Eintauchen in die Vergangenheit

Eigentlich wollte ich so schnell nicht wieder einen Blogbeitrag schreiben. Eigentlich wollte ich auch an diesem Wochenende sowieso etwas ganz anderes tun. Aber es drängte mich dazu, alte Unterlagen zu sichten. Dabei fielen mir auch alte Fotos in die Hand. Fotos von Vereinsausflügen, von Auftritten meiner plattdeutschen Gruppe und Fotos von einer Führung in meiner ganz alten Lieblingsbibliothek. Hm. Da stehe ich, in meinem damaligen Lieblingsrock, ein altes Buch in der Hand, die schöne, historische Bibliothek erklärend. Mir zuhörend eine Freundin, die vor zwei Jahren im hohen Alter von 93 Jahren aus dieser Welt ging und ihre Freundin, die meine Klavierlehrerin war und schon lange nicht mehr lebt. Nach einigem Überlegen realisierte ich auch staunend, wer das Foto geschossen hatte. Ein ehemaliger Kollege meiner Freundin, der mich Jahre später in die Stadtgeschichte meines jetzigen Arbeitsortes eingeführt hatte und dessen Nachlass mein Stadtarchiv schließlich erbte. Oh Mann! Ja, klar. Da schließt sich der Kreis.

Es ist unglaublich, wie viele Kreise sich jetzt gerade schließen. Sowohl für mich als auch für andere. Meine Museums-Kollegin, deren Gesprächsbedarf sich nach meiner im letzten Blogbeitrag geäußerten Meinung scheinbar erledigt hatte, rief mich heute nochmals an und es ging noch tiefer, noch viel tiefer. Da löst sich bei ihr gerade Schicht um Schicht. Da kann ich nur weiter zuhören und ermutigen.

Auch meine Mutter hatte einen mentalen Ausflug in die Vergangenheit. Es meldete sich ein Freund ihres Bruders, der über Umwege ihre Kontaktdaten ermittelt hatte. Alte Fotos versetzten auch ihn tief in die Vergangenheit zurück. Während er in seiner Villa mit Blick auf die Alpen saß und Fotos anschaute, hatte er sich daran erinnert, dass die Mutter meiner Mutter – die Großmutter, die ich nie kannte – ihm und seinen Eltern das Leben gerettet hatte, indem sie, die Bäckerin, diese Familie mit „durchfütterte“. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ihre Mutter viele Menschen durchfütterte und sie damit vielleicht vor dem Hungertod bewahrte. Jedenfalls freute sich meine Mutter über diesen Anruf voller dankbarer Erinnerungen sehr. Da schloss sich für sie ein Kreis. Hatte sie doch gerade am Karfreitag über die schwere Zeit nach 1945 geredet. Gesprächsweise kamen die Beiden schließlich auf ihre Kinder und Enkel. Meine Mutter erzählte nun, dass ihre Tochter, also ich, einst in der Bibliothek des Gymnasiums gearbeitet hatte, in dem der Anrufer vor 70 Jahren die Schulbank drückte. Da stutzte der Anrufer. „Das ist deine Tochter??? Die kenne ich!!!“ Er wusste sofort meinen Namen und erzählte meiner Mutter von dem, was ich ihm einst erzählt hatte. Da staunte ich nun wieder. Dass er das noch weiß! Aber eigentlich verbinde ich mit ihm ein anderes, aber kurioses Erlebnis.  Es ist auch schon zwanzig Jahre her. Damals feierte er sein Goldenes Abitur und wollte seiner alten Schule ein besonderes Geschenk machen. Er hatte die Idee, ein Portrait des Namensgebers dieser Schule anfertigen zu lassen. Da gab es aber ein Problem: Vom Namensgeber, der 1939 starb, existierten logischerweise nur Schwarz-Weiß-Fotos. Deshalb wollte er von mir unbedingt die Augenfarbe dieses Mannes wissen. Das war in der Tat ein Problem. Ich wälzte Zeitzeugenberichte von Begegnungen mit diesem Mann. Eine Frau schrieb: „Warme braune Augen schauten mich fragend an.“ Ein ehemaliger Schüler schrieb aber von grünen Augen. Als ich wieder mal in dem Institut forschte, welches den Nachlass dieses Mannes verwaltet, schaute ich mir dort die Portraits an, die zu seinen Lebzeiten entstanden waren. Dort gingen die Augen eher ins grau-grüne. Und diese Erkenntnis floss dann auch in das neue Portrait ein, welches heute im Zimmer des Schulleiters hängt. Oh ja. Das waren schon interessante Zeiten! Da hat sich für mich dann heute auch ein Kreis geschlossen.

