Eintauchen in die Vergangenheit

Eigentlich wollte ich so schnell nicht wieder einen Blogbeitrag schreiben. Eigentlich wollte ich auch an diesem Wochenende sowieso etwas ganz anderes tun. Aber es drängte mich dazu, alte Unterlagen zu sichten. Dabei fielen mir auch alte Fotos in die Hand. Fotos von Vereinsausflügen, von Auftritten meiner plattdeutschen Gruppe und Fotos von einer Führung in meiner ganz alten Lieblingsbibliothek. Hm. Da stehe ich, in meinem damaligen Lieblingsrock, ein altes Buch in der Hand, die schöne, historische Bibliothek erklärend. Mir zuhörend eine Freundin, die vor zwei Jahren im hohen Alter von 93 Jahren aus dieser Welt ging und ihre Freundin, die meine Klavierlehrerin war und schon lange nicht mehr lebt. Nach einigem Überlegen realisierte ich auch staunend, wer das Foto geschossen hatte. Ein ehemaliger Kollege meiner Freundin, der mich Jahre später in die Stadtgeschichte meines jetzigen Arbeitsortes eingeführt hatte und dessen Nachlass mein Stadtarchiv schließlich erbte. Oh Mann! Ja, klar. Da schließt sich der Kreis.

Es ist unglaublich, wie viele Kreise sich jetzt gerade schließen. Sowohl für mich als auch für andere. Meine Museums-Kollegin, deren Gesprächsbedarf sich nach meiner im letzten Blogbeitrag geäußerten Meinung scheinbar erledigt hatte, rief mich heute nochmals an und es ging noch tiefer, noch viel tiefer. Da löst sich bei ihr gerade Schicht um Schicht. Da kann ich nur weiter zuhören und ermutigen.

Auch meine Mutter hatte einen mentalen Ausflug in die Vergangenheit. Es meldete sich ein Freund ihres Bruders, der über Umwege ihre Kontaktdaten ermittelt hatte. Alte Fotos versetzten auch ihn tief in die Vergangenheit zurück. Während er in seiner Villa mit Blick auf die Alpen saß und Fotos anschaute, hatte er sich daran erinnert, dass die Mutter meiner Mutter – die Großmutter, die ich nie kannte – ihm und seinen Eltern das Leben gerettet hatte, indem sie, die Bäckerin, diese Familie mit „durchfütterte“. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ihre Mutter viele Menschen durchfütterte und sie damit vielleicht vor dem Hungertod bewahrte. Jedenfalls freute sich meine Mutter über diesen Anruf voller dankbarer Erinnerungen sehr. Da schloss sich für sie ein Kreis. Hatte sie doch gerade am Karfreitag über die schwere Zeit nach 1945 geredet. Gesprächsweise kamen die Beiden schließlich auf ihre Kinder und Enkel. Meine Mutter erzählte nun, dass ihre Tochter, also ich, einst in der Bibliothek des Gymnasiums gearbeitet hatte, in dem der Anrufer vor 70 Jahren die Schulbank drückte. Da stutzte der Anrufer. „Das ist deine Tochter??? Die kenne ich!!!“ Er wusste sofort meinen Namen und erzählte meiner Mutter von dem, was ich ihm einst erzählt hatte. Da staunte ich nun wieder. Dass er das noch weiß! Aber eigentlich verbinde ich mit ihm ein anderes, aber kurioses Erlebnis.  Es ist auch schon zwanzig Jahre her. Damals feierte er sein Goldenes Abitur und wollte seiner alten Schule ein besonderes Geschenk machen. Er hatte die Idee, ein Portrait des Namensgebers dieser Schule anfertigen zu lassen. Da gab es aber ein Problem: Vom Namensgeber, der 1939 starb, existierten logischerweise nur Schwarz-Weiß-Fotos. Deshalb wollte er von mir unbedingt die Augenfarbe dieses Mannes wissen. Das war in der Tat ein Problem. Ich wälzte Zeitzeugenberichte von Begegnungen mit diesem Mann. Eine Frau schrieb: „Warme braune Augen schauten mich fragend an.“ Ein ehemaliger Schüler schrieb aber von grünen Augen. Als ich wieder mal in dem Institut forschte, welches den Nachlass dieses Mannes verwaltet, schaute ich mir dort die Portraits an, die zu seinen Lebzeiten entstanden waren. Dort gingen die Augen eher ins grau-grüne. Und diese Erkenntnis floss dann auch in das neue Portrait ein, welches heute im Zimmer des Schulleiters hängt. Oh ja. Das waren schon interessante Zeiten! Da hat sich für mich dann heute auch ein Kreis geschlossen.

