Adventszeit – Zeit zum Spenden?

Heute ist Spendentag im NDR. Da wird, zusammen mit der Diakonie, aufgerufen, für Menschen in Not zu spenden. Nicht etwa für Erdbebenopfer, Flutopfer, Flüchtlinge oder hungernde Kinder in Afrika – nein! Sie sammeln Spenden für Menschen, denen es in Deutschland schlecht geht.

Damit man mich nicht falsch versteht: ich spende gern, das ganze Jahr hindurch. Für meine Patentochter in Laos, für Greenpeace und für die Projekte eines Archivs. Ich kaufe fair gehandelten Kaffe und Stricksachen aus Eine-Welt-Projekten. Ich kaufe überhaupt sehr bewusst und versuche zu schauen, wo und von wem die Waren produziert werden, die ich konsumiere. Und ich bringe selbstverständlich Schuhe und Klamotten, die ich nicht mehr tragen mag, zum Kleidercontainer. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Aber lässt uns das nicht aufhorchen? Kinder in Not, hier, in unserem Land? Da wird gerade in einem Interview gesagt, jeder wäre verantwortlich.

Bin ich wirklich dafür verantwortlich, wenn ein Kind in Norddeutschland arm ist? Ja, was will man uns Bürgern denn noch für Schuldgefühle einreden? Im Radio, im Fernsehen, in der Zeitung (Leserhilfswerk), im Internet, im Briefkasten – jede Menge Bitten um Spenden. Jedes Jahr in der Adventszeit wird jeder einzelne Bürger regelrecht zugeschüttet mit Bitten. Uns gehe es doch sooo gut, aber die Hand- und Fußmaler bräuchten jeden Euro!!! Leute, ich kann es nicht mehr hören – und ich habe wirklich ein gutes Herz!

Da sollte man doch zuallererst die Regierung in die Pflicht nehmen, Mittel für Arme im eigenen Land bereitzustellen. Danach sollte man die Unternehmen zur Kasse bitten, die immer noch Hungerlöhne zahlen. Vergessen sollte man auch nicht die Krankenkassen und die Pharmaindustrie. Die Krankenkassen sollten Medizin und Behandlungskosten für jeden bereitstellen, egal ob privat versichert oder nicht. Und die Pharmaindustrie sollte ihre Medikamente zu fairen Preisen anbieten und, gemeinsam mit der Regierung, mehr Geld in Forschung stecken. Und das Geld für teure Eurofighter könnte man sich sparen und es lieber dafür verwenden, die Chancengleichheit der Kinder zu gewährleisten.

Wir sind ein reiches Land, und deshalb sollte in Deutschland kein Kind hungern müssen, es sollte keine Obdachlosen geben und keine chronisch Kranken, die sich ihre Medikamente nicht leisten können. Da ist, verdammt noch mal, der Staat in der Pflicht und nicht wir Bürger!

Etwas anderes ist es, wenn jemand sich berufen fühlt, zu helfen, einfach aus sich heraus, ohne durch Bettelbriefe oder Bettelsendungen in den Medien permanent bedrängt zu werden. Einfach, weil vielleicht jemand auf diese Weise die Hilfe zurückgeben möchte, die er selbst einst erhielt, oder einfach so, um Gutes zu tun. Nicht nur materiell, sondern auch durch seine Freizeitarbeit. Wenn jemand im Hospiz Sterbende betreut, wenn jemand in Kitas vorliest, Konzerte in Krankenhäusern spielt oder auch nur ein Kinderfest in der Nachbarschaft organisiert. Das sind Menschen, die mit Herz und Liebe ihre Berufung leben, und das finde ich toll.

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Bücher, Bücher, Bücher …

Am 2. 11. 2017 erfuhr ich, dass die Landesfördermittel für den Medienankauf kurz vor der Auszahlung stehen. Bis dahin wusste ich zwar, dass meine Bibliothek wieder in den Genuss von Fördermitteln kommen wird, aber nicht, mit wieviel Geld ich rechnen darf. Es ist jedes Jahr dasselbe Spiel. Nein, stimmt nicht. Im letzten Jahr war es anders. Da hatte wohl irgendjemand Interesse daran, dass der Geldsegen, der dazu noch größer als üblich war, uns ausnahmsweise schon vor der Landtagswahl in M-V im September erreicht. 🙂 So langsam empfinde ich den allzu späten Landesfördermittel-Segen als ständige, gedankenlose Ignoranz unserer Arbeit. Wie sollen wir da planen? Wie sollen wir in so kurzer Zeit sinnvoll neue Trends setzen? Noch dazu, wenn es eine Bibliothek mit nur einer Mitarbeiterin in einer Kleinstadt ist? Im Ministerium gibt es die Meinung: „Geld ausgeben geht immer!“ Ja, stimmt, geht auch immer. Notfalls auch noch am 30.12. mittags. Aber inwieweit ist man dann noch in der Lage, das Geld sinnvoll einzusetzen?

Es gibt ja viele Anbieter, die auf Bibliotheken spezialisiert sind. Aber die haben alle im November und Dezember Stress und Hochkonjunktur. Genau wie ich. Der November war auch in meiner Bibliothek ein gut frequentierter Monat. Wendet man sich an den Hauptdienstleister für Bibliotheken, dann erhält man zwar ein Lektorat dazu, der Service rund um die Bibliothek frisst dann aber wieder den Bibliotheksrabatt auf. Außerdem liebt dieser Dienstleister es, unzählige kleine Lieferungen mit unzähligen kleinen Rechnungen für nur eine große Bestellung zu schicken. Habe ich schon öfter getestet, aber letztendlich festgestellt, dass ich das Lektorat, zumindest bei Romanen, Kinderbüchern und Hörbüchern, allein besser hinkriege, wenn dann auch Zeit dazu ist. Aber die Zeit habe ich meist nicht. Eine sehr gute Zusammenarbeit verbindet mich mit der Firma Spieltruhe. Die haben einen super Service für Brettspiele und tiptoi-Bücher. Allerdings wollen sie ab Mitte Dezember schon ihre verdienten Betriebsferien antreten. Also sollte man dort schon möglichst Anfang Dezember mit allen Bestellungen durch sein.

Neuerdings buhlen auch große Buchhandelsketten um die Gunst der Bibliotheken. Hugendubel schreibt mich z. B. ständig an, offeriert irgendwelche Angebote, die bei genauem Vergleich aber anderswo noch günstiger zu haben sind. Sie geben auch Bibliotheksrabatt und bieten Info-Veranstaltungen zu Neuerscheinungen an. Weltbild hat dagegen vor einigen Jahren den Bibliotheksrabatt komplett gestrichen, mit dem Hinweis, ihre Bücher seien sowieso günstiger zu haben als anderswo. Tja, da haben sie eben Pech gehabt und zahlreiche Kunden verloren. Ab und zu nutze ich mal die Rabattaktionen beim Weltbild-Ableger bücher.de, aber dort gibt es nur „für nicht preisgebundene Ware“ Rabatte. Also alles außer Buch.

Vor einigen Jahren waren noch einige „fliegende Buchhändler“ unterwegs. Also Buchhändler ohne Buchhandlungen, die die Ost-Bibliotheken bereisten, oft auch spontan ohne Termin, mir einen Katalog vor die Nase knallten, aus dem man dann sofort bestellen sollte. Das muss nach der Wende mal ein ziemlich gewinnbringendes Geschäft gewesen sein. Nachdem der eine dieser Händler mir die Bücher in einem nach Zigarettenrauch stinkenden Paket geschickt hatte und der zweite mir überalterten Kram andrehen wollte, wimmelte ich diese unangenehmen Leute konsequent ab. Wahrscheinlich war es wirklich mal ein tolles Geschäft, durch das Ossiland zu reisen und überalterte Ware oder Ladenhüter anzubieten.

