Drei Tage

„Drei tolle Tage“ wären es ja, wenn nicht der Lockdown wäre. Aber interessant waren die drei letzten Arbeitstage in der Bibliothek in ihrer so unterschiedlichen Tagesenergie schon.

Der Montag war wettermäßig ein Wintermärchen mit traumhaftem Sonnenschein und immer noch gefühlt klirrender Kälte. Wie schon an den Arbeitstagen zuvor staunte ich über die Spuren auf dem Hof, die Aufschluss über nächtlichen tierischen Besuch gaben. Mehrere Vögel, darunter ein sehr großer, vielleicht eine Möwe oder eine Ente, waren bis zum oberen Hof gekommen, sogar eine Katze war die Treppen zum oberen Hof hochgestiefelt, ebenso ein Tier, dessen Spuren ich nicht deuten konnte. Ich schoss einige Fotos, damit die nächste Kita-Lesung zum Thema „Tiere im Winter“ noch anschaulicher wird. Ich hatte ja vor einigen Jahren mal eine Geschichte rund um Tierspuren im Schnee geschrieben, die Kita fordert sich das Vorlesen dieser Geschichte in jedem Winter wieder ein und der Kindergärtner fragt mich jedes Mal, ob ich denn nun endlich die Geschichte als Buch herausbringe. Vielleicht irgendwann mal … 🙂 Trotz des Winterwetters fanden einige Leser den Weg in die Bibliothek, darunter auch Ferien-Kids und eine Lehrerin, die ebenfalls Winterferien genoss. Immer wieder spüre ich die Dankbarkeit der Leser dafür, dass die Bibliothek auch während des Lockdowns für sie da ist – und das tut gut.

Während es im Bibliotheksbetrieb flutschte, lief bei meiner „Nebenbei-Finanzverwaltung“ so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte. Was daran lag, dass ich einfach unkonzentriert war. Irgendwie nur halb da. Wo die andere Hälfte von mir gerade war, weiß ich nicht. Ich wurschtelte mich so durch, und bis ich meine eigenen Fehler erkannte und wusste, wie ich es anders machen muss mit dem Hin- und Herbuchen von einer Gutschrift, geteilt durch drei „Produkte“, war es fast Feierabend. Ich bin ja auch keine Finanzbuchhalterin, sondern studierte Bibliothekarin.

Zwischen Leserbetrieb und Finanz-Gewurschtel kam auch noch ein Anruf, der mich umhaute. Ich wurde aufgefordert, meine Statistik zu fälschen. Alle deutschen Bibliotheken geben ihre Jahreswerte in eine gemeinsame Plattform, die Deutsche Bibliotheksstatistik. Hier werden auch die Entleihungszahlen inklusive Verlängerungen angegeben. Aus politischen Gründen, nämlich um den Mangel darzustellen, wurde ich nun angewiesen, alle automatischen Verlängerungen von Medien während des Lockdownbs aus der Statistik rauszunehmen. Herauskommen sollte dabei in jedem Falle eine niedrigere Zahl der Entleihungen als im Vorjahr 2019. Mir sträubte sich angesichts dieser hanebüchenen Anweisung alles. Wenn seit 1999 bundesweit einheitlich alle Entleihungen mit den Verlängerungen der Leihfristen inklusive angegeben werden, dann macht es keinen Sinn, die Zahlen während des Lockdowns ohne Verlängerungen anzugeben, denn die Bücher waren ja bei den Lesern und wurden dort bestimmt auch während des Lockdowns genutzt. Abgesehen davon habe ich mit einigen Lesern, die auf den Dörfern wohnen und selten rankommen, sowieso die Vereinbarung, dass ich automatisch die Medien verlängere, wenn die Leihfrist abgelaufen ist. Ächz. Zu dem Frust durch das Finanzgewurschtel kam jetzt noch der Frust durch die gefälschte Statistik hinzu. Aber der Witz kommt ja noch: Als ich alle Verlängerungen aus dem ersten Lockdown abzog (im zweiten Lockdown 2020 hate ich ja sowieso schon Weihnachtsurlaub und verlängerte nicht), blieb immer noch ein leichtes Plus an Entleihungen – eben deshalb, weil die Leser nach dem Lockdown die Bibliothek so stürmten wie sonst noch nie zuvor. Da geht irgendwie die politische Milchmädchenrechnung des Bibliotheksvereins oder der Bibliotheksfachstellen oder von wem auch immer irgendwie überhaupt nicht auf. Ätsch!!! 😀

Von all dem Wirrwarr war ich dann so verwirrt, dass ich mittags beim Abtauen des Kühlschranks und dem damit verbundenen Abwasch versehentlich einen noch laufenden Wasserhahn in die falsche Richtung drehte, dabei kurz abgelenkt war und ihn laufen ließ – und mich wunderte, als plötzlich die halbe Personalküche unter Wasser stand. Was war das denn für ein Zeichen? „Wasch dir den Frust ab!“ oder „Diese Gegebenheiten sollten bereinigt werden!“ oder sowas in der Art? Abends im Bus auf dem Nachhauseweg konnte ich dann doch über mich selbst lachen, und über diesen ganzen verwirrenden Tag. 🙂

Am Dienstag sollte eigentlich Eisregen kommen und die ganze weiße Pracht sollte so nach und nach wegtauen. Aber statt dessen kämpfte ich mich auf dem morgendlichen Weg zum Bus durch Massen von Neuschnee und erlebte noch einmal eine Busfahrt durch zauberhaft verschneite Landschaften. Herrlich!!! Es war so richtig klebriger Schneemann-Schnee, und so sah ich an meinem Arbeitsort auch einige dieser lustigen Schneegesellen stehen, einzeln und in Schneefamilie. 🙂 Vormittags half mir Doreen in der Bibliothek, und ich nutzte die Gelegenheit, mal kurz was im Archiv zu suchen. Als ich wieder in die Bibliothek kam, fand ich Doreen strahlend vor, vor sich eine Tüte selbst gemachter gebrannter Mandeln – ein Geschenk von ziemlich neuen Lesern, die sich über unseren Service so freuten. Ich war ganz geplättet vor Freude, während Doreen ganz freudig mit der Leserfamilie über die Herstellung von gebrannten Mandeln fachsimpelte. Doreen hatte selbst einige Versuche schon gemacht, gemeinsam mit der Tochter ihres Freundes, aber sie hatten das optimale Rezept noch nicht gefunden. Die hier uns geschenkten Mandeln waren mit Rohrzucker, Butter und ohne Wasser in der Pfanne geschwenkt worden. Sie schmeckten absolut köstlich, das fanden wir beide. „Eigentlich ungesund!“, sagte ich und meinte den Zucker. „Nein, das meiste ist gesund!“, sagte Doreen und meinte die Mandeln. Ein schönes, kleines Überraschungsgeschenk zu erhalten ist aber auf jeden Fall Balsam für die Seele und somit sehr gesund. 🙂 Insofern war dieser Tag Gesundheit pur, denn nachmittags erhielt ich ein zweites Überraschungsgeschenk. Eine Leserin schenkte mir einen kleinen Karton „eigentlich ungesunder“ Pralinen, zufälligerweise auch noch eine meiner Lieblingssorten, was sie nicht wissen konnte. „Ich wollte mich einfach mal dafür bedanken, dass Sie immer, auch jetzt, für uns da sind und dass Sie so eine tolle Auswahl haben!“ 🙂 Also da war ich echt sowas von baff!!! Diese Leserin kenne ich schon seit Jahren. Sie liest keine Allerwelts-Bücher und ich bemühe mich immer sehr, ihr etwas Besonderes zu empfehlen. Da ihr Geschmack (und wohl auch ihre Ansichten) meinem ähneln, fällt mir die Empfehlung bei ihr immer leicht. Aber diesmal habe ich dann wohl mit „Der Salzpfad“ von Raynor Winn und „Wut ist ein Geschenk“ von Arun Gandhi (Erinnerungen an seinen Großvater Mahatma Gandhi) besonders ihren Lesegeschmack getroffen. Was wieder mal zeigt, dass im Lockdown gute Bücher so sehr wichtig sind. Sie sind eben Seelennahrung!!!