Meine Mutter schwelgte weiter in Erinnerungen, vermutlich angeregt vom Blick des Anrufers auf die Alpen. Da kam sie dann auf ihre Reise in die Alpen und nach Italien. Was mich dann auch wieder an Italien erinnerte. Und daran, wie ich fast auf den Tag genau 26 Jahren völlig spontan, innerhalb von zwei Tagen entschieden, als „Betreuung“ zweier Lateinklassen eben dieses Gymnasiums, an dem ich arbeitete, mit einem Reisebus nach Rom fuhr. Eine Horde Flöhe hüten in Rom, nach einer Busreise ohne Zwischenübernachtung. Das war eigentlich Wahnsinn, aber es war schön!!!

Tja. Wenn ich so zurückblicke und Erinnerungen wälze, dann staune ich schon, was ich so alles erlebte. Langweilig war mein Leben bisher wirklich nicht und wird es wohl auch nie sein. Für mich ist es so, dass alles, aber auch alles in meinem Leben einen Sinn hatte. Auch die Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging. Im Nachhinein machte alles irgendwie Sinn. Vielleicht ist es das, was ich meiner Kollegin vermitteln sollte, wenn sie weiter Schicht um Schicht löst. Alles im Leben hat seinen Sinn. Manchmal erschließt sich dieser aber erst viel später. Manchmal fügt man erst viel, viel später all diese Puzzleteilchen einzelner Erlebnisse zusammen. Was aber in jedem Fall wertvolle Erkenntnisse bringt.

Reformierung des Geistes – Versuch beim Laubharken

Reformationstag. Es ist trockenes Wetter. Also ab in den Garten und schauen, was der Sturm so durcheinandergewirbelt hat. Die Blätter von Pflaumenbaum, Kirschbaum und dem alten Walnussbaum mischen sich auf dem Rasen, bedecken ihn aber noch nicht völlig.

In den Gärten ringsum ist es still. Der Nachbarsjunge von rechts bricht mit seinen Eltern gerade zur Halloweenparty auf, die Nachbarn von links sind nicht zu sehen, es ist relativ windstill. Eine selten schöne Stimmung herrscht. Also los, bevor es morgen wieder regnen soll! Ich greife mir Harke und Müllsack und genieße die leichte Bewegung an der frischen Luft.

Plötzlich gesellt sich die Nachbarin von links mit ihrer Harke, auf ihrer Seite des Maschendrahtzauns, dazu. „Was harkt die denn da noch?“, denke ich. „Da liegen doch nur höchstens drei Blätter!“ Ich grüße höflich, halte einen netten Smalltalk mit ihr und denke noch: „Nun wird sie ja bald wieder gehen, denn eigentlich hat sie ja nichts weiter zu harken.“ Aber sie bleibt, harkt weiter den grünen, blattlosen Rasen ab und beobachtet mich.

