wieder einmal sagenhaft schön

Als wir für den Veranstaltungssaal des neuen Bibliotheks-Hauses Themen für (möglichst kostenlose) Lesungen suchten, war ich schnell dabei. Natürlich wollte ich auch an meinem Arbeitsort mein neues Sagenbuch vorstellen. Am liebsten wieder mit Peter, dem Fotografen. Aber da man bei der Planung des Saales eine Möglichkeit zur Verdunklung vergessen hatte und die Sonne im Sommer bis spät abends direkt in die große Glasfront scheint, musste Peter diesmal leider zu Hause bleiben. Dafür versprach ich ihm eine eigene Foto-Präsentation an einem langen, dunklen Winterabend.

Dafür durften diesmal meine stolzen Eltern mitkommen. Von Zeit zu Zeit sind sie bei den Lesungen dabei und bewundern das Tun ihrer Tochter, was auch mir sehr gut tut.

Glücklicherweise war es an diesem Abend zwar wolkig und schwül, aber nicht so sehr heiß. Die Sonne schien zwar, aber sie prallte mir auf dem Leseplatz vor der großen Glasfassade nicht allzu sehr auf den Rücken.

Während die Pressesprecherin der Stadt wie üblich sehr kurzfristig und sehr minimal für diese Veranstaltung warb, hatte ich unter den Lesern der Bibliothek schon lange intensiv die Werbetrommel geschlagen. Mit meinem Verlag hatte ich für die Bibliothek einen Kommissionsvertrag für die Sagenbücher abgeschlossen und das Buch verkaufte sich schon seit Wochen sehr gut. Einige der Leser kauften immer wieder Exemplare zum Verschenken nach. Zur Lesung kamen fast 50 Personen, unter diesen Bibliotheks-Leser, Kollegen meines Arbeitskreises Stadtgeschichte, meine ehrenamtlichen Helferinnen, die auch hier hinter den Kulissen halfen, Kolleginnen der Stadtverwaltung und Leute vom Kulturverein der Stadt. Ich war gerührt über so viel Interesse in dieser doch sehr kleinen Stadt. Als wir auf dem Markt einparkten, parkte neben uns das Schauspieler-Ehepaar ein, welches in einem der eingemeindeten Dörfer wohnt und die neue Veranstaltungsreihe auch mit eigenen Lesungen begleitet. Kurzer Moment des Respektes: „Oh Gott, jetzt hören mir Profis zu!“ Aber durch die herzliche Begrüßung mit nettem Smalltalk war ich sofort wieder in meiner Mitte. Was soll’s. Ich werde mein Bestes geben, wie immer, egal, wer zuhört.

Die mir vorgesetzte Person (siehe letzter Blogbeitrag) war in den letzten Tagen zwar öfter zu sehen, aber dennoch mir gegenüber sehr zurückhaltend geworden. Ab und zu hörte ich in den letzten Tagen mal den Satz: „Es sind Fehler gemacht worden, aber wir müssen nach vorn schauen.“ Aha. Ich nahm das mal so als halbe Entschuldigung für alles Mögliche zur Kenntnis … 🙂 Auf der Sagenlesung fühlte sie sich verpflichtet, die Begrüßungsrede zu halten. Siehe da, sie hatte sich sehr umfassend über meine Freizeit-Forschungs-Aktivitäten und meine Publikationen informiert und fand wirklich nette Worte, auch für meine Bibliotheks-Arbeit mit Kindern.

Wie immer erzählte und plauderte ich rund um die Sagen herum, hielt mich aber diesmal strikt an meinen vorher erarbeiteten roten Faden. Geistersagen, versunkene Schätze, verzauberte Tiere, Hexensagen, Teufelssagen, Riesen und Zwerge. Bei den Geistersagen war ein kleines Schmankerl für den ebenfalls anwesenden Bürgermeister dabei: die Sage vom spukenden Bürgermeister Hans Hörning. Dieser beging zu Lebzeiten die schlimmsten Ungerechtigkeiten und regierte hart. Nach seinem Tode fand er keine Ruhe, spukte in der Stadt umher und musste von einem Geisterbanner in einen Sack verfrachtet und zu einem Ort transportiert werden, wo man einen Bannkreis um ihn herum zog und ihn anwies, dort Feuersteine zu klopfen. Dort sitzt er und klopft heute noch Feuersteine. Ich ließ nur die Sage im Raum stehen, ohne begleitende spitze Bemerkung. Die Wissenden im Publikum schmunzelten sehr. 🙂

Passend zur Lesung hing im Saal gerade eine neue Ausstellung. Svenja, die auch schon für die Ausgestaltung der Bibliothek gesorgt hatte, präsentierte ihre erste eigene größere Ausstellung mit Fantasy-Motiven: Nixen, Hexen, Teufeln, Prinzessinnen … In der kurzen Pause kamen viele Zuschauer zu mir und lobten die Lesung. Besonders stolz war ich auf die Komplimente aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte, denn diese Leute halten oft eigene Vorträge und können daher meine Leistung am besten einschätzen. „Du kannst ja richtig gut frei sprechen! Ich wünschte, ich könnte das auch!!!“, meinte ein Kollege. 🙂 Wenn ich jetzt dem nachspüre, dann erkenne ich, wie gut das Training durch die unzähligen Veranstaltung mit Kita-Gruppen und Grundschulklassen war. Dort gibt es immer Kinder mit Aufmerksamkeits-Defiziten in den Gruppen. Man muss immer flexibel reagieren können, oft Details aus der jeweiligen Geschichte wiederholen oder das Verständnis der Kinder durch Fragen testen. Dabei lernt man, nicht am Buch zu kleben, sondern auch zu improvisieren und doch immer wieder den Faden zu finden. Man muss da eine halbe Schauspielerin sein. Irgendwie hat dieses Training wohl auf meine Lesungen mit Erwachsenen abgefärbt … 🙂 Meine Eltern wurden ebenfalls belagert und herumgereicht und ihnen wurden viele Komplimente über ihre Tochter gemacht. Balsam für die Seele der stolzen Mutti!!!  🙂

Am Ende der Lesung eine kurze Pause, alles blieb still. Ich fragte in die Runde: „Möchten Sie noch eine Sage hören?“ „Ja!!!“ war die eindeutige Antwort. Genau wie bei meiner letzten Lesung!!!  🙂 Gut, dann gab es noch meine Lieblings-Nixensage als Zugabe. Nach der Lesung fand die mir vorgesetzte Person neben einigen Anmerkungen, auf die sie als Germanistin wohl nicht verzichten konnte, wieder allerwärmste Worte und überreichte mir ein Blümchen. Bibliotheks-Leser kamen ebenfalls mit Blümchen und kleinen Geschenken an, das rührte mich wirklich sehr. Ratz-Fatz waren die elf vorrätigen Sagenbücher verkauft und die Leute standen an, um sie sich von mir signieren zu lassen. Der Büchervorrat reichte nicht, ich musste versprechen, bald noch mehr Bücher in die Bibliothek mitzubringen. Ich war völlig geplättet wegen dieser großen Nachfrage. Die Zuschauer, die das Buch kauften und mit Datum signieren ließen, meinten übereinstimmend unabhängig voneinander: „So haben wir eine Erinnerung an diesen schönen Abend!“  🙂

Ja wirklich, dieser Abend war sagenhaft schön und von allen guten Geistern liebevoll behütet.  🙂  Ich hätte mich zwar nach anderthalb Stunden Lesung komplett geschafft in die Ecke schmeißen können, aber es war Freude pur.

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Ein mentaler Ausflug ins Opfer-Dasein

Die Welt, in der du lebst, ist immer eine Illusion. Es können zehn Menschen in einem Zug sitzen und jeder erlebt diese Reise anders. Das ist mir in den letzten Tagen während einer Diskussion in Emmyxs & Elkes Blog wieder einmal bewusst geworden. Ja, manchmal springt einen ein Thema an. Ich hatte in den letzten Wochen schon mehrmals den Impuls, darüber schreiben zu wollen, aber es brauchte diesen Funken.

In der Theorie weiß ich immer genau, wie alles funktioniert. Aber in der Praxis war ich von April bis Juni in einer sooo großen Opfer-Falle, dass es schon fast peinlich ist.