Da lobe ich mir meine Buchhandlung am Ort. In meinem kleinen Arbeitsort gibt es aber leider schon längst keine Buchhandlung mehr. Wahrscheinlich werde ich gerade deshalb immer wieder von fragwürdigen Angeboten heimgesucht. Wohl aber gibt es in meinem Wohnort noch zwei Buchhandlungen. Mit einer dieser Buchhandlungen verbindet mich eine jahrelange, sehr gute Zusammenarbeit. Selbst wenn ich sie, zusätzlich zum eigentlichen Weihnachtsgeschäft mächtig unter Stress setze, sind sie freundlich, kompetent und versuchen immer, das Unmögliche noch vor Kassenschluss möglich zu machen, sogar mit 10% Bibliotheksrabatt. Ich versuche es auch, ihnen die Arbeit so weit wie möglich zu vereinfachen, also gibt es immer genaue, alphabetische Excel-Wunschlisten mit ISBN-Nummern und Preisen. Die Wunschlisten erstelle ich zu Hause, abends nach der Arbeit oder am Wochenende.

Eigentlich lebt man ja als Bibliothekarin sowieso mit Büchern. Beim Frühstück liegt schon ein Zettel auf dem Tisch, um die guten Literaturempfehlungen von Anneliese Stoltenberg im NDR Kultur nicht zu verpassen. Jeder Wunsch der Leser wird sowieso notiert, bei jedem Gespräch im Freundes-und Familienkreis werden Buchtitel notiert, jede Buchhandlung in jeder Stadt, die ich auf Reisen sehe, ist meine. Das ganze Jahr über suche ich gern auf Buchhandelsseiten und in Literaturblogs. Natürlich immer mit den Wünschen meiner Leser im Blick. Welche neuen Familien-Schicksals-Romane gibt es? Sind die in sich abgeschlossen oder ist es wieder der siebente Teil von irgendwas? 🙂 „Die sieben Schwestern“ von Lucinda Riley habe ich übrigens von vornherein abgewählt, ebenso wie die mehrteilige Ferrante-Saga, und es hat noch nie eine meiner Leserinnen danach gefragt. Die Clifton-Saga habe ich nur im Bibliotheksbestand, weil ich daraus einige Bände geschenkt bekam. Jetzt erscheint gerade Band 7, es soll der letzte sein. Jauchzet, frohlocket!!! 🙂

„Die Tuchvilla“ von Anne Jacobs (Trilogie) lief bei meinen Lesern ganz gut. Ob „Das Gutshaus“ ebenso gut laufen wird? Eine Rezensentin auf der Thalia-Seite deutete an, dass mal wieder die blöden Ossis dumm dastehen in dieser Geschichte um ein altes Herrenhaus in Mecklenburg. Ups! Ich hatte sogar schon überlegt, ob ich dieses Buch meinen Eltern schenke, aber zumindest das fällt jetzt aus. Sowohl meine Eltern als auch viele Bibliotheks-Leser mögen es sowieso lieber anspruchsvoller. Mit dem 87. Buch des Ehepaares, welches unter dem Pseudonym „Iny Lorentz“ schreibt, brauche ich da den meisten nicht mehr zu kommen. Eher mögen so etwas wie „Die Brückenbauer“ – Serie von Jan Guillou die sehr viel gelesen wurde. Der letzte Band „Die Schwester“ fiel aber wieder total ab (vielleicht brauchte der Autor Geld?). Weitere große, lesenswerte, niveauvolle historische Romane muss man schon mit der Lupe suchen, wenn man nicht gerade wieder den xten Teil von irgendeiner Saga kaufen will. Ken Follett – naja. Seine letzten Bücher gingen jedenfalls in meiner Bibliothek nicht besonders gut. „Underground Railroad“ von Colson Whitehead ist sehr vielversprechend, privat habe ich es gern gelesen, dann wird es wohl auch meinen Lesern gefallen. Natürlich hatte ich als Jugendliche „Wurzeln“ von Alex Hailey verschlungen und „Die Farbe Lila“ von Alice Walker. Auch die Fernsehserie „Fackeln im Sturm“ verfolgte ich damals im „Westfernsehen“ mit großer Spannung. Deshalb dachte ich, das Thema wäre durch und man müsste es für nicht wieder aufwärmen. Aber „Underground Railroad“ lohnt sich wirklich zu lesen! Coras Geschichte ist spannend, berührend, ohne abgedroschene Südstaaten-Klischees, hat viele aktuelle Bezüge und damit auch eine umfassendere Sicht auf die Sklaverei in den Südstaaten der USA. Da Thema scheint gerade in der Luft zu liegen, denn es ist zeitgleich „Heimkehrer“ von Yasa Gyasi erschienen. Ansonsten scheint der Schwerpunkt bei den Neuerscheinungen von historischen Romanen eher um die Jahrhundertwende in Deutschland zu liegen. Dazu ist jetzt unheimlich viel erschienen. Für meine Eltern zu Weihnachten erwäge ich jetzt, „Mit der Flut“ von Agnes Krup zu kaufen. Einige der Bibliotheksleser werden sicher bei der Lektüre von John Boynes „Der Junge auf dem Berg“ ganz beeindruckt sein.

Die Hörbuch-Hörer unter den Bibliotheksbenutzern freuen sich immer über Humor und skurrile Geschichten. Also suche ich für sie. Gibt es etwas im Format von „Ein Mann namens Ove“ oder dem „Hundertjährigen“? „Die Wurzel alles Guten“ könnte so ein Hörbuch sein. Also auf jeden Fall mit auf die Bestell-Liste! Eine meiner älteren Hörbuch-Hörerinnen fragt immer wieder nach „dem Russen, den Sie mir mal empfohlen hatten“. Auch sie wird sich freuen. Von Wladimir Kaminer gibt es sowohl ein neues Buch als auch ein neues Hörbuch. Neuerdings fragt sie auch nach „dem Eckehard“. Nein, Hirschhausen hat leider nichts Neues rausgebracht. 🙂 Aber dafür ist die Internet-Omi auf Kreuzfahrt gegangen. Nachdem ich das neue Buch von „Renate Bergmann“ schon für die Bibliothek gekauft hatte, dachte ich, ich schenke noch eins davon meinen Eltern als witzige Reiselektüre für ihre Kreuzfahrt. Ganz selten liege ich mal total daneben, aber hier: absolute Fehlanzeige!!! Nach der Kreuzfahrt drückte mir meine Mutter das Buch mit spitzen Fingern in die Hand. „Hier! Das kannst du in deine Bibliothek stellen!“ Da steht es ja schon. Also ein Fall für den nächsten Bücherflohmarkt. Hätte ich doch lieber den Kreuzfahrt-Roman von Bodo Kirchhoff gekauft! 🙂 Unter den Hörbuch-Hörern sind auch viele Autofahrer/innen und Pendler/innen. Da muss es etwas interessantes sein, „etwas fürs Herz“, etwas skurriles oder auch seicht-witzig. Es gehen auch Krimis, wenn sie nicht allzu thrillermäßig sind. Sonst übersehen die nächtlichen Autofahrer vor lauter Spannung noch die rote Ampel und erleben ihren ganz persönlichen Thriller. 🙂 Gute Sprecher sind hier wichtig. „Mörder Anders und seine Freunde“ war als Story wirklich nicht allzu berauschend, aber Jürgen von der Lippe als Sprecher hat alles rausgerissen.

