kam eine weitere Mail vom Bürgermeister „Schließung Bibliothek“. Aber wenigstens so nett formuliert wie nie zuvor. Auch Bürgermeister sind lernfähig. Und wir haben ja die Situation nun schon des Öfteren geübt. 🙂 Der Hauptamtsleiter regte schließlich noch an, dass ich doch mal einige Tage Urlaub nehmen könnte. Ja, klar. Und währenddessen stellt die Noch-Museumsleiterin vielleicht das Haus weiter auf den Kopf. Außerdem war zwischen den ganzen Mail-Bomben noch die Vorlage für die Endkorrektur einer umfangreichen Publikation gekommen. Die kann man ja auch mal ausnahmsweise in der Arbeitszeit bearbeiten und nicht an Abenden nach langen Bibliothekstagen. Urlaub kann ich dann noch im Mai nehmen, wenn wenigstens Urlaubswetter ist. Als der ganze Spuk vorbei war, kam noch eine Mail der Landesfachstelle hinterher: „Also im Moment ist noch alles offen, aber wenn ich weiß, wie der Landtag M-V über die Bibliotheken entschieden hat, melde ich mich sofort!“ Da lag ich schon wieder lachend unter der Theke. 😀

Nun machte ich also die Aushänge und Mitteilungen fertig und ordnete alles schick für das Wochenende. Als ich so beim Wirbeln war, fiel mir ein: „Mensch, Mist, Online-Meeting meines Veranstaltungs-Projektes verpasst!“ Das nun auch noch …  Dann fuhr ich nach Hause, in einem Bus voller Schulkinder, die sich vielleicht für Wochen das letzte Mal live gesehen haben. Ach Leute, hört das jemals wieder auf?

Eintauchen in die Vergangenheit

Eigentlich wollte ich so schnell nicht wieder einen Blogbeitrag schreiben. Eigentlich wollte ich auch an diesem Wochenende sowieso etwas ganz anderes tun. Aber es drängte mich dazu, alte Unterlagen zu sichten. Dabei fielen mir auch alte Fotos in die Hand. Fotos von Vereinsausflügen, von Auftritten meiner plattdeutschen Gruppe und Fotos von einer Führung in meiner ganz alten Lieblingsbibliothek. Hm. Da stehe ich, in meinem damaligen Lieblingsrock, ein altes Buch in der Hand, die schöne, historische Bibliothek erklärend. Mir zuhörend eine Freundin, die vor zwei Jahren im hohen Alter von 93 Jahren aus dieser Welt ging und ihre Freundin, die meine Klavierlehrerin war und schon lange nicht mehr lebt. Nach einigem Überlegen realisierte ich auch staunend, wer das Foto geschossen hatte. Ein ehemaliger Kollege meiner Freundin, der mich Jahre später in die Stadtgeschichte meines jetzigen Arbeitsortes eingeführt hatte und dessen Nachlass mein Stadtarchiv schließlich erbte. Oh Mann! Ja, klar. Da schließt sich der Kreis.

Es ist unglaublich, wie viele Kreise sich jetzt gerade schließen. Sowohl für mich als auch für andere. Meine Museums-Kollegin, deren Gesprächsbedarf sich nach meiner im letzten Blogbeitrag geäußerten Meinung scheinbar erledigt hatte, rief mich heute nochmals an und es ging noch tiefer, noch viel tiefer. Da löst sich bei ihr gerade Schicht um Schicht. Da kann ich nur weiter zuhören und ermutigen.

Auch meine Mutter hatte einen mentalen Ausflug in die Vergangenheit. Es meldete sich ein Freund ihres Bruders, der über Umwege ihre Kontaktdaten ermittelt hatte. Alte Fotos versetzten auch ihn tief in die Vergangenheit zurück. Während er in seiner Villa mit Blick auf die Alpen saß und Fotos anschaute, hatte er sich daran erinnert, dass die Mutter meiner Mutter – die Großmutter, die ich nie kannte – ihm und seinen Eltern das Leben gerettet hatte, indem sie, die Bäckerin, diese Familie mit „durchfütterte“. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ihre Mutter viele Menschen durchfütterte und sie damit vielleicht vor dem Hungertod bewahrte. Jedenfalls freute sich meine Mutter über diesen Anruf voller dankbarer Erinnerungen sehr. Da schloss sich für sie ein Kreis. Hatte sie doch gerade am Karfreitag über die schwere Zeit nach 1945 geredet. Gesprächsweise kamen die Beiden schließlich auf ihre Kinder und Enkel. Meine Mutter erzählte nun, dass ihre Tochter, also ich, einst in der Bibliothek des Gymnasiums gearbeitet hatte, in dem der Anrufer vor 70 Jahren die Schulbank drückte. Da stutzte der Anrufer. „Das ist deine Tochter??? Die kenne ich!!!“ Er wusste sofort meinen Namen und erzählte meiner Mutter von dem, was ich ihm einst erzählt hatte. Da staunte ich nun wieder. Dass er das noch weiß! Aber eigentlich verbinde ich mit ihm ein anderes, aber kurioses Erlebnis.  Es ist auch schon zwanzig Jahre her. Damals feierte er sein Goldenes Abitur und wollte seiner alten Schule ein besonderes Geschenk machen. Er hatte die Idee, ein Portrait des Namensgebers dieser Schule anfertigen zu lassen. Da gab es aber ein Problem: Vom Namensgeber, der 1939 starb, existierten logischerweise nur Schwarz-Weiß-Fotos. Deshalb wollte er von mir unbedingt die Augenfarbe dieses Mannes wissen. Das war in der Tat ein Problem. Ich wälzte Zeitzeugenberichte von Begegnungen mit diesem Mann. Eine Frau schrieb: „Warme braune Augen schauten mich fragend an.“ Ein ehemaliger Schüler schrieb aber von grünen Augen. Als ich wieder mal in dem Institut forschte, welches den Nachlass dieses Mannes verwaltet, schaute ich mir dort die Portraits an, die zu seinen Lebzeiten entstanden waren. Dort gingen die Augen eher ins grau-grüne. Und diese Erkenntnis floss dann auch in das neue Portrait ein, welches heute im Zimmer des Schulleiters hängt. Oh ja. Das waren schon interessante Zeiten! Da hat sich für mich dann heute auch ein Kreis geschlossen.

Meine Mutter schwelgte weiter in Erinnerungen, vermutlich angeregt vom Blick des Anrufers auf die Alpen. Da kam sie dann auf ihre Reise in die Alpen und nach Italien. Was mich dann auch wieder an Italien erinnerte. Und daran, wie ich fast auf den Tag genau 26 Jahren völlig spontan, innerhalb von zwei Tagen entschieden, als „Betreuung“ zweier Lateinklassen eben dieses Gymnasiums, an dem ich arbeitete, mit einem Reisebus nach Rom fuhr. Eine Horde Flöhe hüten in Rom, nach einer Busreise ohne Zwischenübernachtung. Das war eigentlich Wahnsinn, aber es war schön!!!

Tja. Wenn ich so zurückblicke und Erinnerungen wälze, dann staune ich schon, was ich so alles erlebte. Langweilig war mein Leben bisher wirklich nicht und wird es wohl auch nie sein. Für mich ist es so, dass alles, aber auch alles in meinem Leben einen Sinn hatte. Auch die Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging. Im Nachhinein machte alles irgendwie Sinn. Vielleicht ist es das, was ich meiner Kollegin vermitteln sollte, wenn sie weiter Schicht um Schicht löst. Alles im Leben hat seinen Sinn. Manchmal erschließt sich dieser aber erst viel später. Manchmal fügt man erst viel, viel später all diese Puzzleteilchen einzelner Erlebnisse zusammen. Was aber in jedem Fall wertvolle Erkenntnisse bringt.

Stürmische Tage

Meine letzten zehn Tage gestalteten sich so wie das Wetter – April-launig wechselhaft, stürmisch. Wobei Stürme ja nichts rein Negatives sind. Stürme können den Kopf freipusten, Stürme können Altes wegwehen und neue Herausforderungen bringen. Und zwischen den Stürmen scheint ja auch mal die Sonne.

