Was ist wahr und was nicht?

Es ist eine anstrengende Zeit, die mich auffordert, genau hinzuschauen. Viele Leute erzählen vieles. Aber was davon ist wahr? Oder besser gesagt, was davon erkenne ich als meine momentane Wahrheit an? Womit gehe ich konform und womit nicht? Da sind alle meine Sinne, all mein Bauchgefühl, all meine Intuition gefragt.

Momentan wird ja die Impf-Frage heiß diskutiert. Da stellt sich die Frage: Was ist für mich richtig? Ich kann nicht behaupten, absolute Impf-Gegnerin zu sein, aber ich bin auch nicht sehr impffreudig. Ich versuche, mein Immunsystem auf andere, vielfältige Weise zu stärken und kann stolz verkünden, dass ich seit meinem Studium noch nie eine Krankschreibung bei meinen jeweiligen Arbeitgebern abgeliefert habe. Klar gab es die jährlichen grippalen Infekte, aber mein Körper zog es vor, mich damit immer an Wochenenden und Feiertagen lahmzulegen. Auf diese Weise fiel mal Ostern, mal Pfingsten und mal Silvester ins Wasser bzw. ins Bett. Seit der Pandemie fielen sogar diese Infekte ersatzlos aus. Lediglich eine von Jahr zu Jahr immer leichter werdende Frühjahrs-Pollenallergie bringt meine Nase gelegentlich etwas zum Tropfen.

Meine laut DDR-Impfausweis letzte reguläre Impfung bekam ich mit ca. 16, wonach mir so schwindlig wurde, dass ich mich noch im Gesundheitsamt erstmal für eine Weile auf die Pritsche legen musste. Seitdem verdrängte ich den Gedanken an jegliche Impfungen total, bis es meiner Hausärztin (die ich nur aufsuchen musste, wenn ich eine Überweisung zum Augenarzt brauchte) auffiel, dass ich keinen I-Schutz habe. Da ließ ich mich dann mal überreden, eine 4-fach-Impfung über mich ergehen zu lassen, was ich auch sehr gut vertrug. Aber dieser I-Schutz müsste schon seit einem Jahr wieder erneuert werden … Für mich habe ich entschieden, das jetzt nicht erneuern zu lassen und auch sonst keine Impfung vornehmen zu lassen. Das ist meine momentane Wahrheit. Das heißt aber nicht, dass ich damit missionieren muss und dass diese Wahrheit unumstößlich ist. Es ist halt momentan so gut für mich.

Meine über 80jährigen Eltern haben eine andere Wahrheit. Sie gehen jährlich zur Grippeschutzimpfung und warteten sehnsüchtig auf ihre C-Impfung. Ich weiß, dass sie ihren eigenen Kopf haben – und den sollen sie auch behalten. Was ich tun konnte, war lediglich, sie immer breit und aktuell zu informieren, über alle Impfstoffe, alle Nebenwirkungen und so weiter. Ich bevorzugte dazu sachliche Infos ohne Panikmache. Meine Eltern blieben dabei. Sie warteten sehnsüchtig auf ihre Impfung, weil sie endlich wieder unter Menschen sein möchten und sehnsüchtig darauf warten, mal wieder ins Konzert gehen zu können, Gruppensport zu machen oder zu reisen, und sei es auch nur im eigenen Bundesland für einige Tage an die Ostsee.

Eines Tages unterhielten sich meine Eltern mit Nachbarn, die Q- oder genauer gesagt, teilweise Richtig-Denker sind. Die Nachbarin arbeitet in einem Pflegedienst. Da das I-Thema gerade Thema Nr. 1 ist, fragten meine Eltern: „Und sind Sie schon geimpft?“ Meine Eltern ernteten einen Sturm der Entrüstung und einen flammenden Missionier-Vortrag. Impfen sei tödlich, es sei alles ein gigantisches Experiment, Bill Gates verdiene sich dumm und dämlich – und so weiter. Die volle Bandbreite. Meine Eltern waren ganz entrüstet, als sie mir das erzählten.

