Eintauchen in die Vergangenheit

Eigentlich wollte ich so schnell nicht wieder einen Blogbeitrag schreiben. Eigentlich wollte ich auch an diesem Wochenende sowieso etwas ganz anderes tun. Aber es drängte mich dazu, alte Unterlagen zu sichten. Dabei fielen mir auch alte Fotos in die Hand. Fotos von Vereinsausflügen, von Auftritten meiner plattdeutschen Gruppe und Fotos von einer Führung in meiner ganz alten Lieblingsbibliothek. Hm. Da stehe ich, in meinem damaligen Lieblingsrock, ein altes Buch in der Hand, die schöne, historische Bibliothek erklärend. Mir zuhörend eine Freundin, die vor zwei Jahren im hohen Alter von 93 Jahren aus dieser Welt ging und ihre Freundin, die meine Klavierlehrerin war und schon lange nicht mehr lebt. Nach einigem Überlegen realisierte ich auch staunend, wer das Foto geschossen hatte. Ein ehemaliger Kollege meiner Freundin, der mich Jahre später in die Stadtgeschichte meines jetzigen Arbeitsortes eingeführt hatte und dessen Nachlass mein Stadtarchiv schließlich erbte. Oh Mann! Ja, klar. Da schließt sich der Kreis.

Es ist unglaublich, wie viele Kreise sich jetzt gerade schließen. Sowohl für mich als auch für andere. Meine Museums-Kollegin, deren Gesprächsbedarf sich nach meiner im letzten Blogbeitrag geäußerten Meinung scheinbar erledigt hatte, rief mich heute nochmals an und es ging noch tiefer, noch viel tiefer. Da löst sich bei ihr gerade Schicht um Schicht. Da kann ich nur weiter zuhören und ermutigen.

Auch meine Mutter hatte einen mentalen Ausflug in die Vergangenheit. Es meldete sich ein Freund ihres Bruders, der über Umwege ihre Kontaktdaten ermittelt hatte. Alte Fotos versetzten auch ihn tief in die Vergangenheit zurück. Während er in seiner Villa mit Blick auf die Alpen saß und Fotos anschaute, hatte er sich daran erinnert, dass die Mutter meiner Mutter – die Großmutter, die ich nie kannte – ihm und seinen Eltern das Leben gerettet hatte, indem sie, die Bäckerin, diese Familie mit „durchfütterte“. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ihre Mutter viele Menschen durchfütterte und sie damit vielleicht vor dem Hungertod bewahrte. Jedenfalls freute sich meine Mutter über diesen Anruf voller dankbarer Erinnerungen sehr. Da schloss sich für sie ein Kreis. Hatte sie doch gerade am Karfreitag über die schwere Zeit nach 1945 geredet. Gesprächsweise kamen die Beiden schließlich auf ihre Kinder und Enkel. Meine Mutter erzählte nun, dass ihre Tochter, also ich, einst in der Bibliothek des Gymnasiums gearbeitet hatte, in dem der Anrufer vor 70 Jahren die Schulbank drückte. Da stutzte der Anrufer. „Das ist deine Tochter??? Die kenne ich!!!“ Er wusste sofort meinen Namen und erzählte meiner Mutter von dem, was ich ihm einst erzählt hatte. Da staunte ich nun wieder. Dass er das noch weiß! Aber eigentlich verbinde ich mit ihm ein anderes, aber kurioses Erlebnis.  Es ist auch schon zwanzig Jahre her. Damals feierte er sein Goldenes Abitur und wollte seiner alten Schule ein besonderes Geschenk machen. Er hatte die Idee, ein Portrait des Namensgebers dieser Schule anfertigen zu lassen. Da gab es aber ein Problem: Vom Namensgeber, der 1939 starb, existierten logischerweise nur Schwarz-Weiß-Fotos. Deshalb wollte er von mir unbedingt die Augenfarbe dieses Mannes wissen. Das war in der Tat ein Problem. Ich wälzte Zeitzeugenberichte von Begegnungen mit diesem Mann. Eine Frau schrieb: „Warme braune Augen schauten mich fragend an.“ Ein ehemaliger Schüler schrieb aber von grünen Augen. Als ich wieder mal in dem Institut forschte, welches den Nachlass dieses Mannes verwaltet, schaute ich mir dort die Portraits an, die zu seinen Lebzeiten entstanden waren. Dort gingen die Augen eher ins grau-grüne. Und diese Erkenntnis floss dann auch in das neue Portrait ein, welches heute im Zimmer des Schulleiters hängt. Oh ja. Das waren schon interessante Zeiten! Da hat sich für mich dann heute auch ein Kreis geschlossen.

Meine Mutter schwelgte weiter in Erinnerungen, vermutlich angeregt vom Blick des Anrufers auf die Alpen. Da kam sie dann auf ihre Reise in die Alpen und nach Italien. Was mich dann auch wieder an Italien erinnerte. Und daran, wie ich fast auf den Tag genau 26 Jahren völlig spontan, innerhalb von zwei Tagen entschieden, als „Betreuung“ zweier Lateinklassen eben dieses Gymnasiums, an dem ich arbeitete, mit einem Reisebus nach Rom fuhr. Eine Horde Flöhe hüten in Rom, nach einer Busreise ohne Zwischenübernachtung. Das war eigentlich Wahnsinn, aber es war schön!!!

Tja. Wenn ich so zurückblicke und Erinnerungen wälze, dann staune ich schon, was ich so alles erlebte. Langweilig war mein Leben bisher wirklich nicht und wird es wohl auch nie sein. Für mich ist es so, dass alles, aber auch alles in meinem Leben einen Sinn hatte. Auch die Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging. Im Nachhinein machte alles irgendwie Sinn. Vielleicht ist es das, was ich meiner Kollegin vermitteln sollte, wenn sie weiter Schicht um Schicht löst. Alles im Leben hat seinen Sinn. Manchmal erschließt sich dieser aber erst viel später. Manchmal fügt man erst viel, viel später all diese Puzzleteilchen einzelner Erlebnisse zusammen. Was aber in jedem Fall wertvolle Erkenntnisse bringt.

Stürmische Tage

Meine letzten zehn Tage gestalteten sich so wie das Wetter – April-launig wechselhaft, stürmisch. Wobei Stürme ja nichts rein Negatives sind. Stürme können den Kopf freipusten, Stürme können Altes wegwehen und neue Herausforderungen bringen. Und zwischen den Stürmen scheint ja auch mal die Sonne.

Bis zu meinem Osterurlaub fühlte ich mich aber gestresst und ausgelaugt. Ein Hin und Her um personelle Entscheidungen im städtischen Museum hatte seine Auswirkungen. Zwar nicht unmittelbar betroffen, fing ich doch die chaotischen Stimmungen ab, war für mehrere Leute Kummerkastentante, sogar abends und am Wochenende. Das schlauchte und nahm kein Ende. Kurz vor Ostern war dann der „geht nicht mehr“-Punkt erreicht. Kurz entschlossen reichte ich für die zwei Arbeitstage nach Ostern Urlaub ein. Und schon beim Gedanken an die Auszeit ging es mir etwas besser. Als von der Kirche gegenüber der Bibliothek das Ostergeläut erklang, fühlte ich mich regelrecht beschwingt. Ich bin nicht christlich erzogen, aber seit diese Kirche neue Bronzeglocken hat, ist das ein so, sooo schöner Klang mit wunderbarem Nachhall, der sich anfühlt wie Klangschalenmassage. Der Nachhall dringt bei mir immer gefühlt in jede Pore und ich öffne immer die Fenster weit, um den vollen Klang zu erfahren.

Kurz nach dem Ostergeläut war es auch schon Zeit, die Sachen zu packen und meinen Arbeitsort zu verlassen. Der Karfreitag mit Familien-Karpfenessen gestaltete sich noch etwas mühsam. Meine Mutter hatte wieder ihre Erlebnisse von 1945 zum Thema gemacht. Sie ist immer noch bei der Bewältigung des Traumas, was sie als vierjähriges Kind erlebte. Es war wieder bedrückend. Das Wetter mit dem eisigen Wind passte zu diesem Tag. Der Sonnabend floss mit letzten Einkäufen so dahin. Aber auch an diesem Tag zog es mich runter. Die Museumskollegin, die seit sechs Wochen für Dauer-Stress sorgt, hatte einen Zeitungsartikel zu einer Sage veröffentlicht, der von Fehlern strotzte. Für mich als Hobby-Sagenforscherin war das mehr als antriggernd. Da hat sie es selbst im Urlaub, am Wochenende, zu Ostern mal wieder geschafft, dass ich mich zumindest ärgere. Ich setzte mich sofort hin, schrieb ihr eine Mail und benannte sachlich die Fehler. So ist meist mein Weg. Den Ärger sofort dort abladen, wo er herkommt. Dann ging es mir besser.

Der Ostersonntag wurde dann schön. Wir waren bei meiner Schwester und meinem Schwager eingeladen, die in einem kleinen Dorf in der Nähe der Ostsee leben. Dort gestaltete sich alles freudig entspannt. Auf einem weiten Spaziergang trafen wir lauter entspannte Nachbarn mit ihrem entspannten Besuch. Frieden und Freude lag in der Luft. In dieser Zeit werden nicht nur in unserer Familie die Begegnungen intensiver und man freut sich mehr aneinander und an sonst so selbstverständlichen Kleinigkeiten.  Abends gab es noch einen Videochat mit dem Rest der Familie.

