Achtung! Künstler im Anmarsch!!!

Der Dienstag nach einem langen Wochenende. Ich freue mich auf einen ruhigen Arbeitstag im Stadtarchiv, denn die Bibliothek lockt gerade down. Unendlich vieles ist im Archiv zu sichten, zu erschließen, zu verschlagworten (ich liebe dieses wort) und neu zu ordnen. Außerdem bastle ich mmer mal an meinem stadtgeschichtlichen Vortrag, den ich auf einer virtuellen Tagung halten soll.

Morgens, nach der obligatorischen Blumen-Gieß-Runde, flutscht es ganz gut. Einige Ordner mit Bauakten sind gesichtet und erschlossen – wunderbar.

Gegen zehn Uhr bewege ich mich wieder aus der Unterwelt hinauf in die Höhen der Bibliothek. Ich schließe schon mal die Tür auf, damit Christina, meine ehrenamtliche Helferin, gleich reinrutschen kann. Sie wollte sich Verpackungsmaterial holen. Und ich hatte ihr und mir selbst eine Kaffeepause auf dem sonnigen Hof versprochen.

Während ich, auf Christina wartend, etwas in der Bibliothek herumsortiere, rutschen zwei Leser rein. Als sie schon in der Bibliothek standen, fragten sie vorsichtshalber mal nach: „Ist denn überhaupt geöffnet?“ Tja, Schließschilder an der Tür sind in dem Moment Schall und Rauch, wenn die Tür mal fünf Minuten aufgeschlossen ist. Da ich weiß, dass die Leser aus dem am weitesten entfernten Dorf unseres Amtes kommen, nehme ich die Bücher von ihnen zurück und gestatte ihnen, sich schnell neue auszusuchen. Sie verschwinden im Roman-Raum und Christina steht in der Tür. Wir machen kurze Dienstberatung und schwatzen etwas, darauf wartend, dass die Leser nach ganz schnellem Aussuchen der Bücher wieder gehen und wir unseren Kaffee auf den Hof trinken können. Doch die Leser bleiben im Romanraum und rühren sich nicht.

Dann klingelt das Telefon. Eine Frau vom Kulturverein kündigt an, dass die Künstlerin, die die nächste Ausstellung bestückt, statt in einer Woche schon heute aufbaut, denn sie hat gerade heute mal Hilfe. In einer dreiviertel Stunde würde sie kommen. Ob das ginge? Im Prinzip ja, antwortete ich, aber dann müsse die Künstlerin auf den für nächste Woche bestellten Hausmeister als Hilfe verzichten. „Wieso denn das?“ – „Der Hausmeister betreut insgesamt vier Häuser und etliche Grünanlagen. Bei uns ist er turnusmäßig nur donnerstags im Hause. Für den Aufbau der Ausstellung habe ich ihn auf Wunsch der Künstlerin für den nächsten Dienstag ausnahmsweise einbestellt. Bei solchen spontanen Aktionen wie heute kann ich ihn aber nicht aus seiner anderen Arbeit herausnehmen.“ Hm, dann muss es wohl ohne gehen, meint die Kulturvereins-Frau.

Zum Verständnis vielleicht folgendes: Die Bibliothek teilt sich den großen Veranstaltungssaal mit dem Museum und dem Kulturverein. Die Mitglieer des Kulturvereins haben es übernommen, ehrenamtlich die Ausstellungen zu betreuen. Das Ausstellungs-Jahresprogramm wird gemeinsam mit allen Beteiligten abgestimmt. Die jetzt ausstellende Künstlerin zeigt ihre Werke annlässlich ihres 80. Geburtstages – diese Ausstellung war ein Wunsch aus dem Museum.

Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, schaue ich zu den Lesern, die nun schon mehr als eine Viertelstunde im Roman-Raum verweilen. Der Mann hatte es sich mit einem Buch in der Sitzecke bequem gemacht. Ich bitte die Leser, sich doch möglichst zu beeilen und erinnerte sie daran, dass wir ja eigentlich geschlossen haben und nur freundlicherweise spontan ihnen eine schnelle Ausleihe ermöglichen. Die Frau reagiert sofort und kommt mit ihren Medien an die Theke. Als ich sie schon abgefertigt hatte, Beleg war gedruckt, kommt der Mann gaanz laaangsam hinterher und will sein Buch, in dem er sich bereits festgelesen hatte, auch noch verbucht haben. Tief Luftholen, freundlich bleiben, lächeln – und tschüß!!!

Nun suche ich im Lager für Christina die Verpackungsmaterialien zusammen, während sie uns den Kaffee kocht. Wir schaffen es gerade, unseren Kaffe auf dem sonnigen Hof auszutrinken und hatten noch nicht mal ein wichtiges To Do besprochen, als es an der nun wieder geschlossenen Tür klingelt und die Künstlerin mit ihrer Helferin Einlass begehrt.

Erste Frage: „Wo ist der Hausmeister?“ Ich erkläre der Künstlerin, einer achtzigjährigen Dame, dass der Hausmeister zum ursprünglichen Termin am 4. Mai gern zur Verfügung gestanden hätte, dass wir aber soo spontan leider nicht umdisponieren können. Das wird naserümpfend zur Kenntnis genommen. Nun betritt die Künstlerin den Ausstellungssaal, der gleichzeitig als Touristinfo und Veranstaltungssaal dient. Ein kritischer Blick umfasst den gesamten Saal, dann ging es los: „Die Flyerständer müssen raus.“ Okay, es ist ja Lockdwon, so schnell wird wohl kein Tourist hier aufschlagen. „Die Tische müssen raus.“ Da geht das Verhandeln schon los. Ergebnis: zwei Tische dürfen raus und zwei bleiben drin, denn der Raum wird auch mal für Dienstberatungen genutzt. Als nächstes visiert der kritische Künstlerinnen-Blick die große Theke. „Kann die hinter die Schränke geschoben werden?“ Nein, kann sie nicht, denn dort stehen schon die Stühle aufgestapelt und die Theke wird auch manchmal gebraucht. Zwar nicht als Theke, aber zu anderen Zwecken. Und die Theke ist so groß, dass sie stört, egal wo sie steht. Dann fällt der Weg auf die Bühne. Dort stehen zwei gemütliche Korbsessel mit bunten Kissen. Die werden sehr kritisch beäugt. Dann hebt die Künstlerin einen Sessel von der Bühne. „So ist es besser!“ Inzwischen hat sich Christina weise vorausschauend unauffällig verdünnsisiert und die Kulturvereins-Frau war gekommen. Ich helfe nun etwas tragen und lasse die Künstlerin und ihre beiden Helfer dann allein weitermachen. Ich verziehe mich ins Archiv und springe nur hinzu, wenn etwas gebraucht wird. Irgendwann gegen Eins verschwindet die Kulturvereins-Tante, die ja ebenso wie ich mit dieser Aufbau-Aktion spontan überfallen worden war.  Und so gegen halb drei muss die Helferin dann auch leider gehen. Zwischendurch rief noch eine Leserin an, eine alleinerziehende Mutter mit Kind, welches beschäftigt werden will. Ich wusste, dass ich mich auf diese Leser wirklich verlassen konnte, ließ sie rein und fertigte sie wirklich schnell ab.

Danach schaue ich zur Künstlerin rein, die nun allein vor sich hin wurschtelt. Als mein Blick auf die Bühne fiel, standen wieder beide Korbsessel oben, aber ohne die bunten Kissen. Auf meine Frage nach dem Warum erhalte ich einen Vortrag über die hässliche Aufdringlichkeit der bunten Kissen, die den Saal dominiere. Ich lasse das kommentarlos an mir abprallen, habe keine Lust auf künstlerische Auseinandersetzungen, von denen ich anscheinend nichts verstehe, und frage nur kurz: „Wo sind die Kissen jetzt?“ – „Die habe ich in einen Schrank gestopft.“, so die Antwort im sehr verächtlichem Tonfall.

Über Kunst kann man trefflich streiten. So hässlich, wie die Künstlerin die bunten Sesselkissen findet, so hässlich finde ich die meisten ausgestellten hageren Terrakotta-Gestalten der Künstlerin. Ich kann mit ihnen einfach nichts anfangen. Das ging mir aber auch schon mit ihren früheren Werken so. Sie hat immer mal in unserer Gegend Ausstellungen, aber ich konnte mich nie für ihre Kunstobjekte begeistern. Die Farben und Materialien finde ich schön, aber die Figuren – naja … Aber ich kommentiere nichts und begebe mich nun in die Rolle der helfenden Hand. Da musste hier mal eine Aufhängung gezogen werden, dort mal etwas angepasst werden. Nebenbei bekomme ich eine Vorlesung darüber, was Kunst überhaupt ist und dass sie laut Kokoschka immer im Auge des Betrachters passiert. Da wäre ich nie drauf gekommen … Neben den Skulpturen lehnt noch eine Auswahl von Reliefs an der Wand, die mir ebenfalls nichts sagen. Neben den Reliefs hängen vier Medaillen. „Die habe ich mal für den FDGB angefertigt!“, verkündet die Künstlerin stolz. Hm. Auch hier springt bei mir kein Funke über. Einige Keramiken, diese allerdings nur auf Postern, gefallen mir dann wieder. Jedenfalls halte ich mich mit jeglichem Kommentar zurück und die Künstlerin fragt auch nicht nach meiner Meinung. Zum Glück.

