Das verflixte Steuerteufelchen

Ich hasse es, ausgebremst zu werden, wenn ich etwas Wichtiges erledigen möchte. Aber manchmal scheint es einfach höhere Gewalt zu sein, es klemmt an allen Ecken und Enden, als ob ein kleines Teufelchen seine Hand im Spiel hat.

In diesem langwierigen Fall war es ein Steuerteufelchen. Und es war ziemlich hartnäckig. Das erste Mal plagte es mich vor drei Jahren. Die Finanzchefin meines Vereins hatte gerade gewechselt und war noch dabei, sich in die Vereinsgeschäfte einzuarbeiten. Da wir lange nach einem neuen Kassenwart gesucht hatten, wollte ich sie nicht gleich verschrecken und machte mich heldenmütig selbst an die Drei-Jahres-Steuererklärung meines Vereins. Zuerst ging alles glatt. Die Jahresrechnungen mit Einnahmen und Ausgaben erläutern, um die Gemeinnützigkeit nachzuweisen. Die nötigen Dokumente und Protokolle zusammensammeln und mir noch mal einzelne Positionen der Einnahmen und Ausgaben vom Museumsleiter erklären lassen. Dann sollte ich ein Elster-Formular je Abrechnungsjahr hochladen (welches, war nicht angegeben) und es per Elster dem Finanzamt zusenden.

Und nun ging der Stress los. Das Formular passte irgendwie überhaupt nicht zu den Gegebenheiten unseres Vereins und das Versenden war kompliziert. Ich gab dann die Anlagen persönlich im Finanzamt ab und erhielt daraufhin einen Anruf, dass die Elster-Formulare nie im Finanzamt angekommen waren. Na toll. Das Blöde an den Dingern ist nämlich, dass man sie nicht speichern kann. Unsere Ansprechpartnerin des Finanzamtes verklickerte mir, dass die im Anschreiben an unseren Verein aufgezeigte Verfahrensweise zwar technisch möglich sei, aber leider noch nicht in unserem Finanzamt. Sie bat mich, die nötigen Elster-Vordrucke auf der Homepage der Landesregierung runterzuladen und sie erneut auszufüllen, um sie dann ganz traditionell auszudrucken und dem Finanzamt zu bringen. (Ich wohne ganz in der Nähe, da kann man sich das Porto sparen). Außerdem waren die Formulare, die ich im Elster-Pool für Vereine gefunden hatte, leider die falschen. 😦 Also gut, zweiter Versuch. Die neuen Formulare passten zwar auch nicht besser zu unserem Verein, aber irgendwie ging es, und das meiste erklärte sich sowieso aus den beigefügten Jahresrechnungen mit den Erläuterungen. Es dauerte ewig und ich musste mich immer wieder förmlich selbst an den PC prügeln, aber irgendwann hatte ich es geschafft, und kurz vor Weihnachten 2014 kam dann auch die weitere Anerkennung unserer Gemeinnützigkeit. Der Dank meines Vereins wird mir dafür wohl ewig hinterherschleichen. 🙂 (Das lasse ich mal kommentarlos so stehen.)

Privat hatte ich immer ziemlich pünktlich und problemlos die Steuererklärung gemacht. Zuerst ganz traditionell per Hand in den Finanzamts-Vordrucken, und seit ich zur Arbeit pendle und dadurch mehr Werbungskosten habe, mit der SteuerSparErklärung von der Akademischen Verlagsanstalt. Prima Sache, das!!! Ein Jahr nach dem Vereins-Steuer-Krampf schlug das Teufelchen allerdings auch hier zu. Wenn es schon einmal da ist … ! Ich hatte mir 2015 zum ersten Mal die Steuersoftware per Amazon-Download kommen lassen und die Steuererklärung schon mal fast fertiggestellt, als im Frühjahr meine große Wohnungs-Renovierungs-Aktion begann. Da blieb alles irgendwie liegen. Ja, noch schlimmer! Bein Ein- und Ausräumen meiner Akten kam ein Beleg völlig abhanden und ist bis heute verschwunden. In der Hoffnung, dass sich wie immer alles wieder anfinden würde, ließ ich die Steuererklärung erstmal liegen. Sie lag… und lag … bis jetzt. Der Beleg blieb verschwunden. Inzwischen bestellte ich schon die neue Steuer-Software, diesmal wieder als CD, weil ich sie weiterreichen wollte. Um Platz zu sparen, entsorgte ich die Verpackung der CD gleich.

Das war ein Fehler und eine gute Gelegenheit für das Steuerteufelchen, erneut gnadenlos zuzuschlagen. Der Verlag hatte nämlich den Zugangscode nicht, wie sonst immer, direkt auf der CD-Hülle angebracht, sondern ein Extra-Zertifikat in die Verpackung gelegt. Und das war schon lange entsorgt, als ich das Fehlen des Freigabe-Codes bemerkte. Es ging hin und her, und schließlich blieb mir nicht weiter übrig, als die Steuersoftware noch einmal zu bestellen, zum Glück bei Amazon gebraucht und etwas günstiger. Nun war es schon August 2016 und ich hatte noch keinen Handschlag für die Steuer gerührt. Ich hatte auch keine Lust. Ich war nur genervt und allgemein schon mit Bibliotheks-Dingen reichlich ausgelastet.

Das ging so bis jetzt. Jetzt ist ja schon wieder die nächste Steuererklärung fällig. Ich kaufte also wieder eine neue CD (Die Akademische Verlagsanstalt lässt sich die ja gut bezahlen) und prügelte mich an den PC. Ächz! Also zunächst mal die Steuererklärung für 2014 in Angriff nehmen, die war ja eigentlich schon so gut wie fertig. Doch was ist das? „Die Lizenzdatei ist fehlerhaft.“ Na toll. Kannst du dich nicht endlich mal verp …, du blödes Steuerteufelchen? Oder geht das jetzt immer so weiter? 😦 Ich probierte einen ganzen Abend hin und her, versuchte erneut einen Download („Die gekauften Downloads stehen in Ihrem Games- und Software-Center für Sie zum erneuten Download bereit.“) Ich schaltete alle Sicherheitseinstellungen des PCs auf null und deaktivierte die Virenscanner, um auszuschließen, dass irgendein Virenscanner den Download nicht mag. Es ging nichts. Die Begrüßungsseite des Programms offerierte mir die Möglichkeit, das Programm auf einem USB-Stick zu installieren, dann müsste nur der Steuerfall neu angelegt werden. Entnervt tat ich das dann auch. Hätte ich das gleich gemacht, dann wäre ich zu diesem Zeitpunkt wohl schon fertig gewesen, so lange hatte ich versucht, das Problem zu beheben. Während das Teufelchen in meinem PC hockte und vermutlich abfeierte. Alles neu eingeben, keine Datenübernahme aus den Vorjahren. Nochmals Ächz!!! Aber jetzt hatte ich mich einmal da rangeprügelt und wollte unbedingt da durch. Bis nachts um 12 Uhr saß ich dran, am nächsten Morgen ging’s weiter. Ich war wie im Rausch, ich wollte alles! jetzt! sofort!!! fertig haben. Endlich mal!!!