Bei Frauenromanen sind übrigens die im romantisch geblümten Cover, am besten noch mit Rezepten, nach wie vor bei den Leserinnen gefragt. Beliebt sind auch Schicksalsromane, die in unserer Region spielen, wie z. B. Corina Bomann. Natürlich darf auch der neue Ironside-Roman „Nein! Ich gehe nicht zum Seniorenyoga!“ nicht fehlen, und zwar als Buch und Hörbuch. Anspruchsvollere Leserinnen haben z. B. Jodie Picoult für sich entdeckt. Und gemeinsam mit mir freut sich eine Bibliotheksleserin besonders auf John Irvings „Straße der Wunder“. Und ich bin gespannt, ob „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky den Lesern gefällt. Ich werde es auch bestimmt irgendwann mal lesen. Meist lasse ich aber den Bibliothekslesern den Vortritt. Bis heute habe ich es beispielsweise nicht geschafft, eines der Wohlleben-Bücher zu lesen, da diese immer unterwegs sind. Vielleicht hilft es, diese im Freundes- und Familienkreis zu verschenken. Vielleicht borgt es mir dann ja mal jemand! 🙂

Im Fantasy-Bereich war ich etwas ratlos. Die Hugendubel-Leute hatten bei ihrer Neuerscheinungs-Präsentation auch nicht den neuen absoluten Kracher parat. Hier kommt eher das neu gelernte Wort „pingoff“ zum Einsatz. Also es wird aus einer schon erfolgreich gelaufenen mehrbändigen Serie ein Handlungsstrang herausgenommen und daraus eine neue mehrbändige Serie gebastelt. Oder die ganze, bereits erfolgreich gelaufene mehrbändige Serie wird noch einmal mehrbändig aus der Perspektive einer anderen handelnden Person erzählt. Nein. So etwas bestreike ich. Liebe Autoren, lasst euch mal wieder etwas kreatives einfallen!!!

Krimis und Thriller sind nicht so mein privates Leseding. Da kennen sich meine ehrenamtlichen Helferinnen Christina und Doreen besser aus. Ich bitte sie also regelmäßig um ihre Wunschlisten. In diesem Jahr waren sie allerdings keine große Hilfe. „Du findest immer so tolle Bücher – mach du mal!!!“ Okay, also weiter die Literaturseiten rauf- und runtergesurft. Krimis und Thriller werden viel gelesen und viel besprochen, da findet man genug Titel. Allerdings kann ich den Autor nicht verstehen, der ungefähr mal vor einem Jahr in einem Zeitungsartikel den skandinavischen und nordischen Krimi totgesagt hat und uns erzählen wollte, jetzt seien die amerikanischen Krimis im Kommen. Da merke ich nicht viel. Außer den schon bekannten Autoren ist mir in letzter Zeit nur Linda Castillo mit ihren Amish-Krimis aufgefallen.

Gestern war nun großes „Weihnachtskisten“-Auspacken in der Bibliothek. Das überließ ich meinen beiden ehrenamtlichen Mädels, während ich an der Theke nebenbei Schreibarbeiten erledigte. Immer wieder hörte ich ein verzücktes „Ah!“ und „Oh!“, während Christina und Doreen die drei prall gefüllten großen Kartons auspackten und die Lieferscheine abglichen. Zumindest für meine beiden fleißigen Helferinnen dürfte es schon mal ein spannender Lesewinter werden. 🙂 Vorher wartet aber noch ein ganzes Stück Arbeit. Die Mädels wissen inzwischen auch ohne Anweisung, was zu tun ist: „Folieren bis zum Umfallen!“, benannte Christina schon mal den nächsten ihrer Arbeitsschritte. 🙂 Und ich werde die Bibliothekssoftware füttern ohne Ende. Heute haben wir drei uns zur Stärkung ein Nikolaus-Essen bei meinem Lieblings-Kroaten gegönnt. Lecker!!! 🙂

Familienheilung und was sonst noch so passierte

War das eine Woche! So viele unterschiedliche Erlebnisse sind zu verarbeiten! Freud und Leid liegen wie immer dicht beieinander. Aber das ist es eben, das pralle Leben.

In der Bibliothek habe ich nach langem Wünsche-Sammeln unter meinen Lesern, Stöbern auf Buchseiten, in Literaturblogs und Rezensionen (danke übrigens, Tintenhain!) die ultimative Wunschliste für Buch- uns Hörbuchkäufe fertiggestellt. Eine intensive und interessante Zeit ging damit zu Ende. Ich stand morgens mit Buchrezensionen auf und ging abends mit Buchrezensionen schlafen. Aber es hat sich gelohnt. Nun freue ich mich auf die demnächst zu erwartende Lieferung meiner Lieblingsbuchhandlung mit ca. 120 neuen Büchern und Hörbüchern. Die Bibliotheksleser sind auch schon ganz gespannt auf das Lesefutter. Nachdem einige im September und Oktober wegen Gartenarbeit und Reisen pausiert hatten, sind nun alle wieder da, leihen stapelweise Bücher aus und lesen mir sozusagen die Haare vom Kopf.

Mein plattdeutscher Verein hat seine Rudolf-Tarnow-Lesung mit Bravour gemeistert. Bei den Aufführungen wachsen alle immer noch ein Stück über sich selbst hinaus. Es wird dann immer noch viel besser, als ich bei der Generalprobe zu hoffen gewagt hätte. Diesmal erlebten wir einen Zuschaueransturm ohnegleichen. Der Saal wurde so berstend voll, dass wohl nicht mal mehr ein Stück Papier zwischen die Besucher gepasst hätte. 🙂 Einige Besucher verfolgten die Veranstaltung stehend, auch von uns Aufführenden hatten sich einige in die Ecke gestellt (ich auch), weil die Stühle nicht mehr reichten. Die Betreuerin des Raumes schaute bedenklich drein und mahnte mit Recht Sicherheitsbedenken an. Es war einfach Wahnsinn! Da soll mir bitte keiner mehr erzählen, Plattdeutsch sei eine aussterbende Sprache!!!

Ein Cousin meiner Mutter, der an meinem Arbeitsort wohnte, war kürzlich verstorben. Da ich die einzige war, die, Jahrzehnte nach einigen Missverständnissen Kontakt zu ihm und seiner Frau aufgebaut hatte, ging ich selbstverständlich zu seiner Urnenbeisetzung. Das war schon eine ziemliche Herausforderung, denn da der Bruder dieses Cousins mütterlicherseits eine Cousine meines Vaters geheiratet hatte, waren wiederum Cousinen meines Vaters und deren Kinder anwesend, die ich noch nie gesehen hatte. (Übrigens wäre ich wohl nicht auf dieser Welt existent, wenn nicht der Cousin meiner Mutter die Cousine meines Vaters geheiratet hätte, denn bei dieser Hochzeit hatten sich meine Eltern kennengelernt und sofort ineinander verliebt.) Ich wollte eigentlich nur an der Zeremonie in der Kirche teilnehmen und mich dann unauffällig wieder verdrücken – aber null Chance. Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass ich dort sein würde, und so wurde ich sozusagen unter den Verwandten beider Seiten „herumgereicht“. Gut, okay, dann sollte es eben so sein. Wenn schon, dann muss man sich eben auch ganz darauf einlassen. Es galt, Verwandte kennenzulernen, zuzuhörem, zu verstehen, was damals passiert war. Es sind zarte neue Verbindungen entstanden. Erschreckend ist es ja wirklich. Die meisten Cousinen und Cousins untereinander hatten in ihrer Kindheit einen guten Kontakt, deren Kinder kennen sich dagegen schon garnicht mehr. Gut, wir sind eine weit verzweigte Familie. Meine Oma väterlicherseits hatte sehr viele Geschwister und mein Opa mütterlicherseits, den ich nie gekannt habe, auch. Als Kind hatte ich schon Mühe, zu verstehen, mit wem ich wie verwandt bin, und da kannte ich nur die Hälfte der Cousinen und Cousins meiner Eltern. Aber vorgestern sollte ich dann eben die andere Hälfte und deren Nachkommen sozusagen im Crashkurs kennenlernen. Den Großcousinen und Cousins ging es ebenso. „Ach ja, da gab es ja noch jemanden… Stimmt, meine Eltern haben immer mal davon erzählt.“ Ursprünglich war es ja meine leise Hoffnung, dass meine Eltern zu der Urnenbeisetzung mitkommen würden, denn sie waren es, die ja eigentlich einige Missverständnisse hätten bereinigen sollen. Das haben sie sich dann aber doch nicht getraut. Schade.