Bis zu meinem Osterurlaub fühlte ich mich aber gestresst und ausgelaugt. Ein Hin und Her um personelle Entscheidungen im städtischen Museum hatte seine Auswirkungen. Zwar nicht unmittelbar betroffen, fing ich doch die chaotischen Stimmungen ab, war für mehrere Leute Kummerkastentante, sogar abends und am Wochenende. Das schlauchte und nahm kein Ende. Kurz vor Ostern war dann der „geht nicht mehr“-Punkt erreicht. Kurz entschlossen reichte ich für die zwei Arbeitstage nach Ostern Urlaub ein. Und schon beim Gedanken an die Auszeit ging es mir etwas besser. Als von der Kirche gegenüber der Bibliothek das Ostergeläut erklang, fühlte ich mich regelrecht beschwingt. Ich bin nicht christlich erzogen, aber seit diese Kirche neue Bronzeglocken hat, ist das ein so, sooo schöner Klang mit wunderbarem Nachhall, der sich anfühlt wie Klangschalenmassage. Der Nachhall dringt bei mir immer gefühlt in jede Pore und ich öffne immer die Fenster weit, um den vollen Klang zu erfahren.

Kurz nach dem Ostergeläut war es auch schon Zeit, die Sachen zu packen und meinen Arbeitsort zu verlassen. Der Karfreitag mit Familien-Karpfenessen gestaltete sich noch etwas mühsam. Meine Mutter hatte wieder ihre Erlebnisse von 1945 zum Thema gemacht. Sie ist immer noch bei der Bewältigung des Traumas, was sie als vierjähriges Kind erlebte. Es war wieder bedrückend. Das Wetter mit dem eisigen Wind passte zu diesem Tag. Der Sonnabend floss mit letzten Einkäufen so dahin. Aber auch an diesem Tag zog es mich runter. Die Museumskollegin, die seit sechs Wochen für Dauer-Stress sorgt, hatte einen Zeitungsartikel zu einer Sage veröffentlicht, der von Fehlern strotzte. Für mich als Hobby-Sagenforscherin war das mehr als antriggernd. Da hat sie es selbst im Urlaub, am Wochenende, zu Ostern mal wieder geschafft, dass ich mich zumindest ärgere. Ich setzte mich sofort hin, schrieb ihr eine Mail und benannte sachlich die Fehler. So ist meist mein Weg. Den Ärger sofort dort abladen, wo er herkommt. Dann ging es mir besser.

Der Ostersonntag wurde dann schön. Wir waren bei meiner Schwester und meinem Schwager eingeladen, die in einem kleinen Dorf in der Nähe der Ostsee leben. Dort gestaltete sich alles freudig entspannt. Auf einem weiten Spaziergang trafen wir lauter entspannte Nachbarn mit ihrem entspannten Besuch. Frieden und Freude lag in der Luft. In dieser Zeit werden nicht nur in unserer Familie die Begegnungen intensiver und man freut sich mehr aneinander und an sonst so selbstverständlichen Kleinigkeiten.  Abends gab es noch einen Videochat mit dem Rest der Familie.

Ich nahm diese Oster-Entspannung mit und sie vertiefte sich immer mehr. Ich kam immer mehr zur Ruhe und immer mehr zu mir selbst.

Am Dienstag und Mittwoch werkelte ich in meiner Wohnung, sortierte lange liegende Stapel mit Unterlagen zu meinen zahlreichen Projekten. Zwischendurch flogen nette Mails zwischen mir und einem Forscher-Kollegen hin und her. Wir beschäftigten uns mit einer Persönlichkeit, die in meinem Arbeitsort wirkte und ein Jubiläumsjahr hat. Ich brütete zu Hause über dienstlichen Archiv-Hausaufgaben. Vor kurzem wurde ich gebeten, im Juni einen virtuellen Vortrag zu halten. Das ist zwar noch eine Weile hin, aber jetzt habe ich gerade die Muße, mich in das Thema intensiv einzulesen. Aber auch sonst war ich klar und zentriert bei der Sache. Die Steuer-Unterlagen schon mal griffbereit auf einen Stapel gepackt und sortiert, die Vereins-Unterlagen auch, die Sagen-Unterlagen durchgeschaut, denn im Juni steht auch eine Sagen-Lesung an.

So richtig schön klar, zentriert, durchgelüftet und fokussiert begann der erste Arbeitstag nach dem Osterurlaub. Von der ersten Minute bis zur allerletzten Sekunde, bevor ich im Dauerlauf zum Bus rannte, waren Leser in der Bibliothek. Aber nicht nur die. Zwischendurch gab es immer mal nette Überraschungen. Es rief eine erleichterte Kollegin an, die ein klärendes Gespräch in der Chefetage hatte und sich glücklich fühlte. Na endlich, dann dürfte die Kummerkastentanten-Zeit vorbei sein. 🙂 Und nachmittags stand mein ehemaliger Lieblings-Praktikant https://spiritimalltag.wordpress.com/2020/09/12/ein-kind-der-neuen-zeit/ überraschend in der Tür. Er hatte sich genau mit dem Mann beschäftigt, der mich auch im Urlaub umtrieb. Das war schon eine Aufgabe im Praktikum. Mein Praktikant aber blieb auch lange nach dem Praktikum dran, was so weit ging, dass er mal eben Wikipedia-Einträge änderte. 🙂 Er brachte nun einen ganzen Hefter voller Ausarbeitungen mit und berichtete glücklich über den Fortgang seines Studiums und seine Pläne. Da war ich einfach happy. Es läuft bei ihm, er arbeitet zielstrebig, weiß nun genau, was er wann tun und erreichen möchte und hat aus seinem damaligen Praktikum bei mir das Thema für seine Bachelor-Arbeit mitgenommen. Besser kann es nicht laufen. 🙂 Und dann kam noch der nächste Hammer. Sein Praktikumsbericht war wohl so gut eingeschlagen, dass er mich nun im Auftrag seiner Dozentin fragte, ob ich meine Einrichtung nicht in eine virtuelle Vorlesung an der Uni vorstellen möchte. Da war ich dann erstmal mehr als baff. Und ich bin noch am Verdauen.

Am heutigen Tag war schon eine Überraschung geplant, diesmal für Doreen, meine ehrenamtliche Kollegin. Es gab eine (Wahlkampf)aktion, in der sich Bürger wünschen konnten, wer einen Blumenstrauß erhalten sollte. In diesem Fall hatte nicht ein Bürger, sondern die Landtagsabgeordnete, also die Initiatorin selbst meine Doreen auf die blumen-Schenk-Liste gesetzt. Also musste ich Doreen unter einem Vorwand an einem Archivtag in die Bibliothek locken, damit sie dort ihren Blumenstrauß erhält. Wir schafften es auch, sie abzulenken und sie zu beschäftigen, bis die Tür aufging, die Landtagsabgeordnete eine Rede hielt, der Bundestags-Kandidat ihr einen wirklich großen, hübschen Strauß überreichte und wir Fotoshooting machten. Doreen war wirklich perplex, aber sie strahlte sehr. 🙂 Ich konnte dann noch kurz die zwei Abgeordneten durch das ganze Haus führen und sie für das sensibilisieren, was uns Bibliothekare in dieser Zeit gerade beschäftigt.  Ich bin eigentlich nicht so für solche politischen Termine, aber das war wirklich nett. Eine nette Begegnung mit interessierten Leuten. 🙂 Sie haben an diesem Tag noch weitere Blumensträuße verschenkt. Und allein durch Doreens Lächeln fühlte ich mich auch reich beschenkt. 🙂

Drei Tage

„Drei tolle Tage“ wären es ja, wenn nicht der Lockdown wäre. Aber interessant waren die drei letzten Arbeitstage in der Bibliothek in ihrer so unterschiedlichen Tagesenergie schon.