Schließlich deutet sich so gegen Drei so etwas wie ein Aufräumwille an und die Künstlerin erklärt mir, sie müsse ja noch in die Stadt. „In welche Stadt?“, frage ich nach. Es handelt sich um die 15 km entfernt liegende Großstadt. Vorher müsse die Künstlerin aber noch einen Brief abschicken. Ob ich denn einen Kopierer hätte? Dann könne sie sich schon einen Gang sparen. Ich kopiere ihr die gewünschten Materialien. Sie hatte einen Brief an ihren Bruder geschrieben und bereits versandfertig verklebt. Den öffnet sie nun wieder und will ihn ebenfalls kopiert haben. „Mein Bruder ist Schriftsteller und der nimmt immer jedes Wort auseinander. Deshalb muss ich hinterher noch wissen, was ich ihm schrieb.“ Sie behält das Original und stopft die Kopie in den Umschlag. Ich wundere mich zwar, sage aber nichts. Meine Arbeitszeit war bereits überschritten, mein Feierabend-Bus war schon abgefahren und ich bete inständig im Stillen, dass man mich endlich von dieser Frau erlöesn möge. Sie tüdelt noch hier und tüdelt da, macht den Briefumschlag dreimal auf und klebt ihn wieder zu, erzählt noch etwas mit mir. „Kommt Frau R. auch zur Vernissage?“ Mühsam überspielte ich meinen Schrecken. Vernissage? Hatte nicht eben noch die Kulturvereins-Tante bestätigt, dass es pandemiebedingt keine Vernissage geben wird? Wie denn auch. Mit Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln und Veranstaltungsverbot nahezu unmöglich. Ich hielt mich zurück, sagte nur sowas wie „weiß nicht“. Kurz vor Vier bin ich sie dann endlich los.

Ich mache erstmal eine Runde durchs Haus, alle Türen zu, alle Lichter aus, alle Fenster zu und stehe noch eine Weile vor den Terrakotta-Skulpturen, deren Sinn sich mir einfach nicht erschließen will. Dann schreibe ich noch eine Mail an den Hausmeister, dass sich der Termin am 4. Mai erledigt habe, er aber dafür übermorgen von der Künstlerin gebraucht werde.

Als ich schon fast zum nächsten Bus will, fallen mir siedend heiß die Kissen ein. Wo hatte sie die hingetan? Die beiden schwarz-weiß-goldenen fand ich schnell auf der Erde liegend, aber die beiden schwarz-weiß-roten bleiben verschwunden.

Nun muss ich zum Bus und verriegele das Haus.

Am nächsten Tag stelle ich das ganze Haus auf den Kopf und suche nach den beiden bunten Sesselkissen. Sie waren und blieben verschwunden. Ich schiebe Panik. Ich bin nahe am Heulen. Mir ist schlecht. So kenne ich mich sonst nicht.  Aber nix zu machen, nix zu finden. Spurlos verschwunden. Ich mache mir dann erstmal einen Kaffee und setze mich auf den sonnigen Hof. Unruhiger Gedankenkreisel. Was, wenn sie die Kissen entsorgt hat? Bis zu diesen Sesseln mit genau diesen Kissen war es ein elend langer Entscheidungsweg gewesen. Genau diese Sessel mit genau dieses Kissen waren eine Einzelanfertigung. Sie waren „abgesegnet“ worden vom Architekten, vom Bauamt, vom Bürgermeister und von der Museumsleiterin und von mir. Sie waren von Fördermitteln bezahlt worden. Was, wenn die Kissen wirklich weg sind?

Bei meiner Panik hilft nur Bewegung. Ich nehme mir vor, ein Archivregal umzuräumen, welches ich schon immer umräumen wollte. Ich vertiefe mich schließlich so sehr darin, dass die Kissen allmählich in den Hintergrund rutschen. Dennoch suche ich kurz vor Feierabend noch einmal das ganze Haus ab. Die Kissen bleiben verschwunden. Ich schreibe der Kulturvereins-Tante eine Mail, sie weiß auch nichts. Wozu steht sie denn da und betreut die Künstler??? Einmal mehr ist das ein Grund, auf den lange fälligen Kooperationsvertrag mit dem Kulturverein zu bestehen, in dem genau festgelegt ist, was Kulturverein und Künstler dürfen und was nicht. Der „gute Onkel Bürgermeister“ hielt so etwas für einen Vertrag bisher nicht für nötig. Wir lieben uns doch alle. Wozu dann ein Vertrag.

Dann fahre ich nach Hause und mache einen groooßen Gang in  der Sonne, um den Stress durch Bewegung abzubauen. Das hilft immer.

Am nächsten Tag, pünktlich um Zehn, steht der Hausmeister rauchend vor der Tür, die Kulturvereins-Tante kommt und das Künstlerinnen-Auto rollt an. Unumwunden gleich als erstes meine Frage: „Wo sind die Kissen?“ Da geht die Helferin fröhlich zu einem hölzernen Flyerständer mit vielen offenen und geschlossenen Fächern, öffnet das kleinste Seitenfach ganz unten und zieht die Kissen raus. Puh!!! Ganze Felsbrocken fielen mir von der Brust. Da hätte ich sie laut der Aussage „In irgendeinen Schrank gestopft“ nun wirklich nicht vermutet. Ich verfluchte wieder mal den Innenarchitekten. Der hatte überall, wo es passte und wo es nicht passte, lauter kleine Fächer installiert, dabei aber, nebenbei bemerkt, vergessen, dass ich große Fächer für Ordner gewünscht hatte. Mehr als die Hälfte dieser lauter kleinen Fächer benutze ich nie.  Der betreffende Flyerständer stand so abseits in der Ecke, dass ich nie darauf gekommen wäre, dass sie ausgerechnet dorthin, in das unterste, kleinste Fach, die Kissen stopft. Ich atmete dreimal tief ein und aus. Immer lächeln.

Schließlich hatte ich ja auch schon schlimmere Künstler-Umgestaltungs-Orgien. Ich erinnere mich nur an die Seencard-Box mit lauter kleinen Flyern, die einmal monatlich von einer Firma bestückt wird und die dummerweise bei uns auf einer Staffelei steht. Tja, wie Künstler so sind: Staffelei = Kunst, Seencard-Box =überflüssiger Kommerz = kann weg. Das ging dreimal mit derselben Kulturvereins-Tante, aber mit unterschiedlichen Künstlern so. Beim dritten Mal platzte mir derart der Kragen, dass ich ein fürchterliches Donnerwetter veranstaltete. Ich wurde fortan von den beiden betreffenden Wessi-Künstlern wie eine Geisteskranke schräg angesehen und mit Samthandschuhen angefasst. 🙂 Das war mir egal. Inzwischen hat die Kulturvereins-Tante wohl dazugelernt, denn die Seencard-Box hat die jetzige Künstlerinnen-Invasion jedenfalls unbeschadet überlebt. Ach, Kunst kann sooo aufregend sein!!! Und sie liegt immer im Auge des Betrachtet. Manchmal führt sie zur Selbstbetrachtung. Ich glaube, ich bin ein Kunstbanause. Und ich stehe dazu. 🙂

Gedanken-Flug zu meinen Ahnen

Heute traf ich eine ehemalige Buchhändlerin, die mit über 90 Jahren ihren Rollator tapfer durch die Gegend schiebt und ihre Einkäufe noch selbst erledigt. Damals in den 1980er Jahren, in der Buchhandlung, war sie als Drache gefürchtet, der eisern regierte und auf der heiß begehrten Bückware saß und noch nicht einmal in die Bibliothek etwas davon lieferte. Da wurde um jedes Buch gefeilscht. Mit unseren privaten Wunschlisten war es noch schwieriger. Ich halte noch heute die mühsam erbeitete Prachtausgabe der „Geschichten aus 1001 Nacht“ in Ehren.

 Aber Menschen ändern sich. Im Alter baute sie einen großen Freundeskreis auf und bildete sich weiter, unter anderem in einem Englischkurs, den ich als Hobby bis 2008 leitete. Dort war sie diejenige, die den Kurs zusammenhielt, sich um kranke Teilnehmer kümmerte, die Geburtstagsliste führte und, damals noch mit eigenem Auto, Fahrdienste übernahm.  Aus dieser Zeit kenne ich sie als sozial  agierende, hilfsbereite und freundliche Frau.

Auf dem Rückweg vom Supermarkt gingen wir zusammen ein Stück des Weges und freuten uns gemeinsam über die herrliche Mittagssonne. Irgendwann erwähnte sie ihren Sohn, der Förster ist, aber nun auch langsam auf die Rente zusteuert. „Wo ist er Förster?“, fragte ich. Die Antwort war verblüffend. Dort, wo er Förster ist, übrigens an einem geschichtsträchtigen Ort, im ehemaligen Staatsjagdrevier von Erich Honecker, war um 1900 mein Urgroßvater als Förster in großherzoglichen Diensten. Meine Gesprächspartnerin freute sich sehr und wird ihrem Sohn davon erzählen. Vielleicht ist er an alten Fotos aus meiner Familie interessiert und es ergibt sich ein Austausch.

Ich dachte über diese Försterfamilie und ihr Leben an einem sehr abgelegenen, aber sehr idyllischen Ort in der Nähe eines tiefblauen, klaren Sees nach. Was fiel mir spontan, noch während des Gespräches ein? 13 Kinder, die Hälfte davon noch im Kindesalter an der Diphterie gestorben. Darunter Drillinge, von denen nur ein Mädchen überlebte, das zeit ihres Lebens fast taub blieb. Und zwei Söhne, die ebenfalls Förster geworden sind. Ein Sohn, mein Großvater, wurde Gärtner. Sofort habe ich auch die alten Fotos vor Augen. Meine Urgroßeltern, das Förster-Ehepaar, im Alter von vielleicht um die 50. Feiernde Familie an einer Tafel vor dem Försterhaus. Meine Urgroßmutter im Alter, streng in Schwarz gekleidet, mit Mutterkreuz. Und mein Großvater mit seinen Hunden. Meine Urgroßeltern habe ich nie kennengelernt. Meine Großeltern mütterlicherseits sind auch vor meiner Geburt aus dieser Welt gegangen. Aber ich kenne noch einige Cousins und Cousinen meiner Mutter, die mir vieles erzählten. Und ich erlebte als Kind die fast taube Tante Else mit ihrem großen Hörrohr, über die in der Familie noch viele tragisch-komische Geschichten kursieren. Das große Hörrohr sah ich übrigens vor wenigen Jahren wieder, ein Cousin meiner Mutter, der in meinem Arbeitsort lebt, hatte es aufgehoben.