Aber der Reihe nach: Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mich als Opfer der Umstände fühle. Wer meine Blog schon länger liest, erinnert sich vielleicht an die schwarzen Bibliotheksregale und die damit verbundene Abmahnung. Der böse, böse Architekt und der noch bösere, abgrundtief schlechte Chef, der dem Architekten Recht gibt, weil der ist ja Gott, und mir eine Abmahnung erteilt. Opferfalle vom Feinsten. Aber aus diesem Sumpf konnte ich mich selbst rausziehen. Irgendwann kurz vor dem Umzug verkündete ich meinen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen: „Die Bibliothek können wir jetzt nicht mehr umbauen, jedenfalls vorerst nicht. Aber es kommt auf den Inhalt an, auf die Bücher und Medien, die in den schwarzen Regalen stehen. Die Leute wollen immer das Beste, was auf dem Buchmarkt zu finden ist, egal ob die Regale schwarz sind oder nicht. In der alten Bibliothek war auch nicht alles schön, aber die Leser waren da, weil wir ein tolles Angebot hatten und immer gut beraten haben. Lasst uns also mit den allerschönsten Medien, die es gibt, weiter machen und sehen wir den Umzug als ein großes Abenteuer!“ Es wurde ein mehr als großes Abenteuer 🙂 und es nahm uns alle so in Anspruch, dass wir die blöden Regale erstmal ignorierten.

Die Leser kamen weiterhin und lobten wie immer das tolle Angebot der Bibliothek. Ich ließ mir keinen Maulkorb verpassen und erzählte vielen Besuchern, wie ich mir diese Bibliothek eigentlich erträumt hatte und ich erzählte auch, so kurz vor der Kommunalwahl erst recht 🙂  von der Abmahnung. Viele gaben mir Recht und waren besorgt: „Halten Sie bloß durch und lassen Sie sich nicht fertig machen!“ Als eine Freundin aus meinem Heimatort im Krankenhaus das Zimmer mit jemandem aus meinem Arbeitsort teilte, kam das Gespräch auch auf die Bibliothek, wobei meine Freundin nicht verriet, dass sie mich kennt. Folgendes wurde ihr erzählt: „Die neue Bibliothek ist viel zu dunkel und die Regale sind zu mächtig, das hat der Architekt versaut. Aber da ist eine tolle Bibliothekarin, die macht ganz viel mit Kindern!“ 🙂

Ja, genau, auf den Inhalt kommt es an, und der hat in den ganzen Jahren bei mir immer gestimmt!!! 🙂

Während wir mit Schwung den Umzug meisterten, bahnte sich bereits die nächste Katastrophe an. Mir sollte eine Vorgesetzte vor die Nase gesetzt werden. An meinem Arbeitsort gibt es ein Burgmuseum. Dessen wissenschaftliche Leiterin, eine Germanistin, hatte bislang einen Honorarvertrag und dozierte hauptamtlich in einer polnischen Universität. Da sie (naja, eigentlich nicht nur sie allein) das Drehbuch geschrieben hatte für die Ausstellung, die sich über der neuen Bibliothek befindet, war klar, dass sie auch für diese Ausstellung nebenamtlich zuständig sein würde. Doch es kam anders. Gerade 60 geworden, hatte sie bemerkt, dass ihr Jahre der versicherungspflichtigen Beschäftigung fehlen, um in Deutschland eine Rente beziehen zu können. Daraufhin bettelte sie den Bürgermeister an, er möge sie doch bitte einstellen. Der Bürgermeister war schon immer ihr größter Fan und so drehte er es mit einer fingierten Ausschreibung so hin, dass diese Frau tatsächlich hauptamtlich eingestellt wurde, und zwar „als Leiterin des Burgmuseums, der neuen Ausstellung, der Bibliothek, des Archivs und der Touristinfo“. Das war ein ziemlicher Brocken für mich, denn ich hatte bisher diese Frau als intrigant, geltungsbedürftig, sich mit den Erfolgen anderer schmückend und überhaupt nicht in ihrer Mitte bleibend erlebt. Da ich ein authentisches Wesen bin und bleiben möchte, hatte ich dieser Frau im Vorfeld erklärt, was ich davon halte, nach fast elf Jahren erfolgreicher Arbeit geleitet zu werden. Sie meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, an ihrer Uni habe sie mit der österreichischen Bibliothek zusammengearbeitet, daher wisse sie, wie eine Bibliothek funktioniert. Das machte mich auch nicht glücklicher. Ich fühlte mich als Opfer des bösen Chefs und der intriganten neuen Vorgesetzten. Ein Sch … gefühl war das!!!

Nachdem sie am ersten Mai eingestellt wurde, passierte erstmal – gornix. Sie ließ sich kaum mal blicken. Hintergrund war dieser: Während jeder Mitarbeiter der Stadtverwaltung seine Arbeitszeit registrieren lassen muss, konnte sie kommen und gehen, wann sie wollte. Sie hatte dem Chef erklärt, sie arbeite geistig und das sei an keine Uhrzeit gebunden. Gerade gibt es ein Gerichtsurteil, welches besagt, dass jeder Arbeitnehmer in Deutschland seine Arbeitzeit erfassen muss. Jeder, bis auf eine … Alle Entscheidungen traf ich weiter allein oder in Absprache mit dem Hauptamtsleiter. So langsam entspannte ich mich. Erst Ende Mai gab es eine offizielle Amtseinführung mit allen Mitarbeitern, die ihr unterstellt worden waren. Der Bürgermeister hielt eine ausführliche Rede darüber, wie rechtens doch das Bewerbungsverfahren gelaufen sei. Sie sei die geeignetste Bewerberin eines langen Auswahlverfahrens gewesen, betonte er sehr. Aha. Und überhaupt sei eine Leitung nötig geworden, denn durch den neuen Zeltplatz spiele die Stadt jetzt in einer anderen touristischen Liga mit, da brauche es Leute, die Konzepte für Museum, Ausstellung, Touristinfo und Öffentlichkeitsarbeit entwickeln. Die Burgfrauen und ich schauten uns an: Aha. So begründet er das also. Tolles Märchen, was er da erzählt! Der Chef redete noch etwas darüber, dass wir unser neues Haus bestmöglichst verkaufen sollen und nicht schlechtmachen sollen. (kleiner Blick auf mich). In einer Kleinstadt redet man natürlich viel und so blieb es auch nicht vor dem Chef verborgen, dass ich, gerade vor der Kommunalwahl, allen Leuten erzählte, wie ich mit eigentlich die Bibliothek vorgestellt hatte. „Sie müssen rüberbringen, dass Sie für Ihr Haus brennen“, sagte man uns. Ein Maulkorb also. Klar. Stellt euch vor Leute, euer Büro wird schwarz angestrichen und man sagt euch, dass ihr es in der Öffentlichkeit loben sollt!!! Lange hielt ich diese Show nicht durch. Zum Glück war auf dem Vorplatz des neuen Hauses gerade eine Gruppe angekommen. Die war zwar erst für später angekündigt, aber für mich kam sie gerade rechtzeitig. Mit den Worten „Wer für sein Haus brennt, lässt keine Leute vor der Tür stehen!“, ging ich aus dem Raum und die Show war für mich beendet.

Am Tag nach der offiziellen Amtseinführung stand die neue Chefin tatsächlich in der Tür und leitete: „Was macht dieser Frosch da an der Wand? (ein Monats-Kalenderbild) Der passt nicht zu unserem Literaturhaus! Ich möchte, dass der verschwindet! Und überhaupt, wieso sieht das hier so vollgemöhlt aus? Überall Bücher hinter der Theke, muss das denn sein?“ – „Äh, das ist eine Bibliothek und das sollen die Leute auch sehen?!“ – „Das interessiert mich nicht. Lassen Sie sich etwas einfallen, ich will, dass die Bücher da wegkommen!!!“ Oh je, das kann ja heiter werden. Außerdem hielt sie mir einen Vortrag über Loyalität und über mein krankhaftes Geltungsbedürfnis und überhaupt mein unmögliches Verhalten.

Von da an war ich unglücklich. Alle in der Familie und im Freundeskreis nahmen Anteil und jeder erkundigte sich mitfühlend nach den neuesten Ideen der neuen Vorgesetzten. Das bestärkte noch mein Opfer-Dasein, jeden Tag aufs Neue.

Aber wozu eigentlich? Sie war ja nach diesem kurzen Anfall von „Leiten wollen“ wieder kaum da! Und dennoch war sie ständig da – in mir, in meinen Gedanken. Ich war es, die mein eigenes Opfer-Bewusstsein täglich nährte, nicht sie. Irre, oder?

Sie kam bis jetzt, innerhalb eines Vierteljahres, nur zweimal unangekündigt für zwei Stunden in die Bibliothek, setzte sich auf den Arbeitsplatz gegenüber der Theke und beobachtete mich bei meiner Arbeit genau. Sie hörte genau zu, wie ich die Leser beriet. Ich hatte gerade zufälligerweise mein schönstes, neu erworbenes Sommerkleid an und stolzierte selbstbewusst und sie ignorierend an ihr vorbei und plauderte wie gewohnt mit den Lesern. Nach dieser Aktion war sie wieder für Wochen verschwunden. Irgendwann traf ich mal die Burgfrauen und bemitleidete sie wegen der ständigen Präsenz der Chefin. „Wieso, bei uns ist sie nicht. Wir dachten, sie ist bei dir die ganze Zeit und haben dich bedauert?“ Ist ja cool. So ein Job könnte mir auch gefallen. Die dicke Kohle für 20 Wochenstunden in TvöD/K 11 kassieren und fast nie da sein. „Aber sie arbeitet ja geistig!“, meinten wir und lachten. So böse sind wir ja alle nicht darüber, dass sie nie auftaucht.

