Achtung! Künstler im Anmarsch!!!

Der Dienstag nach einem langen Wochenende. Ich freue mich auf einen ruhigen Arbeitstag im Stadtarchiv, denn die Bibliothek lockt gerade down. Unendlich vieles ist im Archiv zu sichten, zu erschließen, zu verschlagworten (ich liebe dieses wort) und neu zu ordnen. Außerdem bastle ich mmer mal an meinem stadtgeschichtlichen Vortrag, den ich auf einer virtuellen Tagung halten soll.

Morgens, nach der obligatorischen Blumen-Gieß-Runde, flutscht es ganz gut. Einige Ordner mit Bauakten sind gesichtet und erschlossen – wunderbar.

Gegen zehn Uhr bewege ich mich wieder aus der Unterwelt hinauf in die Höhen der Bibliothek. Ich schließe schon mal die Tür auf, damit Christina, meine ehrenamtliche Helferin, gleich reinrutschen kann. Sie wollte sich Verpackungsmaterial holen. Und ich hatte ihr und mir selbst eine Kaffeepause auf dem sonnigen Hof versprochen.

Während ich, auf Christina wartend, etwas in der Bibliothek herumsortiere, rutschen zwei Leser rein. Als sie schon in der Bibliothek standen, fragten sie vorsichtshalber mal nach: „Ist denn überhaupt geöffnet?“ Tja, Schließschilder an der Tür sind in dem Moment Schall und Rauch, wenn die Tür mal fünf Minuten aufgeschlossen ist. Da ich weiß, dass die Leser aus dem am weitesten entfernten Dorf unseres Amtes kommen, nehme ich die Bücher von ihnen zurück und gestatte ihnen, sich schnell neue auszusuchen. Sie verschwinden im Roman-Raum und Christina steht in der Tür. Wir machen kurze Dienstberatung und schwatzen etwas, darauf wartend, dass die Leser nach ganz schnellem Aussuchen der Bücher wieder gehen und wir unseren Kaffee auf den Hof trinken können. Doch die Leser bleiben im Romanraum und rühren sich nicht.

Dann klingelt das Telefon. Eine Frau vom Kulturverein kündigt an, dass die Künstlerin, die die nächste Ausstellung bestückt, statt in einer Woche schon heute aufbaut, denn sie hat gerade heute mal Hilfe. In einer dreiviertel Stunde würde sie kommen. Ob das ginge? Im Prinzip ja, antwortete ich, aber dann müsse die Künstlerin auf den für nächste Woche bestellten Hausmeister als Hilfe verzichten. „Wieso denn das?“ – „Der Hausmeister betreut insgesamt vier Häuser und etliche Grünanlagen. Bei uns ist er turnusmäßig nur donnerstags im Hause. Für den Aufbau der Ausstellung habe ich ihn auf Wunsch der Künstlerin für den nächsten Dienstag ausnahmsweise einbestellt. Bei solchen spontanen Aktionen wie heute kann ich ihn aber nicht aus seiner anderen Arbeit herausnehmen.“ Hm, dann muss es wohl ohne gehen, meint die Kulturvereins-Frau.

Zum Verständnis vielleicht folgendes: Die Bibliothek teilt sich den großen Veranstaltungssaal mit dem Museum und dem Kulturverein. Die Mitglieer des Kulturvereins haben es übernommen, ehrenamtlich die Ausstellungen zu betreuen. Das Ausstellungs-Jahresprogramm wird gemeinsam mit allen Beteiligten abgestimmt. Die jetzt ausstellende Künstlerin zeigt ihre Werke annlässlich ihres 80. Geburtstages – diese Ausstellung war ein Wunsch aus dem Museum.

Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, schaue ich zu den Lesern, die nun schon mehr als eine Viertelstunde im Roman-Raum verweilen. Der Mann hatte es sich mit einem Buch in der Sitzecke bequem gemacht. Ich bitte die Leser, sich doch möglichst zu beeilen und erinnerte sie daran, dass wir ja eigentlich geschlossen haben und nur freundlicherweise spontan ihnen eine schnelle Ausleihe ermöglichen. Die Frau reagiert sofort und kommt mit ihren Medien an die Theke. Als ich sie schon abgefertigt hatte, Beleg war gedruckt, kommt der Mann gaanz laaangsam hinterher und will sein Buch, in dem er sich bereits festgelesen hatte, auch noch verbucht haben. Tief Luftholen, freundlich bleiben, lächeln – und tschüß!!!

Nun suche ich im Lager für Christina die Verpackungsmaterialien zusammen, während sie uns den Kaffee kocht. Wir schaffen es gerade, unseren Kaffe auf dem sonnigen Hof auszutrinken und hatten noch nicht mal ein wichtiges To Do besprochen, als es an der nun wieder geschlossenen Tür klingelt und die Künstlerin mit ihrer Helferin Einlass begehrt.

Erste Frage: „Wo ist der Hausmeister?“ Ich erkläre der Künstlerin, einer achtzigjährigen Dame, dass der Hausmeister zum ursprünglichen Termin am 4. Mai gern zur Verfügung gestanden hätte, dass wir aber soo spontan leider nicht umdisponieren können. Das wird naserümpfend zur Kenntnis genommen. Nun betritt die Künstlerin den Ausstellungssaal, der gleichzeitig als Touristinfo und Veranstaltungssaal dient. Ein kritischer Blick umfasst den gesamten Saal, dann ging es los: „Die Flyerständer müssen raus.“ Okay, es ist ja Lockdwon, so schnell wird wohl kein Tourist hier aufschlagen. „Die Tische müssen raus.“ Da geht das Verhandeln schon los. Ergebnis: zwei Tische dürfen raus und zwei bleiben drin, denn der Raum wird auch mal für Dienstberatungen genutzt. Als nächstes visiert der kritische Künstlerinnen-Blick die große Theke. „Kann die hinter die Schränke geschoben werden?“ Nein, kann sie nicht, denn dort stehen schon die Stühle aufgestapelt und die Theke wird auch manchmal gebraucht. Zwar nicht als Theke, aber zu anderen Zwecken. Und die Theke ist so groß, dass sie stört, egal wo sie steht. Dann fällt der Weg auf die Bühne. Dort stehen zwei gemütliche Korbsessel mit bunten Kissen. Die werden sehr kritisch beäugt. Dann hebt die Künstlerin einen Sessel von der Bühne. „So ist es besser!“ Inzwischen hat sich Christina weise vorausschauend unauffällig verdünnsisiert und die Kulturvereins-Frau war gekommen. Ich helfe nun etwas tragen und lasse die Künstlerin und ihre beiden Helfer dann allein weitermachen. Ich verziehe mich ins Archiv und springe nur hinzu, wenn etwas gebraucht wird. Irgendwann gegen Eins verschwindet die Kulturvereins-Tante, die ja ebenso wie ich mit dieser Aufbau-Aktion spontan überfallen worden war.  Und so gegen halb drei muss die Helferin dann auch leider gehen. Zwischendurch rief noch eine Leserin an, eine alleinerziehende Mutter mit Kind, welches beschäftigt werden will. Ich wusste, dass ich mich auf diese Leser wirklich verlassen konnte, ließ sie rein und fertigte sie wirklich schnell ab.

Danach schaue ich zur Künstlerin rein, die nun allein vor sich hin wurschtelt. Als mein Blick auf die Bühne fiel, standen wieder beide Korbsessel oben, aber ohne die bunten Kissen. Auf meine Frage nach dem Warum erhalte ich einen Vortrag über die hässliche Aufdringlichkeit der bunten Kissen, die den Saal dominiere. Ich lasse das kommentarlos an mir abprallen, habe keine Lust auf künstlerische Auseinandersetzungen, von denen ich anscheinend nichts verstehe, und frage nur kurz: „Wo sind die Kissen jetzt?“ – „Die habe ich in einen Schrank gestopft.“, so die Antwort im sehr verächtlichem Tonfall.

Über Kunst kann man trefflich streiten. So hässlich, wie die Künstlerin die bunten Sesselkissen findet, so hässlich finde ich die meisten ausgestellten hageren Terrakotta-Gestalten der Künstlerin. Ich kann mit ihnen einfach nichts anfangen. Das ging mir aber auch schon mit ihren früheren Werken so. Sie hat immer mal in unserer Gegend Ausstellungen, aber ich konnte mich nie für ihre Kunstobjekte begeistern. Die Farben und Materialien finde ich schön, aber die Figuren – naja … Aber ich kommentiere nichts und begebe mich nun in die Rolle der helfenden Hand. Da musste hier mal eine Aufhängung gezogen werden, dort mal etwas angepasst werden. Nebenbei bekomme ich eine Vorlesung darüber, was Kunst überhaupt ist und dass sie laut Kokoschka immer im Auge des Betrachters passiert. Da wäre ich nie drauf gekommen … Neben den Skulpturen lehnt noch eine Auswahl von Reliefs an der Wand, die mir ebenfalls nichts sagen. Neben den Reliefs hängen vier Medaillen. „Die habe ich mal für den FDGB angefertigt!“, verkündet die Künstlerin stolz. Hm. Auch hier springt bei mir kein Funke über. Einige Keramiken, diese allerdings nur auf Postern, gefallen mir dann wieder. Jedenfalls halte ich mich mit jeglichem Kommentar zurück und die Künstlerin fragt auch nicht nach meiner Meinung. Zum Glück.

