Allgemeiner Lagebericht

Mein Lieblingsmonat Mai hat in diesem Jahr den Turbogang aufgedreht, jedenfalls hier im Nordosten. Sonne satt und immer eine angenehme Wärme bei teils böigem Ostwind. Was mir eigentlich ganz gut gefällt, ist weniger gut für den Garten meiner Eltern. Während meine Eltern gerade bei 5 – 8°C um Island herumschippern, habe ich täglich ein Date mit den Gartenschläuchen meines Vaters. 🙂 Aber selbst das ausgeklügelste Gießsystem hilft nicht, wenn alle Regentonnen leer und alle unterirdischen Speicher aufgebraucht sind und noch dazu der Brunnen trockenliegt. Nun muss ich wirklich abwägen, was mit dem teuren Leitungswasser wirklich dringend gegossen werden muss. Aber dennoch genieße ich die Gießabende bei Vogelgezwitscher sehr. 🙂

Zwischendurch lese ich immer mal wieder einige Seiten aus Martin Suters „Elefant“ und freue mich an der Wortschöpfung „Elefäntchen“. 🙂 Sehr weit bin ich noch nicht gekommen, die Story beginnt gerade erst, spannend zu werden. Im Moment kommt es mir vor wie eine Parodie auf „Bob“ und „dem Hundertjährigen“ zugleich, aber das kann sich ja noch ändern. Da schon einige Leser der Bibliothek, deren Lesegeschmack sonst auch auf meiner Wellenlänge liegt, begeistert von diesem Buch waren, denke ich, dass es mir auch gefallen wird.

Meine Eltern erzählten übrigens eben am Telefon, sie hätten in Reykjavik den Cousin von Halldór Laxness getroffen. Hm. Das muss entweder rein rechnerisch ein sehr viel jüngerer Cousin sein, oder es ist einfach so, dass sie in Island alle irgendwie miteinander verwandt sind. Oder dieser Mensch konnte sich nicht anders verständlich machen, als den Verwandtschaftsgrad „cousin“ anzugeben, weil das in englisch am einfachsten verstanden wird. 🙂 Na, mal sehen, was meine Eltern erzählen, wenn sie wieder daheim sind.

Da ich dringend meinen Marmeladenvorrat auffüllen musste, wartete ich sehnsüchtig auf die Holunderblüte. Vorgestern hatte ich eine Schrecksekunde, als eine Kundin, die in der Touristinfo Honig kaufte, jammerte: „Holundergelee wird es leider dieses Jahr nicht geben, ich habe die Blüte verpasst!“ Oh nein. Aber wann soll denn der Holunder geblüht haben? Etwa in meinem Urlaub? Beim Pendeln zum Arbeitsort sehe ich die riesengroßen gelblichweißen Blütendolden immer schon vom Bus aus. Außerdem habe ich immer eine gute innere Uhr für solche Sachen. Aber meine Christina, die das Gespräch verfolgt hatte, bestätigte es: „Ja, die Blüte war ganz kurz und jetzt, wenn ich mit meinem Dackel durch den Wald gehe, sehe ich schon die Beeren.“ Na, das lässt sich ja schnell prüfen. Ich schnappte mir den Hausbriefkastenschlüssel und verkündete, die Post holen zu wollen. Um die Ecke, einige Meter hinter dem Hausbriefkasten, steht ein riesiger Holunderbusch voll in der Sonne. Wenn er blüht, dann sind die Holunderbüsche in den schattigen Wäldern noch nicht so weit. Und siehe da: die erste gelbweißlich blühende Dolde schaute mich an, die anderen Dolden waren ganz kurz vor dem Aufblühen. Als ich wieder in die Bibliothek kam, sagte ich nichts, denn sonst hätten sich die beiden Frauen womöglich vor mir auf diesen Strauch gestürzt. Aber was immer Christina da im Wald gesehen hat, Holunderbeeren waren es definitiv nicht. 🙂 Und die andere Dame war wahrscheinlich deshalb vergebens unterwegs, weil dort, wo sie geschaut hatte, leider Sträucher abgeholzt worden waren. Gestern, am kurzen Archiv-Arbeitstag, schlug ich zu, hoffend, dass ich, obwohl seit Tagen ausverkauft, irgendwie doch noch schnell an den 3:1 Gelierzucker kommen würde. Blühende Dolden hatte mein Lieblingsstrauch inzwischen reichlich, und es war besser, sie vor dem Wochenende zu ernten, denn es könnte ja das bereits vorausgesagte Gewitter die Blüten verhageln. Nach der Arbeit so schnell wie es nur ging in den Supermarkt – und siehe da, auch hier war das Glück auf meiner Seite und neuer Gelierzucker gerade eingetroffen. Auch der naturtrübe Apfelsaft war vorrätig, so stand meinem Holunderblütengeleeglück nichts mehr im Wege. 🙂

Im Moment sind sowieso Glücksage angesagt. Als ich wie üblich am Dienstag die Tageszeitung schnell überflog, fiel mir dort, wo ich sonst nie hinschaue, eine Anzeige ins Auge. In der Bibliothek steppte an diesem Tag gewaltig der Bär, aber dennoch flogen „Archivmails“ mit dem Betreff „Elphi“ 🙂 zwischen mir und meiner einen Tag jüngeren Freundin hin und her. Ich konnte zwar zwischen all dem Tohuwabohu in der Bibliothek nur immer bröckchenweise formulieren, aber schell war klar, dass wir uns unseren Wunsch zum 50. Geburtstag nun erfüllen konnten. Erst am nächsten Tag, einem kurzen Archivtag, schaffte ich es, zu buchen, aber nun ist die Vorfreude auf ein Konzert in der Elbphilharmonie und zwei Tage Hamburg im Herbst sehr groß. 🙂

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Ein halbes Jahrhundert Leben gefeiert …

Seit drei Tagen habe ich die magische 50 glücklich überschritten. Es war superschön, so, wie ich es mir gewünscht hatte. Sogar die Sonne spielte mit und brachte das frische Maigrün zum Leuchten.