Der Montag war wettermäßig ein Wintermärchen mit traumhaftem Sonnenschein und immer noch gefühlt klirrender Kälte. Wie schon an den Arbeitstagen zuvor staunte ich über die Spuren auf dem Hof, die Aufschluss über nächtlichen tierischen Besuch gaben. Mehrere Vögel, darunter ein sehr großer, vielleicht eine Möwe oder eine Ente, waren bis zum oberen Hof gekommen, sogar eine Katze war die Treppen zum oberen Hof hochgestiefelt, ebenso ein Tier, dessen Spuren ich nicht deuten konnte. Ich schoss einige Fotos, damit die nächste Kita-Lesung zum Thema „Tiere im Winter“ noch anschaulicher wird. Ich hatte ja vor einigen Jahren mal eine Geschichte rund um Tierspuren im Schnee geschrieben, die Kita fordert sich das Vorlesen dieser Geschichte in jedem Winter wieder ein und der Kindergärtner fragt mich jedes Mal, ob ich denn nun endlich die Geschichte als Buch herausbringe. Vielleicht irgendwann mal … 🙂 Trotz des Winterwetters fanden einige Leser den Weg in die Bibliothek, darunter auch Ferien-Kids und eine Lehrerin, die ebenfalls Winterferien genoss. Immer wieder spüre ich die Dankbarkeit der Leser dafür, dass die Bibliothek auch während des Lockdowns für sie da ist – und das tut gut.

Während es im Bibliotheksbetrieb flutschte, lief bei meiner „Nebenbei-Finanzverwaltung“ so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte. Was daran lag, dass ich einfach unkonzentriert war. Irgendwie nur halb da. Wo die andere Hälfte von mir gerade war, weiß ich nicht. Ich wurschtelte mich so durch, und bis ich meine eigenen Fehler erkannte und wusste, wie ich es anders machen muss mit dem Hin- und Herbuchen von einer Gutschrift, geteilt durch drei „Produkte“, war es fast Feierabend. Ich bin ja auch keine Finanzbuchhalterin, sondern studierte Bibliothekarin.

Zwischen Leserbetrieb und Finanz-Gewurschtel kam auch noch ein Anruf, der mich umhaute. Ich wurde aufgefordert, meine Statistik zu fälschen. Alle deutschen Bibliotheken geben ihre Jahreswerte in eine gemeinsame Plattform, die Deutsche Bibliotheksstatistik. Hier werden auch die Entleihungszahlen inklusive Verlängerungen angegeben. Aus politischen Gründen, nämlich um den Mangel darzustellen, wurde ich nun angewiesen, alle automatischen Verlängerungen von Medien während des Lockdownbs aus der Statistik rauszunehmen. Herauskommen sollte dabei in jedem Falle eine niedrigere Zahl der Entleihungen als im Vorjahr 2019. Mir sträubte sich angesichts dieser hanebüchenen Anweisung alles. Wenn seit 1999 bundesweit einheitlich alle Entleihungen mit den Verlängerungen der Leihfristen inklusive angegeben werden, dann macht es keinen Sinn, die Zahlen während des Lockdowns ohne Verlängerungen anzugeben, denn die Bücher waren ja bei den Lesern und wurden dort bestimmt auch während des Lockdowns genutzt. Abgesehen davon habe ich mit einigen Lesern, die auf den Dörfern wohnen und selten rankommen, sowieso die Vereinbarung, dass ich automatisch die Medien verlängere, wenn die Leihfrist abgelaufen ist. Ächz. Zu dem Frust durch das Finanzgewurschtel kam jetzt noch der Frust durch die gefälschte Statistik hinzu. Aber der Witz kommt ja noch: Als ich alle Verlängerungen aus dem ersten Lockdown abzog (im zweiten Lockdown 2020 hate ich ja sowieso schon Weihnachtsurlaub und verlängerte nicht), blieb immer noch ein leichtes Plus an Entleihungen – eben deshalb, weil die Leser nach dem Lockdown die Bibliothek so stürmten wie sonst noch nie zuvor. Da geht irgendwie die politische Milchmädchenrechnung des Bibliotheksvereins oder der Bibliotheksfachstellen oder von wem auch immer irgendwie überhaupt nicht auf. Ätsch!!! 😀

Von all dem Wirrwarr war ich dann so verwirrt, dass ich mittags beim Abtauen des Kühlschranks und dem damit verbundenen Abwasch versehentlich einen noch laufenden Wasserhahn in die falsche Richtung drehte, dabei kurz abgelenkt war und ihn laufen ließ – und mich wunderte, als plötzlich die halbe Personalküche unter Wasser stand. Was war das denn für ein Zeichen? „Wasch dir den Frust ab!“ oder „Diese Gegebenheiten sollten bereinigt werden!“ oder sowas in der Art? Abends im Bus auf dem Nachhauseweg konnte ich dann doch über mich selbst lachen, und über diesen ganzen verwirrenden Tag. 🙂

Am Dienstag sollte eigentlich Eisregen kommen und die ganze weiße Pracht sollte so nach und nach wegtauen. Aber statt dessen kämpfte ich mich auf dem morgendlichen Weg zum Bus durch Massen von Neuschnee und erlebte noch einmal eine Busfahrt durch zauberhaft verschneite Landschaften. Herrlich!!! Es war so richtig klebriger Schneemann-Schnee, und so sah ich an meinem Arbeitsort auch einige dieser lustigen Schneegesellen stehen, einzeln und in Schneefamilie. 🙂 Vormittags half mir Doreen in der Bibliothek, und ich nutzte die Gelegenheit, mal kurz was im Archiv zu suchen. Als ich wieder in die Bibliothek kam, fand ich Doreen strahlend vor, vor sich eine Tüte selbst gemachter gebrannter Mandeln – ein Geschenk von ziemlich neuen Lesern, die sich über unseren Service so freuten. Ich war ganz geplättet vor Freude, während Doreen ganz freudig mit der Leserfamilie über die Herstellung von gebrannten Mandeln fachsimpelte. Doreen hatte selbst einige Versuche schon gemacht, gemeinsam mit der Tochter ihres Freundes, aber sie hatten das optimale Rezept noch nicht gefunden. Die hier uns geschenkten Mandeln waren mit Rohrzucker, Butter und ohne Wasser in der Pfanne geschwenkt worden. Sie schmeckten absolut köstlich, das fanden wir beide. „Eigentlich ungesund!“, sagte ich und meinte den Zucker. „Nein, das meiste ist gesund!“, sagte Doreen und meinte die Mandeln. Ein schönes, kleines Überraschungsgeschenk zu erhalten ist aber auf jeden Fall Balsam für die Seele und somit sehr gesund. 🙂 Insofern war dieser Tag Gesundheit pur, denn nachmittags erhielt ich ein zweites Überraschungsgeschenk. Eine Leserin schenkte mir einen kleinen Karton „eigentlich ungesunder“ Pralinen, zufälligerweise auch noch eine meiner Lieblingssorten, was sie nicht wissen konnte. „Ich wollte mich einfach mal dafür bedanken, dass Sie immer, auch jetzt, für uns da sind und dass Sie so eine tolle Auswahl haben!“ 🙂 Also da war ich echt sowas von baff!!! Diese Leserin kenne ich schon seit Jahren. Sie liest keine Allerwelts-Bücher und ich bemühe mich immer sehr, ihr etwas Besonderes zu empfehlen. Da ihr Geschmack (und wohl auch ihre Ansichten) meinem ähneln, fällt mir die Empfehlung bei ihr immer leicht. Aber diesmal habe ich dann wohl mit „Der Salzpfad“ von Raynor Winn und „Wut ist ein Geschenk“ von Arun Gandhi (Erinnerungen an seinen Großvater Mahatma Gandhi) besonders ihren Lesegeschmack getroffen. Was wieder mal zeigt, dass im Lockdown gute Bücher so sehr wichtig sind. Sie sind eben Seelennahrung!!!