Schließlich deutet sich so gegen Drei so etwas wie ein Aufräumwille an und die Künstlerin erklärt mir, sie müsse ja noch in die Stadt. „In welche Stadt?“, frage ich nach. Es handelt sich um die 15 km entfernt liegende Großstadt. Vorher müsse die Künstlerin aber noch einen Brief abschicken. Ob ich denn einen Kopierer hätte? Dann könne sie sich schon einen Gang sparen. Ich kopiere ihr die gewünschten Materialien. Sie hatte einen Brief an ihren Bruder geschrieben und bereits versandfertig verklebt. Den öffnet sie nun wieder und will ihn ebenfalls kopiert haben. „Mein Bruder ist Schriftsteller und der nimmt immer jedes Wort auseinander. Deshalb muss ich hinterher noch wissen, was ich ihm schrieb.“ Sie behält das Original und stopft die Kopie in den Umschlag. Ich wundere mich zwar, sage aber nichts. Meine Arbeitszeit war bereits überschritten, mein Feierabend-Bus war schon abgefahren und ich bete inständig im Stillen, dass man mich endlich von dieser Frau erlöesn möge. Sie tüdelt noch hier und tüdelt da, macht den Briefumschlag dreimal auf und klebt ihn wieder zu, erzählt noch etwas mit mir. „Kommt Frau R. auch zur Vernissage?“ Mühsam überspielte ich meinen Schrecken. Vernissage? Hatte nicht eben noch die Kulturvereins-Tante bestätigt, dass es pandemiebedingt keine Vernissage geben wird? Wie denn auch. Mit Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln und Veranstaltungsverbot nahezu unmöglich. Ich hielt mich zurück, sagte nur sowas wie „weiß nicht“. Kurz vor Vier bin ich sie dann endlich los.

Ich mache erstmal eine Runde durchs Haus, alle Türen zu, alle Lichter aus, alle Fenster zu und stehe noch eine Weile vor den Terrakotta-Skulpturen, deren Sinn sich mir einfach nicht erschließen will. Dann schreibe ich noch eine Mail an den Hausmeister, dass sich der Termin am 4. Mai erledigt habe, er aber dafür übermorgen von der Künstlerin gebraucht werde.

Als ich schon fast zum nächsten Bus will, fallen mir siedend heiß die Kissen ein. Wo hatte sie die hingetan? Die beiden schwarz-weiß-goldenen fand ich schnell auf der Erde liegend, aber die beiden schwarz-weiß-roten bleiben verschwunden.

Nun muss ich zum Bus und verriegele das Haus.

Am nächsten Tag stelle ich das ganze Haus auf den Kopf und suche nach den beiden bunten Sesselkissen. Sie waren und blieben verschwunden. Ich schiebe Panik. Ich bin nahe am Heulen. Mir ist schlecht. So kenne ich mich sonst nicht.  Aber nix zu machen, nix zu finden. Spurlos verschwunden. Ich mache mir dann erstmal einen Kaffee und setze mich auf den sonnigen Hof. Unruhiger Gedankenkreisel. Was, wenn sie die Kissen entsorgt hat? Bis zu diesen Sesseln mit genau diesen Kissen war es ein elend langer Entscheidungsweg gewesen. Genau diese Sessel mit genau dieses Kissen waren eine Einzelanfertigung. Sie waren „abgesegnet“ worden vom Architekten, vom Bauamt, vom Bürgermeister und von der Museumsleiterin und von mir. Sie waren von Fördermitteln bezahlt worden. Was, wenn die Kissen wirklich weg sind?

Bei meiner Panik hilft nur Bewegung. Ich nehme mir vor, ein Archivregal umzuräumen, welches ich schon immer umräumen wollte. Ich vertiefe mich schließlich so sehr darin, dass die Kissen allmählich in den Hintergrund rutschen. Dennoch suche ich kurz vor Feierabend noch einmal das ganze Haus ab. Die Kissen bleiben verschwunden. Ich schreibe der Kulturvereins-Tante eine Mail, sie weiß auch nichts. Wozu steht sie denn da und betreut die Künstler??? Einmal mehr ist das ein Grund, auf den lange fälligen Kooperationsvertrag mit dem Kulturverein zu bestehen, in dem genau festgelegt ist, was Kulturverein und Künstler dürfen und was nicht. Der „gute Onkel Bürgermeister“ hielt so etwas für einen Vertrag bisher nicht für nötig. Wir lieben uns doch alle. Wozu dann ein Vertrag.

Dann fahre ich nach Hause und mache einen groooßen Gang in  der Sonne, um den Stress durch Bewegung abzubauen. Das hilft immer.

Am nächsten Tag, pünktlich um Zehn, steht der Hausmeister rauchend vor der Tür, die Kulturvereins-Tante kommt und das Künstlerinnen-Auto rollt an. Unumwunden gleich als erstes meine Frage: „Wo sind die Kissen?“ Da geht die Helferin fröhlich zu einem hölzernen Flyerständer mit vielen offenen und geschlossenen Fächern, öffnet das kleinste Seitenfach ganz unten und zieht die Kissen raus. Puh!!! Ganze Felsbrocken fielen mir von der Brust. Da hätte ich sie laut der Aussage „In irgendeinen Schrank gestopft“ nun wirklich nicht vermutet. Ich verfluchte wieder mal den Innenarchitekten. Der hatte überall, wo es passte und wo es nicht passte, lauter kleine Fächer installiert, dabei aber, nebenbei bemerkt, vergessen, dass ich große Fächer für Ordner gewünscht hatte. Mehr als die Hälfte dieser lauter kleinen Fächer benutze ich nie.  Der betreffende Flyerständer stand so abseits in der Ecke, dass ich nie darauf gekommen wäre, dass sie ausgerechnet dorthin, in das unterste, kleinste Fach, die Kissen stopft. Ich atmete dreimal tief ein und aus. Immer lächeln.

Schließlich hatte ich ja auch schon schlimmere Künstler-Umgestaltungs-Orgien. Ich erinnere mich nur an die Seencard-Box mit lauter kleinen Flyern, die einmal monatlich von einer Firma bestückt wird und die dummerweise bei uns auf einer Staffelei steht. Tja, wie Künstler so sind: Staffelei = Kunst, Seencard-Box =überflüssiger Kommerz = kann weg. Das ging dreimal mit derselben Kulturvereins-Tante, aber mit unterschiedlichen Künstlern so. Beim dritten Mal platzte mir derart der Kragen, dass ich ein fürchterliches Donnerwetter veranstaltete. Ich wurde fortan von den beiden betreffenden Wessi-Künstlern wie eine Geisteskranke schräg angesehen und mit Samthandschuhen angefasst. 🙂 Das war mir egal. Inzwischen hat die Kulturvereins-Tante wohl dazugelernt, denn die Seencard-Box hat die jetzige Künstlerinnen-Invasion jedenfalls unbeschadet überlebt. Ach, Kunst kann sooo aufregend sein!!! Und sie liegt immer im Auge des Betrachtet. Manchmal führt sie zur Selbstbetrachtung. Ich glaube, ich bin ein Kunstbanause. Und ich stehe dazu. 🙂

Gedanken-Flug zu meinen Ahnen

Heute traf ich eine ehemalige Buchhändlerin, die mit über 90 Jahren ihren Rollator tapfer durch die Gegend schiebt und ihre Einkäufe noch selbst erledigt. Damals in den 1980er Jahren, in der Buchhandlung, war sie als Drache gefürchtet, der eisern regierte und auf der heiß begehrten Bückware saß und noch nicht einmal in die Bibliothek etwas davon lieferte. Da wurde um jedes Buch gefeilscht. Mit unseren privaten Wunschlisten war es noch schwieriger. Ich halte noch heute die mühsam erbeitete Prachtausgabe der „Geschichten aus 1001 Nacht“ in Ehren.

 Aber Menschen ändern sich. Im Alter baute sie einen großen Freundeskreis auf und bildete sich weiter, unter anderem in einem Englischkurs, den ich als Hobby bis 2008 leitete. Dort war sie diejenige, die den Kurs zusammenhielt, sich um kranke Teilnehmer kümmerte, die Geburtstagsliste führte und, damals noch mit eigenem Auto, Fahrdienste übernahm.  Aus dieser Zeit kenne ich sie als sozial  agierende, hilfsbereite und freundliche Frau.

Auf dem Rückweg vom Supermarkt gingen wir zusammen ein Stück des Weges und freuten uns gemeinsam über die herrliche Mittagssonne. Irgendwann erwähnte sie ihren Sohn, der Förster ist, aber nun auch langsam auf die Rente zusteuert. „Wo ist er Förster?“, fragte ich. Die Antwort war verblüffend. Dort, wo er Förster ist, übrigens an einem geschichtsträchtigen Ort, im ehemaligen Staatsjagdrevier von Erich Honecker, war um 1900 mein Urgroßvater als Förster in großherzoglichen Diensten. Meine Gesprächspartnerin freute sich sehr und wird ihrem Sohn davon erzählen. Vielleicht ist er an alten Fotos aus meiner Familie interessiert und es ergibt sich ein Austausch.