Schon seit dem letzten Jahr hatte ich überlegt, welche Art, meinen Geburtstag zu feiern, mich glücklich machen würde. Viele große, rauschende Partys erlebte ich bisher im Familien- und Freundeskreis. Früher fand ich große Partys mit vielen Leuten toll. Heute sehe ich das anders. Lieber kleine, passend zusammengestellte Feierrunden mit sehr gutem Essen und netten Gesprächen, am liebsten irgendwo in der Natur. Jeder meiner Gäste sollte sich wohlfühlen. Und ich wollte so gut wie keine Arbeit damit haben müssen, denn schließlich bin ich ja das Geburtstagskind!!! 🙂

Da mein Geburtstag an einem Sonntag zu feiern war, wollte ich mich mit der Familie am Samstag irgendwo an einem schönen Ort treffen, um in den Geburtstag reinzufeiern. Aber schon bald zeichneten sich Schwierigkeiten ab. Meine Schwester musste am Samstag im Norden wenigstens kurz am Tag der offenen Tür ihrer Musikschule teilnehmen. Mein Neffe musste in Nordrhein-Westfalen am Samstag noch Schüler unterrichten. Die Freundin meines zweiten Neffen fiel wegen eines Wochenend-Lehrgangs gleich ganz aus und brauchte das Auto, so dass mein Neffe aus Bayern, Verzeihung, natürlich Franken, mit dem Zug anreisen ind an einem Bahnhof „eingesammelt“ werden musste. Also am besten irgendwo in der Mitte treffen, damit alle kürzere Anfahrtswege haben. Mir schwebte da so die Region um Potsdam vor, irgendwo an einem schönen See.

Kurz nach Weihnachten fing ich an, im Internet intensiv zu suchen. Alle guten Häuser mit toller Speisekarte waren schon langfristig ausgebucht! Jugendweihen, Erstkommunionen, Hochzeiten, und nicht zu vergessen das Apfelblütenfest in Werder und die Beelitzer Spargelwochen. Es war wie verhext. Ich lag schon heulend auf der Couch, als ich mich erinnerte, dass mein Schwager einen Ort weiter südlich erwähnt hatte, der bis dahin nicht in meinem Suchradius war. Ich schaute also dort und fand eine Mühle mit schöner, kreativer Speisekarte und tollen Hotel- und Restaurantkritiken. Und: Bingo! Endlich ein Hotel, in dem wir willkommen waren, dessen Mitarbeiter vom ersten Augenblick an bemüht waren, mir jeden Wunsch zu erfüllen, und was dazu auch noch idyllisch gelegen war und was alle Familienmitglieder aus allen Himmelsrichtungen gut erreichen konnten! Ich atmete auf und konnte wieder ruhig schlafen.

Am Samstag war es dann soweit. Alle Familienmitglieder reisten aus allen Richtungen an. Es erwartete uns traumhaftes Wetter, ein maigrüner Wald, ein Hotel mit weitläufigen, gepflegten Anlagen und kleinen Teichen im Grünen, ein tolles Essen und ein perfekter Service, bei dem bis ins Detail liebevoll vorausschauend mitgedacht wurde. Ich konnte mich einfach fallen lassen, umsorgen und feiern lassen. War das schön!!! 🙂 Wir ließen uns Beelitzer Spargel schmecken, hatten Zeit füreinander, konnten nicht nur meinen Geburtstag, sondern auch noch berufliche Erfolge meiner beiden Neffen feiern und in herrlicher Natur den Frühling genießen. Um uns herum nur der Wald mit Vogelzwitschern. Kuckuck und Nachtigall zwitscherten Geburtstagsmusik! 🙂 Passend dazu wurde mir, wie es in unserer musikalischen Familie Tradition ist, ein Ständchen mit Waldhorn und Geige gegeben. Am nächsten Tag, am Geburtstag selbst, fuhren wir zu einem Schloss mit einem Landschaftspark im englischen Stil, in dem die Rhododendren blühten. Alle waren so begeistert, dass wir mehr als zwei Stunden benötigten, um bei zauberhaftem den relativ kleinen Landschaftspark mit allen Ecken zu erkunden und zu fotografieren. Mir wurde wieder einmal bewusst, wie ähnlich wir uns alle sind, wie ähnlich unsere Interessen und unsere Naturliebe sind. Mit wem sonst, außer meiner besten Freundin, kann ich zwei herrliche Stunden in einem kleinen Park „vertrödeln“ und einfach nur beobachten, wohin der Storch fliegt, ob er die Kaulquappen am Teichrand schon entdeckt hat oder schauen, wie sich der Wald im Wasser spiegelt? Nach einem gemeinsamen Mittagessen nahte der Abschied und jeder fuhr in seine Himmelsrichtung davon. Geschenkt hatte mir die Familie, meinem Wunsch entsprechend, einen tollen Tag mit einem schönen, kulturellen Erlebnis als Höhepunkt, welchen ich an einem Tag im Sommer, gemeinsam mit meiner Schwester, genießen werde.

Am nächsten Tag feierte ich mit meinen Freunden in meinem Lieblingsrestaurant an meinem Heimatort. Es ergab sich so, dass wir den großen Wintergarten mit Blick auf den sonnigen Hafen am großen See zum Mittagessen und Kaffeetrinken für uns allein hatten. Auch hier wurden wir liebevoll umsorgt, das Essen schmeckte allen sehr und es ergaben sich schöne Gespräche, in denen jeder zu Wort kam. Mir machte es einfach Freude, meine Freunde zu bewirten und mit ihnen entspannt zusammen zu sitzen und plaudernd und zuhörend das Essen zu genießen. Eingeladen hatte ich nur wirkliche Freunde, echte, jahrzehntelange Wegbegleiter, mit denen ich durch Höhen und Tiefen gegangen bin. Es war einfach perfekt!!! Spontan beschlossen einige von uns, am nächsten Tag gemeinsam in einem neu eröffneten Hotel meines Heimatortes zu frühstücken. Auch das war ganz besonders schön. Zwischen diesen ganzen schönen Erlebnissen trudelten die Anrufe ein und quoll der Briefkasten über und Päckchen, die ich nicht selbst annehmen konnte, stapelten sich bei den Nachbarn. Zeitgleich hielten meine einen Tag jüngere Freundin aus Süddeutschland und ich uns per Telefon und Mail über unsere Feier-Erlebnisse auf dem Laufenden. 🙂 Von Tag zu Tag stiegen die Temperaturen, so dass aus dem geplanten Frühlingsurlaub unverhofft ein Sommerurlaub wurde. Für morgen ist noch ein kleines, familiäres Nachfeier-Kaffeetrinken angesetzt. Eine Gelegenheit, doch noch meinen Backofen anzuheizen, denn eine Geburtstagsfeier ohne meine traditionelle Rharbarbertorte geht ja eigentlich auch nicht! 🙂

Etwas Zeit habe ich dann noch, um auszupendeln, um alles zu verdauen, um Dankschreiben zu verfassen und Danktelefonate zu führen. Zwei Feiern mit dem Verein und mit Kollegen werden noch nachgeholt.