Trotz der Neuschnee-Massen war an diesem Tag doch mehr Betrieb als sonst. Wobei die Kinder schon auch mit ihren Schlitten durch die Stadt zogen oder Schneemänner bauten. Eine Omi, die eigentlich mit Enkelin kommen wollte, entschuldigte sich: „Heute bin ich allein, denn das Kind wollte noch einmal auf das Eis!“ – „Na klar, das ist der letzte Wintertag, noch dazu ein geschenkter, weil es eigentlich heute schon tauen sollte. Das muss man noch nutzen!“ Was gibt es schöneres, als auf dem Eis des kleinen Stadtsees Schlittschuh zu laufen! Gemeinsam mit der Omi suchte ichschöne Bücher für die Enkelin raus, damit sie am Abend des vielleicht letzten Wintertages gemütlich beim Vorlesen mit der Omi kuscheln kann.  🙂

Über Nacht hatte es tatsächlich geregnet, also fuhr ich heute durch eine grün-braun-weiß-gescheckte Landschaft zur Arbeit. Einerseits freute ich mich darüber, wieder die dünnere Winterjacke anziehen und Mütze und Handschuhe weglassen zu können. Denn dieses Gewurschtel mit Mütze, Maske und Brille beim Einsteigen in den Bus ist jedes Mal ein Graus, ganz ehrlich! Andererseits fing ich schon an, dem schönen, klaren, sonnigen, kurzen Winter hinterherzutrauern.  Vom Bus zur Bibliothek watete ich teilweise durch weißbraune, matschige Pampe. Diesmal hatte ich einen Arbeitstag im Archiv. Dort gab es eigentlich so viel zu tun, aber ich fasste hier mal was an, räumte dort mal etwas um und hatte nicht die Motivation für das ganz große, eigentlich geplante Umräumen. Ich war, wie zwei Tage zuvor, wieder nur gefühlt „halb anwesend“. Zwischendurch las ich noch eine Mail vom Bürgermeister. Dieser freute sich darüber, dass die 7-Tage-Inzidienz in unserem Amtsbereich nunmehr den zweiten Tag in Folge bei 0 liegt. „Dies ist ein Anlass, Ihnen dies mitzuteilen!“  Toller Ausdruck. Dass in meinem Arbeitsort einer der größten deutschen Übersetzer aufwuchs, hat wohl nicht gerade bis in die Gegenwart abgefärbt. Der Bürgermeister gab aber zu verstehen, dass alle Einschränkungen aufrechterhalten werden und bitte keiner der „Mitarbeitenden“ – wörtlich – „in Aktionismus verfallen“ sollte. 🙂 Was oder wen immer er auch damit meint. Mittags war noch eine terminlich vereinbarte Telefonkonferenz mit dem Geldgeber eines Veranstaltungsprojektes für die Bibliothek. Der Mann am anderen Ende der Leitung wirkte beinahe schläfrig und ebenso nur halb anwesend wie ich. Ach, das ist doch beruhigend, dass es nicht nur mir so geht! 🙂 Nach diesem Telefonat entdeckte ich noch eine Mail eines Stadtvertreters, der mir ein großes Zukunfts-Entwicklungs-Konzept einer großen benachbarten Bibliothek mit 70.000 Medien und 17 Mitarbeitern zur Kenntnis gab. Einfach mal so als Anregung und nette Geste. Nach Feierabend habe ich darin dann mehr als quergelesen, teils geschmunzelt (über eine geplante „neue Zweigstelle“, die es zu DDR-Zeiten schon mal gab) und teils sehnsüchtig geseufzt (über den Anspruch, die Bibliothek als Treffpunkt und Kommunikationsort, gerade für Kinder, so ansprechend und gemütlich wie möglich einzurichten). Ja, ich gebe es zu, ich bin noch immer nicht hinweg über die mir aufgezwungenen schwarzen Bibliotheksregale und nicht vorhandene, gemütliche „Lümmelsessel“ im Kinderbuchraum! Meine ganz persönliche Bibliotheksentwicklungskonzeption sieht es vor, dies langfristig auf jeden Fall zu ändern!!! Und da ich bisher alles durchsetzen konnte, was ich für die Bibliothek erreichen wollte, werde ich auch dies noch eines Tages in die Tat umsetzen. Irgendwann bin ich ja hoffentlich auch nicht mehr nur „halb anwesend“, sondern „ganz da“! 🙂   

Reden ist Gold

Alte Sprichwörter sind meist sehr wahr und lehrreich, aber nicht immer. Das trifft auch auf das Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ zu. In manchen Situationen ist es doch besser, miteinander zu reden.

Es gibt ja ganze, dicke Bücher über das Reden, über Rhetorik und vor allem über Kommunikation. Dieses Thema begleitet mich schon seit meiner Diplomarbeit. Damals stand neben langweiligen, schon jahrzehntelang unveränderten Rahmenthemen auch das ganz neue Thema „Kommunikation in der Bibliothek“ zur Auswahl – und wurde sofort meins. Es war die Zeit, als Vera F. Birkenbihl mit ihren Büchern und Seminaren große Erfolge feierte. Drei Studenten hatten sich in dieses Thema verliebt, und wir „fraßen“ alles, was es damals zu diesem Thema gab, machten sogar selbst ein Kommunikations-Seminar mit Videotraining und zeichneten für unsere Diplomarbeiten Gespräche mit Lesern auf Diktiergeräten auf, um diese später auszuwerten – natürlich mit Einverständnis der jeweiligen Leser. Es gab verschiedene Modelle, Gespräche zu analysieren, bzw. das, was während eines Gespräches psychisch abläuft. Noch heute ist mir diese ganze damalige Beschäftigung mit der Kommunikation eine große Hilfe.

In dieser Woche merkte ich mal wieder, wie wichtig Reden ist. Unser Hauptamtsleiter hatte aus Kostengründen die Reinigungspläne gekürzt, ohne mit den Betreffenden zu reden. Ich erfuhr erst davon, als meine Reinigungskraft mir am Abend eines Öffnungstages erzählte, dass sie jetzt nicht mehr so oft kommen wird. Erst am nächsten Tag erhielt ich eine Mail des Hauptamtsleiters mit der neuen Vereinbarung. Ich ließ es einen Tag sacken und überlegte mir, wie ich da vorgehen könnte. Mit unseren Chefs ist es manchmal nicht so einfach. Am nächsten Tag stand der Hausmeister bei mir und erzählte mir, dass in der Turnhalle der Stadt jetzt, so lange dort kein Trainingsbetrieb ist, nur einmal wöchentlich gereinigt werden soll, dies aber zu wenig ist, denn Staub fällt ja immer an und wird durch die Lüftungsanlage angesaugt, die dann bei zuviel Staub verdreckt. Der Hausmeister, schnell mal in der Opfer-Rolle, tat dann so: „Die Chefs machen ja sowieso, was sie wollen, das hilft ja nichts.“

„Das wollen wir doch mal sehen!“, dachte ich, und bezog in meine Mail, die schon in Arbeit war, das Turnhallen-Problem mit ein. Obwohl die Turnhalle ja eigentlich nicht „mein Problem“ war. (Haupt-Sozialarbeiter-Spruch der 90er Jahre: „Das ist nicht dein Problem“!) Aber auch, wenn es nicht mein Problem war, konnte ich ja mal dem Kollegen etwas unter die Arme greifen. … Es dauerte gefühlt zwei Sekunden nach Abschicken der Mail, dass ich einen sehr netten Anruf vom Hauptamtsleiter erhielt. Er sagte, es sei doch kein Problem, alles so zu machen, wie ich es vorschlug, auch eine mehrmals wöchentliche Turnhallen-Reinigung sei überhaupt gar kein Problem! Er hätte das ja auch nicht entschieden, sei ja nur dem Vorschlag der Reinigungsfirma gefolgt! Und es sollten doch nicht durch zu wenig Reinigung irgendwelche dauerhaften Schäden am Gebäude oder am Fußboden herbeigeführt werden! – Na, geht doch!!! Der Hauptamtsleiter setzte sich auch mit dem Hausmeister in Verbindung, und sie einigten sich sogar auf dreimal wöchentlich Turnhallen-Reinigung! Siehe da, sie haben miteinander geredet!!! Die Einrichtungen, die die Kürzungen so hinnahmen, gingen allerdings leer aus. Ich bin jedenfalls mit dem Kompromiss für mein Haus sehr zufrieden. Wie übrigens auch mit einem anderen Kompromiss. Denn das Geplänkel um die Reinigung war nur „Warming up“.

