Es werde Licht!

Morgen werden wir die Wiederkehr des Lichts feiern.  Lichtmeß geht, wie so viele kirchliche Feste, auf einen alten keltischen Feiertag zurück.

Für mich hat es eine besondere Bedeutung, dass die Tage wieder länger werden. Als nachtblindes Wesen freue ich mich über jede Millisekunde mehr Licht. Man sagt bei uns, dass es nach der Wintersonnenwende jeden Tag einen Hahnenschrei lang länger hell wird. Au ja, her mit dem Licht!!!

Wenn man morgens an einer kaum beleuchteten Bushaltestelle an einer Ampelkreuzung steht und dort von langen Schlangen wartender Fahrzeuge, die von der Landstraße kommen und noch nicht abgeblendet haben,  gnadenlos angeblendet wird, dann ist das schon sehr unangenehm, auch wenn man nicht nachtblind ist. Auch an meinem Arbeitsort ist die Bushaltestelle sehr schlecht beleuchtet. Ich weiß von älteren Bürgern, die lieber längere Wege in Kauf nehmen, da sie nicht gern im Dunklen an dieser Haltestelle stehen möchten. Als ich den damaligen jungen Bauamtsleiter vor Jahren darauf ansprach, reagierte der mit Unverständnis. Keine Chance, da etwas ändern zu wollen.

Wenn ich nicht in Eile bin, dann stören mich die dunklen Ecken an meinem Wohn- und meinem Arbeitsort nicht. Denn wenn ich länger im Dunklen laufe, stellen sich die Augen um und ich kann besser sehen. Außerdem habe ich dann ja Zeit, mich zu orientieren. Abgesehen davon genieße ich es ja auch mal, die Stadt im Dunklen zu erkunden. Wenn ich aber in aller Eile wieder mal auf den letzten Drücker aus der hell erleuchteten Bibliothek stürze und in das dunkle Nichts gerate, dann frustriert mich das jedes Mal. Ich habe mir schon ein zusätzliches Treppenlicht vor der Bibliothek erkämpft, welches die Situation etwas verbessert. Die Straße, in der sich die Bibliothek befindet, ist ganz neu saniert. Man sollte meinen, dass eine neu gemachte Straße auch hell erleuchtet ist. Fehlanzeige. Direkt gegenüber der Bibliothek befindet sich eine nachts angestrahlte Kirche. Die Straßenplaner waren der Meinung, dass dieses Licht ausreicht und haben in Höhe der Kirche keine Straßenlampen gesetzt. Da die Straßenseite gegenüber von der Kirche immer zugeparkt ist, kommt auf diesem Bürgersteig kein Licht an. Mindestens fünfzig Meter zappendusterer Weg! Da helfen nur Taschenlampe oder Handy. Wenn dann noch entgegen fahrende Autos blenden, ist es besonders unangenehm. Den einzigen Lichtblick hat man in der Adventszeit, in der einige Häuser mit Lichterketten geschmückt sind. Dabei hat die Stadt schon gezeigt, dass sie helle Straßen bauen kann. Die Straße, die direkt zum Busbahnhof führt, ist ebenfalls frisch saniert und hat eine sehr angenehme LED-Beleuchtung. Ich nehme im dunklen Winter extra einen Umweg in Kauf, um wenigstens das letzte Stück meines Weges von der Bibliothek zum Bus auf dieser Straße gut erleuchtet gehen zu können. Der kürzere Weg zum Bus ist noch viel dunkler. Vorbei an einem unbebauten Areal, auf einem unebenen Bürgersteig mit Pfützen, ohne Straßenlampen, aber mit entgegen kommenden Fahrzeugen. Einfach gruselig!!! Früher hat im Januar an dunklen Winterabenden der weiße Schnee geleuchtet. Aber Schnee habe ich schon drei Winter lang kaum gesehen.

Ein weiterer Nachteil nachtblinder Menschen ist es, dass man dunkle Gestalten oder Radfahrer ohne Licht einfach nicht sieht, erst recht nicht, wenn man gerade von einem Fahrzeug angeblendet wird. Gefühlt finden es drei Viertel aller Erwachsenen total cool, im Winter mit schwarzer Bekleidung rumzurennen. Ich habe mir schon aus Prinzip eine leuchtend rosa Winterjacke zugelegt. Ich möchte gesehen werden, da ich keinen sehe. Ich möchte von den dunklen Gestalten, von den Radfahrern, die auf Bürgersteigen ohne Licht umherkurven und von den Busfahreren an den dunklen Haltestellen einfach gesehen werden. Früher hatte ich auch eine schwarze Winterjacke. Als wir aber einmal zu dritt mit schwarzen Jacken an der dunklen Haltestelle standen und der Busfahrer im Nebel fast an uns vorbeigefahren wäre, ging mir ein Licht auf. Von diesem Tag an trug ich nie wieder im Dunklen eine schwarze Jacke. Aber auch die jungen schwarzen Gestalten stellen sich jetzt um. Sie tragen fast alle weiße, leuchtende Schuhe. So kommt es, dass ich manchmal nur ein gehendes Paar weißer Schuhe leuchten sehe, ohne die Gestalt dazu. Noch witziger ist es, wenn ein solches weißbeschuhtes Wesesn noch einen Hund mit lustig blinkendem Halsband mit sich führt. Ob den Hunden das auch gefällt, weiß ich nicht, aber zumindest bei schwarzen, kleinen Hunden finde ich das praktisch. Und wenn dann auch noch ein Kind mit einer Laterne vorbei kommt, dann finde ich das ganz besonders schön.

Ein Stadtplaner in einer mecklenburgischen Kleinstadt – nein, es ist nicht das früher als das Schilda des Nordens bekannte Teterow, aber nicht weit weg – meinte es besonders ökologisch gut. Er ließ an einer Straße Solarlampen errichten. Es stellte sich aber bald heraus, dass in unseren dunklen nördlichen Wintern das Sonnenlicht für Solarlampen leider nicht ausreicht. Es reicht nur für zwei Stunden Beleuchtung in der Nacht. Nun war der Bürgermeister besonders schlau und plant, die zappendusteren Lampen an einige Bushaltestellen setzen zu lassen, weil dort seiner Meinung nach weniger Licht gebraucht wird. Oh, je, da tun mir die Bürger jetzt schon leid!

Alle Jahre wieder – und doch immer besonders

Alle Jahre wieder – und doch jedes Jahr anders. Die Weihnachtszeit ist überstanden und sie liegt mir wie immer quer im Magen. Nichts geht mehr und ich hänge abgefüllt und appetitlos in der Gegend rum, während sich der Magen immer mal wieder mit Sodbrennen in Erinnerung bringt. Aber es ist okay so. Ich wollte es so. Aus Liebe zu meiner Familie.

Jede Familie hat ihre Weihnachtsrituale. Bei uns ist es das Essen, welches im Mittelpunkt steht. Gutes Essen mittags, zum Kaffee und abends ist unabdingbar bei uns. Kein Gang darf ausfallen. Es hat Jahrzehnte gebraucht, zu verstehen, dass das Zaubern einer guten Mahlzeit die Art und Weise ist, in der meine Mutter am ehesten ihre Liebe zu uns ausdrücken kann. Seitdem ich dies verstanden habe, übe ich mich in Toleranz – und esse, was auf den Tisch kommt.

So liegen nun also vier Tage voller Essen hinter mir – gestern noch ein Reste-Essen. Begleitet wurde das Fest von vielen Familien-Themen, die hochkamen und angeschaut werden wollten. Das reichte bis zu den traumatischen Erlebnissen meiner Mutter und meines Onkels zum Kriegsende 1945 und der schweren Zeit danach. Diese Generation ist immer noch am Aufarbeiten, am Verarbeiten. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich nie einen Krieg erleben musste.

Auch die alljährliche unterschwellige, völlig unnötige Eifersucht Eltern – Schwiegereltern war wieder zu spüren. Eigentlich stand der anwesende Enkel daneben, während die Omas und Opas sich mit sich beschäftigten. Ich glaube, dass er dem gemeinsamen ersten Weihnachtstag nicht viel abgewinnen konnte. Meist verzog er sich in die Küche oder alberte mit seinem Vater herum, während die beiden Opas gemeinsam an ihren Handys spielten. Eigentlich verkehrte Welt, oder? Sonst spielt immer die Jugend am Handy …  🙂  Vielleicht wird mein Neffe eines Tages andere Weihnachtsrituale praktizieren. Immerhin kam er zu uns angereist und ließ wie ich alles über sich ergehen – aus Liebe zur Familie. Selbst den Braten aß er, obwohl er Vegetarier ist. Der andere Enkel – mein jüngerer Neffe – feierte das Weihnachtsfest in der Familie seiner Freundin, hielt aber telefonisch regen Kontakt zu uns.