Aber eigentlich wollte ich ja an diesem Tag Abschied nehmen von diesem einen Cousin meiner Mutter, den ich erst 2012 kennenlernen durfte. Er war ein zurückhaltender, naturverbundener, vielseitig interessierter, lieber Mensch. Er hatte einen feinen Humor, aber man musste ihn dazu erst einmal aus der Reserve locken. Wenn wir mehr Zeit zusammen gehabt hätten, dann hätten wir sicher viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Aber ich durfte ihn wenigstens noch kennenlernen und ich durfte auch von ihm mir erzählen lassen, was er und meine Mutter gemeinsam mit vielen weiteren Familienmitgliedern im April 1945 auf dem abgelegenen Forsthof seines Vaters erlebt hatten. Das ergänzte die traumatische Erinnerung meiner Mutter, die sie mir mein ganzes Leben hindurch immer und immer wieder erzählt hatte. Das waren noch einmal wertvolle Puzzleteteile, die für das Verstehen meiner Familiengeschichte noch fehlten. Ein besonderes Geschenk gab er mir. In der Zeit als ich mich intensiv mit meinen familiären Wurzeln beschäftigt hatte, war ich bei vielen Verwandten auf Spurensuche. Jeder gab mir Daten von unseren Vorfahren und erzählte Geschichten über sie. Aber was dieser Cousin mir zeigte, ließ mich fast umfallen. Sein Vater, ein überzeugter Nazi, war mit seiner Frau und seinem Sohn mit nichts vom brennenden Forsthof in den Wald geflüchtet. Nur ein Brot und eine Seite Speck hatten sie ihm noch zugesteckt, so die Familienüberlieferung. Was keiner wusste: Bei all der Panik war es ihm wichtig, den Nazi-Ahnenpass mit dem Ariernachweis mitzunehmen, auf dem auch mehrere Generationen meiner Vorfahren verewigt sind. Diesen Ahnenpass durfte ich mir kopieren.  Bei keinem anderen in der Familie war dieses Dokument erhalten geblieben, obwohl sie fast alle 1945 in ihren Häusern geblieben waren. Nur der, von dem ich es am wenigsten vermutet hatte, hatte dieses Ding gerettet. Vermutlich glaubte er noch immer an das Tausendjährige Reich, obwohl er schon alles verloren hatte und ihm auch sein selbst gebauter Bunker nichts genützt hatte.

Am nächsten Tag dann wieder das andere Familienextrem: mein Onkel mütterlicherseits feierte seinen 85. Geburtstag. Es gab eine Kaffeetafel und eine kurze, aber herzliche Begegnung mit meinem Cousin und seiner Familie. Wir müssen ja nicht dieselben Fehler machen wie unsere Eltern. Mein Onkel lebt, nicht zuletzt aufgrund seiner Schwerhörigkeit, schon längst in seiner eigenen Welt. Aber er genoss dennoch seinen Ehrentag. Im voll besetzten Café war eine sinnvolle Unterhaltung mit ihm leider nicht möglich, es ging akustisch einfach nicht. Aber ich hatte das Gefühl, dass es ihm gut ging. Draußen, vor dem Café, konnte meine Mutter ihm noch verständlich machen, dass ich tags zuvor auf der Beisetzung seines Cousins gewesen war. „Der war ein Stiesel!“, lautete sein Kommentar, und dann war er mit diesem Thema durch. Das mag seine Wahrnehmung vor Jahren gewesen sein, aber meine Wahrnehmung ist eine andere.

Leute, was immer auch in eurer Familie war: Macht euch ein eigenes Bild und übernehmt nicht die Vorurteile eurer Eltern! Es lohnt sich, selbst genau hinzuschauen! Es gibt das Familienstellen nach Hellinger, das ist eine systemische Therapie, die auf dem Ansatz aufbaut, dass nicht gelöste Familienkonflikte noch sieben Generationen der Nachfahren belasten können, obwohl die überhaupt nichts davon wissen und die betreffenden Vorfahren nicht mehr kennen. Mit anderen Worten: wird sie nicht gelöst, dann bleibt die Konflikt-Energie, auch losgelöst vom eigentlichen Ereignis, innerhalb einer Familie erhalten und wandert von Generation zu Generation. Familien-Heilung ist jetzt dran, jedenfalls für mich. Nächste Woche geht’s weiter, denn meine Cousine mütterlicherseits besucht uns mit meiner dementen Tante für mehrere Tage.

Ja, was hat sie denn?

Endlich Freitag! Nachdem das letzte Wochenende überwiegend sehr spontan familiär fremdbestimmt war, ist dieses meins! Endlich tun, was ich dringend möchte – nämlich mich durch Hunderte Buchrezensionen klicken. Seitdem das Land nun endlich in die Puschen kam und die Zuwendungsbescheide für die jährliche Medienförderung an die Bibliotheken nun doch nicht erst am 30.12. verschickte, stehe ich morgens mit der Medienförderung auf und gehe abends mit der Medienförderung schlafen. Ich wähle gern die Medien selbst aus und die Leser lieben meine Romanempfehlungen. Als Belohnung für die eigens erstellte Excel-Wunschliste winkt dann noch der Bibliotheksrabatt bei meiner Lieblingsbuchhandlung – das kann amazon nicht bieten!!! Damit ich eine ruhige Adventszeit genießen kann, ist jetzt Großeinsatz angesagt. Da opfert frau schon gern mal einen großen Teil ihres Wochenendes.

Doch vorher gönnte ich mir was für die Seele: ich ging zum Friseur.

Als ich den Termin vorgestern im Vorbeilaufen anmeldete, der große Schreck. Die Chefin des Salons war an der Theke und verkündete: „Conny ist krank!“ Ach nö, , nun muss ich „fremdgehen“ und kann gar kein Schwätzchen mit meiner Lieblingsfriseuse halten! „Was hat sie denn?“, wollte ich fragen, aber sofort blinkte in meinem unfrisierten Köpfchen ein Warnsignal: Datenschutz!!!

Wir hatten nämlich in der Stadtverwaltung kürzlich eine Datenschutzschulung. Und da wurde uns beigebracht, nicht mit den Bürgern über Kollegen zu tratschen. „Er/sie/divers 🙂 ist krank“ oder „Sie/er/divers ist im Urlaub bis …“ geht gerade noch so, aber das ist schon das höchste an Indiskretion. „Sie/er/divers ist voraussichtlich abwesend bis …“ ist natürlich total diskret. Ich verkniff mir also die Frage nach Connys Krankheit sofort. Ich wusste ja: wenn Conny wieder da ist, wird sie es mir schon in allen Einzelheiten erzählen, aber nicht jammernd, sondern auf ihre Art, humorvoll und sich selbst auf die Schippe nehmend.

So lange musste ich garnicht warten. Die Kollegin, die Connys Job übernommen hatte, mich hübsch zu machen, plauderte ganz nett mit mir: über Urlaube, über ihren fünfjährigen Sohn und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, über das Problem, gute Azubis zu finden, über Engpässe, wenn Azubis und Kollegen plötzlich ausfallen – und da war sie dann beim Thema, ohne dass ich überhaupt irgendetwas fragen musste. Einfach so kriegte ich es brühwarm erzählt: was Conny hat, bei welchem Arzt sie war, welche Untersuchungen sie hat über sich ergehen lassen müssen, wie lange es mit und wie lange es ohne OP dauern würde – und das gerade kurz vor dem Weihnachtsgeschäft!!!

Ich könnte jetzt natürlich alles brühwarm im Blog verbreiten, aber ich bin ja Datenschutz-geschult. Obwohl, mich kennt ja hier eh keiner, oder??? Doch, halt stopp, da gibt es ja den Seppo, der likt jetzt neuerdings immer auf meinem Vereinsblog. Der hat mich also enttarnt. 🙂 Okay, also behalte ich es für mich, woran Conny leidet. Und wenn Conny mir das beim nächsten Friseurbesuch brühwarm selbst erzählt, dann tu ich so, als hörte ich das zum ersten Mal. Bis dahin bedaure ich sie kräftig und wünsche ihr gute Genesung!