Bei der Arbeit merkte ich dann, dass der verschollene Beleg ein Riester-Beleg war, und die werden sowieso automatisch dem Finanzamt übermittelt. Die ganze jahrelange Verzögerung, die auch überhaupt nicht meine Art ist, hätte also garnicht notgetan. Gut, inzwischen kann ich darüber lachen. Also mit frohem Gelächter weiter zur doppelt bezahlten Steuersoftware für 2015. Doch was war das? Eine viel kompliziertere Bedienoberfläche als sonst erwartete mich, die dreimal fragte, ob ich nun mit diesem Dialog fertig sei und mich immer wieder zurückwarf. Ich ließ mich immer wieder verunsichern, denn ich wollte wegen der, im Zusammenhang mit meiner Renovierung stehenden, haushaltsnahen Dienstleistungen nichts übersehen. Und das verflixte Steuerteufelchen saß vermutlich wieder im PC und hatte seinen Spaß. Sonst liebte ich diese Software, weil sie fast intuitiv zu bedienen ist, weil sie die Daten aus dem Vorjahr übernimmt und immer tolle Tipps parat hat, denen ich höhere Rückzahlungen zu verdanken habe. Doch diesmal nervte sie, und nicht mal die zu erwartende Steuerrückzahlung wurde wie sonst am rechten, unteren Rand angezeigt.Die Anzeige der zu erwartenden Summe musste ich erstmal suchen. Vermutlich hatte das Teufelchen inzwischen die Software ordentlich manipuliert. Aber ich blieb dran. Unterm Strich hat es mich anderthalb Tage meines Wochenendes gekostet, aber jetzt ist alles für das Finanzamt ausgedruckt. Und wenn, wie es immer der Fall ist, genau die Steuerrückzahlung erstattet wird, die mir mein Programm errechnet hat, dann lohnt sich die Mühe allemal. Nun warte ich nur noch auf die Betriebskostenabrechnung meines Vermieters, um auch das Steuerjahr 2016 abschließen zu können. In diesem Jahr steht auch wieder die Vereins-Steuererklärung für die letzten drei Jahre an, aber mich kann jetzt nichts mehr erschrecken! Ich habe das Teufelchen gebannt!!!

„Nur Ersatz“? – Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Wieder einmal stand mein plattdeutscher Verein auf der Bühne. Unser Jahreshöhepunkt stand an, für den wir Monate geprobt hatten. Leider, leider, war ein Mitglied der uns immer zur Seite stehenden Band erkrankt. Also hatten die übrigen beiden Bandmitglieder, sicher schweren Herzens, entschieden, ohne den dritten Mann nicht aufzutreten. Schade, denn diese Band ist echt originell und passt einfach zu uns.

Wir fanden Ersatz: Der Mann einer Mitstreiterin spielt Klavier und hat uns schon oft auf kleineren Lesenachmittagen begleitet. Allerdings hatte er noch nie in der großen Aula musiziert. Er kam aber auf die Idee, sich Unterstützumg zu suchen. Im Blinden- und Sehschwachenverband hatte er schon oft mit einem vielseitigen Musiker gemeinsam gespielt, der Akkordeon und Saxophon spielt und ganz passabel singt. Beide Musiker sind blind bzw. können nur eingeschränkt sehen. Der Musiker, den wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannten, war früher Architekt und leidet nun sehr unter seiner Augenkrankheit und dem damit einhergehenden Verlust der Selbständigkeit.

Unserem gestrigen großen Abend ging eine öffentliche Generalprobe voraus. Gastgeber war ein Mieterverein, in dessen Begegnungsstätte die Veranstaltung stattfand. Ich war noch im Urlaub, also nicht bei dieser Veranstaltung dabei. Erzählt wurde mir aber folgendes: Die Verantwortliche des Mietervereins begrüßte unsere Gruppe und stellte die Musiker ungefähr so vor: „Die „Muskanten“, die wir alle lieben, sind aus gesundheitlichen Gründen verhindert, also sind diese Musiker leider nur Ersatz.“ Jemand aus unserer Gruppe betonte auch noch einmal das außerordentliche Bedauern darüber, dass einer unserer Musiker krank ist.

Menschen mit Behinderungen sind besonders sensibel, besonders dann, wenn sie noch nicht so lange unter der Behinderung leiden. Sie vergleichen ihr jetziges Leben immer mit dem Leben, was sie vorher führten – das kratzt natürlich am Selbstwertgefühl. Das kann auch zu psychischen Problemen führen. Was tat nun unser neuer „Ersatz“musiker? Er forderte sich Beachtung massiv ein! Er dehnte die Musikstücke endlos aus und redete auch mal laut dazwischen, wenn unsere Gruppe an der Reihe war.

Als Feedback auf diesen Abend hörte ich von den Mitgliedern meiner Gruppe lautes Schimpfen über den unmöglichen Musiker. Ich war ratlos, denn gebucht ist gebucht und Absagen können wir für die zweite Veranstaltung nicht. Ich war auch etwas sauer, denn ursprünglich hatte ich einen anderen Ersatzmusiker vorgeschlagen, der sehr gut gewesen wäre und perfekt zu uns gepasst hätte. Aber die Gruppe war dagegen gewesen. Toll, nun hatten wir den Salat! Ich musste die Musiker an diesem Abend begrüßen und anmoderieren. Lange überlegte ich mir eine Strategie. Ich fragte unseren Klavierspieler und seine Frau ausführlich über den mir unbekannten Musiker aus und entschloss mich dazu, die Flucht nach vorn anzutreten. Kurz und sachlich verkündete ich, dass unsere angestammte Band aus Krankheitsgründen leider ausfällt, brachte kurze Genesungswünsche an und erwähnte meinen Respekt vor der Entscheidung der beiden anderen Bandmitglieder, ohne den dritten Mann nicht auftreten zu wollen. Dann sagte ich: „Wir haben eine würdige Vertretung gefunden.“ Ich begrüßte den Klavierspieler als den Musiker, der öfter schon unsere Programme umrahmte, sagte scherzhaft, dass wir immer gern auch die Ehepartner unserer Mitglieder einspannen (die Ehefrau eines anderen Mitglieds saß an der Kasse) und stellte den neuen Musiker, der in unserer Stadt noch nicht allzu lange wohnt und daher den meisten unbekannt war, würdig und allerausführlichst vor. Ganz unvoreingenommen, ganz so, als wüsste ich nicht, wie sehr er bei der letzten Veranstaltung angeeckt war.