Die Adventszeit war wie immer berufsbedingt stressig für mich. Deshalb genieße ich es auch irgendwie, mich Weihnachten an den gedeckten Familientisch setzen zu können, auch wenn er allzu reichlich gedeckt ist. Der Heiligabend begann mit Tränen. Als ich die Zeitung aufschlug, prangte unerwartet in einem Artikel, welcher an die Ereignisse des Jahres 2019 in einer Kleinstadt unserer Region erinnerte, ein Bild der plötzlich und unerwartet verstorbenen Bibliothekarin dieser Stadt, meiner Kollegin und Freundin. Sie schaute mich aus der Zeitung heraus an, ich sagte zu ihr „Siehst du, Petra, wie sehr du geehrt wirst!“ – und brach in Tränen aus. Es war heilsam, denn bisher konnte ich nicht weinen. Als ich die Nachricht von ihrem Tod erhielt, kamen sofort Anrufe und ich war in Schockstarre. Jetzt konnte ich endlich weinen und es war okay so.

Die Vormittage der Weihnachtszeit gehörten mir und ich nutzte sie, um mit Freunden zu telefonieren, Verabredungen zu treffen, Geschenke zu verpacken, letzte Weihnachtsmails und Briefe zu schreiben und Arbeiten in meiner Wohnung zu erledigen. Das Frühstück fiel aus und ich schlief fast komatös extrem lange. Das ist ungewöhnlich für mich, aber mein Körper brauchte es anscheinend.

Nach dem tränenreichen Anfang kamen viele Weihnachtsüberraschungen, die Freude brachten. Ein Brief meiner Sitznachbarin während des Studiums, die sich ein Jahr überhaupt nicht gemeldet hatte, ein Anruf einer Freundin, die ebenfalls lange geschwiegen hatte, eine DVD mit einem Konzert, welches mein Neffe leitete und dirigierte, ein Kalender mit Fotos meines „kleinen“ großen Neffens und ein weiterer Kalender mit Fotos meines Schwagers, Buchgeschenke von Freunden und viele nette Weihnachtswünsche im Freundes- und Bekanntenkreis. Nicht zu vergessen die vielen kleinen netten und kreativen Aufmerksamkeiten der Bibliotheksleser während der Adventszeit – in diesem Jahr so viele wie noch nie – die mich sehr rührten.  Ein Kind schenkte mir beispielsweise eine kleine Süßigkeit und die Oma erzählte mir, die Kleine hätte darauf bestanden, mir etwas schenken zu wollen und diese selbst ausgesucht – „für die Bibliothekerin!“

Selbst meine Pflanzen zeigten weihnachtliche Gefühle. Der alte Weihnachtskaktus meiner Oma, der zunächst überhaupt nicht blühwillig war, zeigte sich zum Fest doch noch in voller Pracht. Eine Orchidee in der Bibliothek, ein Geschenk meines ehemaligen Bufdis zum Einzug, die das ganze Jahr struppig vor sich hin vegetiert hatte, stand plötzlich in übervoller leuchtender Blütenpracht und mein Affenbrotbaum auf dem Hausflur vor meiner Wohnung steht plötzlich voller Blütenknospen. Selbst auf dem Balkon blüht noch ein zartes, gelbes Zauberglöckchen. Natürlich darf auch in meiner Wohnung ein echter Weihnachtsbaum nicht fehlen. Zufälligerweise hatten sogar zwei Weihnachtsbäume zu mir gefunden, einer geplant und einer überraschend. Aber zum zweiten Baum konnte sich nach einigen Turbulenzen eine Familie freuen, die es aufgrund eines Trauerfalls nicht geschafft hatte, sich einen Baum zu besorgen. Wie immer fügt sich alles schon irgendwie zum Guten.  🙂

Sehr traurig stimmte mich die Nachricht, dass Peter Schreier am ersten Weihnachtstag verstorben war. Dankbar denke ich an die „Elias“-Aufführung in der Neubrandenburger Konzertkirche und einige Opernabende in Berlin zurück. Seine Musik gehört seit meiner Kindheit zu jedem Weihnachtsfest dazu. Heute, während einer „Auszeit von allem“, hörte ich mir ganz in Ruhe, ganz für mich, noch einmal seine Platte „Weihnachten mit dem Dresdner Kreuzchor“ und das Interview zu seinem 75. Geburtstag als Podcast auf der Homepage von NDRKultur an. Morgen werde ich unbedingt noch das Weihnachtsoratorium mit ihm als Evangelisten hören. Mein Vater hatte die ganzen DDR-Schallplatten digitalisiert und jeder durfte sich die Kopien wünschen, die er wollte. Da unsere Weihnachtslieder-Schallplatte schon so viele Kratzer hatte, dass sie „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ allzu wörtlich nahm und bei diesem Lied „sprang“, hatte ich extra diese Platte noch einmal in besserer Qualität im Antiquariat besorgt, damit er sie sauber digitalisieren konnte. Aber nicht nur die Weihnachtsmusik von Peter Schreier liebe ich. Besonders mag ich seine Lieder von Beethoven, Schumann, Mendelssohn und natürlich Schubert. Eigentlich waren es seine Aufnahmen dieser Lieder, die mir überhaupt den Zugang zur Musik von Franz Schubert geöffnet hatten. Den Menschen Peter Schreier kannte ich überhaupt nicht, nur seine Singstimme. Aber das Interview von NDRKultur zeigte mir den Menschen, einen sympathischen, offenen, weltoffenen, aber dennoch heimatverbundenen Musiker, der trotz aller Welterfolge mit beiden Beinen auf der Erde geblieben ist. „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“

„Spieglein, Spieglein, an der Wand“ – demokratische Scheingefechte

Nachdem ich ja schon 2017 den Bundestag besuchen konnte, war ich nun ziemlich überraschend im schönsten Landtagsgebäude Deutschlands zu Gast. Wieder mal mit einer Seniorengruppe. Ich schrieb ja schon in meinem Kommentar zu meinem Bundestags-Ausflug, dass es schön wäre, wenn Vertreter aller Altersgruppen die Möglichkeit zu solchen Besuchen hätten bzw. nutzen würden. Politik mal live zu erleben kann durchaus erkenntnisreich sein! Bei mir hat es sich wieder einmal zufälligerweise spontan über Kontakte in meinem Arbeitsort ergeben, dass ich mitfahren konnte.

Gerade in Schwerin angekommen, setzten sich fünf Teilnehmer des Busexkursion zum Shopping ab. Hatten sie es geplant und gezielt diese günstige Mitfahrgelegenheit genutzt oder war diese Idee während einer kurzen Wartezeit spontan entstanden? In jedem Falle fand ich es unmöglich.

Nach einer kurzen Begrüßung durch „unsere“ Abgeordnete erhielten wir durch den Besucherdienst eine kurze Einführung in den Ablauf einer Landtagsdebatte. Danach ging es hoch hinauf auf die Besuchertribüne. Wir waren die einzigen Gäste dort und während der Sitzung wurden wir sogar im Plenarsaal offiziell begrüßt. Wieder zufälligerweise wurden wir zu Zeugen einer sehr wichtigen Debatte, der Diskussion vor der Beschließung des Doppelhaushalts 2020/2021. Als wir den Saal betraten, freute sich der Innenminister gerade noch über mehr Ausgaben für Polizei, Feuerwehr und Sicherheitskräfte. Dann ergriff eine Abgeordnete der Linken das Wort und warf der „Landes-Groko“ sehr engagiert vor, vieles in diesem Haushalt zu vernachlässigen. Sie begann ganz witzig: „Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer hat den schlechtesten Haushalt im ganzen Land?“ Mit diesem Spruch endete sie auch wieder und nahm den Haushalt, besonders die Bereiche Bildung und Soziales, gehörig auseinander. Irgendwie ging es dabei auch immer um die erstrebenswerte schwarze Null im Haushalt. Danach ergriff der CDU-Fraktionsvorsitzende das Wort, ziemlich spontan, denn eigentlich sollte jemand anderes aus der Fraktion reden. Er erinnerte an die Zeit der Wende und sagte sinngemäß, man solle sich doch mal die Erfolge der letzten 30 Jahre vergegenwärtigen. Die Linke hätte ja, so sinngemäß, die ganze DDR-Zeit gewirtschaftet und das Land hätte danach am Boden gelegen.