Meine Mutter schwelgte weiter in Erinnerungen, vermutlich angeregt vom Blick des Anrufers auf die Alpen. Da kam sie dann auf ihre Reise in die Alpen und nach Italien. Was mich dann auch wieder an Italien erinnerte. Und daran, wie ich fast auf den Tag genau 26 Jahren völlig spontan, innerhalb von zwei Tagen entschieden, als „Betreuung“ zweier Lateinklassen eben dieses Gymnasiums, an dem ich arbeitete, mit einem Reisebus nach Rom fuhr. Eine Horde Flöhe hüten in Rom, nach einer Busreise ohne Zwischenübernachtung. Das war eigentlich Wahnsinn, aber es war schön!!!

Tja. Wenn ich so zurückblicke und Erinnerungen wälze, dann staune ich schon, was ich so alles erlebte. Langweilig war mein Leben bisher wirklich nicht und wird es wohl auch nie sein. Für mich ist es so, dass alles, aber auch alles in meinem Leben einen Sinn hatte. Auch die Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging. Im Nachhinein machte alles irgendwie Sinn. Vielleicht ist es das, was ich meiner Kollegin vermitteln sollte, wenn sie weiter Schicht um Schicht löst. Alles im Leben hat seinen Sinn. Manchmal erschließt sich dieser aber erst viel später. Manchmal fügt man erst viel, viel später all diese Puzzleteilchen einzelner Erlebnisse zusammen. Was aber in jedem Fall wertvolle Erkenntnisse bringt.

Begegnung?

Ich erhielt einen Anruf von einem weitläufigen Bekannten, mit dem ich gelegentlich beruflich zu tun hatte. „Meine Frau und ich wollen trotz der Kontaktbeschränkungen unsere Kontakte pflegen und auch weiterhin Bekannte einladen. Hättest du Lust, zu uns zum Kaffeetrinken zu kommen?“ Ich war überrascht und erstaunt. Einerseits, weil wir nicht sooo eng miteinander sind und andererseits, weil solche Einladungen wirklich gerade Seltenheitswert haben. Ich sagte zu und ging an einem sonnigen Novembernachmittag durch einen Stadtteil, den ich mag, aber in dem ich sehr selten bin. Ich genoss den Spaziergang in einer langen herbstlichen Allee, an die ich viele Kindheitserinnerungen habe. Meine Gastgeber freuten sich über meinen Blumenstrauß und das Kaffeekränzchen begann. Zuerst bot der selbst gebackene Pflaumenkuchen noch Gesprächsstoff. Mir wurde erzählt, wer die Pflaumen schenkte, welche Pflaumen-Bezugsquellen mit der Zeit weggebrochen waren und welches Rezept verwendet wurde.

