Gedanken-Flug zu meinen Ahnen

Heute traf ich eine ehemalige Buchhändlerin, die mit über 90 Jahren ihren Rollator tapfer durch die Gegend schiebt und ihre Einkäufe noch selbst erledigt. Damals in den 1980er Jahren, in der Buchhandlung, war sie als Drache gefürchtet, der eisern regierte und auf der heiß begehrten Bückware saß und noch nicht einmal in die Bibliothek etwas davon lieferte. Da wurde um jedes Buch gefeilscht. Mit unseren privaten Wunschlisten war es noch schwieriger. Ich halte noch heute die mühsam erbeitete Prachtausgabe der „Geschichten aus 1001 Nacht“ in Ehren.

 Aber Menschen ändern sich. Im Alter baute sie einen großen Freundeskreis auf und bildete sich weiter, unter anderem in einem Englischkurs, den ich als Hobby bis 2008 leitete. Dort war sie diejenige, die den Kurs zusammenhielt, sich um kranke Teilnehmer kümmerte, die Geburtstagsliste führte und, damals noch mit eigenem Auto, Fahrdienste übernahm.  Aus dieser Zeit kenne ich sie als sozial  agierende, hilfsbereite und freundliche Frau.

Auf dem Rückweg vom Supermarkt gingen wir zusammen ein Stück des Weges und freuten uns gemeinsam über die herrliche Mittagssonne. Irgendwann erwähnte sie ihren Sohn, der Förster ist, aber nun auch langsam auf die Rente zusteuert. „Wo ist er Förster?“, fragte ich. Die Antwort war verblüffend. Dort, wo er Förster ist, übrigens an einem geschichtsträchtigen Ort, im ehemaligen Staatsjagdrevier von Erich Honecker, war um 1900 mein Urgroßvater als Förster in großherzoglichen Diensten. Meine Gesprächspartnerin freute sich sehr und wird ihrem Sohn davon erzählen. Vielleicht ist er an alten Fotos aus meiner Familie interessiert und es ergibt sich ein Austausch.

Ich dachte über diese Försterfamilie und ihr Leben an einem sehr abgelegenen, aber sehr idyllischen Ort in der Nähe eines tiefblauen, klaren Sees nach. Was fiel mir spontan, noch während des Gespräches ein? 13 Kinder, die Hälfte davon noch im Kindesalter an der Diphterie gestorben. Darunter Drillinge, von denen nur ein Mädchen überlebte, das zeit ihres Lebens fast taub blieb. Und zwei Söhne, die ebenfalls Förster geworden sind. Ein Sohn, mein Großvater, wurde Gärtner. Sofort habe ich auch die alten Fotos vor Augen. Meine Urgroßeltern, das Förster-Ehepaar, im Alter von vielleicht um die 50. Feiernde Familie an einer Tafel vor dem Försterhaus. Meine Urgroßmutter im Alter, streng in Schwarz gekleidet, mit Mutterkreuz. Und mein Großvater mit seinen Hunden. Meine Urgroßeltern habe ich nie kennengelernt. Meine Großeltern mütterlicherseits sind auch vor meiner Geburt aus dieser Welt gegangen. Aber ich kenne noch einige Cousins und Cousinen meiner Mutter, die mir vieles erzählten. Und ich erlebte als Kind die fast taube Tante Else mit ihrem großen Hörrohr, über die in der Familie noch viele tragisch-komische Geschichten kursieren. Das große Hörrohr sah ich übrigens vor wenigen Jahren wieder, ein Cousin meiner Mutter, der in meinem Arbeitsort lebt, hatte es aufgehoben.

Worüber ich aber gerade am intensivsten nachdenke, ist folgendes: So viele Menschen starben damals an der Diphterie und an anderen grassierenden Krankheiten. So viele Eltern mussten völlig hilflos ansehen, wie ihre Kinder dahinsiechten und starben. Auch 1945, in Zeiten der Not nach dem Krieg, starben viele Menschen, darunter auch vorfahren aus meiner Familie väterlicherseits, an Diphterie oder Typhus. Und wir regen uns heute auf über Maskenpflicht, Ausgangssperre, mrnA-Impfungen, Lockdowns und dergleichen. Eigentlich jammern wir doch auf ziemlich hohem Niveau, oder?

Heiliger Tanz

Wenn ich nicht einschlafen kann, nehme ich Dinosaurier seit etwa einem Jahr nun doch nicht mehr meinen alten Walkman. Naja, jedenfalls brauche ich ihn nur noch sehr selten. Inzwischen liegt das Tablet immer griffbereit neben meinem Bett. Ich sehe mir Musikvideos an und springe mal links und mal rechts. Da tut sich eine ganze Vielfalt von Anregungen auf. Was dann doch wieder dazu führt, dass meine CD-Sammlung wächst.

Auf meinen nächtlichen youtube-Streifzügen habe ich für mich einen kleinen Schatz entdeckt, den ich heute teilen möchte. Konstantin Wecker singt gemeinsam mit Cyntia Nickschas. Ja, das Leben ist und bleibt ein heiliger Tanz! Konstantin Wecker lebt diesen Tanz in vollen Zügen. Es lohnt sich, seine Duette mit anderen Kollegen zu hören. Egal ob er mit Hannes Wader singt oder mit Pippo Polina oder mit so vielen anderen – es ist immer eine tolle Stimmung. Man sieht immer allen Beteiligten die Spielfreude an.

Und ich widme diesen kleinen musikalischen Gruß meiner Blog-Freundin Elke, die mich gestern, nach der Lektüre meines letzten Beitrags, mit einem Anruf überraschte. Und das tat so gut!

Elke selbst postet auf ihrem Blog https://lebenalsmensch.wordpress.com neben sinnigen Gedanken-Impulsen und (Lebens)Erfahrungsberichten und Geschichten auch Musik-Impulse. So entsteht jeden Tag neu ein Mutmach-Blog voller Denk-Anstöße und positiver Energie. Danke dafür, liebe Elke!

Der ganz normale Wahnsinn?

Schon seit Tagen brodelt es um mich herum. Alltag war jedenfalls gestern. Heute ist jeder Tag neu. Vorlagen gibt es nicht mehr. Spontan agieren ist angesagt. Schon Montags ging die Aufregung los. Kommt ein Drehteam für einen Podcast oder kommt es nicht? Halbstündlich wechselten die Nachrichten: ja – nein – in einer halben Stunde – doch nicht. Mich ging es ja nur am Rande etwas an, aber die Noch-Museumschefin drehte Achten im Hause.

Mich ging es nur insofern etwas an, als dass ich dafür zu sorgen hatte, dass das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden einen guten Eindruck macht. Gut, im Haus war letzte Woche schon alles schick gemacht worden, denn schließlich hatten wir ja am Freitag schon einen wichtigen Termin. Was aber noch fehlte, war der Innenhof. Das sauteure Natursteinpflaster des Hofes hat so seine Tücken und sieht nach dem Winter immer vermoost und veralgt aus. Schon seit Tagen sollte der Hausmeister das in Ordnung bringen. Auch hier die Zitterpartie: Kommt er – kommt er nicht? Nachdem ich schon fast soweit war, den Hof selbst in Angriff zu nehmen, tauchte der Hausmeister doch noch auf, ausgerüstet mit einer ordentlichen Alkoholfahne. Er hat gerade wieder mal private Probleme und versucht diese in Alkohol zu ertränken. Demzufolge ist der Umgang mit ihm eine ständige Gratwanderung. Deshalb war ich mehr als heilfroh, als er kurz vor dem am frühesten genannten Zeitpunkt des angekündigten Drehs den Hof hübsch hatte. Puh! Das war knapp!!! Auch wenn das Drehteam nun nicht mehr kommt, ist dennoch der Hof endlich frühlingshaft sauber. Der Dienstag verlief dann wieder halbwegs normal, wobei ich mich auch schon montags über steigende Besucherzahlen in der Bibliothek freuen konnte. Lag es vielleicht daran, dass schon wieder Spekulationen über einen Lockdown kursierten?