Ich dachte über diese Försterfamilie und ihr Leben an einem sehr abgelegenen, aber sehr idyllischen Ort in der Nähe eines tiefblauen, klaren Sees nach. Was fiel mir spontan, noch während des Gespräches ein? 13 Kinder, die Hälfte davon noch im Kindesalter an der Diphterie gestorben. Darunter Drillinge, von denen nur ein Mädchen überlebte, das zeit ihres Lebens fast taub blieb. Und zwei Söhne, die ebenfalls Förster geworden sind. Ein Sohn, mein Großvater, wurde Gärtner. Sofort habe ich auch die alten Fotos vor Augen. Meine Urgroßeltern, das Förster-Ehepaar, im Alter von vielleicht um die 50. Feiernde Familie an einer Tafel vor dem Försterhaus. Meine Urgroßmutter im Alter, streng in Schwarz gekleidet, mit Mutterkreuz. Und mein Großvater mit seinen Hunden. Meine Urgroßeltern habe ich nie kennengelernt. Meine Großeltern mütterlicherseits sind auch vor meiner Geburt aus dieser Welt gegangen. Aber ich kenne noch einige Cousins und Cousinen meiner Mutter, die mir vieles erzählten. Und ich erlebte als Kind die fast taube Tante Else mit ihrem großen Hörrohr, über die in der Familie noch viele tragisch-komische Geschichten kursieren. Das große Hörrohr sah ich übrigens vor wenigen Jahren wieder, ein Cousin meiner Mutter, der in meinem Arbeitsort lebt, hatte es aufgehoben.

Worüber ich aber gerade am intensivsten nachdenke, ist folgendes: So viele Menschen starben damals an der Diphterie und an anderen grassierenden Krankheiten. So viele Eltern mussten völlig hilflos ansehen, wie ihre Kinder dahinsiechten und starben. Auch 1945, in Zeiten der Not nach dem Krieg, starben viele Menschen, darunter auch vorfahren aus meiner Familie väterlicherseits, an Diphterie oder Typhus. Und wir regen uns heute auf über Maskenpflicht, Ausgangssperre, mrnA-Impfungen, Lockdowns und dergleichen. Eigentlich jammern wir doch auf ziemlich hohem Niveau, oder?

Was ist wahr und was nicht?

Es ist eine anstrengende Zeit, die mich auffordert, genau hinzuschauen. Viele Leute erzählen vieles. Aber was davon ist wahr? Oder besser gesagt, was davon erkenne ich als meine momentane Wahrheit an? Womit gehe ich konform und womit nicht? Da sind alle meine Sinne, all mein Bauchgefühl, all meine Intuition gefragt.

Momentan wird ja die Impf-Frage heiß diskutiert. Da stellt sich die Frage: Was ist für mich richtig? Ich kann nicht behaupten, absolute Impf-Gegnerin zu sein, aber ich bin auch nicht sehr impffreudig. Ich versuche, mein Immunsystem auf andere, vielfältige Weise zu stärken und kann stolz verkünden, dass ich seit meinem Studium noch nie eine Krankschreibung bei meinen jeweiligen Arbeitgebern abgeliefert habe. Klar gab es die jährlichen grippalen Infekte, aber mein Körper zog es vor, mich damit immer an Wochenenden und Feiertagen lahmzulegen. Auf diese Weise fiel mal Ostern, mal Pfingsten und mal Silvester ins Wasser bzw. ins Bett. Seit der Pandemie fielen sogar diese Infekte ersatzlos aus. Lediglich eine von Jahr zu Jahr immer leichter werdende Frühjahrs-Pollenallergie bringt meine Nase gelegentlich etwas zum Tropfen.

Meine laut DDR-Impfausweis letzte reguläre Impfung bekam ich mit ca. 16, wonach mir so schwindlig wurde, dass ich mich noch im Gesundheitsamt erstmal für eine Weile auf die Pritsche legen musste. Seitdem verdrängte ich den Gedanken an jegliche Impfungen total, bis es meiner Hausärztin (die ich nur aufsuchen musste, wenn ich eine Überweisung zum Augenarzt brauchte) auffiel, dass ich keinen I-Schutz habe. Da ließ ich mich dann mal überreden, eine 4-fach-Impfung über mich ergehen zu lassen, was ich auch sehr gut vertrug. Aber dieser I-Schutz müsste schon seit einem Jahr wieder erneuert werden … Für mich habe ich entschieden, das jetzt nicht erneuern zu lassen und auch sonst keine Impfung vornehmen zu lassen. Das ist meine momentane Wahrheit. Das heißt aber nicht, dass ich damit missionieren muss und dass diese Wahrheit unumstößlich ist. Es ist halt momentan so gut für mich.

Meine über 80jährigen Eltern haben eine andere Wahrheit. Sie gehen jährlich zur Grippeschutzimpfung und warteten sehnsüchtig auf ihre C-Impfung. Ich weiß, dass sie ihren eigenen Kopf haben – und den sollen sie auch behalten. Was ich tun konnte, war lediglich, sie immer breit und aktuell zu informieren, über alle Impfstoffe, alle Nebenwirkungen und so weiter. Ich bevorzugte dazu sachliche Infos ohne Panikmache. Meine Eltern blieben dabei. Sie warteten sehnsüchtig auf ihre Impfung, weil sie endlich wieder unter Menschen sein möchten und sehnsüchtig darauf warten, mal wieder ins Konzert gehen zu können, Gruppensport zu machen oder zu reisen, und sei es auch nur im eigenen Bundesland für einige Tage an die Ostsee.

Eines Tages unterhielten sich meine Eltern mit Nachbarn, die Q- oder genauer gesagt, teilweise Richtig-Denker sind. Die Nachbarin arbeitet in einem Pflegedienst. Da das I-Thema gerade Thema Nr. 1 ist, fragten meine Eltern: „Und sind Sie schon geimpft?“ Meine Eltern ernteten einen Sturm der Entrüstung und einen flammenden Missionier-Vortrag. Impfen sei tödlich, es sei alles ein gigantisches Experiment, Bill Gates verdiene sich dumm und dämlich – und so weiter. Die volle Bandbreite. Meine Eltern waren ganz entrüstet, als sie mir das erzählten.

Als meine Eltern die Einladung zum Impfen erhielten, hängten sie sich donnerstags sofort 50 Minuten lang in die telefonische Warteschleife und vereinbarten sofort einen Termin für den Montag darauf. Das einzige, was ich jetzt noch tun konnte, war, darauf zu bestehen, dass sie auf ein Arztgespräch nicht verzichten. Ansonsten konnte ich sie jetzt nur bestärken, denn wenn man sie in Angst und Schrecken versetzt, wirkt sich das negativ auf den ganzen Körper aus und führt vielleicht wirklich zu unerwünschten Nebenwirkungen. Sie haben sich nun mal für sich so entschieden, also trage ich die Entscheidung in allen Konsequenzen mit und unterstütze sie, so gut es geht. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich schon mindestens zehn 80+-Leute, die die Impfung gut vertragen haben und denen dadurch viele Ängste genommen wurden.

Die Impfung ging glatt, mit üblichen kleinen Nebenwirkungen, die schnell verflogen. Meine Eltern sind wesentlich entspannter in all ihren Kontakten, wobei sie schon die AHA-Regeln einhalten. So konnten wir gestern den 82. Geburtstag meines Vaters in fröhlicher Kernfamilie feiern.

Eine Woche nach ihrem Impftermin besuchte ich meine Eltern zu unserem üblichen Sonntag-Kaffeekränzchen. Zwei Stunden lang saßen wir in der kleinen Veranda fröhlich beisammen und ich freute mich sehr darüber, dass es meinen Eltern so gut geht. Abends zu Hause machte ich dann meine übliche Blog-Runde, flog virtuell mal kurz hierhin und mal dorthin. Immer auf der Suche nach erbaulichen Nachrichten, die der Seele gut tun. Ich beteilige mich zwar weniger als sonst aktiv selbst an Diskussionen, aber ich lese immer noch gern mal überall wenigstens quer. Bei diesem entspannten Rundflug traf mich die hammerharte Keule. Eine Bloggerin, die sich für so eine Art Mittelpunkt der spirituellen Szene hält, teilte ein Video, in dem ein Arzt seine persönliche Wahrheit kundtut. Man solle sich fern halten von frisch geimpften Personen, denn sie würden das Virus verbreiten und jeder Kontakt mit ihnen könne tödlich enden. Genau das Erbauliche, was ich nach einem zweistündigen Aufenthalt mit zwei frisch geimpften Personen in einer kleinen, gemütlichen Veranda gerade brauchte. Nachdem ich mein Bauchgefühl befragte, hatte ich dennoch eine ruhige Nacht. Später sah ich, dass der Beitrag durchaus nicht einhellig bejubelt wurde, und dass die Bloggerin sich genötigt sah, noch einmal einen nachdrücklichen Nachschlag zu liefern. Aber das ist ihre Wahrheit, und wenn sie der Meinung ist, diese so vehement zu verbreiten „ohne zu missionieren“, wie sie immer betont, dann soll es eben so sein. Muss mich aber nicht weiter tangieren.

