Waten im Sumpf

Es fing vor vier Tagen an. Man hinterbrachte mir, dass meine berufliche Lieblings-Sparringpartnerin gegangen wurde und sich demnächst aus der Arena meiner Erfahrungen verabschieden wird.

Zunächst staunte ich ungläubig, denn das hätte ich wirklich nie für möglich gehalten. Denn diese Kollegin war jahrzehntelang der absolute Kleinstadt-Star am Museumshimmel gewesen. Sie konnte die abstrusesten Dinge verwirklichen – alles wurde ihr abgenommen und beifällig beklatscht, auch wenn es nur bei Wikipedia gegoogelt war. Sie war so mächtig, dass sie mit ihrem Einfluss fachlich und menschlich sehr gute Kollegen wegbiss oder sich mit deren Ideen erfolgreich selbst präsentierte. Ich empfand sie immer als einen Energie-Vampir, so wie von dunklen Mächten ferngesteuert. Einerseits liebreizender blonder Engel, andererseits schwarze Magierin. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit war felsenfest glorifiziert. Und nun wird ihr nach Jahrzehnten Honorartätigkeit mühsam erschlichener fester Vertrag nicht verlängert??? Wow. Was für ein Wandel!!! Da konnte ich wirklich nur staunen und – was sonst wirklich sehr selten passiert – mir abends in stiller Freude ein Gläschen Sekt genehmigen. 🙂 Möge sie in Frieden gehen. Ich segne sie und bin dankbar für die Lebens-Erfahrungen, die mir durch sie zuteilwurden.

Aber sie ging nicht in Frieden, was eigentlich vorauszusehen war. So einen lukrativen, machtvollen Posten mit automatischem Glorienschein inklusive gibt man nicht einfach kampflos her, auch wenn man beim Chef in Ungnade gefallen ist. Als ich gerade meine Post in der Stadtverwaltung erledigte, wurde ich in ein Büro gerufen und mir wurde ein Brief vorgelegt, der es in sich hatte. Die noch andauernde stille Freude wich beim Lesen einem zähen Sumpf, der mich zu verschlingen drohte. Die gegangen wordene Kollegin präsentierte sich als Opfer eines einzigen Mannes, der ihrer Aussage nach seit Jahrzehnten ihre ach so glorreiche, in diesem Brief selbst vielfach gelobte Arbeit sabotiere. Der derart Angeklagte selbst hatte mir diesen Brief zu lesen gegeben, den sie, das selbst ernannte Opfer, an alle Stadtvertreter gerichtet hatte. Der arme Angeklagte hatte da schon eine schlaflose Nacht hinter sich, was ich gut nachvollziehen konnte, denn ich war ja auch schon mehrfach durch diese Person angeklagt worden, was ihr jedes Mal geglaubt wurde.

Ich tröstete den Angeklagten so gut es ging und versprach auch, mit einer befreundeten Stadtvertreterin zu reden. Während des Gesprächs erinnerte der Angeklagte mich an zahlreiche Mails, in denen ich von dieser Person angegriffen wurde. Da staunte ich wieder. Ja, stimmt, so war es. Und daran erinnert er sich noch??? Ich hatte das schon längst zu den Akten gelegt. Erst anderthalb Stunden später verließ ich die Stadtverwaltung und fühlte mich abgeschlagen und schwer wie Blei, so als ob ich wirklich einen großen Sumpf durchwatet hätte. Meine stille Freude war weg, statt dessen Müdigkeit, Mitleid mit dem Angeklagten, der es wirklich nicht verdient hat, und Hineinspüren in das Um-sich-schlagen einer verzweifelten Frau, die alle ihre Macht, ihren Einfluss und ihre gesicherte Einnahme zerrinnen sieht und mit der die fast-Vollmond-Energien komplett durchgegangen sind.

Nachmittags hatte ich einige Bibliotheksbesucher, die mich etwas wieder zu mir kommen ließen. Aber zwischen den Besuchen war ich mit Richtigstellung von Fakten im Sinne des Angeklagten beschäftigt und sank immer wieder tief in den Sumpf hinab. Abends fühlte ich mich so, als hätte ich nochmals einen ganzen Bibliotheksumzug bewältigt. Ich konnte nur schwer abschalten. Erst als mir telefonisch ein frischer Wind von meiner Freundin in das Ohr wehte, war ich langsam wieder in meiner alten Form.

Auch ich habe mich gewandelt. Vor zehn Jahren wäre ich noch vor lauter Schadenfreude an die Decke gegangen. Und heute? Na gut, vielleicht ein bisschen Schadenfreude kann ich nicht leugnen und sie sei mir gegönnt, aber es überwiegt nun wieder die stille Freude darüber, dass es sich wandelt und dass Gerechtigkeit sich entfaltet. Und dass die Kolleginnen vom Museum und ich unsere Energie künftig nicht mehr an diese Frau verlieren, dass wir nicht mehr Opfer von Ideenklau, chaotischem Handeln und cholerischen Wutausbrüchen werden, dass im Museum ein friedliches Miteinander ohne Ellenbogen und böses Getratsche möglich wird und dass die seit Jahrhunderten dunkle Energie dort, in der alten Ritterburg, sich endlich klärt. Gelitten wurde genug, jetzt zieht die Freude dauerhaft ein. So ist es.

Ein Kind der neuen Zeit

Alle Astrologen warnten vor dieser Woche, der Woche vom 7. 9. bis 13. 9. 2020. Portaltag, Beginn des rückläufigen Mars im Widder, der Warntag, dem alle möglichen geheimen Bedeutungen beigefügt wurden sowie der 9/11-Tag, ein aus astrologischer Sicht schwieriges Jubiläum.

Ja, auch ich war unruhig in Erwartung dieser Woche, denn ein Konflikt mit einer Kollegin schwelte schon eine Weile und ich merkte, wie sie, sowieso momentan schlecht gelaunt, zunehmend förmlich „am Rad drehte“. Aber das beunruhigte mich nur peripher, denn mit dieser Kollegin hatte ich selten zu tun. Am meisten gespannt war ich auf den neuen Praktikanten, der mich ab jetzt vier Wochen unterstützen würde.  Es ist ja immer eine Sache mit Vor- und Nachteilen, wenn man von Praktikanten begleitet wird. Einerseits soll er helfen, andererseits braucht er, bevor er helfen kann, jede Menge Input. Und das in einer Phase, in der ich eigentlich jede Millisekunde außerhalb des Kundenbetriebs für die Erstellung des neuen Haushaltsplans bräuchte. Hm. Wie bringe ich das nur unter einen Hut?

Der Praktikant ist ein junger, hochintelligenter, vielseiting interessierter, aufgeweckter und liebenswerter Bursche. Allen Bedenken zum Trotz fügte er sich wie selbstverständlich in die betrieblichen Abläufe ein und hatte sehr schnell ein Gespür dafür, wann er mich mit Fragen löchern darf und wann ich einfach mal in Ruhe arbeiten muss. Ich bin echt schwer begeistert!!! So kann es laufen, wenn die jungen Bibliotheksleser heranwachsen und zu Studenten werden!!! 🙂

Dennoch war es nicht selbstverständlich, dass dieser Praktikant bei uns arbeiten kann. Heutzutage ist es schon so, dass man sich um qualifizierte Praktikanten fast bewerben muss. Bevor man von der Uni als Praktikumsbetrieb anerkannt wird, muss man verschiedene Voraussetzungen nachweisen. Und nach dem Praktikum wird es so sein, dass ich zwar den Praktikanten kurz beurteilen werde, er aber einen siebenseitigen Praktikumsbericht vorlegen muss, in dem er unter anderem wiederum seine Praktikumsstelle bewertet. Schon im Vorfeld gab es Gespräche und Mails, deren hauptsächliches Thema es war: „Was möchten Sie hier lernen und wie kann ich / kann die Einrichtung dabei unterstützen?“ . Wir einigten uns auf verschiedene Tätigkeiten im Stadtarchiv, immer unter dem Aspekt, das Wissen des Praktikanten zu erweitern und ihm zu ermöglichen, genau die Erfahrungen sammeln zu können, die er braucht. Also so, wie ich einige meiner Praktika vor dreißig Jahren erlebte, so unter dem Motto: „Die Praktikantin kommt, also räumen wir mal eben die Bibliothek um“ – das war gestern.  

In der Praxis geht das heute bei uns wie folgt: Der Praktikant erhält seine vorher mit mir und der Uni abgestimmte Aufgabe, setzt sich ran, erhält dazu den Input von mir und legt los. Dann beginnt er, bei der Arbeit nach links und rechts zu schauen und alle möglichen Aspekte des Themas einzubeziehen. An dieser Stelle war erstmal meine Geduld gefragt, denn das „rechts und links“ war ja eigentlich nicht die Aufgabenstellung. Also tief durchatmen, einfach machen lassen und weiterhin unterstützend, aber keinesfalls belehrend da sein. Und es zahlt sich aus – für uns beide. Für ihn ergab sich aus „rechts und links“ ein neues Forschungsthema, welches in einer Arbeit für seinen Bachelor-Studiengang Geschichte münden könnte und für mich bedeutet es einen Mehrwehrt an stadtgeschichtlichen Erkenntnissen. Gut, dass ich nicht „gelehrt“ und „geleitet“, sondern nur „begleitet“ habe!!!