Die Pandemie-Angst war deutlich spürbar. Sogar in der Stadtverwaltung meines Arbeitsortes schien das Thema angekommen zu sein. Der Bürgermeister hatte einige Tage zuvor eine Rundmail geschrieben, in der er meinte, Arbeitgeber sollten ja möglichst Tests bereithalten, das wäre aber teuer, und wenn es nicht sein müsse, dann würde er gern darauf verzichten. Wenn aber jemand unbedingt sich testen lassen wolle, dann würde er dies auch ermöglichen. So sinngemäß rumgeeiert. Offenbar hatte es Reaktionen bei den Kollegen gegeben, also erhielt ich einen netten Anruf vom Hauptamtsleiter, in dem er mir mitteilte, dass wir in der Arbeitszeit zum Testzentrum gehen können, um dort einen Schnelltest zu machen. Für alle Bürger sei ja sowieso einmal wöchentlich ein Schnelltest kostenlos möglich. Na, gut, okay. Das Testzentrum ist in meinem Arbeitsort ein umgebauter Wohnwagen vor der Apotheke, der dreimal wöchentlich vormittags geöffnet ist. „Aber kommen Sie nicht in größeren Horden dorthin, so dass es in der Stadt für Diskussionen sorgt!“ 😀 Für mich kam Testen erstmal nicht in Frage. Die Inzidenzwerte in unserem Amt waren am Dienstag noch sehr niedrig, während es in den benachbarten Ämtern schon seit Tagen ordentlich kriselte. Statt dessen musste ich abends mit meiner Mutter eine unangenehme Diskussion führen, denn sie überraschte mich mit dem Anliegen, dass ich mich doch möglichst schnell impfen lassen solle. Was ich immer noch nicht möchte.

Am Mittwoch freute ich mich auf einen ruhigen Archivtag. Doch irgendwann klopfte es an der Tür und die Noch-Museumschefin wollte in das Haus. Sichtlich erschrocken darüber, dass ich noch mittags im Hause war, griff sie sich einen Stapel Fachbücher, der seit einem halben Jahr unberührt in der Ecke liegt, und zog sie sich in den Veranstaltungssaal zurück. Ich fand das irgendwie komisch, arbeitete aber normal weiter. Bevor ich ging, schaute ich noch einmal zum Abschied bei ihr vorbei: „Haben Sie noch einen Termin im Hause?“ – „Nein, ich wollte mich nur mit den Büchern beschäftigen.“ Komisch, die Bücher hatten sie wirklich monatelang überhaupt nicht interessiert, das Museum im Haus ist schon seit November geschlossen und die Museumsmitarbeiter standen wieder einmal kurz vor der Kurzarbeit. Das mit den Büchern kann sie also ihrer Oma erzählen, aber nicht mir. Ich vermutete eher einen hiemlichen Termin. Wenn die Dame im Hause einen Termin hat, weiß ich eigentlich Bescheid, wann, mit wem, mit wie vielen Leuten. Zu Hause angekommen, rief ich meine Museumskollegin an. Auch sie wusste nichts. Die Museumschefin habe sich einfach verabschiedet und gemeint, sie sei jetzt mal im anderen Haus.

Am Donnerstag machte ich als erstes eine Kontrollrunde. Die Tür zur Bibliothek war offen und zwei PCs waren nicht richtig runtergefahren, in der Küche stand angegammeltes Geschirr. Die Museums-Chefin kämpft immer noch gegen Windmühlen um die Verlängerung ihres Vertrages. Wir nehmen an, dass sie einen Termin mit jemandem hatte, den sie auf ihre Seite ziehen wollte. Schließlich sollte am Donnerstag der Kulturausschuss beraten. Vielleicht wollte sie erreichen, dass dort noch jemand Einfluss nimmt. Sie versucht es auf allen Ebenen bis zur letzten Minute: nicht abgestimmte Pressetermine, böse Briefe und Mails und Termine mit Stadtvertretern, die sie – O-Ton Hauptamtsleiter – „im Beichtstuhlverfahren einzeln bearbeitet.“ Nun ja. Spätestens am Monatsende ist der Spuk endlich ein vorbei.

Der Vormittag wurde dann aber noch ganz lustig. Doreen war da, liebe Leser kamen, gefühlt tausend Anrufe mit immer der gleichen Frage trudelten ein: „Locken Sie nun down oder nicht?“ Tja, wenn wir das wüsten? Zwischendurch platzte noch ein sehr netter Mann rein, den ich im letzten Sommer kennengelernt hatte und der sein Herz auf dem rechten Fleck hat. Ich freute mich wie ein Schneekönig darüber, noch weitere Teile aus dem Nachlass seines Vaters für das Stadtarchiv zu erben und es gab ein kurzes, herzliches Gespräch. 🙂 Nachmittags musste ich dann wieder meine genervte Museumskollegin auffangen. Die Museumschefin war wieder den ganzen Tag mehr oder weniger sinnvoll aktiv gewesen und hatte den verdutzen Mitarbeitern erklärt, dass die Kurzarbeiter-Regelung für sie nicht gelte, denn sie wisse ja offiziell von nichts. Sie hätte ja außerdem nachmittags noch einen Termin und wäre abends im Kulturausschuss. Als wir beide noch am Reden waren, kam ein Anruf der Museumschefin: Sie würde jetzt doch nach Hause fahren, den Termin hätte sie abgesagt und am Kulturausschuss würde sie auch nicht teilnehmen. Wir schauten uns an. Wie jetzt? Woher dieser plötzliche Stimmungsumschwung?

Danach strömten die Leser ohne Ende bis in den Feierabend hinein. „Wer weiß, ob wir nächste Woche noch kommen können!“ Gerade tagte der MV-Gipfel. Ich hing alle halbe Stunde im Internet, aber Bibliotheken wurden in den Pressemitteilungen wie üblich nicht erwähnt. „Die meisten kulturellen Einrichtungen schließen.“ Irgendwann kam die Nachricht: „Buchhandlungen dürfen offen bleiben.“ Da atmete ich schon auf. Wen Buchläden öffnen dürfen, dann Bibliotheken ja wohl ebenso.

Nachdem ich abends einigermaßen beruhigt ins Bett gegangen war, ereilte mich morgens noch beim Frühstück die Nachricht, dass der Landkreis eine eigene Verfügung erlassen hat und alle Bibliotheken ab sofort geschlossen sind. Na toll. Was das Land nicht macht, macht nun der Landkreis. Der Tag kann nur besser werden. In Erwartung einer Mail mit Dienstanweisung vom Chef betrat ich die Bibliothek und fand ich zunächst eine aufgeregte Reinigungskraft mit Tränen in den Augen vor, während die zweite Reinigungskraft eifrig den Fußboden seifte. Ich hörte mir nun an, dass die Vorarbeiter sie kontrolliert hätten und feststellten, dass der Fußboden nicht geseift war. Aber sie wären doch sooo ordentlich und hätten ihn immer geseift! Naja. Ich würde mal sagen, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Ich hatte Mühe, die Damen zu beruhigen und verzog mich schnell ins Stadtarchiv, um selbst erstmal anzukommen. Vorher nahm ich aber noch dezent eine stets vergessene Fußmatte hoch und bat die Damen, darunter auch noch zu seifen. Sie kamen dann schließlich noch nach ins Archiv unf fingen noch eine Diskussion an. Als ich ihnen dann nach einer Stunde endlich ein schönes Wochenende wünschen konnte, war ich sehr erleichtert. Ich traute mich nun endlich an meine Theke und rief die Mails ab. Die purzelten nur so. Der Bürgermeister leitete die Allgemeinverfügung des Landkreises weiter. Der Bürgermeister leitete die Pressemitteilung des Landkreises weiter. Der Bürgermeister nahm Stellung zur aktuellen C-Lage mit den von einem Tag zum anderen sprunghaft gestiegenen Zahlen. Damit man mal die unglaublichen Dimensionen erahnt: Statt bisher 7 positiv getestete Personen haben wir jetzt 16. Der Hauptamtsleiter leitete ebenfalls die Allgemeinverfügung weiter und hatte außerdem zweimal versucht, mich anzurufen. Während ich den Hauptamtsleiter zurückrief und es kam, wie es kommen musste, kam eine weitere Mail vom Bürgermeister „Schließung Bibliothek“. Aber wenigstens so nett formuliert wie nie zuvor. Auch Bürgermeister sind lernfähig. Und wir haben ja die Situation nun schon des Öfteren geübt. 🙂 Der Hauptamtsleiter regte schließlich noch an, dass ich doch mal einige Tage Urlaub nehmen könnte. Ja, klar. Und währenddessen stellt die Noch-Museumsleiterin vielleicht das Haus weiter auf den Kopf. Außerdem war zwischen den ganzen Mail-Bomben noch die Vorlage für die Endkorrektur einer umfangreichen Publikation gekommen. Die kann man ja auch mal ausnahmsweise in der Arbeitszeit bearbeiten und nicht an Abenden nach langen Bibliothekstagen. Urlaub kann ich dann noch im Mai nehmen, wenn wenigstens Urlaubswetter ist. Als der ganze Spuk vorbei war, kam noch eine Mail der Landesfachstelle hinterher: „Also im Moment ist noch alles offen, aber wenn ich weiß, wie der Landtag M-V über die Bibliotheken entschieden hat, melde ich mich sofort!“ Da lag ich schon wieder lachend unter der Theke. 😀

Nun machte ich also die Aushänge und Mitteilungen fertig und ordnete alles schick für das Wochenende. Als ich so beim Wirbeln war, fiel mir ein: „Mensch, Mist, Online-Meeting meines Veranstaltungs-Projektes verpasst!“ Das nun auch noch …  Dann fuhr ich nach Hause, in einem Bus voller Schulkinder, die sich vielleicht für Wochen das letzte Mal live gesehen haben. Ach Leute, hört das jemals wieder auf?