Ich nahm diese Oster-Entspannung mit und sie vertiefte sich immer mehr. Ich kam immer mehr zur Ruhe und immer mehr zu mir selbst.

Am Dienstag und Mittwoch werkelte ich in meiner Wohnung, sortierte lange liegende Stapel mit Unterlagen zu meinen zahlreichen Projekten. Zwischendurch flogen nette Mails zwischen mir und einem Forscher-Kollegen hin und her. Wir beschäftigten uns mit einer Persönlichkeit, die in meinem Arbeitsort wirkte und ein Jubiläumsjahr hat. Ich brütete zu Hause über dienstlichen Archiv-Hausaufgaben. Vor kurzem wurde ich gebeten, im Juni einen virtuellen Vortrag zu halten. Das ist zwar noch eine Weile hin, aber jetzt habe ich gerade die Muße, mich in das Thema intensiv einzulesen. Aber auch sonst war ich klar und zentriert bei der Sache. Die Steuer-Unterlagen schon mal griffbereit auf einen Stapel gepackt und sortiert, die Vereins-Unterlagen auch, die Sagen-Unterlagen durchgeschaut, denn im Juni steht auch eine Sagen-Lesung an.

So richtig schön klar, zentriert, durchgelüftet und fokussiert begann der erste Arbeitstag nach dem Osterurlaub. Von der ersten Minute bis zur allerletzten Sekunde, bevor ich im Dauerlauf zum Bus rannte, waren Leser in der Bibliothek. Aber nicht nur die. Zwischendurch gab es immer mal nette Überraschungen. Es rief eine erleichterte Kollegin an, die ein klärendes Gespräch in der Chefetage hatte und sich glücklich fühlte. Na endlich, dann dürfte die Kummerkastentanten-Zeit vorbei sein. 🙂 Und nachmittags stand mein ehemaliger Lieblings-Praktikant https://spiritimalltag.wordpress.com/2020/09/12/ein-kind-der-neuen-zeit/ überraschend in der Tür. Er hatte sich genau mit dem Mann beschäftigt, der mich auch im Urlaub umtrieb. Das war schon eine Aufgabe im Praktikum. Mein Praktikant aber blieb auch lange nach dem Praktikum dran, was so weit ging, dass er mal eben Wikipedia-Einträge änderte. 🙂 Er brachte nun einen ganzen Hefter voller Ausarbeitungen mit und berichtete glücklich über den Fortgang seines Studiums und seine Pläne. Da war ich einfach happy. Es läuft bei ihm, er arbeitet zielstrebig, weiß nun genau, was er wann tun und erreichen möchte und hat aus seinem damaligen Praktikum bei mir das Thema für seine Bachelor-Arbeit mitgenommen. Besser kann es nicht laufen. 🙂 Und dann kam noch der nächste Hammer. Sein Praktikumsbericht war wohl so gut eingeschlagen, dass er mich nun im Auftrag seiner Dozentin fragte, ob ich meine Einrichtung nicht in eine virtuelle Vorlesung an der Uni vorstellen möchte. Da war ich dann erstmal mehr als baff. Und ich bin noch am Verdauen.

Am heutigen Tag war schon eine Überraschung geplant, diesmal für Doreen, meine ehrenamtliche Kollegin. Es gab eine (Wahlkampf)aktion, in der sich Bürger wünschen konnten, wer einen Blumenstrauß erhalten sollte. In diesem Fall hatte nicht ein Bürger, sondern die Landtagsabgeordnete, also die Initiatorin selbst meine Doreen auf die blumen-Schenk-Liste gesetzt. Also musste ich Doreen unter einem Vorwand an einem Archivtag in die Bibliothek locken, damit sie dort ihren Blumenstrauß erhält. Wir schafften es auch, sie abzulenken und sie zu beschäftigen, bis die Tür aufging, die Landtagsabgeordnete eine Rede hielt, der Bundestags-Kandidat ihr einen wirklich großen, hübschen Strauß überreichte und wir Fotoshooting machten. Doreen war wirklich perplex, aber sie strahlte sehr. 🙂 Ich konnte dann noch kurz die zwei Abgeordneten durch das ganze Haus führen und sie für das sensibilisieren, was uns Bibliothekare in dieser Zeit gerade beschäftigt.  Ich bin eigentlich nicht so für solche politischen Termine, aber das war wirklich nett. Eine nette Begegnung mit interessierten Leuten. 🙂 Sie haben an diesem Tag noch weitere Blumensträuße verschenkt. Und allein durch Doreens Lächeln fühlte ich mich auch reich beschenkt. 🙂

Was ist wahr und was nicht?

Es ist eine anstrengende Zeit, die mich auffordert, genau hinzuschauen. Viele Leute erzählen vieles. Aber was davon ist wahr? Oder besser gesagt, was davon erkenne ich als meine momentane Wahrheit an? Womit gehe ich konform und womit nicht? Da sind alle meine Sinne, all mein Bauchgefühl, all meine Intuition gefragt.

Momentan wird ja die Impf-Frage heiß diskutiert. Da stellt sich die Frage: Was ist für mich richtig? Ich kann nicht behaupten, absolute Impf-Gegnerin zu sein, aber ich bin auch nicht sehr impffreudig. Ich versuche, mein Immunsystem auf andere, vielfältige Weise zu stärken und kann stolz verkünden, dass ich seit meinem Studium noch nie eine Krankschreibung bei meinen jeweiligen Arbeitgebern abgeliefert habe. Klar gab es die jährlichen grippalen Infekte, aber mein Körper zog es vor, mich damit immer an Wochenenden und Feiertagen lahmzulegen. Auf diese Weise fiel mal Ostern, mal Pfingsten und mal Silvester ins Wasser bzw. ins Bett. Seit der Pandemie fielen sogar diese Infekte ersatzlos aus. Lediglich eine von Jahr zu Jahr immer leichter werdende Frühjahrs-Pollenallergie bringt meine Nase gelegentlich etwas zum Tropfen.

Meine laut DDR-Impfausweis letzte reguläre Impfung bekam ich mit ca. 16, wonach mir so schwindlig wurde, dass ich mich noch im Gesundheitsamt erstmal für eine Weile auf die Pritsche legen musste. Seitdem verdrängte ich den Gedanken an jegliche Impfungen total, bis es meiner Hausärztin (die ich nur aufsuchen musste, wenn ich eine Überweisung zum Augenarzt brauchte) auffiel, dass ich keinen I-Schutz habe. Da ließ ich mich dann mal überreden, eine 4-fach-Impfung über mich ergehen zu lassen, was ich auch sehr gut vertrug. Aber dieser I-Schutz müsste schon seit einem Jahr wieder erneuert werden … Für mich habe ich entschieden, das jetzt nicht erneuern zu lassen und auch sonst keine Impfung vornehmen zu lassen. Das ist meine momentane Wahrheit. Das heißt aber nicht, dass ich damit missionieren muss und dass diese Wahrheit unumstößlich ist. Es ist halt momentan so gut für mich.

Meine über 80jährigen Eltern haben eine andere Wahrheit. Sie gehen jährlich zur Grippeschutzimpfung und warteten sehnsüchtig auf ihre C-Impfung. Ich weiß, dass sie ihren eigenen Kopf haben – und den sollen sie auch behalten. Was ich tun konnte, war lediglich, sie immer breit und aktuell zu informieren, über alle Impfstoffe, alle Nebenwirkungen und so weiter. Ich bevorzugte dazu sachliche Infos ohne Panikmache. Meine Eltern blieben dabei. Sie warteten sehnsüchtig auf ihre Impfung, weil sie endlich wieder unter Menschen sein möchten und sehnsüchtig darauf warten, mal wieder ins Konzert gehen zu können, Gruppensport zu machen oder zu reisen, und sei es auch nur im eigenen Bundesland für einige Tage an die Ostsee.

Eines Tages unterhielten sich meine Eltern mit Nachbarn, die Q- oder genauer gesagt, teilweise Richtig-Denker sind. Die Nachbarin arbeitet in einem Pflegedienst. Da das I-Thema gerade Thema Nr. 1 ist, fragten meine Eltern: „Und sind Sie schon geimpft?“ Meine Eltern ernteten einen Sturm der Entrüstung und einen flammenden Missionier-Vortrag. Impfen sei tödlich, es sei alles ein gigantisches Experiment, Bill Gates verdiene sich dumm und dämlich – und so weiter. Die volle Bandbreite. Meine Eltern waren ganz entrüstet, als sie mir das erzählten.

Als meine Eltern die Einladung zum Impfen erhielten, hängten sie sich donnerstags sofort 50 Minuten lang in die telefonische Warteschleife und vereinbarten sofort einen Termin für den Montag darauf. Das einzige, was ich jetzt noch tun konnte, war, darauf zu bestehen, dass sie auf ein Arztgespräch nicht verzichten. Ansonsten konnte ich sie jetzt nur bestärken, denn wenn man sie in Angst und Schrecken versetzt, wirkt sich das negativ auf den ganzen Körper aus und führt vielleicht wirklich zu unerwünschten Nebenwirkungen. Sie haben sich nun mal für sich so entschieden, also trage ich die Entscheidung in allen Konsequenzen mit und unterstütze sie, so gut es geht. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich schon mindestens zehn 80+-Leute, die die Impfung gut vertragen haben und denen dadurch viele Ängste genommen wurden.