Worüber ich aber gerade am intensivsten nachdenke, ist folgendes: So viele Menschen starben damals an der Diphterie und an anderen grassierenden Krankheiten. So viele Eltern mussten völlig hilflos ansehen, wie ihre Kinder dahinsiechten und starben. Auch 1945, in Zeiten der Not nach dem Krieg, starben viele Menschen, darunter auch vorfahren aus meiner Familie väterlicherseits, an Diphterie oder Typhus. Und wir regen uns heute auf über Maskenpflicht, Ausgangssperre, mrnA-Impfungen, Lockdowns und dergleichen. Eigentlich jammern wir doch auf ziemlich hohem Niveau, oder?

Heiliger Tanz

Wenn ich nicht einschlafen kann, nehme ich Dinosaurier seit etwa einem Jahr nun doch nicht mehr meinen alten Walkman. Naja, jedenfalls brauche ich ihn nur noch sehr selten. Inzwischen liegt das Tablet immer griffbereit neben meinem Bett. Ich sehe mir Musikvideos an und springe mal links und mal rechts. Da tut sich eine ganze Vielfalt von Anregungen auf. Was dann doch wieder dazu führt, dass meine CD-Sammlung wächst.

Auf meinen nächtlichen youtube-Streifzügen habe ich für mich einen kleinen Schatz entdeckt, den ich heute teilen möchte. Konstantin Wecker singt gemeinsam mit Cyntia Nickschas. Ja, das Leben ist und bleibt ein heiliger Tanz! Konstantin Wecker lebt diesen Tanz in vollen Zügen. Es lohnt sich, seine Duette mit anderen Kollegen zu hören. Egal ob er mit Hannes Wader singt oder mit Pippo Polina oder mit so vielen anderen – es ist immer eine tolle Stimmung. Man sieht immer allen Beteiligten die Spielfreude an.

Und ich widme diesen kleinen musikalischen Gruß meiner Blog-Freundin Elke, die mich gestern, nach der Lektüre meines letzten Beitrags, mit einem Anruf überraschte. Und das tat so gut!

Elke selbst postet auf ihrem Blog https://lebenalsmensch.wordpress.com neben sinnigen Gedanken-Impulsen und (Lebens)Erfahrungsberichten und Geschichten auch Musik-Impulse. So entsteht jeden Tag neu ein Mutmach-Blog voller Denk-Anstöße und positiver Energie. Danke dafür, liebe Elke!

Der ganz normale Wahnsinn?

Schon seit Tagen brodelt es um mich herum. Alltag war jedenfalls gestern. Heute ist jeder Tag neu. Vorlagen gibt es nicht mehr. Spontan agieren ist angesagt. Schon Montags ging die Aufregung los. Kommt ein Drehteam für einen Podcast oder kommt es nicht? Halbstündlich wechselten die Nachrichten: ja – nein – in einer halben Stunde – doch nicht. Mich ging es ja nur am Rande etwas an, aber die Noch-Museumschefin drehte Achten im Hause.

Mich ging es nur insofern etwas an, als dass ich dafür zu sorgen hatte, dass das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden einen guten Eindruck macht. Gut, im Haus war letzte Woche schon alles schick gemacht worden, denn schließlich hatten wir ja am Freitag schon einen wichtigen Termin. Was aber noch fehlte, war der Innenhof. Das sauteure Natursteinpflaster des Hofes hat so seine Tücken und sieht nach dem Winter immer vermoost und veralgt aus. Schon seit Tagen sollte der Hausmeister das in Ordnung bringen. Auch hier die Zitterpartie: Kommt er – kommt er nicht? Nachdem ich schon fast soweit war, den Hof selbst in Angriff zu nehmen, tauchte der Hausmeister doch noch auf, ausgerüstet mit einer ordentlichen Alkoholfahne. Er hat gerade wieder mal private Probleme und versucht diese in Alkohol zu ertränken. Demzufolge ist der Umgang mit ihm eine ständige Gratwanderung. Deshalb war ich mehr als heilfroh, als er kurz vor dem am frühesten genannten Zeitpunkt des angekündigten Drehs den Hof hübsch hatte. Puh! Das war knapp!!! Auch wenn das Drehteam nun nicht mehr kommt, ist dennoch der Hof endlich frühlingshaft sauber. Der Dienstag verlief dann wieder halbwegs normal, wobei ich mich auch schon montags über steigende Besucherzahlen in der Bibliothek freuen konnte. Lag es vielleicht daran, dass schon wieder Spekulationen über einen Lockdown kursierten?

Die Pandemie-Angst war deutlich spürbar. Sogar in der Stadtverwaltung meines Arbeitsortes schien das Thema angekommen zu sein. Der Bürgermeister hatte einige Tage zuvor eine Rundmail geschrieben, in der er meinte, Arbeitgeber sollten ja möglichst Tests bereithalten, das wäre aber teuer, und wenn es nicht sein müsse, dann würde er gern darauf verzichten. Wenn aber jemand unbedingt sich testen lassen wolle, dann würde er dies auch ermöglichen. So sinngemäß rumgeeiert. Offenbar hatte es Reaktionen bei den Kollegen gegeben, also erhielt ich einen netten Anruf vom Hauptamtsleiter, in dem er mir mitteilte, dass wir in der Arbeitszeit zum Testzentrum gehen können, um dort einen Schnelltest zu machen. Für alle Bürger sei ja sowieso einmal wöchentlich ein Schnelltest kostenlos möglich. Na, gut, okay. Das Testzentrum ist in meinem Arbeitsort ein umgebauter Wohnwagen vor der Apotheke, der dreimal wöchentlich vormittags geöffnet ist. „Aber kommen Sie nicht in größeren Horden dorthin, so dass es in der Stadt für Diskussionen sorgt!“ 😀 Für mich kam Testen erstmal nicht in Frage. Die Inzidenzwerte in unserem Amt waren am Dienstag noch sehr niedrig, während es in den benachbarten Ämtern schon seit Tagen ordentlich kriselte. Statt dessen musste ich abends mit meiner Mutter eine unangenehme Diskussion führen, denn sie überraschte mich mit dem Anliegen, dass ich mich doch möglichst schnell impfen lassen solle. Was ich immer noch nicht möchte.

Am Mittwoch freute ich mich auf einen ruhigen Archivtag. Doch irgendwann klopfte es an der Tür und die Noch-Museumschefin wollte in das Haus. Sichtlich erschrocken darüber, dass ich noch mittags im Hause war, griff sie sich einen Stapel Fachbücher, der seit einem halben Jahr unberührt in der Ecke liegt, und zog sie sich in den Veranstaltungssaal zurück. Ich fand das irgendwie komisch, arbeitete aber normal weiter. Bevor ich ging, schaute ich noch einmal zum Abschied bei ihr vorbei: „Haben Sie noch einen Termin im Hause?“ – „Nein, ich wollte mich nur mit den Büchern beschäftigen.“ Komisch, die Bücher hatten sie wirklich monatelang überhaupt nicht interessiert, das Museum im Haus ist schon seit November geschlossen und die Museumsmitarbeiter standen wieder einmal kurz vor der Kurzarbeit. Das mit den Büchern kann sie also ihrer Oma erzählen, aber nicht mir. Ich vermutete eher einen hiemlichen Termin. Wenn die Dame im Hause einen Termin hat, weiß ich eigentlich Bescheid, wann, mit wem, mit wie vielen Leuten. Zu Hause angekommen, rief ich meine Museumskollegin an. Auch sie wusste nichts. Die Museumschefin habe sich einfach verabschiedet und gemeint, sie sei jetzt mal im anderen Haus.

Am Donnerstag machte ich als erstes eine Kontrollrunde. Die Tür zur Bibliothek war offen und zwei PCs waren nicht richtig runtergefahren, in der Küche stand angegammeltes Geschirr. Die Museums-Chefin kämpft immer noch gegen Windmühlen um die Verlängerung ihres Vertrages. Wir nehmen an, dass sie einen Termin mit jemandem hatte, den sie auf ihre Seite ziehen wollte. Schließlich sollte am Donnerstag der Kulturausschuss beraten. Vielleicht wollte sie erreichen, dass dort noch jemand Einfluss nimmt. Sie versucht es auf allen Ebenen bis zur letzten Minute: nicht abgestimmte Pressetermine, böse Briefe und Mails und Termine mit Stadtvertretern, die sie – O-Ton Hauptamtsleiter – „im Beichtstuhlverfahren einzeln bearbeitet.“ Nun ja. Spätestens am Monatsende ist der Spuk endlich ein vorbei.