Dann waren wir schon ganz rasant in der Kindheit meines Bekannten angelangt. Er beschrieb ausführlich die Kirchen und das Wohnhaus seiner Kindheit und wurde gelegentlich von seiner Frau  unterbrochen oder korrigiert. Höflich hörte ich zu und ließ mir den Pflaumenkuchen schmecken. Über die Kindheit kamen meine Gastgeber auf das Thema Wende und begannen, ausführlich die Demos in ihrer Heimatstadt zu beschreiben. Dies entwickelte sich dann mehr und mehr zu einem typischen Ehepaar-Gespräch. „Nein, das war anders! Wir sind nicht in dieser, sondern in jener Kirche gewesen!“ – „Nein, ich weiß genau, wir waren erst in der einen und dann in der anderen Kirche, und dort fand dann auch das Friedensgebet statt!“ – „Bist du sicher?“ – „Ja, da war doch noch der *** dabei, der ist doch dann später nach Berlin gegangen.“ – „Ja, stimmt, und wir haben den doch noch vor drei Jahren besucht.“ – „Und die *** hat doch noch ein Gedicht vorgetragen.“ – „Ja, was ist aus der eigentlich geworden? War die nicht in Rostock gelandet?“ Sie kamen vom Hundertsten ins Tausendste und vergaßen völlig, dass da noch jemand auf ihrer Couch saß. Das ging so zwei Stunden lang. Ich kannte die betreffende Stadt nur oberflächlich und die erwähnten Leute sowieso nicht. Ich saß einfach nur dabei und überlegte, ob ich schmunzeln oder mich ärgern sollte. Und wie ich den Absprung aus dieser Situation schaffen würde. Zum Glück ergab es sich, dass die Frau noch einen Termin hatte. Schon fast beim Abschied gab es dann doch noch einen Themenwechsel und mir wurde erzählt, dass der jüngste, dreijährige Enkel schon zählen kann. Das ewige Großeltern-Thema „begabte Enkelkinder“ ließ sich dann aber trotz wirklichen Interesses meinerseits nicht mehr ausbauen, denn die Frau musste ja los und ich wollte raus an die frische Luft.

Fazit des Nachmittags: Begegnungen sind schön, wenn es dann auch echte Begegnungen sind. Ein langer Herbstspaziergang durch gelb leuchtendes Laub tut immer gut. Und der Pflaumenkuchen  war köstlich. Ich denke mal, meine Gastgeber hatten einen wunderschön nostalgischen Nachmittag.

Reale Überraschung aus der virtuellen Welt

Manche Tage stecken voller Überraschungen. Montage sind ja oft gewöhnungsbedürftig. Man kommt erholt aus dem Wochenende und muss sich nun wieder dem Arbeitsalltag stellen. Für meinen heutigen Montag war bis 15 Uhr eine Brandschutzhelfer-Schulung geplant. Früh noch mit meinem Praktikanten beschäftigt, kam ich in den Schulungsraum, als die Schulung schon eben begonnen hatte. Ich setzte mich dazu und staunte darüber, wie der Referent seine Powerpoint-Präsentation in so einem Affentempo abspulte, dass ich kaum hinterherkam, den Inhalt zu erfassen. Als ob er im Zeitraffer-Modus war und einen Wettbewerb für Schnellsprecher gewinnen wollte. Erst versuchte ich noch, ein Gefühl für die Vorzüge der verschiedenen Arten von Feuerlöschern und sonstigen Brandschutzhilfsmitteln zu bekommen, aber dann gab ich es auf und ließ mich einfach berieseln. Was wichtig war, würde schon irgendwie hängenbleiben.

Schon nach anderthalb Stunden waren wir mit der Theorie durch und die Praxis begann. Wir wurden erst auf die Brandschutz-Vorkehrungen im Verwaltungsgebäude hingewiesen, dann erwartete uns auf dem schon ziemlich aufgeheizten Hof eine brennende Feuerschale, die wir mit verschiedenen Feuerlöschern löschen sollten. Wer wollte, konnte sich da betätigen, mit Schutzkleidung und Helm. Ich wollte nicht. Nicht schon wieder zum Schutz verhüllen!!! 🙂 Schon kurz nach Elf war alles vorbei, der „Feuerwehrhäuptling“ ernannte uns zu Brandschutzhelfern. Allerdings hatte er die von uns geforderte „goldene Flamme“ als Zertifikat nicht dabei.