Trotz der Neuschnee-Massen war an diesem Tag doch mehr Betrieb als sonst. Wobei die Kinder schon auch mit ihren Schlitten durch die Stadt zogen oder Schneemänner bauten. Eine Omi, die eigentlich mit Enkelin kommen wollte, entschuldigte sich: „Heute bin ich allein, denn das Kind wollte noch einmal auf das Eis!“ – „Na klar, das ist der letzte Wintertag, noch dazu ein geschenkter, weil es eigentlich heute schon tauen sollte. Das muss man noch nutzen!“ Was gibt es schöneres, als auf dem Eis des kleinen Stadtsees Schlittschuh zu laufen! Gemeinsam mit der Omi suchte ichschöne Bücher für die Enkelin raus, damit sie am Abend des vielleicht letzten Wintertages gemütlich beim Vorlesen mit der Omi kuscheln kann.  🙂

Über Nacht hatte es tatsächlich geregnet, also fuhr ich heute durch eine grün-braun-weiß-gescheckte Landschaft zur Arbeit. Einerseits freute ich mich darüber, wieder die dünnere Winterjacke anziehen und Mütze und Handschuhe weglassen zu können. Denn dieses Gewurschtel mit Mütze, Maske und Brille beim Einsteigen in den Bus ist jedes Mal ein Graus, ganz ehrlich! Andererseits fing ich schon an, dem schönen, klaren, sonnigen, kurzen Winter hinterherzutrauern.  Vom Bus zur Bibliothek watete ich teilweise durch weißbraune, matschige Pampe. Diesmal hatte ich einen Arbeitstag im Archiv. Dort gab es eigentlich so viel zu tun, aber ich fasste hier mal was an, räumte dort mal etwas um und hatte nicht die Motivation für das ganz große, eigentlich geplante Umräumen. Ich war, wie zwei Tage zuvor, wieder nur gefühlt „halb anwesend“. Zwischendurch las ich noch eine Mail vom Bürgermeister. Dieser freute sich darüber, dass die 7-Tage-Inzidienz in unserem Amtsbereich nunmehr den zweiten Tag in Folge bei 0 liegt. „Dies ist ein Anlass, Ihnen dies mitzuteilen!“  Toller Ausdruck. Dass in meinem Arbeitsort einer der größten deutschen Übersetzer aufwuchs, hat wohl nicht gerade bis in die Gegenwart abgefärbt. Der Bürgermeister gab aber zu verstehen, dass alle Einschränkungen aufrechterhalten werden und bitte keiner der „Mitarbeitenden“ – wörtlich – „in Aktionismus verfallen“ sollte. 🙂 Was oder wen immer er auch damit meint. Mittags war noch eine terminlich vereinbarte Telefonkonferenz mit dem Geldgeber eines Veranstaltungsprojektes für die Bibliothek. Der Mann am anderen Ende der Leitung wirkte beinahe schläfrig und ebenso nur halb anwesend wie ich. Ach, das ist doch beruhigend, dass es nicht nur mir so geht! 🙂 Nach diesem Telefonat entdeckte ich noch eine Mail eines Stadtvertreters, der mir ein großes Zukunfts-Entwicklungs-Konzept einer großen benachbarten Bibliothek mit 70.000 Medien und 17 Mitarbeitern zur Kenntnis gab. Einfach mal so als Anregung und nette Geste. Nach Feierabend habe ich darin dann mehr als quergelesen, teils geschmunzelt (über eine geplante „neue Zweigstelle“, die es zu DDR-Zeiten schon mal gab) und teils sehnsüchtig geseufzt (über den Anspruch, die Bibliothek als Treffpunkt und Kommunikationsort, gerade für Kinder, so ansprechend und gemütlich wie möglich einzurichten). Ja, ich gebe es zu, ich bin noch immer nicht hinweg über die mir aufgezwungenen schwarzen Bibliotheksregale und nicht vorhandene, gemütliche „Lümmelsessel“ im Kinderbuchraum! Meine ganz persönliche Bibliotheksentwicklungskonzeption sieht es vor, dies langfristig auf jeden Fall zu ändern!!! Und da ich bisher alles durchsetzen konnte, was ich für die Bibliothek erreichen wollte, werde ich auch dies noch eines Tages in die Tat umsetzen. Irgendwann bin ich ja hoffentlich auch nicht mehr nur „halb anwesend“, sondern „ganz da“! 🙂   

Mit Intuition und ohne Führer*in

Das Internet ist ein Segen für die Menschheit, aber man kann sich auch darin verlieren. Man kann Irrwege einschlagen, man kann sich vom hundertsten auf den tausendsten Beitrag „schieben“ lassen, man entdeckt Beiträge neu, die man irgendwo anders schon mal las und man sieht sehr oft Beiträge, die man rein intuitiv nicht lesen möchte.  Durch das Internet zu navigieren, um die Infos „zu sich kommen zu lassen“, die man gerade braucht, ist ein ständiger, sehr interessanter und inspirierender Lernprozess. Jeder kann lernen, sicher zu navigieren und jeder hat dabei die einmalige Chance, seine eigene Intuition zu schulen. Das funktioniert im Internet genauso wie im richtigen Leben – man muss sich nur auf diesen Prozess einlassen.

Nun gibt es aber Blogger*innen, die sich berufen fühlen, die User sicher durch das Internet geleiten zu wollen. Es ehrt diese Menschen, dass sie den Usern helfen wollen, durch den Informations-Dschungel zu finden. Ab und an ist so ein gut gemeinter Hinweis hilfreich, auch für mich. So ein „schaut mal dort“ unter Freunden und Bekannten kann wirklich eine Bereicherung sein und ein Anstoß dazu, die gewohnten virtuellen Trampelpfade zu verlassen.

Wenn man aber von einer dieser selbst berufenen „Führer*innen“ zu viel „schaut mal dort, diese Seite ist guhut!“ liest und noch viel mehr „Achtung! Dieser Blog ist schlehecht!“ , dann sollte man auf höchste Alarmstufe schalten. Man sollte sich fragen: „Ist es für mich jetzt und auf die Dauer gut, so an die Hand genommen und geleitet zu werden? Dient dies meinem Lernprozess? Kann ich so wachsen? Nützt es mir oder nützt es eher dem Ego der sich hier präsentierenden Führer*in? Was ist das überhaupt für ein/eine Führer*in? Wie ist sein/ihr Hintergrund? Was schreibt sie oder schreibt er außerdem noch so? Geschichten aus dem eigenen Erleben oder eher abgehobenes Zeug? Gibt es eine angenehme Vielfalt in dessen / deren Beiträgen oder wird immer die selbe Leier abgespult?“ Dies wäre es wert, einfach ohne Wertung mal beobachtet zu werden.

Ich gebe zu, es ist bequemer, dauerhaft so einem Internet-Guide zu folgen und das eigene Denken abzuschalten. Aber man sollte sich dann auch klar sein, dass man mit der Möglichkeit zum eigenen Denken und eigenem Finden und eigenem intuitiven Treiben lassen im www verspielt. Man gibt die Befugnis zum Erkennen an jemanden ab. Wenn viele das an jemanden abgeben, dann geben sie damit auch Energie ab. Diese Energie schluckt dann dieser oder diese „Internet-Guide*in“ und wird damit immer mächtiger und einflussreicher. So werden Gurus erkoren. Dies ist ein sehr schleichender Prozess, viele bemerken ihn nicht, weil der oder die Internet-Guide*in ja sooo sympathisch ist.

Ich hätte gern heute, am Valentinstag ein anderes Thema behandelt, aber dieses schwelt schon eine Weile in meinen Gedanken und es will gerade heute hinaus in die virtuelle Welt. Ich möchte mit diesen Zeilen niemanden verurteilen oder irgendwie an den Pranger stellen. Ich möchte nur, dass ihr mal beiseitetretet, um ganz neutral eure eigenen Suchstrategien im Internet zu beobachten. Wie geht ihr vor, wenn ihr aktuelle Infos sucht? Welche Quellen nutzt ihr? Wie erkennt ihr, dass euch ein Beitrag anzieht oder abstößt? Bei mir reichen da meist schon die Überschrift oder /und die bildliche Illustration. Und ganz wichtig: wie viele Beiträge konsumiert ihr überhaupt täglich im Internet? Und kommentiert ihr Beiträge ständig mehrmals, öfter oder selten? Einfach mal von Zeit zu Zeit sich selbst beobachten und achtsam bleiben. Aus Liebe zu sich selbst – und nicht zu einem eventuellen Guru.

In diesem Sinne wünsche allen Lesern noch einen Liebe-vollen Valentins-Abend sowie einen glücklichen Start in die neue Woche.