Eintauchen in die Vergangenheit

Eigentlich wollte ich so schnell nicht wieder einen Blogbeitrag schreiben. Eigentlich wollte ich auch an diesem Wochenende sowieso etwas ganz anderes tun. Aber es drängte mich dazu, alte Unterlagen zu sichten. Dabei fielen mir auch alte Fotos in die Hand. Fotos von Vereinsausflügen, von Auftritten meiner plattdeutschen Gruppe und Fotos von einer Führung in meiner ganz alten Lieblingsbibliothek. Hm. Da stehe ich, in meinem damaligen Lieblingsrock, ein altes Buch in der Hand, die schöne, historische Bibliothek erklärend. Mir zuhörend eine Freundin, die vor zwei Jahren im hohen Alter von 93 Jahren aus dieser Welt ging und ihre Freundin, die meine Klavierlehrerin war und schon lange nicht mehr lebt. Nach einigem Überlegen realisierte ich auch staunend, wer das Foto geschossen hatte. Ein ehemaliger Kollege meiner Freundin, der mich Jahre später in die Stadtgeschichte meines jetzigen Arbeitsortes eingeführt hatte und dessen Nachlass mein Stadtarchiv schließlich erbte. Oh Mann! Ja, klar. Da schließt sich der Kreis.

Es ist unglaublich, wie viele Kreise sich jetzt gerade schließen. Sowohl für mich als auch für andere. Meine Museums-Kollegin, deren Gesprächsbedarf sich nach meiner im letzten Blogbeitrag geäußerten Meinung scheinbar erledigt hatte, rief mich heute nochmals an und es ging noch tiefer, noch viel tiefer. Da löst sich bei ihr gerade Schicht um Schicht. Da kann ich nur weiter zuhören und ermutigen.

Auch meine Mutter hatte einen mentalen Ausflug in die Vergangenheit. Es meldete sich ein Freund ihres Bruders, der über Umwege ihre Kontaktdaten ermittelt hatte. Alte Fotos versetzten auch ihn tief in die Vergangenheit zurück. Während er in seiner Villa mit Blick auf die Alpen saß und Fotos anschaute, hatte er sich daran erinnert, dass die Mutter meiner Mutter – die Großmutter, die ich nie kannte – ihm und seinen Eltern das Leben gerettet hatte, indem sie, die Bäckerin, diese Familie mit „durchfütterte“. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ihre Mutter viele Menschen durchfütterte und sie damit vielleicht vor dem Hungertod bewahrte. Jedenfalls freute sich meine Mutter über diesen Anruf voller dankbarer Erinnerungen sehr. Da schloss sich für sie ein Kreis. Hatte sie doch gerade am Karfreitag über die schwere Zeit nach 1945 geredet. Gesprächsweise kamen die Beiden schließlich auf ihre Kinder und Enkel. Meine Mutter erzählte nun, dass ihre Tochter, also ich, einst in der Bibliothek des Gymnasiums gearbeitet hatte, in dem der Anrufer vor 70 Jahren die Schulbank drückte. Da stutzte der Anrufer. „Das ist deine Tochter??? Die kenne ich!!!“ Er wusste sofort meinen Namen und erzählte meiner Mutter von dem, was ich ihm einst erzählt hatte. Da staunte ich nun wieder. Dass er das noch weiß! Aber eigentlich verbinde ich mit ihm ein anderes, aber kurioses Erlebnis.  Es ist auch schon zwanzig Jahre her. Damals feierte er sein Goldenes Abitur und wollte seiner alten Schule ein besonderes Geschenk machen. Er hatte die Idee, ein Portrait des Namensgebers dieser Schule anfertigen zu lassen. Da gab es aber ein Problem: Vom Namensgeber, der 1939 starb, existierten logischerweise nur Schwarz-Weiß-Fotos. Deshalb wollte er von mir unbedingt die Augenfarbe dieses Mannes wissen. Das war in der Tat ein Problem. Ich wälzte Zeitzeugenberichte von Begegnungen mit diesem Mann. Eine Frau schrieb: „Warme braune Augen schauten mich fragend an.“ Ein ehemaliger Schüler schrieb aber von grünen Augen. Als ich wieder mal in dem Institut forschte, welches den Nachlass dieses Mannes verwaltet, schaute ich mir dort die Portraits an, die zu seinen Lebzeiten entstanden waren. Dort gingen die Augen eher ins grau-grüne. Und diese Erkenntnis floss dann auch in das neue Portrait ein, welches heute im Zimmer des Schulleiters hängt. Oh ja. Das waren schon interessante Zeiten! Da hat sich für mich dann heute auch ein Kreis geschlossen.

Meine Mutter schwelgte weiter in Erinnerungen, vermutlich angeregt vom Blick des Anrufers auf die Alpen. Da kam sie dann auf ihre Reise in die Alpen und nach Italien. Was mich dann auch wieder an Italien erinnerte. Und daran, wie ich fast auf den Tag genau 26 Jahren völlig spontan, innerhalb von zwei Tagen entschieden, als „Betreuung“ zweier Lateinklassen eben dieses Gymnasiums, an dem ich arbeitete, mit einem Reisebus nach Rom fuhr. Eine Horde Flöhe hüten in Rom, nach einer Busreise ohne Zwischenübernachtung. Das war eigentlich Wahnsinn, aber es war schön!!!

Tja. Wenn ich so zurückblicke und Erinnerungen wälze, dann staune ich schon, was ich so alles erlebte. Langweilig war mein Leben bisher wirklich nicht und wird es wohl auch nie sein. Für mich ist es so, dass alles, aber auch alles in meinem Leben einen Sinn hatte. Auch die Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging. Im Nachhinein machte alles irgendwie Sinn. Vielleicht ist es das, was ich meiner Kollegin vermitteln sollte, wenn sie weiter Schicht um Schicht löst. Alles im Leben hat seinen Sinn. Manchmal erschließt sich dieser aber erst viel später. Manchmal fügt man erst viel, viel später all diese Puzzleteilchen einzelner Erlebnisse zusammen. Was aber in jedem Fall wertvolle Erkenntnisse bringt.

Stürmische Tage

Meine letzten zehn Tage gestalteten sich so wie das Wetter – April-launig wechselhaft, stürmisch. Wobei Stürme ja nichts rein Negatives sind. Stürme können den Kopf freipusten, Stürme können Altes wegwehen und neue Herausforderungen bringen. Und zwischen den Stürmen scheint ja auch mal die Sonne.

Bis zu meinem Osterurlaub fühlte ich mich aber gestresst und ausgelaugt. Ein Hin und Her um personelle Entscheidungen im städtischen Museum hatte seine Auswirkungen. Zwar nicht unmittelbar betroffen, fing ich doch die chaotischen Stimmungen ab, war für mehrere Leute Kummerkastentante, sogar abends und am Wochenende. Das schlauchte und nahm kein Ende. Kurz vor Ostern war dann der „geht nicht mehr“-Punkt erreicht. Kurz entschlossen reichte ich für die zwei Arbeitstage nach Ostern Urlaub ein. Und schon beim Gedanken an die Auszeit ging es mir etwas besser. Als von der Kirche gegenüber der Bibliothek das Ostergeläut erklang, fühlte ich mich regelrecht beschwingt. Ich bin nicht christlich erzogen, aber seit diese Kirche neue Bronzeglocken hat, ist das ein so, sooo schöner Klang mit wunderbarem Nachhall, der sich anfühlt wie Klangschalenmassage. Der Nachhall dringt bei mir immer gefühlt in jede Pore und ich öffne immer die Fenster weit, um den vollen Klang zu erfahren.