Nach einem Schwatz mit den Kollegen schlenderte ich langsam zur Bibliothek zurück und traf auf einen erleichterten Praktikanten, der, voll hungrig auf sein Mittag, sich gerade um Besucher aus unserer Partnerstadt kümmerte und froh war, als ich übernahm. Nach der kurzen Mittagspause mit dem Hasenbrot vom Lehrgang und der Beratung einer Leserin hatte ich das Gefühl, noch einmal an die frische Luft zu müssen. Ich beschloss spontan, die Plakate im Amtsschaukasten auszutauschen. Es war ein warmer Spätsommertag und ich genoss den kurzen Spaziergang in der Sonne. Als ich mit dem Schaukasten fertig war und gerade am Blumenladen vorbei ging, hielt mich ein Paar an. Die Frau sagte: „Darf ich dich umarmen? Ich bin Elke und das ist Norbert!“

Mir blieb vor Überraschung der Mund offen. Elke??? Die Elke von dem Blog, auf dem ich immer kommentiere? Wirklich??? 🙂 Es dauerte eine Weile, bis ich das kapierte, dass sie es wirklich war. Wieso erkennt sie mich denn eigentlich, ich hatte doch nie irgendwo ein Foto von mir gepostet? Und was tut sie hier? Ich war echt total perplex!!! 🙂 Elke suchte in den Auslagen des Blumenladens ein Alpenveilchen für mich aus und wir verabredeten, uns gleich in der Bibliothek zu treffen. Mein Lieblingscafé ist montags leider geschlossen, aber ich hatte die Hoffnung, dass alle Bibliotheksleser noch einmal das schöne Wetter genießen werden und es ein ruhiger Nachmittag sein würde. So fanden wir und schließlich plaudernd auf dem Hof der Bibliothek wieder, von Anfang an vertraut miteinander. Hatten wir doch schon jahrelang miteinander gebloggt und auch mal gemailt. Während Elke und ich uns aneinander freuten, hatte Norbert ein Gespräch mit dem Praktikanten begonnen. Eine ganze Weile später saßen wir dann alle zusammen in trauter Runde auf dem Hof. Nur wenige Besucher wollten in das Haus, so dass es wirklich ein anregender Nachmittag wurde. Mir tat es einfach gut, mal mit Gleichgesinnten zu reden und statt der virtuellen Begegnung nun real nebeneinander zu sitzen. Ich hatte auch kein schlechtes Gewissen dabei, in der Arbeitszeit mal Siesta zu halten, denn der Stadt hatte ich schon genug Abende mit freiwilligem Arbeitseinsatz geschenkt. Und dieser Besuch, der extra hunderte Kilometer gefahren war, um mich zu treffen, war einfach Freude pur. Danke, liebe Elke und lieber Norbert, es war sooo schön mit euch!!! ❤