So ganz ohne Bibliotheks-Hausaufgaben ging es jedoch nicht mal im Geburtstagsurlaub, denn die Sommerleseclub-Bestelllisten kamen jetzt und müssen schnell bearbeitet werden. Und der Architekt wollte ganz spontan unbedingt jetzt! sofort! die Ausstattung der neuen Bibliothek geklärt haben,obwohl es seit mindestens fünf Jahren im Raum steht, dass die Bibliothek nach dem Umzug neu eingerichtet wird. Das scheint das Gesetz der Serie zu sein: Kein Urlaub, in dem ich nicht mit spontanen, beruflichen Unwägbarkeiten konfrontiert werde, die schon lange davor hätten geklärt werden können. Ich habe jedoch beschlossen, mich über die unter anderem durch den Architekten vorgeschlagenen schwarzen Regalfachböden erst nach dem Urlaub zu ärgern. Noch genieße ich den Sommer und das schöne Gefühl, gefeiert zu werden. 🙂 Und den Fliederduft , die Kastanien-Kerzen, die vielen Blumen, die gelb leuchtenden Rapsfelder und das frische Grün!

„Kommt“ … „Geht“ – (Arbeits)Zeit ist relativ

Seit Jahren wird die Arbeitszeit der Kollegen in der Kernverwaltung durch eine Arbeitszeit-Erfassungs-Software überwacht. Vor drei Jahren kündigte mir der Hauptamtsleiter an, dass dies auch bald in den Außenstellen der Fall sein wird. Er war sehr überrascht über meine erfreute Reaktion. „Ja, machen Sie das nur ruhig! Dann sehen Sie es schwarz auf weiß!“, sagte ich begeistert. Er schaute mich ungläubig an – und die Zeiterfassung für mich kam nicht. 🙂 Wohl aber für die Kollegen im Bürgerhaus und im städtischen Museum. Die stöhnten und jammerten, was das Zeug hielt. Der Hausmeister des Bürgerhauses braucht, nachdem er sich in der Zeiterfassung am Computer ausgeloggt hat, noch etliche Minuten, um die Alarmanlage des Gebäudes von außen scharfzuschalten. Die Museumsmitarbeiter müssen am Ende des Öffnungstages die gesamte Computertechnik im Ausstellungsbereich des Museums runterfahren. Da sie nicht die steile Treppe ins Büro, wo der PC mit der Zeiterfassung steht, wieder hoch- und runtersteigen möchten, loggen sie sich vorher in der Zeiterfassung aus. Da fehlen dann mitunter zehn wertvolle Minuten und noch mehr Sekunden!

Nachdem ich einen Antrag auf Erhöhung meiner Arbeitszeit gestellt hatte, wurde die Zeiterfassung endlich auch bei mir und in den Schulsekretariaten installiert. Endlich!!! Zum Einweisungs-Termin konnte ich nicht in die Stadtverwaltung gehen, weil gerade wieder die Kita-Gruppe zu einer Lesung bei mir war. Nachdem ich der zuständigen Kollegin erklärt hatte, das ich schon einmal bei einem früheren Arbeitgeber mit einer Zeiterfassung gearbeitet hatte, sagte sie: „Dann fangen Sie doch diese Woche schon mal an mit der Erfassung, dann werden wir sehen, ob sich Fragen ergeben.

Andere wären vermutlich wieder umgefallen bei dem Gedanken, jetzt schon kontrolliert zu werden, aber ich nahm es sportlich. Okay, dann schauen wir mal. Es ist doch gut, schon mal zu üben, damit die Routine ab 1. Mai sitzt. Schließlich möchte ich nach der Öffnungszeit schnell noch den Tagesabschluss in meiner Bibliothekssoftware machen, den Abgleich zum Online-Katalog durchführen, dann „geht“ in der Zeiterfassung drücken, buchen und „OK“ anklicken- und dann auch noch meinen Bus schaffen, denn der nächste fährt erst eine Stunde später. Da muss schon jeder Handgriff routiniert sitzen.

Da die Bus-Zeiten immer nicht ganz mit den Arbeitszeiten übereinstimmen, arbeite ich automatisch jede Woche ein bis anderthalb Stunden länger, je nachdem, wie lange ich an den drei langen Arbeitstagen in der Mittags-Schließzeit wirklich in der Mittagspause bin. Diese Zeit habe ich meinem Arbeitgeber bisher meist geschenkt. Genau wie die Zeit der langen Fortbildungstage, an denen ich eigentlich nur vier Stunden hätte arbeiten müssen. Ich hatte kein Problem damit, denn für mich ist diese Arbeit eine Herzenssache. Wenn man sie gründlich machen möchte, dann beschäftigt sie einen über die Arbeitszeit hinaus. Wie oft gehe ich an meinem Wohnort noch zur Buchhandlung, weil diese Buchhandlung meine Bibliothek beliefert? Wie oft sitze ich abends am heimischen PC, um die Medienlisten für Buchbestellungen zu schreiben? Wie oft gehe ich abends noch einmal Veranstaltungskonzepte durch und „übe“ quasi für meine Lesungen? Ganz zu schweigen von den Zeiten, in denen ich gemeinsam mit meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte Publikationen über meinen Arbeitsort verfasst habe. Wenn ich publiziere, nutze ich immer gern noch den abendlichen Flow. Ich sehe das als normal an, denn meine Arbeit macht mir Freude und ich möchte damit auch den Bibliothekslesern und Archivnutzern Freude bereiten. Als Leiterin einer Bibliothek arbeite ich nun einmal eigenverantwortlich, da ist es völlig normal, dass ich mein dienstliches Gehirn nicht an jedem Abend völlig abschalte.