Reformierung des Geistes – Versuch beim Laubharken

Reformationstag. Es ist trockenes Wetter. Also ab in den Garten und schauen, was der Sturm so durcheinandergewirbelt hat. Die Blätter von Pflaumenbaum, Kirschbaum und dem alten Walnussbaum mischen sich auf dem Rasen, bedecken ihn aber noch nicht völlig.

In den Gärten ringsum ist es still. Der Nachbarsjunge von rechts bricht mit seinen Eltern gerade zur Halloweenparty auf, die Nachbarn von links sind nicht zu sehen, es ist relativ windstill. Eine selten schöne Stimmung herrscht. Also los, bevor es morgen wieder regnen soll! Ich greife mir Harke und Müllsack und genieße die leichte Bewegung an der frischen Luft.

Plötzlich gesellt sich die Nachbarin von links mit ihrer Harke, auf ihrer Seite des Maschendrahtzauns, dazu. „Was harkt die denn da noch?“, denke ich. „Da liegen doch nur höchstens drei Blätter!“ Ich grüße höflich, halte einen netten Smalltalk mit ihr und denke noch: „Nun wird sie ja bald wieder gehen, denn eigentlich hat sie ja nichts weiter zu harken.“ Aber sie bleibt, harkt weiter den grünen, blattlosen Rasen ab und beobachtet mich.

Ich verziehe mich zunächst mit meiner Harke in die entfernteste Ecke auf der anderen Seite, aber auch die war irgendwann blattfei. Die Nachbarin bleibt. Ich beginne, überall kleine Zweige zu sammeln, die der Sturm dem Walnussbaum entrissen hatte. Die Nachbarin bleibt und beobachtet mich weiter. Darauf hatte ich, ehrlich gesagt, null Bock. Ich wollte entspannen und den Garten genießen. Was also tun? Ganz ruhig bleiben. Tief Luft holen. Überlegen. Getreu dem Titel meines Blogs „spiritimalltag.“

Dass diese Frau ein Problem mit sich selbst hat, war uns allen seit meiner Kindheit bekannt. Dafür kann sie nichts. Also keine Wertung, bitte! Kein Wiederkäuen vom dem, was wir mit ihr schon alles erlebt haben. Damit verderbe ich mir nur die schöne Stimmung. Diese Frau ist eben so. Punkt! Meine Eltern haben diese Lernaufgabe in den letzten Jahrzehnten gemeistert und, vor allem mit gelegentlichen kleinen Geschenken aus dem Garten, ein relativ normales nachbarliches Verhältnis aufgebaut.

Vielleicht will sie ja garnicht kontrollieren, ob ich alles richtig mache. Vielleicht sucht sie ja einfach nur menschliche Nähe. Freunde haben die Nachbarn nicht, und mit ihrem Mann zetert sie auch nur rum, nichts macht er ihr gut genug. Stopp! Kein Wiederkäuen, habe ich mir vorgenommen!!! Mach es wie der Baum: schmeiß einfach alles Alte ab, das dir nichts nützt – das befreit und schafft Platz für neue, schönere Gedanken. Eigentlich kann einem diese Frau nur Leidtun. Also wie komme ich jetzt aus der Nummer raus, ohne diese Frau zu verletzen, um mir noch einige entspannte alleinige Minuten im Garten zu gönnen?

Ich nehme mir den ganz locker, dreiviertel gefüllten Müllsack vor und tue so, als ob ich mit Mühe die restlichen Blätter noch reinstopfen würde. Immer wieder „stopfe“ ich an dem Müllsack rum. Schließlich nehme ich ihn auf und „schleppe“ ihn ganz dekorativ, mit beiden Händen vor mir hertragend, weg. Und damit bin ich auch erstmal weg aus dem Garten. Im Haus gibt es auch noch einiges zu tun: Blumen gießen und Raubtierfütterung im Aquarium.

Zehn Minuten später wage ich mich, vorsichtshalber mit einem neuen Müllsack, wieder zurück. Ruhe! Keine Nachbarin mehr da!!! Entspannt harke ich nun auf der linken Seite die großen Blätter vom Walnussbaum weg. Geschafft. Noch bevor es dämmert und die kleinen Halloween-Geister sich auf den Weg machen, gehe ich nach Hause, ein Stück weit begleitet von Lothar, dem gestreiften Kater der rechtsseitigen Nachbarn, dem es wohl allein zu langweilig ist.

An dieser Stelle sollte dieser Beitrag eigentlich enden. Aber das Thema „alte Wertungen durch neue Gedanken ersetzen“ geht schon noch tiefer und scheint jetzt „dran“ zu sein. Wie schon so oft bringt eine Anfrage an das Stadtarchiv gerade wieder einen Stein ins Rollen. Da hat ein Arzt mit seiner Frau während eines Massensuizids im Mai 1945 den Freitod im Stadtsee gewählt. Ich hörte den Namen des Arztes zum ersten Mal. Die beiden anderen Ärzte aus dieser Zeit waren schon mal Thema, weil sich Patienten an sie erinnerten. Aber dieser? Nie gehört. „Hat er denn überhaupt hier praktiziert?“, wurde gefragt. Das wird er doch wohl nicht, denke ich, denn wie kann ein Arzt seine Patienten im Stich lassen und den Freitod wählen, in einer Zeit, wo Ärzte dringend gebraucht wurden? Und überhaupt: Wenn der Doktor in den See geht, wie viele seiner Patienten folgen ihm nach? Stopp! Schon wieder eine Wertung! Da hilft nur, einen Schritt zurücktreten und mit klarem Kopf noch einmal schauen.

Ich habe in dieser schlimmen Zeit nicht gelebt und mir steht es allein deshalb nicht zu, zu werten. Also zunächst noch einmal alle Quellen und Zeitzeugenberichte über das Kriegsende in dieser kleinen Stadt lesen. Die Wehrmacht war abgezogen. Der Bürgermeister, ein überzeugter Nazi, der bis dahin an den Endsieg glaubte, hatte sich mit seiner Frau und einem nicht zur Familie gehörenden Kind ebenfalls erschossen. Die Einwohner der Stadt waren sich selbst überlassen. Die Stadt war übervoll von Flüchtlingen aus dem Osten. KZ-Häftlinge aus einem sich selbst überlassenen Todesmarsch kamen noch dazu. In der Nacht, bevor die Russen kamen, sah man die benachbarte Großstadt brennen. Überall hingen Nazi-Plakate, die die Angst vor den Russen noch schürten. Ist es da ein Wunder, dass eine Massenpanik mit „Selbstmordepidemie“ (so wird es in den Quellen benannt) ausbricht? Und wo waren eigentlich die anderen beiden Ärzte? Ich fand heraus, dass der eine garnicht im Ort war, weil er zu dieser Zeit in einem Lazarett arbeitete. Und der andere? Laut seinem Lebenslauf war er doch zu dieser Zeit in dem Ort tätig? Keine Ahnung, wo er war – aber jedenfalls weg aus diesem Ort, laut Zeitzeugenberichten. Ist er in letzter Minute noch eingezogen worden oder ist er mit einem der Trecks Richtung Westen gezogen? Jener Arzt, der in den See ging, war also tatsächlich der einzige, der sich an diesem Ort aufhielt. Ein Zeitzeugenbericht bestätigt in einem Nebensatz, dass er tatsächlich in dieser Stadt praktiziert hat. Aber, nach Auswertung anderer Quellen, kann er nur kurz hier gearbeitet haben, vermutlich seit 1941. Wenn über 180 Menschen sich in einer Massenpanik ertränken, erschießen und erhängen, und ein Arzt ist darunter, wieso sollte man nun ausgerechnet den Arzt gedanklich verurteilen? Klar, er hat den Eid des Hippokrates geschworen, klar, er hätte auch ein positives Vorbild sein können. Aber nicht jeder Mensch hat das Zeug dazu, ein Held zu sein.