Die Impfung ging glatt, mit üblichen kleinen Nebenwirkungen, die schnell verflogen. Meine Eltern sind wesentlich entspannter in all ihren Kontakten, wobei sie schon die AHA-Regeln einhalten. So konnten wir gestern den 82. Geburtstag meines Vaters in fröhlicher Kernfamilie feiern.

Eine Woche nach ihrem Impftermin besuchte ich meine Eltern zu unserem üblichen Sonntag-Kaffeekränzchen. Zwei Stunden lang saßen wir in der kleinen Veranda fröhlich beisammen und ich freute mich sehr darüber, dass es meinen Eltern so gut geht. Abends zu Hause machte ich dann meine übliche Blog-Runde, flog virtuell mal kurz hierhin und mal dorthin. Immer auf der Suche nach erbaulichen Nachrichten, die der Seele gut tun. Ich beteilige mich zwar weniger als sonst aktiv selbst an Diskussionen, aber ich lese immer noch gern mal überall wenigstens quer. Bei diesem entspannten Rundflug traf mich die hammerharte Keule. Eine Bloggerin, die sich für so eine Art Mittelpunkt der spirituellen Szene hält, teilte ein Video, in dem ein Arzt seine persönliche Wahrheit kundtut. Man solle sich fern halten von frisch geimpften Personen, denn sie würden das Virus verbreiten und jeder Kontakt mit ihnen könne tödlich enden. Genau das Erbauliche, was ich nach einem zweistündigen Aufenthalt mit zwei frisch geimpften Personen in einer kleinen, gemütlichen Veranda gerade brauchte. Nachdem ich mein Bauchgefühl befragte, hatte ich dennoch eine ruhige Nacht. Später sah ich, dass der Beitrag durchaus nicht einhellig bejubelt wurde, und dass die Bloggerin sich genötigt sah, noch einmal einen nachdrücklichen Nachschlag zu liefern. Aber das ist ihre Wahrheit, und wenn sie der Meinung ist, diese so vehement zu verbreiten „ohne zu missionieren“, wie sie immer betont, dann soll es eben so sein. Muss mich aber nicht weiter tangieren.

Nachdem meine Eltern für sich selbst froh und glücklich sind, sehen sie das Thema dennoch differenziert. Ich bin sehr froh, in einer Familie zu leben, in der es nicht nur schwarz-weiß gibt, sondern in der man alles von allen Seiten beleuchten kann. Bei unserem wöchentlichen Familien-Videochat wurde uns die neue Freundin meines Neffens vorgestellt, eine angehende Ärztin. Und die verkündete fröhlich: „Ich wurde geimpft!“ Mir stockte der Atem und ich konnte nur noch die Frage rausbringen: „Biontech?“ – „Ja!“, war die fröhliche Antwort. Puh!!! Meine Eltern, die den selben Impfstoff intus haben, reagierten auch besorgt, denn schließlich will die junge Freu vielleicht noch Kinder kriegen. Einige Tage später hatte ich die Gelegenheit, zufällig mit meinem anderen Neffen darüber zu sprechen. Es war das erste Mal, dass wir beide das I-Thema berührten. „Ich hätte sie für intelligenter gehalten.“, so der trockene Kommentar. Er und seine Freundin wollen sich vorerst nicht impfen lassen. So muss jeder seine persönliche Wahrheit zu diesem Thema suchen und finden. Diese Wahrheit kann man keinem aufzwingen. Hier gilt der freie Wille und das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.   

Jugend voran!

Werde ich langsam alt? Ich habe das Gefühl, zu wenig zu schaffen, ich bin momentan, sobald ich zu Hause bin, so dauermüde, dass mir sogar in der Badewanne die Augen zufallen. Kurzum, ich bin so downgelockt und so runtergefahren, dass es nur schwer ist, Höchstleistungen zu vollbringen. Dauerstress war gestern, heute braucht mein Körper Ruhe und mein Geist auch. Frühjahrsmüdigkeit? Kosmische Energieflutungen? Einfach zu viel zu verarbeiten? Wer weiß. Genau weiß ich nur, dass ich nicht mehr in die selbe Tretmühle möchte, wie es speziell 2019 der Fall war. Ich möchte schon weiterhin alles geben, aber nur das geben, was ich wirklich zu geben habe. Ich möchte nicht mehr über meine Kräfte gehen. Nicht mehr tausend Sachen gleichzeitig machen.

Aber das muss ich ja auch nicht. In den letzten Tagen fiel mir auf, wie langsam die Jüngeren Verantwortung übernehmen. Da kann ich gern einen Schritt zurücktreten und sie auch machen lassen.

Es fing damit an, dass der Personalrat auf mich zu kam, wegen der Kollegin, die, bevor ihr Vertrag endet, noch mal ordentlich in alle Richtungen tritt. Es kam aber nicht der eigentliche Personalrat, der eigentlich noch nie aktiv war und von mir in dieser Zusammensetzung deshalb auch nie gewählt wurde. Nein, es kamen die jungen Nachrücker, die ganz engagiert und kompetent versuchten, Klarheit in eine verfahrene Situation zu bringen. Wow. So hilfreich kann ein Personalrat sein, wenn die richtigen Leute darin arbeiten! Ich gab ihnen alle Infos, die ich ihnen geben konnte, segnete sie in Gedanken, trat einen Schritt zurück und ließ sie machen.

Die selbe Kollegin, die jetzt als Nachrückerin im Personalrat agierte, hat kürzlich innerhalb der Stadtverwaltung einen wichtigen Posten übernommen und hängt sich da voll rein, mit dem Ergebnis, dass alte, festgefahrene Strukturen sich lösen. Davon profitiert auch die technische Ausstattung der Bibliothek. Auch hier brauche ich nur die nötigen Infos zu geben, einen Schritt zurückzutreten, sie segnen und machen lassen. Komischerweise hatte ich schon vor ungefähr fünf Jahren eine Vorahnung, als ich diese Kollegin zum ersten Mal sah. Zum ersten Mal sah ich sie nicht in der Stadtverwaltung, sondern in der Bibliothek, als sie sich als neue Leserin anmeldete. So nebenbei ließ sie fallen, dass sie ja nun eine höhere Beamtenlaufbahn in der Stadtverwaltung begonnen habe und dass es ihr sehr gefalle. Ich hieß sie im Team willkommen und sagte ganz intuitiv in etwa: „Da haben Sie gute Chancen, dauerhaft übernommen zu werden, denn Nachwuchs wird dort immer gesucht, z. B. geht Frau H. in einigen Jahren in Rente.“ Und genau diesen Posten der Frau H. hat sie jetzt übernommen.

Ich weiß nicht, ob ich besonders sentimental bin. Aber ich werde immer ganz gerührt, wenn ich sehe, wie junge Leute, die ich lange kenne, so ihren beruflichen Weg freudig gehen. Gestern gab es wieder so ein Beilspiel. Da hatte sich eine Firma angekündigt, die die Ausschreibung der Technik in der Bibliothek begleitet. Und da stand dann ein junger Mann in der Tür, der fragte: „Kennen Sie mich noch? Und übrigens soll ich Sie herzlich von meiner Mutti grüßen!“ Ja, mit der Mutti war ich mal in einem Literaturkreis, und der junge Mann war als Kind mal Leser in der Schülerbibliothek, in der ich vor fast zwanzig Jahren gearbeitet hatte. Und nun wirbelte er als IT-Spezialist in der Bibliothek umher und prüfte routiniert Leitungen, Router, Anschlüsse und Technik. Wow. Ich beobachtete das fasziniert, gab hier auch nur einige Infos und ließ ihn und seinen Kollegen machen.

Es ist so, so schön, wenn junge Leute heranwachsen, einen Beruf erlernen und sich kompetent einbringen! Gern denke ich bei diesem Thema auch an meinen Praktikanten vom letzten Herbst zurück. Auch er war als Schüler Leser in der Bibliothek, allerdings schon in meiner jetzigen. Mit ihm zusammenzuarbeiten machte riesigen Spaß!

Heute gab es wieder eine Begegnung mit einem jungen Mann, den ich heranwachsen sah. Der Patensohn meiner Freundin meldete sich bei mir, um mit mir gemeinsam etwas zu besprechen, was schon seit zwei Jahren, seit dem Tod meiner Freundin, hätte geschehen sollen. Eigentlich lag dies in der Verantwortung der Mutti des Patensohnes, so wollte es meine Freundin, aber da rührte sich nichts. Und nun übernimmt die nächste Generation das Problem, um es zu lösen und um für sich daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Endlich!!! Meine Freundin Helga würde sich freuen!