Am zweiten Arbeitstag kreuzte die Kollegin auf, die gegenwärtig einige Probleme mit mir hat. Sie kam ganz spontan mit einer Gruppe von Ausstellungsbesuchern im Schlepptau, schickte die Gruppe hoch in die Ausstellung und begann, wegen drei organisatorischer Kleinigkeiten vehement auf mir rumzuhacken, und das teils mit Formulierungen unter der Gürtellinie. Das hatte sie zuletzt vor gut einem Jahr so vehement mit mir abgezogen. Ich war schockiert, nicht so sehr wegen der Kritik, sondern wegen der Art und Weise, wie sie mit mir umging. So, als hätte das ganze letzte Jahr des „Zusammenraufens“ überhaupt nicht stattgefunden. Sofort meldete sich mein Schutzmechanismus, ich schaltete auf oberstur (fuhr meine Stierhörner aus) und gab tüchtig Kontra. Mit lieb und nett und Diplomatie war gerade kein Weiterkommen, dazu war das Teufelchen, was da aus meiner Kollegin sprach, zu mächtig. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was da alles an Worten hin und her flog. Ich kann mich nur noch an den letzten Dialog erinnern: Sie: „Wenn Sie so weitermachen, dann werden Sie große Schwierigkeiten kriegen!“ – ich voller Selbstsicherheit, weil im Recht: „Das glaube ich nicht!!!“ 🙂 Daraufhin drehte sie sich auf dem Absatz um und ging die Treppen hoch zu ihrer Gruppe. Ich atmete dreimal tief durch, ging dann zu meinem Praktikanten, der im Nebenraum arbeitete und fragte ihn so locker wie mir nur möglich, ob er sich der Führung der Kollegin anschließen möchte. Es war vorher so abgesprochen, dass er mal bei einer Führung hospitiert, wozu er aber in diesem Monat selten die Gelegenheit haben wird, da kaum Gruppen angemeldet sind. Sie schaute erschrocken, als ich mit ihm im Schlepptau zu der Gruppe stieß. Dass da noch ein Praktikant bei mir war, hatte sie überhaupt nicht mehr auf dem Schirm. Als sich die Gruppe verabschiedet hatte, begannen die beiden ein Gespräch miteinander. Als ich kurz um die Ecke schaute, bat mich der Praktikant, dazuzukommen. Meine Kollegin, selbst im Erstberuf Professorin an einer polnischen Uni, (nur im Nebenberuf in unserem Museum beschäftigt) befragte meinen Praktikanten nach seinem Studium und nach dem Zweck seines Praktikums. Vielleicht hatte sie den Hintergedanken, ihn für das Museum abzuwerben. Mein Praktikant, sehr redegewandt, hielt ihr einen akademischen, umfassenden Vortrag über das, was er beruflich erreichen möchte. Über seine Erwägung, eine Archiv-Laufbahn anzustreben und nebenbei den Doktor zu machen, über seine Forschungsthemen und darüber, was er in bei mir lernen möchte. Dazu muss man anmerken, dass mein Praktikant wirklich außergewöhnlich redegewandt ist. 😀 Die Kollegin wurde immer kleiner, immer netter und schmiss mit Komplimenten nur so um sich. Da sei er hier bei mir, mit meiner immensen Erfahrung genau richtig, denn ich hätte schon sooo viel für die Stadt geleistet und publiziert. Ich staunte Bauklötze. Eine halbe Stunde vorher war ich noch die unmöglichste Person in dieser Stadt und nun das??? Immerhin, Respekt! So schnell umzuswitchen von einem cholerischen Wutanfall auf Schmalztopf pur – das ist auch eine Leistung, das muss man erstmal können! 😀 Es wurde ein langes Gespräch mit uns dreien, inhaltlich waren wir dabei auf Augenhöhe. Mein Praktikant brachte die Kollegin Professorin mehrmals in Verlegenheit, weil sie keine Ahnung von den neuesten Entwicklungen seines und ihres Forschungsgebietes hatte. Die aktuellen Begrifflichkeiten von heute kannte sie nicht und er konnte mit ihrer 70er-Jahre-Hermeneutik, die sie an ihrer polnischen Uni noch immer lehrt, nichts anfangen. Sehr spannend, bei diesem Disput zuzuhören! 

Als sie schließlich ging, war sie sehr, sehr nachdenklich geworden. Nicht zuletzt deshalb, weil mein Praktikant ihr einen umfassenden Vortrag darüber gehalten hatte, was er von einem guten Online-Seminar erwartet. Als ich sie an der Bushaltestelle abends wieder traf, war sie immer noch ganz ehrfurchtsvoll eingeschüchtert, lieb und nett. Keine Spur mehr vom Zickenkrieg. Bei einer Begegnung am nächsten Tag blieb das so. Und schließlich hieß es dann: „Ich arbeite nächste Woche von zu Hause aus, denn ich muss mich auf meine Online-Seminare in Polen vorbereiten!“ 🙂 Zum Abschied hatte sie mir noch einen Kuli auf den Schreibtisch gelegt. Auch das hat eine Bewandtnis. Diese Kollegin sammelt nämlich, bewusst oder unbewusst, alle Kulis auf Nimmerwiedersehen ein, die irgendwo herumliegen. Wenn man seinen Lieblingskuli länger behalten will, muss man ihn bei Abwesenheit stets wegschließen. Mehrmals darauf angesprochen, reagierte sie nicht. Sie muss mit den Jahren ein Lager von hunderten von Kulis angehäuft haben. Und nun lag da, als kleines Zeichen der Entschuldigung, ein neuer Kuli auf meinem Schreibtisch! 🙂

Es ist erstaunlich, wie die bloße Anwesenheit so eines charmanten Kindes der neuen Zeit eine Situation entkrampfen und auflösen kann. Am Warntag standen wir gerade beieinander, als die erste, klägliche Sirene lostönte. „Wie, das war’s jetzt schon?!“ Großes Gelächter und die Sache war erledigt. Erstaunlich fand ich, wie sich in dieser ersten Praktikumswoche alles so fügte, dass wir in Ruhe arbeiten konnten. Kaum Besucher am ersten Tag, so dass ich den nötigen Input in Ruhe geben konnte. Am zweiten Tag rief eine Leserin an, sie hätte zu viel Kuchen gebacken, ob sie mir nicht ein Stück vorbei bringen könne? – „Gern auch zwei, denn ich habe einen hungrigen Praktikanten!“, antwortete ich. 😀 Der Kuchen reichte dann auch noch für meine ehrenamtliche Helferin, die spontan auf der Matte stand. Es kommt höchst selten vor, dass mich Leser so verwöhnen. Der Zeitpunkt diesmal hätte nicht besser sein können! Irgendwann musste ich den Praktikanten auch in die wichtigsten Funktionen meiner Bibliothekssoftware einarbeiten, denn am Montag der zweiten Woche würde ich einige Stunden abwesend sein und brauchte seine Vertretung. Genau zum richtigen Zeitpunkt war die Bibliothek voller Familien, die sich den ganzen Nachmittag die Klinke in die Hand gaben. Genug Gelegenheit zum Lernen und Einarbeiten!

Am letzten Wochentag hatte mein Praktikant einen Forschungstag an seiner Uni eingeschoben. Für mich ergab sich so die Gelegenheit, mit einer Kollegen der Stadtverwaltung, die gekündigt hatte, in Ruhe über die Gründe ihrer Kündigung und ihre Zukunftspläne zu reden. In unserer Stadtverwaltung kündigen die Kollegen immer noch im Zweijahrestakt am Fließband. Es war jetzt mal der Zeitpunkt, in Ruhe dort hineinzuspüren, um die Beweggründe zu verstehen. „Was müsste sich denn ändern, damit Sie Ihre Entscheidung überdenken?“ So etwas wäre eigentlich Sache der Leitung oder des Personalrats – aber naja …

Ich empfand diese Woche als leicht, locker, sonnig, voller guter Fügungen, voller neuer Erkenntnisse, beruflich wie privat.

Mittagspause

Ich sitze auf dem Hof der Bibliothek und lasse mich am ersten Herbsttag von der sanften Sonne bescheinen. Während ich meine Thai-Curry-Suppe löffle, denke ich über das eben von Kollegen der Stadtverwaltung Gehörte nach.