Der Held war in dieser kleinen Stadt der Pastor. Er versorgte die Kranken und half den Schwangeren, er beschützte Frauen und Kinder. „Im August 1945 hatten wir endlich wieder einen Arzt und einen Apotheker in der Stadt.“, schreibt er an das Kirchenamt. Da gibt es auch wieder Leute, die mit den Fingern auf den Pastor zeigen und sagen: „Der war vorher ein ganz, ganz schlimmer, überzeugter Nazi!“ Aber genau dieser schlimme, überzeugte Nazi war über sich selbst hinaus gewachsen, als es darauf ankam, als es auf ihn und seine Hilfe ankam, weil scheinbar jeder in der Stadt den Kopf verloren hatte. Mancher hat eben das Zeug zum Helden, mancher eben nicht. Aber jeder ist ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte. Kannst du genau sagen, wie du gehandelt hättest in diesen Tagen? Wärst du weggelaufen? Hättest du dich umgebracht? Oder wärst du über dich selbst hinaus gewachsen und ein Held geworden? Auch, wenn ich kein Christ bin, kenne ich doch die Story mit dem ersten Stein. …

Mir fällt gerade ein, dass der Roman, der mich momentan sehr fasziniert, genau zu diesem Thema „Wertung“ passt und wieder eine ganz andere Facette beleuchtet. Es ist „Drei Tage und ein Leben“ von Pierre Lemaitre. Absolut empfehlenswert!!!

Sich das Unmögliche zutrauen – kleiner Motivationsblog zwischendurch

Wie üblich hörte ich heute beim Frühstück meinen Lieblingssender NDR Kultur. Das Reformationsjubiläum naht, weshalb eine selten gespielte Bach-Kantate erklang. Meistens rauscht diese Musik irgendwie entspannend an mir vorbei. Ich habe das Gefühl, diese Bach-Kantaten klingen alle irgendwie gleich. Ich weiß, dass dem nicht so ist, und heute war es auch überhaupt nicht „gleich“. Ein wunderschönes, längeres Hornsolo ließ mich aufhorchen: „Das kennst du doch?“

Na klar, das ist genau die Musik, die mein Neffe Anton gestern und vorgestern in der Leipziger Thomaskirche spielen durfte! Als er im Sommer bei uns war, hatte er immer wieder Sequenzen daraus geübt.

Natürlich wollte ich damals alles genau wissen: „Was spielst du da? Auf welchem deiner Hörner spielst du es? Wann wird es aufgeführt?“ Ehrlich gesagt habe ich vergessen, auf welchem Horn er das übte. Ich glaube, es war das Barockhorn. Anton erklärte mir dazu so sinngemäß: „Eigentlich habe ich noch nie ein so langes Solo in so einer hohen Tonlage gespielt. Vor einigen Jahren hätte ich das auch noch nicht spielen können. Ich hätte mir auch nie zugetraut, so etwas öffentlich aufzuführen. Aber jetzt kann ich es! Ich brauche zwar Durchhaltevermögen und es fordert mir alles ab, aber ich kann es!!! Nur ist es noch mental bei mir gespeichert, dass diese Stelle für mich unspielbar ist. Nun bin ich dabei, mein Gehirn umzuprogrammieren und diese alte Speicherung zu lösen.

Das hat offenbar funktioniert! Inzwischen haben Anton und seine Freunde zehn Aufführungen dieser Bach-Kantate mit großem Erfolg gemeistert. Man muss dazu sagen, dass Anton neben diesem rein technischen „spielen können“ einen sehr hohen musikalischen Anspruch an sich hat. Mein Fazit: Man kann nur über sich hinauswachsen, wenn man von Anfang an das Unmögliche für möglich hält und sich nicht selbst beschränkt. Wenn man erfolgreich sein möchte, sollte man der inneren Blockade „Das kann ich nicht“ garnicht erst mentale Nahrung geben. Das gilt übrigens ebenso, wenn man dazu neigt, sich hinter äußeren Umständen zu verstecken. („Das geht nicht, weil …“) Es geht sehr viel, wenn man sich erlaubt, über sich selbst hinauszuwachsen! In diesem Sinne wünsche ich allen zum Reformationstag ein erfolgreiches Reformieren des Geistes!

Warum bin ich so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich … ?

 

Heute auf dem Weg zur Probe mit meiner plattdeutschen Gruppe: Ich war zu Fuß unterwegs und hatte wegen des schönen, milden Wetters den Umweg über den idyllischen Stadthafen gewählt. Dort fiel mir auf einmal meine Freundin in die Arme. Sie saß gerade mit ihrem Mann vor dem alten Speicher, um einen Eisbecher zu genießen. Natürlich kam ihr Standardspruch, der aber auch diesmal wieder stimmte: „Das fügt sich ja wunderbar, dass wir und hier treffen!“ Ja, es fügte sich wirklich, denn wir hatten schon mehrmals versucht, uns zu erreichen oder zu treffen, ging aber immer irgendwie nicht. Nachdem wir uns nun endlich verabredet hatten, sagte sie noch: „Du siehst so richtig frisch und fröhlich aus!“ – „Das bin ich auch!“, antwortete ich spontan. Nach der Probe ging ich noch mit einer Freundin einen Milchkaffee trinken. Und ein zweites Mal an diesem Tag das Kompliment: „Du siehst so frisch und erholt aus, hast du etwas mit dir gemacht?“

Nein, ich war weder zum Friseur noch zur Kosmetik noch im Solarium, in der Salzgrotte oder sonstwo – ich bin einfach nur gut drauf, und ich kann noch nicht einmal sagen, wieso. Aber muss es immer einen konkreten Grund dafür geben, wenn man gute Laune hat? Man kann doch einfach mal so gut drauf sein, so wie es Herman van Veen in seinem schönen Lied besingt. Es muss ja nicht das supergroße, supertolle Erlebnis sein, was gute Laune auslöst.

Bei mir läuft es eben gerade gut. Die Bibliothek ist voll mit gut gelaunten Ferienkindern und ihren Eltern. Nachdem ein supernetter Telekom-Pannendienst da war, funktioniert das Telefon wieder. Da ich vor dem Umzug der Bibliothek und dem Umbau unseres jetzigen Domizils nicht noch eine teure neue ISDN-Anlage kaufen will oder sonstwie teuer umrüsten möchte, hat er eine schöne, elegante Überbrückungslösung für die uralte, schrottreife ISDN-Anlage gefunden. Das nenne ich mal Service!!! Da jetzt alles anders verkabelt ist und ich statt zwei Telefonen nur noch eins brauche, ist endlich das Kabelwirrwarr unter der Theke reduziert und das alte, sehr sperrige und eh kaputte Faxgerät rausgeflogen. Hach, gibt das Platz!!! Ein Leser kam mit Stapeln von aktuellen Krimis an, um sie der Bibliothek zu schenken. Das freute mich ganz besonders. Die Schenkung hatte eine Vorgeschichte. Dieser Leser und seine Frau haben immer mal Wünsche und Anregungen, die bewirkten, dass ich neue Krimis kaufte. Im Januar kam der Mann wieder mit einer langen Wunschliste, aber ich vertröstete ihn, da ich keine Bücher kaufen konnte, solange der Haushalt der Stadt nicht verabschiedet war. Da er nicht warten wollte, kaufte er sich die zwei Krimireihen selbst, um sie jetzt der Bibliothek zu schenken. Da viele unserer Leser Krimis am Fließband „verschlingen“, ist das ein Geschenk, welches viele Menschen glücklich machen wird.