Ich schaute mir diesen smarten, redegewandten, auch mit dem Publikum auf der Zuschauertribüne, also uns, koke(r)ttierenden Redner an. Wie alt mochte der zur Wendezeit gewesen sein? Eben schaute ich nach: 1978 in Neustrelitz geboren, 1994 mittlere Reife, 1994 – 1998 Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, 2006 – 2010 Geschäftsführer einer GmbH und irgendwann zwischen Ausbildung und dieser Tätigkeit, wann, weiß er vermutlich nicht mehr so genau, ein Studium zum Verwaltungsfachwirt. Hm. Der war zur Wende gerade 11 Jahre alt. Behauptet aber steif und fest, in Mecklenburg hätte damals alles am Boden gelegen. Also ich war zur Wende 21 Jahre alt und ich kann mich nicht an eine zerstörte öffentliche Infrastruktur erinnern. Wirklich nicht. Es gab in jeder Stadt gute Krankenhäuser und ausreichend Ärzte. Es gab ein Bibliothekswesen, um das uns der Westen beneidete. Es wurden Schulen und Kitas neu gebaut (über die Art und Weise der Schulbauten kann man freilich streiten). Das Schulwesen war im internationalen Vergleich sehr gut. Es wurde viel Geld in die Forschung an den Universitäten gesteckt. Es gab die Polizei mit ihren ABVs, es fuhren Busse und Züge, es wurden Autobahnen gebaut, es wurden sogar ab und zu mal historische Gebäude restauriert und das Wohnen war in Stadt und Land bezahlbar. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Ich bin bestimmt kein Ostalgiker und ich lebe gern im Hier und Jetzt, aber ich habe außer der Reisefreiheit damals wirklich nichts vermisst. Es gab dann noch einen Einwurf (Kurz-Intervention als neues parlamentarisches Mittel, habe ich heute gelernt) aus der Fraktion der Linken, der sich, vielleicht klugerweise, nur auf die magische schwarze Null beschränkte. Er warf der CDU-Fraktion vor, dass sie in ihrer Regierungszeit 1990 bis 1994 den größten Schuldenberg der Landesgeschichte aufgebaut hätte. Die Antwort des jungen, smarten CDU-Mannes kam prompt: „Wir mussten ja das Land aufbauen!“ Und schließlich bezeichneter er die Vorrednerin von der Linken noch als „Froschkönig“, was wohl eine witzige Erwiderung auf ihren Eingangs- und Schlusssatz „Spieglein, Spieglein, an der Wand“ gewesen sein sollte.

Nachdem wir eine Stunde lang die Landtagsdebatte verfolgen durften, gab es noch eine kurze Auswertung mit „unserer“ Landtagsabgeordneten aus der SPD. Sie machte klar, dass der Haushalt durch die „Landes-Groko“ in vielen Sitzungen und Debatten ausgearbeitet worden war und dass er nun mit der Mehrheit der „Groko“ beschlossen werden wird. Sie machte deutlich, dass die Debatte, die wir verfolgen durften, eigentlich für das Endergebnis nicht relevant ist, aber die Opposition wolle ja auch etwas zu kritisieren haben. Hm.

Fazit: Politik ist nicht mein Ding, das hat sich wieder einmal bestätigt. Es war interessant, mal zu sehen, wie der Landtag arbeitet, aber ich würde nach wie vor nie in eine Partei eintreten und ich werde sowohl auf Landes- als auch auf Bundes- oder EU-Ebene bestimmt nicht meine Zeit damit verschwenden, gespannt irgendwelche Debatten zu verfolgen. Solche Shows brauche ich nicht. Während ich da im Plenarsaal auf der Besuchertribüne saß, beamte ich gedanklich alle meine guten Wünsche in diesen Saal: „Es werde Licht!“

Was bleibt?

Vor anderthalb Jahren schenkte mir eine Freundin zu meinem 50. Geburtstag einige Balkonblumen. Da mein Geburtstag in die Balkonkästen-Pflanzzeit fällt, werde ich regelmäßig von Freunden oder Familie mit Balkonblumen beschenkt, so dass ich sie meist nicht alle einpflanzen kann. Unter den „draußen gebliebenen“ Pflanzen, die ich in Einzeltöpfen oder Schalen pflegte, war auch die von meiner Freundin geschenkte rosafarbene Nelke. Da ich mit Nelken bisher kaum Erfahrung hatte und sie meist nicht blühen wollte, behandelte ich sie stiefmütterlich, was sonst eigentlich nicht meiner Art und meinem grünen Daumen entspricht. Aber wie durch ein Wunder überlebte sie, struppig wie sie war, bis zum heutigen Tag. Schon eine ganze Weile erfreut mich die Topfnelke schon mit einer einzigen kleinen rosa Blüte, nachdem sie den ganzen Sommer struppig blütenlos dahinvegetierte. Meist gehe ich um diese Zeit ja schon im Dunklen zur Arbeit und komme ebenso im Dunklen heim, so dass ich dann nicht mehr auf den Balkon schaue. Aber an jedem Wochenende sehe ich nach, was sich auf meinem Balkon so tut. Und siehe da, die Nelke blüht und blüht.

Meine Freundin, die Schenkerin der Nelke, ist in diesem Sommer verstorben. Und immer, wenn ich die blühende Nelke anschaue, ist es, als wolle sie mir sagen: „Ich bin da, immer noch. Ich habe nur den Raum gewechselt, aber ich bin nur einen Gedanken von dir entfernt!“

Als ich heute die blühende Nelke goss, fiel mir ein, dass Totensonntag ist. Dieser Tag hat mir eigentlich nie viel bedeutet, denn irgendwie leben die Menschen, die einem nahe waren, doch immer in unseren Gedanken weiter. Gräber habe ich nicht zu pflegen, denn unsere nahen Verwandten sind schon so lange „in einem anderen Raum“, dass wir die Gräber aufgegeben haben. Meist sind es kurze Momente der Erinnerung, wenn man etwas sieht, hört oder liest, was denen, die nicht mehr bei uns weilen, gefallen hätte. Wenn ich Pinguine sehe, dann denke ich an meine Oma, denn sie liebte Pinguine. Wenn unsere plattdeutsche Veranstaltung wieder besonders gelungen ist, dann denke ich daran, wie sehr das Helga, der verstorbenen Nelken-Schenkerin, gefallen hätte. Wenn ich lese, dass die Bibliothek meiner verstorbenen Kollegin und Freundin nun nicht durch eine Bibliothekarin, sondern durch eine Schulsekretärin verwaltet wird, dann denke ich traurig: „Was würde Petra wohl dazu sagen?“ Wenn mir der von meiner Tante vor 30 Jahren gestrickte Pullover wieder mal in die Hände fällt, dann denke ich natürlich an sie. Und nicht nur dann. Wenn ich auf dem Fahrrad mal wieder bei Steigungen ins Schnaufen komme, dann erinnere ich mich ehrfürchtig daran, wie fit meine Tante bis zuletzt war und welche Berge sie mit dem Rad bewältigt hat.

Und wenn meine Mutter zu meinem Vater sagt: „Du bist schon genau wie Opa!“, dann frage ich mich: Wie genau war Opa eigentlich? Ich kenne meinen Opa kaum. Er starb, als ich zehn war und wir hatten bis dahin eigentlich kaum eine enge Beziehung zueinander. Unsere Bezugsperson war eigentlich immer die Oma, die sich ganz rührend um uns zwei Enkeltöchter kümmerte. Aber dieses Thema fasziniert mich schon: Welche Eigenschaften der Vertreter vorheriger Generationen leben in uns und in unseren Nachkommen weiter? „Gab es eigentlich Musiker in unserer Familie?“, will meine Schwester wissen, denn sie ist Musikerin und ihr Sohn ebenso. Bei ihn und seinem Bruder fällt mir auch dieses Talent im Umgang mit Menschen auf, welches schon meine Eltern haben. Beide waren in Leitungspositionen tätig und haben da auch echt etwas bewegt, immer in der Arbeit gemeinsam mit den Menschen, ihre Talente fördernd. Meine Neffen haben genau diese Fähigkeit mit auf ihren Weg bekommen. Kommen da die Dorfschulzen aus der Linie meines Vaters durch oder eher die Geschäftsleute aus der Linie meiner Mutter? Um noch einmal zur Balkon-Topfnelke zurückzukommen: Der intuitive grüne Daumen, den wir fast alle in der Familie haben, ist ein Geschenk einer langen Reihe von Vorfahren, die Gärtner, Förster und Landwirte waren. 🙂 Nur die Frage nach dem Musiker ist noch nicht eindeutig geklärt. Inzwischen weiß ich immerhin durch die Erzählungen in der Familie, dass einige Vorfahren mit Freude auf verschiedenen Instrumenten musizierten.

Da ich meine Großeltern mütterlicherseits nur aus den Erzählungen ihrer drei Kinder und von Verwandten kenne, bin ich Zeit meines Lebens damit beschäftigt, herauszufinden, wie sie wirklich waren. Bei Familientreffen beobachte ich meinen Onkel und meine Tante genau und versuche zu ergründen, „nach wem sie kommen“ – salopp formuliert. Sicher ist auch meine Familienforschung, in der ich schon acht Generationen unserer Vorfahren aufgespürt habe, ein Versuch, zu ergründen, wie unsere Großeltern waren und warum sie so waren, was sie und ihr Leben geprägt hat. Auch beim Treffen mit den Cousinen meines Vaters an der Ostsee vor einigen Wochen habe ich mit allen Fasern beobachtet und hinein gespürt in die Worte zwischen den Zeilen.