Kurz nach dem Ostergeläut war es auch schon Zeit, die Sachen zu packen und meinen Arbeitsort zu verlassen. Der Karfreitag mit Familien-Karpfenessen gestaltete sich noch etwas mühsam. Meine Mutter hatte wieder ihre Erlebnisse von 1945 zum Thema gemacht. Sie ist immer noch bei der Bewältigung des Traumas, was sie als vierjähriges Kind erlebte. Es war wieder bedrückend. Das Wetter mit dem eisigen Wind passte zu diesem Tag. Der Sonnabend floss mit letzten Einkäufen so dahin. Aber auch an diesem Tag zog es mich runter. Die Museumskollegin, die seit sechs Wochen für Dauer-Stress sorgt, hatte einen Zeitungsartikel zu einer Sage veröffentlicht, der von Fehlern strotzte. Für mich als Hobby-Sagenforscherin war das mehr als antriggernd. Da hat sie es selbst im Urlaub, am Wochenende, zu Ostern mal wieder geschafft, dass ich mich zumindest ärgere. Ich setzte mich sofort hin, schrieb ihr eine Mail und benannte sachlich die Fehler. So ist meist mein Weg. Den Ärger sofort dort abladen, wo er herkommt. Dann ging es mir besser.

Der Ostersonntag wurde dann schön. Wir waren bei meiner Schwester und meinem Schwager eingeladen, die in einem kleinen Dorf in der Nähe der Ostsee leben. Dort gestaltete sich alles freudig entspannt. Auf einem weiten Spaziergang trafen wir lauter entspannte Nachbarn mit ihrem entspannten Besuch. Frieden und Freude lag in der Luft. In dieser Zeit werden nicht nur in unserer Familie die Begegnungen intensiver und man freut sich mehr aneinander und an sonst so selbstverständlichen Kleinigkeiten.  Abends gab es noch einen Videochat mit dem Rest der Familie.

Ich nahm diese Oster-Entspannung mit und sie vertiefte sich immer mehr. Ich kam immer mehr zur Ruhe und immer mehr zu mir selbst.

Am Dienstag und Mittwoch werkelte ich in meiner Wohnung, sortierte lange liegende Stapel mit Unterlagen zu meinen zahlreichen Projekten. Zwischendurch flogen nette Mails zwischen mir und einem Forscher-Kollegen hin und her. Wir beschäftigten uns mit einer Persönlichkeit, die in meinem Arbeitsort wirkte und ein Jubiläumsjahr hat. Ich brütete zu Hause über dienstlichen Archiv-Hausaufgaben. Vor kurzem wurde ich gebeten, im Juni einen virtuellen Vortrag zu halten. Das ist zwar noch eine Weile hin, aber jetzt habe ich gerade die Muße, mich in das Thema intensiv einzulesen. Aber auch sonst war ich klar und zentriert bei der Sache. Die Steuer-Unterlagen schon mal griffbereit auf einen Stapel gepackt und sortiert, die Vereins-Unterlagen auch, die Sagen-Unterlagen durchgeschaut, denn im Juni steht auch eine Sagen-Lesung an.

So richtig schön klar, zentriert, durchgelüftet und fokussiert begann der erste Arbeitstag nach dem Osterurlaub. Von der ersten Minute bis zur allerletzten Sekunde, bevor ich im Dauerlauf zum Bus rannte, waren Leser in der Bibliothek. Aber nicht nur die. Zwischendurch gab es immer mal nette Überraschungen. Es rief eine erleichterte Kollegin an, die ein klärendes Gespräch in der Chefetage hatte und sich glücklich fühlte. Na endlich, dann dürfte die Kummerkastentanten-Zeit vorbei sein. 🙂 Und nachmittags stand mein ehemaliger Lieblings-Praktikant https://spiritimalltag.wordpress.com/2020/09/12/ein-kind-der-neuen-zeit/ überraschend in der Tür. Er hatte sich genau mit dem Mann beschäftigt, der mich auch im Urlaub umtrieb. Das war schon eine Aufgabe im Praktikum. Mein Praktikant aber blieb auch lange nach dem Praktikum dran, was so weit ging, dass er mal eben Wikipedia-Einträge änderte. 🙂 Er brachte nun einen ganzen Hefter voller Ausarbeitungen mit und berichtete glücklich über den Fortgang seines Studiums und seine Pläne. Da war ich einfach happy. Es läuft bei ihm, er arbeitet zielstrebig, weiß nun genau, was er wann tun und erreichen möchte und hat aus seinem damaligen Praktikum bei mir das Thema für seine Bachelor-Arbeit mitgenommen. Besser kann es nicht laufen. 🙂 Und dann kam noch der nächste Hammer. Sein Praktikumsbericht war wohl so gut eingeschlagen, dass er mich nun im Auftrag seiner Dozentin fragte, ob ich meine Einrichtung nicht in eine virtuelle Vorlesung an der Uni vorstellen möchte. Da war ich dann erstmal mehr als baff. Und ich bin noch am Verdauen.

Am heutigen Tag war schon eine Überraschung geplant, diesmal für Doreen, meine ehrenamtliche Kollegin. Es gab eine (Wahlkampf)aktion, in der sich Bürger wünschen konnten, wer einen Blumenstrauß erhalten sollte. In diesem Fall hatte nicht ein Bürger, sondern die Landtagsabgeordnete, also die Initiatorin selbst meine Doreen auf die blumen-Schenk-Liste gesetzt. Also musste ich Doreen unter einem Vorwand an einem Archivtag in die Bibliothek locken, damit sie dort ihren Blumenstrauß erhält. Wir schafften es auch, sie abzulenken und sie zu beschäftigen, bis die Tür aufging, die Landtagsabgeordnete eine Rede hielt, der Bundestags-Kandidat ihr einen wirklich großen, hübschen Strauß überreichte und wir Fotoshooting machten. Doreen war wirklich perplex, aber sie strahlte sehr. 🙂 Ich konnte dann noch kurz die zwei Abgeordneten durch das ganze Haus führen und sie für das sensibilisieren, was uns Bibliothekare in dieser Zeit gerade beschäftigt.  Ich bin eigentlich nicht so für solche politischen Termine, aber das war wirklich nett. Eine nette Begegnung mit interessierten Leuten. 🙂 Sie haben an diesem Tag noch weitere Blumensträuße verschenkt. Und allein durch Doreens Lächeln fühlte ich mich auch reich beschenkt. 🙂

Jugend voran!

Werde ich langsam alt? Ich habe das Gefühl, zu wenig zu schaffen, ich bin momentan, sobald ich zu Hause bin, so dauermüde, dass mir sogar in der Badewanne die Augen zufallen. Kurzum, ich bin so downgelockt und so runtergefahren, dass es nur schwer ist, Höchstleistungen zu vollbringen. Dauerstress war gestern, heute braucht mein Körper Ruhe und mein Geist auch. Frühjahrsmüdigkeit? Kosmische Energieflutungen? Einfach zu viel zu verarbeiten? Wer weiß. Genau weiß ich nur, dass ich nicht mehr in die selbe Tretmühle möchte, wie es speziell 2019 der Fall war. Ich möchte schon weiterhin alles geben, aber nur das geben, was ich wirklich zu geben habe. Ich möchte nicht mehr über meine Kräfte gehen. Nicht mehr tausend Sachen gleichzeitig machen.

Aber das muss ich ja auch nicht. In den letzten Tagen fiel mir auf, wie langsam die Jüngeren Verantwortung übernehmen. Da kann ich gern einen Schritt zurücktreten und sie auch machen lassen.

Es fing damit an, dass der Personalrat auf mich zu kam, wegen der Kollegin, die, bevor ihr Vertrag endet, noch mal ordentlich in alle Richtungen tritt. Es kam aber nicht der eigentliche Personalrat, der eigentlich noch nie aktiv war und von mir in dieser Zusammensetzung deshalb auch nie gewählt wurde. Nein, es kamen die jungen Nachrücker, die ganz engagiert und kompetent versuchten, Klarheit in eine verfahrene Situation zu bringen. Wow. So hilfreich kann ein Personalrat sein, wenn die richtigen Leute darin arbeiten! Ich gab ihnen alle Infos, die ich ihnen geben konnte, segnete sie in Gedanken, trat einen Schritt zurück und ließ sie machen.

Die selbe Kollegin, die jetzt als Nachrückerin im Personalrat agierte, hat kürzlich innerhalb der Stadtverwaltung einen wichtigen Posten übernommen und hängt sich da voll rein, mit dem Ergebnis, dass alte, festgefahrene Strukturen sich lösen. Davon profitiert auch die technische Ausstattung der Bibliothek. Auch hier brauche ich nur die nötigen Infos zu geben, einen Schritt zurückzutreten, sie segnen und machen lassen. Komischerweise hatte ich schon vor ungefähr fünf Jahren eine Vorahnung, als ich diese Kollegin zum ersten Mal sah. Zum ersten Mal sah ich sie nicht in der Stadtverwaltung, sondern in der Bibliothek, als sie sich als neue Leserin anmeldete. So nebenbei ließ sie fallen, dass sie ja nun eine höhere Beamtenlaufbahn in der Stadtverwaltung begonnen habe und dass es ihr sehr gefalle. Ich hieß sie im Team willkommen und sagte ganz intuitiv in etwa: „Da haben Sie gute Chancen, dauerhaft übernommen zu werden, denn Nachwuchs wird dort immer gesucht, z. B. geht Frau H. in einigen Jahren in Rente.“ Und genau diesen Posten der Frau H. hat sie jetzt übernommen.