Seit einer Woche wurde eine Stelle in unserem Bauamt ausgeschrieben. Der neue Stelleninhaber sollte alles können, Hoch- und Tiefbau. Es war nicht erkennbar, auf wen die Stelle zugeschnitten sein sollte. Alle im Amt und in der Kleinstadt bewegte die Frage: Wer geht denn nun schon wieder? Im Bauamt wechselt das Personal alle zwei Jahre.

Da ich immer für direkte Kommunikation und gegen Gerüchte bin, hatte ich einfach den Bürgermeister gefragt, als er mir letzte Woche über den Weg lief. Die Antwort: ein erstaunliches Rumgeeiere. Er hätte gehört, da wolle vielleicht jemand gehen. Er wolle den Markt sondieren. Eier, eier, bla, bla, bla. Ich fand das sehr seltsam. Kurz vor der Mittagspause hatte ich die seltene Gelegenheit, mit einer der beiden betreffenden Bauamts-Kolleginnen mal ausführlicher als im Vorbeilaufen zu reden. Als ich sie auf die Stellenanzeige des Bürgermeisters ansprach, brach sie in Tränen aus. Ihr Vertrag laufe im Januar aus, zwei Jahre erweiterte Probezeit. Der Vertrag ihrer Kollegin laufe danach aus, ebenfalls zwei Jahre erweiterte Probezeit. Beide Kolleginnen waren eiskalt von der Stellenausscheibung des Bürgermeisters überrascht worden. Es gab kein Personalgespräch im Vorfeld. Der Bitte um ein Personalgespräch aufgrund der Stellenausschreibung wurde nicht entsprochen, angeblich aus Zeitmangel. Der Personalrat hielt sich bedeckt, die Bauamtschefin ebenfalls. Die eine der betroffenen Kolleginnen liegt gerade in Scheidung, eine Extremsituation, und ist alleinerziehend.

Ja hallo, wo leben wir denn hier? In einer Diktatur, in der hinterhältig agiert wird oder in einem offenen, kollegialen Miteinander? Werden jetzt die beiden Bauamts-Kolleginnen gegeneinander in einen Konkurrenzkampf gehetzt, in dem sie der Chefetage beweisen sollen, wer demnächst bleiben kann? Stellenausschreibung als neues Druckmittel oder moderner Psychoterror? Ja, geht’s noch???

Der Verdacht liegt nahe. Staunend erfuhr ich bei dieser Gelegenheit von einer anderen Kollegin, was für ein Gehacke vor einem Jahr durch eine innerbetriebliche Stellenausschreibung ausgelöst wurde. Jeder fuhr die Ellenbogen gegen Kollegen aus und diente sich der Chefetage an, weil er unbedingt Stellvertreter des Hauptamtsleiters werden wollte. Das Ergebnis: die Stelle wurde noch nicht besetzt, da die derzeitige Stelleninhaberin doch noch keine Lust hatte, in Rente zu gehen. Zum Glück, denn ich arbeite gut mit ihr zusammen. Und zum Glück lief das alles damals irgendwie an mir vorbei.

Möchte ich weiterhin in einer Stadtverwaltung, in der ein menschenverachtendes Klima herrscht, arbeiten? Gut, ich bin weit weg und kann hier allein und entspannt auf einem sonnenbeschienenen Hof sitzen.

Wie es der Zufall so will, ergeben sich gerade mehrere Möglichkeiten für andere Perspektiven, die ich prüfen kann und werde. Möchte ich das, was ich hier jahrelang aufgebaut habe, wirklich verlassen? Und wenn ja, was erwartet mich dort? In jedem Fall ein großes Abenteuer. In einem Fall mit Sicherheit freie Entfaltung in einer wunderschönen Bibliothek, in einem anderen Fall wieder viel Bereinigung von Altlasten und heiße Kämpfe um den Standard, der in meiner jetzigen Bibliothek selbstverständlich ist. Was möchte ich? Ein dickes Gehalt in einem menschenverachtenden System? Freie Entfaltung mit vielleicht finanziellen Einbußen? Altlasten ohne Ende, mit Sicherheit finanzielle Einbußen, dafür aber kein Pendeln mehr? Das Leben ist so kostbar, dass man es nicht in unwürdigen Umständen verbringen sollte. Gerade ist überraschend eine meiner Lieblings-Bibliotheks-Kolleginnen, mit der ich mich oft telefonisch beraten habe und mit der ich viel gemeinsam auf Fortbildungen war, plötzlich verstorben, ziemlich kurz vor der Rente. Da hält man inne, nicht nur voller Trauer, auch voller Gedanken über den Sinn des Lebens. Welchen Stellenwert hat die Arbeit überhaupt in meinem Leben? Sollte ich ihr weiterhin so viel Herzblut und unbezahlte Überstunden opfern?

Noch muss ich keine Entscheidung überstürzen und kann weise und mit Bedacht wählen. Also entspanne ich mich und genieße die Mittagssonne.

Und gerade in dem Moment der Entspannung passiert es: Laut trompeten unten am See die Kraniche, minutenlang, bis der Wind böig auffrischt. Ich werde ganz still und lausche dankbar. Wie auch immer ich mich entscheide, es wird gut werden.

über den Schatten springen und gemeinsam einen Hügel besteigen

Es gibt Personen, mit denen die Chemie überhaupt nicht stimmt. Am besten geht man ihnen aus dem Weg. Wenn man aber verdonnert wird, mit ihnen eng zusammenzuarbeiten, dann hat man ein Problem. Genau in so einer Situation befand ich mich seit Mai diesen Jahres. Ich muss mit jemandem zusammenarbeiten, der (die) auf ihrer Karriereleiter bisher viele Menschen reichlich ausgenutzt hat, die dabei verbrannte Erde hinterlassen hat, so dass ihr ein sehr schlechter Ruf vorauseilt, und die mich in der Vergangenheit tief, sehr tief, verletzte.

Bis vor kurzem war es ein Kampf. Sie fuhr die Ellenbogen aus, ich ebenso. Sie versuchte zu „leiten“, ich übte mich in Totalverweigerung und zog mein Ding durch. War ich doch auch vor der „Leitung“ eigenständig mehr als erfolgreich gewesen. Sie erhielt ständig Rückendeckung vom Bürgermeister, ich ließ mich nicht beeindrucken und wehrte mich verbal mit Rückendeckung vom Hauptamtsleiter. Und zwischendurch immer dieses Aufatmen, wenn sie mal für eine Woche weg war.

In der Theorie ist immer alles ganz einfach. Bleibe in deiner Mitte, segne die Situation und suche das Gute in ihr … – aber wenn man gerade unter Dampf steht, dann mag man noch so aufgeklärt sein, da ist man mitten in den Opfer-Fallstricken. Immer und immer wieder. Ich sah in ihr die blöde Kuh, die ihren Professorinnen-Titel vor sich her trägt, die Zuarbeiten von allen nimmt und als ihre verkauft und sich damit aus einer Honorarstelle in eine gut dotierte Festeinstellung beamt. Sie sah in mir die kleine, unterbelichtete, geltungssüchtige Bibliothekarin, der sie, die liebe Göttin, großzügigerweise eine Chance gibt und die ja sooo undankbar ist. So ungefähr stellte ich mir das jedenfalls vor. Und so hat sie das auch mal gesagt, als ich vor Jahren mal eine Ausstellung in „Ihrem“ Museum gestalten durfte (was damit endete, dass Texte und Inhalte von mir total verdreht als ihre präsentiert wurden). Eine schwierige Beziehungs-Kiste, die nun schon ein Jahrzehnt währte.