Nachdem meine Eltern für sich selbst froh und glücklich sind, sehen sie das Thema dennoch differenziert. Ich bin sehr froh, in einer Familie zu leben, in der es nicht nur schwarz-weiß gibt, sondern in der man alles von allen Seiten beleuchten kann. Bei unserem wöchentlichen Familien-Videochat wurde uns die neue Freundin meines Neffens vorgestellt, eine angehende Ärztin. Und die verkündete fröhlich: „Ich wurde geimpft!“ Mir stockte der Atem und ich konnte nur noch die Frage rausbringen: „Biontech?“ – „Ja!“, war die fröhliche Antwort. Puh!!! Meine Eltern, die den selben Impfstoff intus haben, reagierten auch besorgt, denn schließlich will die junge Freu vielleicht noch Kinder kriegen. Einige Tage später hatte ich die Gelegenheit, zufällig mit meinem anderen Neffen darüber zu sprechen. Es war das erste Mal, dass wir beide das I-Thema berührten. „Ich hätte sie für intelligenter gehalten.“, so der trockene Kommentar. Er und seine Freundin wollen sich vorerst nicht impfen lassen. So muss jeder seine persönliche Wahrheit zu diesem Thema suchen und finden. Diese Wahrheit kann man keinem aufzwingen. Hier gilt der freie Wille und das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.   

Waten im Sumpf

Es fing vor vier Tagen an. Man hinterbrachte mir, dass meine berufliche Lieblings-Sparringpartnerin gegangen wurde und sich demnächst aus der Arena meiner Erfahrungen verabschieden wird.

Zunächst staunte ich ungläubig, denn das hätte ich wirklich nie für möglich gehalten. Denn diese Kollegin war jahrzehntelang der absolute Kleinstadt-Star am Museumshimmel gewesen. Sie konnte die abstrusesten Dinge verwirklichen – alles wurde ihr abgenommen und beifällig beklatscht, auch wenn es nur bei Wikipedia gegoogelt war. Sie war so mächtig, dass sie mit ihrem Einfluss fachlich und menschlich sehr gute Kollegen wegbiss oder sich mit deren Ideen erfolgreich selbst präsentierte. Ich empfand sie immer als einen Energie-Vampir, so wie von dunklen Mächten ferngesteuert. Einerseits liebreizender blonder Engel, andererseits schwarze Magierin. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit war felsenfest glorifiziert. Und nun wird ihr nach Jahrzehnten Honorartätigkeit mühsam erschlichener fester Vertrag nicht verlängert??? Wow. Was für ein Wandel!!! Da konnte ich wirklich nur staunen und – was sonst wirklich sehr selten passiert – mir abends in stiller Freude ein Gläschen Sekt genehmigen. 🙂 Möge sie in Frieden gehen. Ich segne sie und bin dankbar für die Lebens-Erfahrungen, die mir durch sie zuteilwurden.

Aber sie ging nicht in Frieden, was eigentlich vorauszusehen war. So einen lukrativen, machtvollen Posten mit automatischem Glorienschein inklusive gibt man nicht einfach kampflos her, auch wenn man beim Chef in Ungnade gefallen ist. Als ich gerade meine Post in der Stadtverwaltung erledigte, wurde ich in ein Büro gerufen und mir wurde ein Brief vorgelegt, der es in sich hatte. Die noch andauernde stille Freude wich beim Lesen einem zähen Sumpf, der mich zu verschlingen drohte. Die gegangen wordene Kollegin präsentierte sich als Opfer eines einzigen Mannes, der ihrer Aussage nach seit Jahrzehnten ihre ach so glorreiche, in diesem Brief selbst vielfach gelobte Arbeit sabotiere. Der derart Angeklagte selbst hatte mir diesen Brief zu lesen gegeben, den sie, das selbst ernannte Opfer, an alle Stadtvertreter gerichtet hatte. Der arme Angeklagte hatte da schon eine schlaflose Nacht hinter sich, was ich gut nachvollziehen konnte, denn ich war ja auch schon mehrfach durch diese Person angeklagt worden, was ihr jedes Mal geglaubt wurde.

Ich tröstete den Angeklagten so gut es ging und versprach auch, mit einer befreundeten Stadtvertreterin zu reden. Während des Gesprächs erinnerte der Angeklagte mich an zahlreiche Mails, in denen ich von dieser Person angegriffen wurde. Da staunte ich wieder. Ja, stimmt, so war es. Und daran erinnert er sich noch??? Ich hatte das schon längst zu den Akten gelegt. Erst anderthalb Stunden später verließ ich die Stadtverwaltung und fühlte mich abgeschlagen und schwer wie Blei, so als ob ich wirklich einen großen Sumpf durchwatet hätte. Meine stille Freude war weg, statt dessen Müdigkeit, Mitleid mit dem Angeklagten, der es wirklich nicht verdient hat, und Hineinspüren in das Um-sich-schlagen einer verzweifelten Frau, die alle ihre Macht, ihren Einfluss und ihre gesicherte Einnahme zerrinnen sieht und mit der die fast-Vollmond-Energien komplett durchgegangen sind.

Nachmittags hatte ich einige Bibliotheksbesucher, die mich etwas wieder zu mir kommen ließen. Aber zwischen den Besuchen war ich mit Richtigstellung von Fakten im Sinne des Angeklagten beschäftigt und sank immer wieder tief in den Sumpf hinab. Abends fühlte ich mich so, als hätte ich nochmals einen ganzen Bibliotheksumzug bewältigt. Ich konnte nur schwer abschalten. Erst als mir telefonisch ein frischer Wind von meiner Freundin in das Ohr wehte, war ich langsam wieder in meiner alten Form.

Auch ich habe mich gewandelt. Vor zehn Jahren wäre ich noch vor lauter Schadenfreude an die Decke gegangen. Und heute? Na gut, vielleicht ein bisschen Schadenfreude kann ich nicht leugnen und sie sei mir gegönnt, aber es überwiegt nun wieder die stille Freude darüber, dass es sich wandelt und dass Gerechtigkeit sich entfaltet. Und dass die Kolleginnen vom Museum und ich unsere Energie künftig nicht mehr an diese Frau verlieren, dass wir nicht mehr Opfer von Ideenklau, chaotischem Handeln und cholerischen Wutausbrüchen werden, dass im Museum ein friedliches Miteinander ohne Ellenbogen und böses Getratsche möglich wird und dass die seit Jahrhunderten dunkle Energie dort, in der alten Ritterburg, sich endlich klärt. Gelitten wurde genug, jetzt zieht die Freude dauerhaft ein. So ist es.

Reden ist Gold

Alte Sprichwörter sind meist sehr wahr und lehrreich, aber nicht immer. Das trifft auch auf das Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ zu. In manchen Situationen ist es doch besser, miteinander zu reden.

Es gibt ja ganze, dicke Bücher über das Reden, über Rhetorik und vor allem über Kommunikation. Dieses Thema begleitet mich schon seit meiner Diplomarbeit. Damals stand neben langweiligen, schon jahrzehntelang unveränderten Rahmenthemen auch das ganz neue Thema „Kommunikation in der Bibliothek“ zur Auswahl – und wurde sofort meins. Es war die Zeit, als Vera F. Birkenbihl mit ihren Büchern und Seminaren große Erfolge feierte. Drei Studenten hatten sich in dieses Thema verliebt, und wir „fraßen“ alles, was es damals zu diesem Thema gab, machten sogar selbst ein Kommunikations-Seminar mit Videotraining und zeichneten für unsere Diplomarbeiten Gespräche mit Lesern auf Diktiergeräten auf, um diese später auszuwerten – natürlich mit Einverständnis der jeweiligen Leser. Es gab verschiedene Modelle, Gespräche zu analysieren, bzw. das, was während eines Gespräches psychisch abläuft. Noch heute ist mir diese ganze damalige Beschäftigung mit der Kommunikation eine große Hilfe.