Der Vormittag wurde dann aber noch ganz lustig. Doreen war da, liebe Leser kamen, gefühlt tausend Anrufe mit immer der gleichen Frage trudelten ein: „Locken Sie nun down oder nicht?“ Tja, wenn wir das wüsten? Zwischendurch platzte noch ein sehr netter Mann rein, den ich im letzten Sommer kennengelernt hatte und der sein Herz auf dem rechten Fleck hat. Ich freute mich wie ein Schneekönig darüber, noch weitere Teile aus dem Nachlass seines Vaters für das Stadtarchiv zu erben und es gab ein kurzes, herzliches Gespräch. 🙂 Nachmittags musste ich dann wieder meine genervte Museumskollegin auffangen. Die Museumschefin war wieder den ganzen Tag mehr oder weniger sinnvoll aktiv gewesen und hatte den verdutzen Mitarbeitern erklärt, dass die Kurzarbeiter-Regelung für sie nicht gelte, denn sie wisse ja offiziell von nichts. Sie hätte ja außerdem nachmittags noch einen Termin und wäre abends im Kulturausschuss. Als wir beide noch am Reden waren, kam ein Anruf der Museumschefin: Sie würde jetzt doch nach Hause fahren, den Termin hätte sie abgesagt und am Kulturausschuss würde sie auch nicht teilnehmen. Wir schauten uns an. Wie jetzt? Woher dieser plötzliche Stimmungsumschwung?

Danach strömten die Leser ohne Ende bis in den Feierabend hinein. „Wer weiß, ob wir nächste Woche noch kommen können!“ Gerade tagte der MV-Gipfel. Ich hing alle halbe Stunde im Internet, aber Bibliotheken wurden in den Pressemitteilungen wie üblich nicht erwähnt. „Die meisten kulturellen Einrichtungen schließen.“ Irgendwann kam die Nachricht: „Buchhandlungen dürfen offen bleiben.“ Da atmete ich schon auf. Wen Buchläden öffnen dürfen, dann Bibliotheken ja wohl ebenso.

Nachdem ich abends einigermaßen beruhigt ins Bett gegangen war, ereilte mich morgens noch beim Frühstück die Nachricht, dass der Landkreis eine eigene Verfügung erlassen hat und alle Bibliotheken ab sofort geschlossen sind. Na toll. Was das Land nicht macht, macht nun der Landkreis. Der Tag kann nur besser werden. In Erwartung einer Mail mit Dienstanweisung vom Chef betrat ich die Bibliothek und fand ich zunächst eine aufgeregte Reinigungskraft mit Tränen in den Augen vor, während die zweite Reinigungskraft eifrig den Fußboden seifte. Ich hörte mir nun an, dass die Vorarbeiter sie kontrolliert hätten und feststellten, dass der Fußboden nicht geseift war. Aber sie wären doch sooo ordentlich und hätten ihn immer geseift! Naja. Ich würde mal sagen, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Ich hatte Mühe, die Damen zu beruhigen und verzog mich schnell ins Stadtarchiv, um selbst erstmal anzukommen. Vorher nahm ich aber noch dezent eine stets vergessene Fußmatte hoch und bat die Damen, darunter auch noch zu seifen. Sie kamen dann schließlich noch nach ins Archiv unf fingen noch eine Diskussion an. Als ich ihnen dann nach einer Stunde endlich ein schönes Wochenende wünschen konnte, war ich sehr erleichtert. Ich traute mich nun endlich an meine Theke und rief die Mails ab. Die purzelten nur so. Der Bürgermeister leitete die Allgemeinverfügung des Landkreises weiter. Der Bürgermeister leitete die Pressemitteilung des Landkreises weiter. Der Bürgermeister nahm Stellung zur aktuellen C-Lage mit den von einem Tag zum anderen sprunghaft gestiegenen Zahlen. Damit man mal die unglaublichen Dimensionen erahnt: Statt bisher 7 positiv getestete Personen haben wir jetzt 16. Der Hauptamtsleiter leitete ebenfalls die Allgemeinverfügung weiter und hatte außerdem zweimal versucht, mich anzurufen. Während ich den Hauptamtsleiter zurückrief und es kam, wie es kommen musste, kam eine weitere Mail vom Bürgermeister „Schließung Bibliothek“. Aber wenigstens so nett formuliert wie nie zuvor. Auch Bürgermeister sind lernfähig. Und wir haben ja die Situation nun schon des Öfteren geübt. 🙂 Der Hauptamtsleiter regte schließlich noch an, dass ich doch mal einige Tage Urlaub nehmen könnte. Ja, klar. Und währenddessen stellt die Noch-Museumsleiterin vielleicht das Haus weiter auf den Kopf. Außerdem war zwischen den ganzen Mail-Bomben noch die Vorlage für die Endkorrektur einer umfangreichen Publikation gekommen. Die kann man ja auch mal ausnahmsweise in der Arbeitszeit bearbeiten und nicht an Abenden nach langen Bibliothekstagen. Urlaub kann ich dann noch im Mai nehmen, wenn wenigstens Urlaubswetter ist. Als der ganze Spuk vorbei war, kam noch eine Mail der Landesfachstelle hinterher: „Also im Moment ist noch alles offen, aber wenn ich weiß, wie der Landtag M-V über die Bibliotheken entschieden hat, melde ich mich sofort!“ Da lag ich schon wieder lachend unter der Theke. 😀

Nun machte ich also die Aushänge und Mitteilungen fertig und ordnete alles schick für das Wochenende. Als ich so beim Wirbeln war, fiel mir ein: „Mensch, Mist, Online-Meeting meines Veranstaltungs-Projektes verpasst!“ Das nun auch noch …  Dann fuhr ich nach Hause, in einem Bus voller Schulkinder, die sich vielleicht für Wochen das letzte Mal live gesehen haben. Ach Leute, hört das jemals wieder auf?

Eintauchen in die Vergangenheit

Eigentlich wollte ich so schnell nicht wieder einen Blogbeitrag schreiben. Eigentlich wollte ich auch an diesem Wochenende sowieso etwas ganz anderes tun. Aber es drängte mich dazu, alte Unterlagen zu sichten. Dabei fielen mir auch alte Fotos in die Hand. Fotos von Vereinsausflügen, von Auftritten meiner plattdeutschen Gruppe und Fotos von einer Führung in meiner ganz alten Lieblingsbibliothek. Hm. Da stehe ich, in meinem damaligen Lieblingsrock, ein altes Buch in der Hand, die schöne, historische Bibliothek erklärend. Mir zuhörend eine Freundin, die vor zwei Jahren im hohen Alter von 93 Jahren aus dieser Welt ging und ihre Freundin, die meine Klavierlehrerin war und schon lange nicht mehr lebt. Nach einigem Überlegen realisierte ich auch staunend, wer das Foto geschossen hatte. Ein ehemaliger Kollege meiner Freundin, der mich Jahre später in die Stadtgeschichte meines jetzigen Arbeitsortes eingeführt hatte und dessen Nachlass mein Stadtarchiv schließlich erbte. Oh Mann! Ja, klar. Da schließt sich der Kreis.

Es ist unglaublich, wie viele Kreise sich jetzt gerade schließen. Sowohl für mich als auch für andere. Meine Museums-Kollegin, deren Gesprächsbedarf sich nach meiner im letzten Blogbeitrag geäußerten Meinung scheinbar erledigt hatte, rief mich heute nochmals an und es ging noch tiefer, noch viel tiefer. Da löst sich bei ihr gerade Schicht um Schicht. Da kann ich nur weiter zuhören und ermutigen.

Auch meine Mutter hatte einen mentalen Ausflug in die Vergangenheit. Es meldete sich ein Freund ihres Bruders, der über Umwege ihre Kontaktdaten ermittelt hatte. Alte Fotos versetzten auch ihn tief in die Vergangenheit zurück. Während er in seiner Villa mit Blick auf die Alpen saß und Fotos anschaute, hatte er sich daran erinnert, dass die Mutter meiner Mutter – die Großmutter, die ich nie kannte – ihm und seinen Eltern das Leben gerettet hatte, indem sie, die Bäckerin, diese Familie mit „durchfütterte“. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ihre Mutter viele Menschen durchfütterte und sie damit vielleicht vor dem Hungertod bewahrte. Jedenfalls freute sich meine Mutter über diesen Anruf voller dankbarer Erinnerungen sehr. Da schloss sich für sie ein Kreis. Hatte sie doch gerade am Karfreitag über die schwere Zeit nach 1945 geredet. Gesprächsweise kamen die Beiden schließlich auf ihre Kinder und Enkel. Meine Mutter erzählte nun, dass ihre Tochter, also ich, einst in der Bibliothek des Gymnasiums gearbeitet hatte, in dem der Anrufer vor 70 Jahren die Schulbank drückte. Da stutzte der Anrufer. „Das ist deine Tochter??? Die kenne ich!!!“ Er wusste sofort meinen Namen und erzählte meiner Mutter von dem, was ich ihm einst erzählt hatte. Da staunte ich nun wieder. Dass er das noch weiß! Aber eigentlich verbinde ich mit ihm ein anderes, aber kurioses Erlebnis.  Es ist auch schon zwanzig Jahre her. Damals feierte er sein Goldenes Abitur und wollte seiner alten Schule ein besonderes Geschenk machen. Er hatte die Idee, ein Portrait des Namensgebers dieser Schule anfertigen zu lassen. Da gab es aber ein Problem: Vom Namensgeber, der 1939 starb, existierten logischerweise nur Schwarz-Weiß-Fotos. Deshalb wollte er von mir unbedingt die Augenfarbe dieses Mannes wissen. Das war in der Tat ein Problem. Ich wälzte Zeitzeugenberichte von Begegnungen mit diesem Mann. Eine Frau schrieb: „Warme braune Augen schauten mich fragend an.“ Ein ehemaliger Schüler schrieb aber von grünen Augen. Als ich wieder mal in dem Institut forschte, welches den Nachlass dieses Mannes verwaltet, schaute ich mir dort die Portraits an, die zu seinen Lebzeiten entstanden waren. Dort gingen die Augen eher ins grau-grüne. Und diese Erkenntnis floss dann auch in das neue Portrait ein, welches heute im Zimmer des Schulleiters hängt. Oh ja. Das waren schon interessante Zeiten! Da hat sich für mich dann heute auch ein Kreis geschlossen.