Ja, währte. Neuerdings gibt es einen Prozess der Annäherung, ganz langsam, ganz vorsichtig, ganz schleichend. Ich weiß nicht genau, was es ausgelöst hat oder ob es überhaupt ein einzelnes Ereignis war, dass es in Gang gebracht hat. Sie war in letzter Zeit oft in der Bibliothek, setzte sich an den Besucher-PC, schrieb etwas und beobachtete mein Tun. Ich fühlte mich oft genervt davon und fand in solchen Fällen meistens, dass es mal wieder an der Zeit war, im Bestand zu arbeiten, zumal ja jemand nun da saß und den Eingangsbereich im Auge hatte. Dennoch bekam sie natürlich meine Gespräche mit Lesern mit und auch die Arbeit mit den Kindern konnte sie beobachten. Ich beobachtete sie ebenso und fand heraus, dass vieles, was mich und die Kollegen im städtischen Museum an ihrem Verhalten nervte, keine Bösartigkeit war, sondern Gedankenlosigkeit. Sicher war da die „karrieregeile“ Seite, das Klauen von Ideen, das sich und den Professoren-Titel gut vermarkten können. Aber vieles war einfach nur gedankenloses Handeln ohne Plan, aus den jeweiligen Befindlichkeiten im Elfenbeinturm heraus. Einfach nur so und im nächsten Moment einfach wieder anders, in ihrer eigenen Welt. Bei meiner Sagenlesung reagierte sie überraschend ehrlich begeistert und fand warme Worte für mich. Da dachte ich noch, das sei Show. Zu tief waren die alten Verletzungen. Zu tief die Angst, dass, wenn ich wieder Vertrauen fasse, ich wieder ausgenutzt werden könnte. Ich hielt also weiter innerlich Abstand. Bei der Sommerleseclub-Abschlussveranstaltung setzte sie sich einfach in die letzte Reihe, obwohl ich sie gebeten hatte, währenddessen den Eingangsbereich im Blick zu haben. Wieder war ich genervt. Aber sie ließ sich nicht von meiner Ablehnung beeindrucken, blieb dabei und fand später wieder ehrlich lobende Worte. Für mich ein Anlass, eine alte Wunde anzusprechen. Noch vor wenigen Monaten wollte sie dieses Projekt vereinnahmen und als „Mittelalter-Lesewettbewerb“ fortführen. Was hatte ich damals gekämpft und verbal um mich gehauen! Kein Argument zählte. Jetzt sprach ich mit ihr offen darüber, wie ich mich damals gefühlt hatte, was für ein langer Weg es war, diese Kinder, die heute für ihre Leseleistung geehrt wurden, bis hierher zu begleiten und zu motivieren. Mit in sehr intensiver Arbeit ausgewählten Büchern, die Spaß machen und einen leichten Leseeinstieg ermöglichen. Die Antwort war, zumindest ansatzweise rauszuhören, eine vage Entschuldigung. Danach fiel dann von Zeit zu Zeit die Bemerkung „Es sind Fehler gemacht worden und wir müssen nun nach vorn schauen.“

Während der ganzen Zeit der „gepflegten Feindschaft“ war ich immerhin so Herrin meiner Sinne, dass ich sachliche Absprachen emotionslos mit ihr treffen konnte. Es ging um Museumstechnik, Schlüssel, die hinterlegt werden mussten, um bauliche Probleme und immer öfter um Vertretungen, denn eine Aufsichtskraft für die über der Bibliothek befindliche Ausstellung war erst lange im Urlaub und dann lange krank. Ja, ohne Emotionen sachlich etwas klären, das ging, da konnte ich im „Hier und Jetzt“ sein, aber ansonsten hielt ich gern weiter Distanz.

Doch in den letzten Tagen bröckelte die Distanz etwas, wir sprachen mehr miteinander als sonst, ich fühlte mit ihrem Mann mit, dem eine OP bevorsteht und ich merkte, dass sie insgesamt weicher, offener war. Kann ich trauen oder kommt der nächste, hinterhältige Hammer hinterher? Ist es diesmal wirklich echt oder wieder nur gespielt? Mein inneres Kind wehrt sich noch. Es will nie wieder leiden. Verständlich.

Vor kurzem fragte sie mich, ob ich den Weg zu einem Denkmal kenne, welches auf einem Hügel hinter der Stadt liegt. Bezeichnenderweise war es ein Denkmal, welches mit der Aufhebung der Leibeigenschaft in Mecklenburg in Verbindung steht. Ich stand verwundert neben mir, als ich mich sagen hörte: „Ich war auch noch nie dort oben. Lassen Sie uns doch gemeinsam dorthin gehen!“ Während ich mich noch über mich selbst wunderte, nahm sie dankbar an. So kam es, dass wir gemeinsam einen Hügel bestiegen, ich mit meinem inneren Kind an der Hand. Raus aus der Schwüle in der kleinen Stadt in für mecklenburgische Verhältnisse luftige Höhen mit einer schönen Aussicht. Es war schön, bei leicht kühlendem Wind die Lindenallee entlang zu gehen und einfach entspannt miteinander zu reden. Es war einfach nur wohltuend. Unten wieder angekommen, brachen bei mir noch einmal letzte Blockaden und ich sprach einen noch ganz tief schmerzenden inneren wunden Punkt an. Während mir fast die Tränen kamen, beschrieb ich, wie ich mich damals gefühlt hatte. Sie war betroffen und ich merkte, dass sie die von mir beschriebenen Gefühle mitfühlte. Es war nur ein kurzer Moment, dann gingen wir beide wieder auseinander, sie an ihre Arbeit und ich, noch ganz durcheinander, ins Café zur Mittagspause. Der Smalltalk und das leckere Eis dort taten mir gut. Danach arbeitete ich, soweit in der schwülen Luft möglich, etwas entspannter. Heute noch einmal eine Begegnung, wieder entspannt und nett. Ich sagte zu, in meinem Urlaub das Haus zum Tag des offenen Denkmals zu öffnen, damit sie ihren Mann im Krankenhaus besuchen kann. („Da hat sie dich wieder um den Finger gewickelt!“, schimpft mein inneres Kind. Und mein Ego flüstert: „Sei still, es ist doch schön, das Haus zu präsentieren! Und wenn da andere Leute aus der Verwaltung führen, die im Haus nicht arbeiten, gibt das nur wieder Chaos!“) Später empfing sie noch einen Lehrer, der ihr angeboten hatte, didaktische Konzepte für Museumsaktionen zu entwickeln. („Da hat sie wieder jemanden Dummes gefunden!“, maulte mein inneres Kind.) Na und, soll sie doch. Das bin doch nicht ich, die sie da ausnutzen will. Es liegt ja in der Verantwortung des Lehrers, sich einspannen zu lassen oder auch nicht. Als sie mich dem Lehrer vorstellte, bemerkte ich eine kleine Veränderung: „Das ist unsere Bibliotheksleiterin.“ Hä? Hat sie da eben wirklich „Leiterin“ gesagt? Bisher war sie (seit Mai) immer darauf bedacht, „die Leiterin des Hauses“ oder „die Kuratorin“ zu sein und ich wurde immer als „unsere Bibliothekarin“ vorgestellt. Auch der Bürgermeister hatte mir ja mehrmals deutlich zu verstehen gegeben, dass ich keine Leiterin bin, sondern nur eine Angestellte. Also nicht dass mir diese Hierarchien etwas bedeuten würden. Wichtig sind diese Begrifflichkeiten nur in Zusammenhang mit meiner kreativen Handlungsfreiheit in der Bibliothek und auch mit der Einwerbung der Landesförderungen. Denn die erhalten nur Bibliotheken, die fachgerecht durch Bibliothekare geleitet werden.

Ja, es scheint so, als ob wirklich Krusten aufbrechen, letzte Verletzungen noch einmal hochkommen, um geheilt zu werden. Es scheint so, dass eine lange Feinschaft ihr Ende findet. Es deutet sich vorsichtig an, dass ich auch in diesem Bereich mein sonst so sonniges Gemüt und mein Urvertrauen wieder ausleben kann. Ein Neuanfang am Neumondtag. Nun sind erst einmal zwei Wochen Abstand angesagt, sie in ihrer anderen Arbeitsstelle und ihren Mann pflegend, ich im Urlaub. Und dann sehen wir weiter.

Wie ich meinen Ärger bewältige

Nach der Lektüre des letzten Blogbeitrags weiß man, dass es bei mir momentan beruflich nicht gerade rund läuft. Wer jetzt glaubt, ich lasse mich vom Ärger auffressen, der irrt sich gewaltig. Ich kann auch in dieser heftigen Zeit mit Freude Bibliotheksleser beraten, mit Spannung den Sommerleseclub vorbereiten, mit einem schönen Film oder bei der Lektüre eines guten Buches oder mit Musik in der Badewanne völlig relaxen. Und da ich mich gerade bei den letzten Arbeiten am neuen Sagenbuch befinde, kann ich stundenlang die Welt um mich herum vergessen und sehe vor meinem inneren Auge nur Zwerge, Drachen und Geister.

Ich habe es doch in der Hand, worauf ich meinen Fokus setze: Denke ich Tag und Nacht an schwarze Bibliotheksregale, dann werden die immer größer, immer gewaltiger und erschlagen mich schließlich mental. Also setze ich meinen Fokus auf das, was mich im Hier und Jetzt umgibt: Sonne, tolle Wolkenformationen am Himmel, blühende Blumen und superschöne, stimmige Fotos, die mir Peter, mein Computer-Freak, für das Sagenbuch zur Verfügung gestellt hat. Das sind jedenfalls die Dinge, die mir für den heutigen Samstag einfallen.

Ansonsten war es gerade in den letzten Tagen so, als hätte die ganze Welt sich verabredet, mir schöne Erlebnisse zu verschaffen. Eine Mail, die mich laut auflachen ließ, ein Telefonat mit meinem Neffen, welches mich erkennen ließ, was für ein toller junger Mann er geworden ist und wie wir uns doch ähnlich sind. Fast zeitgleich meldete sich sein Bruder und mailte mir Berichte über sein lange geprobtes Konzert – und auch hier darf ich wieder einmal stolze Tante sein. 🙂 Beide ahnen übrigens nichts von meinem Ärger. Es hatte sich gerade zufällig so ergeben, dass wir gerade jetzt nach Wochen mal wieder Kontakt hatten. In der Bibliothek erhielt ich ein besonders dickes Lob einer Leserin für meine Beratung und Literaturauswahl. Das sei wesentlich besser als in Berliner Bibliotheken und in der Bibliothek einer größeren Nachbarstadt.  🙂 Auch die Leserin wusste nichts von meinem Ärger. Vielleicht ist es wirklich so, dass wir alle unbewusst miteinander verbunden sind und dass manche Menschen einfach unbewusst so sensitiv sind, dass sie intuitiv spüren, dass man gerade jetzt Streicheleinheiten für die Seele braucht.