In dieser Woche merkte ich mal wieder, wie wichtig Reden ist. Unser Hauptamtsleiter hatte aus Kostengründen die Reinigungspläne gekürzt, ohne mit den Betreffenden zu reden. Ich erfuhr erst davon, als meine Reinigungskraft mir am Abend eines Öffnungstages erzählte, dass sie jetzt nicht mehr so oft kommen wird. Erst am nächsten Tag erhielt ich eine Mail des Hauptamtsleiters mit der neuen Vereinbarung. Ich ließ es einen Tag sacken und überlegte mir, wie ich da vorgehen könnte. Mit unseren Chefs ist es manchmal nicht so einfach. Am nächsten Tag stand der Hausmeister bei mir und erzählte mir, dass in der Turnhalle der Stadt jetzt, so lange dort kein Trainingsbetrieb ist, nur einmal wöchentlich gereinigt werden soll, dies aber zu wenig ist, denn Staub fällt ja immer an und wird durch die Lüftungsanlage angesaugt, die dann bei zuviel Staub verdreckt. Der Hausmeister, schnell mal in der Opfer-Rolle, tat dann so: „Die Chefs machen ja sowieso, was sie wollen, das hilft ja nichts.“

„Das wollen wir doch mal sehen!“, dachte ich, und bezog in meine Mail, die schon in Arbeit war, das Turnhallen-Problem mit ein. Obwohl die Turnhalle ja eigentlich nicht „mein Problem“ war. (Haupt-Sozialarbeiter-Spruch der 90er Jahre: „Das ist nicht dein Problem“!) Aber auch, wenn es nicht mein Problem war, konnte ich ja mal dem Kollegen etwas unter die Arme greifen. … Es dauerte gefühlt zwei Sekunden nach Abschicken der Mail, dass ich einen sehr netten Anruf vom Hauptamtsleiter erhielt. Er sagte, es sei doch kein Problem, alles so zu machen, wie ich es vorschlug, auch eine mehrmals wöchentliche Turnhallen-Reinigung sei überhaupt gar kein Problem! Er hätte das ja auch nicht entschieden, sei ja nur dem Vorschlag der Reinigungsfirma gefolgt! Und es sollten doch nicht durch zu wenig Reinigung irgendwelche dauerhaften Schäden am Gebäude oder am Fußboden herbeigeführt werden! – Na, geht doch!!! Der Hauptamtsleiter setzte sich auch mit dem Hausmeister in Verbindung, und sie einigten sich sogar auf dreimal wöchentlich Turnhallen-Reinigung! Siehe da, sie haben miteinander geredet!!! Die Einrichtungen, die die Kürzungen so hinnahmen, gingen allerdings leer aus. Ich bin jedenfalls mit dem Kompromiss für mein Haus sehr zufrieden. Wie übrigens auch mit einem anderen Kompromiss. Denn das Geplänkel um die Reinigung war nur „Warming up“.

Der Bürgermeister hatte gelesen, dass die Bibliothek der Nachbarstadt zeitweise geschlossen wurde und wollte dies mit meiner auch tun. Er schickte den Hauptamtsleiter vor und dieser verkaufte mir das mit dem Argument, dass es doch schön wäre, wenn ich jetzt mehr Zeit im Stadtarchiv verbringen könne, wo dieses doch jetzt gerade so viele Neuzugänge hat. Oh, da musste ich schon gute Argumente liefern! Als da wären: Bibliotheken dürfen für die Aus- und Rückgabe von Medien öffnen (Landesverordnung M-V), die Leser hätten sehr großen Bedarf an Literatur und Medien, weil die Kinder zu Hause beschäftigt werden müssen und weil die Alten wegen der Kontaktbeschränkungen vereinsamen, Akten sind nicht gefährdet und stehen warm und trocken, aber hier geht es um Menschen in Notsituationen – und öffentlicher Dienst heißt Dienst für den Bürger. Und man muss sich ja nicht am schlechtesten Beispiel orientieren. Andere Bibliotheken bieten Besuchsmöglichkeit nach Terminvergabe an oder Lieferdienste oder gleich die Onleihe.
Bei so vielen Argumenten war der Hauptamtsleiter dann wieder platt und ließ mich gewähren. Statt Öffnungszeiten“ steht jetzt auf dem Öffnungsschild: „Möglichkeit zur Ausleihe und Rückgabe im Rahmen des Leihverkehrs nach Covid-Landesverordnung …“ – aber immer noch mit den gleichen Öffnungszeiten. Einige Leser melden sich an, vor allem die aus den Dörfern der Umgebung, andere kommen einfach so. Und wenn ich mal länger im Archiv räumen möchte, dann ist ein Schild an der Tür „Bin im Stadtarchiv, bitte klingeln!“ Wenn man also redet, dann findet man auch Lösungen miteinander. Aber nicht miteinander reden geht überhaupt nicht!

Unverwüstlich

Erster Arbeitstag in der Bibliothek nach fast einem Monat Urlaub. Ich werde in einem fast leeren Bus durch die verschneite Landschaft gefahren. Schon einige Häuser vor der Bibliothek hält mich ein Mitarbeiter der Wärmeversorgung an, der In den Keller des Bibliotheksgebäudes möchte, um dort die Jahreswerte abzulesen. Ich lasse ihn rein, schließe ihm den Keller auf und wir schnacken ein bisschen, während ich schon mal links und rechts schaue. Soweit alles in Ordnung, aber vor der Archivtür stapeln sich Unmengen von Umzugskisten mit Akten. Da haben sich zum Jahreswechsel wieder einige Kollegen der Stadtverwaltung ausgemistet. Tief Luft holen, erstmal ignorieren, erstmal den Rechner hochfahren, um sich in das Arbeitszeitkonto einzuloggen. Blumen gießen, Post grob durchschauen – ein kurzer Blick aus dem Fenster mit Staunen über eine ganz kurz sonnenbeschienene, glitzernde Winterwelt. Und dann öffne ich die Tür für die Leser.

Und da steht schon Doreen in der Tür, meine ehrenamtliche Kollegin. Freudestrahlend umarmt sie mich (ja, sie darf das!!!), schaut mich an, sucht offensichtlich nach Worten – und herausgeplauzt kommt: „Du bist – unverwüstlich!11“ Erst schaue ich ganz perplex, dann muss ich so lachen, dass ich Doreen sofort damit anstecke und wir wie die Hühner gackern. Ich hatte mich noch nicht beruhigt, als Christina, meine zweite ehrenamtliche Kollegin, mit ihrem Dackel aufkreuzte. Natürlich verriet ich Christina gleich den Grund für meine Heiterkeit und wir wieherten erneut los. 😀 Welch ein heiterer Anfang des Arbeitsjahres! Den ganzen Tag musste ich über Doreens „unverwüstlich“ schmunzeln!

Der Dackel, der ohne Leine durch die Bibliothek streunte, heftete sich an meine Fersen und folgte mir überall hin. Das war neu. Ich begrüße ihn grundsätzlich freudig, spreche immer mit ihm, streichle ihn immer, ernte auch fast immer ein Schwanzwedeln, je nach momentaner Dackellaune mal mehr oder mal weniger – aber so verhielt er sich noch nie. Selbst als ich die erste Leserin beriet und mit ihr am Krimi-Regal stand, drängte sich Dackel Kniffo ständig an meine Füße. Die Leserin war wohl nicht sehr erbaut und blieb auf Abstand. Als sie weg war, beschäftigte ich mich noch etwas mit dem Dackel, streichelte ihn, redete mit ihm und Christina meinte begeistert: „Der Dackel hat sich in dich verliebt!!!“ Na, das ging ja gut los. Unverwüstlich mit Dackelliebe! 🙂

Christina, die vor Weihnachten ängstlich zu Hause geblieben war, verkündete nun, dass ihr die Decke auf den Kopf falle und sie unbedingt helfen wolle. Und dass es in der Bibliothek bald sehr voll sein werde, denn sooo viele Leser hätten sie beim Einkaufen angesprochen mit der Frage, wann die Bibliothek wieder öffnet. Es wurde dann auch ein, sagen wir mal, normal lebhafter Tag. Viel Betrieb, aber nicht so irre viel wie am letzten Öffnungstag im alten Jahr. Alle Leser freuten sich sehr darüber, endlich wieder an neuen Lesestoff zu kommen. Aber besonders freute sich wohl meine Lese-Queen Frida. Sie hatte wirklich, aber auch wirklich alles gelesen, was sie zu Hause hatte oder was ihr gerade unter die Finger kam. Und sie konnte ihr Weihnachtsgeschenk nicht lesen, weil es sich um die letzten beiden Bände der „Glücksbäckerei“-Reihe handelte, von der ihr noch einige Vorgänger-Bände aus der Bibliothek fehlten – und die Bände dieser Reihe bauen aufeinander auf, die muss man in der richtigen Reihenfolge lesen. Hm. Unter uns gesagt, hätte die Familie das mit mir auch absprechen können. Auch die letzten beiden Bände hätte Frida aus der Bibliothek haben können, statt dessen hätte ich den Eltern für Frida gern andere Weihnachtsgeschenk-Bücher empfohlen. Aber egal, nun hatte Frida die kompletten Bücher der Reihe geholt und war sowas von selig! 🙂

Eine andere jahrelange Stammleserin, die in Quarantäne sitzen musste (was, wie mir meine sprachbegeisterte Freundin Inge übrigens beibrachte „Karantäne“ ausgesprochen wird), schickte ihre Tochter auf die Suche nach Lesefutter, wobei die Tochter sich gleich selbst als Leserin anmeldete. Einige Rentnerinnen freuten sich, bei der Ausleihe endlich mal mit jemandem erzählen zu können, ein Leserkind stellte mir ihre Puppe vor und die Mutti des Leserkindes freute sich total, als ich ihr den Kalender 2020 mit den Tierfotos meines Schwagers schenkte, denn sie hatte in jedem Monat neu die Fotos bewundert und sich auch sonst manchmal Farbkopien von Tierfotos oder Tierzeichnungen aus Büchern für ihre Tochter von mir anfertigen lassen.