Meine Mutter schwelgte weiter in Erinnerungen, vermutlich angeregt vom Blick des Anrufers auf die Alpen. Da kam sie dann auf ihre Reise in die Alpen und nach Italien. Was mich dann auch wieder an Italien erinnerte. Und daran, wie ich fast auf den Tag genau 26 Jahren völlig spontan, innerhalb von zwei Tagen entschieden, als „Betreuung“ zweier Lateinklassen eben dieses Gymnasiums, an dem ich arbeitete, mit einem Reisebus nach Rom fuhr. Eine Horde Flöhe hüten in Rom, nach einer Busreise ohne Zwischenübernachtung. Das war eigentlich Wahnsinn, aber es war schön!!!

Tja. Wenn ich so zurückblicke und Erinnerungen wälze, dann staune ich schon, was ich so alles erlebte. Langweilig war mein Leben bisher wirklich nicht und wird es wohl auch nie sein. Für mich ist es so, dass alles, aber auch alles in meinem Leben einen Sinn hatte. Auch die Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging. Im Nachhinein machte alles irgendwie Sinn. Vielleicht ist es das, was ich meiner Kollegin vermitteln sollte, wenn sie weiter Schicht um Schicht löst. Alles im Leben hat seinen Sinn. Manchmal erschließt sich dieser aber erst viel später. Manchmal fügt man erst viel, viel später all diese Puzzleteilchen einzelner Erlebnisse zusammen. Was aber in jedem Fall wertvolle Erkenntnisse bringt.

Stürmische Tage

Meine letzten zehn Tage gestalteten sich so wie das Wetter – April-launig wechselhaft, stürmisch. Wobei Stürme ja nichts rein Negatives sind. Stürme können den Kopf freipusten, Stürme können Altes wegwehen und neue Herausforderungen bringen. Und zwischen den Stürmen scheint ja auch mal die Sonne.

Bis zu meinem Osterurlaub fühlte ich mich aber gestresst und ausgelaugt. Ein Hin und Her um personelle Entscheidungen im städtischen Museum hatte seine Auswirkungen. Zwar nicht unmittelbar betroffen, fing ich doch die chaotischen Stimmungen ab, war für mehrere Leute Kummerkastentante, sogar abends und am Wochenende. Das schlauchte und nahm kein Ende. Kurz vor Ostern war dann der „geht nicht mehr“-Punkt erreicht. Kurz entschlossen reichte ich für die zwei Arbeitstage nach Ostern Urlaub ein. Und schon beim Gedanken an die Auszeit ging es mir etwas besser. Als von der Kirche gegenüber der Bibliothek das Ostergeläut erklang, fühlte ich mich regelrecht beschwingt. Ich bin nicht christlich erzogen, aber seit diese Kirche neue Bronzeglocken hat, ist das ein so, sooo schöner Klang mit wunderbarem Nachhall, der sich anfühlt wie Klangschalenmassage. Der Nachhall dringt bei mir immer gefühlt in jede Pore und ich öffne immer die Fenster weit, um den vollen Klang zu erfahren.

Kurz nach dem Ostergeläut war es auch schon Zeit, die Sachen zu packen und meinen Arbeitsort zu verlassen. Der Karfreitag mit Familien-Karpfenessen gestaltete sich noch etwas mühsam. Meine Mutter hatte wieder ihre Erlebnisse von 1945 zum Thema gemacht. Sie ist immer noch bei der Bewältigung des Traumas, was sie als vierjähriges Kind erlebte. Es war wieder bedrückend. Das Wetter mit dem eisigen Wind passte zu diesem Tag. Der Sonnabend floss mit letzten Einkäufen so dahin. Aber auch an diesem Tag zog es mich runter. Die Museumskollegin, die seit sechs Wochen für Dauer-Stress sorgt, hatte einen Zeitungsartikel zu einer Sage veröffentlicht, der von Fehlern strotzte. Für mich als Hobby-Sagenforscherin war das mehr als antriggernd. Da hat sie es selbst im Urlaub, am Wochenende, zu Ostern mal wieder geschafft, dass ich mich zumindest ärgere. Ich setzte mich sofort hin, schrieb ihr eine Mail und benannte sachlich die Fehler. So ist meist mein Weg. Den Ärger sofort dort abladen, wo er herkommt. Dann ging es mir besser.

Der Ostersonntag wurde dann schön. Wir waren bei meiner Schwester und meinem Schwager eingeladen, die in einem kleinen Dorf in der Nähe der Ostsee leben. Dort gestaltete sich alles freudig entspannt. Auf einem weiten Spaziergang trafen wir lauter entspannte Nachbarn mit ihrem entspannten Besuch. Frieden und Freude lag in der Luft. In dieser Zeit werden nicht nur in unserer Familie die Begegnungen intensiver und man freut sich mehr aneinander und an sonst so selbstverständlichen Kleinigkeiten.  Abends gab es noch einen Videochat mit dem Rest der Familie.

Ich nahm diese Oster-Entspannung mit und sie vertiefte sich immer mehr. Ich kam immer mehr zur Ruhe und immer mehr zu mir selbst.

Am Dienstag und Mittwoch werkelte ich in meiner Wohnung, sortierte lange liegende Stapel mit Unterlagen zu meinen zahlreichen Projekten. Zwischendurch flogen nette Mails zwischen mir und einem Forscher-Kollegen hin und her. Wir beschäftigten uns mit einer Persönlichkeit, die in meinem Arbeitsort wirkte und ein Jubiläumsjahr hat. Ich brütete zu Hause über dienstlichen Archiv-Hausaufgaben. Vor kurzem wurde ich gebeten, im Juni einen virtuellen Vortrag zu halten. Das ist zwar noch eine Weile hin, aber jetzt habe ich gerade die Muße, mich in das Thema intensiv einzulesen. Aber auch sonst war ich klar und zentriert bei der Sache. Die Steuer-Unterlagen schon mal griffbereit auf einen Stapel gepackt und sortiert, die Vereins-Unterlagen auch, die Sagen-Unterlagen durchgeschaut, denn im Juni steht auch eine Sagen-Lesung an.

So richtig schön klar, zentriert, durchgelüftet und fokussiert begann der erste Arbeitstag nach dem Osterurlaub. Von der ersten Minute bis zur allerletzten Sekunde, bevor ich im Dauerlauf zum Bus rannte, waren Leser in der Bibliothek. Aber nicht nur die. Zwischendurch gab es immer mal nette Überraschungen. Es rief eine erleichterte Kollegin an, die ein klärendes Gespräch in der Chefetage hatte und sich glücklich fühlte. Na endlich, dann dürfte die Kummerkastentanten-Zeit vorbei sein. 🙂 Und nachmittags stand mein ehemaliger Lieblings-Praktikant https://spiritimalltag.wordpress.com/2020/09/12/ein-kind-der-neuen-zeit/ überraschend in der Tür. Er hatte sich genau mit dem Mann beschäftigt, der mich auch im Urlaub umtrieb. Das war schon eine Aufgabe im Praktikum. Mein Praktikant aber blieb auch lange nach dem Praktikum dran, was so weit ging, dass er mal eben Wikipedia-Einträge änderte. 🙂 Er brachte nun einen ganzen Hefter voller Ausarbeitungen mit und berichtete glücklich über den Fortgang seines Studiums und seine Pläne. Da war ich einfach happy. Es läuft bei ihm, er arbeitet zielstrebig, weiß nun genau, was er wann tun und erreichen möchte und hat aus seinem damaligen Praktikum bei mir das Thema für seine Bachelor-Arbeit mitgenommen. Besser kann es nicht laufen. 🙂 Und dann kam noch der nächste Hammer. Sein Praktikumsbericht war wohl so gut eingeschlagen, dass er mich nun im Auftrag seiner Dozentin fragte, ob ich meine Einrichtung nicht in eine virtuelle Vorlesung an der Uni vorstellen möchte. Da war ich dann erstmal mehr als baff. Und ich bin noch am Verdauen.

Am heutigen Tag war schon eine Überraschung geplant, diesmal für Doreen, meine ehrenamtliche Kollegin. Es gab eine (Wahlkampf)aktion, in der sich Bürger wünschen konnten, wer einen Blumenstrauß erhalten sollte. In diesem Fall hatte nicht ein Bürger, sondern die Landtagsabgeordnete, also die Initiatorin selbst meine Doreen auf die blumen-Schenk-Liste gesetzt. Also musste ich Doreen unter einem Vorwand an einem Archivtag in die Bibliothek locken, damit sie dort ihren Blumenstrauß erhält. Wir schafften es auch, sie abzulenken und sie zu beschäftigen, bis die Tür aufging, die Landtagsabgeordnete eine Rede hielt, der Bundestags-Kandidat ihr einen wirklich großen, hübschen Strauß überreichte und wir Fotoshooting machten. Doreen war wirklich perplex, aber sie strahlte sehr. 🙂 Ich konnte dann noch kurz die zwei Abgeordneten durch das ganze Haus führen und sie für das sensibilisieren, was uns Bibliothekare in dieser Zeit gerade beschäftigt.  Ich bin eigentlich nicht so für solche politischen Termine, aber das war wirklich nett. Eine nette Begegnung mit interessierten Leuten. 🙂 Sie haben an diesem Tag noch weitere Blumensträuße verschenkt. Und allein durch Doreens Lächeln fühlte ich mich auch reich beschenkt. 🙂

Was ist wahr und was nicht?