Meine Mutter war jahrzehntelang Lehrerin. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, wird sie oft von ehemaligen Schülern gegrüßt. Ihre ehemaligen Schüler sind nun ihre Ärzte, Einzelhändler, Gastronomen, Musiker oder selbst Lehrer und noch vieles mehr. Meine Mutter zitiert immer gern den Spruch ihres ehemaligen Schulleiters: „Seid nett zu euren Schülern, denn sie werden später einmal eure Ärzte sein!“ Ja, man sollte jeder Generation Achtung entgegen bringen. Und die Jugend sollte man nicht ständig bevormunden, nur weil man älter ist und meint, deshalb das Recht dazu zu haben. Man sollte beobachten, sich weise zurücknehmen, Stärken erkennen und diese behutsam fördern. Und einfach mal machen lassen! Es gibt Kollegen, die extra junge Menschen eingestellt haben, um sie zu „Formen“. Ja, sind wir denn Gott, dass wir Menschen nach unserem Bilde formen? Lasst sie doch einfach sie selbst sein und ihren eigenen Weg gehen! Nur dann lösen sich alte Strukturen und es entsteht Neues.

Kampfamazonen im Einsatz

So aggressiv, wie diese Überschrift sich liest, gestaltete sich die Stimmung in meiner letzten Arbeitswoche. Überall brodelte und kämpfte es um mich herum. Fassaden zerfielen oder es wurden neue, schon gleich am Anfang bröckelnde Fassaden präsentiert. Wahnsinn, was da gerade alles abgeht. Vor allem war es der Sumpf aus der letzten Geschichte, der mich weiter zwar nicht aktiv beschäftigte, aber indirekt waberte da noch sehr viel Informationen zu mir. Informationen über Geschehnisse, die, wenn sie nicht so hanebüchen wären, schon wieder für Heiterkeit sorgen könnten. Verrückte Zeiten sind das.

Ich will da auch nicht weiter detailliert drauf eingehen, es muss sich auch bei mir noch alles setzten. Nur so viel: Die Gleichstellungsbeauftragte, gleichzeitig ehemalige Bürgermeister-Kandidatin, trat erstmals seit der Wahl im Herbst letzten Jahres wieder in Aktion und betätigte sich als Kampfamazone, allerdings ging ihr Aktionismus genau in die falsche Richtung.

Zum Glück war ich nicht direkt involviert, aber die Folgen des Kampfamazonen-Einsatzes könnten auch (negative) Folgen für meinen Arbeitsalltag haben. Aber damit werde ich mich dann auseinandersetzen, wenn bzw. falls es soweit kommen sollte. Natürlich beschäftigt einen so ein Wirrwarr in der unmittelbaren Umgebung auch sehr. Zum Glück hatte ich gerade in dieser Woche einige Termine mit einigen langen Wegen im Sonnenschein, die ich noch mit Umwegen in die Länge zog. Die Bewegung tat mir gut und brachte das innere Gleichgewicht zurück. Nur die Nächte gestalteten sich unruhig, aber da musste ich durch. Mit Musik übersteht man alles.

Am Freitag hatte ich, weil es gerade so in der Wochenstimmungs-Luft lag, eine direkte Begegnung mit einer Kampfamazone. Die „Objektverantwortliche“ unserer Reinigungsfirma für unseres und noch 59 weitere „Objekte“ hatte gewechselt. Nur erfuhren wir davon gerüchteweise durch unsere Reinigungskräfte. Die Neuigkeit wurde mir schon mit den Worten serviert: „Die hat Haare auf den Zähnen!!!“ Bei einem solchen Wechsel der Verantwortlichkeiten ist es üblich, dass ich offiziell informiert werde und dass sich die neue Ansprechpartnerin vorstellt. Ich war ja nun seit zwei Monaten gespannt auf die Dame mit den behaarten Zähnen, aber nichts passierte. Als ich nun die jährliche Frühjahrs-Grundreinigung organisieren wollte, brauchte ich dafür einen offiziellen Ansprechpartner. Ich fragte mich also innerhalb der Reinigungsfirma bis zu der Dame mit den behaarten Zähnen durch, und wir einigten uns auf einen Termin am Freitag. Vorher hatte ich die Intuition, meine Kollegin vom  Museum dazu zu holen, die erstmal aus allen Wolken fiel, als sie hörte, dass wir eine neue Ansprechpartnerin hatten. Ich informierte auch unsere Reinigungskräfte darüber, dass die Vorarbeiterin am Freitag im Hause sein würde und sie sich deswegen bemühen sollten, das Haus besonders gründlich zu reinigen. Denn da gibt es, nebenbei bemerkt, immer mal Probleme, es hat auch gerade eine der beiden Reinigungskräfte gewechselt, die Neue ist noch etwas schüchtern und in der Einarbeitung und man muss sie ja nicht ins offene Messer laufen lassen.

Also alle Vorkehrungen waren getroffen, als die Kampfamazone in Begleitung ihrer Kollegin erschien. Es war eine wirkliche Kampfamazone. Ich werfe sonst nicht mit solchen Begriffen um mich, aber als ich die Frau sah und erlebte, war dieses Wort sofort in mir. Klein, gedrungen, die Haare streng zu einem Knoten nach hinten gebunden, schwarze Maske und lautes Organ, verbunden mit einem penetranten Befehlston. Meine Museums-Kollegin und ich zuckten ganz schön zusammen. Als erstes wurden wir „ausgemistet“, weil ich es gewagt hatte, meine Museums-Kollegin überhaupt dazu zu holen. Dann wurde ich ausgemistet, weil ich es gewagt hatte, gemeinsam mit meiner Reinigungskraft vorsichtige Terminplanungen für die Grundreinigung zu starten. Sie bombardierte uns mit Anweisungen im Befehlston, von denen fast jeder Satz im Sinne von „Hier regiere ich!!!“ unmissverständlich zu verstehen war. „Alles läuft hier über mich und die Frau … (die neben ihr stand) hat auch keine Absprachen zu treffen!!!“ Ich musste mich schon sehr bemühen, „cool“ und sachlich bestimmt zu bleiben.  Denn schließlich sind wir die Auftraggeber, also die Chefs, wenn man so will. Ganz ehrlich, ich habe schon unendlich viele Menschen kennengelernt, aber so eine Kampfamazone noch nicht. Die beiden Vorgänger in ihrem Amt, die ich innerhalb von drei Jahren erlebte, waren da weitaus entspannter, haben aber, wie man an der Zeitspanne merkt, immer relativ schnell den Job gewechselt. Für 60 Objekte, also Reinigungsstellen, verantwortlich zu sein, scheint nicht gerade ein prickelnder Job zu sein.

Als die Kampfamazone merkte, dass ich mich nicht einschüchtern ließ, versuchte sie es bei der Museums-Kollegin, die auch die Frühjahrs-Grundreinigung für das Museum organisieren wollte. „Vor April gibt es generell keine Grundreinigung, denn da sind Luft und Boden noch zu feucht und es können noch Wintereinbrüche kommen.“ – „Ja aber, wir wollen ja im April wieder öffnen! Wie soll das denn gehen?“ Dieses Problem konnten die beiden nicht klären, wie auch ich meinen Grundreinigungs-Wunschtermin nicht klären konnte. Absolute Fehlanzeige und absolutes Beißen auf Kampfamazonen-Granit. Insofern war dieser Mentalkräfte zehrende Termin eigentlich sinnlos.

Was wir aber schafften, war, dass die Kampfamazone nach einiger Zeit zu einem normalen Tonfall fand. Na immerhin. Die Museums-Kollegin hat mit ihr noch einen Termin im Museum – und jetzt ist sie ja gewarnt und kann sich vorbereiten.

Die Kontroll-Runde durch „mein Haus“ war wohl in einigen Dingen nicht zufriedenstellend, was eigentlich vorauszusehen war. „Das werde ich heute gleich auf der Dienstberatung mit Frau L. und Frau B. auswerten!“ Angesichts dieser Androhung sagte ich gleich: „Frau L. wird wohl nicht anwesend sein, denn sie hat Urlaub.“ – „Ob Urlaub oder nicht ist egal, zu einer Dienstberatung haben alle zu erscheinen!“ – „Aber Frau L. hat heute Geburtstag!“ Große Verwunderung bei allen Beteiligten und dann doch etwas menschliche Regung zum Schluss.

Es ist kein Wunder, dass dieser Firma die Reinigungskräfte ausgehen. Im letzten Jahr wurde dort reihenweise gekündigt. Wer möchte denn auch mit einem ganz engen Zeitfenster große „Objekte“ reinigen, dafür nur mit dem Mindestlohn leben müssen und noch dazu mit so einer Kampfamazone als Vorgesetzte? Früher waren die Reinigungskräfte alle bei der Stadt selbst angestellt, dann wurden sie zwecks Kosteneinsparung ausgelagert. Wie auch die Hausmeister. Bei den Hausmeistern hat man aber relativ schnell gemerkt, dass es so nicht funktioniert, und sie wieder direkt bei der Stadt angestellt. Man hat gemerkt, dass direkte Kommunikation und direkte Einflussnahme immer besser ist, als es über Dritte zu verhandeln.