Der Bürgermeister hatte gelesen, dass die Bibliothek der Nachbarstadt zeitweise geschlossen wurde und wollte dies mit meiner auch tun. Er schickte den Hauptamtsleiter vor und dieser verkaufte mir das mit dem Argument, dass es doch schön wäre, wenn ich jetzt mehr Zeit im Stadtarchiv verbringen könne, wo dieses doch jetzt gerade so viele Neuzugänge hat. Oh, da musste ich schon gute Argumente liefern! Als da wären: Bibliotheken dürfen für die Aus- und Rückgabe von Medien öffnen (Landesverordnung M-V), die Leser hätten sehr großen Bedarf an Literatur und Medien, weil die Kinder zu Hause beschäftigt werden müssen und weil die Alten wegen der Kontaktbeschränkungen vereinsamen, Akten sind nicht gefährdet und stehen warm und trocken, aber hier geht es um Menschen in Notsituationen – und öffentlicher Dienst heißt Dienst für den Bürger. Und man muss sich ja nicht am schlechtesten Beispiel orientieren. Andere Bibliotheken bieten Besuchsmöglichkeit nach Terminvergabe an oder Lieferdienste oder gleich die Onleihe.
Bei so vielen Argumenten war der Hauptamtsleiter dann wieder platt und ließ mich gewähren. Statt Öffnungszeiten“ steht jetzt auf dem Öffnungsschild: „Möglichkeit zur Ausleihe und Rückgabe im Rahmen des Leihverkehrs nach Covid-Landesverordnung …“ – aber immer noch mit den gleichen Öffnungszeiten. Einige Leser melden sich an, vor allem die aus den Dörfern der Umgebung, andere kommen einfach so. Und wenn ich mal länger im Archiv räumen möchte, dann ist ein Schild an der Tür „Bin im Stadtarchiv, bitte klingeln!“ Wenn man also redet, dann findet man auch Lösungen miteinander. Aber nicht miteinander reden geht überhaupt nicht!

Unverwüstlich

Erster Arbeitstag in der Bibliothek nach fast einem Monat Urlaub. Ich werde in einem fast leeren Bus durch die verschneite Landschaft gefahren. Schon einige Häuser vor der Bibliothek hält mich ein Mitarbeiter der Wärmeversorgung an, der In den Keller des Bibliotheksgebäudes möchte, um dort die Jahreswerte abzulesen. Ich lasse ihn rein, schließe ihm den Keller auf und wir schnacken ein bisschen, während ich schon mal links und rechts schaue. Soweit alles in Ordnung, aber vor der Archivtür stapeln sich Unmengen von Umzugskisten mit Akten. Da haben sich zum Jahreswechsel wieder einige Kollegen der Stadtverwaltung ausgemistet. Tief Luft holen, erstmal ignorieren, erstmal den Rechner hochfahren, um sich in das Arbeitszeitkonto einzuloggen. Blumen gießen, Post grob durchschauen – ein kurzer Blick aus dem Fenster mit Staunen über eine ganz kurz sonnenbeschienene, glitzernde Winterwelt. Und dann öffne ich die Tür für die Leser.

Und da steht schon Doreen in der Tür, meine ehrenamtliche Kollegin. Freudestrahlend umarmt sie mich (ja, sie darf das!!!), schaut mich an, sucht offensichtlich nach Worten – und herausgeplauzt kommt: „Du bist – unverwüstlich!11“ Erst schaue ich ganz perplex, dann muss ich so lachen, dass ich Doreen sofort damit anstecke und wir wie die Hühner gackern. Ich hatte mich noch nicht beruhigt, als Christina, meine zweite ehrenamtliche Kollegin, mit ihrem Dackel aufkreuzte. Natürlich verriet ich Christina gleich den Grund für meine Heiterkeit und wir wieherten erneut los. 😀 Welch ein heiterer Anfang des Arbeitsjahres! Den ganzen Tag musste ich über Doreens „unverwüstlich“ schmunzeln!

Der Dackel, der ohne Leine durch die Bibliothek streunte, heftete sich an meine Fersen und folgte mir überall hin. Das war neu. Ich begrüße ihn grundsätzlich freudig, spreche immer mit ihm, streichle ihn immer, ernte auch fast immer ein Schwanzwedeln, je nach momentaner Dackellaune mal mehr oder mal weniger – aber so verhielt er sich noch nie. Selbst als ich die erste Leserin beriet und mit ihr am Krimi-Regal stand, drängte sich Dackel Kniffo ständig an meine Füße. Die Leserin war wohl nicht sehr erbaut und blieb auf Abstand. Als sie weg war, beschäftigte ich mich noch etwas mit dem Dackel, streichelte ihn, redete mit ihm und Christina meinte begeistert: „Der Dackel hat sich in dich verliebt!!!“ Na, das ging ja gut los. Unverwüstlich mit Dackelliebe! 🙂

Christina, die vor Weihnachten ängstlich zu Hause geblieben war, verkündete nun, dass ihr die Decke auf den Kopf falle und sie unbedingt helfen wolle. Und dass es in der Bibliothek bald sehr voll sein werde, denn sooo viele Leser hätten sie beim Einkaufen angesprochen mit der Frage, wann die Bibliothek wieder öffnet. Es wurde dann auch ein, sagen wir mal, normal lebhafter Tag. Viel Betrieb, aber nicht so irre viel wie am letzten Öffnungstag im alten Jahr. Alle Leser freuten sich sehr darüber, endlich wieder an neuen Lesestoff zu kommen. Aber besonders freute sich wohl meine Lese-Queen Frida. Sie hatte wirklich, aber auch wirklich alles gelesen, was sie zu Hause hatte oder was ihr gerade unter die Finger kam. Und sie konnte ihr Weihnachtsgeschenk nicht lesen, weil es sich um die letzten beiden Bände der „Glücksbäckerei“-Reihe handelte, von der ihr noch einige Vorgänger-Bände aus der Bibliothek fehlten – und die Bände dieser Reihe bauen aufeinander auf, die muss man in der richtigen Reihenfolge lesen. Hm. Unter uns gesagt, hätte die Familie das mit mir auch absprechen können. Auch die letzten beiden Bände hätte Frida aus der Bibliothek haben können, statt dessen hätte ich den Eltern für Frida gern andere Weihnachtsgeschenk-Bücher empfohlen. Aber egal, nun hatte Frida die kompletten Bücher der Reihe geholt und war sowas von selig! 🙂

Eine andere jahrelange Stammleserin, die in Quarantäne sitzen musste (was, wie mir meine sprachbegeisterte Freundin Inge übrigens beibrachte „Karantäne“ ausgesprochen wird), schickte ihre Tochter auf die Suche nach Lesefutter, wobei die Tochter sich gleich selbst als Leserin anmeldete. Einige Rentnerinnen freuten sich, bei der Ausleihe endlich mal mit jemandem erzählen zu können, ein Leserkind stellte mir ihre Puppe vor und die Mutti des Leserkindes freute sich total, als ich ihr den Kalender 2020 mit den Tierfotos meines Schwagers schenkte, denn sie hatte in jedem Monat neu die Fotos bewundert und sich auch sonst manchmal Farbkopien von Tierfotos oder Tierzeichnungen aus Büchern für ihre Tochter von mir anfertigen lassen.

Eine Kollegin aus dem Museum schaute vorbei, und was diese erzählte, fand ich nun nicht so prickelnd. Die vier Mitarbeiterinnen des Museums sowie die beiden Hausmeister des Bürgerzentrums, die für unsere Gebäude mit verantwortlich sind, wurden von der Stadt auf Kurzarbeit gesetzt. 😦 Ehrlich, da musste ich schon schlucken. Da hätte es sicher auch andere Möglichkeiten gegeben. In anderen Bundesländern wurden solche derzeit ungebrauchten Mitarbeiter per Amtshilfe an die Gesundheitsämter ausgeliehen. Die Hausmeister hätten die Bauhof-Truppe verstärken können, die mit vielen Arbeiten überlastet sind und sicher dankbar wären für jede Hilfe. Die Stadt muss ein massives Geldproblem haben, wenn sie so massiv die Personalkosten einsparen will! Da kann ich ja nur froh sein, dass es mich nicht trifft. Die aktuelle C-Landesverordnung eiert in Sachen Bibliotheksöffnung etwas rum. Aktuell ist es ein „Jein“, welches aber Öffnungen nur für den „Leihverkehr“, also Ausleihe und Rückgabe, zulässt. Meine Heimatstadt nahm dies zum Anlass, die Bibliothek gleich ganz zu schließen und die Kollegen auf Kurzarbeit zu setzen. Und eine weitere Bibliothek lässt die Leser nur nach vorheriger telefonischer Terminvergabe rein, um Kontakte zu vermeiden. Das kommt für mich aber alles nicht in die Tüte. Ich bin da. Hundertprozentig. Unverwüstlich!!!  Und hundertprozentig ich. Vielleicht war es das, was Doreen mit ihrer Begrüßung meinte. Na dann stürze ich mich mal rein in ein interessantes Arbeitsjahr voller netter Begegnungen mit Lesefreunden, Büchernarren und Lesekids! Auf geht’s!            