Es ist eine anstrengende Zeit, die mich auffordert, genau hinzuschauen. Viele Leute erzählen vieles. Aber was davon ist wahr? Oder besser gesagt, was davon erkenne ich als meine momentane Wahrheit an? Womit gehe ich konform und womit nicht? Da sind alle meine Sinne, all mein Bauchgefühl, all meine Intuition gefragt.

Momentan wird ja die Impf-Frage heiß diskutiert. Da stellt sich die Frage: Was ist für mich richtig? Ich kann nicht behaupten, absolute Impf-Gegnerin zu sein, aber ich bin auch nicht sehr impffreudig. Ich versuche, mein Immunsystem auf andere, vielfältige Weise zu stärken und kann stolz verkünden, dass ich seit meinem Studium noch nie eine Krankschreibung bei meinen jeweiligen Arbeitgebern abgeliefert habe. Klar gab es die jährlichen grippalen Infekte, aber mein Körper zog es vor, mich damit immer an Wochenenden und Feiertagen lahmzulegen. Auf diese Weise fiel mal Ostern, mal Pfingsten und mal Silvester ins Wasser bzw. ins Bett. Seit der Pandemie fielen sogar diese Infekte ersatzlos aus. Lediglich eine von Jahr zu Jahr immer leichter werdende Frühjahrs-Pollenallergie bringt meine Nase gelegentlich etwas zum Tropfen.

Meine laut DDR-Impfausweis letzte reguläre Impfung bekam ich mit ca. 16, wonach mir so schwindlig wurde, dass ich mich noch im Gesundheitsamt erstmal für eine Weile auf die Pritsche legen musste. Seitdem verdrängte ich den Gedanken an jegliche Impfungen total, bis es meiner Hausärztin (die ich nur aufsuchen musste, wenn ich eine Überweisung zum Augenarzt brauchte) auffiel, dass ich keinen I-Schutz habe. Da ließ ich mich dann mal überreden, eine 4-fach-Impfung über mich ergehen zu lassen, was ich auch sehr gut vertrug. Aber dieser I-Schutz müsste schon seit einem Jahr wieder erneuert werden … Für mich habe ich entschieden, das jetzt nicht erneuern zu lassen und auch sonst keine Impfung vornehmen zu lassen. Das ist meine momentane Wahrheit. Das heißt aber nicht, dass ich damit missionieren muss und dass diese Wahrheit unumstößlich ist. Es ist halt momentan so gut für mich.

Meine über 80jährigen Eltern haben eine andere Wahrheit. Sie gehen jährlich zur Grippeschutzimpfung und warteten sehnsüchtig auf ihre C-Impfung. Ich weiß, dass sie ihren eigenen Kopf haben – und den sollen sie auch behalten. Was ich tun konnte, war lediglich, sie immer breit und aktuell zu informieren, über alle Impfstoffe, alle Nebenwirkungen und so weiter. Ich bevorzugte dazu sachliche Infos ohne Panikmache. Meine Eltern blieben dabei. Sie warteten sehnsüchtig auf ihre Impfung, weil sie endlich wieder unter Menschen sein möchten und sehnsüchtig darauf warten, mal wieder ins Konzert gehen zu können, Gruppensport zu machen oder zu reisen, und sei es auch nur im eigenen Bundesland für einige Tage an die Ostsee.

Eines Tages unterhielten sich meine Eltern mit Nachbarn, die Q- oder genauer gesagt, teilweise Richtig-Denker sind. Die Nachbarin arbeitet in einem Pflegedienst. Da das I-Thema gerade Thema Nr. 1 ist, fragten meine Eltern: „Und sind Sie schon geimpft?“ Meine Eltern ernteten einen Sturm der Entrüstung und einen flammenden Missionier-Vortrag. Impfen sei tödlich, es sei alles ein gigantisches Experiment, Bill Gates verdiene sich dumm und dämlich – und so weiter. Die volle Bandbreite. Meine Eltern waren ganz entrüstet, als sie mir das erzählten.

Als meine Eltern die Einladung zum Impfen erhielten, hängten sie sich donnerstags sofort 50 Minuten lang in die telefonische Warteschleife und vereinbarten sofort einen Termin für den Montag darauf. Das einzige, was ich jetzt noch tun konnte, war, darauf zu bestehen, dass sie auf ein Arztgespräch nicht verzichten. Ansonsten konnte ich sie jetzt nur bestärken, denn wenn man sie in Angst und Schrecken versetzt, wirkt sich das negativ auf den ganzen Körper aus und führt vielleicht wirklich zu unerwünschten Nebenwirkungen. Sie haben sich nun mal für sich so entschieden, also trage ich die Entscheidung in allen Konsequenzen mit und unterstütze sie, so gut es geht. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich schon mindestens zehn 80+-Leute, die die Impfung gut vertragen haben und denen dadurch viele Ängste genommen wurden.

Die Impfung ging glatt, mit üblichen kleinen Nebenwirkungen, die schnell verflogen. Meine Eltern sind wesentlich entspannter in all ihren Kontakten, wobei sie schon die AHA-Regeln einhalten. So konnten wir gestern den 82. Geburtstag meines Vaters in fröhlicher Kernfamilie feiern.

Eine Woche nach ihrem Impftermin besuchte ich meine Eltern zu unserem üblichen Sonntag-Kaffeekränzchen. Zwei Stunden lang saßen wir in der kleinen Veranda fröhlich beisammen und ich freute mich sehr darüber, dass es meinen Eltern so gut geht. Abends zu Hause machte ich dann meine übliche Blog-Runde, flog virtuell mal kurz hierhin und mal dorthin. Immer auf der Suche nach erbaulichen Nachrichten, die der Seele gut tun. Ich beteilige mich zwar weniger als sonst aktiv selbst an Diskussionen, aber ich lese immer noch gern mal überall wenigstens quer. Bei diesem entspannten Rundflug traf mich die hammerharte Keule. Eine Bloggerin, die sich für so eine Art Mittelpunkt der spirituellen Szene hält, teilte ein Video, in dem ein Arzt seine persönliche Wahrheit kundtut. Man solle sich fern halten von frisch geimpften Personen, denn sie würden das Virus verbreiten und jeder Kontakt mit ihnen könne tödlich enden. Genau das Erbauliche, was ich nach einem zweistündigen Aufenthalt mit zwei frisch geimpften Personen in einer kleinen, gemütlichen Veranda gerade brauchte. Nachdem ich mein Bauchgefühl befragte, hatte ich dennoch eine ruhige Nacht. Später sah ich, dass der Beitrag durchaus nicht einhellig bejubelt wurde, und dass die Bloggerin sich genötigt sah, noch einmal einen nachdrücklichen Nachschlag zu liefern. Aber das ist ihre Wahrheit, und wenn sie der Meinung ist, diese so vehement zu verbreiten „ohne zu missionieren“, wie sie immer betont, dann soll es eben so sein. Muss mich aber nicht weiter tangieren.

Nachdem meine Eltern für sich selbst froh und glücklich sind, sehen sie das Thema dennoch differenziert. Ich bin sehr froh, in einer Familie zu leben, in der es nicht nur schwarz-weiß gibt, sondern in der man alles von allen Seiten beleuchten kann. Bei unserem wöchentlichen Familien-Videochat wurde uns die neue Freundin meines Neffens vorgestellt, eine angehende Ärztin. Und die verkündete fröhlich: „Ich wurde geimpft!“ Mir stockte der Atem und ich konnte nur noch die Frage rausbringen: „Biontech?“ – „Ja!“, war die fröhliche Antwort. Puh!!! Meine Eltern, die den selben Impfstoff intus haben, reagierten auch besorgt, denn schließlich will die junge Freu vielleicht noch Kinder kriegen. Einige Tage später hatte ich die Gelegenheit, zufällig mit meinem anderen Neffen darüber zu sprechen. Es war das erste Mal, dass wir beide das I-Thema berührten. „Ich hätte sie für intelligenter gehalten.“, so der trockene Kommentar. Er und seine Freundin wollen sich vorerst nicht impfen lassen. So muss jeder seine persönliche Wahrheit zu diesem Thema suchen und finden. Diese Wahrheit kann man keinem aufzwingen. Hier gilt der freie Wille und das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.   

Jugend voran!

Werde ich langsam alt? Ich habe das Gefühl, zu wenig zu schaffen, ich bin momentan, sobald ich zu Hause bin, so dauermüde, dass mir sogar in der Badewanne die Augen zufallen. Kurzum, ich bin so downgelockt und so runtergefahren, dass es nur schwer ist, Höchstleistungen zu vollbringen. Dauerstress war gestern, heute braucht mein Körper Ruhe und mein Geist auch. Frühjahrsmüdigkeit? Kosmische Energieflutungen? Einfach zu viel zu verarbeiten? Wer weiß. Genau weiß ich nur, dass ich nicht mehr in die selbe Tretmühle möchte, wie es speziell 2019 der Fall war. Ich möchte schon weiterhin alles geben, aber nur das geben, was ich wirklich zu geben habe. Ich möchte nicht mehr über meine Kräfte gehen. Nicht mehr tausend Sachen gleichzeitig machen.

Aber das muss ich ja auch nicht. In den letzten Tagen fiel mir auf, wie langsam die Jüngeren Verantwortung übernehmen. Da kann ich gern einen Schritt zurücktreten und sie auch machen lassen.