Die Lesekinder der Bibliothek waren alle extrem gut drauf und bekundeten ihre Freude darüber, dass der Sommerleseclub losgeht. Gerade die Kinder zu beraten macht total viel Spaß. Neue Leser meldeten sich an. Ein Mädchen, welches früher mal eifrige Sommerleseclub-Leserin war, zwischenzeitlich aber andere Interessen hatte und sich deshalb jahrelang nicht mehr blicken ließ, kam nun wieder, meldete sich erneut als Leserin an und liest sich nun durch die gesamte Fantasy-Literatur. Sie brachte dann gleich mal ihre kleine Schwester mit, die gerade das Sommerleseclub-Alter erreicht hat …  🙂

Und dazu noch die normalen, schönen alltäglichen Kleinigkeiten. Mein Honiglieferant hat seinen Rapshonig fertig. Mein schönes Sommerkleid ist endlich geliefert worden. Mein Fahrrad läuft wieder und der Reifen verliert keine Luft mehr. Die große Palme meiner Eltern hat nach meiner dreiwöchigen Gartenpflege so schön geblüht wie noch nie. Mein Bibliotheks-Pannentelefon funktioniert jetzt gerade etwas besser als sonst. Einer kranken Freundin geht es wieder besser. 🙂 Es sind so viele schöne Kleinigkeiten im Moment, man muss nur in der Lage sein, sie zu sehen und sich am schönen Augenblick zu erfreuen. Sowieso ist es für mich in solchen Fällen oberstes Prinzip, dass ich diesen Ärger bei mir behalte und nicht an Andere, die nichts dafür können, weitergebe. Dass so etwas extrem nach hinten losgehen kann, wurde mir gerade brühwarm und frisch erzählt. Eine Stadtvertreterin meines Arbeitsortes wollte Einsicht in städtische Akten nehmen, um sich vor einer Stadtvertretersitzung ein Urteil über entstandene Mehrkosten bilden zu können. Die Bauamtszicke, gerade extrem im Stress, knallte ihr nach einiger Diskussion einen großen Stapel Ordner vor die Nase und blubberte: „Da! Schauen Sie selbst nach!“ Der Bitte der Stadtvertreterin nach Erklärungen wurde nicht nachgekommen. Das dicke Ende kam: Die Stadtvertreterin ist Fraktionsvorsitzende. Sie sorgte gemeinsam mit einer weiteren Fraktion dafür, dass der Nachtragshaushalt inklusive dieser entstandenen Mehrkosten von den Stadtvertretern am selben Tag abgelehnt wurde. Ein abgelehnter Nachtragshaushalt ist natürlich der Super-Gau für die Verwaltung und letztendlich auch für mich. Aber ich muss zugeben, dass ich mich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren konnte. Wer in einen Wald hineinzickt, muss auch damit rechnen, dass es aus dem Wald auch gewaltig und folgenschwer wieder herauszicken kann. 🙂 Und dann ist da noch einer, der jetzt das Gefühl kennen dürfte, wie es ist, etwas vernünftiges zu wollen und dabei von höheren Autoritäten sinnlos ausgebremst zu werden. Und dass das gerade jetzt passiert und er mit diesem blöden Gefühl auch noch in den Urlaub gehen muss, ist schon sehr kurios. Ich sag’s ja, es gibt das kollektive Unbewusste, das morphogenetische Feld und alles ist mit allem verbunden.

Aber auch auf bewusster Ebene habe ich in diesen Tagen viele Herzens-Verbindungen gespürt, Menschen, die mir beistehen, obwohl sie mich noch nicht mal persönlich kennen, dazu sehr, sehr nette, feinfühlige neue Kollegen und ehemalige Kollegen. Ein zufällig hereingeschneiter Besuch meines ehemaligen Bibliotheks-Einrichtungsberaters, der mir Hintergründe erklärte und versuchte, mich zu trösten und dann noch meinen halben Bücherflohmarkt-Wagen leerkaufte. Und das schöne Dauer-Sommerwetter noch dazu. 🙂

Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich neben mir stehe und mich beobachte. Man lernt viel über sich selbst in solchen Situationen. Zum Beispiel, dass es mir gut tut, durch Bewegung Stress abzubauen. Am besten gleich einige makulierte Bücher oder Archivmüll nehmen und zerfetzen oder die Sommerleseclub-Regale oder Archivregale umräumen, danach 20 km radfahren und dann noch Großputz in der Wohnung. Und dann ist alles wieder gut. Auch Gespräche mit Menschen über alle möglichen anderen Themen helfen total. Die Tourismussaison läuft an,erste Touristen kommen und wollen beraten werden. Lesern zuhören, wenn die ihre Probleme loswerden wollen, hilft auch sehr und relativiert vieles. Und immer wieder: Leser beraten, Lesern schöne Bücher oder Hörbücher ans Herz legen. Dafür bin ich da, das ist mein Job, den ich nach wie vor sehr liebe. Egal, wie schwarz die Regale auch in Zukunft sein mögen. Die sind doch eh nur Verpackung. Auf den Inhalt kommt es an!!!

„Kommt“ … „Geht“ – (Arbeits)Zeit ist relativ

Seit Jahren wird die Arbeitszeit der Kollegen in der Kernverwaltung durch eine Arbeitszeit-Erfassungs-Software überwacht. Vor drei Jahren kündigte mir der Hauptamtsleiter an, dass dies auch bald in den Außenstellen der Fall sein wird. Er war sehr überrascht über meine erfreute Reaktion. „Ja, machen Sie das nur ruhig! Dann sehen Sie es schwarz auf weiß!“, sagte ich begeistert. Er schaute mich ungläubig an – und die Zeiterfassung für mich kam nicht. 🙂 Wohl aber für die Kollegen im Bürgerhaus und im städtischen Museum. Die stöhnten und jammerten, was das Zeug hielt. Der Hausmeister des Bürgerhauses braucht, nachdem er sich in der Zeiterfassung am Computer ausgeloggt hat, noch etliche Minuten, um die Alarmanlage des Gebäudes von außen scharfzuschalten. Die Museumsmitarbeiter müssen am Ende des Öffnungstages die gesamte Computertechnik im Ausstellungsbereich des Museums runterfahren. Da sie nicht die steile Treppe ins Büro, wo der PC mit der Zeiterfassung steht, wieder hoch- und runtersteigen möchten, loggen sie sich vorher in der Zeiterfassung aus. Da fehlen dann mitunter zehn wertvolle Minuten und noch mehr Sekunden!

Nachdem ich einen Antrag auf Erhöhung meiner Arbeitszeit gestellt hatte, wurde die Zeiterfassung endlich auch bei mir und in den Schulsekretariaten installiert. Endlich!!! Zum Einweisungs-Termin konnte ich nicht in die Stadtverwaltung gehen, weil gerade wieder die Kita-Gruppe zu einer Lesung bei mir war. Nachdem ich der zuständigen Kollegin erklärt hatte, das ich schon einmal bei einem früheren Arbeitgeber mit einer Zeiterfassung gearbeitet hatte, sagte sie: „Dann fangen Sie doch diese Woche schon mal an mit der Erfassung, dann werden wir sehen, ob sich Fragen ergeben.

Andere wären vermutlich wieder umgefallen bei dem Gedanken, jetzt schon kontrolliert zu werden, aber ich nahm es sportlich. Okay, dann schauen wir mal. Es ist doch gut, schon mal zu üben, damit die Routine ab 1. Mai sitzt. Schließlich möchte ich nach der Öffnungszeit schnell noch den Tagesabschluss in meiner Bibliothekssoftware machen, den Abgleich zum Online-Katalog durchführen, dann „geht“ in der Zeiterfassung drücken, buchen und „OK“ anklicken- und dann auch noch meinen Bus schaffen, denn der nächste fährt erst eine Stunde später. Da muss schon jeder Handgriff routiniert sitzen.