Das Wunder geschah: wir erlebten einen absolut bescheidenen Musiker, der seine Stücke nicht endlos in die Länge zog und auch nicht während unserer Aufführungen „dazwischenredete“. Die Wahl der Musikstücke passte zwar nicht immer ganz zu unserem Programm, aber das fiel nicht so negativ auf. Das Publikum klatschte und sang mit, genau wie bei unseren eigentlichen Musikern. Am Schluss dankte ich den beiden Musikern sehr und lobte sie sehr. Und als einer aus unserer Gruppe, der immer gern das letzte Wort hat, noch einmal lang und breit Genesungswünsche für den erkrankten Musiker aussprechen wollte, reichte ein Blick von mir, um das nicht ausufern zu lassen.

Natürlich sind unsere angestammten „Muskanten“ einfach unschlagbar klasse. Aber wenn es nun mal so ist, wie es ist, dann kann man doch die Ersatzmusiker nicht von vornherein spüren lassen, dass sie nur zweite Liga sind und alles, was sie tun, sowieso nie an die angestammte Band heranreichen wird. Man gibt ihnen ja so von vornherein keine Chance, gut zu sein. Man nimmt sie nicht ernst und nicht als Menschen erster Klasse wahr. Man nimmt ihnen von vornherein die Würde und das Selbstwertgefühl. Und man gibt sich als Zuschauer ja selbst keine Chance, eine positive Überraschung erleben zu können, wenn man davon ausgeht, dass jeder andere außer unserer eigentlichen Band nur schlecht sein kann!!!

Ist es nicht viel schöner, wenn man trotz aller Umstände offen bleibt für alles und offen auf die Menschen zugeht, mit denen man nun mal in diesem Moment zusammenarbeiten muss? Ist es nicht schöner, dem Menschen seine Würde zu lassen und ihn so dazu zu motivieren, überraschend gute Leistungen zu bringen? Ich hoffe, dieser schöne, sehr gelungene Abend hat auch die anderen Mitglieder meiner Gruppe zum Nachdenken gebracht.

Mut zur Veränderung

Mein Neffe ist jung, gut ausgebildet und hoch motiviert, gute Arbeit zu leisten und sich fortzubilden. Das war nicht immer so. In der Pubertät hatte er einige sehr kritische Hängephasen und wir fragten uns oft: „Was soll aus dem Jungen bloß einmal werden?“ Umso größer unsere Freude und Erleichterung darüber, dass er nach dem Abi auf Anhieb den Ausbildungsberuf fand, der ihm bis heute gefällt und dass er während der Ausbildung einen nie gekannten Ehrgeiz und großes Interesse zeigte.

Nach der Ausbildung wurde er von seiner Firma übernommen. Er wollte sich gleich einen festen Kundenstamm aufbauen, eine Zusatzausbildung an einigen Wochenenden absolvieren und zwei Jahre später den Meister „anpeilen“. Doch was passierte? Seine Chefin verheizte ihn als Springer. Er wurde von Filiale zu Filiale geschockt, überall dorthin, wo gerade eine Kraft ausgefallen und Not am Mann war. Er konnte keine Termine mit Kunden vereinbaren und sich keinen eigenen Kundenstamm aufbauen. Er musste sein Sporttraining in seiner Mannschaft aufgeben, weil er fast jeden Tag in einer anderen Stadt arbeitete und so die Trainingszeiten nicht wahrnehmen konnte. Überstunden, die er leistete, wurden weder durch Freizeit abgegolten noch bezahlt. Es frustrierte ihn immer mehr. Natürlich versuchten wir alle, ihn zu motivieren: „Es ist ja auch ein Zeichen, dass dir die Chefin vertraut, wenn sie dir zutraut, eigenständig in einer Filiale erkrankte Kollegen zu vertreten.“ Oder: „Du bist jung und ohne Kinder und Familie, du bist eben von allen am flexibelsten einsetzbar.“ Oder: „Wenn du in so vielen Filialen arbeitest, kannst du doch prima Erfahrungen sammeln!“ Oder: „Vielleicht ist es nur eine kurze Durststrecke in der Firma, die geht bestimmt vorbei, und danach wird dein besonderer Einsatz bestimmt honoriert!“

Jetzt dauert dieser Zustand schon zwei Jahre an. Die Wochenend-Fortbildung – gestrichen. Meisterkurs? Nicht dran zu denken, da sind noch zwei Kollegen vor ihm dran. Auch der mehrmals in Aussicht gestellte feste Arbeitsplatz in einer neu eröffneten Filiale kam nicht. Er ist immer noch der ewige Springer und hört von der Chefin statt eines Karriereplans nur pampige Worte. Seine Kollegen sind übrigens auch unzufrieden, was zur Folge hatte, dass schon sechs (!!!) innerhalb weniger Monate kündigten.

Mein Neffe hat eine Freundin, die ähnlich frustriert ist. Sie hat zwar etliche (selbst finanzierte) Zusatzausbildungen, deren Anwendung ihrem Unternehmen bares Geld bringt – aber davon merkt sie leider nichts in ihrer eigenen Geldbörse. Auch bei ihr wurden Überstunden nicht bezahlt.

Auch ich bin in einer Arbeitssituation, in der mir immer mehr abverlangt wird, dazu gibt es dumme Kommentare des Bürgermeisters. Auch in unserer kleinen Stadtverwaltung ist innerhalb von drei Jahren schon der sechste Kollege gegangen. Da ich in meinem Beruf und in meiner Region bleiben möchte, ertrage ich es – noch.

Mein Neffe und seine Freundin haben jetzt ganz selbstbewusst die Reißleine gezogen. Die junge Generation zeigt, wie`s geht: vom Osten ab in den Westen! (Und ich dachte, die Zeiten wären langsam vorbei, die Lebensstandards gleichen sich an und die junge Generation bleibt oder kehrt langsam zurück? – Denkste!!!) Im Westen nahmen sie meinen Neffen mit Kusshand. Vertraglich geregelt sind 800 € mehr Monatslohn. Und er hat schon die festen Termine für seine Zusatzausbildung und den Meisterlehrgang. Die Kosten dafür übernimmt selbstverständlich der Arbeitgeber. Falls er bei seiner alten Firma im Osten überhaupt jemals zum Meisterlehrgang angemeldet worden wäre, hätte er die Kosten allein tragen müssen.) Darüber hinaus wurde ihm schon die Leitung einer Filiale als Karriereziel langfristig in Aussicht gestellt. Natürlich sind wir alle sehr traurig, wir hätten wenigstens einen meiner beiden Neffen in unserer Nähe gehabt. Aber wir werden ihn weiterhin unterstützen, ihm beim Umzug helfen und .. – na gut, Mut machen müssen wir ihm nicht, denn den Mut und das nötige Organisationstalent für die spontane berufliche Veränderung hatten er und seine Freundin ganz allein zu zweit, sie haben uns heute vor vollendete Tatsachen gestellt. Aber Daumen drücken und ihm beiseite stehen, wenn es mal klemmt, das dürfen wir bestimmt schon noch. Und stolz sein auf den Mut dieser jungen Leute zur totalen Veränderung, zum Start in ein neues Leben, dürfen wir auch. 🙂