Chez moi

„Ich bin zu Hause“ – das heißt auf Französisch „Je suis chez moi“ Als ich dies vor Jahrzehnten in einem Volkshochschul-Französischkurs lernte, war dies sofort einer meiner Lieblingssätze. Denn Wort für Wort übersetzt bedeutet es auch „Ich bin bei mir.“

Und das bin ich jetzt beides, sowohl zu Hause als auch bei mir. Im Sinne von bei mir selbst angekommen. Einen schöneren Start ins neue Jahr 2021 kann es nicht geben. Ich bin also zu Hause, genieße den ganzen vor mir her geschobenen Urlaub und finde so langsam meinen ureigenen Rhythmus und mein ureigenes Ich wieder. Das graue Schneeregen-Wetter stört mich wenig. Im Gegenteil: ich genoss es, heute bei Windstille durch die tanzenden, nassen Schneeflocken zu gehen. Und ich genieße nach dieser ganzen Weihnachts-Schlemmerei mein selbst gekochtes vegetarisches Essen.

Allerdings musste ich wirklich lernen, zu Hause und bei mir selbst anzukommen. Am ersten Urlaubstag nach Weihnachten zog es mich nach zehn Tagen Abwesenheit wie magisch in meine Bibliothek. Ich war wie gewohnt früh wach und wunderte mich über mich selbst, als ich im Bus zu meinem Arbeitsort saß. In der Bibliothek angekommen, war klar, warum ich jetzt dort sein sollte: eine Nebentür zur Straße war nicht abgeschlossen (die Reinigungskraft, die diese Tür als letztes benutzte, um die Mülltonne rauszustellen, war es nach eigener Aussage natürlich nicht …), die Reinigungsfirma hatte noch nicht mal den Dreck von vor Weihnachten weggesaugt und meine heiß geliebte Wasserpalme war trotz vermeintlich zuverlässiger Pflege am Vertrocknen. Es dauerte eine Weile, alles zu klären und gleich noch den Jahresabschluss meiner Bibliothekssoftware durchlaufen zu lassen. Dann fuhr ich beruhigt und meiner Intuition dankend wieder nach Hause und verspüre seitdem nicht mehr das Bedürfnis, nach dem Rechten schauen zu müssen. 🙂 Nur die Beantwortung einiger dienstlicher Mails einer Kollegin, die ich als Lern- und Trainingspartnerin in Sachen liebevoller und achtsamer Selbstbehauptung zu schätzen gelernt habe 🙂 und die hochmotiviert jetzt! sofort! einen Jahres-Veranstaltungsplan erstellen wollte (obwohl nicht in ihrer Verantwortlichkeit), blieb mir leider nicht erspart. Ja, ich habe voller Optimismus trotz Pandemie Veranstaltungen geplant. Und ja, diese werden sogar gefördert! Und ja, ich kann endlich einen meiner Lieblings-Liedermacher einladen! https://spiritimalltag.wordpress.com/2019/06/18/eine-nette-ueberraschung/ Aber das alles organisiere ich nach meinem Urlaub.

Wieder einmal hat sich bei meinem Urlaubsausflug zu meinem Arbeitsort bestätigt, dass ich meiner Intuition trauen kann, so absurd die Situation auch sein mag. Ich habe schon manchmal neben mir gestanden und mich gewundert „Wieso tust du das jetzt?“ – und dann war es im Nachhinein genau richtig!

Aber nun bin ich zu Hause und ganz bei mir und verbringe viel Zeit damit, mich und meinen Haushalt zu sortieren. Und da waren noch einige Baustellen offen, zum Beispiel die Steuererklärung für 2019. Wie schon einmal vor einigen Jahren gab es erst ein Chaos mit der Software. https://spiritimalltag.wordpress.com/2017/05/21/das-verflixte-steuerteufelchen/ Meine bewährte und einfach zu bedienende Software „SteuerSparErklärung“ kann ich nicht mehr verwenden, weil sie sowohl Windows 7 nicht mehr akzeptiert als auch wegen anderer Mängel in die Kritik geraten ist. Schade, nicht nur wegen der jetzt in diesem Jahr nicht möglichen automatischen Datenübernahme. Dann kaufte ich ein anderes Produkt, wollte es mit zwei Freundinnen teilen, ging aber nicht, weil eine der Freundinnen sie ihrerseits vor meinem Einsatz großzügig geteilt hatte. Da hat sich dann jemand anderes gefreut, dem sie unbedingt helfen wollte. Das ist dann so, wie es ist. Vor Ende September hätte ich sowieso noch nichts machen können, denn dann kam erst die Betriebskostenabrechnung meines Vermieters. Als die endlich eingetrudelt war, kaufte ich die preiswerteste Software, die ich für mich finden konnte, und das war die von Aldi. So ganz in Ruhe, bei mir, ohne den sonst üblichen Stress, ging es mit dieser Software ganz gut und ich habe sie mir gleich für die nächste Steuererklärung wieder bestellt. Steuererklärungen können zwar nervig und langweilig sein, sind aber auch eine gute Gelegenheit, sich selbst zu beobachten. Ich habe dabei über mich gelernt, dass es mir schwerfällt, Dinge einfach abzuschließen und damit auch loszulassen. Das ist mir zwar schon bei anderer Gelegenheit bewusst geworden, aber jetzt, so ganz bei mir, ist diese Erkenntnis noch einmal besonders eindringlich. Ich fange etwas an, arbeite dann auch ganz intensiv daran, bringe es dann aber nicht gleich zu Ende. Da könnte ja noch dies oder das – also liegt es, ohne dass ich es loslassen kann.

Na, da haben wir ja gleich die große Aufgabe, das große Ziel für das neue Jahr! Bringe Sachen zum Abschluss, lasse sie los! Schiebe sie nicht unendlich bis zum letzten Termin vor dir her! Tja, das ist schon mal eine wichtige Baustelle. Die Baustellen der letzten Jahre waren, meiner Intuition vollständig zu vertrauen (was ich ja nun wirklich gelernt habe) und voller Urvertrauen Sachen einfach laufen zu lassen, ohne einzugreifen, mit dem Vertrauen darauf, dass sie sich von selbst regulieren. Das war schon eine größere Nummer, denn es bedeutet zunächst vermeintlichen Kontrollverlust. Und es bedeutet auch, auf die Intuition zu achten.. Also zunächst eine Situation intuitiv wahrnehmen, um dann ins Vertrauen zu gehen und vertrauensvoll einen Schritt zurückzutreten, anstatt immer „tun“ zu wollen.

Gerade in der jetzigen Situation ist Vertrauen besonders wichtig. In diesem Falle Vertrauen in den eigenen Körper mit seinem gut gestärkten Immunsystem (für das wir selbst jede Menge tun können). Denn wo Vertrauen ist, kann keine Angst sein. Im Moment ist die Welt voller Ängste, und diese werden tagtäglich durch die Medien geschürt. Es gibt kein Gespräch unter Freunden ohne das leidige Pandemie-Thema. Ich bin jedes Mal wieder erschreckt, wenn mir Freunde erzählen, wie panisch sie sich verhalten. Ich bin sehr traurig darüber, dass sogar von Wintersport im Gebirge abgeraten wird. Da machen Familie das Beste, was sie tun können, nehmen ihre Kinder und ab an die frische Luft – und dann werden die Skihänge zu voll, was ja sooo gefährlich ist? Ja, geht’s denn noch? Etwas besseres als Wintersport kann man nicht für sein Immunsystem tun! Wenn das Vertrauen schwindet, die Angst regiert, die Panikmache immer weiter geht, dann kommt es zur Massenpanik. Diese ist längst im kollektiven morphogenetischen Feld angekommen – wir sollten achtsam bleiben und in uns selbst ruhen. Und uns, körperlich und seelisch, mit allem umgeben, was uns stärkt und fröhlich macht. Was die Folge von Massenpanik ist, das wissen wir von den Ereignissen im Frühjahr 1945. Jahrelang wurde die Angst vor den Russen geschürt. Meine Mutter erzählte an Weihnachten (wie auch schon oft in den letzten Jahren), dass sie als Kleinkind eine Zeitung gesehen hat, auf der ganz groß ein ganz schrecklicher Russe abgebildet war, der aussah, wie ein Monster. Als sie hinter sich jemanden wahrnahm und sich umdrehte, stand da ihr Stiefvater in einer für sie schrecklich anzusehenden Uniform – da schrie sie vor Angst die ganze Straße zusammen. Diese Monster-Bilder von den Russen wirkten so nachhaltig, dass sich Tausende im April und Mai 1945 das Leben nahmen und ihre oder sogar fremde Kinder mit in den Tod rissen. – Und jetzt von 1945 wieder zurück zu 2021: Meine Schwester ist zufällig einem Pfarrer begegnet und mit ihm ins Gespräch gekommen. Da erzählte er ihr, dass er jetzt viele Trauerfeiern vorbereiten müsse. „Corona?“, fragte meine Schwester? – „Nein, Selbstmorde.“, antwortete der Pfarrer.