Ich verziehe mich zunächst mit meiner Harke in die entfernteste Ecke auf der anderen Seite, aber auch die war irgendwann blattfei. Die Nachbarin bleibt. Ich beginne, überall kleine Zweige zu sammeln, die der Sturm dem Walnussbaum entrissen hatte. Die Nachbarin bleibt und beobachtet mich weiter. Darauf hatte ich, ehrlich gesagt, null Bock. Ich wollte entspannen und den Garten genießen. Was also tun? Ganz ruhig bleiben. Tief Luft holen. Überlegen. Getreu dem Titel meines Blogs „spiritimalltag.“

Dass diese Frau ein Problem mit sich selbst hat, war uns allen seit meiner Kindheit bekannt. Dafür kann sie nichts. Also keine Wertung, bitte! Kein Wiederkäuen vom dem, was wir mit ihr schon alles erlebt haben. Damit verderbe ich mir nur die schöne Stimmung. Diese Frau ist eben so. Punkt! Meine Eltern haben diese Lernaufgabe in den letzten Jahrzehnten gemeistert und, vor allem mit gelegentlichen kleinen Geschenken aus dem Garten, ein relativ normales nachbarliches Verhältnis aufgebaut.

Vielleicht will sie ja garnicht kontrollieren, ob ich alles richtig mache. Vielleicht sucht sie ja einfach nur menschliche Nähe. Freunde haben die Nachbarn nicht, und mit ihrem Mann zetert sie auch nur rum, nichts macht er ihr gut genug. Stopp! Kein Wiederkäuen, habe ich mir vorgenommen!!! Mach es wie der Baum: schmeiß einfach alles Alte ab, das dir nichts nützt – das befreit und schafft Platz für neue, schönere Gedanken. Eigentlich kann einem diese Frau nur Leidtun. Also wie komme ich jetzt aus der Nummer raus, ohne diese Frau zu verletzen, um mir noch einige entspannte alleinige Minuten im Garten zu gönnen?

Ich nehme mir den ganz locker, dreiviertel gefüllten Müllsack vor und tue so, als ob ich mit Mühe die restlichen Blätter noch reinstopfen würde. Immer wieder „stopfe“ ich an dem Müllsack rum. Schließlich nehme ich ihn auf und „schleppe“ ihn ganz dekorativ, mit beiden Händen vor mir hertragend, weg. Und damit bin ich auch erstmal weg aus dem Garten. Im Haus gibt es auch noch einiges zu tun: Blumen gießen und Raubtierfütterung im Aquarium.

Zehn Minuten später wage ich mich, vorsichtshalber mit einem neuen Müllsack, wieder zurück. Ruhe! Keine Nachbarin mehr da!!! Entspannt harke ich nun auf der linken Seite die großen Blätter vom Walnussbaum weg. Geschafft. Noch bevor es dämmert und die kleinen Halloween-Geister sich auf den Weg machen, gehe ich nach Hause, ein Stück weit begleitet von Lothar, dem gestreiften Kater der rechtsseitigen Nachbarn, dem es wohl allein zu langweilig ist.

An dieser Stelle sollte dieser Beitrag eigentlich enden. Aber das Thema „alte Wertungen durch neue Gedanken ersetzen“ geht schon noch tiefer und scheint jetzt „dran“ zu sein. Wie schon so oft bringt eine Anfrage an das Stadtarchiv gerade wieder einen Stein ins Rollen. Da hat ein Arzt mit seiner Frau während eines Massensuizids im Mai 1945 den Freitod im Stadtsee gewählt. Ich hörte den Namen des Arztes zum ersten Mal. Die beiden anderen Ärzte aus dieser Zeit waren schon mal Thema, weil sich Patienten an sie erinnerten. Aber dieser? Nie gehört. „Hat er denn überhaupt hier praktiziert?“, wurde gefragt. Das wird er doch wohl nicht, denke ich, denn wie kann ein Arzt seine Patienten im Stich lassen und den Freitod wählen, in einer Zeit, wo Ärzte dringend gebraucht wurden? Und überhaupt: Wenn der Doktor in den See geht, wie viele seiner Patienten folgen ihm nach? Stopp! Schon wieder eine Wertung! Da hilft nur, einen Schritt zurücktreten und mit klarem Kopf noch einmal schauen.