Da die Arbeitszeit-Erfassung also quasi nur symbolisch ist, nehme ich sie also sportlich. In der Regel schließe ich die Bibliothekstür mit dem Gongschlag der Kirchturmuhr auf. 8 Uhr also. Wie ging das doch gleich? Erst die Verbindung zum Stadtverwaltungs-Sever herstellen, warten bis das Symbol grün leuchtet. Ach so, ich muss mich ja mit einem Passwort einloggen. Und jetzt? „Kommt“. Die laufende Uhrzeit, die bis dahin angezeigt wurde, bleibt stehen. 8.03.35. Aha, so lange dauert es also. Und jetzt die Bibliothekssoftware starten. Eigentlich wäre ja Archivtag, aber da die Kita kommt, brauche ich die Software. Kompliziert wird es am Ende des kurzen Arbeitstages. Ich habe zu spät daran gedacht, mich auszuloggen und hatte mich zwischendurch so aus dem System geklickt, dass ich mich erneut mit Passwort einloggen musste. „Geht“ – „Buchen“ – „OK“. Jetzt schnell den PC runterfahren. Denkste. „Wollen Sie die Seite wirklich verlassen?“ – „Jaha, ich muss die Bibliothek verlassen, mein Bus wartet nicht!“ Jetzt wurde es wirklich sportlich. Im Dauerlauf zur Haltestelle. Der Bus stand nur noch da, weil eine ganze Schulklasse ausgestiegen war, was länger dauerte als gewöhnlich. Puh! Geschafft! Na, ganz so sportlich wollte ich es nun doch nicht nehmen! Okay, also vier Minuten vor Abfahrt des Busses ausloggen war eindeutig zu spät. Muss ich morgen eher machen. Am nächsten Tag ging es schon routinierter. Statt 8.03.35 schon Einloggen um 8.02.28. Der Bus war heute aber auch überpünktlich. Ich probierte nun, mich nicht aus dem System zu klicken und erwischte mich abends, nach dem langen Öffnungstag dabei, wie ich, schon in der Jacke, vor dem PC saß und die Uhr hypnotisierte. „Wann logge ich mich jetzt am besten aus? Reichen drei Minuten eher als gestern?“ Mist. Ich wollte mich doch überhaupt nicht zum Sklaven der Arbeitszeit-Erfassung machen lassen!!! Eigentlich hätte ich sowieso schon seit einer halben Stunde Feierabend gehabt, also was soll der Sekunden-Geiz! 🙂 Dummerweise hatte ich nun im System vier Fenster geöffnet, hatte also jedes Mal beim Bedienen der Zeiterfassung ein neues Fenster geöffnet. „Kommt“ – „Geht (Mittagspause) – „Kommt“ und „Geht“. Also nach dem Ausloggen alle vier Fenster schließen. „Wollen Sie die Seite wirklich verlassen?“ Ich hatte schon wieder einen leichten Anflug von Panik: „Jaha, ich muss doch zum Bus!!!“ Dieser fuhr gerade ein, als ich im Dauerlauf um die Ecke bog. Geschafft!!! Heute, am kurzen, öffnungsfreien Archivtag, klappte alles schon ganz super, ich konnte relativ entspannt zur Haltestelle gehen, wo Elias, mein zehnjähriger Freitags-Mitfahr-Kumpel, mich schon strahlend erwartete. 🙂

Also lieber etwas eher ausloggen und sch … auf die Minuten und Sekunden der Arbeitszeit, die ich sowieso meinem Arbeitgeber schenke, denn zuviel Arbeit für zu wenig Zeit gibt es immer, ob mit Zeiterfassung oder ohne. Was passiert eigentlich mit den Arbeitszeit-Journalen? Die werden einmal monatlich von den beiden großen Chefs gelesen und unterschrieben und uns dann in unser Postfach gelegt. Vielleicht trägt das ja nach fast zehn Arbeitsjahren in dieser Bibliothek zur Vertrauensbildung bei. 🙂

Wenn etwas nicht mehr funktioniert …

Wenn etwas nicht mehr funktioniert …

Manchmal werden wir abrupt aus unseren Gewohnheiten geschmissen. Irgendetwas passiert – und schon sind lieb gewonnene Rituale nicht mehr durchführbar. Es gibt mehrere Möglichkeiten, damit umzugehen.

Die erste und in meinen Augen ungünstigste Möglichkeit wäre es, in die Opferrolle zu gehen. Das hieße, sich entweder auf einen bösen Täter zu fokussieren oder auf die blöde Technik und sonstige Gegebenheiten zu schimpfen. Das ist herrlich bequem, wenn man es mag, zu jammern und auf andere mit dem Finger zu zeigen. Ich habe so ein Beispiel gerade als die Beschimpfte erlebt. Und das eigentlich nur, weil ich öffentlich unangenehme Umstände benannt hatte, die es wert waren, hinterfragt zu werden. Damit war ich sofort „die blöde Kuh“. Das war nicht sehr nett. Es muss ein Hochgenuss für manche sein, alle Verantwortlichkeiten im Leben auf andere zu projizieren. Egal, ich nehme es inzwischen mit Humor und habe viel daraus gelernt. Über mich, über meine Lebensaufgabe und über meine Beziehungen zu anderen Menschen.

Eine weitere Möglichkeit wäre es, in die Eigenverantwortung zu gehen und zu hinterfragen, was durch einen selbst schief gelaufen ist. Hier gibt es allerdings auch Tücken. Es gibt Menschen, die zur Selbstkasteiung neigen. Die sich nicht selbst symbolisch in den Arm nehmen können nach einem blöden Fehler. Das ist dann auch wieder kein konstruktiver Umgang mit dem von außen herbeigeführten abrupten Ende einer Gewohnheit. Vor allem: wenn man sich schon nicht selbst verzeihen kann, wie soll man dann anderen jemals verzeihen?

Eine dritte Möglichkeit wäre es, den neuen Umstand als gegeben hinzunehmen, zu akzeptieren, dass es nun gerade °zufälligerweise° sich so ergeben hat. Wobei es für mich keine Zufälle gibt. Ich habe gelernt, dass alles im Leben einen Sinn hat, wie skurril die Ereignisse auch immer daherkommen. Wenn man die neuen Gegebenheiten dann angenommen hat, kann man schauen, welche Chancen sich jetzt bieten. Erfahrungsgemäß ist nie alles total grottenschlecht. Alles hat immer zwei Seiten, eine gute und auch eine schlechte. Die schlechte Seite mit Energie zu füttern wären die Möglichkeiten eins und zwei. Die gute Seite mit Energie zu füttern und ganz offen zu schauen, was jetzt kommt, ist für mich ein gangbarer Weg, mit Widrigkeiten umzugehen.