Eine Kollegin aus dem Museum schaute vorbei, und was diese erzählte, fand ich nun nicht so prickelnd. Die vier Mitarbeiterinnen des Museums sowie die beiden Hausmeister des Bürgerzentrums, die für unsere Gebäude mit verantwortlich sind, wurden von der Stadt auf Kurzarbeit gesetzt. 😦 Ehrlich, da musste ich schon schlucken. Da hätte es sicher auch andere Möglichkeiten gegeben. In anderen Bundesländern wurden solche derzeit ungebrauchten Mitarbeiter per Amtshilfe an die Gesundheitsämter ausgeliehen. Die Hausmeister hätten die Bauhof-Truppe verstärken können, die mit vielen Arbeiten überlastet sind und sicher dankbar wären für jede Hilfe. Die Stadt muss ein massives Geldproblem haben, wenn sie so massiv die Personalkosten einsparen will! Da kann ich ja nur froh sein, dass es mich nicht trifft. Die aktuelle C-Landesverordnung eiert in Sachen Bibliotheksöffnung etwas rum. Aktuell ist es ein „Jein“, welches aber Öffnungen nur für den „Leihverkehr“, also Ausleihe und Rückgabe, zulässt. Meine Heimatstadt nahm dies zum Anlass, die Bibliothek gleich ganz zu schließen und die Kollegen auf Kurzarbeit zu setzen. Und eine weitere Bibliothek lässt die Leser nur nach vorheriger telefonischer Terminvergabe rein, um Kontakte zu vermeiden. Das kommt für mich aber alles nicht in die Tüte. Ich bin da. Hundertprozentig. Unverwüstlich!!!  Und hundertprozentig ich. Vielleicht war es das, was Doreen mit ihrer Begrüßung meinte. Na dann stürze ich mich mal rein in ein interessantes Arbeitsjahr voller netter Begegnungen mit Lesefreunden, Büchernarren und Lesekids! Auf geht’s!            

Brötschen kaufen

Heute möchte ich eine (n)ostalgische Erinnerung mit euch teilen.

Bei unserem traditionellen Weihnachtsspaziergang stürzte meine Schwester begeistert auf eine Passantin zu. Es war die hochbetagte Bäckersfrau. „Wie war das schön, dass wir bei Ihnen immer frische Brötchen kaufen konnten! Und die haben geschmeckt!!!“ Meine Schwester war wirklich ganz aus dem Häuschen und überwältigt von schönen Erinnerungen. Und die Bäckersfrau strahlte.

Ja, auch ich erinnere mich gern an den kleinen Bäckerladen fast um die Ecke. Im Laden hatten nur wenige Kunden Platz, und so sah man, besonders an Freitagen, eine lange Schlange vor dem einzeln stehenden Bäckerhaus. Wartezeiten von mindestens einer halben Stunde waren keine Seltenheit. Deshalb freuten wir uns immer riesig, wenn wir schon mal den kleinen, duftenden Laden betreten konnten. Ein kurzer Blick in das Regal hinter dem Tresen gab Aufschluss über die Situation. War das Regal mit den drei Brötchensorten gut gefüllt, dann erhöhte sich die Chance, nun schnell die Brötchen kaufen zu können. War das Regal jedoch fast leer, dann würde es noch eine Weile dauern. Gebannt richteten sich dann die Blicke nach links. Dort befand sich hinter dem Tresen ein schwarzes Loch. Nicht irgendein Loch, sondern die Öffnung für einen Aufzug. Sehnsüchtig starrten wir also auf das „Loch“ und warteten, bis ein Rumpeln die frische Brötchenlieferung ankündigte. Rumpelnd kam allmählich ein Wäschekorb  zum Vorschein, der prall gefüllt war mit frischen, duftenden Brötchen. Die Bäckersfrau nahm ihn und schüttete die Brötchen in das Regal hinter dem Tresen. „Der nächste bitte?“ Und schon schüttete sie uns die noch warmen Brötchen in unsere Stoffbeutel oder Einkaufskörbe. Bis dahin warteten alle geduldig. Uns blieb ja auch nichts anderes übrig. Die Brötchen zu holen war erst die Aufgabe meiner Schwester, bis ich später den Job übernahm. Noch bis 1988, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, aber schon in der Bibliothek meines Wohnortes arbeitete, gehörte das Brötchen holen zum Freitags-Ritual. Ich hatte Freitags regelmäßig die Spätschicht übernommen, um die Kolleginnen mit kleinen Kindern zu entlasten. Daher konnte ich am Morgen einige Einkäufe für die Familie erledigen: erstes Anstehen beim Bäcker, dann drei Häuser weiter zweites Anstehen im Milchlanden und schließlich einmal über die Straße sausen und drittes Anstehen beim Fleischer. Alle drei Läden existieren heute nicht mehr. Heute wird in den Supermärkten eingekauft, alles in einem Rutsch und ohne Anstehen. Sollte sich doch mal eine kleine Schlange bilden, dann sieht man sofort in den Gesichtern der gestressten Einkaufenden die Ungeduld. Dann dauert es nicht lange, bis es aus der Sprechanlage schallt: „Bitte die vierte Kasse besetzen!“

In unserer Familie wurde fast immer ein großer Einkaufskorb benutzt, also ein richtiger Weidenkorb. Der stand stets griffbereit auf der selbst gebauten Hutablage im Hausflur. Ausgelegt mit Zeitungspapier wurde dieser Korb auch zum Pilze sammeln benutzt. Ich war mächtig stolz, als ich einen eigenen Einkaufskorb erhielt. Der war ganz hell und etwas kleiner als der Familien-Einkaufskorb, aber dafür mit schickem Stoff ausgeschlagen. Und er war ein Geschenk meiner Tante „aus dem Westen“. Tja, das sind alles Erinnerungen … Wer zieht schon heute noch mit einem Einkaufs-Weidenkorb durch die Gegend? Eine Freundin meiner Mutter hat kreative Stoff-Einkaufsbeutel genäht, die benutze ich jetzt gern.

Heute sind wieder viele kleine Einzelhändler in ihrer Existenz bedroht. Es bleibt zu hoffen, dass ich auch nach der Pandemie den Buchhändler meines Vertrauens in der Innenstadt vorfinde, in meinem kleinen Lieblings-Klamottenladen shoppen kann oder in meinem Lieblings-Schuhladen stöbern kann.

Der Weihnachtsbaum und seine Bewohner

Als wir den Weihnachtsbaum meiner Eltern schmückten, zeigte sich der schöne Watteengel störrisch. Wie wir ihn auch hängten – immer zog er es vor, uns den Rücken zu kehren. Er war einfach nicht zu bewegen, uns anzuschauen. Waren wir im letzten Jahr so unartig gewesen, dass er nichts mit uns zu tun haben wollte? Oder war er vielleicht sauer, weil er das ganze Jahr in einer Kiste verbringen musste? Ich weiß es nicht. Wir mussten jedenfalls herzhaft lachen, als er sich imm er wieder wegdrehte. Vielleicht war es ja auch nur ein frecher und übermütiger Engel. Es gibt da so eine Jugendbuchreihe um das Mädchen Luzie und ihren Schutzengel Leander, der zwar immer helfen will, aber dessen Aktionen mehr Chaos stiften als Luzie lieb ist. An diesen Leander musste ich denken, als sich unser Weihnachtsengel so störrisch zeigte. Meine Mutter hatte Verständnis für den frechen Engel: „Er will aus dem Fenster schauen, weil er auf den Weihnachtsmann wartet!“ Schließlich konnten wir ihn doch noch mit vereinten Kräften überreden, uns sein Gesicht zu zeigen.

Als ich später meinen eigenen Weihnachtsbaum schmückte, verhielten sich meine Engel ebenso. Sowohl der Porzellanengel meiner Tante als auch der Holzengel mit dem Herzchen von meiner Freundin zeigten mirt die kalte Schultenr. Ich bekam ihre schönen Flügel nur von hinten zu Gesicht. Ich musste sie aber nicht lange bitten, schon nach zwei Handgriffen konnten wir uns wieder ins Gesicht schauen.

Es ist in jedem Jahr spannend, wenn ich die Schatzkiste mit den Weihnachtsbaumfiguren öffne. Neben den beiden Engeln kommen da jede Menge Sterne zum Vorschein. Meinen Lieblings-Holzstern habe ich selbst im Schwarzwald gekauf. Zahlreiche andere Sterne, filigrane Holz-Schneeflocken und Figuren stammen aus dem Erzgebirge, wo meine Freundin lebt. Bei jedem Besuchist ein ausgiebiger Gang durch die Läden mit den vielen Weihnachtsfiguren Pflicht, jedes Mal entdecke ich dort schöne Sachen für mich und die ganze Familie.

Was hängt noch an meinem Weihnachtsbaum? Eine große Geige! Meine Schwester ist Geigerin, daher hängt an jedem Weihnachtsbaum in der Familie irgendwo eine Geige. Auch ein Horn darf nicht fehlen, denn mein Neffe ist Hornist. Folgt man dieser Logik, müsste auch irgendwo ein Buch am Weihnachtsbaum hängen. Das tut es (noch) nicht, statt dessen fühlt sich aber seit einigen Jahren ein räuchernder Bücherwurm in der Weihnachtszeit auf meinem Tisch sehr wohl.