Als meine Eltern die Einladung zum Impfen erhielten, hängten sie sich donnerstags sofort 50 Minuten lang in die telefonische Warteschleife und vereinbarten sofort einen Termin für den Montag darauf. Das einzige, was ich jetzt noch tun konnte, war, darauf zu bestehen, dass sie auf ein Arztgespräch nicht verzichten. Ansonsten konnte ich sie jetzt nur bestärken, denn wenn man sie in Angst und Schrecken versetzt, wirkt sich das negativ auf den ganzen Körper aus und führt vielleicht wirklich zu unerwünschten Nebenwirkungen. Sie haben sich nun mal für sich so entschieden, also trage ich die Entscheidung in allen Konsequenzen mit und unterstütze sie, so gut es geht. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich schon mindestens zehn 80+-Leute, die die Impfung gut vertragen haben und denen dadurch viele Ängste genommen wurden.

Die Impfung ging glatt, mit üblichen kleinen Nebenwirkungen, die schnell verflogen. Meine Eltern sind wesentlich entspannter in all ihren Kontakten, wobei sie schon die AHA-Regeln einhalten. So konnten wir gestern den 82. Geburtstag meines Vaters in fröhlicher Kernfamilie feiern.

Eine Woche nach ihrem Impftermin besuchte ich meine Eltern zu unserem üblichen Sonntag-Kaffeekränzchen. Zwei Stunden lang saßen wir in der kleinen Veranda fröhlich beisammen und ich freute mich sehr darüber, dass es meinen Eltern so gut geht. Abends zu Hause machte ich dann meine übliche Blog-Runde, flog virtuell mal kurz hierhin und mal dorthin. Immer auf der Suche nach erbaulichen Nachrichten, die der Seele gut tun. Ich beteilige mich zwar weniger als sonst aktiv selbst an Diskussionen, aber ich lese immer noch gern mal überall wenigstens quer. Bei diesem entspannten Rundflug traf mich die hammerharte Keule. Eine Bloggerin, die sich für so eine Art Mittelpunkt der spirituellen Szene hält, teilte ein Video, in dem ein Arzt seine persönliche Wahrheit kundtut. Man solle sich fern halten von frisch geimpften Personen, denn sie würden das Virus verbreiten und jeder Kontakt mit ihnen könne tödlich enden. Genau das Erbauliche, was ich nach einem zweistündigen Aufenthalt mit zwei frisch geimpften Personen in einer kleinen, gemütlichen Veranda gerade brauchte. Nachdem ich mein Bauchgefühl befragte, hatte ich dennoch eine ruhige Nacht. Später sah ich, dass der Beitrag durchaus nicht einhellig bejubelt wurde, und dass die Bloggerin sich genötigt sah, noch einmal einen nachdrücklichen Nachschlag zu liefern. Aber das ist ihre Wahrheit, und wenn sie der Meinung ist, diese so vehement zu verbreiten „ohne zu missionieren“, wie sie immer betont, dann soll es eben so sein. Muss mich aber nicht weiter tangieren.

Nachdem meine Eltern für sich selbst froh und glücklich sind, sehen sie das Thema dennoch differenziert. Ich bin sehr froh, in einer Familie zu leben, in der es nicht nur schwarz-weiß gibt, sondern in der man alles von allen Seiten beleuchten kann. Bei unserem wöchentlichen Familien-Videochat wurde uns die neue Freundin meines Neffens vorgestellt, eine angehende Ärztin. Und die verkündete fröhlich: „Ich wurde geimpft!“ Mir stockte der Atem und ich konnte nur noch die Frage rausbringen: „Biontech?“ – „Ja!“, war die fröhliche Antwort. Puh!!! Meine Eltern, die den selben Impfstoff intus haben, reagierten auch besorgt, denn schließlich will die junge Freu vielleicht noch Kinder kriegen. Einige Tage später hatte ich die Gelegenheit, zufällig mit meinem anderen Neffen darüber zu sprechen. Es war das erste Mal, dass wir beide das I-Thema berührten. „Ich hätte sie für intelligenter gehalten.“, so der trockene Kommentar. Er und seine Freundin wollen sich vorerst nicht impfen lassen. So muss jeder seine persönliche Wahrheit zu diesem Thema suchen und finden. Diese Wahrheit kann man keinem aufzwingen. Hier gilt der freie Wille und das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.   

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