Begegnung und Abschied

In der Kirche gegenüber wurde eine große Trauerfeier vorbereitet. Früh hübschte man das die Kirche umgebende Grün auf und stellte die Tontechnik ein. Kurz darauf   kamen In Scharen die Trauergäste sehr frühzeitig in die kleine Stadt. Auf der Suche nach einer Toilette landeten sie auch im Bibliothekshaus, so dass lebhafter Trubel herrschte. Dazwischen die Leser und die Ferienkinder meines Leseprojektes. Irgendwann betrat ein Paar das Haus und wollte in die Ausstellung. Wir kamen schnell ins Gespräch. Natürlich über das leidige C-Thema und die bei uns dreien in diesem Moment nicht vorhandenen Masken. Schnell merkten wir, dass wir auf einer Wellenlänge lagen. Es fielen die Namen Dr. Schiffmann und Beate Bahner. Yep. Wir sind viele!!! Weil sie mir so sympathisch waren, ging ich mit hoch in die Ausstellung, um eine kleine Einführung zu geben. Da erst merkte ich, dass die Frau kaum deutsch sprach und der Mann ihr einiges übersetzte. Die Sprache klang sehr melodiös und ich lauschte fasziniert. Einiges konnte man sogar irgendwie verstehen. Natürlich äußerte ich auch meine Begeisterung und erfuhr, dass es Litauisch war. Sie schwärmten von Litauen, erzählten unter anderem, dass dort die Maskenpflicht bereits abgeschafft ist und – wieso wir darauf kamen, weiß ich nicht – der Mann erzählte mir, dass es in Litauen ähnliche Sagen gibt wie hier. Stimmt. Ich hatte da mal ein Buch in den Fingern … Ich erklärte in Kurzform, wieso das so war, ohne mich groß als Sagenforscherin zu outen. Wieder große Verbundenheit, aber ich musste mich nun wieder den anderen Besuchern widmen. Später kamen wir noch einmal ins Gespräch und schließlich fragte der Mann, ob hier im Ort jemand sich für die Stadtgeschichte interessiert? Er sei in dieser Stadt geboren und aufgewachsen und lebe jetzt teilweise in Litauen und teilweise in seinem Vaterhaus hier. Sein Vater hätte viel gesammelt und er wolle, dass es in vernünftige Hände kommt. Ich hatte diesen Mann vorher noch nie bewusst in der Stadt wahrgenommen, aber der Vorteil einer provinziellen Kleinstadt ist es, dass man nahezu alles über die Bewohner weiß, auch wenn man nicht von Natur aus neugierig ist. „Dann sind Sie der Sohn von …?“, fragte ich und begann mich noch mehr zu freuen. Jaaa, er war der Sohn dieses jahrzehntelang tätigen ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegers, der schon vor einigen Jahren verstorben war und um dessen Nachlass ein großes Rätselraten herrschte, verbunden mit wilden Spekulationen. Einige vermuteten den Nachlass sogar schon lange in der Mülltonne. Aber so etwas würde dieser Mensch nie tun. Er wollte die Sachen in interessierte Hände geben. Als ich ihm anbot, den Nachlass in das Stadtarchiv zu integrieren, sagte er sofort zu und versprach, die Kisten noch am selben Tag vorbeizubringen.

Die Mittagsschließzeit fiel diesmal aus. Während ich dennoch wenigstens einige Minuten lang auf dem sonnigen Innenhof einen kurzen Imbiss nahm, riss der Strom der Toilettengänger nicht ab.  Immer mehr in festliche schwarze Kleidung gehüllte Trauergäste bevölkerten den Kirchenvorplatz gegenüber. Die Trauerrede wurde nach draußen übertragen, so laut, dass ich sie mühelos an meinem Arbeitsplatz in der Bibliothek hören konnte. Das war schon skurril, am Schreibtisch zu sitzen,Medien zu bearbeiten  und gleichzeitig an einer Trauerfeier teilzunehmen, unfreiwillig ein fremdes Leben Revue passieren zu lassen, verpackt in zahlreiche Bibelzitate und Psalmen. Ich vernahm, dass der Verblichene eigentlich aus der Kirche ausgetreten war, der Pastor zu dessen Freundeskreis gehörte und im Verlauf der Trauerrede mehrmals diesen von der Familie gewählten Ort des Abschiedes fast verteidigte. Wirklich skurril. Die Trauerhalle auf dem Friedhof wäre ja auch schlichtweg zu klein gewesen. Viel wurde über die ganzen Ämter und Tätigkeiten des Verstorbenen geredet. Mehr über das als über den Menschen an sich, so schien es mir. Er war sehr, sehr wichtig, deshalb auch diese Massen von Trauergästen. Die Musik war das schönste dieses ganzen Erlebnisses, leicht, beschwingt, klassisch, dazu ein ebenso leichtes Volkslied, wunderbar schön handgespielt, ohne Orgel. Es war wohl in diesem Falle wirklich mal die Lieblingsmusik des Verstorbenen. Eigentlich hätte ich den Männerchor erwartet, aber aus C-Gründen sang er wohl erst am Grab für seinen Kameraden. Ich kannte den Verstorbenen nur flüchtig. Also eigentlich weniger ihn, sondern vielmehr seinen wunderbaren Baß im Männerchor. Dennoch war es skurril. Die Trauerrede begann übrigens mit der Ermahnung, Abstand zu halten und das Kontaktformular unbedingt auszufüllen. Toll. Nachdem die Scharen von Trauergästen die Urne zum Friedhof begleiteten, kehrte auch wieder Leben in die Bibliothek ein, außerdem kam eine Kollegin, die im Archiv etwas suchte. Als ich gerade mit der Kollegin kurz plauschte, kam der Bürgermeister, ebenfalls in einen festlichen Anzug gehüllt, die Treppe runter, eine Schleimspur hinter sich herziehend. Seit zwei Monaten hat er sich in der Bibliothek nicht blicken lassen, aber nun naht di Bürgermeisterwahl und er möchte vermutlich überall Punkte sammeln. Kann er aber bei mir leider nicht mehr. Ich werde die Gegenkandidatin unterstützen so gut es geht. Zum Glück war wieder reger Betrieb in der Bibliothek, so dass er bald wieder abzog. Kurz danach kam tatsächlich der Besucher von heute vormittag mit fünf Kisten Nachlass seines Vaters.