Mir fällt bei diesem Thema immer ein Beispiel von Louise H. Hay ein. Einer ihrer Klienten berichtete, dass er, als er in eine neue Firma kam, vor dem bösen, bösen Chef gewarnt wurde. Dieser Mitarbeiter nahm es aber nicht als gegeben hin, dass der Chef so böse war. Er blieb offen und beobachtete ganz neutral die Dinge, die da auf ihn zukamen. So ging er auch ganz neutral mit dem Chef um, so wie man mit jedem neuen Menschen in seinem Leben unvoreingenommen umgeht. Das Ergebnis war, dass er mit dem Chef wunderbar zurechtkam und sogar befördert wurde. Man ist also nicht Spielball von bösen Leuten, sondern man kann sein Leben ohne Jammern selbst in die Hand nehmen und positiv gestalten. Zugegebenermaßen schimpfe ich auch gern mal auf meinen obersten Chef, kriege mich dann aber auch schnell wieder ein, weil ich bei ihm die seelischen Ursachen für seine Entscheidungen erahnen kann.

Das Leben ist wunderbar. Man hat immer alle Möglichkeiten. Und wenn etwas zu Ende geht, kommt etwas ganz spannendes Neues. Denn: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“ Hermann Hesse selbst hat das auch in seinem Leben oft so erlebt.

Was keiner wagt …

Lebenslang habe ich geübt, für mich einzustehen. Es bringt nichts, anderen nach dem Munde zu reden. Es bringt auch nichts, sein Fähnchen nach dem Wind zu hängen. Nach vielen Entwicklungsschritten ist es mein Motto geworden, für mich einzustehen.

In letzter Zeit begegnen mir immer wieder Menschen, die sich selbst klein machen, die Gegebenheiten einfach so akzeptieren, weil sie über Dritte gehört haben, dass es nun einmal so ist, die sich aber nicht trauen, die Dinge bei den Verantwortlichen selbst zu klären. Junge, talentierte Menschen machen sich auf diese Weise klein. Das ist traurig.

Es gibt auch immer noch Chefs und Chefinnen, die meinen, über Druck regieren zu müssen. Kürzlich war ich Zeugin, wie eine Mitarbeiterin in einem Amt panisch flatterte, weil ihre Chefin gerade in einem barschen Tonfall auf einen Berg von „to do’s“ noch etwas draufpackte. Als die Chefin den Raum verlassen hatte, zitterte die Mitarbeiterin noch eine Weile weiter, und ich brauchte eine ganze Weile und viele nette Worte, bis die Mitarbeiterin ganz ruhig wurde, sich entspannte und wieder strahlte. Am Rande einer Fortbildung mit Kolleginnen aus anderen Bibliotheken ist dieser Druck, der in den Stadtverwaltungen herrscht, leider immer wieder Thema. Alle jammern darüber, aber kaum einer traut sich, das Problem direkt dort zu benennen, wo es auftritt.

Kürzlich ist mir eine Frau virtuell begegnet, die sich für etwas entschuldigt hat, weil andere der Meinung waren, sie müsste sich entschuldigen. Diejenige, die sich meiner Meinung nach wirklich hätte entschuldigen müssen, hat dies aber nicht getan. Das ist ein weiterer Aspekt dieses Problems. Indem man „gut“ und „lichtvoll“ sein möchte, macht man sich klein. Und indem ich diese Dinge benenne, mache ich mich in den Augen anderer zum „Trigger“, wie ich gerade lesen musste. Was ist das für eine kleinkarierte Welt!

Ich wollte das schon seit einigen Tagen zum Thema eines Blogbeitrags machen, aber mir fehlten noch die richtigen Worte. Jetzt bin ich in einem anderen Blog an eines meiner Lieblingslieder erinnert worden. Dieses Lied schenke ich heute all denen, die sich im vorauseilendem Gehorsam gegenüber ihrem Arbeitgeber klein machen. Ihr könnt das Lied bei Youtube suchen, es gibt verschiedene schöne Interpretationen von Liedermachern, da findet sicher jeder seine Lieblingsversion. Ich habe dieses Lied zuerst vor Jahren von Reinhard Mey gehört. Der Text wird vielen Autoren zugeschrieben, u. a. Goethe oder Franz von Assisi. Nach meinen Recherchen ist der Pfarrer Lothar Zenetti der Autor. Von ihm sind ca. 150 Gedichte bekannt, die auch vertont wurden.

 

Lothar Zenetti

Was keiner wagt

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.

Was keiner sagt, das sagt heraus.

Was keiner denkt, das wagt zu denken.

Was keiner anfängt, das führt aus.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr´s sagen.

Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.

Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben.

Wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, habt Bedenken.

Wo alle spotten, spottet nicht.

Wo alle geizen, wagt zu schenken.

Wo alles dunkel ist, macht Licht.

„Wie war das mit dem Hut?“

Die Zeit nach meinem schönen Buchmesse-Besuch war nicht besonders lustig. Irgendwie fühlte ich mich „daneben“. Ich dachte immer nur: „Wenn mich noch irgendjemand falsch antippt, falle ich um!“ „Daneben“ ist wohl das passendste Wort für diese Zeit. Die Stolperstein-Verlegung an meinem Arbeitsort: völlig daneben. Das Wetter: völlig daneben. Meine Gesundheit: völlig daneben. Meine Begegnungen: völlig „daneben“ und ein Gefühl, nicht verstanden zu werden Meine Stimmung: völlig daneben. Na gut, es war nicht alles schlecht, es gab auch kurze Glücksfunken und Erfolgserlebnisse. Doch das „Daneben“-Gefühl überschattete diese schnell wieder.