Morgen steht wieder ein Familientreffen an. Mein Onkel wird 87 und mein Cousin hat darum gebeten, dass wir uns alle diesen Tag, obwohl ein Montag, frei halten und gemeinsam feiern. Recht hat er!

Ersthelferschulung

Ich gehe ja mit einer gesunden Portion Urvertrauen durch die Welt. Aber Urvertrauen hin oder her – wenn etwas Schlimmes passiert, dann muss man zumindest mal gehört haben, wie man helfen kann. Meine letzte Erste-Hilfe-Schulung war im Spätsommer kurz vor dem Fall der Mauer. Wir Studenten im zweiten Studienjahr wurden im so genannten „Zivilverteidigungslager“ in einem idyllischen Kurort auf den Ernstfall vorbereitet. Das war so die letzte gemeinsame Aktion der noch vollständigen Seminargruppe, danach schrumpfte die Seminargruppe quasi von Wochenende zu Wochenende. Der goldene Westen lockte.

Als ich die Mail mit dem Termin für die Ersthelferschulung erhielt, war ich „grummelig“, denn an diesem Tag hätte ich auch eine Fortbildung über Neuerscheinungen der Kinderliteratur haben können. Aber manchmal muss man sich für das „Not wendigere“ entscheiden. Fakt ist, dass ich meist allein in dem großen neuen Haus mit Bibliothek, Touristinfo, Archiv und Ausstellung arbeite und dort viele Kinder und Erwachsene ein- und ausgehen. Einen Sanikasten und Feuerlöscher habe ich zwar dort, ein Defibrilator war zumindest mal angedacht. Aber was, wenn wirklich etwas passiert? Diesem Thema stellt man sich überhaupt nicht gern. Noch auf der heutigen Busfahrt in meinen Arbeitsort grummelte ich, denn im Stadtarchiv stapelt sich die Arbeit haushoch und das wäre eigentlich mein Archivtag gewesen. Also ganz ehrlich, Lust auf diese Schulung hatte ich null. Aber in den ganzen Jahren meiner Tätigkeit in dieser Stellung wurden zwar unzählige Arbeits- und Datenschutzbelehrungen angeboten, aber nie so ein Ersthelferkurs.

Im Amt angekommen, schauten sich fünf Hanseln fragend an. Zwei Kolleginnen aus dem städtischen Burgmuseum, ein alter Bau mit Kellern und steilen Treppen, in dem oft viele Schulklassen unterwegs sind und wo wirklich schnell mal was passierten kann, ein Kollege aus dem Bauamt, der viel in die umliegenden Ortschaften fährt und eine Kollegin aus dem Ordnungsamt, die eigentlich mal eine ehrenamtliche Feuerwehr-Ausbildung hatte und von der ich dachte, dass sie deshalb am ehesten auf diese Schulung verzichten würde. Der Referent vom DRK war wütend: „Ich habe so viele Termine, dass ich nicht weiß, wie ich alle Schulungen schaffen soll und hier sitzen nur fünf Leute? Um eine Schulung durchführen zu können, braucht es mindestens 15 Leute, alles andere lohnt den Aufwand nicht!“ Tja. Wo sind die Schulsekretärinnen, wo sind die Bauhofleute, wo sind die Kollegen vom Bürgerzentrum? Je Einrichtung sollte mindestens einer teilnehmen. In mir regt sich leise Hoffnung: „Kann man nicht einen neuen Termin ansetzen?“ Dann könnte ich zumindest im Archiv etwas schaffen, auch wenn die interessante parallele Kinderbücher-Fortbildung in den Sand gesetzt ist. Klare Ansage aus dem Amt: Nein, die Fortbildung findet statt, denn sie muss noch in diesem Jahr in Rechnung gestellt werden. 🙂

Na gut. Also machten wir fünf Hanseln es uns gemütlich und eine Kollegin kochte schon mal Kaffee. 🙂 Zuerst ging es um Unfälle auf der Straße. Als ich als einzige die Frage „Wer fährt Auto“ mit „nein“ beantwortete, kam spontan der Satz „Na, dann brauchen Sie das ja alles nicht!“ Den Wind konnte ich dem Referenten aber sofort aus den Segeln nehmen, denn als Beifahrerin auf einer dienstlichen Tour habe ich erlebt, wie sich vor uns ein Unfall ereignete. Wir benachrichtigten die 112, sicherten die Unfallstelle und versuchten so gut es ging der verunfallten Frau, deren Fahrzeug an einem Baum klebte, zu helfen. Bei dieser Gelegenheit sah ich mal Airbags in Aktion. Zum Glück war der Frau nichts ernsthaftes passiert, aber wir konnten ihr allein durch unsere Anwesenheit durch den ersten Schockzustand helfen. Übrigens war ich als Nicht-Autofahrerin die Einzige, die eine solche Straßenverkehrs-Ernstfallstory berichten konnte. Man sollte also nie behaupten, Nicht Autofahrer bräuchten keine Ersthelferschulung. 🙂

Mit uns fünf Leuten entwickelte sich schnell eine angenehm konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Jeder war voll beim Thema dabei, jeder konnte entspannt fragen und etwas beitragen. Besser, als wenn das ganze Amt mit über zwanzig Leuten dagesessen hätte und die Gelangweilten dazwischen entweder an den Handys gespielt oder geschwatzt oder einfach die anderen so intensiv beobachtet hätten, dass man sich unwohl fühlt. Das hatten wir bei solchen Schulungen in der Stadtverwaltung alles schon gehabt. Zwischen uns fünf Teilnehmern stimmte die Chemie derart, dass wir wirklich auf das Thema fokussiert optimal zusammenspielten. Es passte einfach. 🙂 Es sollte so sein. Zu-Fall?! (siehe mein letzter Blogbeitrag) Aber genau so war es optimal gut. Wenn ich schon mal so eine Ersthelferschulung machen muss, dann bitte auch richtig gut, richtig intensiv und vor allem richtig praxisnah. Und dann auch noch exklusiv für fünf Teilnehmer. 🙂

Um mal den Tag zusammenzufassen: Ich habe die Teilnahme an dieser Schulung nicht bereut. Der Referierende war jemand, der seit Jahrzehnten selbst im Rettungseinsatz ist, eine immense Erfahrung hat und wirklich unzählige Beispiele bringen konnte. Jemand, der mit ganzem Herzen dabei war. Es wurde uns eine Fundgrube an dringend nötigem Wissen geboten. Und es wurde dabei stets auf den Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern eingegangen. Kinder haben weiche Knochen und empfindlichere Körper. Was für einen Erwachsenen genau richtig ist, kann ein Kind für das restliche Leben schädigen. Natürlich ging es erheblich an die Nieren, was wir da an Fallbeispielen hörten. Aber diese Infos mussten sein. Das Leben ist nun mal kein Spaziergang und Vorbeugen ist besser als nach hinten fallen. Hinterher musste ich erstmal an die Luft und machte eine kleine Verdauungs-Lauf-Runde durch den Arbeitsort zur Bibliothek und eben noch einmal eine große Runde hier zu Hause. Nun ist meine empfindsame Seele wieder in ihrer Mitte. Ich kann nur allen Lesern empfehlen, ihr Erste-Hilfe-Wissen von Zeit zu Zeit aufzufrischen! Sie können damit Menschen in Not helfen und Leben retten.

Zu-Fälle

An Zufälle glaube ich nicht. Nichts geschieht zufällig, wenn man mit ganzem Herzen sich für etwas engagiert, an eine Sache glaubt, ein Unrecht aufklären möchte oder einfach allgemein auf einem guten Weg wandelt. Ich glaube eher daran, dass sich, wenn man mit ganzem Herzen bei einer Sache ist, die Informationen im kollektiven unbewussten Feld oder, nach Rupert Sheldrake, das morphogenetische Feld sich derart verdichtet, dass einem letztlich genau das „zufällt“, was man gerade benötigt. Drei meiner Sagenbücher sind durch solche sagenhaften „Zu-Fälle“ entstanden, einige Honorarverträge in meiner arbeitslosen Zeit vor mehr als elf Jahren ebenso. 🙂 Dazu gab es viele kleinere „Zu-Falle“ in meinem Leben. Ich hatte ja schon mehrmals meine Freundin erwähnt, die immer wieder in Verzückung gerät: „Wie sich bei dir immer alles fügt!!!“ 🙂 Ja, so ist es wirklich. Ich habe im Laufe meines Lebens ein gesundes Urvertrauen aufbauen können, weil erstens sich wirklich immer alles fügt und zweitens die Dinge, die erst ganz schrecklich scheinen, sich im Nachhinein als sehr wertvolle Erfahrungen erweisen.