Was bleibt von einem Leben? Das sollte wohl das Thema des heutigen Tages für mich sein. Erinnert wurde ich heute daran: Abschiede bringen oft neue Begegnungen mit sich.

Heilungsort Bibliothek

Dass Bibliotheken magische Orte sind, weiß man spätestens, wenn man den Film „Der Himmel über Berlin“ oder das Remake des Films mit Meg Ryan gesehen hat. Ja, ich kann es bestätigen: manchmal ist es einfach magisch!

Vorgestern kam eine junge Frau mit ihrer Tochter in die Bibliothek. Sie ist schon seit fast einem Jahr angemeldete Leserin. Als ich sie zum ersten Mal sah, spürte ich in ihr eine empfindliche, verletzte Seele, die Nähe sucht und sich mir mitteilen wollte. Doch leider ist sie nicht die Einzige, die das möchte. Angesichts der vielen, vielen Aufgaben und der Arbeitsbelastung besonders seit einem Jahr im neuen Haus habe ich es mir angewöhnt, solche Menschen nett und freundlich mit kurzem Smalltalk auf Distanz zu halten, auch wenn es mir schwer fiel. Es war reiner Selbstschutz angesichts einer permanenten Überlastung.

Als die Frau mit ihrer Tochter während der Schließzeit einmal vor der Tür stand, was ich „zufällig“ sag, ließ ich sie schnell rein und bot ihr an, sie nach telefonischer Anmeldung auch weiterhin heimlich reinzulassen. Warum ich das tat? Die Frau war einsam, neu im Ort und äußerst sensibel. Ich fürchtete, dass sie in der Extremsituation, ihre Tochter allein zu Hause beschulen zu müssen, irgendwie seelisch leiden würde. Da wären, so hoffte ich, die Filme, CDs, Hörbücher und Kinderbücher aus der Bibliothek vielleicht eine Ablenkung. Zweimal kam sie heimlich und seit einem Monat darf sie ja offiziell wieder kommen. Sie wirkt ausgeglichen und scheint die schwierigen letzten Wochen gut überstanden zu haben.

Vorgestern also stand sie wieder mit ihrer Tochter vor mir. Während der Rückgabe der Medien setzte sie zu einer Frage an. Bevor sie ihr Anliegen los werden konnte, sagte ich: „Wir haben seit dieser Woche nicht mehr verkürzt, sondern ganz normal zu den alten Zeiten wieder geöffnet.“ Sie war perplex: „Immer, wenn ich Sie etwas fragen will, geben Sie genau die Antwort auf die Frage, die ich gerade stellen wollte. Das ist mir schon oft mit Ihnen passiert. Können Sie Gedanken lesen?“ Schmunzelnd antwortete ich mit „Ja!“ Sie schaute mich ungläubig an. „Wirklich?!“ Meine ehrenamtliche Helferin Doreen saß gerade am hinteren Schreibtisch und rief von dort aus: „Ja, das kann sie wirklich!“