Ein Gang durch die Stadt

Nach einem Vormitag Archivarbeit mit Auspacken und Sortieren von unzähligen Archivboxen aus zehn Umzugskisten endlich Feiermittag und Wochenende. Ab geht’s zum Bus. Der Himmel ist heute hellgrau, also heller grau als sonst. Fast meint man die Sonne zu sehen. An der Schule und an der Bushaltestelle nur wenige, aber fröhliche Kinder. Es ist der letzte Schultag vor den Winterferien. Dann die Busfahrt mit Blicken in eine weite, verschneite Landschaft mit erstaunlicher Fernsicht. Alles klar und strukturiert, so wie auch mein inneres Empfinden heute. Während am Wochenanfang alles so zäh dahin lief und ich mich sehr selbst an die Hand nehmen musste, um alle to do`s anzugehen, flutscht es seit gestern nur so. 🙂

In meiner Heimatstadt angekommen, stieg ich in der Innenstadt aus, einem Impuls folgend nicht an der üblichen Haltestelle, sondern an der eigentlich ungeliebten, eine Station vorher. Ungeliebt ist sie deshalb, weil sie an einer riesigen Kreuzung liegt, an der die Ampel gefühlt immer auf Rot steht. Aber diesmal war gerade Grün und freudestrahlend schwebte ich über die breiteste Verkehrsader der Stadt. Seinen Impulsen und seiner Intuition sollte man eben folgen. 🙂

Die Einkaufsstraße (der Boulevard, wo früher mal der Bulle war, so der Spruch einer Stadtführerin 😀 ) war doch etwas belebt. Der Fahrradladen hell erleuchtet, mit vielen Fahrrädern vor der Tür. Oh Wunder. Dort ist aber auch gleichzeitig eine Reparaturwerkstatt, und die dürfen öffnen. Auf dem Markt keine Freitags-Markt-Buden zu sehen, dafür aber ein strahlendes ❤ Hochzeitspaar ❤ mit einer großen Hochzeitsgesellschaft drumherum. Oh Wunder! Sie mit rauschendem weißen Kleid, er im feierlich dunklem Anzug, der Hochzeitsstrauß mit roten Rosen, die voller Hoffnung den schneebedeckten Marktplatz regelrecht erleuchteten. Es war eine Szene wie aus einem Schwarz-Weiß-Film, auf dem nur die Rosen leuchtend rot hervor schienen. Einfach toll!  ❤ Ein schönes Bild! ❤ Ich schlich mich an der Hochzeitsgesellschaft vorbei und betrat das altehrwürdige historische Rathaus, um in das Stadtgeschichtliche Museum zu gehen. Hier waren einige Dinge für mich als Fördervereins-Vorsitzende zu erledigen. Das übliche Bild wie überall: Museum geschlossen, Mitarbeiter in Kurzarbeit. Aber dennoch war jemand da und werkelte an einem neuen Stolperstein-Projekt. Entwürfe für eine Wanderausstellung wurden stolz gezeigt. Am 11. Mai wird unter anderem ein Stolperstein, den ich mit angestoßen habe, verlegt, zum Gedenken an zwei Menschen, die im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ verhaftet wurden und im Arbeitslager bzw. in einer Haftanstalt für psychisch Kranke zu Tode kamen. Ich war zufällig während meiner Archiv-Recherchen darauf gestoßen, aber es sollte wohl so sein. Voller Überraschung darüber, dass dieses Projekt schoh so weit gediehen ist, ging ich durch die ruhige Stadt nach Hause, immer den eiskalten Ostwind im Rücken. Ich ging am großen See, am kleinen Meer, entlang. Der See war zugefroren und schneebedeckt. Das hatten wir lange nicht. Der letzte, richtige Eiswinter ist über zehn Jahre her. Früher waren wir in jedem Winter auf Schlittschuhen auf den Seen unterwegs. Die Schlittschuhe waren unser Wintersportgerät Nr. 1. Was in der Natur unserer Gegend liegt: viele Seen und wenige Hügel, von Bergen ganz zu schweigen. Skifahren gab es nur im Winterurlaub im Vogtland, in Thüringen oder im Erzgebirge. Das waren schöne Urlaube! 🙂

Noch wird aber vor dem Betreten des Eises gewarnt. Mit Recht, denn unter der dicken Schneedecke sind Spalten und Löcher nicht sichtbar. Zudem braucht es noch einige Tage, ehe das Eis wirklich überall dick ist. Dann werden die Kinder mit Schneeschiebern kommen und sich ihre Spiel- und Lauffelder freischieben. Zuerst werden sie den See mit dem riesengroßen flachen Strand testen, bevor sie dann mit ihren Schlittschuhen, Gleitern, Schlitten und Schnee-Surfern auf das kleine Meer kommen. Das wird lustig! 🙂

Auf dem weiteren Weg nach Hause übte ich zwischendurch immer mal, ohne Brille zu gehen. D. h. ich ließ die Brille auf die untere Nase rutschen und lugte drüber. Mal mit beiden Augen, mal nur mit dem rechten oder nur mit dem linken Auge. Da beide Augen unterschiedlich stark gucken, ist das ganz interessant. Das habe ich lange nicht mehr probiert. Es ist eine Anregung von Elke. Vielleicht habt ihr mal Lust, Elkes Erfahrungen auf euch wirken zu lassen. https://lebenalsmensch.wordpress.com/2021/02/05/schritt-fur-schritt-ubung-ohne-brille-laufen-teil-3-%f0%9f%98%8a%f0%9f%91%93/ Heute ging der kurze Zwischendurch-gang ohne Brille besonders gut, da auf dem Bürgersteig rechts und links Schneeränder waren, die Orientierung gaben, so dass ich weniger „rumeierte“ als sonst beim Hin- und Herswitchen zwischen den Augen.

Dann mit kaltem Ost-Rückenwind schnell nach Hause, kurz Tasche tauschen und weiter zum Supermarkt, bevor hier der ganz große Freitags-Trubel ausbricht. Die obligatorische Einkaufs-Maske (illegalerweie dünner als vorgeschrieben) spüre ich schon nicht mehr und das Anti-Beschlags-Brillentuch, ein Geschenk meines Neffens, wirkt wahre Wunder. Überhaupt kein Beschlagen heute, weder im Bus noch im Supermarkt. Im Supermarkt wie immer vor dem Wochenende Gang durch die Regale ohne Plan. Was spricht mich heute an? Was möchte am Wochenende gekocht werden? Wieder der leckere Rosenkohl oder doch mal eine Hühnersuppe? Wenn ich mal mit einem Plan in einen Wochenend-Einkauf gehe, dann sehe ich garantiert etwas anderes Leckeres und mein Plan wird wieder umgestoßen. Also dann lieber gleich mit ohne Plan …

Mit Einkauf und Wochenend-Blümchen laufe ich zurück nach Hause. Immer noch sind wenig Leute unterwegs. Aus einem Garten dringt Vogelgezwitscher. Dort zwitschern fast immer Vögel hinter der großen Hecke. Jetzt bläst der Ostwind kalt von vorn, aber mir macht er nichts aus. Ich gehe, denke nach, lasse die Ereignisse der Arbeitswoche Revue passieren und schmunzle wieder mal über ein Erlebnis mit einer übereifrigen Kollegin, die auf ihrem Weg wohl noch einige Lernaufgaben vor sich hat. Mal sehen, wo ihr Weg sie hinführt, ich werde es weiter beobachten – aus sicherer Entfernung.

Aber nun kann das Wochenende beginnen. Die Arbeit ist getan, die Vorräte sind aufgefüllt. Kommt der angekündigte Schneesturm? Kommt er nicht? Egal, ich nehme es so, wie es ist. Allen Lesern wünsche ich ein schönes Wochenende!

Reden ist Gold

Alte Sprichwörter sind meist sehr wahr und lehrreich, aber nicht immer. Das trifft auch auf das Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ zu. In manchen Situationen ist es doch besser, miteinander zu reden.

Es gibt ja ganze, dicke Bücher über das Reden, über Rhetorik und vor allem über Kommunikation. Dieses Thema begleitet mich schon seit meiner Diplomarbeit. Damals stand neben langweiligen, schon jahrzehntelang unveränderten Rahmenthemen auch das ganz neue Thema „Kommunikation in der Bibliothek“ zur Auswahl – und wurde sofort meins. Es war die Zeit, als Vera F. Birkenbihl mit ihren Büchern und Seminaren große Erfolge feierte. Drei Studenten hatten sich in dieses Thema verliebt, und wir „fraßen“ alles, was es damals zu diesem Thema gab, machten sogar selbst ein Kommunikations-Seminar mit Videotraining und zeichneten für unsere Diplomarbeiten Gespräche mit Lesern auf Diktiergeräten auf, um diese später auszuwerten – natürlich mit Einverständnis der jeweiligen Leser. Es gab verschiedene Modelle, Gespräche zu analysieren, bzw. das, was während eines Gespräches psychisch abläuft. Noch heute ist mir diese ganze damalige Beschäftigung mit der Kommunikation eine große Hilfe.