Liebe Chefs – ob in Ost oder West – schreibt euch eins hinter die Ohren: Ausbeutung war gestern! Wer ausgebeutet wird oder ständig verbal schlecht behandelt wird, stimmt mit den Füßen ab – und tschüß! Wenn ihr gute Leute haben wollt, dann behandelt sie auch gut! Wenn ihr aus verschiedenen Gründen eure Mitarbeiter nicht gut bezahlen könnt, dann sorgt wenigstens für ein gutes Arbeitsklima, dazu reichen schon manchmal kleine Gesten. Wie z. B. einem jungen Basketballer weinigstens einen Wochentag mit einer festen Arbeitszeit in einer festen Filiale garantieren, damit er trainieren kann. Liebe Chefs, arbeitet mit den Mitarbeitern, nicht gegen sie. Denn gute und hoch motivierte Mitarbeiter sind Goldstaub und nicht beliebig ersetzbar.

Dankjuwell Amsterdam!

Seit langem hatten meine Freundin und ich diesen Urlaub geplant und immer wieder verschoben. Nun waren wir endlich „in die Puschen gekommen“, wie man bei uns so schön sagt, und hatten eine Woche Amsterdam gebucht. Zuerst war es ein Kulturschock: in keiner anderen Großstadt Europas hatte ich bisher solche Menschenmassen auf engstem Raum erlebt (mal abgesehen von der Rush hour in London), ganz zu schweigen von den Tausenden Fahrradfahrern, die auf ihren Pisten natürlich Vorfahrt hatten. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, überfordert oder bedrängt zu sein, denn es gab niemals Rempeleien oder Pöbeleien. Alle Menschen schoben sich rücksichtsvoll durch die Stadt und das Wort „sorry“ war in aller Munde. Wenn wir suchend mit dem Stadtplan in der Hand in der Gegend bzw. anderen im Weg rumstanden, wurde uns sofort geholfen. Auch im A & O Hostel beantwortete das Servicepersonal geduldig jede Frage und half uns weiter. Alle waren irgendwie viel lockerer als die Deutschen. Ich genoss es sehr und konnte mich trotz des Großstadtgewühls herrlich entspannen. Wir wanderten jeden Tag etliche Kilometer durch die Stadt, besuchten das Rijksmuseum, das van Gogh-Museum, das Kattenkabinet 🙂 und mussten im Museum Willet-Holthuysen fast rausgekehrt werden, weil wir völlig die Zeit vergessen hatten. Wir stiegen auf das grüne Schiff des Museums of Science und fuhren auf das Dach der Openbare Bibliotek (kein Urlaub ohne Bibliothek! 🙂 ), um die Aussicht zu genießen – und natürlich nebenbei zu schauen, wie die niederländischen Kollegen so arbeiten.

Noch ein Wort zum van Gogh-Museum: Ich habe noch niemals in einem Museum eine solche Ansammlung von Menschen erlebt. Ganz rücksichtslos verhielte sich ein deutsches Ehepaar, denn der Mann meinte, seine Frau unbedingt neben dem bekanntesten aller bekannten Gemälde fotografieren zu müssen. Auch sonst sah man dort und im Rijksmuseum viele die Kunstwerke fotografierenden Leute, was ich schrecklich fand. Leute, kauft euch lieber einen Bildband oder eine Kunstpostkarte!

Wir gingen an jeder Menge Coffee Shops vorbei, aus denen der Geruch der Joint unüberriechbar quoll. Aber wir sahen im Verhältnis zu der Masse an Coffee Shops nur wenige bekiffte Menschen. Nur vor dem Hostel lieferte einer meiner Freundin eine interessante nächtliche One-Man-Show, die sie vom Fenster ihres Zimmers verfolgte, während ich mal wieder im seligen Tiefschlaf mal nichts mitbekam.

Wir sahen unzählige Schuhläden und H&M-Filialen, aber leider nur drei Buchläden und zum Leidwesen meiner Freundin, die holländische Hermann van Veen-CDs suchte, keinen CD-Laden mehr in der Innenstadt, der Media-Markt in der Nähe unseres Hotels hatte auch nur eine mehr als magere Auswahl zu bieten. Auf die obligatorische Grachtenfahrt begaben wir uns gleich zweimal, was sich sehr lohnte, da die Touren jedes Mal etwas anders waren und unterschiedliche Häuser erklärt wurden. Wir aßen Pannekoeken und tranken Kaffee verkehrt und aßen ansonsten international, dort, wo lauschige Kneipchen waren. Meist im Irish Pub am Rembrandtplein. Wir fuhren mit der Metro und der Straßenbahn durch die Stadt und lauschten den niederländischen Ansagen. Die Sprache ist garnicht so schwer zu verstehen, eine Mischung aus Englisch und Plattdeutsch. In beidem bin ich ja mehr als geübt. Wir erlebten den Blumenkorso in der Gegend um Sassenheim und natürlich den Keukenhof in voller Blütenpracht und fuhren kurz an die Nordsee, uns immer amüsierend über die Sprachstörungen unserer Navi-Tante. Wir schossen Hunderte von Fotos, besonders im Keukenhof mit seinen Millionen von blühenden Tulpen. Den Königsdags-Parties in Amsterdam gingen wir lieber aus dem Weg, aber auch im Keukenhof sahen wir einige Niederländer mit orangenen Krönchen, Schärpen, Hüten und Jacken.

Es war wirklich eine superschöne Zeit, und so kann auch ich sagen: I am Amsterdam! Ich hoffe, ich kann diese holländische Lockerheit mit in meinen Alltag nehmen!