Da die Bus-Zeiten immer nicht ganz mit den Arbeitszeiten übereinstimmen, arbeite ich automatisch jede Woche ein bis anderthalb Stunden länger, je nachdem, wie lange ich an den drei langen Arbeitstagen in der Mittags-Schließzeit wirklich in der Mittagspause bin. Diese Zeit habe ich meinem Arbeitgeber bisher meist geschenkt. Genau wie die Zeit der langen Fortbildungstage, an denen ich eigentlich nur vier Stunden hätte arbeiten müssen. Ich hatte kein Problem damit, denn für mich ist diese Arbeit eine Herzenssache. Wenn man sie gründlich machen möchte, dann beschäftigt sie einen über die Arbeitszeit hinaus. Wie oft gehe ich an meinem Wohnort noch zur Buchhandlung, weil diese Buchhandlung meine Bibliothek beliefert? Wie oft sitze ich abends am heimischen PC, um die Medienlisten für Buchbestellungen zu schreiben? Wie oft gehe ich abends noch einmal Veranstaltungskonzepte durch und „übe“ quasi für meine Lesungen? Ganz zu schweigen von den Zeiten, in denen ich gemeinsam mit meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte Publikationen über meinen Arbeitsort verfasst habe. Wenn ich publiziere, nutze ich immer gern noch den abendlichen Flow. Ich sehe das als normal an, denn meine Arbeit macht mir Freude und ich möchte damit auch den Bibliothekslesern und Archivnutzern Freude bereiten. Als Leiterin einer Bibliothek arbeite ich nun einmal eigenverantwortlich, da ist es völlig normal, dass ich mein dienstliches Gehirn nicht an jedem Abend völlig abschalte.

Da die Arbeitszeit-Erfassung also quasi nur symbolisch ist, nehme ich sie also sportlich. In der Regel schließe ich die Bibliothekstür mit dem Gongschlag der Kirchturmuhr auf. 8 Uhr also. Wie ging das doch gleich? Erst die Verbindung zum Stadtverwaltungs-Sever herstellen, warten bis das Symbol grün leuchtet. Ach so, ich muss mich ja mit einem Passwort einloggen. Und jetzt? „Kommt“. Die laufende Uhrzeit, die bis dahin angezeigt wurde, bleibt stehen. 8.03.35. Aha, so lange dauert es also. Und jetzt die Bibliothekssoftware starten. Eigentlich wäre ja Archivtag, aber da die Kita kommt, brauche ich die Software. Kompliziert wird es am Ende des kurzen Arbeitstages. Ich habe zu spät daran gedacht, mich auszuloggen und hatte mich zwischendurch so aus dem System geklickt, dass ich mich erneut mit Passwort einloggen musste. „Geht“ – „Buchen“ – „OK“. Jetzt schnell den PC runterfahren. Denkste. „Wollen Sie die Seite wirklich verlassen?“ – „Jaha, ich muss die Bibliothek verlassen, mein Bus wartet nicht!“ Jetzt wurde es wirklich sportlich. Im Dauerlauf zur Haltestelle. Der Bus stand nur noch da, weil eine ganze Schulklasse ausgestiegen war, was länger dauerte als gewöhnlich. Puh! Geschafft! Na, ganz so sportlich wollte ich es nun doch nicht nehmen! Okay, also vier Minuten vor Abfahrt des Busses ausloggen war eindeutig zu spät. Muss ich morgen eher machen. Am nächsten Tag ging es schon routinierter. Statt 8.03.35 schon Einloggen um 8.02.28. Der Bus war heute aber auch überpünktlich. Ich probierte nun, mich nicht aus dem System zu klicken und erwischte mich abends, nach dem langen Öffnungstag dabei, wie ich, schon in der Jacke, vor dem PC saß und die Uhr hypnotisierte. „Wann logge ich mich jetzt am besten aus? Reichen drei Minuten eher als gestern?“ Mist. Ich wollte mich doch überhaupt nicht zum Sklaven der Arbeitszeit-Erfassung machen lassen!!! Eigentlich hätte ich sowieso schon seit einer halben Stunde Feierabend gehabt, also was soll der Sekunden-Geiz! 🙂 Dummerweise hatte ich nun im System vier Fenster geöffnet, hatte also jedes Mal beim Bedienen der Zeiterfassung ein neues Fenster geöffnet. „Kommt“ – „Geht (Mittagspause) – „Kommt“ und „Geht“. Also nach dem Ausloggen alle vier Fenster schließen. „Wollen Sie die Seite wirklich verlassen?“ Ich hatte schon wieder einen leichten Anflug von Panik: „Jaha, ich muss doch zum Bus!!!“ Dieser fuhr gerade ein, als ich im Dauerlauf um die Ecke bog. Geschafft!!! Heute, am kurzen, öffnungsfreien Archivtag, klappte alles schon ganz super, ich konnte relativ entspannt zur Haltestelle gehen, wo Elias, mein zehnjähriger Freitags-Mitfahr-Kumpel, mich schon strahlend erwartete. 🙂

Also lieber etwas eher ausloggen und sch … auf die Minuten und Sekunden der Arbeitszeit, die ich sowieso meinem Arbeitgeber schenke, denn zuviel Arbeit für zu wenig Zeit gibt es immer, ob mit Zeiterfassung oder ohne. Was passiert eigentlich mit den Arbeitszeit-Journalen? Die werden einmal monatlich von den beiden großen Chefs gelesen und unterschrieben und uns dann in unser Postfach gelegt. Vielleicht trägt das ja nach fast zehn Arbeitsjahren in dieser Bibliothek zur Vertrauensbildung bei. 🙂

Wenn etwas nicht mehr funktioniert …

Mut zur Veränderung

Mein Neffe ist jung, gut ausgebildet und hoch motiviert, gute Arbeit zu leisten und sich fortzubilden. Das war nicht immer so. In der Pubertät hatte er einige sehr kritische Hängephasen und wir fragten uns oft: „Was soll aus dem Jungen bloß einmal werden?“ Umso größer unsere Freude und Erleichterung darüber, dass er nach dem Abi auf Anhieb den Ausbildungsberuf fand, der ihm bis heute gefällt und dass er während der Ausbildung einen nie gekannten Ehrgeiz und großes Interesse zeigte.

Nach der Ausbildung wurde er von seiner Firma übernommen. Er wollte sich gleich einen festen Kundenstamm aufbauen, eine Zusatzausbildung an einigen Wochenenden absolvieren und zwei Jahre später den Meister „anpeilen“. Doch was passierte? Seine Chefin verheizte ihn als Springer. Er wurde von Filiale zu Filiale geschockt, überall dorthin, wo gerade eine Kraft ausgefallen und Not am Mann war. Er konnte keine Termine mit Kunden vereinbaren und sich keinen eigenen Kundenstamm aufbauen. Er musste sein Sporttraining in seiner Mannschaft aufgeben, weil er fast jeden Tag in einer anderen Stadt arbeitete und so die Trainingszeiten nicht wahrnehmen konnte. Überstunden, die er leistete, wurden weder durch Freizeit abgegolten noch bezahlt. Es frustrierte ihn immer mehr. Natürlich versuchten wir alle, ihn zu motivieren: „Es ist ja auch ein Zeichen, dass dir die Chefin vertraut, wenn sie dir zutraut, eigenständig in einer Filiale erkrankte Kollegen zu vertreten.“ Oder: „Du bist jung und ohne Kinder und Familie, du bist eben von allen am flexibelsten einsetzbar.“ Oder: „Wenn du in so vielen Filialen arbeitest, kannst du doch prima Erfahrungen sammeln!“ Oder: „Vielleicht ist es nur eine kurze Durststrecke in der Firma, die geht bestimmt vorbei, und danach wird dein besonderer Einsatz bestimmt honoriert!“

Jetzt dauert dieser Zustand schon zwei Jahre an. Die Wochenend-Fortbildung – gestrichen. Meisterkurs? Nicht dran zu denken, da sind noch zwei Kollegen vor ihm dran. Auch der mehrmals in Aussicht gestellte feste Arbeitsplatz in einer neu eröffneten Filiale kam nicht. Er ist immer noch der ewige Springer und hört von der Chefin statt eines Karriereplans nur pampige Worte. Seine Kollegen sind übrigens auch unzufrieden, was zur Folge hatte, dass schon sechs (!!!) innerhalb weniger Monate kündigten.

Mein Neffe hat eine Freundin, die ähnlich frustriert ist. Sie hat zwar etliche (selbst finanzierte) Zusatzausbildungen, deren Anwendung ihrem Unternehmen bares Geld bringt – aber davon merkt sie leider nichts in ihrer eigenen Geldbörse. Auch bei ihr wurden Überstunden nicht bezahlt.

Auch ich bin in einer Arbeitssituation, in der mir immer mehr abverlangt wird, dazu gibt es dumme Kommentare des Bürgermeisters. Auch in unserer kleinen Stadtverwaltung ist innerhalb von drei Jahren schon der sechste Kollege gegangen. Da ich in meinem Beruf und in meiner Region bleiben möchte, ertrage ich es – noch.