Meine beiden Reinigungskräfte bevorzugen seit dem letzten Lockdown auch die direkte Kommunikation. Vorher sind sie mir aus dem Weg gegangen und haben sich auch wirklich nicht sehr bemüht. Die Kommunikation lief über ein „Servicebuch“ oder die Vorgänger der Kampfamazone. Im Lockdown hatten wir alle andere Arbeitszeiten, was dazu führte, dass ich die beiden Frauen endlich mal live sah. So in direkter Kommunikation konnte ich ein gutes Verhältnis zu ihnen aufbauen, war vor allem dem empfindlichen Fußboden in der Bibliothek sehr zuträglich war. Eine der beiden Frauen hatte jedoch kürzlich gekündigt und ist in ein Hotel gegangen, in dem sie besser bezahlt wird. Schade! Die Nachfolgerin arbeitet sich nach langer Arbeitslosigkeit gerade ein. Da ist gerade viel Fingerspitzengefühl und Diplomatie nötig, mit Druck geht da garnichts! Kommunikation und Einfühlungsvermögen sind da wichtiger denn je. Alle Kampfamazonen dieser Welt haben ausgedient!!!

Waten im Sumpf

Es fing vor vier Tagen an. Man hinterbrachte mir, dass meine berufliche Lieblings-Sparringpartnerin gegangen wurde und sich demnächst aus der Arena meiner Erfahrungen verabschieden wird.

Zunächst staunte ich ungläubig, denn das hätte ich wirklich nie für möglich gehalten. Denn diese Kollegin war jahrzehntelang der absolute Kleinstadt-Star am Museumshimmel gewesen. Sie konnte die abstrusesten Dinge verwirklichen – alles wurde ihr abgenommen und beifällig beklatscht, auch wenn es nur bei Wikipedia gegoogelt war. Sie war so mächtig, dass sie mit ihrem Einfluss fachlich und menschlich sehr gute Kollegen wegbiss oder sich mit deren Ideen erfolgreich selbst präsentierte. Ich empfand sie immer als einen Energie-Vampir, so wie von dunklen Mächten ferngesteuert. Einerseits liebreizender blonder Engel, andererseits schwarze Magierin. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit war felsenfest glorifiziert. Und nun wird ihr nach Jahrzehnten Honorartätigkeit mühsam erschlichener fester Vertrag nicht verlängert??? Wow. Was für ein Wandel!!! Da konnte ich wirklich nur staunen und – was sonst wirklich sehr selten passiert – mir abends in stiller Freude ein Gläschen Sekt genehmigen. 🙂 Möge sie in Frieden gehen. Ich segne sie und bin dankbar für die Lebens-Erfahrungen, die mir durch sie zuteilwurden.

Aber sie ging nicht in Frieden, was eigentlich vorauszusehen war. So einen lukrativen, machtvollen Posten mit automatischem Glorienschein inklusive gibt man nicht einfach kampflos her, auch wenn man beim Chef in Ungnade gefallen ist. Als ich gerade meine Post in der Stadtverwaltung erledigte, wurde ich in ein Büro gerufen und mir wurde ein Brief vorgelegt, der es in sich hatte. Die noch andauernde stille Freude wich beim Lesen einem zähen Sumpf, der mich zu verschlingen drohte. Die gegangen wordene Kollegin präsentierte sich als Opfer eines einzigen Mannes, der ihrer Aussage nach seit Jahrzehnten ihre ach so glorreiche, in diesem Brief selbst vielfach gelobte Arbeit sabotiere. Der derart Angeklagte selbst hatte mir diesen Brief zu lesen gegeben, den sie, das selbst ernannte Opfer, an alle Stadtvertreter gerichtet hatte. Der arme Angeklagte hatte da schon eine schlaflose Nacht hinter sich, was ich gut nachvollziehen konnte, denn ich war ja auch schon mehrfach durch diese Person angeklagt worden, was ihr jedes Mal geglaubt wurde.

Ich tröstete den Angeklagten so gut es ging und versprach auch, mit einer befreundeten Stadtvertreterin zu reden. Während des Gesprächs erinnerte der Angeklagte mich an zahlreiche Mails, in denen ich von dieser Person angegriffen wurde. Da staunte ich wieder. Ja, stimmt, so war es. Und daran erinnert er sich noch??? Ich hatte das schon längst zu den Akten gelegt. Erst anderthalb Stunden später verließ ich die Stadtverwaltung und fühlte mich abgeschlagen und schwer wie Blei, so als ob ich wirklich einen großen Sumpf durchwatet hätte. Meine stille Freude war weg, statt dessen Müdigkeit, Mitleid mit dem Angeklagten, der es wirklich nicht verdient hat, und Hineinspüren in das Um-sich-schlagen einer verzweifelten Frau, die alle ihre Macht, ihren Einfluss und ihre gesicherte Einnahme zerrinnen sieht und mit der die fast-Vollmond-Energien komplett durchgegangen sind.

Nachmittags hatte ich einige Bibliotheksbesucher, die mich etwas wieder zu mir kommen ließen. Aber zwischen den Besuchen war ich mit Richtigstellung von Fakten im Sinne des Angeklagten beschäftigt und sank immer wieder tief in den Sumpf hinab. Abends fühlte ich mich so, als hätte ich nochmals einen ganzen Bibliotheksumzug bewältigt. Ich konnte nur schwer abschalten. Erst als mir telefonisch ein frischer Wind von meiner Freundin in das Ohr wehte, war ich langsam wieder in meiner alten Form.

Auch ich habe mich gewandelt. Vor zehn Jahren wäre ich noch vor lauter Schadenfreude an die Decke gegangen. Und heute? Na gut, vielleicht ein bisschen Schadenfreude kann ich nicht leugnen und sie sei mir gegönnt, aber es überwiegt nun wieder die stille Freude darüber, dass es sich wandelt und dass Gerechtigkeit sich entfaltet. Und dass die Kolleginnen vom Museum und ich unsere Energie künftig nicht mehr an diese Frau verlieren, dass wir nicht mehr Opfer von Ideenklau, chaotischem Handeln und cholerischen Wutausbrüchen werden, dass im Museum ein friedliches Miteinander ohne Ellenbogen und böses Getratsche möglich wird und dass die seit Jahrhunderten dunkle Energie dort, in der alten Ritterburg, sich endlich klärt. Gelitten wurde genug, jetzt zieht die Freude dauerhaft ein. So ist es.

Drei Tage

„Drei tolle Tage“ wären es ja, wenn nicht der Lockdown wäre. Aber interessant waren die drei letzten Arbeitstage in der Bibliothek in ihrer so unterschiedlichen Tagesenergie schon.

Der Montag war wettermäßig ein Wintermärchen mit traumhaftem Sonnenschein und immer noch gefühlt klirrender Kälte. Wie schon an den Arbeitstagen zuvor staunte ich über die Spuren auf dem Hof, die Aufschluss über nächtlichen tierischen Besuch gaben. Mehrere Vögel, darunter ein sehr großer, vielleicht eine Möwe oder eine Ente, waren bis zum oberen Hof gekommen, sogar eine Katze war die Treppen zum oberen Hof hochgestiefelt, ebenso ein Tier, dessen Spuren ich nicht deuten konnte. Ich schoss einige Fotos, damit die nächste Kita-Lesung zum Thema „Tiere im Winter“ noch anschaulicher wird. Ich hatte ja vor einigen Jahren mal eine Geschichte rund um Tierspuren im Schnee geschrieben, die Kita fordert sich das Vorlesen dieser Geschichte in jedem Winter wieder ein und der Kindergärtner fragt mich jedes Mal, ob ich denn nun endlich die Geschichte als Buch herausbringe. Vielleicht irgendwann mal … 🙂 Trotz des Winterwetters fanden einige Leser den Weg in die Bibliothek, darunter auch Ferien-Kids und eine Lehrerin, die ebenfalls Winterferien genoss. Immer wieder spüre ich die Dankbarkeit der Leser dafür, dass die Bibliothek auch während des Lockdowns für sie da ist – und das tut gut.

Während es im Bibliotheksbetrieb flutschte, lief bei meiner „Nebenbei-Finanzverwaltung“ so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte. Was daran lag, dass ich einfach unkonzentriert war. Irgendwie nur halb da. Wo die andere Hälfte von mir gerade war, weiß ich nicht. Ich wurschtelte mich so durch, und bis ich meine eigenen Fehler erkannte und wusste, wie ich es anders machen muss mit dem Hin- und Herbuchen von einer Gutschrift, geteilt durch drei „Produkte“, war es fast Feierabend. Ich bin ja auch keine Finanzbuchhalterin, sondern studierte Bibliothekarin.