Ich weiß nicht, ob ich besonders sentimental bin. Aber ich werde immer ganz gerührt, wenn ich sehe, wie junge Leute, die ich lange kenne, so ihren beruflichen Weg freudig gehen. Gestern gab es wieder so ein Beilspiel. Da hatte sich eine Firma angekündigt, die die Ausschreibung der Technik in der Bibliothek begleitet. Und da stand dann ein junger Mann in der Tür, der fragte: „Kennen Sie mich noch? Und übrigens soll ich Sie herzlich von meiner Mutti grüßen!“ Ja, mit der Mutti war ich mal in einem Literaturkreis, und der junge Mann war als Kind mal Leser in der Schülerbibliothek, in der ich vor fast zwanzig Jahren gearbeitet hatte. Und nun wirbelte er als IT-Spezialist in der Bibliothek umher und prüfte routiniert Leitungen, Router, Anschlüsse und Technik. Wow. Ich beobachtete das fasziniert, gab hier auch nur einige Infos und ließ ihn und seinen Kollegen machen.

Es ist so, so schön, wenn junge Leute heranwachsen, einen Beruf erlernen und sich kompetent einbringen! Gern denke ich bei diesem Thema auch an meinen Praktikanten vom letzten Herbst zurück. Auch er war als Schüler Leser in der Bibliothek, allerdings schon in meiner jetzigen. Mit ihm zusammenzuarbeiten machte riesigen Spaß!

Heute gab es wieder eine Begegnung mit einem jungen Mann, den ich heranwachsen sah. Der Patensohn meiner Freundin meldete sich bei mir, um mit mir gemeinsam etwas zu besprechen, was schon seit zwei Jahren, seit dem Tod meiner Freundin, hätte geschehen sollen. Eigentlich lag dies in der Verantwortung der Mutti des Patensohnes, so wollte es meine Freundin, aber da rührte sich nichts. Und nun übernimmt die nächste Generation das Problem, um es zu lösen und um für sich daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Endlich!!! Meine Freundin Helga würde sich freuen!

Meine Mutter war jahrzehntelang Lehrerin. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, wird sie oft von ehemaligen Schülern gegrüßt. Ihre ehemaligen Schüler sind nun ihre Ärzte, Einzelhändler, Gastronomen, Musiker oder selbst Lehrer und noch vieles mehr. Meine Mutter zitiert immer gern den Spruch ihres ehemaligen Schulleiters: „Seid nett zu euren Schülern, denn sie werden später einmal eure Ärzte sein!“ Ja, man sollte jeder Generation Achtung entgegen bringen. Und die Jugend sollte man nicht ständig bevormunden, nur weil man älter ist und meint, deshalb das Recht dazu zu haben. Man sollte beobachten, sich weise zurücknehmen, Stärken erkennen und diese behutsam fördern. Und einfach mal machen lassen! Es gibt Kollegen, die extra junge Menschen eingestellt haben, um sie zu „Formen“. Ja, sind wir denn Gott, dass wir Menschen nach unserem Bilde formen? Lasst sie doch einfach sie selbst sein und ihren eigenen Weg gehen! Nur dann lösen sich alte Strukturen und es entsteht Neues.

Kampfamazonen im Einsatz

So aggressiv, wie diese Überschrift sich liest, gestaltete sich die Stimmung in meiner letzten Arbeitswoche. Überall brodelte und kämpfte es um mich herum. Fassaden zerfielen oder es wurden neue, schon gleich am Anfang bröckelnde Fassaden präsentiert. Wahnsinn, was da gerade alles abgeht. Vor allem war es der Sumpf aus der letzten Geschichte, der mich weiter zwar nicht aktiv beschäftigte, aber indirekt waberte da noch sehr viel Informationen zu mir. Informationen über Geschehnisse, die, wenn sie nicht so hanebüchen wären, schon wieder für Heiterkeit sorgen könnten. Verrückte Zeiten sind das.

Ich will da auch nicht weiter detailliert drauf eingehen, es muss sich auch bei mir noch alles setzten. Nur so viel: Die Gleichstellungsbeauftragte, gleichzeitig ehemalige Bürgermeister-Kandidatin, trat erstmals seit der Wahl im Herbst letzten Jahres wieder in Aktion und betätigte sich als Kampfamazone, allerdings ging ihr Aktionismus genau in die falsche Richtung.

Zum Glück war ich nicht direkt involviert, aber die Folgen des Kampfamazonen-Einsatzes könnten auch (negative) Folgen für meinen Arbeitsalltag haben. Aber damit werde ich mich dann auseinandersetzen, wenn bzw. falls es soweit kommen sollte. Natürlich beschäftigt einen so ein Wirrwarr in der unmittelbaren Umgebung auch sehr. Zum Glück hatte ich gerade in dieser Woche einige Termine mit einigen langen Wegen im Sonnenschein, die ich noch mit Umwegen in die Länge zog. Die Bewegung tat mir gut und brachte das innere Gleichgewicht zurück. Nur die Nächte gestalteten sich unruhig, aber da musste ich durch. Mit Musik übersteht man alles.

Am Freitag hatte ich, weil es gerade so in der Wochenstimmungs-Luft lag, eine direkte Begegnung mit einer Kampfamazone. Die „Objektverantwortliche“ unserer Reinigungsfirma für unseres und noch 59 weitere „Objekte“ hatte gewechselt. Nur erfuhren wir davon gerüchteweise durch unsere Reinigungskräfte. Die Neuigkeit wurde mir schon mit den Worten serviert: „Die hat Haare auf den Zähnen!!!“ Bei einem solchen Wechsel der Verantwortlichkeiten ist es üblich, dass ich offiziell informiert werde und dass sich die neue Ansprechpartnerin vorstellt. Ich war ja nun seit zwei Monaten gespannt auf die Dame mit den behaarten Zähnen, aber nichts passierte. Als ich nun die jährliche Frühjahrs-Grundreinigung organisieren wollte, brauchte ich dafür einen offiziellen Ansprechpartner. Ich fragte mich also innerhalb der Reinigungsfirma bis zu der Dame mit den behaarten Zähnen durch, und wir einigten uns auf einen Termin am Freitag. Vorher hatte ich die Intuition, meine Kollegin vom  Museum dazu zu holen, die erstmal aus allen Wolken fiel, als sie hörte, dass wir eine neue Ansprechpartnerin hatten. Ich informierte auch unsere Reinigungskräfte darüber, dass die Vorarbeiterin am Freitag im Hause sein würde und sie sich deswegen bemühen sollten, das Haus besonders gründlich zu reinigen. Denn da gibt es, nebenbei bemerkt, immer mal Probleme, es hat auch gerade eine der beiden Reinigungskräfte gewechselt, die Neue ist noch etwas schüchtern und in der Einarbeitung und man muss sie ja nicht ins offene Messer laufen lassen.

Also alle Vorkehrungen waren getroffen, als die Kampfamazone in Begleitung ihrer Kollegin erschien. Es war eine wirkliche Kampfamazone. Ich werfe sonst nicht mit solchen Begriffen um mich, aber als ich die Frau sah und erlebte, war dieses Wort sofort in mir. Klein, gedrungen, die Haare streng zu einem Knoten nach hinten gebunden, schwarze Maske und lautes Organ, verbunden mit einem penetranten Befehlston. Meine Museums-Kollegin und ich zuckten ganz schön zusammen. Als erstes wurden wir „ausgemistet“, weil ich es gewagt hatte, meine Museums-Kollegin überhaupt dazu zu holen. Dann wurde ich ausgemistet, weil ich es gewagt hatte, gemeinsam mit meiner Reinigungskraft vorsichtige Terminplanungen für die Grundreinigung zu starten. Sie bombardierte uns mit Anweisungen im Befehlston, von denen fast jeder Satz im Sinne von „Hier regiere ich!!!“ unmissverständlich zu verstehen war. „Alles läuft hier über mich und die Frau … (die neben ihr stand) hat auch keine Absprachen zu treffen!!!“ Ich musste mich schon sehr bemühen, „cool“ und sachlich bestimmt zu bleiben.  Denn schließlich sind wir die Auftraggeber, also die Chefs, wenn man so will. Ganz ehrlich, ich habe schon unendlich viele Menschen kennengelernt, aber so eine Kampfamazone noch nicht. Die beiden Vorgänger in ihrem Amt, die ich innerhalb von drei Jahren erlebte, waren da weitaus entspannter, haben aber, wie man an der Zeitspanne merkt, immer relativ schnell den Job gewechselt. Für 60 Objekte, also Reinigungsstellen, verantwortlich zu sein, scheint nicht gerade ein prickelnder Job zu sein.