In dieser Woche merkte ich mal wieder, wie wichtig Reden ist. Unser Hauptamtsleiter hatte aus Kostengründen die Reinigungspläne gekürzt, ohne mit den Betreffenden zu reden. Ich erfuhr erst davon, als meine Reinigungskraft mir am Abend eines Öffnungstages erzählte, dass sie jetzt nicht mehr so oft kommen wird. Erst am nächsten Tag erhielt ich eine Mail des Hauptamtsleiters mit der neuen Vereinbarung. Ich ließ es einen Tag sacken und überlegte mir, wie ich da vorgehen könnte. Mit unseren Chefs ist es manchmal nicht so einfach. Am nächsten Tag stand der Hausmeister bei mir und erzählte mir, dass in der Turnhalle der Stadt jetzt, so lange dort kein Trainingsbetrieb ist, nur einmal wöchentlich gereinigt werden soll, dies aber zu wenig ist, denn Staub fällt ja immer an und wird durch die Lüftungsanlage angesaugt, die dann bei zuviel Staub verdreckt. Der Hausmeister, schnell mal in der Opfer-Rolle, tat dann so: „Die Chefs machen ja sowieso, was sie wollen, das hilft ja nichts.“

„Das wollen wir doch mal sehen!“, dachte ich, und bezog in meine Mail, die schon in Arbeit war, das Turnhallen-Problem mit ein. Obwohl die Turnhalle ja eigentlich nicht „mein Problem“ war. (Haupt-Sozialarbeiter-Spruch der 90er Jahre: „Das ist nicht dein Problem“!) Aber auch, wenn es nicht mein Problem war, konnte ich ja mal dem Kollegen etwas unter die Arme greifen. … Es dauerte gefühlt zwei Sekunden nach Abschicken der Mail, dass ich einen sehr netten Anruf vom Hauptamtsleiter erhielt. Er sagte, es sei doch kein Problem, alles so zu machen, wie ich es vorschlug, auch eine mehrmals wöchentliche Turnhallen-Reinigung sei überhaupt gar kein Problem! Er hätte das ja auch nicht entschieden, sei ja nur dem Vorschlag der Reinigungsfirma gefolgt! Und es sollten doch nicht durch zu wenig Reinigung irgendwelche dauerhaften Schäden am Gebäude oder am Fußboden herbeigeführt werden! – Na, geht doch!!! Der Hauptamtsleiter setzte sich auch mit dem Hausmeister in Verbindung, und sie einigten sich sogar auf dreimal wöchentlich Turnhallen-Reinigung! Siehe da, sie haben miteinander geredet!!! Die Einrichtungen, die die Kürzungen so hinnahmen, gingen allerdings leer aus. Ich bin jedenfalls mit dem Kompromiss für mein Haus sehr zufrieden. Wie übrigens auch mit einem anderen Kompromiss. Denn das Geplänkel um die Reinigung war nur „Warming up“.

Der Bürgermeister hatte gelesen, dass die Bibliothek der Nachbarstadt zeitweise geschlossen wurde und wollte dies mit meiner auch tun. Er schickte den Hauptamtsleiter vor und dieser verkaufte mir das mit dem Argument, dass es doch schön wäre, wenn ich jetzt mehr Zeit im Stadtarchiv verbringen könne, wo dieses doch jetzt gerade so viele Neuzugänge hat. Oh, da musste ich schon gute Argumente liefern! Als da wären: Bibliotheken dürfen für die Aus- und Rückgabe von Medien öffnen (Landesverordnung M-V), die Leser hätten sehr großen Bedarf an Literatur und Medien, weil die Kinder zu Hause beschäftigt werden müssen und weil die Alten wegen der Kontaktbeschränkungen vereinsamen, Akten sind nicht gefährdet und stehen warm und trocken, aber hier geht es um Menschen in Notsituationen – und öffentlicher Dienst heißt Dienst für den Bürger. Und man muss sich ja nicht am schlechtesten Beispiel orientieren. Andere Bibliotheken bieten Besuchsmöglichkeit nach Terminvergabe an oder Lieferdienste oder gleich die Onleihe.
Bei so vielen Argumenten war der Hauptamtsleiter dann wieder platt und ließ mich gewähren. Statt Öffnungszeiten“ steht jetzt auf dem Öffnungsschild: „Möglichkeit zur Ausleihe und Rückgabe im Rahmen des Leihverkehrs nach Covid-Landesverordnung …“ – aber immer noch mit den gleichen Öffnungszeiten. Einige Leser melden sich an, vor allem die aus den Dörfern der Umgebung, andere kommen einfach so. Und wenn ich mal länger im Archiv räumen möchte, dann ist ein Schild an der Tür „Bin im Stadtarchiv, bitte klingeln!“ Wenn man also redet, dann findet man auch Lösungen miteinander. Aber nicht miteinander reden geht überhaupt nicht!

Unverwüstlich

Erster Arbeitstag in der Bibliothek nach fast einem Monat Urlaub. Ich werde in einem fast leeren Bus durch die verschneite Landschaft gefahren. Schon einige Häuser vor der Bibliothek hält mich ein Mitarbeiter der Wärmeversorgung an, der In den Keller des Bibliotheksgebäudes möchte, um dort die Jahreswerte abzulesen. Ich lasse ihn rein, schließe ihm den Keller auf und wir schnacken ein bisschen, während ich schon mal links und rechts schaue. Soweit alles in Ordnung, aber vor der Archivtür stapeln sich Unmengen von Umzugskisten mit Akten. Da haben sich zum Jahreswechsel wieder einige Kollegen der Stadtverwaltung ausgemistet. Tief Luft holen, erstmal ignorieren, erstmal den Rechner hochfahren, um sich in das Arbeitszeitkonto einzuloggen. Blumen gießen, Post grob durchschauen – ein kurzer Blick aus dem Fenster mit Staunen über eine ganz kurz sonnenbeschienene, glitzernde Winterwelt. Und dann öffne ich die Tür für die Leser.

Und da steht schon Doreen in der Tür, meine ehrenamtliche Kollegin. Freudestrahlend umarmt sie mich (ja, sie darf das!!!), schaut mich an, sucht offensichtlich nach Worten – und herausgeplauzt kommt: „Du bist – unverwüstlich!11“ Erst schaue ich ganz perplex, dann muss ich so lachen, dass ich Doreen sofort damit anstecke und wir wie die Hühner gackern. Ich hatte mich noch nicht beruhigt, als Christina, meine zweite ehrenamtliche Kollegin, mit ihrem Dackel aufkreuzte. Natürlich verriet ich Christina gleich den Grund für meine Heiterkeit und wir wieherten erneut los. 😀 Welch ein heiterer Anfang des Arbeitsjahres! Den ganzen Tag musste ich über Doreens „unverwüstlich“ schmunzeln!

Der Dackel, der ohne Leine durch die Bibliothek streunte, heftete sich an meine Fersen und folgte mir überall hin. Das war neu. Ich begrüße ihn grundsätzlich freudig, spreche immer mit ihm, streichle ihn immer, ernte auch fast immer ein Schwanzwedeln, je nach momentaner Dackellaune mal mehr oder mal weniger – aber so verhielt er sich noch nie. Selbst als ich die erste Leserin beriet und mit ihr am Krimi-Regal stand, drängte sich Dackel Kniffo ständig an meine Füße. Die Leserin war wohl nicht sehr erbaut und blieb auf Abstand. Als sie weg war, beschäftigte ich mich noch etwas mit dem Dackel, streichelte ihn, redete mit ihm und Christina meinte begeistert: „Der Dackel hat sich in dich verliebt!!!“ Na, das ging ja gut los. Unverwüstlich mit Dackelliebe! 🙂

Christina, die vor Weihnachten ängstlich zu Hause geblieben war, verkündete nun, dass ihr die Decke auf den Kopf falle und sie unbedingt helfen wolle. Und dass es in der Bibliothek bald sehr voll sein werde, denn sooo viele Leser hätten sie beim Einkaufen angesprochen mit der Frage, wann die Bibliothek wieder öffnet. Es wurde dann auch ein, sagen wir mal, normal lebhafter Tag. Viel Betrieb, aber nicht so irre viel wie am letzten Öffnungstag im alten Jahr. Alle Leser freuten sich sehr darüber, endlich wieder an neuen Lesestoff zu kommen. Aber besonders freute sich wohl meine Lese-Queen Frida. Sie hatte wirklich, aber auch wirklich alles gelesen, was sie zu Hause hatte oder was ihr gerade unter die Finger kam. Und sie konnte ihr Weihnachtsgeschenk nicht lesen, weil es sich um die letzten beiden Bände der „Glücksbäckerei“-Reihe handelte, von der ihr noch einige Vorgänger-Bände aus der Bibliothek fehlten – und die Bände dieser Reihe bauen aufeinander auf, die muss man in der richtigen Reihenfolge lesen. Hm. Unter uns gesagt, hätte die Familie das mit mir auch absprechen können. Auch die letzten beiden Bände hätte Frida aus der Bibliothek haben können, statt dessen hätte ich den Eltern für Frida gern andere Weihnachtsgeschenk-Bücher empfohlen. Aber egal, nun hatte Frida die kompletten Bücher der Reihe geholt und war sowas von selig! 🙂