Später Frühling

Bis Mitte März lief ich noch in meiner Daunenjacke umher, denn es war lange kalt hier im „ziemlich hohen Norden“. Nur zaghaft wagten sich die Schneeglöckchen hervor, und sie blieben lange Zeit fast die einzigen Blumen in den Vorgärten. Einsam standen sie da und wurden immer länger und spirriger. Bunte Blickfänge waren nur die von Menschenhand bepflanzten und dekorierten Blumenschalen mit leuchtend bunten Primeln. Zwar gab es sonnige Tage, dann aber wieder sehr kalte Nächte und Temperatureinbrüche mit kaltem Wind. Dennoch wurde jeder noch so kurze Sonnenmoment für Gartenarbeit genutzt. Tagelang lag Rauch in der Luft, denn in unserer Region ist das Verbrennen von Baumschnitt im März noch erlaubt. Auch in der Natur blieb lange Zeit alles kahl. Keine Buschwindröschen waren in den Wäldern zu sehen. Einige verwegene Störche und Kraniche zeigten sich zwar schon mal, aber auch für sie war es ungemütlich. Aber die Singvögel zwitscherten unverdrossen, besonders in den ganz frühen Morgenstunden. Im Garten meiner Eltern wurden sie noch lange verwöhnt, denn das Vogelhaus ist immer mit Leckereien bestückt.

Erst gegen Ende März kam ein Hochdruckgebiet daher, das dann aber auch gleich mit voller Temperaturwucht von fast 20°C. In den Gärten explodierte die Farbenpracht: Die Krokusse waren sofort alle da, fühlten sich aber in der plötzlichen Wärme nicht wohl und verblühten viel zu schnell. Ebenso die blassblauen Blausternchen. Sofort war der Vorgarten meiner Eltern von ihnen übersät, aber innerhalb von wenigen Tagen verblühten sie schon. Schade! Nun sieht man nur noch ihre grünen, schmalen Blättchen. Nur die Osterglocken halten die Stellung und werden in diesem Jahr ausnahmsweise ihrem Namen gerecht, wenn sie die Ostertage verschönern. Mit den warmen Sonnentagen öffneten sich auch endlich die Blüten der Forsythien,  auch die Sträucher legten ihr grünes Blätterkleid an. Frühe Tulpen wagen sich auch endlich an das Tageslicht. Aber es sind noch nicht viele, denn nach dem kurzen, heftigen Frühsommer kam die Kälte wieder und verdarb den Blumen die Lust am Wachsen und Blühen. Die Magnolie im Garten meiner Eltern hat schon ganz dicke Knospen, zieht es aber vor, mit der Blütenpracht noch etwas zu warten. Nur die Veilchen kuscheln sich an geschützten Stellen zusammen und halten duftend durch. Die Yuccapalme, die jahrelang meinen Balkon zierte und dort so ebenmäßig und groß herangewachsen war, dass sie vor einigen Jahren in den Garten meiner Eltern umziehen musste, hatte schon im Februar Frühlingsgefühle und trieb in ihrem Winterquartier erstmals eine gewaltige beige Blütendolde aus. Die Yuccapalme hat eine besondere Geschichte, denn sie stammt von den großem Yuccapalmen ab, die um 1930 vor der Gärtnerei meines Großvaters standen. Auch mein (von meiner Oma geerbter) Weihnachts- und Osterkaktus zu Hause und sein Ableger in der Bibliothek legten früh, ausnahmsweise gleichzeitig und reichlich mit ihrer pinkfarbenen Blütenpracht los, so als wollten sie mich über die lang andauernde Wintertristesse hinwegtrösten.

Das Kurzsommerwochenende am 25./26. März animierte die Moorfrösche, ihre Paarung zu beginnen und sich dafür in leuchtendem Blau zu zeigen. Es ist ein tolles, nur wenige Tage dauerndes Schauspiel, und man kann es in unserer Region an vielen, versteckt liegenden Wasserlöchern, kleinen Seen und Sümpfen beobachten. Das Quaken ist nicht zu überhören, so findet man die blauen Moorfrösche leicht. Seit Anfang April ist in den Buchenwäldern nun endlich der grün-weiße Buschwindröschen-Teppich ausgerollt. Bis die Buchen grün werden, haben die Buschwindröschen (sie werden bei uns plattdeutsch „Öschen“ genannt) und auch die Leberblümchen noch Zeit, ihre Pracht zu entfalten.

In zwei Wochen werde ich hoffentlich im Frühling schwelgen, denn dann ist innerhalb meines Urlaubs in Amsterdam der Besuch im Keukenhof eingeplant.

Pressearbeit – Mut zum Alltag

Die Ansprechpartnerin unserer Kommune von der regionalen Presse war krank. Wochenlang stand fast nichts über unsere kleine Stadt in der Zeitung. Ich dagegen konnte mich eigentlich nicht beklagen: ein großes Interview über unsere Regionalsprache Plattdeutsch (die zuständige Redakteurin kamauf mich zu, da gerade das plattdeutsche Wort des Jahres gesucht wird und Plattdeutsch mein Hobby ist) und eine Umfrage unter allen Buchhändlern und Bibliotheksleiterinnen der Region anlässlich der Buchmesse, welches Buch wir gerade privat lesen.

Am Anfang der Woche stand nun meine eigentliche, frisch genesene und hoch motivierte Ansprechpartnerin aus der Lokalredaktion auf der Matte, mit bittendem Blick: „Haben Sie nicht irgendetwas, worüber ich schreiben kann?“ Ich war ratlos, was zugegebenermaßen selten passiert. 🙂 Eigentlich war nichts außergewöhnliches los. Einen „Abschlussbericht“ über Günthi Bufdis Tätigkeit konnte ich nicht so recht liefern, denn dafür hätte er an diesem Tag aufs Foto gemusst, und er war gerade auf einem Lehrgang. Über den Sommerleseclub kann ich noch nichts sagen, Landesfördermittel sind auch noch nicht in Sicht, auch die örtliche Stiftung hat noch kein Geld für Medienankäufe überwiesen. Eine Schenkung eines Verlages, der historische Wurzeln in unserer Stadt hat, lag noch beim Bürgermeister, der aber gerade nicht für einen Pressetermin zu haben war. (Darüber wollte die Redakteurin eigentlich gern berichten.) Nur der Bücherflohmarkttisch stand gerade noch da. Aber Rekordumsätze hat der nun auch gerade nicht gebracht. 🙂 Meine ehrenamtliche Helferin Christina und ich wollten ihn gerade abräumen, als die Redakteurin kam.

Die Redakteurin wegschicken, wenn sie einmal in der Bibliothek steht und eine Story sucht, geht garnicht. Also improvisieren. 🙂 Einige Sätze über die Leipziger Buchmesse, die ich gerade besucht hatte, einige Sätze über den Bücherflohmarkt, einige Sätze im Zusammenhang damit über DDR-Literatur im Bibliotheksbestand, einige Sätze über die gute Zusammenarbeit mit dem Antiquariat, denn der Antiquar kommt regelmäßig zum Büchertausch: alte Flohmarkt-Bücher gegen neue Thriller und Krimis für die Bibliothek. Für das obligatorische Foto bat ich Christina, sich mit mir zusammen hinter den Bücherflohmarkttisch zu stellen. Christina protestierte zwar, denn sie war ja auf Räumarbeit eingestellt und hatte ihren ollen Pullover an, aber sie machte schließlich mit.