Über zwei aktuelle Füge-Erfahrungen kann ich berichten.

Vor zwei Monaten erhielt ich ein zweifelhaftes Angebot aus meiner Heimatstadt. Ich könne sofort die Leitung der dortigen Bibliothek übernehmen, die Stelle würde nicht ausgeschrieben werden und stünde nur exklusiv mir zur Verfügung, denn alle Verantwortlichen wären der Meinung, nur ich könne diese Bibliothek aus dem Schlammassel holen. Der einzige Haken wäre, dass eine Auslagerung der Bibliothek aus der Stadtverwaltung in eine GmbH vorgesehen war und dass man mir mein jetziges Gehalt nicht zahlen möchte. „Wenn Sie das bei uns verdienen wollen, was Sie jetzt verdienen, dann stellen wir Sie für 40 statt 30 Wochenstunden ein!“ An diesem Punkt brach ich die Verhandlungen ab.

Klar fühlte ich mich gebauchpinselt im ersten Moment. Das war der Anruf, auf den ich eigentlich zwanzig Jahre gewartet hatte. Als der kam, dachte ich natürlich im ersten Moment: „Wow!!!“ Aber ganz ehrlich, aus dem öffentlichen Dienst in eine GmbH zu gehen, die sich die Gelder für die Bibliothek mit jedem Doppelhaushalt neu erbetteln muss, ist für mich keine Option. Zumal die betreffende Bibliothek wirklich mehr als im Schlammassel steckt. Über Jahre wurde das Personal zusammengespart und in den untersten Lohngruppen beschäftigt, die Technik ist veraltet, ein Online-Katalog oder die Onleihe sind nicht möglich, über Jahre wurden keine Fachkräfte eingestellt, sondern nur überflüssig gewordene Angestellte der Stadtverwaltung „umgelagert“ oder Hilfskräfte über das Arbeitsamt gesucht. Die Öffnungszeiten sind stetig geschrumpft und der Medienbestand ist nicht aktuell. Die jetzige Bibliotheksleiterin schmiss das Handtuch und geht ziemlich entnervt und fertig viel früher mit Abzügen in Rente, als sie sollte. Ich stand jahrelang als arbeitslose Fachkraft sozusagen daneben und hatte keine Chance auf einen Arbeitsplatz in dieser Bibliothek. Und jetzt soll ich gerade diese Bibliothek zu diesen zweifelhaften Konditionen retten? Nö. Das findet definitiv so nicht statt.

Aber nun zum Zu-Fall: Mir kam es nach der ersten Freude sehr spanisch vor, dass ein Geschäftsführer einer GmbH massiv an mir rumbaggert und sich dabei stets und ständig auf die Kämmerin der Stadt (CDU-Mitglied) bezieht. Die Stadt ist SPD-regiert. Daher hatte ich die Idee, mal die Stadtvertreter ins Boot zu holen. Über Bekannte wurde ein Stadtvertreter der Grünen informiert und ich versuchte, zu einer Stadtvertreterin der SPD, die ebenfalls Bibliothekarin war, Kontakt aufzunehmen. Die aber stand nicht im Telefonbuch. Wie man als Stadtvertreter ohne Telefon-Eintrag bürgernah sein will, ist mir übrigens ein Rätsel. Aber nun kommt endlich der Zufall: Als ich letzte Woche beim Friseur zur Tür reinkam, saß diese Stadtvertreterin in der Wartezone, strahlte mich an und freute sich, mich zu sehen. 🙂 Ich erzählte ihr in Kurzform alles Nötige – und sie war äußerst erstaunt darüber, zum ersten Mal von all diesen Ereignissen zu hören. Sofort gab sie mir ihre Telefonnummer. 🙂 Und zu-fälligerweise steht die nächste Sitzung des Kulturausschusses unmittelbar bevor, auf der nun einige unangenehme Fragen gestellt werden dürften … Sehr oft habe ich übrigens den Eindruck, dass wirkliche Demokratie in den Kommunen selten stattfindet, dass statt wichtiger Entscheidungen den Stadtvertretern irgendwelche Bröckchen zum Spielen vorgeworfen werden, während die wahren Fäden woanders gezogen werden.

Nach diesem ernsten Thema noch ein lustiger Zufall: Gestern fühlte ich mich etwas schnupfig und hatte Niesattacken. Ich sehnte mich nach einem warmen Süppchen mit Ingwer, hatte aber zwischen Job und Probe des plattdeutschen Vereins absolut keine Zeit dafür. Weder um zu kochen noch um dafür einzukaufen. Da erreichte mich zwischendurch ein Anruf der Mutti: „Wir hatten einen zu großen Kürbis gekauft und haben jetzt so viel Kürbissuppe übrig, dass du heute Abend gern zum Kürbissuppen-Essen vorbeikommen kannst!“ Das war sowas von genau richtig!!! 🙂  So kam ich zu einem Süppchen mit Ingwer und anderen gesunden Zutaten, fiel danach und nach einem schönen Tee bei mir zu Hause ins Bett und heute fühle ich mich wieder schnupfenlos pudelwohl.

Seltsam, im Nebel zu wandern

Auf dem gestrigen abendlichen Weg von meinem Arbeitsort nach Hause sah ich sie schon, die Nebelschwaden. – “ … und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.“ – Leuchtendes Abendrot, davor die Lichter der entgegen kommenden Fahrzeuge und in den Wiesen weiße Nebelschwaden. Ein wunderschön romantischer Ausklang des letzten sommerlich warmen Herbsttages dieser Saison.

Heute ein ganz anderes Bild: dicker, grauer, undurchdringlich wabernder Nebel. Auf der Bahnfahrt zur Fortbildung war die Landschaft hinter den getönten Fenstern kaum zu erkennen. Alles wirkte irgendwie gespenstisch, beinahe unwirklich.- „Seltsam, im Nebel zu wandern. Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den Andern. Jeder ist allein.“ – (Hatte ich schon mal erwähnt, dass Hermann Hesse zu meinen Lieblingsdichtern gehört?)

An diesem Tag fühlte ich mich so einsam wie selten. Meine liebe Fortbildungs-Mitfahr-Freundin war zwei Monate zuvor plötzlich und unerwartet verstorben. Sie hätte an diesem Tag neben mir gesessen, wir hätten geschwatzt, gelacht, gelästert und uns berufliche Tipps gegeben. Nun saß ich im Zug und die leeren Plätze gegenüber schrien mich förmlich an.

Ich wusste zwar, es würde schlimm werden, aber so schlimm hatte ich mir diese Fahrt nicht vorgestellt Ich dachte, ich sei nach einem wunderschönen Ostsee-Kurzurlaub auf meiner Lieblingsinsel Usedom stark genug. Aber nein, ich war einfach nur unendlich traurig.

Während der letzen gemeinsamen Zugfahrt hatten wir den Sinn des Lebens zum Thema. Sie verkündete mir freudig den nun endlich festgelegten Beginn ihres Renteneintritts und wir philosophierten darüber, inwieweit man sich von seinen mit Herzblut ausgeübten Job auffressen lassen muss. Sie erzählte mir von einer Freundin, die plötzlich und unerwartet gestorben war und was dies an Gefühlen in ihr auslöste. Und nun ist sie selbst die Nächste.

Diesmal kam ich allein zu spät zur Fortbildung. Kennt ihr das Gefühl? Der ganze Saal voller Kollegen, die Referentin spricht und alle Augen richten sich auf den, der zu spät kommt, also in diesem Falle auf mich. Da der Zug nur im Zweistundentakt fährt, ist es leider nicht anders zu managen. Aber jedes Mal peinlich genug, zehn Minuten zu spät in den vollen Saal zu kommen. Alle Bitten, die Fortbildungen statt um halb zehn erst um zehn Uhr beginnen zu lassen, waren bisher erfolglos. Viele sonst mit dem Zug anreisende Kollegen sind wegen des frühen Beginns schon auf das Auto umgestiegen, obwohl dies ein immenses Parkplatzproblem nach sich zieht.

