Ein Kind der neuen Zeit

Alle Astrologen warnten vor dieser Woche, der Woche vom 7. 9. bis 13. 9. 2020. Portaltag, Beginn des rückläufigen Mars im Widder, der Warntag, dem alle möglichen geheimen Bedeutungen beigefügt wurden sowie der 9/11-Tag, ein aus astrologischer Sicht schwieriges Jubiläum.

Ja, auch ich war unruhig in Erwartung dieser Woche, denn ein Konflikt mit einer Kollegin schwelte schon eine Weile und ich merkte, wie sie, sowieso momentan schlecht gelaunt, zunehmend förmlich „am Rad drehte“. Aber das beunruhigte mich nur peripher, denn mit dieser Kollegin hatte ich selten zu tun. Am meisten gespannt war ich auf den neuen Praktikanten, der mich ab jetzt vier Wochen unterstützen würde.  Es ist ja immer eine Sache mit Vor- und Nachteilen, wenn man von Praktikanten begleitet wird. Einerseits soll er helfen, andererseits braucht er, bevor er helfen kann, jede Menge Input. Und das in einer Phase, in der ich eigentlich jede Millisekunde außerhalb des Kundenbetriebs für die Erstellung des neuen Haushaltsplans bräuchte. Hm. Wie bringe ich das nur unter einen Hut?

Der Praktikant ist ein junger, hochintelligenter, vielseiting interessierter, aufgeweckter und liebenswerter Bursche. Allen Bedenken zum Trotz fügte er sich wie selbstverständlich in die betrieblichen Abläufe ein und hatte sehr schnell ein Gespür dafür, wann er mich mit Fragen löchern darf und wann ich einfach mal in Ruhe arbeiten muss. Ich bin echt schwer begeistert!!! So kann es laufen, wenn die jungen Bibliotheksleser heranwachsen und zu Studenten werden!!! 🙂

Dennoch war es nicht selbstverständlich, dass dieser Praktikant bei uns arbeiten kann. Heutzutage ist es schon so, dass man sich um qualifizierte Praktikanten fast bewerben muss. Bevor man von der Uni als Praktikumsbetrieb anerkannt wird, muss man verschiedene Voraussetzungen nachweisen. Und nach dem Praktikum wird es so sein, dass ich zwar den Praktikanten kurz beurteilen werde, er aber einen siebenseitigen Praktikumsbericht vorlegen muss, in dem er unter anderem wiederum seine Praktikumsstelle bewertet. Schon im Vorfeld gab es Gespräche und Mails, deren hauptsächliches Thema es war: „Was möchten Sie hier lernen und wie kann ich / kann die Einrichtung dabei unterstützen?“ . Wir einigten uns auf verschiedene Tätigkeiten im Stadtarchiv, immer unter dem Aspekt, das Wissen des Praktikanten zu erweitern und ihm zu ermöglichen, genau die Erfahrungen sammeln zu können, die er braucht. Also so, wie ich einige meiner Praktika vor dreißig Jahren erlebte, so unter dem Motto: „Die Praktikantin kommt, also räumen wir mal eben die Bibliothek um“ – das war gestern.  

In der Praxis geht das heute bei uns wie folgt: Der Praktikant erhält seine vorher mit mir und der Uni abgestimmte Aufgabe, setzt sich ran, erhält dazu den Input von mir und legt los. Dann beginnt er, bei der Arbeit nach links und rechts zu schauen und alle möglichen Aspekte des Themas einzubeziehen. An dieser Stelle war erstmal meine Geduld gefragt, denn das „rechts und links“ war ja eigentlich nicht die Aufgabenstellung. Also tief durchatmen, einfach machen lassen und weiterhin unterstützend, aber keinesfalls belehrend da sein. Und es zahlt sich aus – für uns beide. Für ihn ergab sich aus „rechts und links“ ein neues Forschungsthema, welches in einer Arbeit für seinen Bachelor-Studiengang Geschichte münden könnte und für mich bedeutet es einen Mehrwehrt an stadtgeschichtlichen Erkenntnissen. Gut, dass ich nicht „gelehrt“ und „geleitet“, sondern nur „begleitet“ habe!!!