Mein Neffe und seine Freundin haben jetzt ganz selbstbewusst die Reißleine gezogen. Die junge Generation zeigt, wie`s geht: vom Osten ab in den Westen! (Und ich dachte, die Zeiten wären langsam vorbei, die Lebensstandards gleichen sich an und die junge Generation bleibt oder kehrt langsam zurück? – Denkste!!!) Im Westen nahmen sie meinen Neffen mit Kusshand. Vertraglich geregelt sind 800 € mehr Monatslohn. Und er hat schon die festen Termine für seine Zusatzausbildung und den Meisterlehrgang. Die Kosten dafür übernimmt selbstverständlich der Arbeitgeber. Falls er bei seiner alten Firma im Osten überhaupt jemals zum Meisterlehrgang angemeldet worden wäre, hätte er die Kosten allein tragen müssen.) Darüber hinaus wurde ihm schon die Leitung einer Filiale als Karriereziel langfristig in Aussicht gestellt. Natürlich sind wir alle sehr traurig, wir hätten wenigstens einen meiner beiden Neffen in unserer Nähe gehabt. Aber wir werden ihn weiterhin unterstützen, ihm beim Umzug helfen und .. – na gut, Mut machen müssen wir ihm nicht, denn den Mut und das nötige Organisationstalent für die spontane berufliche Veränderung hatten er und seine Freundin ganz allein zu zweit, sie haben uns heute vor vollendete Tatsachen gestellt. Aber Daumen drücken und ihm beiseite stehen, wenn es mal klemmt, das dürfen wir bestimmt schon noch. Und stolz sein auf den Mut dieser jungen Leute zur totalen Veränderung, zum Start in ein neues Leben, dürfen wir auch. 🙂

Liebe Chefs – ob in Ost oder West – schreibt euch eins hinter die Ohren: Ausbeutung war gestern! Wer ausgebeutet wird oder ständig verbal schlecht behandelt wird, stimmt mit den Füßen ab – und tschüß! Wenn ihr gute Leute haben wollt, dann behandelt sie auch gut! Wenn ihr aus verschiedenen Gründen eure Mitarbeiter nicht gut bezahlen könnt, dann sorgt wenigstens für ein gutes Arbeitsklima, dazu reichen schon manchmal kleine Gesten. Wie z. B. einem jungen Basketballer weinigstens einen Wochentag mit einer festen Arbeitszeit in einer festen Filiale garantieren, damit er trainieren kann. Liebe Chefs, arbeitet mit den Mitarbeitern, nicht gegen sie. Denn gute und hoch motivierte Mitarbeiter sind Goldstaub und nicht beliebig ersetzbar.

Vorsintflutliches Informationssystem – Mailschwemme eines Berufsverbandes

Wie alle Berufsgruppen haben auch wir Bibliothekare einen Berufsverband, in dem ich seit dem Studium Mitglied bin. Ich freue mich darüber, die Fachzeitschrift BIB regelmäßig zu erhalten und so fachlich up to date zu bleiben und über neueste Trends der Bibliotheksarbeit informiert zu sein. In unserem Bundesland gibt es eine Landesgruppe dieses Berufsverbandes. Dieses Gremium erinnert mich jedoch mehr an ein Reisebüro für Bibliothekare im Ruhestand als an einen Berufsverband im eigentlichen Sinne. 🙂 Von Zeit zu Zeit werden Exkursionen und Tagesreisen angeboten, bei denen natürlich neben der Geselligkeit auch Bibliotheksbesichtigungen auf dem Programm stehen. Fachliche Fortbildungen des Berufsverbandes gibt es kaum, und wenn, dann werden sie meist in Kooperation mit der Landesfachstelle und dem Bibliotheksverband angeboten, so dass man für eine Fortbildung meist drei identische Einladungen per Mail erhält. 🙂 Was freilich nicht auszuschließen geht.

Wenn der Berufsverband zu einer Exkursion einlädt, dann sieht es meist so aus: Zunächst kommt eine Mail mit einer netten Einladung. Das ist ja auch sinnvoll und okay. Aber dann … dann kommt eine Flut von Mails hinterher: „Liebe I., herzlichen Dank für die Einladung, ich nehme gern teil!“ oder „Liebe I., leider bin ich dann im Urlaub und kann nicht teilnehmen.“ Es kommen oft so viele Mails hinterher, dass ich meinem Mailserver beibrachte, die Berufsverbands-Mails auszuspammen, denn der Posteingang zeigt Spam-Mails nicht extra an. 🙂 Und irgendwann reichte es mir und ich schickte eine genervte Mail an den Vorstand. 😦

Bibliothekare müssten doch eigentlich in Sachen Informationsmanagement mit allerbestem Beispiel vorangehen, oder? Warum kriegen die Vorstandsmitglieder, samttlich in wissenschaftlichen Bibliotheken beschäftigt, es nicht auf die Reihe, ein vernünftiges Anmeldungssystem zu installieren? Das ist überhaupt nicht zeitaufwändig und geht mit Google spreadsheets perfekt. Die Kollegen von der Landesfachstelle nutzen das schon seit Jahren. Tabelle anlegen, als Link rumschicken, Teilnehmer können sich selbständig eintragen, fertig. Alle wissen Bescheid, welche Kolleginnen teilnehmen, inklusive Organisatoren, und das mit nur einer einzigen Mail. 🙂 Dafür an dieser Stelle ein dickes Lob!!!

Vielleicht sind die Kolleginnen aus den wissenschaftlichen Bibliotheken ja lernfähig? Zumindest haben sie diesmal schon die drohende Mailschwemme erkannt. Nach der Einladung und vier darauf folgenden Bestätigungsmails mit manchmal privatem Inhalt, die alle Mitglieder mitlesen konnten, kam nun eine Mail mit folgendem Inhalt: „Liebe Kolleginnen, bitte nutzen sie die reguläre Mailadresse für die Rückantwort, denn die direkte Antwort auf den Newsletter können alle Kolleginnen mitlesen. Manche fühlen sich von der Mailschwemme belästigt …“ (Ja, logisch, möchten Sie vielleicht private Mitteilungen, die garnicht für Sie bestimmt sind, mit der Anmeldebestätigung zusammen lesen?!) Mal schauen, vielleicht lernen sie es ja doch noch, ein anderes Info-System zu intallieren! Falls sie dazu nicht in der Lage sein sollten (dann hätten sie aber den Beruf verfehlt), könnten die anderen Kolleginnen auch lernen, nicht einfach reflexartig auf „Antworten“ zu drücken.

Symposium mit Festbankett – Kleinstadt-Adel bleibt unter sich

Der gestrige Tag war so angefüllt mit schönen, aber auch lustigen Begebenheiten, dass ich heute erst zum Luft holen und Sortieren komme. Ein weniger schönes Erlebnis, das schon etwas skurril, aber symptomatisch für unsere Kleinstadt-Politik ist, möchte ich erzählen.

Nachdem ich den ganzen Vormittag mit einer interessanten Spurensuche für das Stadtarchiv beschäftigt und dabei teilweise in der Stadt unterwegs war, rief mich eine sehr aktive, aber auch äußerst resolute, gerade 80 Jahre alt gewordene Dame aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte an: „Damit Sie informiert sind: Ich habe die Kulturtante unserer Stadtverwaltung gerade eben zweimal telefonisch zusammen- und wieder auseinandergefaltet.“ Das ist an sich nichts ungewöhnliches, denn erstens faltet diese resolute Dame öfter mal jemanden aus der Stadtverwaltung zusammen- und wieder auseinander, und zweitens ist sie mit der seit einem Jahr bei uns arbeitenden Kulturtante schon öfter aneinander geraten.

Der Grund war ein Zeitungsartikel von gestern, also Donnerstag, der auf ein wissenschaftliches Symposium in unserer Kleinstadt hinwies, welches am Sonntag stattfindet. Der Anlass für dieses Symposium ist die Aufhebung der Leibeigenschaft in unserer Gegend vor 200 Jahren. Die Mitstreiterin aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte hatte nach der Lektüre des Artikels die Kulturtante angerufen und gefragt, ob das Symposium öffentlich ist (ging aus dem Presseartikel nicht hervor) und ob es einen Zeitplan für die Vorträge gibt, denn sie wollte gern einige Vorträge hören. Die Kulturtante geriet daraufhin ins Stottern. Nein, das Symposium sei nicht öffentlich, denn es ist verbunden mit einem Festbankett für geladene Gäste und die Stadtvertreter, und wenn jetzt noch spontan jemand dazukäme, dann reiche das Essen nicht. Daraufhin kam dann das „Zusammenfalten“ mit ungefähr folgendem Inhalt: „Wir haben in unserer Kleinstadt einen aktiven Arbeitskreis Stadtgeschichte mit 6 Bürgern, die immer dann springen, wenn die Stadtverwaltung pfeift, thematische Stadtrundgänge durchführen, das Stadtjubiläum durch mehrere Publikationen begleitet haben und immer mal wieder die Ergebnisse ihrer Forschungen in der Öffentlichkeit und in der Presse präsentieren. Wäre es da nicht angebracht, die sechs aktiven Bürger zu so einem wissenschaftlichen Symposium, welches sich mit Geschichte beschäftigt, auch einzuladen? Im übrigen interessiert mich das Festessen nicht, denn ich will einfach nur die Vorträge hören!“

Die resolute Frau hat absolut Recht. So etwas darf in einer demokratischen Gesellschaft nicht passieren. Wir sollten in unserer Kleinstadt froh sein über jeden ehrenamtlich Tätigen, und diese fleißigen Bürger nicht brüskieren, sondern hofieren. Und zwar mehr hofieren als den zu solchen Gelegenheiten stets geladenen Kleinstadt-Adel.