Privat ist auch alles gut an diesen milden Herbsttagen mit den tollen Sonnenuntergängen. Ich genieße den Herbst in jeder Sekunde, die ich draußen verbringen kann. Noch immer habe ich den Garten meiner Eltern in Pflege, die Abendstimmungen dort sind einfach herrlich entspannend. Und ab und zu darf ich noch späte Himbeeren und sogar Tomaten ernten. Danach beobachte ich noch kurz die Aquarienfische nach der „Raubtierfütterung“ – das ist spannender als Fernsehen! Wie schon so oft stelle ich auch diesmal wieder fest, dass Fische ziemlich clever sind! Die Eltern melden sich immer mal begeistert von ihrer Kreuzfahrt, meine Schwester und mein Schwager mailen tolle Fotos von ihren Wanderungen, aber mir gefällt es im Moment, hier zu sein. Auch im Freundeskreis sind alle gut drauf, und im Verein läuft es gerade so relaxt und harmonisch wie lange nicht mehr. Keine Ellenbogen mehr, kein Gestreite um irgendetwas. Jeder kennt seine Stärken und Schwächen und die der anderen, und dementsprechend teilen wir uns die Arbeit auf, ohne dass einer über den anderen herzieht. Das geht, wenn jeder einzelne kompromissbereit ist. Ich hoffe, dass sich dieses schöne Miteinander verstetigt und dass alle Streitereien endlich der Vergangenheit angehören.

So sind es viele kleine Mosaiksteinchen, die trotz gleichbleibender Arbeitsbelastung eine tiefe Zufriedenheit, Entspanntheit und Fröhlichkeit ergeben.

Dieser Blog lebt eigentlich nur durch das geschriebene Wort, aber heute ist mir mal so: Viel Spaß mit Alfred Jodokus Kwak!

 

Ein Feierabend-Erlebnis

Es ist die Zeit der Baustellen-Ampeln. Ich stehe an der Haltestelle und warte auf meinen Bus. Ich warte und warte. Dabei genieße ich die immer noch wärmenden Strahlen der tiefstehenden Sonne. Über meinem Arbeitsort liegt ein intensiver rauchiger Geruch. Auch das gehört zum Herbst, aber nur in diesem Ort, in dem jede Familie mindestens drei Gärten zu haben scheint. Sie verbrennen Gartenabfälle, was das Zeug hält. Lüften in der Bibliothek ist in diesen Tagen keine gute Idee. Peter Mayle beschrieb übrigens ein ähnliches Phänomen in einem seiner autobiographischen Provence-Romane. Okay, warum also nicht etwas Provence in Mecklenburg? Dann aber bitte mit Trüffeln!!! 🙂

Nach einer Viertelstunde Warten hält ein Wagen neben mir: „Wollen Sie mitfahren?“ Ein junger Familienvater, der manchmal auch den Bus nimmt, um von meinem Arbeitsort in meinen Wohnort zu pendeln, lächelt mich an. Dankbar steige ich ein. Endlich weg aus dem Herbstrauch dieser Stadt und ab in den rauchlosen Garten meiner Eltern, die vor einigen Tagen ihre Kreuzfahrt angetreten haben. Wir plaudern nett, und es wird eine Art Restaurant-Tester-Gespräch. Wir stellen fest, dass wir beide gern gut essen, und in unserer Heimatstadt gibt es einige gute neue Restaurants. Wir debattieren über Saiblings- und Maränenfilet, Entenbraten mit Knoblauch-Knödeln und mediterrane Küche. In den letzten Wochen bin ich von einer Geburtstagseinladung zur anderen gewesen, deshalb könnte ich gerade einen eigenen Restaurantführer über die zahlreichen Lokale am idyllischen Hafen meiner Stadt schreiben. Meinem Fahrer ging es ebenso. Herbst – die Zeit der Geburtstage. So vergeht die Fahrzeit wie im Fluge. Als ich im Garten meiner Eltern ankam, war ich schon ganz relaxt. Der alte Walnussbaum schenkte mir noch einige Nüsse und die Aquarienfische freuten sich über ihr Futter. Ich bin dankbar über jeden Sonnenstrahl. So schön kann Feierabend sein!

„Bitte registrieren Sie sich!“

Wie war die Welt doch früher schön analog! Wenn sich meine Daten für den Berufsverband geändert hatten, rief ich dort an. Wenn ich eine Reise buchen wollte, tat ich das im Reisebüro. Und die Telefonrechnung kam per Post. Also ich kann heute nicht mehr ohne Internet leben und nutze es sehr gern. Bloggen ist zum Beispiel eine tolle Übung im kreativem Schreiben. 🙂 Aber noch gibt es Menschen, die partout nicht ins Internet wollen und ohne ganz zufrieden sind. Und auch die sollte man respektieren. Nur wird es für sie immer schwieriger, analog zu überleben. Das beste Beispiel sind meine Eltern. Ständig steckt mir mein Vater einen Zettel mit einer Homepage zu und bittet: „Kannst du mal eben …?“ Klar, mache ich ja auch gern. Der Nachteil dabei ist, dass man sich ständig irgendwo registrieren muss. Ich habe schon Mühe, den Überblick über meine Passwörter zu behalten, und nun habe ich auch noch die Passwörter meiner Eltern dazu. Ich bezahle mit den Kreditkartendaten meiner Eltern, ich buche Ausflüge für die nächste AIDA-Kreuzfahrt meiner Eltern, die Handyrechnungen meiner Eltern gehen auf meine Mailadresse – es wird immer mehr. Es wird ja auch für mich immer mehr. Neulich erhielt ich Post von meinem Berufsverband: „Wir führen jetzt die elektronische Mitgliederverwaltung ein. Bitte registrieren Sie sich, dann können Sie auf unserer Plattform die Änderung Ihrer Mitgliederdaten selbst vornehmen“ So ähnlich jedenfalls. Also Anrufe nicht mehr erwünscht. Kommunikation nur noch digital. Und wieder ein Passwort mehr. Von den Passwörtern, die ich, teilweise von zu Hause, für meine Bibliothek verwalte, schweige ich lieber gleich, sonst werde ich nur noch frustrierter. Seit einiger Zeit bettelt mein Vater, ich möge doch sein VW-Navi aktualisieren. Da sitze ich nun wieder: „Bitte registrieren!“ Also wieder meine Mailadresse angeben und noch ein Passwort dazu. Und dann irgendeine App runterladen, die alles Mögliche kann, was meine Eltern nie nutzen werden. Das will ich doch überhaupt nicht! Ich will ja nur das blöde Navi aktualisieren, weil das den richtigen Abzweig zur Straße meiner Eltern immer noch nicht kennt!!! 🙂 Ich überlege gerade, wie ich meinem Vater die Nutzung dieser Plattform erklären sollte. Der würde davor sitzen und nur Bahnhof verstehen. Also selbst, wenn meine Eltern Internet hätten, müsste ich sowieso immer ran.

Das digitale Leben nimmt jetzt nicht nur Randbereiche ein. Nein, es wird sogar ziemlich existenziell. Gerade heute habe ich einen neuen Personalausweis beantragt. Mit elektronischer Unterschrift auf einem Display, versteht sich. Und mit Fingerabdruck auf einem Display. (Vom Verbrecherfoto schweige ich lieber!) Als ich danach ein Merkblatt über die tollen, grenzenlosen digitalen Möglichkeiten des digitalen Personalausweises erhielt – die Pin wird Ihnen in Kürze zugeschickt – wurde mir schon wieder schlecht. Was ist, wenn diese Daten doch mal in falsche Hände kommen? Für viele Firmen sind diese unendlichen digitalen Möglichkeiten bestimmt eine willkommene Optimierung der Ressourcen. Soll heißen, dann werden weniger nett kommunizierende Mitarbeiter gebraucht. Sicher erfinden die Anbieter meiner Bibliothekssoftware irgendwann eine Möglichkeit, die Daten aus dem digitalen Personalausweis direkt in das Leserkonto einzulesen. Dann hätte auch ich mehr Ressourcen. Der PC macht die Anmeldung von selbst, während ich dem neuen Leser die Bibliothek zeige.