Ich habe in dieser schlimmen Zeit nicht gelebt und mir steht es allein deshalb nicht zu, zu werten. Also zunächst noch einmal alle Quellen und Zeitzeugenberichte über das Kriegsende in dieser kleinen Stadt lesen. Die Wehrmacht war abgezogen. Der Bürgermeister, ein überzeugter Nazi, der bis dahin an den Endsieg glaubte, hatte sich mit seiner Frau und einem nicht zur Familie gehörenden Kind ebenfalls erschossen. Die Einwohner der Stadt waren sich selbst überlassen. Die Stadt war übervoll von Flüchtlingen aus dem Osten. KZ-Häftlinge aus einem sich selbst überlassenen Todesmarsch kamen noch dazu. In der Nacht, bevor die Russen kamen, sah man die benachbarte Großstadt brennen. Überall hingen Nazi-Plakate, die die Angst vor den Russen noch schürten. Ist es da ein Wunder, dass eine Massenpanik mit „Selbstmordepidemie“ (so wird es in den Quellen benannt) ausbricht? Und wo waren eigentlich die anderen beiden Ärzte? Ich fand heraus, dass der eine garnicht im Ort war, weil er zu dieser Zeit in einem Lazarett arbeitete. Und der andere? Laut seinem Lebenslauf war er doch zu dieser Zeit in dem Ort tätig? Keine Ahnung, wo er war – aber jedenfalls weg aus diesem Ort, laut Zeitzeugenberichten. Ist er in letzter Minute noch eingezogen worden oder ist er mit einem der Trecks Richtung Westen gezogen? Jener Arzt, der in den See ging, war also tatsächlich der einzige, der sich an diesem Ort aufhielt. Ein Zeitzeugenbericht bestätigt in einem Nebensatz, dass er tatsächlich in dieser Stadt praktiziert hat. Aber, nach Auswertung anderer Quellen, kann er nur kurz hier gearbeitet haben, vermutlich seit 1941. Wenn über 180 Menschen sich in einer Massenpanik ertränken, erschießen und erhängen, und ein Arzt ist darunter, wieso sollte man nun ausgerechnet den Arzt gedanklich verurteilen? Klar, er hat den Eid des Hippokrates geschworen, klar, er hätte auch ein positives Vorbild sein können. Aber nicht jeder Mensch hat das Zeug dazu, ein Held zu sein.

Der Held war in dieser kleinen Stadt der Pastor. Er versorgte die Kranken und half den Schwangeren, er beschützte Frauen und Kinder. „Im August 1945 hatten wir endlich wieder einen Arzt und einen Apotheker in der Stadt.“, schreibt er an das Kirchenamt. Da gibt es auch wieder Leute, die mit den Fingern auf den Pastor zeigen und sagen: „Der war vorher ein ganz, ganz schlimmer, überzeugter Nazi!“ Aber genau dieser schlimme, überzeugte Nazi war über sich selbst hinaus gewachsen, als es darauf ankam, als es auf ihn und seine Hilfe ankam, weil scheinbar jeder in der Stadt den Kopf verloren hatte. Mancher hat eben das Zeug zum Helden, mancher eben nicht. Aber jeder ist ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte. Kannst du genau sagen, wie du gehandelt hättest in diesen Tagen? Wärst du weggelaufen? Hättest du dich umgebracht? Oder wärst du über dich selbst hinaus gewachsen und ein Held geworden? Auch, wenn ich kein Christ bin, kenne ich doch die Story mit dem ersten Stein. …

Mir fällt gerade ein, dass der Roman, der mich momentan sehr fasziniert, genau zu diesem Thema „Wertung“ passt und wieder eine ganz andere Facette beleuchtet. Es ist „Drei Tage und ein Leben“ von Pierre Lemaitre. Absolut empfehlenswert!!!

Abschied von Tante Leni

Tante Leni war die fast 96jährige Schwester meiner über alles geliebten Großmutter. Sie verbrachte ihre letzten Lebensjahre fast blind und fast taub in einem Seniorenheim. Eigentlich lebte sie aber schon lange, vielleicht schon immer, in ihrer eigenen friedlichen Welt.