Die Vorbereitungen zu diesem als Symposium getarnten Festbankett verliefen still und heimlich. Es gab im Frühjahr mal einen Artikel über geplante Aktivitäten zum Jubiläum der Aufhebung der Leibeigenschaft. Im Sommer gab es ein Sommerfest für alle Einwohner und Kinder mit lockerem Bezug zu diesem Jubiläum. Und ein Mitstreiter unseres Arbeitskreises Stadtgeschichte, der auch Funker ist, hatte ein besonderes Funk-Ereignis mit spezieller Funkverbindung und QSL-Karte organisiert. (Dazu war er gut genug, aber als Gast beim Festbankett war auch er offensichtlich nicht erwünscht.) Langfristig hatte ich im Hinterkopf, dass es ein wissenschaftliches Symposium geben sollte, aber irgendwie hatte ich von diesem Symposium nie wieder etwas gehört. Meist gibt es ja vorher Plakate, Pressemeldungen, Internet-Werbung auf der Homepage, vorbereitende Zusammenkünfte im Amt oder interne Rundmails der Stadtverwaltung und persönliche Einladungen (wäre für mich als Stadtarchivarin ja auch angebracht gewesen)- aber diesmal ruhte still der See, so dass ich es angesichts meiner vielseitigen sonstigen Arbeit irgendwie völlig vergessen hatte, dass überhaupt ein Symposium stattfinden sollte.

Es war schon Nachmittag, als ich einen sehr unauffälligen weißen Zettel las, den mir eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung auf der Straße eilig zugesteckt hatte, als ich gerade in Sachen Stadtgeschichte unterwegs war. Den Zettel sollte ich öffentlich aushängen. Siehe da, auf dem eilig geschriebenen Zettel war der Ablaufplan des Symposiums, jedoch wieder ohne Zeiten für die einzelnen Vorträge, mit dem Hinweis, dass die Veranstaltung öffentlich ist. Sonst gib es immer zwei bis drei Wochen vor so einem Event große Plakate mit (seit die neue Kulturtante am Ruder ist) knalligen Farben. Als ich im Internet auf der Unterseite „Veranstaltungen“ unserer Kleinstadt nachschaute, fand ich auch einen zeitlich nicht genau definierten Ablaufplan mit dem Hinweis, die Veranstaltung sei öffentlich. Das Wort „öffentlich“ schien hier nachträglich schnell eingefügt worden zu sein, denn es fehlten Leerzeichen. Allerdings sind wichtige Veranstaltungen unserer Kleinstadt sonst immer schon auf der Startseite unserer Homepage zu finden, deshalb schaut eigentlich kaum jemand unter der Rubrik „Veranstaltungen“ nach. Und was nützt es, Veranstaltungen – ob kurz- oder langfristig – als öffentlich zu deklarieren, wenn man sie nicht ausreichend vorher öffentlich bewirbt?

Fazit meiner resoluten Dame: „Die sollen ihr elitäres Festbankett mal schön allein essen. Ich bin nicht interessiert, die Aufhebung der Leibeigenschaft zu feiern, denn schließlich hat dieselbe adlige Familie, die die Leibeigenschaft in unserer Gegend aufgehoben hat, diese Menschen verachtenden Verhältnisse ja auch irgendwann eingeführt! Und wenn noch einmal jemand fragt, ob ich in stadtgeschichtlicher Mission tätig werde – springe ich nicht! Denn ich bin ja frei und nicht leibeigen.“ Ein anderer ehrenamtlicher Mitstreiter aus dem Arbeitskreis, der mich an diesem Tag auf stadtgeschichtlicher Spurensuche begleitete und deshalb das Geschehen live miterlebte, sagte spontan zu mir: „Hattest du nicht vor, dich woanders zu bewerben! Tu das! Wenn das hier so weiter geht, wirst du nicht glücklich sein!“ Recht hat er eigentlich. Ohne Ehrenamt geht es nicht, und wie soll ich weiterhin Ehrenamtliche werben, wenn die Stadtverwaltung diese Menschen so brüskiert?

Und wenn ich jetzt noch einmal den Text überfliege und über diese Geschichte nachdenke, hoffe ich nur, dass für diese elitäre Sause keine Fördermittel aus öffentlicher Hand geflossen sind!

Suppenstammtisch

An langen Öffnungstagen ist mir die Mittagspause heilig. Ich brauche dann etwas Vernünftiges zu Essen und möchte auch mal die Bibliothek verlassen. In der ersten Zeit gab es an meinem Arbeitsort nicht sehr viele Möglichkeiten, schnell etwas Vernünftiges zu finden, was meinen Magen füllt und mich bis abends satt hält. Nur Döner- und Frittenbuden, einen Chinesen, bei dem man ewig lange auf das Essen warten musste und ein Lokal mit günstiger, schmackhafter Hausmannskost, was aber ständig überfüllt war. Oft brachte ich mir Essen von zu Hause mit, was ich dann in der Bibliothek verzehrte.

Eines Tages hatte ich in der Mittagspause wieder mal das „Du brauchst Tapetenwechsel“ – Syndrom und ging in das Café gegenüber. Dort saß schon meine Büronachbarin, die ich nur flüchtig kannte. Sie arbeitet für eine Hausverwaltung. Veronika, die Wirtin, schmierte uns belegte Brötchen und wir plauderten nett. Von nun an trafen wir uns einmal wöchentlich im Café. Veronika wurde immer kreativer darin, uns zu verwöhnen: mal Würstchen mit Kartoffelsalat, mal etwas Überbackenes, mal Pizzaecken und immer wieder kreative Suppen mit Gemüse aus dem eigenen Garten.

Eines Tages ergab es sich, dass die Sekretärin einer Landtagsabgeordneten mir Material zum Aushängen bringen wollte. „Wenn ich nicht mehr in der Bibliothek bin, dann sitze ich im Café gegenüber“, sagte ich vorsichtshalber, damit sie nicht vor verschlossener Tür steht. Sie war sofort interessiert: „Darf ich mich anschließen?“ Auch sie sitzt die meiste Zeit allein im Büro. Nun waren wir zu dritt und blieben es auch.

Vor einem Jahr eröffnete ein neues, kleines Lokal in meinem Arbeitsort – ein Suppenstübchen. Dort wird jeden Tag eine kreative, leckere Tagessuppe gekocht, die man wahlweise mit oder ohne Fleischeinlage bestellen kann. Dieses Suppenstübchen wurde der zweite Anlaufpunkt für unser Trio. Jeden Dienstag treffen wir uns dort und donnerstags sind wir im Café, genießen das Essen und erzählen uns unsere alltäglichen Sorgen. Es tut gut, mal Dampf abzulassen, wenn zum Beispiel die Hausverwalterin einen unsinnigen 2-Tage-Workshop besuchen muss, während sich in ihrem Büro die Arbeit stapelt, wenn die Sekretärin einen großen, schweren Ballen Kostümstoff sinnlos durch die Gegend schleppt, der dann doch nicht gebraucht wird oder wenn meine neue Stadt-Kulturtante mir erklären will, wie man Flyer auf Kante stapelt. Es ist einem gleich viel wohler, wenn die anderen verständnisvoll zuhören oder wenn man gemeinsam Witzchen darüber machen kann. Zu beobachten ist, dass in dieser Runde besonders dann viel und herzlich gelacht wird, wenn der Arbeits-Stresspegel steigt. Alle drei sind wir Einzelkämpferinnen (ich war es jedenfalls, bis der Bufdi kam). Alle drei haben wir laufenden Kundenverkehr und daneben viel parallel zu organisieren. Manchmal haben wir sogar beruflich miteinander zu tun: Wenn in meiner Bibliothek oder im Büro der Landtagsabgeordneten die Tür klemmt, ist die Hausverwalterin beispielsweise zuständig. Wenn die Sekretärin Plakate oder (ordentlich übereinander zu stapelnde) Flyer vorbeibringt, dann tut sie das auch in unseren Einrichtungen. Oder die Landtagsabgeordnete und ich organisieren gemeinsame Veranstaltungen und ihre Sekretärin muss sie koordinieren. Dennoch versuchen wir, Berufliches aus unserer Suppenstammtisch-Runde möglichst rauszuhalten und die Pause fröhlich zu genießen. Lecker ist es fast immer!!!