Als die Kampfamazone merkte, dass ich mich nicht einschüchtern ließ, versuchte sie es bei der Museums-Kollegin, die auch die Frühjahrs-Grundreinigung für das Museum organisieren wollte. „Vor April gibt es generell keine Grundreinigung, denn da sind Luft und Boden noch zu feucht und es können noch Wintereinbrüche kommen.“ – „Ja aber, wir wollen ja im April wieder öffnen! Wie soll das denn gehen?“ Dieses Problem konnten die beiden nicht klären, wie auch ich meinen Grundreinigungs-Wunschtermin nicht klären konnte. Absolute Fehlanzeige und absolutes Beißen auf Kampfamazonen-Granit. Insofern war dieser Mentalkräfte zehrende Termin eigentlich sinnlos.

Was wir aber schafften, war, dass die Kampfamazone nach einiger Zeit zu einem normalen Tonfall fand. Na immerhin. Die Museums-Kollegin hat mit ihr noch einen Termin im Museum – und jetzt ist sie ja gewarnt und kann sich vorbereiten.

Die Kontroll-Runde durch „mein Haus“ war wohl in einigen Dingen nicht zufriedenstellend, was eigentlich vorauszusehen war. „Das werde ich heute gleich auf der Dienstberatung mit Frau L. und Frau B. auswerten!“ Angesichts dieser Androhung sagte ich gleich: „Frau L. wird wohl nicht anwesend sein, denn sie hat Urlaub.“ – „Ob Urlaub oder nicht ist egal, zu einer Dienstberatung haben alle zu erscheinen!“ – „Aber Frau L. hat heute Geburtstag!“ Große Verwunderung bei allen Beteiligten und dann doch etwas menschliche Regung zum Schluss.

Es ist kein Wunder, dass dieser Firma die Reinigungskräfte ausgehen. Im letzten Jahr wurde dort reihenweise gekündigt. Wer möchte denn auch mit einem ganz engen Zeitfenster große „Objekte“ reinigen, dafür nur mit dem Mindestlohn leben müssen und noch dazu mit so einer Kampfamazone als Vorgesetzte? Früher waren die Reinigungskräfte alle bei der Stadt selbst angestellt, dann wurden sie zwecks Kosteneinsparung ausgelagert. Wie auch die Hausmeister. Bei den Hausmeistern hat man aber relativ schnell gemerkt, dass es so nicht funktioniert, und sie wieder direkt bei der Stadt angestellt. Man hat gemerkt, dass direkte Kommunikation und direkte Einflussnahme immer besser ist, als es über Dritte zu verhandeln.

Meine beiden Reinigungskräfte bevorzugen seit dem letzten Lockdown auch die direkte Kommunikation. Vorher sind sie mir aus dem Weg gegangen und haben sich auch wirklich nicht sehr bemüht. Die Kommunikation lief über ein „Servicebuch“ oder die Vorgänger der Kampfamazone. Im Lockdown hatten wir alle andere Arbeitszeiten, was dazu führte, dass ich die beiden Frauen endlich mal live sah. So in direkter Kommunikation konnte ich ein gutes Verhältnis zu ihnen aufbauen, war vor allem dem empfindlichen Fußboden in der Bibliothek sehr zuträglich war. Eine der beiden Frauen hatte jedoch kürzlich gekündigt und ist in ein Hotel gegangen, in dem sie besser bezahlt wird. Schade! Die Nachfolgerin arbeitet sich nach langer Arbeitslosigkeit gerade ein. Da ist gerade viel Fingerspitzengefühl und Diplomatie nötig, mit Druck geht da garnichts! Kommunikation und Einfühlungsvermögen sind da wichtiger denn je. Alle Kampfamazonen dieser Welt haben ausgedient!!!

Waten im Sumpf

Es fing vor vier Tagen an. Man hinterbrachte mir, dass meine berufliche Lieblings-Sparringpartnerin gegangen wurde und sich demnächst aus der Arena meiner Erfahrungen verabschieden wird.

Zunächst staunte ich ungläubig, denn das hätte ich wirklich nie für möglich gehalten. Denn diese Kollegin war jahrzehntelang der absolute Kleinstadt-Star am Museumshimmel gewesen. Sie konnte die abstrusesten Dinge verwirklichen – alles wurde ihr abgenommen und beifällig beklatscht, auch wenn es nur bei Wikipedia gegoogelt war. Sie war so mächtig, dass sie mit ihrem Einfluss fachlich und menschlich sehr gute Kollegen wegbiss oder sich mit deren Ideen erfolgreich selbst präsentierte. Ich empfand sie immer als einen Energie-Vampir, so wie von dunklen Mächten ferngesteuert. Einerseits liebreizender blonder Engel, andererseits schwarze Magierin. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit war felsenfest glorifiziert. Und nun wird ihr nach Jahrzehnten Honorartätigkeit mühsam erschlichener fester Vertrag nicht verlängert??? Wow. Was für ein Wandel!!! Da konnte ich wirklich nur staunen und – was sonst wirklich sehr selten passiert – mir abends in stiller Freude ein Gläschen Sekt genehmigen. 🙂 Möge sie in Frieden gehen. Ich segne sie und bin dankbar für die Lebens-Erfahrungen, die mir durch sie zuteilwurden.

Aber sie ging nicht in Frieden, was eigentlich vorauszusehen war. So einen lukrativen, machtvollen Posten mit automatischem Glorienschein inklusive gibt man nicht einfach kampflos her, auch wenn man beim Chef in Ungnade gefallen ist. Als ich gerade meine Post in der Stadtverwaltung erledigte, wurde ich in ein Büro gerufen und mir wurde ein Brief vorgelegt, der es in sich hatte. Die noch andauernde stille Freude wich beim Lesen einem zähen Sumpf, der mich zu verschlingen drohte. Die gegangen wordene Kollegin präsentierte sich als Opfer eines einzigen Mannes, der ihrer Aussage nach seit Jahrzehnten ihre ach so glorreiche, in diesem Brief selbst vielfach gelobte Arbeit sabotiere. Der derart Angeklagte selbst hatte mir diesen Brief zu lesen gegeben, den sie, das selbst ernannte Opfer, an alle Stadtvertreter gerichtet hatte. Der arme Angeklagte hatte da schon eine schlaflose Nacht hinter sich, was ich gut nachvollziehen konnte, denn ich war ja auch schon mehrfach durch diese Person angeklagt worden, was ihr jedes Mal geglaubt wurde.

Ich tröstete den Angeklagten so gut es ging und versprach auch, mit einer befreundeten Stadtvertreterin zu reden. Während des Gesprächs erinnerte der Angeklagte mich an zahlreiche Mails, in denen ich von dieser Person angegriffen wurde. Da staunte ich wieder. Ja, stimmt, so war es. Und daran erinnert er sich noch??? Ich hatte das schon längst zu den Akten gelegt. Erst anderthalb Stunden später verließ ich die Stadtverwaltung und fühlte mich abgeschlagen und schwer wie Blei, so als ob ich wirklich einen großen Sumpf durchwatet hätte. Meine stille Freude war weg, statt dessen Müdigkeit, Mitleid mit dem Angeklagten, der es wirklich nicht verdient hat, und Hineinspüren in das Um-sich-schlagen einer verzweifelten Frau, die alle ihre Macht, ihren Einfluss und ihre gesicherte Einnahme zerrinnen sieht und mit der die fast-Vollmond-Energien komplett durchgegangen sind.

Nachmittags hatte ich einige Bibliotheksbesucher, die mich etwas wieder zu mir kommen ließen. Aber zwischen den Besuchen war ich mit Richtigstellung von Fakten im Sinne des Angeklagten beschäftigt und sank immer wieder tief in den Sumpf hinab. Abends fühlte ich mich so, als hätte ich nochmals einen ganzen Bibliotheksumzug bewältigt. Ich konnte nur schwer abschalten. Erst als mir telefonisch ein frischer Wind von meiner Freundin in das Ohr wehte, war ich langsam wieder in meiner alten Form.