Leute, lasst euch eure Seele nicht von der Angst auffressen. Geht in euch, geht ins Vertrauen und glaubt an Wunder. Informiert euch gut und glaubt nicht alles, was man euch vorsetzt! Ich weiß nicht, wie oft ich schon den ach so gefährlich klingenden Inzidienzwert erklärt habe: Bei einem Inzidienzwert von 50 haben sich innerhalb der letzten 7 Tage 50 von 100 000 Menschen infiziert! Und davon mindestens zwei Drittel spüren überhaupt keine Symptome oder haben Erkältungssymptome. Ist das viel? Wenn jeder achtsam bleibt, in die Eigenverantwortung geht, sich so verhält, wie sonst auch in der Grippesaison und sich bewusst ernährt, dann sollten Viren keine Chance haben. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern meines Blogs spiritimalltag ein wundervolles, fröhliches und gesundes Jahr 2021!

Letzte Arbeitstage in diesem Jahr

Wieder einmal drohte ein Lockdown für die Bibliothek. Alles, aber auch alles sollte runtergefahren werden, so hieß es in den Nachrichten. Wieder einmal begann dasselbe Spiel wie im vorletzten Blogbeitrag beschrieben. Aber diesmal tangierte es mich nicht, denn ich wollte sowieso bis in den Januar hinein meinen ganzen, vor mir her geschobenen Resturlaub nehmen.

Am Dienstag, dem letzten Öffnungstag vor dem offiziellen Bundes-Lockdown, steppte in der Bibliothek der Bär. Es kamen fast alle Stammkunden, auch die, die länger nicht hier waren. Alle hatten natürlich die EINE Frage: „Schließen Sie nun oder schließen Sie nicht?“ Trotz fehlender Lockdown-Info vom Land konnte ich zweifelsfrei behaupten: „Ich schließe, denn ich habe Urlaub!“ Also deckten sich alle noch einmal mit großen Stapeln von Büchern und sonstigen Medien ein. Es war gigantisch. Der Ansturm begann mit der ersten Öffnungsminute und hörte erst zehn Minuten vor Schließung auf. Einige Leser brachten sogar kleine Aufmerksamkeiten für mich mit. Und meine beiden ehrenamtlichen Helferinnen brachten mir einen dicken Weihnachtsblumenstrauß. Ich war an diesem Tag ganz oft sehr gerührt. Und ich freute mich, so viele Leser in diesem Jahr noch einmal zu sehen. Für einige hatte ich schon mal das Passende zurückgelegt, etwa den vierten Band der „Tuchvilla“-Familiensaga, der gerade erschienen war oder andere Fortsetzung der Reihen, von denen ich wusste, welchen Teil die Leser als nächstes ausleihen würden. Oder auch aktuelle Krimis. Für alle war gut gesorgt.

Zwischendurch rannte ich dreimal in die Stadtverwaltung auf der Suche nach den letzten Rechnungen, die irgendwo im Verwaltungsweg hängengeblieben waren. Sollte ich die Rechnungen nicht rechtzeitig bearbeiten können, müsste ich extra dafür im Urlaub noch einmal in meinen Arbeitsort fahren, das wollte ich vermeiden. Die Rechnungen tauchten an diesem Tag nicht auf, aber ich hatte ja noch einen Arbeitstag Zeit …

Am Ende des Arbeitstages, der letzte Leser ging gerade und die Reinigungskraft holte sich von mir noch Anweisungen, stand auf einmal der Bürgermeister in der Tür und wünschte uns ein frohes Fest. Nach zahlreichen Auseinandersetzungen und nachdem er während der letzten drei Jahre einen Leitungsstil gepflegt hatte, der an Feudalabsolutismus grenzte, war er nun auf einmal handzahm geworden und übte sich zunehmend darin, meine fachlichen Entscheidungen zu respektieren und mitzutragen. Bis dahin war es wirklich ein jahrelanger anstrengender Prozess der ständigen Reibung. Nachdem wir den Bürgermeister sachte hinauskomplimentiert hatten, schaffte ich gerade noch den Tagesabschluss und im Laufschritt auch noch meinen Bus.

Bis zum Abend dieses sportlichen Arbeitstages hatte ich noch keine Info, ob in M-V die Bibliotheken nun downlocken oder nicht. Am nächsten Tag, einem Urlaubstag, erreichte mich dann die Mail, dass Bibliotheken in M-V öffnen dürfen. Da war ich wirklich platt. Es wurde so viel in den Medien von einem ganz harten Lockdown getönt, dass ich damit ehrlich nicht gerechnet hatte. Gleichzeitig erreichte mich die Mail, dass die Stadtverwaltung für den Publikumsverkehr ihre Pforten schließt und man nur noch mit vorheriger Terminvergabe in das Rathaus kann. Na toll. Und ich bin immer noch auf der Suche nach verschollenen Rechnungen.

Der heutige Donnerstag war ein Öffnungstag. Die Bibliothek durfte ja nun mal öffnen, also musste ich mich noch vor Öffnungszeit auf die Suche nach den verschollenen Rechnungen begeben. Da stand ich nun vor der Stadtverwaltung. Die Klingelanlage ausgeschaltet, die Tür verrammelt. Ich klopfte einfach an das Fenster der Kämmerei und eine liebe Kollegin sprang herbei, um mir zu öffnen. Mein Postfach leer. In dem einen Büro keine Rechnung, im anderen auch nicht, in der Kämmerei erst recht nicht. War der Posteingang überhaupt schon durch? Das wusste keiner. Wer hat denn den Posteingang gemacht? Das war die Vertretung der Vertretung der Vertretung. Zum Glück war sie da und wusste, dass der Bürgermeister schon den Posteingang hatte, aber der Hauptamtsleiter noch nicht. Gemeinsam mit der Vertretung der Vertretung der Vertretung ging ich zum Postfach der Hauptamtsleiters und wir fischten dort die beiden gesuchten Rechnungen aus der Postmappe. „Die nehme ich jetzt mit!“, verkündete ich. „Das können Sie doch nicht einfach…?“, meinte die Vertretung der Vertretung der Vertretung. – „Doch, ich kann. Der Rechnungsstempel ist schon drauf, den fülle ich aus und kopiere mir das Ganze, dann kann der Hauptamtsleiter immer noch unterschreiben.“  – „Na Sie müssen ja wissen, was Sie tun!“

Um Felsbrocken erleichtert ging ich mit den beiden heldenhaft erbeuteten Rechnungen zur Bibliothek, füllte den Rechnungsstempel aus, kopierte mir das Ganze noch einmal, denn ich brauche den Nachweis für eine Fördermittelabrechnung, machte noch die Abrechnung für die Handkasse und noch eine weitere Rechnung für laufende Betriebskosten fertig, fertigte zwischendurch noch tatsächlich einige Leser ab  und flitzte noch einmal in die Stadtverwaltung. Wieder Klopfen am Fenster der Kämmerei, wieder öffnete mir die eine Kollegin sehr freundlich die Verwaltungstür, jedoch die andere, mit der ich die Abrechnung der Handkasse machte, war etwas schräg drauf. Das war sicher der Stress, das nahm ich nicht persönlich. Die Kämmerei macht zum Jahresende mehr als Hochleistungssport.  Richtig total erleichtert brachte ich alle Rechnungen auf den richtigen Weg. Auf dem Flur begegnete mir der Hauptamtsleiter und ich informierte ihn darüber, dass ich ihm zwei Rechnungen aus dem Posteingang entführt hätte. „Das ist okay, alles, was die Prozedur verkürzt, ist gut!“ Na bitte, geht doch!!! 😀