Natürlich wurde verkündet, dass eine Kollegin ganz plötzlich und unerwartet verstorben ist. In der kleinen Pause war es Thema Nummer eins. Auch sonst gedrückte Stimmung. Die Teilnehmer- und Entleihungszahlen des Projektes waren leicht zurückgegangen, angeblich wegen der neuen, sehr einengenden Datenschutzbestimmungen, eine sehr erfolgreiche, preisgekrönte Kollegin aus einer Kleinstadt führte eine Kollegin aus einer Großstadt vor, die bei ihrem Ferienleseprojekt nur acht Teilnehmer hatte. Sehr genau hatte diese Kollegin die Teilnehmerzahlen in Bezug zur Größe der Orte gesetzt und haute uns diese Zahlen nun genüsslich um die Ohren. Sie tat damit das, was die Projektleitung in weiser Überlegung tunlichst vermieden hatte. Hauen und Stechen auch hier. Klar, das ist ein grottenschlechtes Ergebnis, da nützen alle Erklärungen nichts. Wer mit solchen Zahlen kommt, muss sich zumindest fragen lassen, ob es überhaupt eine generelle Zusammenarbeit zwischen Bibliothek und Schulen gibt. Aber dennoch: die Bibliothek in dieser Art und mit diesen Worten vorzuführen war wirklich nicht nett. Neue Ideen gab es allgemein kaum, das von mir gewünschte Lesezeichen als kleines Giveaway wurde abgelehnt, das Folgeprojet ist noch nicht einmal beantragt, die Presse- und Öffentlichkeitsarbeitsarbeit wird mit sinkendem Niveau der Zeitungen und aufgrund des immer wieder dauerschuldigen Datenschutzgesetzes immer schlechter (als lobende Ausnahme wurde – „schulterklopf“ – (m)ein Betrag in der NDR-Radio M-V-Reihe „Sommer im Regal“ erwähnt), die Existenz der Landesfachstelle ist wieder mal gefährdet und die Onleihe-Bibliotheken kämpfen mit technischen Problemen. Das trug alles nicht dazu bei, meine oder auch die allgemeine Stimmung zu heben.

Schon nach zweieinhalb Stunden war der Workshop beendet. Sofort musste ich raus an die frische Luft. Dicke Regentropfen empfingen mich. Eigentlich hatte ich mir noch einige kurze Einkäufe in der Großstadt vorgenommen, aber nichts ging mehr bei mir. – „Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt, das unentrinnbar und leise von allem ihn trennt.“ – Kurz entschlossen nahm ich die Beine in die Hand, rannte zur Straßenbahnhaltestelle, die Straßenbahn kam prompt um die Ecke. Hin zum Bahnhof, rein in den Zug, Fahrt durch den strömenden Regen. Als ich gut beschirmt auf mein Wohnhaus zueilte, riss mir ein Nachbar, der mich kommen sah, weit einladend die Haustür auf. Willkommen zu Hause.

Mittagspause

Ich sitze auf dem Hof der Bibliothek und lasse mich am ersten Herbsttag von der sanften Sonne bescheinen. Während ich meine Thai-Curry-Suppe löffle, denke ich über das eben von Kollegen der Stadtverwaltung Gehörte nach.

Seit einer Woche wurde eine Stelle in unserem Bauamt ausgeschrieben. Der neue Stelleninhaber sollte alles können, Hoch- und Tiefbau. Es war nicht erkennbar, auf wen die Stelle zugeschnitten sein sollte. Alle im Amt und in der Kleinstadt bewegte die Frage: Wer geht denn nun schon wieder? Im Bauamt wechselt das Personal alle zwei Jahre.

Da ich immer für direkte Kommunikation und gegen Gerüchte bin, hatte ich einfach den Bürgermeister gefragt, als er mir letzte Woche über den Weg lief. Die Antwort: ein erstaunliches Rumgeeiere. Er hätte gehört, da wolle vielleicht jemand gehen. Er wolle den Markt sondieren. Eier, eier, bla, bla, bla. Ich fand das sehr seltsam. Kurz vor der Mittagspause hatte ich die seltene Gelegenheit, mit einer der beiden betreffenden Bauamts-Kolleginnen mal ausführlicher als im Vorbeilaufen zu reden. Als ich sie auf die Stellenanzeige des Bürgermeisters ansprach, brach sie in Tränen aus. Ihr Vertrag laufe im Januar aus, zwei Jahre erweiterte Probezeit. Der Vertrag ihrer Kollegin laufe danach aus, ebenfalls zwei Jahre erweiterte Probezeit. Beide Kolleginnen waren eiskalt von der Stellenausscheibung des Bürgermeisters überrascht worden. Es gab kein Personalgespräch im Vorfeld. Der Bitte um ein Personalgespräch aufgrund der Stellenausschreibung wurde nicht entsprochen, angeblich aus Zeitmangel. Der Personalrat hielt sich bedeckt, die Bauamtschefin ebenfalls. Die eine der betroffenen Kolleginnen liegt gerade in Scheidung, eine Extremsituation, und ist alleinerziehend.

Ja hallo, wo leben wir denn hier? In einer Diktatur, in der hinterhältig agiert wird oder in einem offenen, kollegialen Miteinander? Werden jetzt die beiden Bauamts-Kolleginnen gegeneinander in einen Konkurrenzkampf gehetzt, in dem sie der Chefetage beweisen sollen, wer demnächst bleiben kann? Stellenausschreibung als neues Druckmittel oder moderner Psychoterror? Ja, geht’s noch???

Der Verdacht liegt nahe. Staunend erfuhr ich bei dieser Gelegenheit von einer anderen Kollegin, was für ein Gehacke vor einem Jahr durch eine innerbetriebliche Stellenausschreibung ausgelöst wurde. Jeder fuhr die Ellenbogen gegen Kollegen aus und diente sich der Chefetage an, weil er unbedingt Stellvertreter des Hauptamtsleiters werden wollte. Das Ergebnis: die Stelle wurde noch nicht besetzt, da die derzeitige Stelleninhaberin doch noch keine Lust hatte, in Rente zu gehen. Zum Glück, denn ich arbeite gut mit ihr zusammen. Und zum Glück lief das alles damals irgendwie an mir vorbei.

Möchte ich weiterhin in einer Stadtverwaltung, in der ein menschenverachtendes Klima herrscht, arbeiten? Gut, ich bin weit weg und kann hier allein und entspannt auf einem sonnenbeschienenen Hof sitzen.

Wie es der Zufall so will, ergeben sich gerade mehrere Möglichkeiten für andere Perspektiven, die ich prüfen kann und werde. Möchte ich das, was ich hier jahrelang aufgebaut habe, wirklich verlassen? Und wenn ja, was erwartet mich dort? In jedem Fall ein großes Abenteuer. In einem Fall mit Sicherheit freie Entfaltung in einer wunderschönen Bibliothek, in einem anderen Fall wieder viel Bereinigung von Altlasten und heiße Kämpfe um den Standard, der in meiner jetzigen Bibliothek selbstverständlich ist. Was möchte ich? Ein dickes Gehalt in einem menschenverachtenden System? Freie Entfaltung mit vielleicht finanziellen Einbußen? Altlasten ohne Ende, mit Sicherheit finanzielle Einbußen, dafür aber kein Pendeln mehr? Das Leben ist so kostbar, dass man es nicht in unwürdigen Umständen verbringen sollte. Gerade ist überraschend eine meiner Lieblings-Bibliotheks-Kolleginnen, mit der ich mich oft telefonisch beraten habe und mit der ich viel gemeinsam auf Fortbildungen war, plötzlich verstorben, ziemlich kurz vor der Rente. Da hält man inne, nicht nur voller Trauer, auch voller Gedanken über den Sinn des Lebens. Welchen Stellenwert hat die Arbeit überhaupt in meinem Leben? Sollte ich ihr weiterhin so viel Herzblut und unbezahlte Überstunden opfern?

Noch muss ich keine Entscheidung überstürzen und kann weise und mit Bedacht wählen. Also entspanne ich mich und genieße die Mittagssonne.

Und gerade in dem Moment der Entspannung passiert es: Laut trompeten unten am See die Kraniche, minutenlang, bis der Wind böig auffrischt. Ich werde ganz still und lausche dankbar. Wie auch immer ich mich entscheide, es wird gut werden.

über den Schatten springen und gemeinsam einen Hügel besteigen

Es gibt Personen, mit denen die Chemie überhaupt nicht stimmt. Am besten geht man ihnen aus dem Weg. Wenn man aber verdonnert wird, mit ihnen eng zusammenzuarbeiten, dann hat man ein Problem. Genau in so einer Situation befand ich mich seit Mai diesen Jahres. Ich muss mit jemandem zusammenarbeiten, der (die) auf ihrer Karriereleiter bisher viele Menschen reichlich ausgenutzt hat, die dabei verbrannte Erde hinterlassen hat, so dass ihr ein sehr schlechter Ruf vorauseilt, und die mich in der Vergangenheit tief, sehr tief, verletzte.

Bis vor kurzem war es ein Kampf. Sie fuhr die Ellenbogen aus, ich ebenso. Sie versuchte zu „leiten“, ich übte mich in Totalverweigerung und zog mein Ding durch. War ich doch auch vor der „Leitung“ eigenständig mehr als erfolgreich gewesen. Sie erhielt ständig Rückendeckung vom Bürgermeister, ich ließ mich nicht beeindrucken und wehrte mich verbal mit Rückendeckung vom Hauptamtsleiter. Und zwischendurch immer dieses Aufatmen, wenn sie mal für eine Woche weg war.