So nach und nach kam ich wieder in meine alte Form, ließ den Opfer-Gedanken los und stürzte mich voller Freude in die Vorbereitung des Sommerleseclubs. Einige Regalbretter waren für die neue Bibliothek aus Versehen in Weiß geliefert worden. Ich holte sie aus dem Lager und bastelte inmitten der schwarzen Kinderbibliothek-Wandregale ein weißes, schönes FerienLeseLust-Regal. Lektorat und Einarbeitung der neuen Bücher, Einführungen mit Schulklassen – alles lief freudig und mit Hilfe meiner Ehrenamtlerinnen wie gewohnt. Trotz großer Hitze und rückläufigem Bundes- und Landestrend wieder Rekord-Teilnehmerzahl. Wir brauchten garnicht so viel werben wie in den letzten Jahren. Das Projekt hatte sich schon unter den Kindern und Eltern herumgesprochen, sie kamen alle wie von selbst und brachten auch noch Freunde, Geschwister und Verwandte mit. Herrlich!!! Ich war glücklich!!! Spätestens da hatte sich der letzte Hauch von Opfer-Bewusstsein verdünnisiert. Irgendwann rief der Hauptamtsleiter an: „Es ist mal wieder Zeit für unser Monatsgespräch!“ – „Sie wollen weiterhin mit mir die Monatsgespräche führen?“ – „Ja warum nicht, wir haben doch immer gut zusammen gearbeitet!“ Wir besprachen wie immer die Dienst- und Urlaubspläne (was eigentlich in der Tätigkeitsliste der neuen Chefin enthalten ist) und wetteten wie immer augenzwinkernd, wie denn diesmal die Besucherzahlen für die neue Ausstellung sein würden.

Kürzlich rief jemand vom NDR an und fragte, ob ich die Bibliothek in der Reihe „Sommer im Bücherregal“ vorstellen würde. Ich mailte die Bitte an den Bürgermeister und die mir vor die Nase gesetzte Person. Von letzterer keine Antwort, sie war mal wieder gerade abwesend. Ersterer schrieb sinngemäß folgendes: „Wir können jede Werbung brauchen. Aber bitte nur positive Nachrichten, wenn Sie verstehen, was ich meine!“ Selbstbewusst mailte ich zurück: „Über die inhaltliche Arbeit in der Bibliothek gab es in den letzten elf Jahren ausschließlich positive Nachrichten! und der gute Start des Sommerleseclubs ist noch eine gute Nachricht mehr!“ 🙂 Das Interview machte Spaß und war locker. Nach der kurzen Vorstellung der Bibliothek sollte ich ein Buch empfehlen, wenn möglich ein Sachbuch. Meine Empfehlung: „Die stille Revolution“ von Bodo Janssen. 🙂

Allen Opfern von intriganten Chefs und Chefinnen rate ich: Mache deine Arbeit weiter mit Liebe und konzentriere dich auf das, was du am besten kannst, was dein Herzens-Projekt innerhalb dieser Arbeit ist. Wenn sie dir erzählen, wie schlecht, wie geltungsbedürftig, wie undankbar du bist – lass es an dir abprallen. Sie benutzen dich als Spiegel, um sich selbst darin zu sehen und beschreiben nur sich selbst. Bleibe authentisch und lasse dich nicht verbiegen. Versuche, die Opfer-Haltung nicht zu nähren. Alles das, worauf du deinen Fokus richtest, wächst und gedeiht und wird riesengroß, bis es dich zu verschlingen droht. Bedanke dich (in Gedanken) bei deinem Chef, bei deiner Chefin für diese Lebens-Erfahrung und schau, was du aus dieser Situation für dich lernen kannst. „Ich kann gar nicht erwarten, zu sehen, wie viel Gutes aus dieser Situation entstehen wird!“

Sommerliebe lebenslang

Es war ein heißer Julitag im Jahre 1958. In einem Dorf hatte eine Hochzeit stattgefunden und nun wurde, wie es jahrhundertelang Tradition war, in großer Runde im Elternhaus der Braut gefeiert. Die ganze Verwandtschaft und das ganze Dorf (in dem fast jeder mit jedem irgendwie verwandt war) kamen zusammen. Sie saßen auf der Wiese hinter dem Haus und tranken an langer Tafel Kaffee. Die Platzierung an der Hochzeitstafel folgte ebenfalls einer jahrhundertealten Tradition. Abwechselnd saßen da immer ein Herr mit seiner ihm zugeteilten Tischdme nebeneinander. Alle aßen und tranken und unterhielten sich angeregt. Nur er, der 19jährige Cousin der Braut, fast zwei Meter lang, schlaksig und schlank, schaute allein und verlegen in die Runde und wartete auf eine ihm unbekannte Tischdame. Hübsch soll sie sein und aus der Stadt soll sie kommen, eine angehende Lehrerin soll sie sein. Hoffentlich kann er, der Elektriker, im Gespräch mit ihr mithalten. Aufgemuntert soll sie werden, so wurde ihm gesagt, denn sie hatte gerade ihre Mutter verloren und der Vater war schon lange tot. Je länger er wartete, desto mehr stieg die Spannung. Aber der Pferdewagen, der sie abholen sollte, kam leer wieder.

Sie, die Cousine des Bräutigams, 17 Jahre, hübsch und zierlich, in einem weit schwingenden Kleid, stand verloren auf dem Bahnhof des Nachbardorfes und ärgerte sich. Das fing ja gut an! Wäre sie bloß nicht losgefahren! Ein Wagen sollte sie abholen. Aber Fehlanzeige, kein Wagen zu sehen. Weiter hinten klapperte ein olles Pferdefuhrwerk auf den Bahnhof zu, aber das wird es ja wohl nicht sein. In ihren Stöckelschuhen stiefelte sie los, ging aber unglücklicherweise in die verkehrte Richtung, in das falsche Dorf. Auch das noch! Zum Glück war in jener Zeit die Dorfwelt noch intakt und jeder wusste Bescheid über jeden, auch im Nachbardorf. Also erklärte man ihr freundlich, wo die Hochzeit gefeiert wurde und wies ihr den kürzesten Weg über eine feuchte Wiese.

Ganz erschöpft und erhitzt mit nassen Füßen und den Stöckelschuhen in der Hand kam sie im Hochzeitshaus an. Das Kaffeetrinken war längst vorüber und die Gäste saßen immer noch plaudernd an der langen Tafel. Nachdem sie dem Brautpaar ihre Glückwünsche überbracht hatte, geleitete man sie zu ihrem Tischherrn. Er erhob sich, begrüßte sie artig, schaute sie von oben bis unten an, wie sie da so errötend und erhitzt stand – und es war um ihn geschehen. Sie schaute diesen schlaksigen Kerl mit der dunkelblonden Haartolle und den roten Ohren an und fand ihn wohl ebenfalls zumindest ganz nett. Die beiden begannen ein angeregtes Gespräch. Je länger sie sich unterhielten, desto mehr vergaßen sie die Welt um sich herum. „Die beiden hatten nur Augen füreinander!“, wurde mir ein halbes Jahrhundert später von der damaligen Braut berichtet. Irgendwann kam ihr Bruder mit seiner Frau auf dem Moped angefahren, irgendwann wurde ein Spanferkel gebraten, irgendwann wurde getanzt, irgendwann verabschiedeten sich so nach und nach die älteren Hochzeitsgäste – alles ganz unwichtig. Sie hatten nur Augen füreinander.

Als er morgens um Vier auf den elterlichen Hof kam, war seine Mutter gerade dabei, die Kühe zu melken. „Ich habe die Frau gefunden, die ich heiraten werde!“, verkündete er mit leuchtenden Augen.

Heute, einundsechzig Jahre später, sind meine Eltern immer noch glücklich verheiratet und feiern in jedem Jahr am 18. Juli den Tag ihres Kennenlernens.

Eine nette Überraschung

In der letzten Nacht wälzte und drehte ich mich im Bett, ohne einschlafen zu können. Vollmond-Feeling! Das hatte ich lange nicht.