Sehr gut gelaunt und total erleichtert flitzte ich wieder in die Bibliothek. Letzte Absprachen mit dem Hausmeister, Anfertigen des Urlaubs-Schließungs-Aushangs, großes Aufräumen, immer noch letzte Leser, Wegstellen der Medienberge vom letzten Öffnungstag, Absprachen mit der Reinigungskraft und vertrauensvolles Übergeben des Blumen-Gießdienstes an sie, zuletzt noch einmal in meine Mails geschaut…

Und was sehe ich da als krönenden Abschluss? Mein Antrag auf Förderung einer Veranstaltungsreihe an eine bundesweit agierende Stiftung war erfolgreich!!! 😀 Wir kriegen die Förderung!!! Damit können wir auch gegebenenfalls mit weniger Besuchern unter Pandemie-Bedingungen hochkarätige Veranstaltungen anbieten, denn alle Honorare werden voll gefördert! Den Antrag hatte ich bei all dem Stress der letzten Tage schon nicht mehr auf dem Schirm, umso größer die Überraschung!!! Welch ein schöner Abschluss dieses Arbeitsjahres!!! Nun kann ich ganz beruhigt Weihnachten feiern! 🙂

Raus aus dem Hamsterrad

Advent – Zeit er Heimkehr und Besinnung auf das Wesentliche.

Seit langem schiebe ich meinen Urlaub vor mir her, denn die dringenden Erledigungen in der Bibliothek reißen nicht ab. Letzte Woche zog ich die Reißleine und beantragte wenigstens den Urlaub für ein verlängertes Wochenende. An diesen Vollmondtagen, an denen die Energien um mich herum nur so tobten, wurde ich sofort ruhig. Ganz bei mir und ganz zentriert erledigte ich endlich die mir persönlich wichtigsten Dinge. Die Wohnung dekorieren, einen Handwerker-Termin und Einkauf von Geschenken. Es tat unendlich gut, mal einfach bei mir anzukommen und jeden Gedanken an die Bibliothek schnell wieder ziehen zu lassen. Die einzigen freiwilligen Homeoffice-Überstunden waren eher ein Vergnügen: ein Online-Seminar über Neuerscheinungen von Kinderbüchern und die anschließende Komplettierung meiner Bestellliste für meine Lieblingsbuchhandlung. Mit schönen Kinderbüchern beschäftige ich mich immer wieder gern. Diesmal lag mein Augenmerk auf den Bilderbüchern für die ganz Kleinen, damit Leo, der Büchertrog-Löwe, wieder einen vollen Bauch bekommt. Mit der Eichhörnchen-Geschichte „Mein Baum gehört mir!“ und vielen anderen schönen Büchern bekommt er endlich wieder Futter. Im Moment gehen Kinderbücher immer noch weg wie warme Semmeln. Kaum hatte ich einen Stapel Weihnachtsgeschichten-Bücher aus dem Lager geholt, stürzte sich eine Leserin mit ihrem fünfjährigen Sohn darauf – und weg waren sie. Alle. Auch die Weihnachtsbastelbücher. Wahrscheinlich sehe ich sie erst im nächsten Jahr wieder, denn diese Familie kommt aus ihrem Dorf selten ran. Ich denke, sie werden viel Freude haben, besonders an meiner Lieblingsgeschichte „Mein 24. Dezember“ von Achim Bröger. In dieser Geschichte erlebt ein Hund zum ersten Mal Weihnachten. Er muss erkennen, dass der Weihnachtsbaum nicht zum Beinchenheben geeignet ist und dass dieser komishe bärtige Mann im roten Mantel, den er vertrieb, kein Feind war. Auch war der Weihnachtsbraten nicht wirklich für ihn bestimmt … 😀 Wirklich lustig, diese Geschichte, für Leser von 4 bis 99 Jahren ein Vergnügen. Wir haben sie sogar mal auf einer Seniorenweihnachtsfeier in Plattdeutsch vorgetragen und hatten die Lacher auf unserer Seite.

Interessant verlief der Handwerker-Termin. Wir kamen sofort miteinander ins nette Gespräch, natürlich über das leidige C-Thema. Und siehe da – noch jemand, der sich alternativ informiert und seine eigene Meinung vertritt, auch über das Impfen. Über die Impfstoff-Entwickler war er sogar besser informiert als ich, da konnte ich echt etwas lernen. So langsam habe ich das Gefühl, dass ich mehr Menschen treffe, die sich die richtigen Fragen stellen als solche, die sich in Angst und Schrecken versetzen lassen. Das ist sehr wohltuend. Denn es gibt immer noch einige Freunde und Bekannte, die mich meiden wie die Pest, weil ich täglich öffentliche Verkehrsmittel benutze. Okay, wenn ihnen das hilft und sie sich so sicherer fühlen … – jeder darf seinen eigenen Film abspulen. Ich respektiere es und greife dann eben zum Telefon, wenn ich Kontakt halten möchte.

Was ich allerdings bis jetzt vor mir herschiebe, sind lange fällige Briefschulden. Ja, Briefe in echt. Es gibt sie noch und ich schreibe sie gern! Allerdings brauche ich dazu mal einen ruhigen Tag. Das letzte verlängerte Wochenende war dann doch zu schnell vorbei. Also was tun? Noch einmal Urlaub beantragen und noch ein verlängertes Wochenende zelebrieren! Die Bibliothek kann warten. Alle Buch- und Medienbestellungen sind erledigt, die Rechnungen und Lieferungen erwarte ich erst später, eine beantragte Förderung muss jetzt doch noch nicht ausgegeben werden, Bibliotheksveranstaltungen locken immer noch down, alle Anfragen für das Stadtarchiv sind erledigt, also nix wie weg. W wie weg, würde Elke schreiben. 🙂

Ich inspizierte meine Weihnachtspost-Kiste. Kein Wunder, dass ich so lustlos war! Ich hatte ja kaum noch Utensilien, die mir wirklich gefielen! Weder schöne Umschläge noch schöne Karten – naja, und Winterfotos? Fehlanzeige mangels Winter in den letzten drei Jahren. Um mich zu motivieren, machte ich erstmal einen ausführlichen Bummel durch mein Lieblings-Papierhaus. Farbige Umschläge, Schneeflocken-Aufkleber und so allerlei nützliches Zeug landeten im Einkaufskorb, dazu noch der Taschenkalender für das nächste Jahr, den ich sonst immer schon im Herbst kaufe. Die Verkäuferin staunte. So viele Umschläge? Und keine Karten dazu? „Die Karten bastle ich selbst mit eigenen Fotos!“ Die Verkäuferin war so baff, dass ich vermute, einen solchen Aufwand für Weihnachtskarten erlebt sie sonst wohl nicht oft. Zum Glück hatte ich noch einen Gutschein für dieses Papierhaus einzulösen, da wurde die Rechnung nicht ganz so teuer. Bei einem anderen Anbieter waren mir noch zufällig lustige Elch-Masken 🙂 über den Weg gelaufen. Wie geschaffen für zwei Freundinnen, die es lustig mögen. Wenn schon „schützen“, dann aber auch mit Schmunzel-Alarm! 😀

Nun sitze ich hier und schreibe Weihnachtsbriefe und Weihnachtskarten, denke an die lieben Empfänger und erzähle ihnen ausführlich über mein Leben in den letzten Wochen und / oder Monaten. Auch andere Schreiber sind schon aktiv und schreibwütig wie nie zuvor. Von einem Bekannten erhielt ich einen seitenlangen Brief, in dem er fast sein ganzes Leben Revue passieren lässt. Er erzählte mir (und seinen vielen Freunden, Kollegen und Bekannten, die diesen Rundbrief erhielten) vieles, was ich über ihn noch nicht gewusst hatte. Er muss Stunden an diesem Brief mit eingefügten Fotos gesessen haben. Ich fühlte mich richtig geehrt, diesen Brief erhalten zu haben, ganz ehrlich! Nun bin ich dabei, ihm ebenfalls zu schreiben und ihm etwas Freude zurückzugeben. Nichts ist jetzt wichtiger als das.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ebenso schöne, mit Liebe geschriebene Adventsbriefe und Adventskarten und viele Nikolaus-Überraschungen!