Schon auf Kinderfotos sieht man sie immer strahlen. Auch auf alten Hochzeitsfotos, die in ihrer frühen Jungend entstanden sind, strahlt sie inmitten der Verwandten mit der jeweiligen Braut um die Wette. Dabei hatte sie gewiss ein entbehrungsreiches Leben. Ihre Mutter starb, als sie 13 Jahre alt war. Danach lebten sie und meine Oma, die beiden jüngsten von sechs Geschwistern, im Haushalt des ältesten Bruders, der den elterlichen Bauernhof übernommen hatte. Der Vater lebte zwar weiterhin auf dem Hof und half kräftig mit und soll auch sehr lieb gewesen sein, aber die Mutter konnte er gerade in dieser Lebensphase der Pubertät nicht ersetzen. Die Schwägerin konnte das erst recht nicht, sie regierte wohl mit ziemlich harter Hand auf dem Hof.

Die beiden Schwestern wurden also von der Schwägerin auf dem elterlichen Hof nur geduldet und ziemlich kurz gehalten und mussten hart mit anpacken. Ich vermute, dass Tante Leni, wie meine Oma auch, eine Hauswirtschaftsschule besuchte. Meine Oma, die zwei Jahre ältere Schwester, heiratete sehr jung und führte fortan, gemeinsam mit meinem Opa, einen eigenen Bauernhof. Tante Leni war dies nicht vergönnt, denn ihr Verlobter fiel im Krieg. Was ihr und auch meiner Oma passierte, als die Russen 1945 vergewaltigend durch die ostdeutschen Dörfer zogen, kann ich nur erahnen, denn darüber wurde nie geredet. Was nicht heißt, dass es nicht stattgefunden hat. Aus heutiger Sicht denke ich, dass zumindest meine Oma deutlich traumatisiert war. Tante Leni heiratete erst sehr spät einen Rußlanddeutschen, Onkel Gustav. Dieser arbeitete als Lehrer in der Dorfschule. Sehr spät kam der einzige Sohn Arnold auf die Welt. An den Geburtstagsfeiern meiner Großeltern bin ich Tante Leni und Onkel Gustav regelmäßig begegnet. In meinem Leben wurde Tante Leni aber erst so richtig präsent, als im schneereichen Winter 1978 kurz hintereinander mein Opa und Onkel Gustav starben. Die beiden fast zeitgleich verwitweten Schwestern hielten nun noch enger zusammen, obwohl sie an unterschiedlichen Orten wohnten. Und so sah auch ich Tante Leni ziemlich oft. Sie war immer total lieb. Aber im Gegensatz zu meiner Oma, bei der meine Schwester und ich alles durften und sehr verwöhnt wurden, legte Tante Leni schon großen Wert auf Erziehung. Das kam natürlich nicht immer gut an. Wenn man als Kind bei der Oma auf Verwöhnprogramm geeicht ist und da plötzlich noch jemand anderes ist, der erziehen möchte, dann stört das natürlich die traute Dreisamkeit. Aber das blieben immer nur ganz kurze Momente, in denen Tante Leni etwas nervte. Dann war schnell alles wieder gut und sie war lieb wie immer.

Nachdem ihr Sohn endlich eine Frau gefunden hatte und nun stolzer Vater einer Tochter war, ging Tante Leni ganz auf darin, dieser kleinen Familie zu helfen, wo es nur ging. Sie tat alles für Sohn, Schwiegertochter und vor allem die Enkelin. Auch ansonsten war sie fleißig und rührig, obwohl sie sich bei ihrer Arbeit in der LPG-Küche eine Verbrennung zugezogen hatte, deren Folge ein jahrzehntelang offenes Bein war. Nachdem das alte, abseits des Dorfes gelegene, Schulhaus verkauft war, zog Tante Leni in eine schöne Plattenbauwohnung in ihrem Heimatdorf und pflegte mit Hingabe noch mit 80 Jahren ihren eigenen Garten.