Um meinen Schlaf wieder herbeizuzaubern, brauchte ich Musik. Wenn ich meine Lieblingsmusik nachts hören möchte, bediene ich mich einer vorsintflutlichen Methode. Ich höre schon die Lacher der Leser über das, was jetzt kommt. Früher gab es mal so etwas wie Kassetten – erinnert sich noch jemand??? 🙂 Ein Stapel dieser antiquierten Dinger liegt griffbereit in meinem Nachtschrank, so dass ich sie und den dazu gehörenden umverwüstlichen aiwa-Walkman im Dunklen vom Bett aus greifen kann. So lange ich dann in schlaflosen Nächten blind nach irgendeiner Kassette und lege sie in den Walkman. Meist hilft die Musik, sanft zu entschlummern. Ich schrieb ja schon, dass mein Musikgeschmack nicht dem derzeitigen Mainstream entspricht. Bei den Einschlaf-Kassetten habe ich die Wahl zwischen irischer Harfenmusik, Klassik, dem ersten Tabaluga-Märchen von Peter Maffay, Musik von Sting, Chris de Burgh und diversen Liedermachern. In der letzten Nacht griff ich erst eine noch nie gehörte Kassette mit jüdischen Liedern und war erstaunt darüber, wie sehr sie mir gefallen. Keine Ahnung, warum sie überhaupt unter die Einschlaf-Kassetten geraten ist. Da bei mir nichts zufällig passiert, sollte mich diese Musik wohl daran erinnern, einen bestimmten Kontakt wieder mal aufzufrischen.  Obwohl ich beim Hören nicht einschlief, bleibt diese schöne Musik auch künftig bei meinen Einschlaf-Kassetten. Die nächste Kassette, die ich griff, hatte ich lange nicht gehört. Sie weckte schöne Erinnerungen. Es war die Musik des Liedermacher-Duos Piatkowski/Rieck, welches es in dieser Form nicht mehr gibt. Es tourt nur noch einer dieser beiden Liedermacher durch die Gegend, das ist Wolfgang Rieck. Ich habe einige Konzerte mit ihm erlebt und war großer Fan. Ich habe alle seine CDs, aber da ich die Discmans im Gegensatz zum unkapputtbaren Walkman immer wieder schrotte, höre ich diese nur selten mal tagsüber. Es ergab sich vor zehn Jahren sogar „zufällig“, dass Wolfgang Rieck auf der Buchpremiere des „Wossidlo-Lesebuches“, welches ich als Teil eines Redaktionsteams erarbeiten durfte, seine Lieder sang. Er sang zwar damals meist nicht gerade die Lieder, die ich mir zu diesem Anlass gewünscht hätte, aber es war dennoch sehr, sehr schön. Eine tolle Erinnerung gerade jetzt, denn die Freundin, die auch dabei war, ist gerade friedlich für immer eingeschlafen.

Die Kassette leierte schon sehr und es klang doch schon ziemlich schräg. Während ich noch überlegte, wie ich sie ersetzen kann oder ob ich jetzt doch mal wieder auf Discman umsteigen sollte, um wenigstens einen Mix auf CD hören zu können, schlief ich ganz sanft ein.

Der nächste Morgen an einem heißen Arbeitstag begann so: Die Kantorin der benachbarten Kirche kam in die Bibliothek und bat darum, dass der Seiteneingang zu den öffentlichen Toiletten geöffnet wird, denn in der Kirche finde gleich ein Kinder-Konzert mit einem Rostocker Liedermacher statt. „Wer kommt denn?“, fragte ich und erahnte schon die Antwort. Denn so viele Rostocker Liedermacher, die Kinder-Konzerte geben, gibt es ja nicht.

Ich ging mit der Kantorin rüber in die Kirche, um Wolfgang Rieck zu begrüßen. Er schaute noch kurz in meine Bibliothek und ich zeigte ihm unseren Veranstaltungssaal. Mehr als Smalltalk war leider nicht drin und das Kinder-Konzert „Adele Ukulele“ konnte ich leider auch nicht spontan besuchen. Aber es war eine nette Begegnung und ich dachte danach schmunzelnd: „Wenn der wüsste, welche Musik ich heute Nacht gehört habe … !“

Hier eins meiner Lieblingslieder, allerdings ist die Klangqualität nicht optimal.  Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=aoq-AtLxeP0

 

Mein Kokon – er bleibt zurück

„Sie sind manchmal wie unter einer riesigen Glasglocke!“, musste ich mir neulich von meiner neuen Vorgesetzten anhören. Ja, ich „glocke“ mich immer dann ein, wenn ich ihre Wünsche oder Anweisungen nicht akzeptieren kann. Ehrlich gesagt in 99% der Fälle …

Aber wie das so ist: Wenn ich einer solchen Kritik ausgesetzt bin oder wenn eine neue Chefin spontan mit „Hausfrauenpsychologie“ meine Persönlichkeit analysiert, dann komme ich ja doch ins Nachdenken: Ziehe ich mir diesen Schuh jetzt an oder nicht? In diesem Falle: Nein. Eine Glasglocke kann auch ein Schutz vor energetischen, mentalen oder ganz konkreten Übergriffen sein. In einer Glasglocke zu sein, heißt hinauszuschauen, teilzuhaben, alles zu sehen und zu erleben, aber dabei geschützt zu sein oder sich selbst schützen zu können. Diese Glasglocke brauche ich aber nur selten, nämlich dann, wenn meine Vorgesetzten in der Nähe sind. Im Alltag mit den Kollegen, ehrenamtlichen Mitarbeitern, Lesern und Besuchern brauche ich diese Glasglocke nicht. Privat schon garnicht und auch hier im Blog möchte ich mich ohne Glasglocke so präsentieren, wie ich bin. Ich hoffe, den Schutz der Glasglocke auch den Vorgesetzten gegenüber bald nicht mehr nötig zu haben. Denn schließlich leben wir ja nicht mehr in einer Diktatur, sondern in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. In dieser kann sich jeder frei entfalten und aus seinem Kokon schlüpfen. Und wenn jeder Mensch auf dieser Welt seinen Kokon verlässt und sein wahres Ich lebt, dann wird diese Welt ein wenig besser und friedlicher werden.

Mit diesem Gedicht von Elke wünsche ich allen Lesern fröhliche Pfingsttage!

M)ein Kokon – er bleibt zurück
Der Kokon, er ist zu klein,

Frei möchte meine Seele sein,

frei und fliegen mit dem Wind,

wie einst es war als Sonnenkind.

*
Eng ist es  – ich sprenge jetzt noch letzte Grenzen,

sprenge das, was mich noch hält,

schieße oben raus und schau hinunter…

was zurück bleibt? … einzig und allein nur (m)ein Kokon.

*
Schutz war einst zum Wachsen er,

Schutz von mir allein erbaut.

Schutz vor Kälte, Sturm und Regen,

Schutz… ja eigentlich vor mir!

*
Lachend nun und voller Freude,

fliege ich ganz hoch hinaus,

wissend, frei und als EIN GANZES

flieg hinein in eine neue Welt.

*
Sehe Berge, Wiesen, Bäume,

schau hinab und fühl mich wohl,

sehe Menschen, Tiere, Pflanzen,

alles blüht, ist neu erwacht…

*

Fliege – frei als bunter Vogel,
oder doch als Schmetterling?

Kreise fröhlich meine Runden,

lande sanft geführt nur durch den Wind.

*
Lande sanft auf einer Wiese,

Blumenduft, berauschend schön,

setze mich schon auf die nächste

alles herrlich anzusehen…

*

*
Frieden ist nun auf der Welt,

ja, wir haben es geschafft,

dankbar fassend an den Händen,

schaut was uns JETZT Freude macht…

*
ICH BIN DU und DU BIST ICH

SIND EIN GANZES

JETZT und LICHT

Link einfügen ging leider nicht – gefunden bei emmyxblog

Ein Besuch im Pflegeheim

In dieser sehr intensiven Zeit liegen Freude und Leid für mich nah beieinander, so nah wie wahrscheinlich nie zuvor. Aber genau das ist es, was das Leben ausmacht. Die Frage ist nun: Wie gehe ich damit um?

Gar nicht so einfach. Seit zwei Wochen schiebe ich einen Besuch im Pflegeheim vor mir her. Alle Freunde waren schon da, nur ich nicht. Von allen Seiten hörte ich die Berichte über den sich rapide verschlechternden Gesundheitszustand meiner längsten Freundin und Weggefährtin. „Sie erkennt keinen mehr.“ – „Sie stammelt nur noch.“ Begleitet wurden diese Berichte von Kommentaren wie „Du brauchst sehr starke Nerven, wenn du dorthin gehst!“ oder „Geh am besten nicht allein hin, nimm jemanden mit!“ oder „Das hältst du höchstens zehn Minute n aus!“ Tja. Wie nun? Die Freundin, die mitgehen wollte, konnte zu meinen Zeiten nicht und sowieso war auch sie geschockt aus dem Pflegeheim wiedergekommen, nachdem sie mit ihrem Mann dort war. Also stand ein alleiniger _Gang an. Ich schob und schob ihn vor mir her, aber letztendlich siegte der Mut. Ich musste sowieso in die Richtung des Heimes gehen, denn mein blaues Fahrrad wartete ja noch seit dem schönen Abend zuvor an der Mole. Außerdem war ich gerade so aufgeladen und gestärkt mit positiver Energie aus den ganzen schönen Erlebnissen der letzten Zeit, dass ich sicher war, auch dieses meistern zu können.