Eine andere jahrelange Stammleserin, die in Quarantäne sitzen musste (was, wie mir meine sprachbegeisterte Freundin Inge übrigens beibrachte „Karantäne“ ausgesprochen wird), schickte ihre Tochter auf die Suche nach Lesefutter, wobei die Tochter sich gleich selbst als Leserin anmeldete. Einige Rentnerinnen freuten sich, bei der Ausleihe endlich mal mit jemandem erzählen zu können, ein Leserkind stellte mir ihre Puppe vor und die Mutti des Leserkindes freute sich total, als ich ihr den Kalender 2020 mit den Tierfotos meines Schwagers schenkte, denn sie hatte in jedem Monat neu die Fotos bewundert und sich auch sonst manchmal Farbkopien von Tierfotos oder Tierzeichnungen aus Büchern für ihre Tochter von mir anfertigen lassen.

Eine Kollegin aus dem Museum schaute vorbei, und was diese erzählte, fand ich nun nicht so prickelnd. Die vier Mitarbeiterinnen des Museums sowie die beiden Hausmeister des Bürgerzentrums, die für unsere Gebäude mit verantwortlich sind, wurden von der Stadt auf Kurzarbeit gesetzt. 😦 Ehrlich, da musste ich schon schlucken. Da hätte es sicher auch andere Möglichkeiten gegeben. In anderen Bundesländern wurden solche derzeit ungebrauchten Mitarbeiter per Amtshilfe an die Gesundheitsämter ausgeliehen. Die Hausmeister hätten die Bauhof-Truppe verstärken können, die mit vielen Arbeiten überlastet sind und sicher dankbar wären für jede Hilfe. Die Stadt muss ein massives Geldproblem haben, wenn sie so massiv die Personalkosten einsparen will! Da kann ich ja nur froh sein, dass es mich nicht trifft. Die aktuelle C-Landesverordnung eiert in Sachen Bibliotheksöffnung etwas rum. Aktuell ist es ein „Jein“, welches aber Öffnungen nur für den „Leihverkehr“, also Ausleihe und Rückgabe, zulässt. Meine Heimatstadt nahm dies zum Anlass, die Bibliothek gleich ganz zu schließen und die Kollegen auf Kurzarbeit zu setzen. Und eine weitere Bibliothek lässt die Leser nur nach vorheriger telefonischer Terminvergabe rein, um Kontakte zu vermeiden. Das kommt für mich aber alles nicht in die Tüte. Ich bin da. Hundertprozentig. Unverwüstlich!!!  Und hundertprozentig ich. Vielleicht war es das, was Doreen mit ihrer Begrüßung meinte. Na dann stürze ich mich mal rein in ein interessantes Arbeitsjahr voller netter Begegnungen mit Lesefreunden, Büchernarren und Lesekids! Auf geht’s!            

Wanderung

Vor einer Weile hatte ich ängstlichen Freunden angeboten, dass wir doch, wenn sie Treffen in der Wohnung nicht möchten, einfach mal zusammen spazieren gehen könnten. Eine Freundin rief mich vorgestern an, um dieses Angebot anzunehmen. Ja mehr noch: statt eines kurzen Spaziergangs regte sie an, eine kleine Wanderung zu unternehmen. Erst wunderte ich mich etwas, aber dann war mir klar, warum. Mit ihrem Lebensgefährten hatte sie stets sehr lange Wanderungen unternommen. Dieser ist aber dazu nicht mehr in der Lage, meine Freundin braucht aber die Bewegung. Allerdings war gestern das Wetter mit Nieselregen und Wind nicht allzu nett, so dass wir gestern auf die Wanderung verzichteten. Heute nun ein neuer Versuch. Ich sollte meine Freundin um 11 Uhr von einem Termin abholen, danach wollte sie mit mir um einen See wandern. Morgens sah das Wetter auch ganz nett aus, aber als ich losmarschierte, nieselte es wieder, diesmal aber bei windstillem Wetter. Als wir uns trafen, waren wir erst ratlos. Losgehen oder nicht? Eine kleinere Runde auf jeden Fall, da waren wir uns einig.

„Lass uns doch erst zum Friedhof gehen, zum Grab unserer Freundin Helga. Dann sind wir schon am See und können danach neu entscheiden.“, meinte ich. Sofort stiefelte meine Freundin los, so schnell, dass ich mich wunderte. An Helgas Grab blieben wir eine Weile und redeten mit Helga und miteinander über dies und das. „Lass uns doch um den kleineren See gehen.“, regte meine Freundin an. Durch eine Hinterpforte verließen wir den Friedhof und waren auf dem Wanderweg am See, gingen an Gärten entlang bis zur Brücke zwischen dem großen und dem kleinen See. Unterwegs teilten wir Erinnerungen an Helga und an die Besitzer der Gärten, die wir kannten.

Inzwischen hatte der Regen aufgehört. An der nächsten Wegkreuzung schauten wir uns an: „Links oder rechts?“ – „Links!“, sagte ich entschlossen. Das war der Weg um den größeren See. Wir gingen zur Badestelle und tauchten dann ein in ein Wäldchen. Ein heiliger Ort, in den Sagen oft als Spukort verteufelt. Hier schwiegen wir, ganz konzentriert auf den matschigen Weg achtend und Pfützen umrundend. „Es bedarf großer Vertrautheit, um gemeinsam schweigen zu können.“, zitierte meine Freundin sinngemäß aus Maxi Wanders „Tagebüchern und Briefen“. Nur selten hielten wir an und redeten nur, um uns auf bizarre Bäume oder auf den sprießenden Schachtelhalm aufmerksam zu machen. Es blieb trocken und windstill, man hörte kaum Geräusche aus der nahen Stadt. Wir trafen in dieser verwunschenen Ecke nur einen Mann, der seinen Regenschirm immer noch hochhielt, und eine Frau, die uns freundlich strahlend grüßte. Schon fast am äußersten Ende des Sees hielten wir an und teilten unseren kleinen, süßen Proviant: meine Marzipansterne und ihre Nuss-Schokolade.

Ganz am Ende des Sees angelangt, leuchteten uns einige zaghafte Sonnenstrahlen an. „Vielleicht hat Helga auf ihrer Wolke gesessen und extra für uns die Wolken beiseitegeschoben?“, mutmaßte ich. Nun marschierten wir entlang einer Wiese und an einem Badestrand vorbei. Jemand hatte dort aus Feldsteinen ein Herz gelegt. Und schon hatte uns die Zivilisation wieder, denn wir passierten eine Klinik, die jedoch noch außerhalb der Stadt liegt. Inzwischen waren wir wieder im Gespräch vertieft. Ich merkte, dass meine Freundin noch einige Geschehnisse aus unserem Verein, aus dem sie vor zwei Jahren ausgetreten war, aufarbeiten wollte. Gut, das war dann wohl wichtig. Auf einem breiten Uferweg, der hinter den Gärten von Einfamilienhäusern zur Stadt führte, näherten wir uns wieder unserem Ausgangspunkt. Einmal noch über einen Hügel gehen – ups, doch ganz schön steil, aber mit tollem Ausblick – und einmal an der Freilichtbühne vorbei, wo schon die Kulisse für die nächste Sommeraufführung aufgebaut wird. „Na wenigstens die geben nicht auf“, stellten wir erfreut fest. Dann waren wir schon an unserem Gymnasium und ich grüßte wie immer in Gedanken meine alte Arbeitsstelle, eine historische Bibliothek. Am nächsten Tag, dem letzten Urlaubstag, wurde ich mich dort mit meiner Nachfolgerin treffen. Nach fast drei Stunden wieder in der Innenstadt angekommen, umarmten wir uns zum Abschied. Das dürfen wir nicht? Doch das machen wir einfach!!! Und wir werden bald wieder zusammen wandern. Als ich gerade eine halbe Stunde zu Hause verbracht hatte, ging der nächste Regenschauer los. Danke, liebe Helga, für das Auseinanderschieben der Wolken!