Auch privat sollte ich meine zeitlichen Ressourcen optimieren. Ich sollte eine Plattform für Freunde und Bekannte einrichten. Bitte registriert euch! Ihr könnt euch in meinen Terminkalender einloggen und eure Wünsche dort eintragen: gemeinsamer Kaffeeklatsch, gemeinsamer Spaziergang (oder beides nacheinander), gemeinsamer Ausflug, Kinobesuch, Konzertbesuch, Besuch einer Lesung oder ein abendfüllendes Telefongespräch für Freunde, die mich als Kummerkastentante brauchen. Das kann man ja schon wunderbar mit Google machen. Für Firmen, die mir etwas verkaufen möchten, richte ich auch eine Plattform ein. Da stelle ich beispielsweise rein: „Ich suche einen halblange, türkisfarbene Jacke für die Übergangszeit.“ Bitte registrieren, wenn Sie mir Angebote schicken möchten. Ich prüfe dann die Angebote und brauche mich nur noch entscheiden. Ohne Passwörter für diverse Online-Shops. Das spart viele meiner Ressourcen! Obwohl, ganz analog shoppen in meiner schönen Stadt macht doch viel mehr gute Laune und tankt meine Glückshormone wieder auf! Und man fühlt sich dabei ach so sozial, weil man seine Region stärkt! Da tut man gleich noch etwas, um sein Helfersyndrom zu pflegen! 🙂

Bunter-Tag mit allen Farben des Regenbogens

Um es gleich vorauszuschicken: Nein, ich bin keine AfD-Anhängerin. Ja, ich war auch sehr überrascht über das Wahlergebnis. Zäsur? Ja, aber auch eine Riesen-Chance.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich im Bundestag auf der Besucherplattform eine Debatte verfolgen durfte. Und ehrlich gesagt kam mir das alles sehr verschlafen vor, sehr in Routine erstarrt. Die Vertreter der großen Parteien hielten an diesem Freitagmittag ziemlich plakative Statements, während ein Großteil ihrer Fraktionskollegen entweder durch Abwesenheit glänzte oder sehr schläfrig wirkte bzw. anderweitig beschäftigt war. Nur die Vertreter der kleinen Parteien, die Grünen und Linken, waren mit Ernst und fundierten Argumenten dabei und hatten sich gründlich vorbereitet. Aber deren Redezeit war begrenzter als die der Regierungsparteien. Und sie wurden abgebügelt, weil sie nun mal der Opposition angehören. Sieht so die große Politik aus? Oder ist es gar nur Scheinpolitik, wie sie beispielsweise manchmal in meinem Arbeitsort betrieben wird. So unter dem Motto: Na, welche Bröckchen werfen wir den Stadtvertretern denn diesmal zu, damit die auch mal was zu entscheiden haben? Übrigens spielen die Vertreter der großen, etablierten Parteien in dieser Kommune nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Kommunalpolitik wird längst von Wählergemeinschaften gemacht. Der Bürgermeister ist parteilos und hat, um stabile Mehrheiten zu erhalten, schon vor Jahren seine eigene Wählergemeinschaft gegründet. Ich denke, das ist kein Einzelfall. Auf kommunaler Ebene ist das längst ein Trend, der die etablierten Parteien aufhorchen lassen sollte.

Ja, ich stehe nach wie vor zur parlamentarischen Demokratie, weil ich derzeit keine bessere Lösung habe. Aber nach langen Mutti Merkel-Jahren wirkt innenpolitisch alles wie erstarrt, es wirkt nicht mehr glaubhaft, weil einfach nichts so richtig besser wird von den Dingen, die mir wichtig sind. Es wirkt, wie am Volk vorbei regiert. Auch vernünftige Ansätze der etablierten Politik können nicht mehr glaubhaft vermittelt werden. Da auch das Bildungssystem immer schlechter wird und beispielsweise Institutionen, die bei der unabhängigen Meinungsbildung helfen könnten, wie öffentliche Bibliotheken, unzureichend finanziell unterstützt werden, sind die Menschen immer weniger in der Lage, im Politikdschungel überhaupt noch durchzublicken.

Es muss sich etwas ändern. Die etablierten Parteien müssen wieder zu ihren Wurzeln zurückfinden. Sie müssen die Werte wieder neu für sich entdecken, für die sie einst standen: Sozial, christlich oder Arbeiterpartei. Sie müssen sich hinterfragen und neu definieren. Und dabei kann es durchaus helfen, dass der Bundestag bunter geworden ist, dass die Opposition stärker und vielfältiger geworden ist. Als ich die Balken der Hochrechnungen sah, dachte ich unwillkürlich: „alle Farben des Regenbogens“. Es wird eine neue demokratische Streitkultur entstehen müssen.

Ich finde es sehr konsequent, dass die SPD in die Opposition geht und sich damit völlig neu positioniert. Neuausrichtung statt Macht. Und das, obwohl die SPD zwar das Wahlziel verfehlt, aber weitaus weniger Prozentpunkte verloren hat als die CDU. Wenn es die beiden großen Parteien dann geschafft haben, sich auf ihre ursprünglichen Werte zu besinnen, dann wäre der nächste Schritt, nicht nur an den elementaren Bedürfnissen des Volkes vorbei zu regieren, sondern sinnvoll daran zu arbeiten, die Lebensverhältnisse der einfachen Menschen zu verbessern. Steuerreform, Rentenreform, das desolate Gesundheitswesen – es gibt so viele Baustellen. Und es ist so schade, dass die etablierten Parteien nach langen Sonntagsreden immer nur dann spürbar ins Tun kommen, wenn sie unter spürbaren Druck geraten. Ich wünsche mir von der Politik in allen Bereichen mehr vorausschauendes Agieren und weniger hilfloses Reagieren.

Die große Preisfrage an die Politiker lautet meiner Meinung nach: Warum ist der Anteil der AfD-Wähler in den ostdeutschen Bundesländern so erschreckend hoch? Ausreden, wie „Die Ossis mussten alle in der DDR-Kinderkrippe nebeneinander auf den Töpfchen sitzen und sind deshalb alle traumatisiert“ sind bei der Beantwortung dieser zentralen Frage kontraproduktiv. Unsere ostdeutschen Bundestagsabgeordneten sind erstens sowieso in der Minderheit und zweitens wenig im flächenmäßig überaus großen, weil verhältnismäßig dünn besiedelten Wahlkreis präsent. Und wenn ich mir den lange amtierenden 63jährigen, selbstgefällig lächelnden CDU-Mann so anschaue, der unseren großen Wahlkreis wieder gewonnen hat, dann glaube ich nicht daran, dass der wirklich etwas bewegen kann oder überhaupt will. Muss er ja auch nicht, denn er hat ja immer noch die Ausrede, dass er, obwohl in der Regierungspartei, eh nichts tun kann, weil er mit seinen ostdeutschen Ansichten in der Minderheit ist.

Der SPD nimmt man immer noch den Schröder und die Hartz IV-Reformen übel. Von älteren Westverwandten hörte ich oft: „Immer, wenn die SPD regierte, ging es uns schlecht!“ Sowas hält sich anscheinend jahrzehntelang, auch wenn der Schröder nur zum Teil etwas dafür kann, hatte er doch das Erbe der Kohl-Regierung übernehmen müssen. Eine Bekannte hat, ohne nachzudenken, die Ansichten ihres verstorbenen (westdeutschen) Mannes sehr verinnerlicht: „Ich wähle die, die das Geld haben: CDU“. Solche Beispiele legen die Vermutung nahe, dass nicht nur die etablierten Parteien starr sind, sondern auch die jahrelang gepflegten Urteile der Wähler. Da sorgen natürlich die neuen Protestwähler doppelt für Entsetzen. Aber ich wünsche mir, dass diese Zäsur heilsam für die etablierten Parteien ist.