Existenzielle Frage: Wer lockt denn nun down?

Gestern war nun wieder DER TAG. Die politische Macht kam zusammen, um ein kleines, gemeines Virus bekämpfen zu wollen. Ein Lockdown schien wieder mal das einzig wahre Mittel zu sein. Wie würde es diesmal ausgehen? Um 16 Uhr hörte ich erstmals die Nachrichten im Radio. „Gastronomie, Hotels, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sollen im November geschlossen bleiben.“ Peng. Da trifft es wieder mal diejenigen, die mit ausgefeilten Hygienekonzepten sehr vorsichtig agieren und den Menschen schöne Erlebnisse in dieser tristen Zeit bereiten. Gastronomie – na super. Den schon für den 88jährigen Geburtstag meines Onkels für nur fünf Personen bestellten Tisch im Lieblingsrestaurant können wir also canceln. Da feiern wir lieber zu Hause und stecken uns dort gegenseitig an. Ohne Feier geht nicht, mein sehr einsamer Onkel freut sich schon so sehr darauf. „Kultur- und Freizeiteinrichtungen?“ Oh Schreck, das ist ja auch meine Bibliothek? Sofort klickte ich mich in den Corona-Newsticker von NTV, der übrigens sehr informativ ist. „Theater, Konzerthäuser und andere Kultur- und Freizeiteinrichtungen“ Hm. Das ist nun wieder sehr vage. Im Laufe des Abends sickerte etwas mehr durch. Da war auch von „Kinos, Freizeit- und Vergnügungsparks“ die Rede. Hm. Was ist eigentlich mit Musikschulen? Meine Schwester und mein Neffe arbeiten in einer solchen und bringen mit viel Herzblut und momentan maskiert mit viel Abstand dort Kindern das Geige- und Hornspielen bei. Das sind doch auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen?

Nachdem mich der NTV-Newsticker nicht weiterbrachte, versuchte ich es im Regierungsportal M-V. Dort waren die neuen Regeln grob zusammengefasst. Aber auch hier Fehlanzeige. Kein Wort von Bibliotheken oder Musikschulen. Auch in der Tagesschau um 20.15 Uhr nicht. So langsam wurde ich unruhig. Was sollte ich denn am nächsten Tag den Lesern sagen, wenn sie fragen? Hm. Komische Sache, wenn die Politik mit Macht entscheidet und dabei die Hälfte aller Einrichtungen vergisst. Also wieder mal mit Macht und ohne Verstand. Vielleicht sind Bibliotheken auch so nebensächlich, dass sie einfach vergessen werden können? Aber immerhin durften sie doch nach dem letzten Lockdown zusammen mit dem Einzelhandel als erste kulturelle Einrichtung wieder öffnen. Damals fielen recht salbungsvolle Worte über die Bedeutung der Bibliotheken, es wurde sogar ein eigener Fördertopf für sie geschaffen, der allerdings so unterkalkuliert war, dass er nach wenigen Tagen als „überzeichnet“ galt und man von weiteren Anträgen absehen sollte.

Ich schaute mir dann noch die Corona-Sondersendung an. Da nahm dann erstmals einer, ich glaube, der Söder, das Wort „Museen“ in den Mund. Die seien im November auch geschlossen. Das fiel so in einem Nebensatz. Aha. Gut zu wissen. Die Ausstellung oben im Bibliothekshaus muss also schließen. Aber da wären im November eh kaum Gäste gekommen, da war eigentlich schon im Oktober tote Hose. Und die Kollegen vom städtischen Burgmuseum hätten im November sowieso ihre Winter-Schließzeit begonnen, sie hätten nur am Wochenende das Museum geöffnet. Also eigentlich wären sie, wie viele andere Museen auch, sowieso im alljährlichen Winter-Lockdown, da hätte die Politik nicht machtvoll nachhelfen müssen.

Aber was ist nun mit den Bibliotheken? Bleiben die offen oder nicht? Tja, da musste ich leider dumm schlafen gehen. Ich musste auch dumm aufstehen und dumm wieder zur Arbeit in die Bibliothek fahren. Und dumm die Bibliothek öffnen und überhaupt nicht auskunftsfähig sein gegenüber den Lesern. Danke, Frau Merkel, für dieses Scheiß-Gefühl!!!

In der Bibliothek war viel los an diesem Tag. Aber keine Panik-Besuche in letzter Minute. Nein, es war der normale Betrieb mit normalen Lesern, deren Medien laut Leihfrist abgegeben werden mussten. Alle schienen selbstverständlich davon auszugehen, dass die Bibliothek auch künftig geöffnet haben würde. Nur zwei oder drei Leser fragten besorgt nach einem Lockdown. So langsam wurde auch ich gelassen. Es kommt, wie es kommt, und ich werde es so nehmen, wie es kommt. Ich habe sowieso noch viel Resturlaub, d. h. noch fast den ganzen Jahresurlaub zu kriegen, also irgendwann muss ich in diesem Jahr sowieso schließen. Zwischenzeitlich eine Rundmail der Fachstelle: „Wir wissen auch nichts, aber wenn wir etwas wissen, melden wir uns sofort.“ Na prima. Wenn nicht mal die, die alle Bibliotheken im Bundesland beraten sollen, etwas wissen, dann kann ich ja auch nur weiterhin dumm bleiben. Ich machte auch dumm Feierabend, fuhr dumm nach Hause, aß erstmal in Ruhe dumm Abendbrot und schaute dann noch ins lokale News-Netzwerk von Antje. Und da, oh Wunder, stand die verbindliche Info, dass die Kultusminister nachgebessert hätten und sich nun in einer Konferenzschaltung darauf geeinigt hätten, dass auch Museen im November geschlossen werden. Ach, das stand noch garnicht fest? Das hat der Söder nur so dahingesagt? Na prima. „Übrigens bleiben Bibliotheken, Archive und Musikschulen weiterhin geöffnet.“ Jubel!!! Sicherheitshalber schaute ich noch einmal in den NTV-Newsticker – da stand diese Nachricht genauso drin. Antje vom lokalen Netzwerk hat sie wahrscheinlich von dort übernommen. Hach, jetzt, nach einem ganz dummen Tag kann ich endlich schlau ins Bett gehen! 🙂 Und die Bibliotheksleser müssen auch im Lockdown nicht auf ihre Medien verzichten.