Brötschen kaufen

Heute möchte ich eine (n)ostalgische Erinnerung mit euch teilen.

Bei unserem traditionellen Weihnachtsspaziergang stürzte meine Schwester begeistert auf eine Passantin zu. Es war die hochbetagte Bäckersfrau. „Wie war das schön, dass wir bei Ihnen immer frische Brötchen kaufen konnten! Und die haben geschmeckt!!!“ Meine Schwester war wirklich ganz aus dem Häuschen und überwältigt von schönen Erinnerungen. Und die Bäckersfrau strahlte.

Ja, auch ich erinnere mich gern an den kleinen Bäckerladen fast um die Ecke. Im Laden hatten nur wenige Kunden Platz, und so sah man, besonders an Freitagen, eine lange Schlange vor dem einzeln stehenden Bäckerhaus. Wartezeiten von mindestens einer halben Stunde waren keine Seltenheit. Deshalb freuten wir uns immer riesig, wenn wir schon mal den kleinen, duftenden Laden betreten konnten. Ein kurzer Blick in das Regal hinter dem Tresen gab Aufschluss über die Situation. War das Regal mit den drei Brötchensorten gut gefüllt, dann erhöhte sich die Chance, nun schnell die Brötchen kaufen zu können. War das Regal jedoch fast leer, dann würde es noch eine Weile dauern. Gebannt richteten sich dann die Blicke nach links. Dort befand sich hinter dem Tresen ein schwarzes Loch. Nicht irgendein Loch, sondern die Öffnung für einen Aufzug. Sehnsüchtig starrten wir also auf das „Loch“ und warteten, bis ein Rumpeln die frische Brötchenlieferung ankündigte. Rumpelnd kam allmählich ein Wäschekorb  zum Vorschein, der prall gefüllt war mit frischen, duftenden Brötchen. Die Bäckersfrau nahm ihn und schüttete die Brötchen in das Regal hinter dem Tresen. „Der nächste bitte?“ Und schon schüttete sie uns die noch warmen Brötchen in unsere Stoffbeutel oder Einkaufskörbe. Bis dahin warteten alle geduldig. Uns blieb ja auch nichts anderes übrig. Die Brötchen zu holen war erst die Aufgabe meiner Schwester, bis ich später den Job übernahm. Noch bis 1988, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, aber schon in der Bibliothek meines Wohnortes arbeitete, gehörte das Brötchen holen zum Freitags-Ritual. Ich hatte Freitags regelmäßig die Spätschicht übernommen, um die Kolleginnen mit kleinen Kindern zu entlasten. Daher konnte ich am Morgen einige Einkäufe für die Familie erledigen: erstes Anstehen beim Bäcker, dann drei Häuser weiter zweites Anstehen im Milchlanden und schließlich einmal über die Straße sausen und drittes Anstehen beim Fleischer. Alle drei Läden existieren heute nicht mehr. Heute wird in den Supermärkten eingekauft, alles in einem Rutsch und ohne Anstehen. Sollte sich doch mal eine kleine Schlange bilden, dann sieht man sofort in den Gesichtern der gestressten Einkaufenden die Ungeduld. Dann dauert es nicht lange, bis es aus der Sprechanlage schallt: „Bitte die vierte Kasse besetzen!“

In unserer Familie wurde fast immer ein großer Einkaufskorb benutzt, also ein richtiger Weidenkorb. Der stand stets griffbereit auf der selbst gebauten Hutablage im Hausflur. Ausgelegt mit Zeitungspapier wurde dieser Korb auch zum Pilze sammeln benutzt. Ich war mächtig stolz, als ich einen eigenen Einkaufskorb erhielt. Der war ganz hell und etwas kleiner als der Familien-Einkaufskorb, aber dafür mit schickem Stoff ausgeschlagen. Und er war ein Geschenk meiner Tante „aus dem Westen“. Tja, das sind alles Erinnerungen … Wer zieht schon heute noch mit einem Einkaufs-Weidenkorb durch die Gegend? Eine Freundin meiner Mutter hat kreative Stoff-Einkaufsbeutel genäht, die benutze ich jetzt gern.

Heute sind wieder viele kleine Einzelhändler in ihrer Existenz bedroht. Es bleibt zu hoffen, dass ich auch nach der Pandemie den Buchhändler meines Vertrauens in der Innenstadt vorfinde, in meinem kleinen Lieblings-Klamottenladen shoppen kann oder in meinem Lieblings-Schuhladen stöbern kann.

Chez moi

„Ich bin zu Hause“ – das heißt auf Französisch „Je suis chez moi“ Als ich dies vor Jahrzehnten in einem Volkshochschul-Französischkurs lernte, war dies sofort einer meiner Lieblingssätze. Denn Wort für Wort übersetzt bedeutet es auch „Ich bin bei mir.“

Und das bin ich jetzt beides, sowohl zu Hause als auch bei mir. Im Sinne von bei mir selbst angekommen. Einen schöneren Start ins neue Jahr 2021 kann es nicht geben. Ich bin also zu Hause, genieße den ganzen vor mir her geschobenen Urlaub und finde so langsam meinen ureigenen Rhythmus und mein ureigenes Ich wieder. Das graue Schneeregen-Wetter stört mich wenig. Im Gegenteil: ich genoss es, heute bei Windstille durch die tanzenden, nassen Schneeflocken zu gehen. Und ich genieße nach dieser ganzen Weihnachts-Schlemmerei mein selbst gekochtes vegetarisches Essen.

Allerdings musste ich wirklich lernen, zu Hause und bei mir selbst anzukommen. Am ersten Urlaubstag nach Weihnachten zog es mich nach zehn Tagen Abwesenheit wie magisch in meine Bibliothek. Ich war wie gewohnt früh wach und wunderte mich über mich selbst, als ich im Bus zu meinem Arbeitsort saß. In der Bibliothek angekommen, war klar, warum ich jetzt dort sein sollte: eine Nebentür zur Straße war nicht abgeschlossen (die Reinigungskraft, die diese Tür als letztes benutzte, um die Mülltonne rauszustellen, war es nach eigener Aussage natürlich nicht …), die Reinigungsfirma hatte noch nicht mal den Dreck von vor Weihnachten weggesaugt und meine heiß geliebte Wasserpalme war trotz vermeintlich zuverlässiger Pflege am Vertrocknen. Es dauerte eine Weile, alles zu klären und gleich noch den Jahresabschluss meiner Bibliothekssoftware durchlaufen zu lassen. Dann fuhr ich beruhigt und meiner Intuition dankend wieder nach Hause und verspüre seitdem nicht mehr das Bedürfnis, nach dem Rechten schauen zu müssen. 🙂 Nur die Beantwortung einiger dienstlicher Mails einer Kollegin, die ich als Lern- und Trainingspartnerin in Sachen liebevoller und achtsamer Selbstbehauptung zu schätzen gelernt habe 🙂 und die hochmotiviert jetzt! sofort! einen Jahres-Veranstaltungsplan erstellen wollte (obwohl nicht in ihrer Verantwortlichkeit), blieb mir leider nicht erspart. Ja, ich habe voller Optimismus trotz Pandemie Veranstaltungen geplant. Und ja, diese werden sogar gefördert! Und ja, ich kann endlich einen meiner Lieblings-Liedermacher einladen! https://spiritimalltag.wordpress.com/2019/06/18/eine-nette-ueberraschung/ Aber das alles organisiere ich nach meinem Urlaub.

Wieder einmal hat sich bei meinem Urlaubsausflug zu meinem Arbeitsort bestätigt, dass ich meiner Intuition trauen kann, so absurd die Situation auch sein mag. Ich habe schon manchmal neben mir gestanden und mich gewundert „Wieso tust du das jetzt?“ – und dann war es im Nachhinein genau richtig!