Am zweiten Arbeitstag kreuzte die Kollegin auf, die gegenwärtig einige Probleme mit mir hat. Sie kam ganz spontan mit einer Gruppe von Ausstellungsbesuchern im Schlepptau, schickte die Gruppe hoch in die Ausstellung und begann, wegen drei organisatorischer Kleinigkeiten vehement auf mir rumzuhacken, und das teils mit Formulierungen unter der Gürtellinie. Das hatte sie zuletzt vor gut einem Jahr so vehement mit mir abgezogen. Ich war schockiert, nicht so sehr wegen der Kritik, sondern wegen der Art und Weise, wie sie mit mir umging. So, als hätte das ganze letzte Jahr des „Zusammenraufens“ überhaupt nicht stattgefunden. Sofort meldete sich mein Schutzmechanismus, ich schaltete auf oberstur (fuhr meine Stierhörner aus) und gab tüchtig Kontra. Mit lieb und nett und Diplomatie war gerade kein Weiterkommen, dazu war das Teufelchen, was da aus meiner Kollegin sprach, zu mächtig. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was da alles an Worten hin und her flog. Ich kann mich nur noch an den letzten Dialog erinnern: Sie: „Wenn Sie so weitermachen, dann werden Sie große Schwierigkeiten kriegen!“ – ich voller Selbstsicherheit, weil im Recht: „Das glaube ich nicht!!!“ 🙂 Daraufhin drehte sie sich auf dem Absatz um und ging die Treppen hoch zu ihrer Gruppe. Ich atmete dreimal tief durch, ging dann zu meinem Praktikanten, der im Nebenraum arbeitete und fragte ihn so locker wie mir nur möglich, ob er sich der Führung der Kollegin anschließen möchte. Es war vorher so abgesprochen, dass er mal bei einer Führung hospitiert, wozu er aber in diesem Monat selten die Gelegenheit haben wird, da kaum Gruppen angemeldet sind. Sie schaute erschrocken, als ich mit ihm im Schlepptau zu der Gruppe stieß. Dass da noch ein Praktikant bei mir war, hatte sie überhaupt nicht mehr auf dem Schirm. Als sich die Gruppe verabschiedet hatte, begannen die beiden ein Gespräch miteinander. Als ich kurz um die Ecke schaute, bat mich der Praktikant, dazuzukommen. Meine Kollegin, selbst im Erstberuf Professorin an einer polnischen Uni, (nur im Nebenberuf in unserem Museum beschäftigt) befragte meinen Praktikanten nach seinem Studium und nach dem Zweck seines Praktikums. Vielleicht hatte sie den Hintergedanken, ihn für das Museum abzuwerben. Mein Praktikant, sehr redegewandt, hielt ihr einen akademischen, umfassenden Vortrag über das, was er beruflich erreichen möchte. Über seine Erwägung, eine Archiv-Laufbahn anzustreben und nebenbei den Doktor zu machen, über seine Forschungsthemen und darüber, was er in bei mir lernen möchte. Dazu muss man anmerken, dass mein Praktikant wirklich außergewöhnlich redegewandt ist. 😀 Die Kollegin wurde immer kleiner, immer netter und schmiss mit Komplimenten nur so um sich. Da sei er hier bei mir, mit meiner immensen Erfahrung genau richtig, denn ich hätte schon sooo viel für die Stadt geleistet und publiziert. Ich staunte Bauklötze. Eine halbe Stunde vorher war ich noch die unmöglichste Person in dieser Stadt und nun das??? Immerhin, Respekt! So schnell umzuswitchen von einem cholerischen Wutanfall auf Schmalztopf pur – das ist auch eine Leistung, das muss man erstmal können! 😀 Es wurde ein langes Gespräch mit uns dreien, inhaltlich waren wir dabei auf Augenhöhe. Mein Praktikant brachte die Kollegin Professorin mehrmals in Verlegenheit, weil sie keine Ahnung von den neuesten Entwicklungen seines und ihres Forschungsgebietes hatte. Die aktuellen Begrifflichkeiten von heute kannte sie nicht und er konnte mit ihrer 70er-Jahre-Hermeneutik, die sie an ihrer polnischen Uni noch immer lehrt, nichts anfangen. Sehr spannend, bei diesem Disput zuzuhören! 

Als sie schließlich ging, war sie sehr, sehr nachdenklich geworden. Nicht zuletzt deshalb, weil mein Praktikant ihr einen umfassenden Vortrag darüber gehalten hatte, was er von einem guten Online-Seminar erwartet. Als ich sie an der Bushaltestelle abends wieder traf, war sie immer noch ganz ehrfurchtsvoll eingeschüchtert, lieb und nett. Keine Spur mehr vom Zickenkrieg. Bei einer Begegnung am nächsten Tag blieb das so. Und schließlich hieß es dann: „Ich arbeite nächste Woche von zu Hause aus, denn ich muss mich auf meine Online-Seminare in Polen vorbereiten!“ 🙂 Zum Abschied hatte sie mir noch einen Kuli auf den Schreibtisch gelegt. Auch das hat eine Bewandtnis. Diese Kollegin sammelt nämlich, bewusst oder unbewusst, alle Kulis auf Nimmerwiedersehen ein, die irgendwo herumliegen. Wenn man seinen Lieblingskuli länger behalten will, muss man ihn bei Abwesenheit stets wegschließen. Mehrmals darauf angesprochen, reagierte sie nicht. Sie muss mit den Jahren ein Lager von hunderten von Kulis angehäuft haben. Und nun lag da, als kleines Zeichen der Entschuldigung, ein neuer Kuli auf meinem Schreibtisch! 🙂