Ich kannte dieses Heim. Vor Jahren hatte ich einen Vereinskollegen dort regelmäßig besucht. Inzwischen war es etwas umgebaut worden und es wirkte leerer, weil wegen der fehlenden Pflegekräfte nur halb belegt. „Sie wollen bestimmt zu Frau …!“, begrüßten mich Leute, die im Eingangsbereich saßen. „Sonst sitzt sie ja immer hier, aber heute haben wir sie noch nicht gesehen.“ Das stimmt. Meine Freunde hatten mir auch berichtet, dass sie immer schon im Eingangsbereich saß und sie deshalb noch nie ihr Zimmer gesehen hatten. „Gehen Sie mal nach hinten durch ins Zimmer!“, wurde mir empfohlen. Aber wo ist ihr Zimmer? Ich stiefelte einfach los und landete genau in dem Bereich, in dem mein Vereinskollege damals sein Zimmer hatte. Es ist wahrscheinlich der Bereich für Intensivpflege-Patienten. Und richtig, an einem der Türen stand der Name meiner Freundin. Gleich dahinter war ein kleiner Begegnungsraum, von dort schaute eine Pflegerin um die Ecke. Sie sah mich, erkannte mich (ich kannte sie auch vom Sehen her) und sagte: „Frau … ist hier!“ So, als ob ich Frau … schon tausend Mal besucht hätte.

Meine Freundin schaute mich an und sagte deutlich meinen Namen. Ich war sehr gerührt. Kurzes Innehalten bei allen im Raum, dann nahm die Pflegerin beherzt den Rollstuhl und schob ihn in das Zimmer meiner Freundin, damit wir uns in Ruhe unterhalten konnten. „Wie geht es dir?“ (so eine Allerweltsfloskel aber auch, aber etwas anderes fiel mir wirklich nicht ein.) – „Schlecht!“ Schweigen. „Brauchst du etwas?“ Kopfschütteln, bescheiden wie immer. Sie schaute mich schweigend an. Ich riss mich gewaltig zusammen und dachte, es wäre vielleicht das Beste, Ruhe auszustrahlen und sich so normal wie möglich zu verhalten. Also erzählte ich, wie ich es sonst auch tun würde, von unserem letzten plattdeutschen Abend und richtete Grüße aus. Sie setzte sich auch sofort in ihrem Rollstuhl in die Position eines interessierten Zuhörers und wirkte so wie immer, wenn sie zuhört. Plötzlich begann sie jedoch, mich mit Fragen zu löchern. Da ihr Sinn für Wortfindung schon sehr gelitten hat, stammelte sie die Fragen heraus, eine nach der anderen. Mühsam versuchte ich zu raten, was sie erfragen wollte. Es gelang mir kaum. Dazwischen immer ein vorwurfsvolles: „Warum weißt du das nicht?“ Es war sehr schlimm, fast mehr als ich ertragen konnte. Schließlich erlöste mich die Pflegerin, die das Essen brachte: „Normalerweise isst sie mit den anderen, aber heute stelle ich das Essen mal hier rein. Wenn Sie dabei sind, isst sie vielleicht etwas besser.“ Ich erschrak wieder. Alle Freunde hatten berichtet, dass sie bei ihren Besuchen immer gut gegessen hatte. Kann sie jetzt auch schon nicht mehr essen?

Es ging noch, aber es war mühsam. Bevor sie aß, zeigte sie aber noch auf die Deko mit den Bananenstückchen und machte veständlich, dass sie die nicht wollte. Ratlos schaute mich die Pflegerin an. „Isst sie denn keine Bananen?“ Ich überlegte. Eigentlich hatte es nie etwas gegeben, was sie nicht aß. „Vielleicht stören sie die kleinen Stückchen oder sie erkennt die Banane nicht? Vielleicht zeigen Sie ihr mal die ganze Banane?“ Ich konnte nur mutmaßen. Aber die ganze Banane wurde auch abgelehnt. Die Pflegerin war wirklich rührend besorgt und brachte schließlich Gewürzgurken. Die wurden für gut befunden und durften bleiben. Meine Freundin widmete sich nun ihrem Essen, war eine Weile ganz vertieft und fing dann, mit vollem Mund, wieder die Fragerei an, wobei ich die Fragen immer noch nicht verstand. Einmal meinte ich, das Wort „Bibliothek“ rauszuhören und fragte erstaunt zurück: „Meinst du meine Bibliothek?“ Sie nickte. Ich erzählte kurz, dass alles gut ist, da kamen die nächsten Fragen, immer beim Kauen. Einmal hörte ich „Treppen steigen“ heraus. Hm. Siewollte bestimmt das Treppen steigen trainieren, denn sie wohnte zu Hause in der dritten Etage und dort wollte sie sicher so schnell wie möglich wieder hin. Mit ihrer Diagnose wird sie aber nur noch wenige Wochen leben, und es wird stetig mehr lahmgelegt werden als nur der Sprachsinn oder das Denkvermögen. Und vor fünf Wochen bin ich noch mit ihr durch die Stadt gegangen.

Da ich Angst hatte, dass sie sich verschluckt, sagte ich vorsichtig und gespielt verschmitzt: „Meine Mutter hat immer gesagt: Mit vollem Mund spricht man nicht!“ Sag mal was zu einer ehemaligen Lehrerin, die sehr genau weiß, was sie will! Den Mund immer noch voll, schüttelte sie den Kopf und murmelte sowas wie „meine Mutter nicht gesagt.“ Sie war dann aber still und aß sehr langsam und sehr mühsam, aber wohl dennoch mit Genuss die klein geschnittenen Häppchen. Zum Trinken konnte ich sie auch noch überreden, musste ihr aber die Tasse halten. Nach einer Stunde Essens-Prozedur saß sie schließlich erschöpft im Rollstuhl und schwieg. Ich war mindestens ebenso geschafft wie sie. Schweigend schaute ich mich im Zimmer um. Keine persönlichen Sachen waren zu sehen. Eine Bauernrose stammte wahrscheinlich aus ihrem Garten, die hatten die Nachbarn ihr bestimmt gebracht. Eine kleine Orchidee stand auf dem Tisch. Ein Foto in einer Klarsichtfolie hing an der Wand. Es zeigte eine Schulklasse bei einem Klassentreffen. Ich war gerührt. Jemandem aus der Klasse, die in diesen Tagen auch an den Feierlichkeiten zum Schuljubiläum teilnahm (siehe letzter Blogbeitrag) hatte ich erzählt, wie es um meine Freundin stand. Sie war die Lehrerin dieser Klasse gewesen. Und sie waren tatsächlich hier und hatten ihr dieses Foto gebracht. Schweigend saßen wir noch eine Weile beieinander. Ich versuchte weiterhin, Ruhe und Normalität auszustrahlen und überlegte im Stillen, wie ich dieses Zimmer beim nächsten Besuch individuell gestalten könnte, was meiner Freundin gefallen könnte: rote Servietten mit weißen Punkten, ein Gruppenfoto unseres plattdeutschen Vereins in Tracht und ein Foto von Goethes Gartenhaus in Weimar. Das lasse ich mal kommentarlos so stehen.

Als ich mich verabschiedete, waren anderthalb Stunden vergangen. Ich konnte gerade noch so zu meinem blauen Rad an der Mole gehen, dann flossen die Tränen.

Ausflug in die Vergangenheit mit Chianti to go

Ein Gymnasium ist in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden. In diesem Gymnasium habe ich zehn Jahre lang gearbeitet und in dieser Zeit zwei Bibliotheken gleichzeitig betreut: eine historische Lehrerbibliothek und eine moderne Schülerbibliothek. Ich denke gern an diese Zeit zurück. ❤ Meine ehemalige Kollegin und jetzige Freundin hatte sich aufgemacht, um das Programm für ein ganzes Jubiläumsjahr auf die Beine zu stellen. Mit unglaublichem Enthusiasmus organisierte sie Vorträge, drei Ausstellungen und die Produktion eines witzigen Schüler-Films zur Schulgeschichte. Letzterer hatte gestern Premiere, auf der Vernissage der dritten Ausstellung. Diese wiederum fand in eine meiner weiteren ehemaligen Arbeitsstätten statt, einem Museum.