Zwischen Leserbetrieb und Finanz-Gewurschtel kam auch noch ein Anruf, der mich umhaute. Ich wurde aufgefordert, meine Statistik zu fälschen. Alle deutschen Bibliotheken geben ihre Jahreswerte in eine gemeinsame Plattform, die Deutsche Bibliotheksstatistik. Hier werden auch die Entleihungszahlen inklusive Verlängerungen angegeben. Aus politischen Gründen, nämlich um den Mangel darzustellen, wurde ich nun angewiesen, alle automatischen Verlängerungen von Medien während des Lockdownbs aus der Statistik rauszunehmen. Herauskommen sollte dabei in jedem Falle eine niedrigere Zahl der Entleihungen als im Vorjahr 2019. Mir sträubte sich angesichts dieser hanebüchenen Anweisung alles. Wenn seit 1999 bundesweit einheitlich alle Entleihungen mit den Verlängerungen der Leihfristen inklusive angegeben werden, dann macht es keinen Sinn, die Zahlen während des Lockdowns ohne Verlängerungen anzugeben, denn die Bücher waren ja bei den Lesern und wurden dort bestimmt auch während des Lockdowns genutzt. Abgesehen davon habe ich mit einigen Lesern, die auf den Dörfern wohnen und selten rankommen, sowieso die Vereinbarung, dass ich automatisch die Medien verlängere, wenn die Leihfrist abgelaufen ist. Ächz. Zu dem Frust durch das Finanzgewurschtel kam jetzt noch der Frust durch die gefälschte Statistik hinzu. Aber der Witz kommt ja noch: Als ich alle Verlängerungen aus dem ersten Lockdown abzog (im zweiten Lockdown 2020 hate ich ja sowieso schon Weihnachtsurlaub und verlängerte nicht), blieb immer noch ein leichtes Plus an Entleihungen – eben deshalb, weil die Leser nach dem Lockdown die Bibliothek so stürmten wie sonst noch nie zuvor. Da geht irgendwie die politische Milchmädchenrechnung des Bibliotheksvereins oder der Bibliotheksfachstellen oder von wem auch immer irgendwie überhaupt nicht auf. Ätsch!!! 😀

Von all dem Wirrwarr war ich dann so verwirrt, dass ich mittags beim Abtauen des Kühlschranks und dem damit verbundenen Abwasch versehentlich einen noch laufenden Wasserhahn in die falsche Richtung drehte, dabei kurz abgelenkt war und ihn laufen ließ – und mich wunderte, als plötzlich die halbe Personalküche unter Wasser stand. Was war das denn für ein Zeichen? „Wasch dir den Frust ab!“ oder „Diese Gegebenheiten sollten bereinigt werden!“ oder sowas in der Art? Abends im Bus auf dem Nachhauseweg konnte ich dann doch über mich selbst lachen, und über diesen ganzen verwirrenden Tag. 🙂

Am Dienstag sollte eigentlich Eisregen kommen und die ganze weiße Pracht sollte so nach und nach wegtauen. Aber statt dessen kämpfte ich mich auf dem morgendlichen Weg zum Bus durch Massen von Neuschnee und erlebte noch einmal eine Busfahrt durch zauberhaft verschneite Landschaften. Herrlich!!! Es war so richtig klebriger Schneemann-Schnee, und so sah ich an meinem Arbeitsort auch einige dieser lustigen Schneegesellen stehen, einzeln und in Schneefamilie. 🙂 Vormittags half mir Doreen in der Bibliothek, und ich nutzte die Gelegenheit, mal kurz was im Archiv zu suchen. Als ich wieder in die Bibliothek kam, fand ich Doreen strahlend vor, vor sich eine Tüte selbst gemachter gebrannter Mandeln – ein Geschenk von ziemlich neuen Lesern, die sich über unseren Service so freuten. Ich war ganz geplättet vor Freude, während Doreen ganz freudig mit der Leserfamilie über die Herstellung von gebrannten Mandeln fachsimpelte. Doreen hatte selbst einige Versuche schon gemacht, gemeinsam mit der Tochter ihres Freundes, aber sie hatten das optimale Rezept noch nicht gefunden. Die hier uns geschenkten Mandeln waren mit Rohrzucker, Butter und ohne Wasser in der Pfanne geschwenkt worden. Sie schmeckten absolut köstlich, das fanden wir beide. „Eigentlich ungesund!“, sagte ich und meinte den Zucker. „Nein, das meiste ist gesund!“, sagte Doreen und meinte die Mandeln. Ein schönes, kleines Überraschungsgeschenk zu erhalten ist aber auf jeden Fall Balsam für die Seele und somit sehr gesund. 🙂 Insofern war dieser Tag Gesundheit pur, denn nachmittags erhielt ich ein zweites Überraschungsgeschenk. Eine Leserin schenkte mir einen kleinen Karton „eigentlich ungesunder“ Pralinen, zufälligerweise auch noch eine meiner Lieblingssorten, was sie nicht wissen konnte. „Ich wollte mich einfach mal dafür bedanken, dass Sie immer, auch jetzt, für uns da sind und dass Sie so eine tolle Auswahl haben!“ 🙂 Also da war ich echt sowas von baff!!! Diese Leserin kenne ich schon seit Jahren. Sie liest keine Allerwelts-Bücher und ich bemühe mich immer sehr, ihr etwas Besonderes zu empfehlen. Da ihr Geschmack (und wohl auch ihre Ansichten) meinem ähneln, fällt mir die Empfehlung bei ihr immer leicht. Aber diesmal habe ich dann wohl mit „Der Salzpfad“ von Raynor Winn und „Wut ist ein Geschenk“ von Arun Gandhi (Erinnerungen an seinen Großvater Mahatma Gandhi) besonders ihren Lesegeschmack getroffen. Was wieder mal zeigt, dass im Lockdown gute Bücher so sehr wichtig sind. Sie sind eben Seelennahrung!!!

Trotz der Neuschnee-Massen war an diesem Tag doch mehr Betrieb als sonst. Wobei die Kinder schon auch mit ihren Schlitten durch die Stadt zogen oder Schneemänner bauten. Eine Omi, die eigentlich mit Enkelin kommen wollte, entschuldigte sich: „Heute bin ich allein, denn das Kind wollte noch einmal auf das Eis!“ – „Na klar, das ist der letzte Wintertag, noch dazu ein geschenkter, weil es eigentlich heute schon tauen sollte. Das muss man noch nutzen!“ Was gibt es schöneres, als auf dem Eis des kleinen Stadtsees Schlittschuh zu laufen! Gemeinsam mit der Omi suchte ichschöne Bücher für die Enkelin raus, damit sie am Abend des vielleicht letzten Wintertages gemütlich beim Vorlesen mit der Omi kuscheln kann.  🙂

Über Nacht hatte es tatsächlich geregnet, also fuhr ich heute durch eine grün-braun-weiß-gescheckte Landschaft zur Arbeit. Einerseits freute ich mich darüber, wieder die dünnere Winterjacke anziehen und Mütze und Handschuhe weglassen zu können. Denn dieses Gewurschtel mit Mütze, Maske und Brille beim Einsteigen in den Bus ist jedes Mal ein Graus, ganz ehrlich! Andererseits fing ich schon an, dem schönen, klaren, sonnigen, kurzen Winter hinterherzutrauern.  Vom Bus zur Bibliothek watete ich teilweise durch weißbraune, matschige Pampe. Diesmal hatte ich einen Arbeitstag im Archiv. Dort gab es eigentlich so viel zu tun, aber ich fasste hier mal was an, räumte dort mal etwas um und hatte nicht die Motivation für das ganz große, eigentlich geplante Umräumen. Ich war, wie zwei Tage zuvor, wieder nur gefühlt „halb anwesend“. Zwischendurch las ich noch eine Mail vom Bürgermeister. Dieser freute sich darüber, dass die 7-Tage-Inzidienz in unserem Amtsbereich nunmehr den zweiten Tag in Folge bei 0 liegt. „Dies ist ein Anlass, Ihnen dies mitzuteilen!“  Toller Ausdruck. Dass in meinem Arbeitsort einer der größten deutschen Übersetzer aufwuchs, hat wohl nicht gerade bis in die Gegenwart abgefärbt. Der Bürgermeister gab aber zu verstehen, dass alle Einschränkungen aufrechterhalten werden und bitte keiner der „Mitarbeitenden“ – wörtlich – „in Aktionismus verfallen“ sollte. 🙂 Was oder wen immer er auch damit meint. Mittags war noch eine terminlich vereinbarte Telefonkonferenz mit dem Geldgeber eines Veranstaltungsprojektes für die Bibliothek. Der Mann am anderen Ende der Leitung wirkte beinahe schläfrig und ebenso nur halb anwesend wie ich. Ach, das ist doch beruhigend, dass es nicht nur mir so geht! 🙂 Nach diesem Telefonat entdeckte ich noch eine Mail eines Stadtvertreters, der mir ein großes Zukunfts-Entwicklungs-Konzept einer großen benachbarten Bibliothek mit 70.000 Medien und 17 Mitarbeitern zur Kenntnis gab. Einfach mal so als Anregung und nette Geste. Nach Feierabend habe ich darin dann mehr als quergelesen, teils geschmunzelt (über eine geplante „neue Zweigstelle“, die es zu DDR-Zeiten schon mal gab) und teils sehnsüchtig geseufzt (über den Anspruch, die Bibliothek als Treffpunkt und Kommunikationsort, gerade für Kinder, so ansprechend und gemütlich wie möglich einzurichten). Ja, ich gebe es zu, ich bin noch immer nicht hinweg über die mir aufgezwungenen schwarzen Bibliotheksregale und nicht vorhandene, gemütliche „Lümmelsessel“ im Kinderbuchraum! Meine ganz persönliche Bibliotheksentwicklungskonzeption sieht es vor, dies langfristig auf jeden Fall zu ändern!!! Und da ich bisher alles durchsetzen konnte, was ich für die Bibliothek erreichen wollte, werde ich auch dies noch eines Tages in die Tat umsetzen. Irgendwann bin ich ja hoffentlich auch nicht mehr nur „halb anwesend“, sondern „ganz da“! 🙂   

Mit Intuition und ohne Führer*in

Das Internet ist ein Segen für die Menschheit, aber man kann sich auch darin verlieren. Man kann Irrwege einschlagen, man kann sich vom hundertsten auf den tausendsten Beitrag „schieben“ lassen, man entdeckt Beiträge neu, die man irgendwo anders schon mal las und man sieht sehr oft Beiträge, die man rein intuitiv nicht lesen möchte.  Durch das Internet zu navigieren, um die Infos „zu sich kommen zu lassen“, die man gerade braucht, ist ein ständiger, sehr interessanter und inspirierender Lernprozess. Jeder kann lernen, sicher zu navigieren und jeder hat dabei die einmalige Chance, seine eigene Intuition zu schulen. Das funktioniert im Internet genauso wie im richtigen Leben – man muss sich nur auf diesen Prozess einlassen.