In der Theorie ist immer alles ganz einfach. Bleibe in deiner Mitte, segne die Situation und suche das Gute in ihr … – aber wenn man gerade unter Dampf steht, dann mag man noch so aufgeklärt sein, da ist man mitten in den Opfer-Fallstricken. Immer und immer wieder. Ich sah in ihr die blöde Kuh, die ihren Professorinnen-Titel vor sich her trägt, die Zuarbeiten von allen nimmt und als ihre verkauft und sich damit aus einer Honorarstelle in eine gut dotierte Festeinstellung beamt. Sie sah in mir die kleine, unterbelichtete, geltungssüchtige Bibliothekarin, der sie, die liebe Göttin, großzügigerweise eine Chance gibt und die ja sooo undankbar ist. So ungefähr stellte ich mir das jedenfalls vor. Und so hat sie das auch mal gesagt, als ich vor Jahren mal eine Ausstellung in „Ihrem“ Museum gestalten durfte (was damit endete, dass Texte und Inhalte von mir total verdreht als ihre präsentiert wurden). Eine schwierige Beziehungs-Kiste, die nun schon ein Jahrzehnt währte.

Ja, währte. Neuerdings gibt es einen Prozess der Annäherung, ganz langsam, ganz vorsichtig, ganz schleichend. Ich weiß nicht genau, was es ausgelöst hat oder ob es überhaupt ein einzelnes Ereignis war, dass es in Gang gebracht hat. Sie war in letzter Zeit oft in der Bibliothek, setzte sich an den Besucher-PC, schrieb etwas und beobachtete mein Tun. Ich fühlte mich oft genervt davon und fand in solchen Fällen meistens, dass es mal wieder an der Zeit war, im Bestand zu arbeiten, zumal ja jemand nun da saß und den Eingangsbereich im Auge hatte. Dennoch bekam sie natürlich meine Gespräche mit Lesern mit und auch die Arbeit mit den Kindern konnte sie beobachten. Ich beobachtete sie ebenso und fand heraus, dass vieles, was mich und die Kollegen im städtischen Museum an ihrem Verhalten nervte, keine Bösartigkeit war, sondern Gedankenlosigkeit. Sicher war da die „karrieregeile“ Seite, das Klauen von Ideen, das sich und den Professoren-Titel gut vermarkten können. Aber vieles war einfach nur gedankenloses Handeln ohne Plan, aus den jeweiligen Befindlichkeiten im Elfenbeinturm heraus. Einfach nur so und im nächsten Moment einfach wieder anders, in ihrer eigenen Welt. Bei meiner Sagenlesung reagierte sie überraschend ehrlich begeistert und fand warme Worte für mich. Da dachte ich noch, das sei Show. Zu tief waren die alten Verletzungen. Zu tief die Angst, dass, wenn ich wieder Vertrauen fasse, ich wieder ausgenutzt werden könnte. Ich hielt also weiter innerlich Abstand. Bei der Sommerleseclub-Abschlussveranstaltung setzte sie sich einfach in die letzte Reihe, obwohl ich sie gebeten hatte, währenddessen den Eingangsbereich im Blick zu haben. Wieder war ich genervt. Aber sie ließ sich nicht von meiner Ablehnung beeindrucken, blieb dabei und fand später wieder ehrlich lobende Worte. Für mich ein Anlass, eine alte Wunde anzusprechen. Noch vor wenigen Monaten wollte sie dieses Projekt vereinnahmen und als „Mittelalter-Lesewettbewerb“ fortführen. Was hatte ich damals gekämpft und verbal um mich gehauen! Kein Argument zählte. Jetzt sprach ich mit ihr offen darüber, wie ich mich damals gefühlt hatte, was für ein langer Weg es war, diese Kinder, die heute für ihre Leseleistung geehrt wurden, bis hierher zu begleiten und zu motivieren. Mit in sehr intensiver Arbeit ausgewählten Büchern, die Spaß machen und einen leichten Leseeinstieg ermöglichen. Die Antwort war, zumindest ansatzweise rauszuhören, eine vage Entschuldigung. Danach fiel dann von Zeit zu Zeit die Bemerkung „Es sind Fehler gemacht worden und wir müssen nun nach vorn schauen.“

Während der ganzen Zeit der „gepflegten Feindschaft“ war ich immerhin so Herrin meiner Sinne, dass ich sachliche Absprachen emotionslos mit ihr treffen konnte. Es ging um Museumstechnik, Schlüssel, die hinterlegt werden mussten, um bauliche Probleme und immer öfter um Vertretungen, denn eine Aufsichtskraft für die über der Bibliothek befindliche Ausstellung war erst lange im Urlaub und dann lange krank. Ja, ohne Emotionen sachlich etwas klären, das ging, da konnte ich im „Hier und Jetzt“ sein, aber ansonsten hielt ich gern weiter Distanz.

Doch in den letzten Tagen bröckelte die Distanz etwas, wir sprachen mehr miteinander als sonst, ich fühlte mit ihrem Mann mit, dem eine OP bevorsteht und ich merkte, dass sie insgesamt weicher, offener war. Kann ich trauen oder kommt der nächste, hinterhältige Hammer hinterher? Ist es diesmal wirklich echt oder wieder nur gespielt? Mein inneres Kind wehrt sich noch. Es will nie wieder leiden. Verständlich.

Vor kurzem fragte sie mich, ob ich den Weg zu einem Denkmal kenne, welches auf einem Hügel hinter der Stadt liegt. Bezeichnenderweise war es ein Denkmal, welches mit der Aufhebung der Leibeigenschaft in Mecklenburg in Verbindung steht. Ich stand verwundert neben mir, als ich mich sagen hörte: „Ich war auch noch nie dort oben. Lassen Sie uns doch gemeinsam dorthin gehen!“ Während ich mich noch über mich selbst wunderte, nahm sie dankbar an. So kam es, dass wir gemeinsam einen Hügel bestiegen, ich mit meinem inneren Kind an der Hand. Raus aus der Schwüle in der kleinen Stadt in für mecklenburgische Verhältnisse luftige Höhen mit einer schönen Aussicht. Es war schön, bei leicht kühlendem Wind die Lindenallee entlang zu gehen und einfach entspannt miteinander zu reden. Es war einfach nur wohltuend. Unten wieder angekommen, brachen bei mir noch einmal letzte Blockaden und ich sprach einen noch ganz tief schmerzenden inneren wunden Punkt an. Während mir fast die Tränen kamen, beschrieb ich, wie ich mich damals gefühlt hatte. Sie war betroffen und ich merkte, dass sie die von mir beschriebenen Gefühle mitfühlte. Es war nur ein kurzer Moment, dann gingen wir beide wieder auseinander, sie an ihre Arbeit und ich, noch ganz durcheinander, ins Café zur Mittagspause. Der Smalltalk und das leckere Eis dort taten mir gut. Danach arbeitete ich, soweit in der schwülen Luft möglich, etwas entspannter. Heute noch einmal eine Begegnung, wieder entspannt und nett. Ich sagte zu, in meinem Urlaub das Haus zum Tag des offenen Denkmals zu öffnen, damit sie ihren Mann im Krankenhaus besuchen kann. („Da hat sie dich wieder um den Finger gewickelt!“, schimpft mein inneres Kind. Und mein Ego flüstert: „Sei still, es ist doch schön, das Haus zu präsentieren! Und wenn da andere Leute aus der Verwaltung führen, die im Haus nicht arbeiten, gibt das nur wieder Chaos!“) Später empfing sie noch einen Lehrer, der ihr angeboten hatte, didaktische Konzepte für Museumsaktionen zu entwickeln. („Da hat sie wieder jemanden Dummes gefunden!“, maulte mein inneres Kind.) Na und, soll sie doch. Das bin doch nicht ich, die sie da ausnutzen will. Es liegt ja in der Verantwortung des Lehrers, sich einspannen zu lassen oder auch nicht. Als sie mich dem Lehrer vorstellte, bemerkte ich eine kleine Veränderung: „Das ist unsere Bibliotheksleiterin.“ Hä? Hat sie da eben wirklich „Leiterin“ gesagt? Bisher war sie (seit Mai) immer darauf bedacht, „die Leiterin des Hauses“ oder „die Kuratorin“ zu sein und ich wurde immer als „unsere Bibliothekarin“ vorgestellt. Auch der Bürgermeister hatte mir ja mehrmals deutlich zu verstehen gegeben, dass ich keine Leiterin bin, sondern nur eine Angestellte. Also nicht dass mir diese Hierarchien etwas bedeuten würden. Wichtig sind diese Begrifflichkeiten nur in Zusammenhang mit meiner kreativen Handlungsfreiheit in der Bibliothek und auch mit der Einwerbung der Landesförderungen. Denn die erhalten nur Bibliotheken, die fachgerecht durch Bibliothekare geleitet werden.