Wie sich im Leben doch Kreise schließen können!!! Da bin ich an einem Abend mit ehemaligen Kollegen aus zwei Arbeitsstellen und zwei Fördervereinen zusammen, darunter auch Leute, die extra angereist waren und die ich Jahre nicht gesehen hatte! Wahnsinn!!! Und immer wieder spielt die ehemals von mir betreute historische Gymnasialbibliothek eine Rolle, denn sie ist es, die die ganzen 150 Jahre des Bestehens der Schule überdauert hat, zwar nicht ohne Blessuren, aber sie ist noch da in ihrer vollen Schönheit und war wieder mal Filmkulisse. Und ich kann mich freuen, mich zurücklehnen und genießen!!! Der beste Redner des Abend war übrigens nicht der Schulleiter (der gut Reden halten kann), auch nicht die Museumsleiterin – nein, es war ein Schüler, der gerade an seinem Abitur bastelt! ❤ erfrischend war das!!! 🙂

Nach der gestrigen Vernissage schlenderte ich mit meiner Freundin und einer Altschülerin dieses Gymnasiums am See entlang, immer wieder einen phantastischen Sonnenuntergang bestaunend. Wir waren so vertieft, dass wir erst am Hafen ankamen, als alle Kneipchen gerade schlossen. Was nun? Die Altschülerin bettelte so lange herum, bis sie in einer der Kneipen eine Flasche Chianti erstand, deren Inhalt man ihr in drei Coffee to go-Becher kippte. Normalerweise mag ich diese Müll verursachenden Dinger überhaupt nicht, aber in diesem Moment gab es keine Alternative. So ausgerüstet, setzten wir uns an diesem lauschigen Abend auf eine Bank am Hafen und plauderten, kicherten, tratschten und fühlten uns wie Teenager. Es war richtig herrlich!!! 🙂

Ich weiß nicht, was das für ein Teufelszeug war, aber als wir schließlich den Heimweg antreten wollten, merkten wir, dass wir ordentlich Schlagseite hatten. 🙂 Und das nach einer drittel Flasche Rotwein? Merkwürdig!!! Gut, ich hatte im Laufe dieses Tages wenig gegessen. Aber dennoch hat mich Wein sonst nicht so um. Über mich selbst grinsend schwankte ich durch die Stadt nach Hause und vergaß sogar, dass mein blaues Fahrrad noch an der Mole auf mich wartete. Das ist mir auch noch nie passiert. Gut, das Rad hätte mir eh nix mehr genützt, ich hätte mich nur noch daran festhalten können! Ähm, wie hatte ich es vor kurzem auf dem PRINZEN-Konzert gehört? (letzter Blogbeitrag) „Ich hab’s blau angestrichen, denn blau bin ich manchmal auch!“ … 🙂

Noch heute früh fühlte ich mich etwas benommen, als ich den Festakt zum Schuljubiläum besuchte. Auch hier wieder bekannte Gesichter ohne Ende. Meet & greet war angesagt. Die Schule hatte viel auf die Beine gestellt, z. B. einen 100köpfigen Schulchor. Und dies, nachdem die Chortradition der Schule jahrelang mager vor sich hindümpelte! Aber es steht und fällt mit den engagierten Lehrern – die Chorleiterin ist mehr als nur engagiert.

Traditionell werden auf diesem Festakt leistungsstarke und sozial engagierte Schüler ausgezeichnet. Und hier die nächste Überraschung: Eine der Lesekinder meiner jetzigen Bibliothek, die dieses Gymnasium seit drei Jahren besucht, wurde als jahrgangsbeste Schülerin ausgezeichnet! Hervorgehoben wurde ihr Talent im kreativen Schreiben. Boah, war ich stolz und erfreut!!! Immerhin hat sie sich, seit sie lesen kann, eifrig durch alle Kinderbücher meiner Bibliothek „gefressen“!!! Dass sie nun, mit 16, selbst Geschichten schreibt, ist einfach super!!! Mach weiter so, Jette! Und für mich schließt sich wieder ein Kreis. Da gehe ich zu meiner ehemaligen Arbeitsstelle, um in Erinnerungen zu schwelgen, und erlebe gleichzeitig die Früchte dessen, was ich in meiner jetzigen Arbeitsstelle mit bewirke. Irre schön, oder? 🙂

DIE PRINZEN – herzbubenhaft erfrischend :-)

Am letzten Wochenende jagte ein Ereignis das nächste. Wie das so immer ist bei mir: drei Wochen normaler Alltag und dann plötzlich zehn besondere Termine in einer Woche. Schon zwei Tage nach meinem magisch schönen Sagenabend stand ein Familienereignis an. Wieder ein Jahr reifer geworden, hatte ich sowieso geplant, die Familie zu einer Nachfeier einzuladen. Gleichzeitig war es die Gelegenheit, das Weihnachtsgeschenk zu genießen.

Dazu die Vorgeschichte: Vor Weihnachten befand ich mich im Bibliotheksumzug und hatte weder die Zeit noch die Kraft, mich um Geschenke zu kümmern. Wie immer bei mir, wenn die eigene Kraft für etwas ganz Wichtiges nicht reicht, kam ein riesengroßer Zufall zu Hilfe. DIE PRINZEN sollten in der Marienkirche meines schönen Wohnortes ein Konzert geben. Das haben sie schon im Laufe der letzten Jahre zweimal getan, aber immer, wenn ich in die Spur kam, waren die Konzerte ausverkauft. So auch dieses Mal. Das eigentliche Konzert am Samstag war schnell ausgebucht. Doch oh Wunder: Es gab ein Zusatzkonzert am Sonntag nachmittags. Das war perfekt. Sofort besorgte ich drei Karten. Zwei für meine Schwester und meinen Schwager als Weihnachtsgeschenk und eine für mich. Die Musik der PRINZEN hat uns in unserer Jugend begleitet, mein Schwager hört immer noch die CDs oft im Auto. Bei mir hatte die PRINZEN-Musik sozusagen auch noch therapeutische Wirkung. Ich befand mich damals gerade in der Scheidung und mein Ex-Mann heißt Klaus. … Für Kenner brauche ich dies vermutlich nicht weiter zu erklären … 🙂

Beim obligatorischen Eltern-Besuchs-Sonntags-Kaffee erzählte ich meinen Eltern freudig von meiner Errungenschaft. Meine Eltern, 78 und 80 Jahre alt, reagierten erstaunt: „Was, und du hast uns keine Karten mitgekauft? Wir wollen auch mit!!!“ Ich war verblüfft. Darauf wäre ich wirklich im Leben nicht gekommen. Meine Eltern auf einem PRINZEN-Konzert??? „Aber Mutti, du magst doch immer keine laute Musik und ein Popkonzert ist doch meist sehr laut!“ – „Aber für die PRINZEN würde ich eine Ausnahme machen. Ich nehme mir auch Ohrstöpsel mit. Schließlich sind die doch aus dem Osten und die sind wirklich guuut!“ Dazu fiel mir nun wirklich nix mehr ein, und ich bin selten sprachlos. Da mir nach dem Wochenende wieder lange Arbeitstage bevorstanden und ich mich nicht kümmern konnte, bat ich meine Eltern, die Karten selbst zu besorgen. Im Ticketservice arbeitet – oh Zufall – besagter Ex-Mann Klaus. Und der verklickerte meinem Vater, dass innerhalb von Stunden wieder alles restlos ausverkauft war. Mein Vater bekniete seinen Ex-Schwiegersohn inständig und erreichte, das er erst auf eine Warteliste gesetzt wurde und sich nach Weihnachten tatsächlich zwei reservierte, aber nicht abgeholte Karten kaufen konnte. Das fand ich ganz toll und es trägt auch bei meinen Eltern zur Heilung des Scherbenhaufens bei, den die Scheidung damals ausgelöst hatte. Im Laufe der Jahre habe ich den mit einer wüsten Scheidungs-Vorwurfs-Schlacht verbundenen Schmerz in mir geheilt und inzwischen ein ganz entspanntes Verhältnis zu meinem Ex-Mann aufgebaut. Und auch bei dieser Gelegenheit zeigt sich mal wieder: „Klaus ist kein Schwein!“ Und, so ganz nebenbei bemerkt, das Leben ist auch keinesfalls mehr grausam und auch nicht schrecklich gemein. Aber ich muss zugeben, ich höre dieses Lied immer noch gern.