Es fing damit an, dass der Personalrat auf mich zu kam, wegen der Kollegin, die, bevor ihr Vertrag endet, noch mal ordentlich in alle Richtungen tritt. Es kam aber nicht der eigentliche Personalrat, der eigentlich noch nie aktiv war und von mir in dieser Zusammensetzung deshalb auch nie gewählt wurde. Nein, es kamen die jungen Nachrücker, die ganz engagiert und kompetent versuchten, Klarheit in eine verfahrene Situation zu bringen. Wow. So hilfreich kann ein Personalrat sein, wenn die richtigen Leute darin arbeiten! Ich gab ihnen alle Infos, die ich ihnen geben konnte, segnete sie in Gedanken, trat einen Schritt zurück und ließ sie machen.

Die selbe Kollegin, die jetzt als Nachrückerin im Personalrat agierte, hat kürzlich innerhalb der Stadtverwaltung einen wichtigen Posten übernommen und hängt sich da voll rein, mit dem Ergebnis, dass alte, festgefahrene Strukturen sich lösen. Davon profitiert auch die technische Ausstattung der Bibliothek. Auch hier brauche ich nur die nötigen Infos zu geben, einen Schritt zurückzutreten, sie segnen und machen lassen. Komischerweise hatte ich schon vor ungefähr fünf Jahren eine Vorahnung, als ich diese Kollegin zum ersten Mal sah. Zum ersten Mal sah ich sie nicht in der Stadtverwaltung, sondern in der Bibliothek, als sie sich als neue Leserin anmeldete. So nebenbei ließ sie fallen, dass sie ja nun eine höhere Beamtenlaufbahn in der Stadtverwaltung begonnen habe und dass es ihr sehr gefalle. Ich hieß sie im Team willkommen und sagte ganz intuitiv in etwa: „Da haben Sie gute Chancen, dauerhaft übernommen zu werden, denn Nachwuchs wird dort immer gesucht, z. B. geht Frau H. in einigen Jahren in Rente.“ Und genau diesen Posten der Frau H. hat sie jetzt übernommen.

Ich weiß nicht, ob ich besonders sentimental bin. Aber ich werde immer ganz gerührt, wenn ich sehe, wie junge Leute, die ich lange kenne, so ihren beruflichen Weg freudig gehen. Gestern gab es wieder so ein Beilspiel. Da hatte sich eine Firma angekündigt, die die Ausschreibung der Technik in der Bibliothek begleitet. Und da stand dann ein junger Mann in der Tür, der fragte: „Kennen Sie mich noch? Und übrigens soll ich Sie herzlich von meiner Mutti grüßen!“ Ja, mit der Mutti war ich mal in einem Literaturkreis, und der junge Mann war als Kind mal Leser in der Schülerbibliothek, in der ich vor fast zwanzig Jahren gearbeitet hatte. Und nun wirbelte er als IT-Spezialist in der Bibliothek umher und prüfte routiniert Leitungen, Router, Anschlüsse und Technik. Wow. Ich beobachtete das fasziniert, gab hier auch nur einige Infos und ließ ihn und seinen Kollegen machen.

Es ist so, so schön, wenn junge Leute heranwachsen, einen Beruf erlernen und sich kompetent einbringen! Gern denke ich bei diesem Thema auch an meinen Praktikanten vom letzten Herbst zurück. Auch er war als Schüler Leser in der Bibliothek, allerdings schon in meiner jetzigen. Mit ihm zusammenzuarbeiten machte riesigen Spaß!

Heute gab es wieder eine Begegnung mit einem jungen Mann, den ich heranwachsen sah. Der Patensohn meiner Freundin meldete sich bei mir, um mit mir gemeinsam etwas zu besprechen, was schon seit zwei Jahren, seit dem Tod meiner Freundin, hätte geschehen sollen. Eigentlich lag dies in der Verantwortung der Mutti des Patensohnes, so wollte es meine Freundin, aber da rührte sich nichts. Und nun übernimmt die nächste Generation das Problem, um es zu lösen und um für sich daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Endlich!!! Meine Freundin Helga würde sich freuen!

Meine Mutter war jahrzehntelang Lehrerin. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, wird sie oft von ehemaligen Schülern gegrüßt. Ihre ehemaligen Schüler sind nun ihre Ärzte, Einzelhändler, Gastronomen, Musiker oder selbst Lehrer und noch vieles mehr. Meine Mutter zitiert immer gern den Spruch ihres ehemaligen Schulleiters: „Seid nett zu euren Schülern, denn sie werden später einmal eure Ärzte sein!“ Ja, man sollte jeder Generation Achtung entgegen bringen. Und die Jugend sollte man nicht ständig bevormunden, nur weil man älter ist und meint, deshalb das Recht dazu zu haben. Man sollte beobachten, sich weise zurücknehmen, Stärken erkennen und diese behutsam fördern. Und einfach mal machen lassen! Es gibt Kollegen, die extra junge Menschen eingestellt haben, um sie zu „Formen“. Ja, sind wir denn Gott, dass wir Menschen nach unserem Bilde formen? Lasst sie doch einfach sie selbst sein und ihren eigenen Weg gehen! Nur dann lösen sich alte Strukturen und es entsteht Neues.

Kampfamazonen im Einsatz

So aggressiv, wie diese Überschrift sich liest, gestaltete sich die Stimmung in meiner letzten Arbeitswoche. Überall brodelte und kämpfte es um mich herum. Fassaden zerfielen oder es wurden neue, schon gleich am Anfang bröckelnde Fassaden präsentiert. Wahnsinn, was da gerade alles abgeht. Vor allem war es der Sumpf aus der letzten Geschichte, der mich weiter zwar nicht aktiv beschäftigte, aber indirekt waberte da noch sehr viel Informationen zu mir. Informationen über Geschehnisse, die, wenn sie nicht so hanebüchen wären, schon wieder für Heiterkeit sorgen könnten. Verrückte Zeiten sind das.

Ich will da auch nicht weiter detailliert drauf eingehen, es muss sich auch bei mir noch alles setzten. Nur so viel: Die Gleichstellungsbeauftragte, gleichzeitig ehemalige Bürgermeister-Kandidatin, trat erstmals seit der Wahl im Herbst letzten Jahres wieder in Aktion und betätigte sich als Kampfamazone, allerdings ging ihr Aktionismus genau in die falsche Richtung.

Zum Glück war ich nicht direkt involviert, aber die Folgen des Kampfamazonen-Einsatzes könnten auch (negative) Folgen für meinen Arbeitsalltag haben. Aber damit werde ich mich dann auseinandersetzen, wenn bzw. falls es soweit kommen sollte. Natürlich beschäftigt einen so ein Wirrwarr in der unmittelbaren Umgebung auch sehr. Zum Glück hatte ich gerade in dieser Woche einige Termine mit einigen langen Wegen im Sonnenschein, die ich noch mit Umwegen in die Länge zog. Die Bewegung tat mir gut und brachte das innere Gleichgewicht zurück. Nur die Nächte gestalteten sich unruhig, aber da musste ich durch. Mit Musik übersteht man alles.

Am Freitag hatte ich, weil es gerade so in der Wochenstimmungs-Luft lag, eine direkte Begegnung mit einer Kampfamazone. Die „Objektverantwortliche“ unserer Reinigungsfirma für unseres und noch 59 weitere „Objekte“ hatte gewechselt. Nur erfuhren wir davon gerüchteweise durch unsere Reinigungskräfte. Die Neuigkeit wurde mir schon mit den Worten serviert: „Die hat Haare auf den Zähnen!!!“ Bei einem solchen Wechsel der Verantwortlichkeiten ist es üblich, dass ich offiziell informiert werde und dass sich die neue Ansprechpartnerin vorstellt. Ich war ja nun seit zwei Monaten gespannt auf die Dame mit den behaarten Zähnen, aber nichts passierte. Als ich nun die jährliche Frühjahrs-Grundreinigung organisieren wollte, brauchte ich dafür einen offiziellen Ansprechpartner. Ich fragte mich also innerhalb der Reinigungsfirma bis zu der Dame mit den behaarten Zähnen durch, und wir einigten uns auf einen Termin am Freitag. Vorher hatte ich die Intuition, meine Kollegin vom  Museum dazu zu holen, die erstmal aus allen Wolken fiel, als sie hörte, dass wir eine neue Ansprechpartnerin hatten. Ich informierte auch unsere Reinigungskräfte darüber, dass die Vorarbeiterin am Freitag im Hause sein würde und sie sich deswegen bemühen sollten, das Haus besonders gründlich zu reinigen. Denn da gibt es, nebenbei bemerkt, immer mal Probleme, es hat auch gerade eine der beiden Reinigungskräfte gewechselt, die Neue ist noch etwas schüchtern und in der Einarbeitung und man muss sie ja nicht ins offene Messer laufen lassen.

Also alle Vorkehrungen waren getroffen, als die Kampfamazone in Begleitung ihrer Kollegin erschien. Es war eine wirkliche Kampfamazone. Ich werfe sonst nicht mit solchen Begriffen um mich, aber als ich die Frau sah und erlebte, war dieses Wort sofort in mir. Klein, gedrungen, die Haare streng zu einem Knoten nach hinten gebunden, schwarze Maske und lautes Organ, verbunden mit einem penetranten Befehlston. Meine Museums-Kollegin und ich zuckten ganz schön zusammen. Als erstes wurden wir „ausgemistet“, weil ich es gewagt hatte, meine Museums-Kollegin überhaupt dazu zu holen. Dann wurde ich ausgemistet, weil ich es gewagt hatte, gemeinsam mit meiner Reinigungskraft vorsichtige Terminplanungen für die Grundreinigung zu starten. Sie bombardierte uns mit Anweisungen im Befehlston, von denen fast jeder Satz im Sinne von „Hier regiere ich!!!“ unmissverständlich zu verstehen war. „Alles läuft hier über mich und die Frau … (die neben ihr stand) hat auch keine Absprachen zu treffen!!!“ Ich musste mich schon sehr bemühen, „cool“ und sachlich bestimmt zu bleiben.  Denn schließlich sind wir die Auftraggeber, also die Chefs, wenn man so will. Ganz ehrlich, ich habe schon unendlich viele Menschen kennengelernt, aber so eine Kampfamazone noch nicht. Die beiden Vorgänger in ihrem Amt, die ich innerhalb von drei Jahren erlebte, waren da weitaus entspannter, haben aber, wie man an der Zeitspanne merkt, immer relativ schnell den Job gewechselt. Für 60 Objekte, also Reinigungsstellen, verantwortlich zu sein, scheint nicht gerade ein prickelnder Job zu sein.

