Jugend voran!

Werde ich langsam alt? Ich habe das Gefühl, zu wenig zu schaffen, ich bin momentan, sobald ich zu Hause bin, so dauermüde, dass mir sogar in der Badewanne die Augen zufallen. Kurzum, ich bin so downgelockt und so runtergefahren, dass es nur schwer ist, Höchstleistungen zu vollbringen. Dauerstress war gestern, heute braucht mein Körper Ruhe und mein Geist auch. Frühjahrsmüdigkeit? Kosmische Energieflutungen? Einfach zu viel zu verarbeiten? Wer weiß. Genau weiß ich nur, dass ich nicht mehr in die selbe Tretmühle möchte, wie es speziell 2019 der Fall war. Ich möchte schon weiterhin alles geben, aber nur das geben, was ich wirklich zu geben habe. Ich möchte nicht mehr über meine Kräfte gehen. Nicht mehr tausend Sachen gleichzeitig machen.

Aber das muss ich ja auch nicht. In den letzten Tagen fiel mir auf, wie langsam die Jüngeren Verantwortung übernehmen. Da kann ich gern einen Schritt zurücktreten und sie auch machen lassen.

Es fing damit an, dass der Personalrat auf mich zu kam, wegen der Kollegin, die, bevor ihr Vertrag endet, noch mal ordentlich in alle Richtungen tritt. Es kam aber nicht der eigentliche Personalrat, der eigentlich noch nie aktiv war und von mir in dieser Zusammensetzung deshalb auch nie gewählt wurde. Nein, es kamen die jungen Nachrücker, die ganz engagiert und kompetent versuchten, Klarheit in eine verfahrene Situation zu bringen. Wow. So hilfreich kann ein Personalrat sein, wenn die richtigen Leute darin arbeiten! Ich gab ihnen alle Infos, die ich ihnen geben konnte, segnete sie in Gedanken, trat einen Schritt zurück und ließ sie machen.

Die selbe Kollegin, die jetzt als Nachrückerin im Personalrat agierte, hat kürzlich innerhalb der Stadtverwaltung einen wichtigen Posten übernommen und hängt sich da voll rein, mit dem Ergebnis, dass alte, festgefahrene Strukturen sich lösen. Davon profitiert auch die technische Ausstattung der Bibliothek. Auch hier brauche ich nur die nötigen Infos zu geben, einen Schritt zurückzutreten, sie segnen und machen lassen. Komischerweise hatte ich schon vor ungefähr fünf Jahren eine Vorahnung, als ich diese Kollegin zum ersten Mal sah. Zum ersten Mal sah ich sie nicht in der Stadtverwaltung, sondern in der Bibliothek, als sie sich als neue Leserin anmeldete. So nebenbei ließ sie fallen, dass sie ja nun eine höhere Beamtenlaufbahn in der Stadtverwaltung begonnen habe und dass es ihr sehr gefalle. Ich hieß sie im Team willkommen und sagte ganz intuitiv in etwa: „Da haben Sie gute Chancen, dauerhaft übernommen zu werden, denn Nachwuchs wird dort immer gesucht, z. B. geht Frau H. in einigen Jahren in Rente.“ Und genau diesen Posten der Frau H. hat sie jetzt übernommen.

Ich weiß nicht, ob ich besonders sentimental bin. Aber ich werde immer ganz gerührt, wenn ich sehe, wie junge Leute, die ich lange kenne, so ihren beruflichen Weg freudig gehen. Gestern gab es wieder so ein Beilspiel. Da hatte sich eine Firma angekündigt, die die Ausschreibung der Technik in der Bibliothek begleitet. Und da stand dann ein junger Mann in der Tür, der fragte: „Kennen Sie mich noch? Und übrigens soll ich Sie herzlich von meiner Mutti grüßen!“ Ja, mit der Mutti war ich mal in einem Literaturkreis, und der junge Mann war als Kind mal Leser in der Schülerbibliothek, in der ich vor fast zwanzig Jahren gearbeitet hatte. Und nun wirbelte er als IT-Spezialist in der Bibliothek umher und prüfte routiniert Leitungen, Router, Anschlüsse und Technik. Wow. Ich beobachtete das fasziniert, gab hier auch nur einige Infos und ließ ihn und seinen Kollegen machen.

Es ist so, so schön, wenn junge Leute heranwachsen, einen Beruf erlernen und sich kompetent einbringen! Gern denke ich bei diesem Thema auch an meinen Praktikanten vom letzten Herbst zurück. Auch er war als Schüler Leser in der Bibliothek, allerdings schon in meiner jetzigen. Mit ihm zusammenzuarbeiten machte riesigen Spaß!

Heute gab es wieder eine Begegnung mit einem jungen Mann, den ich heranwachsen sah. Der Patensohn meiner Freundin meldete sich bei mir, um mit mir gemeinsam etwas zu besprechen, was schon seit zwei Jahren, seit dem Tod meiner Freundin, hätte geschehen sollen. Eigentlich lag dies in der Verantwortung der Mutti des Patensohnes, so wollte es meine Freundin, aber da rührte sich nichts. Und nun übernimmt die nächste Generation das Problem, um es zu lösen und um für sich daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Endlich!!! Meine Freundin Helga würde sich freuen!

Meine Mutter war jahrzehntelang Lehrerin. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, wird sie oft von ehemaligen Schülern gegrüßt. Ihre ehemaligen Schüler sind nun ihre Ärzte, Einzelhändler, Gastronomen, Musiker oder selbst Lehrer und noch vieles mehr. Meine Mutter zitiert immer gern den Spruch ihres ehemaligen Schulleiters: „Seid nett zu euren Schülern, denn sie werden später einmal eure Ärzte sein!“ Ja, man sollte jeder Generation Achtung entgegen bringen. Und die Jugend sollte man nicht ständig bevormunden, nur weil man älter ist und meint, deshalb das Recht dazu zu haben. Man sollte beobachten, sich weise zurücknehmen, Stärken erkennen und diese behutsam fördern. Und einfach mal machen lassen! Es gibt Kollegen, die extra junge Menschen eingestellt haben, um sie zu „Formen“. Ja, sind wir denn Gott, dass wir Menschen nach unserem Bilde formen? Lasst sie doch einfach sie selbst sein und ihren eigenen Weg gehen! Nur dann lösen sich alte Strukturen und es entsteht Neues.

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