Aber nun bin ich zu Hause und ganz bei mir und verbringe viel Zeit damit, mich und meinen Haushalt zu sortieren. Und da waren noch einige Baustellen offen, zum Beispiel die Steuererklärung für 2019. Wie schon einmal vor einigen Jahren gab es erst ein Chaos mit der Software. https://spiritimalltag.wordpress.com/2017/05/21/das-verflixte-steuerteufelchen/ Meine bewährte und einfach zu bedienende Software „SteuerSparErklärung“ kann ich nicht mehr verwenden, weil sie sowohl Windows 7 nicht mehr akzeptiert als auch wegen anderer Mängel in die Kritik geraten ist. Schade, nicht nur wegen der jetzt in diesem Jahr nicht möglichen automatischen Datenübernahme. Dann kaufte ich ein anderes Produkt, wollte es mit zwei Freundinnen teilen, ging aber nicht, weil eine der Freundinnen sie ihrerseits vor meinem Einsatz großzügig geteilt hatte. Da hat sich dann jemand anderes gefreut, dem sie unbedingt helfen wollte. Das ist dann so, wie es ist. Vor Ende September hätte ich sowieso noch nichts machen können, denn dann kam erst die Betriebskostenabrechnung meines Vermieters. Als die endlich eingetrudelt war, kaufte ich die preiswerteste Software, die ich für mich finden konnte, und das war die von Aldi. So ganz in Ruhe, bei mir, ohne den sonst üblichen Stress, ging es mit dieser Software ganz gut und ich habe sie mir gleich für die nächste Steuererklärung wieder bestellt. Steuererklärungen können zwar nervig und langweilig sein, sind aber auch eine gute Gelegenheit, sich selbst zu beobachten. Ich habe dabei über mich gelernt, dass es mir schwerfällt, Dinge einfach abzuschließen und damit auch loszulassen. Das ist mir zwar schon bei anderer Gelegenheit bewusst geworden, aber jetzt, so ganz bei mir, ist diese Erkenntnis noch einmal besonders eindringlich. Ich fange etwas an, arbeite dann auch ganz intensiv daran, bringe es dann aber nicht gleich zu Ende. Da könnte ja noch dies oder das – also liegt es, ohne dass ich es loslassen kann.

Na, da haben wir ja gleich die große Aufgabe, das große Ziel für das neue Jahr! Bringe Sachen zum Abschluss, lasse sie los! Schiebe sie nicht unendlich bis zum letzten Termin vor dir her! Tja, das ist schon mal eine wichtige Baustelle. Die Baustellen der letzten Jahre waren, meiner Intuition vollständig zu vertrauen (was ich ja nun wirklich gelernt habe) und voller Urvertrauen Sachen einfach laufen zu lassen, ohne einzugreifen, mit dem Vertrauen darauf, dass sie sich von selbst regulieren. Das war schon eine größere Nummer, denn es bedeutet zunächst vermeintlichen Kontrollverlust. Und es bedeutet auch, auf die Intuition zu achten.. Also zunächst eine Situation intuitiv wahrnehmen, um dann ins Vertrauen zu gehen und vertrauensvoll einen Schritt zurückzutreten, anstatt immer „tun“ zu wollen.

Gerade in der jetzigen Situation ist Vertrauen besonders wichtig. In diesem Falle Vertrauen in den eigenen Körper mit seinem gut gestärkten Immunsystem (für das wir selbst jede Menge tun können). Denn wo Vertrauen ist, kann keine Angst sein. Im Moment ist die Welt voller Ängste, und diese werden tagtäglich durch die Medien geschürt. Es gibt kein Gespräch unter Freunden ohne das leidige Pandemie-Thema. Ich bin jedes Mal wieder erschreckt, wenn mir Freunde erzählen, wie panisch sie sich verhalten. Ich bin sehr traurig darüber, dass sogar von Wintersport im Gebirge abgeraten wird. Da machen Familie das Beste, was sie tun können, nehmen ihre Kinder und ab an die frische Luft – und dann werden die Skihänge zu voll, was ja sooo gefährlich ist? Ja, geht’s denn noch? Etwas besseres als Wintersport kann man nicht für sein Immunsystem tun! Wenn das Vertrauen schwindet, die Angst regiert, die Panikmache immer weiter geht, dann kommt es zur Massenpanik. Diese ist längst im kollektiven morphogenetischen Feld angekommen – wir sollten achtsam bleiben und in uns selbst ruhen. Und uns, körperlich und seelisch, mit allem umgeben, was uns stärkt und fröhlich macht. Was die Folge von Massenpanik ist, das wissen wir von den Ereignissen im Frühjahr 1945. Jahrelang wurde die Angst vor den Russen geschürt. Meine Mutter erzählte an Weihnachten (wie auch schon oft in den letzten Jahren), dass sie als Kleinkind eine Zeitung gesehen hat, auf der ganz groß ein ganz schrecklicher Russe abgebildet war, der aussah, wie ein Monster. Als sie hinter sich jemanden wahrnahm und sich umdrehte, stand da ihr Stiefvater in einer für sie schrecklich anzusehenden Uniform – da schrie sie vor Angst die ganze Straße zusammen. Diese Monster-Bilder von den Russen wirkten so nachhaltig, dass sich Tausende im April und Mai 1945 das Leben nahmen und ihre oder sogar fremde Kinder mit in den Tod rissen. – Und jetzt von 1945 wieder zurück zu 2021: Meine Schwester ist zufällig einem Pfarrer begegnet und mit ihm ins Gespräch gekommen. Da erzählte er ihr, dass er jetzt viele Trauerfeiern vorbereiten müsse. „Corona?“, fragte meine Schwester? – „Nein, Selbstmorde.“, antwortete der Pfarrer.

Leute, lasst euch eure Seele nicht von der Angst auffressen. Geht in euch, geht ins Vertrauen und glaubt an Wunder. Informiert euch gut und glaubt nicht alles, was man euch vorsetzt! Ich weiß nicht, wie oft ich schon den ach so gefährlich klingenden Inzidienzwert erklärt habe: Bei einem Inzidienzwert von 50 haben sich innerhalb der letzten 7 Tage 50 von 100 000 Menschen infiziert! Und davon mindestens zwei Drittel spüren überhaupt keine Symptome oder haben Erkältungssymptome. Ist das viel? Wenn jeder achtsam bleibt, in die Eigenverantwortung geht, sich so verhält, wie sonst auch in der Grippesaison und sich bewusst ernährt, dann sollten Viren keine Chance haben. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern meines Blogs spiritimalltag ein wundervolles, fröhliches und gesundes Jahr 2021!

Der Weihnachtsbaum und seine Bewohner

Als wir den Weihnachtsbaum meiner Eltern schmückten, zeigte sich der schöne Watteengel störrisch. Wie wir ihn auch hängten – immer zog er es vor, uns den Rücken zu kehren. Er war einfach nicht zu bewegen, uns anzuschauen. Waren wir im letzten Jahr so unartig gewesen, dass er nichts mit uns zu tun haben wollte? Oder war er vielleicht sauer, weil er das ganze Jahr in einer Kiste verbringen musste? Ich weiß es nicht. Wir mussten jedenfalls herzhaft lachen, als er sich imm er wieder wegdrehte. Vielleicht war es ja auch nur ein frecher und übermütiger Engel. Es gibt da so eine Jugendbuchreihe um das Mädchen Luzie und ihren Schutzengel Leander, der zwar immer helfen will, aber dessen Aktionen mehr Chaos stiften als Luzie lieb ist. An diesen Leander musste ich denken, als sich unser Weihnachtsengel so störrisch zeigte. Meine Mutter hatte Verständnis für den frechen Engel: „Er will aus dem Fenster schauen, weil er auf den Weihnachtsmann wartet!“ Schließlich konnten wir ihn doch noch mit vereinten Kräften überreden, uns sein Gesicht zu zeigen.

Als ich später meinen eigenen Weihnachtsbaum schmückte, verhielten sich meine Engel ebenso. Sowohl der Porzellanengel meiner Tante als auch der Holzengel mit dem Herzchen von meiner Freundin zeigten mirt die kalte Schultenr. Ich bekam ihre schönen Flügel nur von hinten zu Gesicht. Ich musste sie aber nicht lange bitten, schon nach zwei Handgriffen konnten wir uns wieder ins Gesicht schauen.

Es ist in jedem Jahr spannend, wenn ich die Schatzkiste mit den Weihnachtsbaumfiguren öffne. Neben den beiden Engeln kommen da jede Menge Sterne zum Vorschein. Meinen Lieblings-Holzstern habe ich selbst im Schwarzwald gekauf. Zahlreiche andere Sterne, filigrane Holz-Schneeflocken und Figuren stammen aus dem Erzgebirge, wo meine Freundin lebt. Bei jedem Besuchist ein ausgiebiger Gang durch die Läden mit den vielen Weihnachtsfiguren Pflicht, jedes Mal entdecke ich dort schöne Sachen für mich und die ganze Familie.

Was hängt noch an meinem Weihnachtsbaum? Eine große Geige! Meine Schwester ist Geigerin, daher hängt an jedem Weihnachtsbaum in der Familie irgendwo eine Geige. Auch ein Horn darf nicht fehlen, denn mein Neffe ist Hornist. Folgt man dieser Logik, müsste auch irgendwo ein Buch am Weihnachtsbaum hängen. Das tut es (noch) nicht, statt dessen fühlt sich aber seit einigen Jahren ein räuchernder Bücherwurm in der Weihnachtszeit auf meinem Tisch sehr wohl.