Ja, es scheint so, als ob wirklich Krusten aufbrechen, letzte Verletzungen noch einmal hochkommen, um geheilt zu werden. Es scheint so, dass eine lange Feinschaft ihr Ende findet. Es deutet sich vorsichtig an, dass ich auch in diesem Bereich mein sonst so sonniges Gemüt und mein Urvertrauen wieder ausleben kann. Ein Neuanfang am Neumondtag. Nun sind erst einmal zwei Wochen Abstand angesagt, sie in ihrer anderen Arbeitsstelle und ihren Mann pflegend, ich im Urlaub. Und dann sehen wir weiter.

Wie viel Heimat passt in eine Kiste?

In unserem Bundesland gibt es einen Heimatverband, der immer mal wieder für Schlagzeilen sorgt. Die letzte große Aktion war, so meine ich, ein vorhersehbarer Reinfall. In einem groß angelegten Wettbewerb eine neue Landeshymne suchen zu wollen tat meiner Ansicht nach überhaupt nicht not. Und ich glaube nicht, dass das Ergebnis sich als Hymne eignet. Aber es wurde viel Geld in den schönen Ostsee-Strandsand gesetzt für die Suche nach dieser Landeshymne.

Fast ebenso lange währte und noch teurer war ein weiteres Prestige-Projekt des Heimatverbandes: die Heimatschatzkiste. Jede Kita soll eine solche Schatzkiste erhalten, um damit den Kindern ein Heimatgefühl zu vermitteln. Für die Zusammenstellung der Schatzkiste wurde ein Projektteam teuer bezahlt. Dieses Team schrieb nun Museen und Institutionen an und bat um Beiträge zur Heimatschatzkiste. An mir lief das alles nur am Rande vorbei, ab und zu hörte ich mal, dass beispielsweise ein Museum sich unbedingt beteiligen wollte oder dass etwas mit Bezug zur plattdeutschen Sprache gesucht wird. In meinem Verein war die Heimatschatzkiste auch ab und zu Thema, z. B. beim einem Wahlkampf-Besuch der damaligen Landes-Bildungsministerin.

Es ist ja schon ein interessantes Thema: Was packt man in eine Kiste, die landesweit einheitlich Heimat symbolisieren soll? Eine schwierige Kiste, finde ich. 🙂 Die Leiterin des Museums meines Arbeitsortes wollte unbedingt, dass ich mir etwas Plattdeutsches, Volkskundliches dazu einfallen lassen sollte. Ich streikte, denn ich war gerade mit etwas anderem beschäftigt und wusste, dass Plattdeutsch und Volkskunde anderswo in guten Händen waren. Dachte ich.

Vor einigen Monaten erreichte mich eine Mail: „Die Leute vom Heimatkisten-Projekt fragen an, ob sie das Kapitel über Murmelspiele aus deinem Spielebuch verwenden dürfen.“ Oha. Da werde ich also doch irgendwie in der Kiste landen. 🙂 Ja, ich hatte mal ein Buch über alte mecklenburgische Kinderspiele zusammengestellt. Das Murmel-Kapitel ist schon besonders, denn ein älterer Herr aus meiner Heimatstadt, der jetzt im Schwabenlande lebt und ganz viel Sehnsucht nach Hause hat, erzählte mir vom Murmelspiel seiner Kindheit, dessen Regeln er nicht mehr vollständig erinnerte. Meine Freundin machte sich auf die Spur, befragte einige „Ureinwohner“ gleichen Alters und rekonstruierte so die Spielregeln für dieses Murmelspiel mit neun Löchern.

Vor kurzem kam dann noch die Bitte hinterher: „Kannst du mal so schnell wie möglich Korrektur lesen beim Sagenkapitel der pädagogischen Handreichung?“ Aber klar, doch! Reicht es bis gestern oder lieber bis vorgestern? 🙂 Nein, Spaß beiseite, ich konnte so in das vollständige Manuskript der Handreichung reinlesen und einen Einblick in den Aufbau der Heimatschatzkiste gewinnen. Es haben sich wirklich viele Museen mit vielen tollen Ideen beteiligt, angefangen mit Anleitungen zum Nachbau von historischen Musikinstrumenten über Naturprojekte bis hin zu historischen Stickvorlagen.

Wieder etwas später eine Nachricht, dass sie tatsächlich noch ein Murmelsäckchen in die Kiste legen wollen. Ja, wo können die Kinder von heute überhaupt noch murmeln oder Hinkepoot spielen? Versiegelte Flächen überall. Gepflasterte Wege, Straßen und Plätze überall und in den Hausgärten englischer Rasen. Wo ist da Platz zum Murmeln? Vielleicht irgendwo am Sandstrand. Also nicht gerade im weichen Strandsand, sondern auf festem Sandboden. 🙂

Der nächste und letzte Hilferuf ließ nicht lange auf sich warten: „In der pädagogischen Handreichung sind ja gar keine Rätsel enthalten! Kannst du nicht … mit einigen einleitenden Worten .. und der dazu gehörigen Didaktik – Redaktionsschluss ist übrigens morgen?“ Aber klar, auch das geht, die Nacht ist ja noch lang … 🙂

Einige Wochen hörte ich dann nichts mehr von der Kiste. Irgendwann wurde sie in den Medien präsentiert und die Vereine erhielten eine Einladung mit verschiedenen Präsentations-Termine. Davon konnte ich aber leider keinen einzigen wahrnehmen. Schade, ich hätte doch zu gern mal in die Kiste geschaut! 🙂 Kaum gedacht, schon ist es manifestiert. 🙂 Mich erreichte eine Mail, dass sich der Heimatverband freut, auch allen hundert Öffentlichen Bibliotheken im Bundesland eine Heimatschatzkiste überreichen zu dürfen. Na prima! Volltreffer!!! 🙂  🙂  🙂  Da kann ich ja das Ergebnis meiner Zuarbeit nicht nur in Augenschein nehmen, sondern richtig damit Kinder erfreuen!!! 🙂

Gestern nun die Nachricht, dass ein Paket eingetroffen war und in der Poststelle lagert. „Es könnte ja die Kiste sein“, dachte ich und bat Doreen, meine ehrenamtliche Helferin, mitzukommen. Ein großes und vor allem schweres Paket wartete auf uns. Zum Glück kam Christina, meine zweite Ehrenamtlerin, mit ihrer Freundin zufällig des Wegs (kaum gewünscht, schon manifestiert) 🙂 und zu viert schafften wir die Kiste in die Bibliothek. Heute hatte ich die Muße, den Inhalt genauer zu begutachten. Zwei Handpuppen mit angedeuteter mecklenburgischer Tracht, einige Fossilien (Bernstein, Donnerkeile, Seeigel, Sternberger Kuchen), ein Spiel, ein plattdeutsches Memo, was es auch vorher schon gab, eine etwas unpraktisch verpackte Überblickskarte von M-V als kleinteiliges Puzzle (naja, ob das für die Kita geeignet ist?)  – und tatsächlich das Murmelsäckchen. Dazu eine CD und DVD mit Volkstänzen, die besagte Handreichung, in der ich meine Zuarbeiten gleich wiederfand und viele, viele Bücher und Broschüren. Ein Naturführer, plattdeutsche Geschichten, kindgerechte Einführungen in die Landespolitik und, da musste ich schmunzeln, Benno Pludras „Lütt Matten und die weiße Muschel“. Ganz schön viele Schätze in der Kiste! Nun kommt es darauf an, die Schätze und damit den Heimatgedanken zu vermitteln.

Eine Vereinskollegin war da gleich ganz eifrig: „Ich will die Kiste auch haben!“ – „Was möchtest du damit machen?“ – „Na, ich gehe ja in einem Jahr in Rente und da will ich mir mit plattdeutschen Kinderprojekten etwas Geld verdienen. Und dazu brauche ich die Kiste unbedingt!!!“ – „Wenn du mit einer Kita Projekte machst, dann hast du ja die Kiste in der jeweiligen Kita. Und wenn du anderweitig Kinderprojekte machst, dann kannst du die Kiste jederzeit in der Bibliothek ausleihen.“ – „Nein, ich will die Kiste haben!!!“ Was für einen Mangel müssen manche Menschen in der Kindheit erlebt haben, dass sie im Alter nicht in der Lage sind, gemeinschaftlich zu teilen? Aber das nur am Rande, weil ich mich gerade jetzt darüber ärgere. Heimat ist etwas, was man teilt, was man gemeinsam erlebt. Es ist nichts, was man „besitzen“ kann, für sich allein „haben“ muss. Es ist nichts, was man künstlich erfinden muss in Form einer Hymne. Heimat ist im Herzen, Heimat wird in Familien und im jeweiligen Umfeld des Kindes erlebt und vermittelt. Inwieweit Heimat aus der Kiste vermittelt werden kann, wird sich zeigen. Das steht und fällt mit dem Engagement und dem Herzblut des Pädagogen.

Für den Bernstein habe ich schon eine Idee. Es gibt da die Sage von der Bernsteinnixe …