Als die Kampfamazone merkte, dass ich mich nicht einschüchtern ließ, versuchte sie es bei der Museums-Kollegin, die auch die Frühjahrs-Grundreinigung für das Museum organisieren wollte. „Vor April gibt es generell keine Grundreinigung, denn da sind Luft und Boden noch zu feucht und es können noch Wintereinbrüche kommen.“ – „Ja aber, wir wollen ja im April wieder öffnen! Wie soll das denn gehen?“ Dieses Problem konnten die beiden nicht klären, wie auch ich meinen Grundreinigungs-Wunschtermin nicht klären konnte. Absolute Fehlanzeige und absolutes Beißen auf Kampfamazonen-Granit. Insofern war dieser Mentalkräfte zehrende Termin eigentlich sinnlos.

Was wir aber schafften, war, dass die Kampfamazone nach einiger Zeit zu einem normalen Tonfall fand. Na immerhin. Die Museums-Kollegin hat mit ihr noch einen Termin im Museum – und jetzt ist sie ja gewarnt und kann sich vorbereiten.

Die Kontroll-Runde durch „mein Haus“ war wohl in einigen Dingen nicht zufriedenstellend, was eigentlich vorauszusehen war. „Das werde ich heute gleich auf der Dienstberatung mit Frau L. und Frau B. auswerten!“ Angesichts dieser Androhung sagte ich gleich: „Frau L. wird wohl nicht anwesend sein, denn sie hat Urlaub.“ – „Ob Urlaub oder nicht ist egal, zu einer Dienstberatung haben alle zu erscheinen!“ – „Aber Frau L. hat heute Geburtstag!“ Große Verwunderung bei allen Beteiligten und dann doch etwas menschliche Regung zum Schluss.

Es ist kein Wunder, dass dieser Firma die Reinigungskräfte ausgehen. Im letzten Jahr wurde dort reihenweise gekündigt. Wer möchte denn auch mit einem ganz engen Zeitfenster große „Objekte“ reinigen, dafür nur mit dem Mindestlohn leben müssen und noch dazu mit so einer Kampfamazone als Vorgesetzte? Früher waren die Reinigungskräfte alle bei der Stadt selbst angestellt, dann wurden sie zwecks Kosteneinsparung ausgelagert. Wie auch die Hausmeister. Bei den Hausmeistern hat man aber relativ schnell gemerkt, dass es so nicht funktioniert, und sie wieder direkt bei der Stadt angestellt. Man hat gemerkt, dass direkte Kommunikation und direkte Einflussnahme immer besser ist, als es über Dritte zu verhandeln.

Meine beiden Reinigungskräfte bevorzugen seit dem letzten Lockdown auch die direkte Kommunikation. Vorher sind sie mir aus dem Weg gegangen und haben sich auch wirklich nicht sehr bemüht. Die Kommunikation lief über ein „Servicebuch“ oder die Vorgänger der Kampfamazone. Im Lockdown hatten wir alle andere Arbeitszeiten, was dazu führte, dass ich die beiden Frauen endlich mal live sah. So in direkter Kommunikation konnte ich ein gutes Verhältnis zu ihnen aufbauen, war vor allem dem empfindlichen Fußboden in der Bibliothek sehr zuträglich war. Eine der beiden Frauen hatte jedoch kürzlich gekündigt und ist in ein Hotel gegangen, in dem sie besser bezahlt wird. Schade! Die Nachfolgerin arbeitet sich nach langer Arbeitslosigkeit gerade ein. Da ist gerade viel Fingerspitzengefühl und Diplomatie nötig, mit Druck geht da garnichts! Kommunikation und Einfühlungsvermögen sind da wichtiger denn je. Alle Kampfamazonen dieser Welt haben ausgedient!!!

Waten im Sumpf

Es fing vor vier Tagen an. Man hinterbrachte mir, dass meine berufliche Lieblings-Sparringpartnerin gegangen wurde und sich demnächst aus der Arena meiner Erfahrungen verabschieden wird.

Zunächst staunte ich ungläubig, denn das hätte ich wirklich nie für möglich gehalten. Denn diese Kollegin war jahrzehntelang der absolute Kleinstadt-Star am Museumshimmel gewesen. Sie konnte die abstrusesten Dinge verwirklichen – alles wurde ihr abgenommen und beifällig beklatscht, auch wenn es nur bei Wikipedia gegoogelt war. Sie war so mächtig, dass sie mit ihrem Einfluss fachlich und menschlich sehr gute Kollegen wegbiss oder sich mit deren Ideen erfolgreich selbst präsentierte. Ich empfand sie immer als einen Energie-Vampir, so wie von dunklen Mächten ferngesteuert. Einerseits liebreizender blonder Engel, andererseits schwarze Magierin. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit war felsenfest glorifiziert. Und nun wird ihr nach Jahrzehnten Honorartätigkeit mühsam erschlichener fester Vertrag nicht verlängert??? Wow. Was für ein Wandel!!! Da konnte ich wirklich nur staunen und – was sonst wirklich sehr selten passiert – mir abends in stiller Freude ein Gläschen Sekt genehmigen. 🙂 Möge sie in Frieden gehen. Ich segne sie und bin dankbar für die Lebens-Erfahrungen, die mir durch sie zuteilwurden.

Aber sie ging nicht in Frieden, was eigentlich vorauszusehen war. So einen lukrativen, machtvollen Posten mit automatischem Glorienschein inklusive gibt man nicht einfach kampflos her, auch wenn man beim Chef in Ungnade gefallen ist. Als ich gerade meine Post in der Stadtverwaltung erledigte, wurde ich in ein Büro gerufen und mir wurde ein Brief vorgelegt, der es in sich hatte. Die noch andauernde stille Freude wich beim Lesen einem zähen Sumpf, der mich zu verschlingen drohte. Die gegangen wordene Kollegin präsentierte sich als Opfer eines einzigen Mannes, der ihrer Aussage nach seit Jahrzehnten ihre ach so glorreiche, in diesem Brief selbst vielfach gelobte Arbeit sabotiere. Der derart Angeklagte selbst hatte mir diesen Brief zu lesen gegeben, den sie, das selbst ernannte Opfer, an alle Stadtvertreter gerichtet hatte. Der arme Angeklagte hatte da schon eine schlaflose Nacht hinter sich, was ich gut nachvollziehen konnte, denn ich war ja auch schon mehrfach durch diese Person angeklagt worden, was ihr jedes Mal geglaubt wurde.

Ich tröstete den Angeklagten so gut es ging und versprach auch, mit einer befreundeten Stadtvertreterin zu reden. Während des Gesprächs erinnerte der Angeklagte mich an zahlreiche Mails, in denen ich von dieser Person angegriffen wurde. Da staunte ich wieder. Ja, stimmt, so war es. Und daran erinnert er sich noch??? Ich hatte das schon längst zu den Akten gelegt. Erst anderthalb Stunden später verließ ich die Stadtverwaltung und fühlte mich abgeschlagen und schwer wie Blei, so als ob ich wirklich einen großen Sumpf durchwatet hätte. Meine stille Freude war weg, statt dessen Müdigkeit, Mitleid mit dem Angeklagten, der es wirklich nicht verdient hat, und Hineinspüren in das Um-sich-schlagen einer verzweifelten Frau, die alle ihre Macht, ihren Einfluss und ihre gesicherte Einnahme zerrinnen sieht und mit der die fast-Vollmond-Energien komplett durchgegangen sind.

Nachmittags hatte ich einige Bibliotheksbesucher, die mich etwas wieder zu mir kommen ließen. Aber zwischen den Besuchen war ich mit Richtigstellung von Fakten im Sinne des Angeklagten beschäftigt und sank immer wieder tief in den Sumpf hinab. Abends fühlte ich mich so, als hätte ich nochmals einen ganzen Bibliotheksumzug bewältigt. Ich konnte nur schwer abschalten. Erst als mir telefonisch ein frischer Wind von meiner Freundin in das Ohr wehte, war ich langsam wieder in meiner alten Form.

Auch ich habe mich gewandelt. Vor zehn Jahren wäre ich noch vor lauter Schadenfreude an die Decke gegangen. Und heute? Na gut, vielleicht ein bisschen Schadenfreude kann ich nicht leugnen und sie sei mir gegönnt, aber es überwiegt nun wieder die stille Freude darüber, dass es sich wandelt und dass Gerechtigkeit sich entfaltet. Und dass die Kolleginnen vom Museum und ich unsere Energie künftig nicht mehr an diese Frau verlieren, dass wir nicht mehr Opfer von Ideenklau, chaotischem Handeln und cholerischen Wutausbrüchen werden, dass im Museum ein friedliches Miteinander ohne Ellenbogen und böses Getratsche möglich wird und dass die seit Jahrhunderten dunkle Energie dort, in der alten Ritterburg, sich endlich klärt. Gelitten wurde genug, jetzt zieht die Freude dauerhaft ein. So ist es.