Es ist erstaunlich, wie die bloße Anwesenheit so eines charmanten Kindes der neuen Zeit eine Situation entkrampfen und auflösen kann. Am Warntag standen wir gerade beieinander, als die erste, klägliche Sirene lostönte. „Wie, das war’s jetzt schon?!“ Großes Gelächter und die Sache war erledigt. Erstaunlich fand ich, wie sich in dieser ersten Praktikumswoche alles so fügte, dass wir in Ruhe arbeiten konnten. Kaum Besucher am ersten Tag, so dass ich den nötigen Input in Ruhe geben konnte. Am zweiten Tag rief eine Leserin an, sie hätte zu viel Kuchen gebacken, ob sie mir nicht ein Stück vorbei bringen könne? – „Gern auch zwei, denn ich habe einen hungrigen Praktikanten!“, antwortete ich. 😀 Der Kuchen reichte dann auch noch für meine ehrenamtliche Helferin, die spontan auf der Matte stand. Es kommt höchst selten vor, dass mich Leser so verwöhnen. Der Zeitpunkt diesmal hätte nicht besser sein können! Irgendwann musste ich den Praktikanten auch in die wichtigsten Funktionen meiner Bibliothekssoftware einarbeiten, denn am Montag der zweiten Woche würde ich einige Stunden abwesend sein und brauchte seine Vertretung. Genau zum richtigen Zeitpunkt war die Bibliothek voller Familien, die sich den ganzen Nachmittag die Klinke in die Hand gaben. Genug Gelegenheit zum Lernen und Einarbeiten!

Am letzten Wochentag hatte mein Praktikant einen Forschungstag an seiner Uni eingeschoben. Für mich ergab sich so die Gelegenheit, mit einer Kollegen der Stadtverwaltung, die gekündigt hatte, in Ruhe über die Gründe ihrer Kündigung und ihre Zukunftspläne zu reden. In unserer Stadtverwaltung kündigen die Kollegen immer noch im Zweijahrestakt am Fließband. Es war jetzt mal der Zeitpunkt, in Ruhe dort hineinzuspüren, um die Beweggründe zu verstehen. „Was müsste sich denn ändern, damit Sie Ihre Entscheidung überdenken?“ So etwas wäre eigentlich Sache der Leitung oder des Personalrats – aber naja …

Ich empfand diese Woche als leicht, locker, sonnig, voller guter Fügungen, voller neuer Erkenntnisse, beruflich wie privat.

Ein Kommentar zu “Ein Kind der neuen Zeit

  1. Hat dies auf Ein neuer Morgen Emmy.X & Elke rebloggt und kommentierte:
    „Alle Astrologen warnten vor dieser Woche, der Woche vom 7. 9. bis 13. 9. 2020. Portaltag, Beginn des rückläufigen Mars im Widder, der Warntag, dem alle möglichen geheimen Bedeutungen beigefügt wurden sowie der 9/11-Tag, ein aus astrologischer Sicht schwieriges Jubiläum.“

    Kein Wunder, liebe Susan, wo doch auch der …HEU… äh… HEIL-Tag in dieser Woche war! 😉

    Wie schön, deiner Beschreibung nach hier, war es ja in der Tat auch für dich und dein Umfeld eine GUTE und SEHR heilsame Woche! Das hört und fühlt sich echt gut an!

    Erinnere ich mich noch an unsere Praktikanten in der Apotheke, war es eher so, wie du es anfänglich beschrieben hast…

    Die eine Frage stand immer wieder im Raum…

    Hm… Wie bringe ich das nur unter einen Hut?

    Für uns als Mitarbeiter – eher eine zusätzliche Belastung in der sowieso schon „knirsch“ bemessenen Zeit, was wir mit viel zu wenig Personal zu bewältigen hatten…

    Wundervoll der Erfolg, den DU/IHR da erleben durftet und sicherlich ist euer Praktikant zufrieden mit seinen letzten Wochen nun auch wieder an seinem nächstem Platz angekommen…

    DANKE, liebe Susan für diesen wieder sehr schönen und praxisnahen Beitrag von dir! 🙏

    Ganz liebe Grüße in deinen Sonntag-Abend
    Elke

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