Nach einem opulenten Essen bei unserem Lieblings-Kroaten am Hafen stellten wir uns nun an das Ende einer riesigen Schlange und warteten auf den Einlass. Mein Schwager schaute sich um: „Hier sind ja gar keine Teenies! Alles unser Alter – und sogar älter!!!“ Stimmt. Unsere Eltern waren wirklich nicht die einzigen Konzertbesucher über 70. Ich entdeckte einige Bekannte in diesem Alter, denen ich es ebenfalls nie zugetraut hätte, dass ich sie mal in einem PRINZEN-Konzert treffen würde. „Sie es mal so“, sagte ich, „da werden wir von kreischenden Teenies verschont!“ Was meine Schwester veranlasste, wieder mal an die Bemerkung ihrer Schülerin zu erinnern, die vor Jahren einmal nach einem Backstreet Boys-Konzert stolz verkündet hatte: „Ich bin dreimal umgekippt!“

Nein, umgekippt ist bei diesem Konzert wirklich niemand, aber alle in der Kirche waren ganz begeistert voll dabei, sowohl die 50- als auch die 80jährigen! Ich fand es durchaus reizvoll, entspannend und – ähm – meinem Alter angemessen, für ein Popkonzert nicht nach Berlin, Rostock oder Hamburg fahren zu müssen, um dort ins Stadion zu gehen, sondern sich genüsslich in der Heimatstadt in eine Kirche setzen zu können. Das Konzert war ein Highlight, und natürlich durfte „Gabi und Klaus“ nicht fehlen. Die Prinzen waren trotz „kurz zuvor überstandenem tödlichen Herrenschnupfen“ sehr gut drauf, ich glaube, sie genießen es auch sehr, eine Stadien mehr füllen zu müssen. Es gab eine tolle, aber auch nicht überzogene Lichtshow, die Musik war gut ausgesteuert, nicht zu laut und die Kirche bebte angesichts der vielen begeisterten Fans. Dem Ort angemessen, erinnerten Anfang und Ende des Konzertes kurz an die Thomaner-Zeit der Prinzen. Klang fast wie bei amarcord. Also sie hätten auch diese Laufbahn einschlagen können und wären wie amarcord vermutlich ebenso erfolgreich geworden. Aber da wäre diese klasse Musik mit diesen so witzigen und treffenden Texten nicht entstanden, wäre schade gewesen!!! Wir feierten tüchtig ab bei „Das alles ist Deutschland“, „Küssen verboten“, „Alles nur geklaut“, „Ich wär so gerne Millionär“, „Mein Fahrrad“ (ich liebe dieses Lied!) und allen anderen großen Hits. Bei „Ganz oben“ war ich sehr berührt. Passt gerade sehr für mich. Mein Schwager vermisste zwar „Mein Hund ist schwul“, meinte aber, dass dieser Hit vielleicht nicht so in eine Kirche passt. Die Eltern waren begeistert und die Mama brauchte ihre Ohrstöpsel übrigens nicht.  🙂  Ich sang lauthals mit, nicht nur bei einem meiner Favoriten: „Manchmal wird der Mann im Mond für seinen treuen Dienst belohnt, und wenn du ihn ganz lieb anschaust, dann holt er die Laterne raus. – Die Laterne raus!“

Am 11.03.2016 veröffentlicht

Music video by Die Prinzen performing Kuessen verboten (Official Video). (C) 1992 Sony Music Entertainment Germany GmbH under exclusive license to BMG Rights Management GmbH (YouTube)

sagenhaft schön

Ein aufregender Abend liegt hinter mir. Ich durfte mein Sagenbuch in der Bibliothek einer mecklenburgischen Kleinstadt vorstellen. Die dortige Bibliothekarin und mich verbindet eine jahrelange harmonische Zusammenarbeit. Auf den Zugfahrten zu den Fortbildungen tauschen wir uns aus, klagen uns auch manchmal unser Leid und geben uns wertvolle Alltags-Arbeits-Tipps. Zwischendurch rufen wir uns an oder mailen für besondere Projekte Buchauswahl-Listen hin und her. Vor einigen Jahren durfte ich schon einmal dort vorlesen, an einem Lesemarathon-Tag, an dem von morgens bis abends im Halbstundentakt vorgelesen wurde. Nun hatte sie mich gebeten, wiederzukommen und, gemeinsam mit Peter, dem Fotografen, einen ganzen Abend zu gestalten.

Natürlich war es mir ein Vergnügen, mein kürzlich erschienenes Sagenbuch zu präsentieren, zu dem Peter tolle Fotos beigesteuert hatte. Ich musste bei Peter ein kleines bisschen Überzeugungsarbeit leisten, denn er hatte eine traumatische Erfahrung in dieser Stadt und wollte nie wieder dort seine Fotos zeigen. Die Überzeugungsarbeit dauerte aber nur ungefähr zehn Minuten, dann war Peter voll dabei. 🙂

Durch die Arbeit als Bibliothekarin bin ich eigentlich ein Vorlese-Profi. Aber wenn es um das eigene Buch geht, an dem mein Herzblut hängt, dann steigt die Aufregung, je näher der Termin rückt. Und das, obwohl ich den Veranstaltungssaal schon kannte und wusste, dass er toll ist, obwohl ich wusste, dass ein tolles Publikum auf mich wartet und obwohl meine Kollegin ganz lieb alles so schön vorbereitet hatte. Oder gerade deshalb? Schließlich will man ja gerade deshalb alles ganz besonders schön präsentieren. 🙂

Am Vormittag dieses Abends gab es an meinem Arbeitsort noch eine Versammlung der dritten Art. Ich schrieb ja schon einmal, dass eine hochwissenschaftlich abgehobene Professorin die Leitung des Hauses, in dem sich meine Bibliothek befindet, übernommen hat. Spätestens von diesem Zeitpunkt an hatte ich beschlossen, außer der reichhaltigen Kinder-Bibliotheksarbeit Dienst nach Vorschrift zu machen. Nun saßen in einer Besprechung der Bürgermeister, die neue „Kulturtante“ und die Professorin. Sie ließen sich, wie die ersten Menschen, von einem neu zugezogenen bekannten Schauspieler-Ehepaar erklären, wie man Lesungen und Veranstaltungen organisiert. Eine Vertreterin des Kulturvereins, die schon unzählige Veranstaltungen organisiert hatte und ich saßen daneben, schwiegen und dachten uns unseren Teil. 🙂 Das Schauspieler-Ehepaar erklärte: „Also in Berlin können Sie froh sein, wenn 30 Leute zu Lesungen kommen. Und ein Buch vorlesen, also nur lesen, das geht schon lange nicht mehr. Sie können höchstens zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde nur lesen, müssen aber zwischendurch immer mal wieder auflockern. Die Leute kommen ja nicht, um das Buch vorgelesen zu bekommen, sie wollen den Autor kennenlernen. Man muss es machen wie Fitzek und ganz viel nett plaudern.“ Hm. Ich dachte mir meinen Teil und schwieg. Wie die ersten Menschen fragten sie die Schauspieler dann noch nach Möglichkeiten der Werbung – ich fand es einfach nur peinlich. 🙂 Der Anlass der ganzen Versammlung war, dass ein Sponsor darauf dringend bestanden hatte, dass endlich Leben in das neue Bibliotheks- und Museums-Haus einzieht. Ich hatte daraufhin schon eine lange Liste gemailt mit den Kinderveranstaltungen, die ich innerhalb der 20h Wochenarbeitszeit, die für mich als einzige angestellte Arbeitskraft in der Bibliothek zur Verfügung stehen, sowieso schon im Programm habe. Das hat wohl dazu geführt, dass sie mich mit weiteren Wünschen in Ruhe ließen. 🙂 Die mühsam erarbeitete kreative Veranstaltungsliste für den Rest des Jahres 2019, mit nur einer Veranstaltung monatlich (gefordert waren zwei), sah dann so aus: Drei Lesungen des Schauspieler-Ehepaares, natürlich kostenlos, ein wissenschaftlicher Vortrag der Professorin, eine Sagenlesung einer hier schreibenden Bibliothekarin 🙂 , eine Lesung einer Autorin aus der Region, die sich ebenfalls kostenlos angeboten hatte und ein Hoffest mit Musik.