Aber mit den ersten beiden warmen Frühlingstagen hier im hohen Norden ist gleich alles wieder im Lot, mein sonniges Gemüt ist wieder da und über gewisse Widrigkeiten des Alltags kann ich schon wieder herzlich lachen. 🙂

Das Oster-Wochenende bescherte uns Massen von Schnee. Wenn ich nicht gerade mich mit der Familie traf, nutzte ich die Zeit, um mit Antoine Laurains „Der Hut des Präsidenten“ mal völlig abzuschalten. War das herrlich!!! Nach „Monsieur Pick“ wieder so eine leichte, gut gemachte, typisch französische Geschichte! Genau das Richtige, um mich wieder aufzumuntern und in meine Mitte zu bringen! Ich sollte unbedingt mal wieder nach Frankreich reisen und unbedingt mal in einer Brasserie eine Meeresfrüchteplatte „Royal“ probieren! 🙂 Obwohl, Austern habe ich noch nie gegessen und Mr. Bean ging es mal nach Austern garnicht gut. 🙂 . Das Buch ist eins der Bücher, die ich schon lange lesen wollte, die aber immer in der Bibliothek ausgeliehen waren und bei der Rückgabe begeistert gelobt wurden. Inzwischen hat mir meine Schwester zu Weihnachten „Die Melodie meines Lebens“ geschenkt, aber bevor ich das lese, wollte ich unbedingt „Der Hut des Präsidenten“ gelesen haben.

Heute kehrte ich mit zwei literaturinteressierten Freundinnen spontan in ein Café ein und begann von der Geschichte des schwarzen Filzhutes zu erzählen. Die eine Freundin war sofort fasziniert, während die andere, eine begeisterte Verehrerin von Goethe, uns lieber von ihrer Neu-Entdeckung berichten wollte: „Die Nacht des Erzählens“. Immer wieder wurde sie unterbrochen: „Wir waren doch noch nicht zu Ende. Erzähl doch, wie ging es weiter mit dem Hut?“ Nachdem ich beim dritten Besitzer des Hutes des Präsidenten angelangt war, lenkte die Goethe -Freundin geschickt wieder das Thema auf Goethes Märchen. Eine Weile hörte die andere Freundin zu, aber wieder bat sie mich, die Hut-Geschichte weiterzuerzählen. „Dieses Buch muss ich mir unbedingt kaufen!“, erklärte sie, die auch gern mal Hüte trägt. 🙂

„Dann brauche ich dir doch die Story nicht zu erzählen, versuchte ich das Gespräch so zu lenken, dass die andere Freundin auch wieder Freude daran hat. Eine Weile sprachen wir über Alltagsdinge und über die Autobiographie eines bei uns in der Region bekannten Mäzens, dessen Leben uns alle drei interessierte. Ihren Goethe konnte meine Freundin nicht mehr so recht anbringen, bis wir noch, begeistert über den schönen Frühlingstag, gemeinsam einige Zeilen aus dem „Osterspaziergang“ zitierten. Na gut, in den Augen meiner Goethe-Freundin war das eher Goethe für Anfänger, aber immerhin Goethe, der große Meister. 🙂 Wir gingen dann noch gemeinsam ein Stück des Wegs, bis sich die Goethe-Freundin verabschiedete. Als hätte meine Freundin nur darauf gewartet! „Und jetzt will ich aber auch noch den Rest der Hut-Geschichte hören!“ 🙂 Okay, also erzählte ich auch noch die Geschichte des vierten Besitzers und die zweite Begegnung mit Mitterand und das Ende. So andauernd und fasziniert habe ich mich außerhalb der Bibliothek lange nicht mehr über ein Buch unterhalten. Meine Freundin fühlte sich übrigens bestätigt: „Das sage ich doch immer: Kleider machen Leute!“ Naja. Ich weiß nicht, ob ein Hut Charisma „speichern“ und auf seine jeweiligen Träger übertragen kann. Aber es ist wirklich eine neckische Idee, die diesem Buch zugrunde liegt. Ich habe es sehr gern gelesen und die Geschichte heute mit großem Vergnügen erzählt! Ich bin übrigens schon gespannt, was für einen Hut meine Freundin bei unserer nächsten Begegnung tragen wird! 🙂

Buchmesse und das Kommen und Gehen der Bücher

Buchmesse und das Kommen und Gehen der Bücher

So schnell vergeht ein Jahr! Es ist wieder Buchmesse-Zeit! Meine Lieblingsbuchhandlung hatte wieder einen Bus gechartert, um den Interessierten aus unserer Region eine komfortable Reise zur Buchmesse zu ermöglichen. Diesmal waren wir zu dritt, denn neben meiner Freundin konnte ich auch eine meiner aktivsten Bibliotheks-Leserinnen begeistern, die zum allerersten Mal Buchmesse-Luft schnuppern wollte. Dieser Konstellation meiner Reisebegleitung sah ich nun mehr als gespannt entgegen. Es harmonierte super mit uns dreien und die Leserin wird auch im nächsten Jahr wieder mitkommen. 🙂 Die Bibliotheks-Leserin wollte möglichst alle bekannten Verlage zu sehen. Meine Freundin war bedauerlicherweise gesundheitlich etwas unpässlich und schlich hinter uns her. Sie hielt aber gut durch und stürzte sich eifrig auf die Neuerscheinungen zur Politik und Geschichte. Meine Leserin und ich fachsimpelten dagegen über die aktuellen Romane. Ich beobachtete interessiert, worauf sie sich „stürzt“, denn ich kenne ihren guten Geschmack In vielem liege ich mit ihr auf einer Wellenlänge. Wir suchten gemeinsam das neue, unbedingt lesenswerte Fantasy-Buch, wurden aber leider nicht fündig. „Das sind eh immer dieselben Geschichten, nur immer etwas anders verpackt“, meinte die Leserin, und da hat sie irgendwie Recht. 🙂 Wir debattierten eifrig, ob man beispielsweise „Kain und Abel“ von Jeffrey Archer unbedingt für die Bibliothek kaufen muss oder nicht. Am Tag zuvor hatte ich dieses Buch schon gemeinsam mit einer Kollegin nach einer Fortbildung in der Buchhandlung liegen sehen. Wir hatten gemeinschaftlich gestöhnt, denn wir Bibliothekarinnen kämpfen immer noch damit, den Überblick zu behalten, wer von unseren Lesern welchen Band der siebenbändigen Clifton-Saga als nächstes lesen möchte. Ich hatte ja im Blog schon des Öfteren erwähnt, dass ich prinzipiell gegen solche mehrbändigen Sagas bin, aber die Clifton-Saga-Bände in meiner Bibliothek sind größtenteils Schenkungen.