Natürlich dürfen auch Wichtel an meinem Weihnachtsbaum nicht fehlen. Meine Mutter hatte vor Jahren mal ganz viele dieser witigen Gefährten gebastelt, sie fühlen sich zwischen den Tannenzweigen sehr wohl. Auch viele gebastelte Sterne von Leserkindern der Bibliothek finden ihren Platz an meinem Baum. Ebenso kleine Filz-Weihnachtssterne, von meiner Schwester gebastelt. Und ein großes, dickes Stoff-Herz von einer Freundin. Es erinnert daran, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist.

Ich wünsche allen Lesern fröhliche Weihnachtstage!

Letzte Arbeitstage in diesem Jahr

Wieder einmal drohte ein Lockdown für die Bibliothek. Alles, aber auch alles sollte runtergefahren werden, so hieß es in den Nachrichten. Wieder einmal begann dasselbe Spiel wie im vorletzten Blogbeitrag beschrieben. Aber diesmal tangierte es mich nicht, denn ich wollte sowieso bis in den Januar hinein meinen ganzen, vor mir her geschobenen Resturlaub nehmen.

Am Dienstag, dem letzten Öffnungstag vor dem offiziellen Bundes-Lockdown, steppte in der Bibliothek der Bär. Es kamen fast alle Stammkunden, auch die, die länger nicht hier waren. Alle hatten natürlich die EINE Frage: „Schließen Sie nun oder schließen Sie nicht?“ Trotz fehlender Lockdown-Info vom Land konnte ich zweifelsfrei behaupten: „Ich schließe, denn ich habe Urlaub!“ Also deckten sich alle noch einmal mit großen Stapeln von Büchern und sonstigen Medien ein. Es war gigantisch. Der Ansturm begann mit der ersten Öffnungsminute und hörte erst zehn Minuten vor Schließung auf. Einige Leser brachten sogar kleine Aufmerksamkeiten für mich mit. Und meine beiden ehrenamtlichen Helferinnen brachten mir einen dicken Weihnachtsblumenstrauß. Ich war an diesem Tag ganz oft sehr gerührt. Und ich freute mich, so viele Leser in diesem Jahr noch einmal zu sehen. Für einige hatte ich schon mal das Passende zurückgelegt, etwa den vierten Band der „Tuchvilla“-Familiensaga, der gerade erschienen war oder andere Fortsetzung der Reihen, von denen ich wusste, welchen Teil die Leser als nächstes ausleihen würden. Oder auch aktuelle Krimis. Für alle war gut gesorgt.

Zwischendurch rannte ich dreimal in die Stadtverwaltung auf der Suche nach den letzten Rechnungen, die irgendwo im Verwaltungsweg hängengeblieben waren. Sollte ich die Rechnungen nicht rechtzeitig bearbeiten können, müsste ich extra dafür im Urlaub noch einmal in meinen Arbeitsort fahren, das wollte ich vermeiden. Die Rechnungen tauchten an diesem Tag nicht auf, aber ich hatte ja noch einen Arbeitstag Zeit …

Am Ende des Arbeitstages, der letzte Leser ging gerade und die Reinigungskraft holte sich von mir noch Anweisungen, stand auf einmal der Bürgermeister in der Tür und wünschte uns ein frohes Fest. Nach zahlreichen Auseinandersetzungen und nachdem er während der letzten drei Jahre einen Leitungsstil gepflegt hatte, der an Feudalabsolutismus grenzte, war er nun auf einmal handzahm geworden und übte sich zunehmend darin, meine fachlichen Entscheidungen zu respektieren und mitzutragen. Bis dahin war es wirklich ein jahrelanger anstrengender Prozess der ständigen Reibung. Nachdem wir den Bürgermeister sachte hinauskomplimentiert hatten, schaffte ich gerade noch den Tagesabschluss und im Laufschritt auch noch meinen Bus.

Bis zum Abend dieses sportlichen Arbeitstages hatte ich noch keine Info, ob in M-V die Bibliotheken nun downlocken oder nicht. Am nächsten Tag, einem Urlaubstag, erreichte mich dann die Mail, dass Bibliotheken in M-V öffnen dürfen. Da war ich wirklich platt. Es wurde so viel in den Medien von einem ganz harten Lockdown getönt, dass ich damit ehrlich nicht gerechnet hatte. Gleichzeitig erreichte mich die Mail, dass die Stadtverwaltung für den Publikumsverkehr ihre Pforten schließt und man nur noch mit vorheriger Terminvergabe in das Rathaus kann. Na toll. Und ich bin immer noch auf der Suche nach verschollenen Rechnungen.

Der heutige Donnerstag war ein Öffnungstag. Die Bibliothek durfte ja nun mal öffnen, also musste ich mich noch vor Öffnungszeit auf die Suche nach den verschollenen Rechnungen begeben. Da stand ich nun vor der Stadtverwaltung. Die Klingelanlage ausgeschaltet, die Tür verrammelt. Ich klopfte einfach an das Fenster der Kämmerei und eine liebe Kollegin sprang herbei, um mir zu öffnen. Mein Postfach leer. In dem einen Büro keine Rechnung, im anderen auch nicht, in der Kämmerei erst recht nicht. War der Posteingang überhaupt schon durch? Das wusste keiner. Wer hat denn den Posteingang gemacht? Das war die Vertretung der Vertretung der Vertretung. Zum Glück war sie da und wusste, dass der Bürgermeister schon den Posteingang hatte, aber der Hauptamtsleiter noch nicht. Gemeinsam mit der Vertretung der Vertretung der Vertretung ging ich zum Postfach der Hauptamtsleiters und wir fischten dort die beiden gesuchten Rechnungen aus der Postmappe. „Die nehme ich jetzt mit!“, verkündete ich. „Das können Sie doch nicht einfach…?“, meinte die Vertretung der Vertretung der Vertretung. – „Doch, ich kann. Der Rechnungsstempel ist schon drauf, den fülle ich aus und kopiere mir das Ganze, dann kann der Hauptamtsleiter immer noch unterschreiben.“  – „Na Sie müssen ja wissen, was Sie tun!“

Um Felsbrocken erleichtert ging ich mit den beiden heldenhaft erbeuteten Rechnungen zur Bibliothek, füllte den Rechnungsstempel aus, kopierte mir das Ganze noch einmal, denn ich brauche den Nachweis für eine Fördermittelabrechnung, machte noch die Abrechnung für die Handkasse und noch eine weitere Rechnung für laufende Betriebskosten fertig, fertigte zwischendurch noch tatsächlich einige Leser ab  und flitzte noch einmal in die Stadtverwaltung. Wieder Klopfen am Fenster der Kämmerei, wieder öffnete mir die eine Kollegin sehr freundlich die Verwaltungstür, jedoch die andere, mit der ich die Abrechnung der Handkasse machte, war etwas schräg drauf. Das war sicher der Stress, das nahm ich nicht persönlich. Die Kämmerei macht zum Jahresende mehr als Hochleistungssport.  Richtig total erleichtert brachte ich alle Rechnungen auf den richtigen Weg. Auf dem Flur begegnete mir der Hauptamtsleiter und ich informierte ihn darüber, dass ich ihm zwei Rechnungen aus dem Posteingang entführt hätte. „Das ist okay, alles, was die Prozedur verkürzt, ist gut!“ Na bitte, geht doch!!! 😀

Sehr gut gelaunt und total erleichtert flitzte ich wieder in die Bibliothek. Letzte Absprachen mit dem Hausmeister, Anfertigen des Urlaubs-Schließungs-Aushangs, großes Aufräumen, immer noch letzte Leser, Wegstellen der Medienberge vom letzten Öffnungstag, Absprachen mit der Reinigungskraft und vertrauensvolles Übergeben des Blumen-Gießdienstes an sie, zuletzt noch einmal in meine Mails geschaut…

Und was sehe ich da als krönenden Abschluss? Mein Antrag auf Förderung einer Veranstaltungsreihe an eine bundesweit agierende Stiftung war erfolgreich!!! 😀 Wir kriegen die Förderung!!! Damit können wir auch gegebenenfalls mit weniger Besuchern unter Pandemie-Bedingungen hochkarätige Veranstaltungen anbieten, denn alle Honorare werden voll gefördert! Den Antrag hatte ich bei all dem Stress der letzten Tage schon nicht mehr auf dem Schirm, umso größer die Überraschung!!! Welch ein schöner Abschluss dieses Arbeitsjahres!!! Nun kann ich ganz beruhigt Weihnachten feiern! 🙂