Und an die Politiker dieses Landes geht mein dringender Appell: Leute, entscheidet nicht nur mit Macht, sondern auch mit Verstand!

Kleiner Nachtrag am 31. 10. 2020 um 9.05 Uhr, in der zeitlichen Reihenfolge also nach meinem Kommentar von gestern:

In den Nachrichten hörte ich heute früh, dass in einer Kabinettssitzung gestern die Bestimmungen für den Lockdown in M-V konkretisiert wurden. Diesmal war man sehr moderat. Touristen dürfen noch bis Donnerstag im Land bleiben.

Ich stürzte mich daraufhin wieder ins Internet. Keine Pressemeldung und keine neue Corona-Verordnung auf dem Regierungsportal M-V. Auf der Homepage des NDR wurde ich dann etwas schlauer: Museen müssen schließen, Theater, Konzerthäuser, Restaurants, Kinos auch. Im Gegensatz zur Bundes-Richtlinie ist Sport für Kinder bis 18 erlaubt. Das finde ich richtig prima, denn Sport hält fit und unterstützt das Immunsystem. Zoos und Tierparks dürfen ebenfalls öffnen. Das wird meine Bekannte aus dem Bärenwald freuen, mit der ich gestern telefonierte und die gestern ebenso ratlos war wie ich.

Nur ein Wort tauchte in dieser Pressemeldung vom NDR nicht auf: Bibliotheken. Es bleibt spannend. Mittlerweile sehe ich es als Sport, mich zu informieren und entspannt die Informations-Abläufe zu verfolgen. Dass ein Bundesland dem NDR um 7 Uhr eine Pressemeldung bekannt gibt, aber die Pressemeldung um 9 Uhr noch nicht mal auf seiner eigenen Seite veröffentlicht hat, finde ich kurios. Oder verbreitet der NDR Fakenews?

Die Auflösung: Bibliotheken bleiben offen

Am 31. 10. um 17.46 Uhr mailte die für Bibliotheken zuständige Referentin des Landes M-V ein kleines Infoblatt mit den wichtigsten Bestimmungen aus dem Bereich Kultur. Ich sah die Mail aber erst heute. Die wichtigste Neuigkeit: Bibliotheken und Archive bleiben offen!!! Nun ist es amtlich. Nach den Lockdown-Bestimmungen der Bund-Länder-Runde hat es tatsächlich volle drei Tage bis zu dieser klaren Aussage gedauert!!! Musikschulen bleiben auch für Kinder bis 18 Jahren offen. Nur ihre beiden erwachsenen Schüler darf meine Schwester demnach nicht unterrichten. Na dann wünsche ich uns allen einen schönen und virenfreien November!

3 Kommentare zu “Existenzielle Frage: Wer lockt denn nun down?

  1. Hat dies auf Ein neuer Morgen Emmy.X & Elke rebloggt und kommentierte:
    DANKE, liebe Susan… auch heute wieder… so liebevoll und menschlich nachvollziehbar, der Beitrag aus deinem ALL-Tag. „Wer lockt denn nun down?“ Das kann man/frau wohl laut sagen! Wie schön, dass sich deine Frage dann doch noch – für dich, deine Bibliothek und zur FREUDE ALL deiner be-GEIST-erten Leser – klären konnte.

    Passend vielleicht hier auch die kleine Geschichte „Wichtiger denn je!“, die auf Hanne´s Webseite zu lesen ist…

    https://hanneweb.wordpress.com/2020/10/29/wichtiger-denn-je/

    Also nie die Geduld und Hoffnung aufgeben und das GANZE, versehen mit etwas Humor, tiefstem Vertrauen, Mitgefühl, LIEBE und dem Wissen darum, wer wir wirklich SIND!

    DANKE, liebe Susan, dass du da bist! 🙏

    Dir und allen schon mal ganz herzliche Grüße in das bevorstehende Wochenende!

    In LIEBE und VERBUNDENHEIT MIT ALLEM WAS IST
    Elke 💜

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  2. ❤ lichen Dank für dein Rebloggen und die Anteilnahme, liebe Elke! Leider ist es doch noch nicht ausgestanden. Heute kurz vor Feier-Mittag erhielt ich eine Mail vom Bibliotheksverband mit einer vehementen Pressemitteilung "Bibliotheken müssen offen bleiben!" Ich dachete "Hä?" und mailte zurück, dass doch seit gestern 18.22 Uhr klar ist, dass Bibliotheken öffnen können. Mir wurde zurückgemailt, dass das dennoch erst auf Länderebene entschieden werden muss. In Niedersachsen müssen die Bibliotheken schließen, in M-V fällt die Entscheidung erst heute Abend. Also weiter tief durchatmen, locker bleiben, Daumen drücken. Das trägt weiterhin nicht dazu bei, die Regierung in irgendeiner Weise ernst zu nehmen. Lachen hilft immer. 😀
    Vielleicht ist auch nicht die Regierung schuld an dem Chaos, welches sie da verursacht, sondern der rückläufige Kommunikationsplanet Merkur?

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