Meiner Freundin fiel übrigens auf, dass es ein Trend zu sein scheint, die Klassiker der Weltliteratur in besonders schönen, liebevoll gestalteten Taschenbuchausgaben neu zu verlegen. Wir staunten über Neuausgaben von Kästner, Werfel, Remarque und vielen anderen. Und ich hatte noch zwei Tage zuvor ratlos die schon ziemlich lädierten, aber immer noch gern ausgeliehenen DDR-Ausgaben dieser Klassiker angeschaut und mich gefragt, wie ich damit umgehen sollte.

Mit den Veranstaltungen war es in diesem Jahr schwierig. Meine Bibliotheksleserin wollte sich am liebsten ausschließlich auf die Bücher stürzen, ich wollte zu Bernhard Schlink, meiner Freundin war alles egal. Bernhard Schlink verpasste ich zweimal, bei der dritten Veranstaltung war es so voll, dass kein Rankommen war. Eine Mitfahrerin im Reisebus erzählte auf der Rückfahrt, dass es eher ein Interview als eine Lesung war, und dass die Moderatorin so grottenschlechte und primitive Fragen gstellt hätte, dass sich alle Zuhörer nur geärgert hatten. Im Vorbeigehen sahen wir noch ganz von fern auf dem blauen Sofa in der Glaushalle Sahra Wagenknecht, aber akustisch war aus dieser Distanz absolut nichts zu verstehen. Nach ihr sollte eingentlich Jojo Moyes lesen, was meine Bibliotheksleserin und mich schon sehr interessiert hätte. Da uns aber die Bücher noch mehr interessierten, verzichteten wir daraus, und eventuell zwei Stunden vorher schon einen Platz zu sichern, damit wir überhaupt die Chance hatten, die Lesung zu verfolgen. Ab und zu blieben wir im Vorbeigehen bei weniger besuchten Lesungen stehen und hörten mal einige Minuten rein.

Zwischendurch überraschte ich mich selbst. Meine beiden Begleiterinnen blieben am Stand eines kleinen Verlages stehen und lasen sich fest, so dass ich wohl oder übel hinterherging. Im letzten Jahr noch war ich an diesem Verlagsstand vorbei gegangen und hatte dabei eine leichte Wut im Bauch. Diesmal schaute ich mir die Auslagen an und stand staunend neben mir als ich mich sagen hörte: „Auf Ihren Verlag bin ich total sauer!“ 🙂 Meine beiden Begleiterinnen schauten auf, die eine wissend, die andere sehr verdutzt. Die jetzige Verlagsleiterin eilte hinzu und ich begann, mir den Frust von der Seele zu reden. Es war der Verlag, in dem eins meiner Sagenbücher erschienen war. Der Verlag hatte sich nicht an seinen eigenen Vertrag gehalten. Für mein nun entstehendes neues Sagenbuch ergab sich vor kurzem so quasi nebenbei die Zusammenarbeit mit einem neuen Verlag. Es tat gut, den Frust endlich dort loszuwerden, wo er hin gehörte. Es stellte sich heraus, dass die Schuld nicht, wie von mir vermutet, bei der neuen Verlagsleitung lag, die sich ehrlich und sehr betroffen entschuldigte. Bei der alten Verlagsleitung, mit der ich meinen Autorenvertrag abgeschlossen hatte, war wohl einiges schief gelaufen. Das hatte ich auch schon von anderen Autoren dieses Verlags gehört, deshalb glaubte ich es sofort. Wir trennten uns friedlich, jeder wünschte dem anderen Glück auf seinem Weg und wir gingen weiter zum Nachbarstand. Das war irgendwie symbolisch, denn auch im Verlag „nebenan“ hatte ich schon publiziert, und die Zusammenarbeit mit diesem Verlag läuft immer noch erfolgreich und für beide Seiten gut.

Als der Tag zu Ende ging, merkte ich erst, wie anstrengend er war. Wir sind wirklich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, sind von Verlag zu Verlag geschwebt, mit nur einer halbstündigen Kaffeepause dazwischen. Wir sogen mit allen Sinnen die Atmosphäre ein und beobachteten beim Kaffeetrinken die vorbei gehenden Messebesucher. Menschen jeden Alters, ganze Familien, ganze Schülergruppen, natürlich wieder verkleidete Manga-Fans. Meine Bibliotheks-Leserin war begeistert und konnte nicht genug kriegen.  Meiner Freundin ging es zunehmend besser und auch sie taute im Laufe des Tages immer mehr auf. Ich war rundum glücklich und beobachtete die vielen literaturinteressierten Messebesucher. Und ich habe so viele Anregungen für neue Bucheinkäufe, dass es kein Problem sein dürfte, den Geschmack meiner Bibliotheksleser (und meiner Familie bei den Ostergeschenken) zu treffen.

Heute katte ich Urlaub und konnte alles sacken lassen. Ich dachte auch noch einmal über das Gespräch mit meinem ehemaligen Sagenbuch-Verlag nach. Es tat sehr gut, in diesem Gespräch von Angesicht zu Angesicht reinen Tisch zu machen. Den Groll über drei Jahre mit sich rumzuschleppen, war keine gute Lösung. Wie soll ich denn unbeschwert ein neues Sagenbuch zusammenstellen, wenn das Vorgänger-Buch quasi noch nicht richtig verabschiedet werden konnte? Wenn da immer noch etwas ungeklärtes im Raum schwebte? Kein Wunder, dass ich mich schwer tat mit dem neuen Manuskript. Aber jetzt ist alles gut. Jetzt darf es wachsen, das neue Buch. Ende gut, alles gut.