Nun war ich gespannt, was die Redakteurin daraus zaubert. Für eine kleine Randnotiz reichte es vielleicht. Heute schlug ich die Zeitung auf – und siehe da, Text und Foto füllten eine halbe Zeitungsseite! 🙂 Die Redakteurin hatte die zahlreichen, von mir zugeworfenen Bröckchen geschickt verwoben. Ich las es dennoch mit gemischten Gefühlen, denn eigentlich war es doch keine große Story. Nur ein kleiner Alltagseinblick. Natürlich dachte ich auch an meine kritischen Kolleginnen aus den benachbarten Städten und an das trotz aller lieben Kollegialität vorhandene Neidpotential. 😉 Die benachbarten Bibliotheken erscheinen vielleicht zweimal im Jahr in der Presse und ich, dank der engagierten Redakteurin, öfter mal, und zwar „mit nichts.“ 🙂

Eben rief eine begeisterte Freundin an: „Toller Artikel!“ – „Wieso, das war doch eigentlich nichts weltbewegendes.“ – „Doch, für mich war das alles neu und interessant, obwohl ich ja durch dich immer aktuell über die Bibliothek informiert bin!“ Vielleicht sollte ich mal den Blickwinkel ändern? Was für mich einfach nur „business as usual“ ist, kann für Außenstehende durchaus interessant sein. Es muss nicht immer die große Sensation sein, wie Geldregen, neue Technik oder ein spannendes Projekt. Da rege ich mich so oft auf, weil nur große Stories über Mord und Totschlag und Korruption in der Zeitung stehen und bin andererseits irritiert, wenn einfach nur mein Bibliotheksalltag beschrieben wird. Dabei können Alltagsgeschichten gerade interessant sein, jedenfalls für mich interessanter als Mord und Totschlag. Wie sieht der Tag eines Straßenbauarbeiters aus? Was macht ein Nationalpark-Ranger im Winter? Wie setzen die Fischer ihre Reusen? Oder – diese Story gab es mal wirklich vor Jahren und ich habe sie auch gern gelesen – ein Tag unterwegs mit einem Busfahrer. Ganz besonders schön fand ich mal eine Reihe „Leser fragen Leser“, die ging auch in diese Richtung. Also liebe Zeitungsschreiber: Habt Mut zum Alltag!

Bücher, Bücher – Buchmesse!

Ach, war das schön!!! In diesem Jahr hat es endlich mal geklappt – ich gehörte zu den 7% mehr Besuchern der Leipziger Buchmesse! Meine Lieblingsbuchhandlung hatte einen Bus voller Leser geworben und alles organisiert. Nach etwas Stau waren wir gestern gegen 11 Uhr auf dem Messegelände. Dort herrschte schon ein reges Treiben, PKW- und Busparkplatz waren so gut wie voll. Gemeinsam mit einer Freundin stürzte ich mich in das Gewühl der Messehalle 4. Ein junges Lesepublikum war unterwegs, dazwischen schwarz gekleidete und kostümierte Manga-Fans. In der Luft lag ein leichtes Gemurmel, weil alle sich leise über die gesehenen Bücher unterhielten. Große Verlage mit großen Ständen, kleine Verlage mit winzigen Nischen, dazwischen die Podien für die Lesungen. Meine Freundin und ich ließen uns treiben. Ich hatte mir keine Ziele gesetzt, außer möglichst viele Anregungen für meine Bibliothek mitzunehmen. Und die gab es zuhauf. Wäre eine gute Fee erschienen und hätte mir drei Wünsche angeboten, dann hätte ich mir einen dreifachen Jahresetat, der sofort zur Verfügung steht, und dazu einen großen Transporter gewünscht, für die Massen eingekaufter Bücher. So , noch ohne freigegebenen Haushalt und daher faktisch ohne Etat, konnte ich mir nur alles speichern und werde, wenn es soweit ist, meiner Lieblingsbuchhandlung die große Bestellliste präsentieren.

Es gab auch Überraschungen bei den Verlagsständen: Brockhaus hat alles außer Lexika, also das Verlagsprofil fast völlig geändert, unser größter mecklenburgischer Verlag, bei dem ich auch als Autorin gelistet bin, hatte eine eher mickrige und farblose Präsentationsfläche und den aus DDR-Zeiten für seine marxistischen Bücher bekannten Dietz-Verlag gibt es immer noch. 🙂

Im Vergleich zu Frankfurt finde ich die Leipziger Buchmesse überschaubarer. Es lohnt sich, auch mal für einen Tag zu fahren, man schafft es durchaus, einen Überblick zu erhalten und noch einige Lesungen mitzunehmen. Was stark gewachsen ist, seit ich das letzte Mal auf der Buchmesse war, sind die Angebote und Workshops für Menschen, die ein Buch schreiben und publizieren möchten. Da gab es Gesprächsrunden für blutige Anfänger („Äh, wie lange braucht man denn, um so ein Exposé zu schreiben?“) 🙂 und für Profis, für traditionelles „Büchermachen“ und für E-Publishing. Schon immer habe ich suchenden Autoren in der Bibliothek den Tipp gegeben: „Nehmen Sie Ihr Manuskript und fahren Sie damit zur Leipziger Buchmesse!“ Einmal kam sogar eine Autorin zu mir und sagte: „Danke für den Tipp, ich habe dort einen Verlag gefunden!“ 🙂

Weil wir so fasziniert in den Büchern blätterten, bekamen wir von den Lesungen wenig mit. Hier mal einige Gedichte, da mal etwas Satire, dort mal ein Gespräch zum Luther-Jahr (meiner Freundin zuliebe), Martin Suter leider irgendwie verpasst und für Sebastian Krumbiegel war unser Bus zu spät eingetroffen. Dafür erlebten wir eine Live-Kulturradio-Sendung und die Verleihung des Buchpreises in der großen Glashalle. Einmal gingen wir einer langen Schlange von anstehenden Lesern hinterher, und am Ende der Schlange saß Sebastian Fitzek und signierte seine Bücher. Ich habe noch keins von ihm gelesen, weil ich kaum Krimis und Thriller lese, aber die Leser meiner Bibliothek lieben ihn.

Wir waren so angeregt dabei, dass wir den ganzen Tag ohne Ermüdung von Stand zu Stand und von Halle zu Halle schwebten und nur zweimal eine kurze Pause einlegten. Dann saßen wir einfach nur da, aßen und tranken ein wenig und beobachteten die unterschiedlichsten Menschen. Angesichts so vieler literaturinteressierter Menschen wurde mir ganz warm ums Herz und ich fühlte mich unter ihnen gut aufgehoben. Das ist Balsam für meine Seele, und um die Zukunft des Buches und des Lesens mache ich mir ab jetzt keine Sorgen mehr! 🙂

Denkmal? – Denk‘ mal!