Auch ich habe mich gewandelt. Vor zehn Jahren wäre ich noch vor lauter Schadenfreude an die Decke gegangen. Und heute? Na gut, vielleicht ein bisschen Schadenfreude kann ich nicht leugnen und sie sei mir gegönnt, aber es überwiegt nun wieder die stille Freude darüber, dass es sich wandelt und dass Gerechtigkeit sich entfaltet. Und dass die Kolleginnen vom Museum und ich unsere Energie künftig nicht mehr an diese Frau verlieren, dass wir nicht mehr Opfer von Ideenklau, chaotischem Handeln und cholerischen Wutausbrüchen werden, dass im Museum ein friedliches Miteinander ohne Ellenbogen und böses Getratsche möglich wird und dass die seit Jahrhunderten dunkle Energie dort, in der alten Ritterburg, sich endlich klärt. Gelitten wurde genug, jetzt zieht die Freude dauerhaft ein. So ist es.

Drei Tage

„Drei tolle Tage“ wären es ja, wenn nicht der Lockdown wäre. Aber interessant waren die drei letzten Arbeitstage in der Bibliothek in ihrer so unterschiedlichen Tagesenergie schon.

Der Montag war wettermäßig ein Wintermärchen mit traumhaftem Sonnenschein und immer noch gefühlt klirrender Kälte. Wie schon an den Arbeitstagen zuvor staunte ich über die Spuren auf dem Hof, die Aufschluss über nächtlichen tierischen Besuch gaben. Mehrere Vögel, darunter ein sehr großer, vielleicht eine Möwe oder eine Ente, waren bis zum oberen Hof gekommen, sogar eine Katze war die Treppen zum oberen Hof hochgestiefelt, ebenso ein Tier, dessen Spuren ich nicht deuten konnte. Ich schoss einige Fotos, damit die nächste Kita-Lesung zum Thema „Tiere im Winter“ noch anschaulicher wird. Ich hatte ja vor einigen Jahren mal eine Geschichte rund um Tierspuren im Schnee geschrieben, die Kita fordert sich das Vorlesen dieser Geschichte in jedem Winter wieder ein und der Kindergärtner fragt mich jedes Mal, ob ich denn nun endlich die Geschichte als Buch herausbringe. Vielleicht irgendwann mal … 🙂 Trotz des Winterwetters fanden einige Leser den Weg in die Bibliothek, darunter auch Ferien-Kids und eine Lehrerin, die ebenfalls Winterferien genoss. Immer wieder spüre ich die Dankbarkeit der Leser dafür, dass die Bibliothek auch während des Lockdowns für sie da ist – und das tut gut.

Während es im Bibliotheksbetrieb flutschte, lief bei meiner „Nebenbei-Finanzverwaltung“ so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte. Was daran lag, dass ich einfach unkonzentriert war. Irgendwie nur halb da. Wo die andere Hälfte von mir gerade war, weiß ich nicht. Ich wurschtelte mich so durch, und bis ich meine eigenen Fehler erkannte und wusste, wie ich es anders machen muss mit dem Hin- und Herbuchen von einer Gutschrift, geteilt durch drei „Produkte“, war es fast Feierabend. Ich bin ja auch keine Finanzbuchhalterin, sondern studierte Bibliothekarin.

Zwischen Leserbetrieb und Finanz-Gewurschtel kam auch noch ein Anruf, der mich umhaute. Ich wurde aufgefordert, meine Statistik zu fälschen. Alle deutschen Bibliotheken geben ihre Jahreswerte in eine gemeinsame Plattform, die Deutsche Bibliotheksstatistik. Hier werden auch die Entleihungszahlen inklusive Verlängerungen angegeben. Aus politischen Gründen, nämlich um den Mangel darzustellen, wurde ich nun angewiesen, alle automatischen Verlängerungen von Medien während des Lockdownbs aus der Statistik rauszunehmen. Herauskommen sollte dabei in jedem Falle eine niedrigere Zahl der Entleihungen als im Vorjahr 2019. Mir sträubte sich angesichts dieser hanebüchenen Anweisung alles. Wenn seit 1999 bundesweit einheitlich alle Entleihungen mit den Verlängerungen der Leihfristen inklusive angegeben werden, dann macht es keinen Sinn, die Zahlen während des Lockdowns ohne Verlängerungen anzugeben, denn die Bücher waren ja bei den Lesern und wurden dort bestimmt auch während des Lockdowns genutzt. Abgesehen davon habe ich mit einigen Lesern, die auf den Dörfern wohnen und selten rankommen, sowieso die Vereinbarung, dass ich automatisch die Medien verlängere, wenn die Leihfrist abgelaufen ist. Ächz. Zu dem Frust durch das Finanzgewurschtel kam jetzt noch der Frust durch die gefälschte Statistik hinzu. Aber der Witz kommt ja noch: Als ich alle Verlängerungen aus dem ersten Lockdown abzog (im zweiten Lockdown 2020 hate ich ja sowieso schon Weihnachtsurlaub und verlängerte nicht), blieb immer noch ein leichtes Plus an Entleihungen – eben deshalb, weil die Leser nach dem Lockdown die Bibliothek so stürmten wie sonst noch nie zuvor. Da geht irgendwie die politische Milchmädchenrechnung des Bibliotheksvereins oder der Bibliotheksfachstellen oder von wem auch immer irgendwie überhaupt nicht auf. Ätsch!!! 😀

Von all dem Wirrwarr war ich dann so verwirrt, dass ich mittags beim Abtauen des Kühlschranks und dem damit verbundenen Abwasch versehentlich einen noch laufenden Wasserhahn in die falsche Richtung drehte, dabei kurz abgelenkt war und ihn laufen ließ – und mich wunderte, als plötzlich die halbe Personalküche unter Wasser stand. Was war das denn für ein Zeichen? „Wasch dir den Frust ab!“ oder „Diese Gegebenheiten sollten bereinigt werden!“ oder sowas in der Art? Abends im Bus auf dem Nachhauseweg konnte ich dann doch über mich selbst lachen, und über diesen ganzen verwirrenden Tag. 🙂

Am Dienstag sollte eigentlich Eisregen kommen und die ganze weiße Pracht sollte so nach und nach wegtauen. Aber statt dessen kämpfte ich mich auf dem morgendlichen Weg zum Bus durch Massen von Neuschnee und erlebte noch einmal eine Busfahrt durch zauberhaft verschneite Landschaften. Herrlich!!! Es war so richtig klebriger Schneemann-Schnee, und so sah ich an meinem Arbeitsort auch einige dieser lustigen Schneegesellen stehen, einzeln und in Schneefamilie. 🙂 Vormittags half mir Doreen in der Bibliothek, und ich nutzte die Gelegenheit, mal kurz was im Archiv zu suchen. Als ich wieder in die Bibliothek kam, fand ich Doreen strahlend vor, vor sich eine Tüte selbst gemachter gebrannter Mandeln – ein Geschenk von ziemlich neuen Lesern, die sich über unseren Service so freuten. Ich war ganz geplättet vor Freude, während Doreen ganz freudig mit der Leserfamilie über die Herstellung von gebrannten Mandeln fachsimpelte. Doreen hatte selbst einige Versuche schon gemacht, gemeinsam mit der Tochter ihres Freundes, aber sie hatten das optimale Rezept noch nicht gefunden. Die hier uns geschenkten Mandeln waren mit Rohrzucker, Butter und ohne Wasser in der Pfanne geschwenkt worden. Sie schmeckten absolut köstlich, das fanden wir beide. „Eigentlich ungesund!“, sagte ich und meinte den Zucker. „Nein, das meiste ist gesund!“, sagte Doreen und meinte die Mandeln. Ein schönes, kleines Überraschungsgeschenk zu erhalten ist aber auf jeden Fall Balsam für die Seele und somit sehr gesund. 🙂 Insofern war dieser Tag Gesundheit pur, denn nachmittags erhielt ich ein zweites Überraschungsgeschenk. Eine Leserin schenkte mir einen kleinen Karton „eigentlich ungesunder“ Pralinen, zufälligerweise auch noch eine meiner Lieblingssorten, was sie nicht wissen konnte. „Ich wollte mich einfach mal dafür bedanken, dass Sie immer, auch jetzt, für uns da sind und dass Sie so eine tolle Auswahl haben!“ 🙂 Also da war ich echt sowas von baff!!! Diese Leserin kenne ich schon seit Jahren. Sie liest keine Allerwelts-Bücher und ich bemühe mich immer sehr, ihr etwas Besonderes zu empfehlen. Da ihr Geschmack (und wohl auch ihre Ansichten) meinem ähneln, fällt mir die Empfehlung bei ihr immer leicht. Aber diesmal habe ich dann wohl mit „Der Salzpfad“ von Raynor Winn und „Wut ist ein Geschenk“ von Arun Gandhi (Erinnerungen an seinen Großvater Mahatma Gandhi) besonders ihren Lesegeschmack getroffen. Was wieder mal zeigt, dass im Lockdown gute Bücher so sehr wichtig sind. Sie sind eben Seelennahrung!!!