Natürlich dürfen auch Wichtel an meinem Weihnachtsbaum nicht fehlen. Meine Mutter hatte vor Jahren mal ganz viele dieser witigen Gefährten gebastelt, sie fühlen sich zwischen den Tannenzweigen sehr wohl. Auch viele gebastelte Sterne von Leserkindern der Bibliothek finden ihren Platz an meinem Baum. Ebenso kleine Filz-Weihnachtssterne, von meiner Schwester gebastelt. Und ein großes, dickes Stoff-Herz von einer Freundin. Es erinnert daran, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist.

Ich wünsche allen Lesern fröhliche Weihnachtstage!

Raus aus dem Hamsterrad

Advent – Zeit er Heimkehr und Besinnung auf das Wesentliche.

Seit langem schiebe ich meinen Urlaub vor mir her, denn die dringenden Erledigungen in der Bibliothek reißen nicht ab. Letzte Woche zog ich die Reißleine und beantragte wenigstens den Urlaub für ein verlängertes Wochenende. An diesen Vollmondtagen, an denen die Energien um mich herum nur so tobten, wurde ich sofort ruhig. Ganz bei mir und ganz zentriert erledigte ich endlich die mir persönlich wichtigsten Dinge. Die Wohnung dekorieren, einen Handwerker-Termin und Einkauf von Geschenken. Es tat unendlich gut, mal einfach bei mir anzukommen und jeden Gedanken an die Bibliothek schnell wieder ziehen zu lassen. Die einzigen freiwilligen Homeoffice-Überstunden waren eher ein Vergnügen: ein Online-Seminar über Neuerscheinungen von Kinderbüchern und die anschließende Komplettierung meiner Bestellliste für meine Lieblingsbuchhandlung. Mit schönen Kinderbüchern beschäftige ich mich immer wieder gern. Diesmal lag mein Augenmerk auf den Bilderbüchern für die ganz Kleinen, damit Leo, der Büchertrog-Löwe, wieder einen vollen Bauch bekommt. Mit der Eichhörnchen-Geschichte „Mein Baum gehört mir!“ und vielen anderen schönen Büchern bekommt er endlich wieder Futter. Im Moment gehen Kinderbücher immer noch weg wie warme Semmeln. Kaum hatte ich einen Stapel Weihnachtsgeschichten-Bücher aus dem Lager geholt, stürzte sich eine Leserin mit ihrem fünfjährigen Sohn darauf – und weg waren sie. Alle. Auch die Weihnachtsbastelbücher. Wahrscheinlich sehe ich sie erst im nächsten Jahr wieder, denn diese Familie kommt aus ihrem Dorf selten ran. Ich denke, sie werden viel Freude haben, besonders an meiner Lieblingsgeschichte „Mein 24. Dezember“ von Achim Bröger. In dieser Geschichte erlebt ein Hund zum ersten Mal Weihnachten. Er muss erkennen, dass der Weihnachtsbaum nicht zum Beinchenheben geeignet ist und dass dieser komishe bärtige Mann im roten Mantel, den er vertrieb, kein Feind war. Auch war der Weihnachtsbraten nicht wirklich für ihn bestimmt … 😀 Wirklich lustig, diese Geschichte, für Leser von 4 bis 99 Jahren ein Vergnügen. Wir haben sie sogar mal auf einer Seniorenweihnachtsfeier in Plattdeutsch vorgetragen und hatten die Lacher auf unserer Seite.

Interessant verlief der Handwerker-Termin. Wir kamen sofort miteinander ins nette Gespräch, natürlich über das leidige C-Thema. Und siehe da – noch jemand, der sich alternativ informiert und seine eigene Meinung vertritt, auch über das Impfen. Über die Impfstoff-Entwickler war er sogar besser informiert als ich, da konnte ich echt etwas lernen. So langsam habe ich das Gefühl, dass ich mehr Menschen treffe, die sich die richtigen Fragen stellen als solche, die sich in Angst und Schrecken versetzen lassen. Das ist sehr wohltuend. Denn es gibt immer noch einige Freunde und Bekannte, die mich meiden wie die Pest, weil ich täglich öffentliche Verkehrsmittel benutze. Okay, wenn ihnen das hilft und sie sich so sicherer fühlen … – jeder darf seinen eigenen Film abspulen. Ich respektiere es und greife dann eben zum Telefon, wenn ich Kontakt halten möchte.

Was ich allerdings bis jetzt vor mir herschiebe, sind lange fällige Briefschulden. Ja, Briefe in echt. Es gibt sie noch und ich schreibe sie gern! Allerdings brauche ich dazu mal einen ruhigen Tag. Das letzte verlängerte Wochenende war dann doch zu schnell vorbei. Also was tun? Noch einmal Urlaub beantragen und noch ein verlängertes Wochenende zelebrieren! Die Bibliothek kann warten. Alle Buch- und Medienbestellungen sind erledigt, die Rechnungen und Lieferungen erwarte ich erst später, eine beantragte Förderung muss jetzt doch noch nicht ausgegeben werden, Bibliotheksveranstaltungen locken immer noch down, alle Anfragen für das Stadtarchiv sind erledigt, also nix wie weg. W wie weg, würde Elke schreiben. 🙂

Ich inspizierte meine Weihnachtspost-Kiste. Kein Wunder, dass ich so lustlos war! Ich hatte ja kaum noch Utensilien, die mir wirklich gefielen! Weder schöne Umschläge noch schöne Karten – naja, und Winterfotos? Fehlanzeige mangels Winter in den letzten drei Jahren. Um mich zu motivieren, machte ich erstmal einen ausführlichen Bummel durch mein Lieblings-Papierhaus. Farbige Umschläge, Schneeflocken-Aufkleber und so allerlei nützliches Zeug landeten im Einkaufskorb, dazu noch der Taschenkalender für das nächste Jahr, den ich sonst immer schon im Herbst kaufe. Die Verkäuferin staunte. So viele Umschläge? Und keine Karten dazu? „Die Karten bastle ich selbst mit eigenen Fotos!“ Die Verkäuferin war so baff, dass ich vermute, einen solchen Aufwand für Weihnachtskarten erlebt sie sonst wohl nicht oft. Zum Glück hatte ich noch einen Gutschein für dieses Papierhaus einzulösen, da wurde die Rechnung nicht ganz so teuer. Bei einem anderen Anbieter waren mir noch zufällig lustige Elch-Masken 🙂 über den Weg gelaufen. Wie geschaffen für zwei Freundinnen, die es lustig mögen. Wenn schon „schützen“, dann aber auch mit Schmunzel-Alarm! 😀

Nun sitze ich hier und schreibe Weihnachtsbriefe und Weihnachtskarten, denke an die lieben Empfänger und erzähle ihnen ausführlich über mein Leben in den letzten Wochen und / oder Monaten. Auch andere Schreiber sind schon aktiv und schreibwütig wie nie zuvor. Von einem Bekannten erhielt ich einen seitenlangen Brief, in dem er fast sein ganzes Leben Revue passieren lässt. Er erzählte mir (und seinen vielen Freunden, Kollegen und Bekannten, die diesen Rundbrief erhielten) vieles, was ich über ihn noch nicht gewusst hatte. Er muss Stunden an diesem Brief mit eingefügten Fotos gesessen haben. Ich fühlte mich richtig geehrt, diesen Brief erhalten zu haben, ganz ehrlich! Nun bin ich dabei, ihm ebenfalls zu schreiben und ihm etwas Freude zurückzugeben. Nichts ist jetzt wichtiger als das.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ebenso schöne, mit Liebe geschriebene Adventsbriefe und Adventskarten und viele Nikolaus-Überraschungen!

Lockdown-Leselust

Alle Kultureinrichtungen locken down. Alle? Nein!!! Ein kleines, gallisches Dorf namens  BIBLIOTHEK hat geöffnet! Jedenfalls im Bundesland M-V.

Da Bibliotheken im Bund-Länder-Gespräch erst schlichtweg vergessen wurden und daher auch von den Medien ignoriert wurden, gab es zunächst viele Unsicherheiten bei den Lesern. Ist nun offen oder nicht? Einige Leserfamilien erzählten, dass sie am Wochenende nach den Lockdown-Gesprächen extra zur Bibliothek gefahren waren, um zu schauen, ob ein Schließschild hängt oder nicht. Am Anfang der ersten Lockdown-Woche war der Bibliotheksbesuch sehr spärlich. Ich hatte zwar noch Berge von Verwaltungskram aufzuarbeiten, aber dennoch grübelte ich: Geht das so spärlich weiter? Sollte ich jetzt doch lieber den vor mir her geschobenen Jahresurlaub nehmen? Oder die Öffnungszeiten auf zwei Tage reduzieren?