Nun gibt es aber Blogger*innen, die sich berufen fühlen, die User sicher durch das Internet geleiten zu wollen. Es ehrt diese Menschen, dass sie den Usern helfen wollen, durch den Informations-Dschungel zu finden. Ab und an ist so ein gut gemeinter Hinweis hilfreich, auch für mich. So ein „schaut mal dort“ unter Freunden und Bekannten kann wirklich eine Bereicherung sein und ein Anstoß dazu, die gewohnten virtuellen Trampelpfade zu verlassen.

Wenn man aber von einer dieser selbst berufenen „Führer*innen“ zu viel „schaut mal dort, diese Seite ist guhut!“ liest und noch viel mehr „Achtung! Dieser Blog ist schlehecht!“ , dann sollte man auf höchste Alarmstufe schalten. Man sollte sich fragen: „Ist es für mich jetzt und auf die Dauer gut, so an die Hand genommen und geleitet zu werden? Dient dies meinem Lernprozess? Kann ich so wachsen? Nützt es mir oder nützt es eher dem Ego der sich hier präsentierenden Führer*in? Was ist das überhaupt für ein/eine Führer*in? Wie ist sein/ihr Hintergrund? Was schreibt sie oder schreibt er außerdem noch so? Geschichten aus dem eigenen Erleben oder eher abgehobenes Zeug? Gibt es eine angenehme Vielfalt in dessen / deren Beiträgen oder wird immer die selbe Leier abgespult?“ Dies wäre es wert, einfach ohne Wertung mal beobachtet zu werden.

Ich gebe zu, es ist bequemer, dauerhaft so einem Internet-Guide zu folgen und das eigene Denken abzuschalten. Aber man sollte sich dann auch klar sein, dass man mit der Möglichkeit zum eigenen Denken und eigenem Finden und eigenem intuitiven Treiben lassen im www verspielt. Man gibt die Befugnis zum Erkennen an jemanden ab. Wenn viele das an jemanden abgeben, dann geben sie damit auch Energie ab. Diese Energie schluckt dann dieser oder diese „Internet-Guide*in“ und wird damit immer mächtiger und einflussreicher. So werden Gurus erkoren. Dies ist ein sehr schleichender Prozess, viele bemerken ihn nicht, weil der oder die Internet-Guide*in ja sooo sympathisch ist.

Ich hätte gern heute, am Valentinstag ein anderes Thema behandelt, aber dieses schwelt schon eine Weile in meinen Gedanken und es will gerade heute hinaus in die virtuelle Welt. Ich möchte mit diesen Zeilen niemanden verurteilen oder irgendwie an den Pranger stellen. Ich möchte nur, dass ihr mal beiseitetretet, um ganz neutral eure eigenen Suchstrategien im Internet zu beobachten. Wie geht ihr vor, wenn ihr aktuelle Infos sucht? Welche Quellen nutzt ihr? Wie erkennt ihr, dass euch ein Beitrag anzieht oder abstößt? Bei mir reichen da meist schon die Überschrift oder /und die bildliche Illustration. Und ganz wichtig: wie viele Beiträge konsumiert ihr überhaupt täglich im Internet? Und kommentiert ihr Beiträge ständig mehrmals, öfter oder selten? Einfach mal von Zeit zu Zeit sich selbst beobachten und achtsam bleiben. Aus Liebe zu sich selbst – und nicht zu einem eventuellen Guru.

In diesem Sinne wünsche allen Lesern noch einen Liebe-vollen Valentins-Abend sowie einen glücklichen Start in die neue Woche.

Ein Gang durch die Stadt

Nach einem Vormitag Archivarbeit mit Auspacken und Sortieren von unzähligen Archivboxen aus zehn Umzugskisten endlich Feiermittag und Wochenende. Ab geht’s zum Bus. Der Himmel ist heute hellgrau, also heller grau als sonst. Fast meint man die Sonne zu sehen. An der Schule und an der Bushaltestelle nur wenige, aber fröhliche Kinder. Es ist der letzte Schultag vor den Winterferien. Dann die Busfahrt mit Blicken in eine weite, verschneite Landschaft mit erstaunlicher Fernsicht. Alles klar und strukturiert, so wie auch mein inneres Empfinden heute. Während am Wochenanfang alles so zäh dahin lief und ich mich sehr selbst an die Hand nehmen musste, um alle to do`s anzugehen, flutscht es seit gestern nur so. 🙂

In meiner Heimatstadt angekommen, stieg ich in der Innenstadt aus, einem Impuls folgend nicht an der üblichen Haltestelle, sondern an der eigentlich ungeliebten, eine Station vorher. Ungeliebt ist sie deshalb, weil sie an einer riesigen Kreuzung liegt, an der die Ampel gefühlt immer auf Rot steht. Aber diesmal war gerade Grün und freudestrahlend schwebte ich über die breiteste Verkehrsader der Stadt. Seinen Impulsen und seiner Intuition sollte man eben folgen. 🙂

Die Einkaufsstraße (der Boulevard, wo früher mal der Bulle war, so der Spruch einer Stadtführerin 😀 ) war doch etwas belebt. Der Fahrradladen hell erleuchtet, mit vielen Fahrrädern vor der Tür. Oh Wunder. Dort ist aber auch gleichzeitig eine Reparaturwerkstatt, und die dürfen öffnen. Auf dem Markt keine Freitags-Markt-Buden zu sehen, dafür aber ein strahlendes ❤ Hochzeitspaar ❤ mit einer großen Hochzeitsgesellschaft drumherum. Oh Wunder! Sie mit rauschendem weißen Kleid, er im feierlich dunklem Anzug, der Hochzeitsstrauß mit roten Rosen, die voller Hoffnung den schneebedeckten Marktplatz regelrecht erleuchteten. Es war eine Szene wie aus einem Schwarz-Weiß-Film, auf dem nur die Rosen leuchtend rot hervor schienen. Einfach toll!  ❤ Ein schönes Bild! ❤ Ich schlich mich an der Hochzeitsgesellschaft vorbei und betrat das altehrwürdige historische Rathaus, um in das Stadtgeschichtliche Museum zu gehen. Hier waren einige Dinge für mich als Fördervereins-Vorsitzende zu erledigen. Das übliche Bild wie überall: Museum geschlossen, Mitarbeiter in Kurzarbeit. Aber dennoch war jemand da und werkelte an einem neuen Stolperstein-Projekt. Entwürfe für eine Wanderausstellung wurden stolz gezeigt. Am 11. Mai wird unter anderem ein Stolperstein, den ich mit angestoßen habe, verlegt, zum Gedenken an zwei Menschen, die im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ verhaftet wurden und im Arbeitslager bzw. in einer Haftanstalt für psychisch Kranke zu Tode kamen. Ich war zufällig während meiner Archiv-Recherchen darauf gestoßen, aber es sollte wohl so sein. Voller Überraschung darüber, dass dieses Projekt schoh so weit gediehen ist, ging ich durch die ruhige Stadt nach Hause, immer den eiskalten Ostwind im Rücken. Ich ging am großen See, am kleinen Meer, entlang. Der See war zugefroren und schneebedeckt. Das hatten wir lange nicht. Der letzte, richtige Eiswinter ist über zehn Jahre her. Früher waren wir in jedem Winter auf Schlittschuhen auf den Seen unterwegs. Die Schlittschuhe waren unser Wintersportgerät Nr. 1. Was in der Natur unserer Gegend liegt: viele Seen und wenige Hügel, von Bergen ganz zu schweigen. Skifahren gab es nur im Winterurlaub im Vogtland, in Thüringen oder im Erzgebirge. Das waren schöne Urlaube! 🙂

Noch wird aber vor dem Betreten des Eises gewarnt. Mit Recht, denn unter der dicken Schneedecke sind Spalten und Löcher nicht sichtbar. Zudem braucht es noch einige Tage, ehe das Eis wirklich überall dick ist. Dann werden die Kinder mit Schneeschiebern kommen und sich ihre Spiel- und Lauffelder freischieben. Zuerst werden sie den See mit dem riesengroßen flachen Strand testen, bevor sie dann mit ihren Schlittschuhen, Gleitern, Schlitten und Schnee-Surfern auf das kleine Meer kommen. Das wird lustig! 🙂

Auf dem weiteren Weg nach Hause übte ich zwischendurch immer mal, ohne Brille zu gehen. D. h. ich ließ die Brille auf die untere Nase rutschen und lugte drüber. Mal mit beiden Augen, mal nur mit dem rechten oder nur mit dem linken Auge. Da beide Augen unterschiedlich stark gucken, ist das ganz interessant. Das habe ich lange nicht mehr probiert. Es ist eine Anregung von Elke. Vielleicht habt ihr mal Lust, Elkes Erfahrungen auf euch wirken zu lassen. https://lebenalsmensch.wordpress.com/2021/02/05/schritt-fur-schritt-ubung-ohne-brille-laufen-teil-3-%f0%9f%98%8a%f0%9f%91%93/ Heute ging der kurze Zwischendurch-gang ohne Brille besonders gut, da auf dem Bürgersteig rechts und links Schneeränder waren, die Orientierung gaben, so dass ich weniger „rumeierte“ als sonst beim Hin- und Herswitchen zwischen den Augen.