In meinem Arbeitsort steht auf dem ehemaligen „Fürstenplatz“ ein so genanntes „Fürstendenkmal“. Es ist ein Obelisk, den Bronzereliefs des Kaisers und einiger Fürsten zierten. Die Hälfte der Bronzereliefs wurde irgendwann in den 1960er oder 1970er Jahren entfernt. Ich habe bisher keine Dokumente zur Entfernung im Stadtarchiv gefunden, deshalb vermute ich mal, dass da jemand illegal am Werk war. Da das Denkmal etwas abseits liegt und die täglichen Wege der Bürger nicht unbedingt daran vorbei führen, kann sich keiner mehr genau daran erinnern, seit wann die Bronzereliefs eigentlich fehlen.

Nun möchte der Bürgermeister dieser Kleinstadt das Denkmal für 50.000 € restaurieren lassen und sammelt dafür über den Kulturverein schon fleißig Spenden. Ein Beschluss der Stadtvertretung liegt zwar nicht vor, die Bürger wurden auch bisher nicht gefragt, ob sie das überhaupt wollen – aber der Bürgermeister möchte es gern.

Nun ging es darum, Infos über das Denkmal zu sammeln. Ich hatte mich nur am Rande mit dem Ding beschäftigt. Es interessierte mich einfach nicht besonders. Vielleicht, weil ich es nicht besonders schön finde. In irgendeiner Quelle hatte ich gelesen, dass das Denkmal in Zusammenhang mit dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 stand. Warum auch nicht, denn in jeder Stadt gibt es so ein Kriegerdenkmal aus dieser Zeit.

Die 80jährige resolute Dame aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte, von der ich schon öfter in meinem Blog schrieb, fragte da schon genauer nach. Schließlich geht sie oft an dem Denkmal vorbei, wenn sie zum Friedhof möchte. Und sie hat auf dem ehemaligen „Fürstenplatz“ eine städtische Blumenrabatte in Pflege genommen. Mindestens seit Januar schaut sie nun regelmäßig bei mir vorbei und redet von nichts anderem mehr als von diesem Denkmal.

Folgendes hat sie herausgefunden: Das Denkmal ist gar kein Kriegerdenkmal im ursprünglichen Sinne, sondern wirklich ein Fürstendenkmal. Nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges wurde, nachdem alle Kriegsteilnehmer aus meinem Arbeitsort überlebt hatten, eine Friedenseiche gepflanzt. Daneben wurde ein Gedenkstein gesetzt. Man hielt dabei natürlich große Reden, die in gedruckter Form vorliegen. Das ist das eigentliche Kriegerdenkmal.

Zwanzig Jahre nach Ausbruch des Krieges wollten sich die Kriegsveteranen noch einmal selbst feiern. Der Kriegerverein, in dem sich neben den Veteranen auch viele Gutsbesitzer der Umgebung organisiert hatten, stiftete ein Denkmal, was er einigen Fürsten widmete, die zur Zeit des deutsch-französischen Krieges an der Macht waren. Man hielt dabei auch große Reden und begoß das große Ereignis anschließend im Wirtshaus kräftig. Schließlich wurde dem Großherzog noch nach vollbrachter Tat eine Depesche nach England geschickt. Vom ersten Tag an hieß das Denkmal nicht „Kriegerdenkmal“ sondern „Fürstendenkmal“, weil die Fürstenreliefs unter dem Obelisken das dominierende künstlerische Element des Denkmals sind. Einige der Gutsbesitzer aus dem Kriegerverein waren erzkonservativ und reaktionär, sie spielten später beim Kapp-Putsch eine sehr unrühmliche Rolle.

Heute steht das Denkmal auf der Denkmalschutzliste des Landkreises. Der Bürgermeister der hoch verschuldeten und finanziell immer klammen Kleinstadt möchte nun das Denkmal aufwändig sanieren lassen. Er äußerte heute gegenüber der resoluten Dame aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte: „Was die Kommunisten abgeschlagen haben, stelle ich wieder her!“

Tut das wirklich not? Muss man alle Denkmale erhalten, nur weil sie nun einmal da stehen und „Denkmal“ sind? Muss man u. a. das Bronzerelief des deutschen Kaisers wieder neu anfertigen lassen und damit das Denkmal im ursprünglichen Zstand wieder herstellen? Können die 50.000 € nicht anders, im Sinne aller Bürger und des Gemeinwohls ausgegeben werden? Die Stadt hat so viele Ecken, die dringend verschönert werden müssten und so wenig Geld dafür! Fragen über Fragen. Denk‘ mal drüber nach! 😉

Diese verflixten Fremdwörter!

Als ich heute früh in die Bibliothek kam und Günthi Bufdi begrüßen wollte, der morgens eine Stunde früher da ist als ich, klebte der förmlich am PC. Er schaute kaum auf, als ich von der Seite auf ihn zukam und ihm freundlich die Hand schütteln wollte. Sonst strahlt er mich immer an und freut sich, dass er ab nun nicht mehr allein ist.

Vielleicht wollte er mal wieder den Tourismus in unserer Kleinstadt retten und schaute, was die anderen Städte so machen? Vielleicht suchte er aber auch Infos über spezielle OPs, denn sein Sohn hatte gerade einen Unfall?

Ich ging darüber hinweg, begrüßte ihn wie immer und erkundigte mich nach dem Befinden seines Sohnes. Dann machte jeder von uns „sein Ding“.

Nachdem Christina und Doreen, die beiden ehrenamtlichen Helferinnen, dazu gekommen waren und eine Weile fleißig gearbeitet hatten, saßen wir in der Kaffeepause zusammen. Die Themen in unsere Kaffeepause, in der Christina meist das Wort führt, sind schon manchmal sehr speziell und nichts für harmoniesüchtige Wesen wie mich, die sich auf das Gute im Menschen fokussieren wollen. Da wird alles Schlechte dieser Welt durchgehechelt. Morde, Attentate, Sex-Sklavinnen … – bis es entweder Günthi oder mir gelingt, ein anderes, schönes Thema anzuschneiden. Als während der letzten Staffel die Rede auf die armen, bedauernswerten, weil hoch verschuldeten Teilnehmer des Dschungelcamps kam, habe ich förmlich darum gebetet, dass gerade jetzt mal das Telefon klingelt und ich mich entfernen kann. Günthi sah mein inneres Leiden und schaffte es dann schließlich, dass wir uns über anderes unterhielten.