Irgendwann ging es dann doch durch die Medien, dass Bibliotheken in M-V öffnen dürfen – und dann ging die Post ab. Die Leser kamen wie an normalen Tagen vor dem Lockdown. Sogar die Älteren, die in letzter Zeit seltener hier waren, kamen an und holten größere Bücherstapel als sonst. Denn es könnte ja doch noch ein Lockdown kommen. Sie wollten aber nicht nur die Bücher. Sie freuten sich auch sichtlich, mal mit jemandem wieder erzählen zu können, und sei es auch nur ein kurzer Plausch über das Wetter. Gerade Alleinstehende zeigten sich oft sehr mitteilsam und freuten sich, wenn ich mir die Zeit für einige nette Worte und eine gründliche Lese-Beratung nahm. Man merkt, dass die älteren Singles vereinsamen. Alles ist weggebrochen: Kaffeklatsch, Vereinstreffen, Veranstaltungen oder Restaurantbesuche mit Freunden. Da ist der kurze Bibliotheksbesuch schon echt ein Highlight. Viele Leser, vor allem aus den Dörfern, trauten den Medien nicht und riefen vorsichtshalber an: „Sind Sie wirklich da? Kann ich kommen?“ Sogar viele Stammleser, die monatelang nicht kamen, finden sich auf einmal wieder ein und verlängern ihre Jahreskarten. Und auffällig ist auch, dass ich auf den Wegen durch die kleine Stadt viel öfter angesprochen und in ein Gespräch gezogen werde als sonst. Da wird eine Beratung zu Weihnachtsgeschenken gesucht, da wird über das Wetter geschimpft, nach Öffnungszeiten gefragt, stadtgeschichtliche Fragen wollen im Vorbeilaufen geklärt werden, Zuständigkeiten innerhalb der Stadtverwaltung erfragt man ebenso wie neue geltende Pandemie-Vorschriften. Wenn es nicht Winter wäre, könnte ich da glatt einen Beratungstresen vor das Haus an die Straße stellen. Eine Nachbarin, die mich sonst nie angesprochen hatte, zeigte mir stolz ihren Kater, der sich gerade auf der Fensterbank gemütlich niedergelassen hatte. Da war sie ja bei mir genau richtig, denn Katzen mag ich sehr. Aber auch Gassi-Gänger mit Hunden suchen sichtlich das Gespräch, sogar die Hunde sind kommunikativer als sonst. 😀

Aber zurück in die Bibliothek. Manche Bibliotheksleser bevorrateten sich wirklich sehr. Ein Single-Mann um die 50 kam vor drei Wochen in die Bibliothek, suchte sich sechs Krimis aus und verkündete: „So, das reicht bis Weihnachten!“ Er hatte wohl nicht mit der Einsamkeit des Lockdowns gerechnet. Eine Woche später kam er wieder und hatte alle Bücher durch. Vorsichtshalber gab er beim nächsten, ebenso großen entliehenen Stapel keine Zeitprognose ab, stand aber gestern wieder auf der Matte und hatte auch diesen Stapel gelesen. Das ist für ihn echt rekordverdächtig. Vielleicht sollte ich, wie beim Schüler-Sommerleseclub, auch den Erwachsenen Lesezertifikate ausstellen? Da würden sicher auch, wie bei den Kindern, Rekordzahlen der gelesenen Bücher zustande kommen. Wie alle Bibliotheksleser „frisst“ auch meine lesende Familie die Bücher so weg. Besonders gefragt sind mehrbändige Familiensagas. Da muss ich schon gut steuern und lenken, damit jeder „seine“ dreibändige Saga auch komplett mitnehmen kann. Die Verlage haben diesen Trend erkannt und liefern fleißig. Da gibt es die Schokoladenvilla, die Villa am Elbstrand, die villa an der elbchaussee, die Seidenstadt-Saga, die Speicherstadt-Saga, die Kamelieninsel-Saga.  Nicht zu vergessen die Ostpreußen-Saga, die eine Leserin und Kollegin der Stadtverwaltung so verzückte, dass ich im Beutel, den sie mir beim Entleeren meines Verwaltungs-Postfaches mitgab, unter den Saga-Büchern eine Stange Marzipan-Pralinen fand, die ich genüsslich gestern mit meiner Kollegin Doreen zum Cappuccino verspeiste. Genau die richtige Droge für uns Marzipan-Fans! 🙂

Die Kinder sind ähnlich Lese-verrückt. Eine Mutti, die ihre Tochter neu als Leserin anmeldete, sagte: „Charlotte hat sich den ganzen Tag auf die Bibliothek gefreut!“ Na das geht mir doch runter wie Öl! Mein Büchertrog-Leo hat gerade richtig Magengrummeln, weil sein dicker Bücherbauch ganz leer ist. Bilderbücher für Vorschulkinder gehen weg wie warme Semmeln. Lieselotte ist komplett ausgeflogen. Die Olchis auch. Jojo, das Faultier, flog gerade wieder ein und Lotti, die Giraffe, die nicht pupsen konnte, kam gerade wieder und ging sofort wieder weg. Die Lotti war mir mal ins Auge gefallen, weil ich Giraffen liebe und weil ich fand, eine bibliothekarin sollte sich auch mal ein Kinderbuch wünschen dürfen. Seitdem ist Lotti ein Renner und ich habe zwischen den Entleihungen das Buch noch nie zu fassen bekommen, um es selbst zu lesen. Es freut mich sehr, zu beobachten, wie Eltern mit den Kindern gemeinsam die Bücher aussuchen. Das sind die Eltern, die auch den Kindern regelmäßig Geschichten vorlesen. Die tiptoi-Stifte sind auch gerade alle w wie weg, der neue tiptoi create-Stift ist schon vorbestellt. Auch Gesellschaftsspiele erleben gerade Rekordausleihen. Es ist wunderschön, dass Familien sich wieder darauf besinnen können, miteinander zu spielen. 

Meine Beratung wird wichtiger. „Ich brauche etwas über Entspannung.“ „Haben Sie nicht etwas Schönes, ein Buch, in dem die Menschen sich nicht alle kloppen?“ „Ich suche etwas, was ein bisschen mystisch, ein bisschen auch Thriller ist.“ „Wann kommt denn endlich der neue Kluftinger?“ Der ist zumindest schon bestellt. Ich sitze gerade mit rauchendem Kopf über den Bestellungen der herbstlichen Neuerscheinungen. Welche Saga hat noch einen weiteren Teil? Hat Ellen Berg wieder eine freche Frauengeschichte geschrieben? Was macht eigentlich die Online-Omi Renate Bergmann? Oh, Jonas Jonasson hat ein neues Buch veröffentlicht!!! Welche Krimi-Reihe ist fortgesetzt worden? Und lohnt es sich, die neuen Erzählungen von Elke Heidenreich auch als Buch zu bestellen? Als Hörbuch gehen sie schon ganz gut weg. Bei Medienbestellungen arbeite ich immer ganz gründlich, um Fehlkäufe zu vermeiden. Während die Excel-Bestelldatei gefüttert wird, schaue ich auf der Thalia-Seite nach den neu erschienenen Medien, gleiche die Funde mit dem Online-Katalog der Bibliothek ab und überprüfe bei bereits vorhandenen Büchern des Autors oder vorhandenen Teilen einer Reihe oder eben einer Familiensaga, wie oft die Bücher bisher entliehen wurden. Pauschale Paketangebote von Bibliothekslieferanten hatte ich vor Jahren mal getestet, aber sie waren nicht der Bringer. Eigene Auswahl von Hand frisst zwar unendlich Zeit, bringt aber letztendlich auch die Entleihungen. In den Vorjahren hatte ich reichlich Anregungen auf der Buchmesse, aber ein kleines, gemeines Virus hat ja die Buchmesse ins Virtuelle verbannt, was nur ein sehr schaler Ersatz ist. Immerhin wurde die Fortbildung zu Neuerscheinungen online gestellt und wie in jedem Jahr lohnt sich das Stöbern auf Buchblogs wie z. b. Tintenhain. Durch Tintenhain hatte ich mal Yrsa Sigurdardottír entdeckt, und die Bücher von ihr haben sofort Fans gefunden. Auch die Anregungen von NDR Kultur sind immer sher hilfreich. Dieser Radiosender serviert mir die neuesten Bücher immer schon beim Frühstück nebenbei oder abends als Podcast.

Mein persönlicher Favorit dieses Lesejahres ist immer noch „Der Gesang der Flusskrebse“. Diese Buch mit seiner anrührenden Geschichte passt irgendwie zum Lockdown. An zweiter Stelle steht die berührende Werwolf-Tragödie „Nachkriegswelpen“, in der Dirk Meißner die Geschichte seines Onkels erzählt, der 1945 15jährig als „Werwolf“ verhaftet wurde. Eigentlich war im Dezember, zum 75. Jubiläum dieser Werwolf-Verhaftungswelle, eine Lesung in der Bibliothek geplant, aber ich fürchte, dass der Kulturbetrieb auch im Dezember noch lahmgelegt wird. Immerhin habe ich schon mal ganz forsch die Förderung für eine ganze Reihe von Lesungen im Jahr 2021 beantragt und schon leicht positive Signale von der betreffenden Stiftung erhalten. Nach dem Leselust-Lockdown 2020 folgt dann vielleicht in meiner Bibliothek der Lesungs-Marathon 2021? Irgendwann hat ja auch mal der größte Lockdown down gelockt, so dass die Menschen wieder kulturelle Veranstaltungen „in echt“ genießen können.

Eine Frage muss ich allerdings noch klären: Wo finde ich ein Bilderbuch für Kinder von drei bis fünf Jahren, welches ebenso lustig ist wie die Lotti, die nicht pupsen konnte???