Nach dieser sehr langen Besprechung, aus der ich mal wieder sehr frustriert zu spät nach Hause kam, musste ich mich sputen, um für meine eigene Lesung alles vorzubereiten. Peter war ebenso aufgeregt wie ich und wollte sehr früh losfahren, um seine Technik gründlich auszuprobieren und dem Veranstaltungsraum anzupassen. Es wurde trotz aller Aufregung eine schöne Fahrt durch gelbe Rapsfelder. Während Peter mit der Technik beschäftigt war, schaute ich mich in der schönen Bibliothek meiner Kollegin um und fachsimpelte mit ihr und ihren lieben ehrenamtlichen Helferinnen. ❤ Inzwischen wurden durch zahlreiche Leser der Bibliothek selbstgemachte kulinarische Kreationen für ein Fingerfood-Buffet gebracht. Dies sollte eigentlich auf dem Hof der Bibliothek aufgebaut werden, aber aufgrund der Schafskälte wurde es einfach in die Küche einer benachbarten Physiotherapeutin verlegt. Nach und nach füllte sich der Saal und war schließlich so komplett überfüllt, dass noch Stühle hinter die offene Saaltür gestellt wurden. Statt 50 – 60 Personen, die erwartet wurden, kamen 75. Nach der Besprechung vom Vormittag ein absoluter „innerer Vorbeimarsch“ für mich. Meine Kollegin war auch völlig geplättet über dieses rege Interesse an Sagen der Region. Sogar der Bürgermeister dieser Kleinstadt war erschienen und bestellte anschließend für sein Rathaus Fotos bei Peter. 🙂 Der Lesung lauschten alle sehr interessiert und ich überzog um eine Viertelstunde, was sonst überhaupt nicht meine Art ist. Als ich ankündigte, dass noch fünf Minuten für den Umbau der Technik nötig sind, stellte ich dem Publikum frei, eine Pause zu machen, für Fragen zur Verfügung zu stehen oder noch eine Sage vorzulesen. Sie wollten die Sage hören. 🙂 Peters Fotos, mit Musik präsentiert, waren eine schöne Ergänzung zu den Sagen, alle waren ganz verzaubert. ❤ Danach wurden wir vom Publikum gefeiert und meiner Kollegin mit Blumen und kleinen Aufmerksamkeiten bedacht. Bücher wurden gekauft, die Peter und ich signieren mussten. Peter signierte mit stolz geschwellter Brust die ersten Bücher seines Lebens und ich erinnerte mich daran, was für ein schönes Gefühl das für mich vor fast zwanzig Jahren war und sah im schmunzelnd zu. 🙂 Ein Pressefoto wurde gemacht und wir durften uns zahlreiche Komplimente anhören, während man uns am Buffet „fütterte“. „Ihr müsst unbedingt … probieren, das hat Frau … gemacht und das macht sie immer so toll!“ 🙂 Am meisten freute mich das Lob der ehemaligen Bibliotheksleiterin dieser Kleinstadt, die sehr interessiert und sehr begeistert dabei war und die ich Ewigkeiten nicht mehr getroffen hatte. Allgemein wurde der Wunsch an mich herangetragen: „Kommen Sie unbedingt wieder, mit noch mehr Sagen im Gepäck!“ Das werde ich auch gern tun und auch wieder gemeinsam mit dem lieben Fotografen Peter. 🙂

Vorlesen in der Bibliothek

Heute saß eine erste Klasse in der Vorleseecke der Bibliothek und schaute mich erwartungsvoll an. Vor ihnen ausgebreitet lagen die Bücher ihrer ersten Lesekiste. Es war der erste Bibliotheksbesuch dieser Klasse.

Ich freute mich über das Wiedersehen, denn ich kannte die Kinder gut. Sie hatten schon mit drei Jahren in der Bibliothek ein Lesestart-Set erhalten und wurden seitdem von mir begleitet. Diese Kinder hatten Glück, denn es betreute sie Conny, die beste Kindergärtnerin der Welt, die immer sehr offen für Leseförderung ist. Jedes Mal war ich erstaunt über die Ideen, die Conny hatte, um die Lesungen in der Kita vor- und nachzubereiten. Meist waren die Kinder offen und neugierig auf die Bücher, einmal klappte es jedoch nicht so recht.  Partielles Aufmerksamkeitsdefizit: Wie heißt das Pony? Bei den darauf folgenden Lesestunden flutschte es aber wieder gut und die Kinder konnten die jeweiligen Geschichten gut behalten und reflektieren. 🙂

Und nun waren sie Schulkinder und irgendwie wieder Glückskinder. Denn wer hat schon die Chance, von der besten Kindergärtnerin der Welt zur besten Grundschullehrerin der Welt zu wechseln? 🙂 Auch mit dieser Lehrerin verbindet mich eine jahrelange Zusammenarbeit. Von der ersten Klasse bis zum Sommerleseclub-Einstieg habe ich mittlerweile drei ihrer Klassen begleiten dürfen. Es freut mich, wie viele Kinder aus diesen Klassen heute begeisterte und regelmäßige Leser sind.

Nun aber zurück zum heutigen Bibliotheksbesuch. Die Kinder waren begeistert über meine kleine Buch-Vorstellungsrunde und sie kannten sich sehr gut aus, als ich die Kinderbücher und Buchreihen vorstellte. Es ergaben sich schöne Gespräche. Schließlich durften die Kinder zu meiner Vorauswahl noch weitere Bücher für die Lesekiste suchen. Auch das klappte gut. Für eine kurze Showeinlage sorgte meine ehrenamtliche Helferin Christina, die mit Dackel Kniffo in die Bibliothek reinspazierte und mitten in die Lesung platzte. Die Kinder waren verzückt über den Dackel, aber dann auch gleich wieder voll bei den Büchern. Wieder mal eine Sternstunde für mich. 🙂

Die letzte Lesung in der Bibliothek war dagegen schon anstrengender. Mein Lieblings-Kindergärtner Michael kam mit seiner Vorschulgruppe, alles sehr unruhige Kinder. Es stand eine Märchenlesung auf dem Plan. Gemeinsam mit den Kindern hatte sich der Kindergärtner für „Des Kaisers neue Kleider“ entschieden. In einer Kleinstadt, in der alle dem Bürgermeister nach dem Munde reden und keiner sich traut, ihm mal reinen Wein über seine Visionen einzuschenken, ein absolut passendes Thema, weshalb mir diese Wahl doch ein kleines Schmunzeln entlockte. 🙂 (Aber natürlich war die Bibliothekarin „loyal“ und es war nicht Thema der Lesung.)

Wie immer bereitete ich das Märchen vorher kindgerecht auf und schaute, welche Themen man so links und rechts mit streifen konnte. In diesem Falle waren es die ganzen Gewerke, die notwendig sind, um neue Kleidung entstehen zu lassen. Aber so weit, dies einzuflechten, kam ich garnicht. Die Gruppe war einfach zu unruhig. Man konnte quasi keine zwei Sätze ohne Unterbrechung lesen. Na gut, also ständiger Blickkontakt und mehr erzählen als lesen. Kurz vor der Pointe „Aber der hat ja garnichts an!“ merkte ich, dass ein Großteil der Kinder das Entscheidende an der Handlung überhaupt nicht bewusst wahrgenommen hatte. Stopp! Wenn ich jetzt kommentarlos weiterlese, begreifen nicht alle Kinder das Ende des Märchens! Also alles auf Anfang und Hangeln durch die Handlung mit einem Frage- und Antwort-Spiel. Was mochte der Kaiser am liebsten? – Sich neu einkleiden. – Wen ließ er alles zu sich auf das Schloss kommen? – Weber, Schneider, Juweliere, Schuster usw. – Was haben die ihm angeboten? – Hosen, Jacken, Hemden, Schuhe, Schmuck, Anzüge … – und so weiter. Bis zu dem Tag der Parade, an dem der Kaiser seine neuen Kleider präsentieren wollte. Von da an waren die Kinder dann wieder voll dabei und lachten herzlich über das Bild mit dem nackten Kaiser im Märchenbuch. Puh, aber ich war geschafft. Gestern kam die Gruppe noch einmal vorbei, brachte mir Zeichnungen zu diesem Märchen und sang ein Frühlingslied. Sogar beim Singen waren sie hippelig hoch drei und schauten in alle Richtungen, während sie das Lied so runtersangen. Dafür klang es aber noch ganz gut. 🙂

Anders war es bei der ersten Lesung mit der neuen Gruppe von Conny, der besten Kindergärtnerin der Welt. Diese Kinder waren zwar auch erstmal so fasziniert vom Klettern in die neue Leseecke, dass es schwierig war, die Lesung zu beginnen, aber ich schaffte es, dass sie mir zuhörten und mitgingen und später auch das Märchen nacherzählen konnten. Diesmal hatten wir uns auf „Hans und die Bohnenranke“ geeinigt. Conny war wie immer gut vorbereitet und brachte ein kleines Säckchen mit Bohnen mit. Gestern kam Conny zu mir und zeigte mir stolz Fotos: Sie hatte die Bohnen gemeinsam mit den Kindern anschließend in Töpfe gesät. Dank guter Pflege sind die Bohnen wirklich so hoch gerankt wie das Fenster hoch ist und haben auch Bohnen getragen, die später gemeinsam mit den Kindern zu einer Mahlzeit zubereitet wurden. Die Kinder wären auch am liebsten an den Bohnenranken hochgeklettert, aber dazu waren die Bohnenpflanzen dann doch nicht groß genug! 🙂

Zum Welttag des Buches am 23. April gab es wieder viele erschreckende Statistiken. Eine davon besagte, dass 20% aller deutschen Grundschulkinder nach dem Abschluss der Grundschule keine zusammenhängenden Texte lesen können. Leseförderung ist und bleibt ein großes Thema. Je früher man in der Kita und den Elrternhäusern damit anfängt, um so besser. Und wenn man die vorgelesene Geschichte noch mit einem nachhaltigen Erlebnis verknüpfen kann – na um so besser!

Die nächste Lesung ist schon in Planung: Ergänzend zu einem Bienenprojekt des örtlichen Museums stelle ich „Tafiti und der Honigfrechdachs“ vor.