Heute war aber Günthi derjenige, welcher … Günthi fragte Christina: „Wie hieß das Wort, was du neulich im Zusammenhang mit der Frau … gebraucht hast?“ – „Nymphomanin, das ist das Fremdwort für sexsüchtig.“ Ich verdrehte schon die Augen. Jetzt geht das wieder los! Aber es kam ganz anders. Günthi sagte: „Aaah, so heißt das! Ich habe heute früh gerade an diese Frau gedacht und so nach dem Wort gesucht, mir fiel es partout nicht ein. Da bin ich ins Internet gegangen und habe gegoogelt: War es Exhibitionistin? Nein, das sind ja die – na, ihr wisst schon. Kleptomanin war es auch nicht. Das sind ja die Klausüchtigen. Schließlich fiel mir das Wort Nudisten ein und ich öffnete einen Link dazu. Da sah ich auf einmal lauter nackte Menschen. Und dann kam gerade in diesem Moment die Chefin um die Ecke!“

Die Chefin – das bin ich. Also diejenige, der bei diesem Bericht vor Lachen fast die Kaffeetasse aus der Hand fiel. 🙂

Frauentag

Heute, am 8. März, wird der Weltfrauentag gefeiert. Bei uns in den „jungen Bundesländern“ hat dies eine lange Tradition und wird auch heute noch gebührend gefeiert.

Angenehm überrascht war ich schon am Morgen, als in meinem Frühstücks-Radiosender NDR Kultur auf diesen Ehrentag hingewiesen wurde. Sie spielten Musik von Komponistinnen und Interpretationen von Musikerinnen oder weiblichen Ensembles. Leider kann ich an Arbeitstagen nie lange Radio hören, denn der Bus zur Arbeit wartet nicht.

Als ich die Bibliothekstür öffnete, folgte die nächste Überraschung. Günthi Bufdi stand nicht wie erwartet mit einer Blume in der Hand da, sondern mit einem ganzen Frühstück, dass er gemeinsam mit seiner Frau für uns drei vorbereitet hatte. Eine nette Idee, denn es war Schließtag und somit eigentlich Archivtag. Und eigentlich hatte ich, pflichtbewusst wie immer, 1000 „to do’s“ im Kopf. Aber ich fand die Idee so schön, dass ich sofort umschaltete und mich wirklich mit Günthi und seiner Frau anderthalb Stunden gemütlich unterhielt, bei leckeren belegten Brötchen, Kaffee und Kuchen. Beim alltäglichen Achten rennen ist wenig Zeit für private Gespräche nebenbei. Der Smalltalk fällt bei mir immer sehr „mall“ aus, nicht, weil ich nicht gern mit Günthi plaudern würde oder auch mit seiner Helga, wenn sie ihn mal abholt, sondern weil wirklich immer ein Berg Arbeit auf mich wartet. Und bald ist Günthis Bufdi-Zeit schon  vorbei. Ein Grund mehr, um wirklich mich mal gemütlich mit ihm und seiner Frau zu unterhalten. Als wir fertig waren, griff ich mir schon automatisch das Geschirr, um in Richtung Kochecke zu gehen. Sofort sprang Günthi ungewohnt schnell auf mit den Worten: „Heute ist Frauentag! Heute wasche ich mal ab!“ Helga, seine Frau, und ich zwinkerten uns amüsiert zu und ließen ihn machen. . Er wusch also das Geschirr ab, während wir Frauen die Zeit für einen Erfahrungsaustausch unter vier Augen nutzten, über Männer im Allgemeinen und Günthi im Besonderen. Also wir lästerten liebevoll etwas ab. 🙂

Normalerweise sind wir ja ein Viererteam: Günthi als Hahn im Korb, meine beiden ehrenamtlichen Helferinnen Christina und Doreen, und ich. Christina und Doreen hatten heute keinen Bibliotheks-Dienst und waren nachmittags und abends auf Frauentags-Parties unterwegs. Wenn wir dienstags und donnerstags zu viert nach getaner Arbeit einen Cappuccino trinken, dann greift sich hinterher immer eine der Frauen die Tassen und zieht damit ab. Von Günthi kommt dann ganz selten mal ein Kommentar wie „Ich könnte ja auch mal abwaschen“, aber das ist nach meiner Einschätzung reine Rhetorik. 🙂 Bevor er diesen Gedanken zu Ende ausgesprochen hat, sind wir mit den abgewaschenen Kaffeetassen meist fast schon wieder zurück. Heute dagegen war er mit den Kaffeetassen so schnell verschwunden, dass ich nur staunen konnte! 🙂

Unsere männlichen Vereinskollegen waren heute nachmittag, bei der Probe meines plattdeutschen Vereins, dagegen absolut enttäuschend. Kein Wort, keine nette Geste, nicht mal ein Glas Sekt!!! Den Kuchen, den wir aßen, hatte eine Vereinskameradin gebacken, und unsere Frauen machten auch wie immer den Abwasch. 😦

Ein Kavalier war dagegen mein Vater, der mir Blumen in die Wohnung gestellt hatte, die ich auf einer kurzen Stippvisite zwischen Arbeit und Probe fand. Es gab auch mehrere Mails und Anrufe von Freunden. Meine Chefs in der Stadtverwaltung dagegen ignorierten, wie jedes Jahr, die Tatsache, dass in den Außenstellen auch Frauen arbeiten, die mindestens genauso gute Arbeit leisten, wie die Mitarbeiterinnen in der Kernverwaltung, die mit einer Rose beschenkt werden. So etwas ist nicht sehr motivierend. 😦 Ich habe es schon mal ganz offen beim Hauptamtsleiter thematisiert, aber ohne Erfolg. 😦 Da haben die Chefs Glück, dass ich auf deren permanente Nicht-Motivation nicht angewiesen bin und mich ganz gut selbst motivieren kann. 🙂

Ich ließ den Tag dann gemeinsam mit einer Freundin ausklingen, für die ich eigentlich immer viel zu wenig Zeit habe, was ich sehr bedauere.

Und da wären wir wieder ganz schnell bei der Frage nach dem Sinn des Lebens: Was ist wichtiger: unterbezahlt Achten rennen für demotivierende Chefs oder Gespräche und Unternehmungen mit Freunden oder mit wirklich netten Menschen? Zum Glück arbeite ich ja nicht für die Chefs sondern eigentlich im Dienst für die Menschen meines Arbeitsortes. Das ist eine schöne Motivation für meine tägliche Arbeit. Aber meine Freunde sind mir auch sehr wichtig. Das werde ich mir jetzt öfter in Erinnerung rufen. Und zwar bevor ich mich abends zu Hause an den PC setze, um noch etwas für die Bibliothek zu tun. Auf neudeutsch hieße das, die richtige work-life-Balance zu finden. Genau das werde ich ab jetzt beherzigen. Und zwar täglich – weil ich es mir wert bin!