Nun mussten wir alle drei lachen. Es entwickelte sich ein Gespräch über weibliche Intuition, über Männer, über Frauen als Opfer und Männer als Täter. Das Gespräch wurde immer ernster. Doreen schaute mehrmals besorgt zu mir: „Wir haben aber heute Themen …“ Ich zwinkerte ihr zu und sagte: „Das ist okay! Und ich habe jetzt auch mal Zeit, etwas zu schwatzen.!“ Das stimmt sogar. Der Bibliotheksbetrieb läuft zwar wie gewohnt, aber ohne die Veranstaltungen. Die anderen Bereiche des Hauses, Touristinfo und Museum, waren zwar offen, wurden aber noch nicht besucht. Und dringender Verwaltungskram fiel auch gerade nicht an. Also endlich mal Zeit, zuzuhören, um zu erfahren, was der jungen Frau auf der Seele brannte. Der Brückenbauerin Doreen sei Dank! Die junge Frau öffnete sich, ließ nur einige Andeutungen fallen und erzählte uns, was sie von Männern hielt. Es fielen nur Brocken. „Ex-Mann Alkoholiker“, „schwierige Trennung“, „neue Freundschaften mit Männern gingen auseinander“, „es ist schwer, wieder jemandem zu vertrauen“. Diese Bröckchen reichten Doreen und mir schon, da brauchte die junge Frau nicht ins Detail gehen, was sie auch nicht gewollt hätte.

Was nun folgte, war Teamarbeit zwischen Doreen und mir. Da können wir uns absolut aufeinander verlassen, denn Doreen ist auch absolut feinfühlig und – was die junge Frau nicht wusste und auch jetzt nicht weiß – Doreen hat eine ähnliche Geschichte hinter sich, hat sich aber, ich glaube nach über zehn Jahren, gerade vor einigen Monaten neu verliebt. Doreen und ich versuchten gemeinsam, das Selbstbewusstsein der jungen Frau zu stärken, ohne sie besonders „belehren“ zu wollen. Dabei stellten wir fest, dass die junge Frau schon ziemlich weit war auf ihrem Weg und ihre Situation sehr gut reflektieren konnte. Oft kamen Sätze wie: „Einerseits ist es ja schlecht, dass …, aber die Situation bringt auch das Gute, dass …“ Also die Frau war auf gutem Wege, das Opfer-Dasein und die Co-Abhängigkeit hinter sich zu lassen. Sie muss nun wieder lernen, Männern zu vertrauen. Und das wird sie schaffen, da bin ich mir ganz sicher.

Die Astrologen sagen, dass wir uns gerade in der Zeit der rückläufigen Venus befinden. Die rückläufige Venus in Verbindung mit einigen anderen Planeten soll helfen, alte Liebes-Verletzungen zu heilen und das Männliche und Weibliche miteinander auszusöhnen. Na, das passt ja! Vielleicht hat die Venus auch in dieser Situation etwas in die richtige Richtung „geschoben“? Also nicht nur für die junge Frau, sondern auch für Doreen und mich. Für uns beide war es auch eine Rückschau in alte Themen. Ich habe zwar nichts Schlimmes in dieser Richtung erlebt, jedenfalls nicht in diesem Leben, aber ich war einige Tage zuvor meinem Ex-Mann begegnet, der jetzt aufgrund einer Krankheit sehr auf sich achten muss. Ich habe ihm Gesundheit und alles Gute gewünscht. Und Doreen ist es vielleicht bewusst geworden, dass sie jetzt stark genug ist, für andere helfend da zu sein.

Jeder Ort, an dem ein Mensch andere Menschen findet, die ihm einfach nur zuhören, ist ein Heilungsort. So können auch Bibliotheken Heilungsorte sein. Egal, welcher Ort es ist, ob Bibliothek, Vereinszentrum, Fitnesscenter, Kirche, Restaurant, kleiner Laden : jeder Ort, der Begegnung ermöglicht, ist existenziell wichtig für alle Menschen. Solche Orte für Wochen zu schließen, kann die seelische Gesundheit vieler Menschen extrem gefährden. Das ist mir durch die Begegnung mit dieser Leserin noch einmal richtig bewusst geworden. Doreen denkt wohl ebenso. Sie, die eigentlich nur einmal wöchentlich kommen und helfen wollte, strahlte mich zum Abschied an und sagte: „Wir sehen uns übermorgen wieder!“ 🙂