In dieser Zeit erzählte mir eine damalige Freundin, eine Gärtnerin, folgendes: „Jedes Frühjahr kommen einige Frauen aus dem Dorf J. zu mir, um Pflanzen zu kaufen. Das ist immer eine ganz lustige Truppe. Aber eine Frau ist dabei, die ist ganz außergewöhnlich lieb. Sie erinnert mich immer an meine eigene Oma.“ Das konnte ja nur … und es war sie auch! Wir lachten herzlich, als ich meiner Freundin erklärte, dass diese Frau mich auch immer an meine eigene, damals schon verstorbene Oma erinnerte – weil sie ihre Schwester war! Seitdem gingen immer Grüße hin und her. Im Alter schlossen sich zwar die Wunden am ewig offenen Bein endlich, aber Tante Leni konnte immer schlechter sehen und hören. So zog sie in eine seniorengerechte Wohnung in unserer Stadt. Die Enkelin war inzwischen erwachsen, lebte weit weg und hatte einen Sohn. Tante Lenis Sohn und die Schwiegertochter kümmerten sich nach unserer Einschätzung in dieser Zeit mäßig, aber in dem Haus war für alles gesorgt. Hier, in dieser Wohnung lebend, kam es mir erst recht vor, als lebte Tante Leni in ihrer eigenen Welt. Sie zog sich immer mehr in sich zurück. Als wir sie einmal zum Kaffeetrinken in unseren Garten holten, wollte sie schon nach einer Stunde wieder nach Hause gebracht werden. Dabei hatte sie das Sein in der Natur doch immer so geliebt. Bei unseren Besuchen stellte sie immer dieselben, stereotypen Fragen: „Seid ihr mit dem Auto gekommen?“ Eine Cousine meines Vaters besuchte sie einmal in der Tagespflege. Alle wurden dort beschäftigt, aber Tante Leni saß unbeteiligt, „fast vornehm entrückt“ (so formulierte es die Cousine) in der Ecke. Genau so saß sie dann ständig während der letzten drei Jahre ihres Lebens im Seniorenheim in der Ecke, obwohl sich die Mitarbeiter und die Mitbewohner wirklich bemühten, sie zu integrieren. Der einzige Sohn und die Schwiegertochter kümmerten sich immer weniger. Sie wurde nie zu ihrem Geburtstag oder zu Weihnachten in das Haus ihres Sohnes geholt. „Sie ist doch dement, sie kriegt doch sowieso nichts mehr mit!“, war die jahrelange Begründung. Nach unserem Eindruck war sie nicht dement. Demenz äußert sich anders. Sie hatte sich nur völlig in ihre eigene Welt zurückgezogen, nahm aber schon die äußere Welt genau wahr und reagierte auch darauf, wenn sie denn wollte. Sie blieb immer lieb, war immer äußerst anspruchslos, ließ sich auch mal im Rollstuhl draußen spazieren fahren, aß mit ihren Mitbewohnern an einer gemeinsamen Tafel, ließ sich auch mal auf ein kurzes Gespräch ein, aber sie zog sich dann immer wieder in ihre eigene Welt zurück.

Nun ist sie in eine ganz andere Welt gegangen. Leider erfuhren wir davon nur aus der sonntäglichen kostenlosen Werbezeitung, in der man neuerdings sehr kostengünstig auch Traueranzeigen platzieren kann: „Die Trauerfeier findet im engsten Familienkreis statt.“ Ohne Angabe, wann und wo. Bei meinem Vater, seinen Cousinen und uns mischt sich Wut auf Lenis einzigen Sohn und dessen Familie in die Trauer. Wir würden uns gern würdevoll von Tante Leni verabschieden, aber da wir von ihrem Tod aus der Zeitung erfuhren, gehen wir davon aus, dass wir nicht zum „engsten Familienkreis“ gehören. Alle Versuche, den Sohn telefonisch zu erreichen, blieben bis jetzt, vier Tage lang, ohne Erfolg. Die Schwiegertochter hat immerhin einer der Cousinen meines Vaters kommentarlos einen Briefumschlag mit alten Fotos in den Briefkasten geworfen. Immerhin besser, als wenn sie im Müll gelandet wären.

Eine windige Angelegenheit