Dann mit kaltem Ost-Rückenwind schnell nach Hause, kurz Tasche tauschen und weiter zum Supermarkt, bevor hier der ganz große Freitags-Trubel ausbricht. Die obligatorische Einkaufs-Maske (illegalerweie dünner als vorgeschrieben) spüre ich schon nicht mehr und das Anti-Beschlags-Brillentuch, ein Geschenk meines Neffens, wirkt wahre Wunder. Überhaupt kein Beschlagen heute, weder im Bus noch im Supermarkt. Im Supermarkt wie immer vor dem Wochenende Gang durch die Regale ohne Plan. Was spricht mich heute an? Was möchte am Wochenende gekocht werden? Wieder der leckere Rosenkohl oder doch mal eine Hühnersuppe? Wenn ich mal mit einem Plan in einen Wochenend-Einkauf gehe, dann sehe ich garantiert etwas anderes Leckeres und mein Plan wird wieder umgestoßen. Also dann lieber gleich mit ohne Plan …

Mit Einkauf und Wochenend-Blümchen laufe ich zurück nach Hause. Immer noch sind wenig Leute unterwegs. Aus einem Garten dringt Vogelgezwitscher. Dort zwitschern fast immer Vögel hinter der großen Hecke. Jetzt bläst der Ostwind kalt von vorn, aber mir macht er nichts aus. Ich gehe, denke nach, lasse die Ereignisse der Arbeitswoche Revue passieren und schmunzle wieder mal über ein Erlebnis mit einer übereifrigen Kollegin, die auf ihrem Weg wohl noch einige Lernaufgaben vor sich hat. Mal sehen, wo ihr Weg sie hinführt, ich werde es weiter beobachten – aus sicherer Entfernung.

Aber nun kann das Wochenende beginnen. Die Arbeit ist getan, die Vorräte sind aufgefüllt. Kommt der angekündigte Schneesturm? Kommt er nicht? Egal, ich nehme es so, wie es ist. Allen Lesern wünsche ich ein schönes Wochenende!

Reden ist Gold

Alte Sprichwörter sind meist sehr wahr und lehrreich, aber nicht immer. Das trifft auch auf das Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ zu. In manchen Situationen ist es doch besser, miteinander zu reden.

Es gibt ja ganze, dicke Bücher über das Reden, über Rhetorik und vor allem über Kommunikation. Dieses Thema begleitet mich schon seit meiner Diplomarbeit. Damals stand neben langweiligen, schon jahrzehntelang unveränderten Rahmenthemen auch das ganz neue Thema „Kommunikation in der Bibliothek“ zur Auswahl – und wurde sofort meins. Es war die Zeit, als Vera F. Birkenbihl mit ihren Büchern und Seminaren große Erfolge feierte. Drei Studenten hatten sich in dieses Thema verliebt, und wir „fraßen“ alles, was es damals zu diesem Thema gab, machten sogar selbst ein Kommunikations-Seminar mit Videotraining und zeichneten für unsere Diplomarbeiten Gespräche mit Lesern auf Diktiergeräten auf, um diese später auszuwerten – natürlich mit Einverständnis der jeweiligen Leser. Es gab verschiedene Modelle, Gespräche zu analysieren, bzw. das, was während eines Gespräches psychisch abläuft. Noch heute ist mir diese ganze damalige Beschäftigung mit der Kommunikation eine große Hilfe.

In dieser Woche merkte ich mal wieder, wie wichtig Reden ist. Unser Hauptamtsleiter hatte aus Kostengründen die Reinigungspläne gekürzt, ohne mit den Betreffenden zu reden. Ich erfuhr erst davon, als meine Reinigungskraft mir am Abend eines Öffnungstages erzählte, dass sie jetzt nicht mehr so oft kommen wird. Erst am nächsten Tag erhielt ich eine Mail des Hauptamtsleiters mit der neuen Vereinbarung. Ich ließ es einen Tag sacken und überlegte mir, wie ich da vorgehen könnte. Mit unseren Chefs ist es manchmal nicht so einfach. Am nächsten Tag stand der Hausmeister bei mir und erzählte mir, dass in der Turnhalle der Stadt jetzt, so lange dort kein Trainingsbetrieb ist, nur einmal wöchentlich gereinigt werden soll, dies aber zu wenig ist, denn Staub fällt ja immer an und wird durch die Lüftungsanlage angesaugt, die dann bei zuviel Staub verdreckt. Der Hausmeister, schnell mal in der Opfer-Rolle, tat dann so: „Die Chefs machen ja sowieso, was sie wollen, das hilft ja nichts.“

„Das wollen wir doch mal sehen!“, dachte ich, und bezog in meine Mail, die schon in Arbeit war, das Turnhallen-Problem mit ein. Obwohl die Turnhalle ja eigentlich nicht „mein Problem“ war. (Haupt-Sozialarbeiter-Spruch der 90er Jahre: „Das ist nicht dein Problem“!) Aber auch, wenn es nicht mein Problem war, konnte ich ja mal dem Kollegen etwas unter die Arme greifen. … Es dauerte gefühlt zwei Sekunden nach Abschicken der Mail, dass ich einen sehr netten Anruf vom Hauptamtsleiter erhielt. Er sagte, es sei doch kein Problem, alles so zu machen, wie ich es vorschlug, auch eine mehrmals wöchentliche Turnhallen-Reinigung sei überhaupt gar kein Problem! Er hätte das ja auch nicht entschieden, sei ja nur dem Vorschlag der Reinigungsfirma gefolgt! Und es sollten doch nicht durch zu wenig Reinigung irgendwelche dauerhaften Schäden am Gebäude oder am Fußboden herbeigeführt werden! – Na, geht doch!!! Der Hauptamtsleiter setzte sich auch mit dem Hausmeister in Verbindung, und sie einigten sich sogar auf dreimal wöchentlich Turnhallen-Reinigung! Siehe da, sie haben miteinander geredet!!! Die Einrichtungen, die die Kürzungen so hinnahmen, gingen allerdings leer aus. Ich bin jedenfalls mit dem Kompromiss für mein Haus sehr zufrieden. Wie übrigens auch mit einem anderen Kompromiss. Denn das Geplänkel um die Reinigung war nur „Warming up“.

Der Bürgermeister hatte gelesen, dass die Bibliothek der Nachbarstadt zeitweise geschlossen wurde und wollte dies mit meiner auch tun. Er schickte den Hauptamtsleiter vor und dieser verkaufte mir das mit dem Argument, dass es doch schön wäre, wenn ich jetzt mehr Zeit im Stadtarchiv verbringen könne, wo dieses doch jetzt gerade so viele Neuzugänge hat. Oh, da musste ich schon gute Argumente liefern! Als da wären: Bibliotheken dürfen für die Aus- und Rückgabe von Medien öffnen (Landesverordnung M-V), die Leser hätten sehr großen Bedarf an Literatur und Medien, weil die Kinder zu Hause beschäftigt werden müssen und weil die Alten wegen der Kontaktbeschränkungen vereinsamen, Akten sind nicht gefährdet und stehen warm und trocken, aber hier geht es um Menschen in Notsituationen – und öffentlicher Dienst heißt Dienst für den Bürger. Und man muss sich ja nicht am schlechtesten Beispiel orientieren. Andere Bibliotheken bieten Besuchsmöglichkeit nach Terminvergabe an oder Lieferdienste oder gleich die Onleihe.
Bei so vielen Argumenten war der Hauptamtsleiter dann wieder platt und ließ mich gewähren. Statt Öffnungszeiten“ steht jetzt auf dem Öffnungsschild: „Möglichkeit zur Ausleihe und Rückgabe im Rahmen des Leihverkehrs nach Covid-Landesverordnung …“ – aber immer noch mit den gleichen Öffnungszeiten. Einige Leser melden sich an, vor allem die aus den Dörfern der Umgebung, andere kommen einfach so. Und wenn ich mal länger im Archiv räumen möchte, dann ist ein Schild an der Tür „Bin im Stadtarchiv, bitte klingeln!“ Wenn man also redet, dann findet man auch Lösungen miteinander. Aber nicht miteinander reden geht überhaupt nicht!