Trotz der Neuschnee-Massen war an diesem Tag doch mehr Betrieb als sonst. Wobei die Kinder schon auch mit ihren Schlitten durch die Stadt zogen oder Schneemänner bauten. Eine Omi, die eigentlich mit Enkelin kommen wollte, entschuldigte sich: „Heute bin ich allein, denn das Kind wollte noch einmal auf das Eis!“ – „Na klar, das ist der letzte Wintertag, noch dazu ein geschenkter, weil es eigentlich heute schon tauen sollte. Das muss man noch nutzen!“ Was gibt es schöneres, als auf dem Eis des kleinen Stadtsees Schlittschuh zu laufen! Gemeinsam mit der Omi suchte ichschöne Bücher für die Enkelin raus, damit sie am Abend des vielleicht letzten Wintertages gemütlich beim Vorlesen mit der Omi kuscheln kann.  🙂

Über Nacht hatte es tatsächlich geregnet, also fuhr ich heute durch eine grün-braun-weiß-gescheckte Landschaft zur Arbeit. Einerseits freute ich mich darüber, wieder die dünnere Winterjacke anziehen und Mütze und Handschuhe weglassen zu können. Denn dieses Gewurschtel mit Mütze, Maske und Brille beim Einsteigen in den Bus ist jedes Mal ein Graus, ganz ehrlich! Andererseits fing ich schon an, dem schönen, klaren, sonnigen, kurzen Winter hinterherzutrauern.  Vom Bus zur Bibliothek watete ich teilweise durch weißbraune, matschige Pampe. Diesmal hatte ich einen Arbeitstag im Archiv. Dort gab es eigentlich so viel zu tun, aber ich fasste hier mal was an, räumte dort mal etwas um und hatte nicht die Motivation für das ganz große, eigentlich geplante Umräumen. Ich war, wie zwei Tage zuvor, wieder nur gefühlt „halb anwesend“. Zwischendurch las ich noch eine Mail vom Bürgermeister. Dieser freute sich darüber, dass die 7-Tage-Inzidienz in unserem Amtsbereich nunmehr den zweiten Tag in Folge bei 0 liegt. „Dies ist ein Anlass, Ihnen dies mitzuteilen!“  Toller Ausdruck. Dass in meinem Arbeitsort einer der größten deutschen Übersetzer aufwuchs, hat wohl nicht gerade bis in die Gegenwart abgefärbt. Der Bürgermeister gab aber zu verstehen, dass alle Einschränkungen aufrechterhalten werden und bitte keiner der „Mitarbeitenden“ – wörtlich – „in Aktionismus verfallen“ sollte. 🙂 Was oder wen immer er auch damit meint. Mittags war noch eine terminlich vereinbarte Telefonkonferenz mit dem Geldgeber eines Veranstaltungsprojektes für die Bibliothek. Der Mann am anderen Ende der Leitung wirkte beinahe schläfrig und ebenso nur halb anwesend wie ich. Ach, das ist doch beruhigend, dass es nicht nur mir so geht! 🙂 Nach diesem Telefonat entdeckte ich noch eine Mail eines Stadtvertreters, der mir ein großes Zukunfts-Entwicklungs-Konzept einer großen benachbarten Bibliothek mit 70.000 Medien und 17 Mitarbeitern zur Kenntnis gab. Einfach mal so als Anregung und nette Geste. Nach Feierabend habe ich darin dann mehr als quergelesen, teils geschmunzelt (über eine geplante „neue Zweigstelle“, die es zu DDR-Zeiten schon mal gab) und teils sehnsüchtig geseufzt (über den Anspruch, die Bibliothek als Treffpunkt und Kommunikationsort, gerade für Kinder, so ansprechend und gemütlich wie möglich einzurichten). Ja, ich gebe es zu, ich bin noch immer nicht hinweg über die mir aufgezwungenen schwarzen Bibliotheksregale und nicht vorhandene, gemütliche „Lümmelsessel“ im Kinderbuchraum! Meine ganz persönliche Bibliotheksentwicklungskonzeption sieht es vor, dies langfristig auf jeden Fall zu ändern!!! Und da ich bisher alles durchsetzen konnte, was ich für die Bibliothek erreichen wollte, werde ich auch dies noch eines Tages in die Tat umsetzen. Irgendwann bin ich ja hoffentlich auch nicht mehr nur „halb anwesend“, sondern „ganz da“! 🙂   

Mit Intuition und ohne Führer*in

Das Internet ist ein Segen für die Menschheit, aber man kann sich auch darin verlieren. Man kann Irrwege einschlagen, man kann sich vom hundertsten auf den tausendsten Beitrag „schieben“ lassen, man entdeckt Beiträge neu, die man irgendwo anders schon mal las und man sieht sehr oft Beiträge, die man rein intuitiv nicht lesen möchte.  Durch das Internet zu navigieren, um die Infos „zu sich kommen zu lassen“, die man gerade braucht, ist ein ständiger, sehr interessanter und inspirierender Lernprozess. Jeder kann lernen, sicher zu navigieren und jeder hat dabei die einmalige Chance, seine eigene Intuition zu schulen. Das funktioniert im Internet genauso wie im richtigen Leben – man muss sich nur auf diesen Prozess einlassen.

Nun gibt es aber Blogger*innen, die sich berufen fühlen, die User sicher durch das Internet geleiten zu wollen. Es ehrt diese Menschen, dass sie den Usern helfen wollen, durch den Informations-Dschungel zu finden. Ab und an ist so ein gut gemeinter Hinweis hilfreich, auch für mich. So ein „schaut mal dort“ unter Freunden und Bekannten kann wirklich eine Bereicherung sein und ein Anstoß dazu, die gewohnten virtuellen Trampelpfade zu verlassen.

Wenn man aber von einer dieser selbst berufenen „Führer*innen“ zu viel „schaut mal dort, diese Seite ist guhut!“ liest und noch viel mehr „Achtung! Dieser Blog ist schlehecht!“ , dann sollte man auf höchste Alarmstufe schalten. Man sollte sich fragen: „Ist es für mich jetzt und auf die Dauer gut, so an die Hand genommen und geleitet zu werden? Dient dies meinem Lernprozess? Kann ich so wachsen? Nützt es mir oder nützt es eher dem Ego der sich hier präsentierenden Führer*in? Was ist das überhaupt für ein/eine Führer*in? Wie ist sein/ihr Hintergrund? Was schreibt sie oder schreibt er außerdem noch so? Geschichten aus dem eigenen Erleben oder eher abgehobenes Zeug? Gibt es eine angenehme Vielfalt in dessen / deren Beiträgen oder wird immer die selbe Leier abgespult?“ Dies wäre es wert, einfach ohne Wertung mal beobachtet zu werden.

Ich gebe zu, es ist bequemer, dauerhaft so einem Internet-Guide zu folgen und das eigene Denken abzuschalten. Aber man sollte sich dann auch klar sein, dass man mit der Möglichkeit zum eigenen Denken und eigenem Finden und eigenem intuitiven Treiben lassen im www verspielt. Man gibt die Befugnis zum Erkennen an jemanden ab. Wenn viele das an jemanden abgeben, dann geben sie damit auch Energie ab. Diese Energie schluckt dann dieser oder diese „Internet-Guide*in“ und wird damit immer mächtiger und einflussreicher. So werden Gurus erkoren. Dies ist ein sehr schleichender Prozess, viele bemerken ihn nicht, weil der oder die Internet-Guide*in ja sooo sympathisch ist.

Ich hätte gern heute, am Valentinstag ein anderes Thema behandelt, aber dieses schwelt schon eine Weile in meinen Gedanken und es will gerade heute hinaus in die virtuelle Welt. Ich möchte mit diesen Zeilen niemanden verurteilen oder irgendwie an den Pranger stellen. Ich möchte nur, dass ihr mal beiseitetretet, um ganz neutral eure eigenen Suchstrategien im Internet zu beobachten. Wie geht ihr vor, wenn ihr aktuelle Infos sucht? Welche Quellen nutzt ihr? Wie erkennt ihr, dass euch ein Beitrag anzieht oder abstößt? Bei mir reichen da meist schon die Überschrift oder /und die bildliche Illustration. Und ganz wichtig: wie viele Beiträge konsumiert ihr überhaupt täglich im Internet? Und kommentiert ihr Beiträge ständig mehrmals, öfter oder selten? Einfach mal von Zeit zu Zeit sich selbst beobachten und achtsam bleiben. Aus Liebe zu sich selbst – und nicht zu einem eventuellen Guru.

In diesem Sinne wünsche allen Lesern noch einen Liebe-vollen Valentins-Abend sowie einen glücklichen Start in die neue Woche.