Grenzwertigkeiten

Es gibt Zeiten, in denen man alles in Frage stellt – genau so eine Zeit habe ich in den letzten Tagen erlebt. Draußen eisige Kälte bei strahlendem Sonnenschein. Und drinnen: irgendwie überall Chaos. Augen und Nase entzündet, keine Lust zu Routinearbeiten, im Job wieder mal Schlüssel-Probleme. Die Tür zur jetzigen Bibliothek klemmt und die Türen im neuen Bibliotheksgebäude sollen umständlich durch verschiedenfarbige Chips gesichert werden. Meine liebe ehrenamtliche Helferin Doreen brachte die Chip-Thematik auf den folgenden Punkt: „Sie sehen schon so gelb aus. Ich gebe Ihnen mal den weißen Chip mit, denn den brauchen Sie, wenn Sie die Toilette im Keller benutzen wollen!“ – danke für den aufmunternden Lacher, liebe Doreen! 🙂

In meinem plattdeutschen Verein bin ich wieder mal an dem Punkt angelangt, den ich schon seit mehreren Jahren kenne: Macht die Arbeit dort noch Sinn oder nicht? Meine Vereinskollegen möchten mit ihren plattdeutschen Auftritten nur noch Geld verdienen und sich das am liebsten noch von der Stadt, dem Land, der Ehrenamtsstiftung, diversen Sponsoren ordentlich fördern lassen. Wieder mal wurde die Erhöhung der Eintrittspreise diskutiert. Das ist ein Weg, den ich so nicht mehr mitgehen kann, denn schließlich muss ich alle drei Jahre dem Finanzamt unsere Gemeinnützigkeit nachweisen. Also habe ich mir erstmal eine kleine Auszeit verordnet. Die nächste Probe findet ohne mich statt. Über eine größere Auszeit, wenn das Herbstprogramm geprobt und aufgeführt wird, denke ich auch nach. Schließlich zieht im Herbst die Bibliothek um, vermutlich müssen zeitgleich schnell die Landesfördermittel für neue Medien ausgegeben werden. Da werde ich wohl 24 Stunden täglich im dienstlichen Einsatz sein.

Die vorausgehenden Turbulenzen beschrieb ich ja schon im letzten Blogbeitrag. Auch sie haben Spuren hinterlassen. Bei mir hilft in solchen Fällen nur der Rückzug. Völlig allein sein, völlig abschalten, völlig in meine Mitte kommen. Das ging aber auch nur bedingt. Am vorletzten Wochenende hatte sich spontan mein Schwesterchen zu Besuch angemeldet. Mit dem Ergebnis, dass die ganze Familie ein Wochenende lang nur um sie rumsprang. Im Gegensatz zu mir war mein Schwesterlein herrlich frisch erholt von ihrem Winterurlaub. Beneidenswert! Ich freue mich immer, wenn ich sie sehe, aber für Spontaneitäten bin ich gerade weniger zu haben. Ich brauche Ruhe, ich brauche Zeit für mich und, wenn jemand „stören“ will, Zeit, mich darauf einstellen zu können. Ich bin nun mal so. Punkt. Spontaneität habe ich genug in der Bibliothek, und dort liebe ich die kleinen Überraschungen des Alltags auch. Aber gerade jetzt will ich zu Hause nur meine Ruhe haben. Ich bin so sensibel geworden, dass es mich schon sehr schaudert, wenn mir auf der Busfahrt zur Arbeit ein unangenehmer Mensch zu sehr auf die Pelle rückt. Früher hatte ich auch in der Bibliothek mal (ganz selten) unangenehme Zeitgenossen zu Besuch. Das passiert aber schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Dort gehen alle respektvoll und nett miteinander um.

Meine Unzufriedenheit hatte noch einen anderen Grund. Für einen Förderverein musste ich ein seitenlanges Sitzungsprotokoll schreiben, dafür noch einmal Sachverhalte recherchieren und angesichts „pingeliger“ Mitspieler in diesem Vereinstheater genau abwägen, welche spontanen Wortmeldungen unbedingt im Protokoll erwähnt werden müssen und welche nicht. Einen Vereinskollegen, der trotz aller Notwendigkeit genauso wenig Zeit und Lust für solchen amtlichen Schriftkram hat wie ich, musste ich noch dazu mehrmals dezent auf die Füße treten, damit er seinen Anteil liefert. Was mir auch wieder leid tat, denn ausgelastet sind wir beide bis zum Stehkragen. Die angefangene Überarbeitung meines Sagenbuches lag und lag und kam nicht voran. Ich hatte auch nicht die Kraft dazu, mich ernsthaft damit zu beschäftigen. Entweder ganz oder garnicht.

Zur Entspannung lese ich manchmal in einigen spirituellen Blogs. Aber auch hier war vor kurzem keine Entspannung in Sicht. Auch dort viele Berichte von Krisensituationen, dazu durfte ich auch noch eine virtuelle Krisensituation live miterleben. Also es rüttelte und knackte an allen Ecken und Enden in letzter Zeit. Grenzwertig, eben.

Wie schafft frau es da, den Kopf oben zu behalten? In der oben beschriebenen Protokoll-Angelegenheit half nur: Augen zu und durch. Was einmal gründlich erledigt ist, macht Platz für Angenehmeres. Ansonsten hilft es mir immer, sich zwischendurch bewusst auf schöne Momente zu fokussieren, und seien sich auch noch so klein. Gemeinsames Lachen in der Kaffee- und in der Mittagpause, für die mir donnerstags ein leckeres Süppchen gekocht wird, tolle Sonnenauf- und Untergänge auf dem Weg von und zur Arbeit, ein leckerer Apfel zwischendurch, den ich ganz andächtig genießen kann, mein immer noch blühender Affenbrotbaum auf dem Flur, der jetzt die Gesellschaft einer Primel genießt. 🙂 Abendliches Einwickeln in meine flauschige Alpakadecke. Häppchenweises Lesen von „Die Katze des Dalai Lama“ von David Michie. (Sehr empfehlenswert! 🙂 ) Und – ganz wichtig – nette Gespräche mit den Bibliothekslesern. Irgendwie hatten in dieser Zeit alle das Bedürfnis, mit mir zumindest Smalltalk zu halten, sich von mir Bücher empfehlen zu lassen, selbst über ihre winterlichen Befindlichkeiten zu sprechen. Ich habe lange nicht so viele intensive Leser-Gespräche in so kurzer Zeit erlebt wie in den letzten Tagen. Das tat auch mir mal gut, und ich nahm mir auch die Zeit dazu – egal was an Verwaltungskram liegenblieb. Es gibt Zeiten, da muss ich die Leser ganz kurz abfertigen, weil so vieles nebenbei zu erledigen ist. Aber jetzt, da die vielen, im Herbst letzten Jahres neu gekauften Medien die Runde machen, tut es einfach auch mal gut, Meinungen dazu zu hören. Und es ist ja auch wichtig für die Medienkäüfe der nächsten Zeit. Die Fahrt zur Leipziger Buchmesse ist schon geplant …

Wichtig ist für mich auch immer, einen Spaziergang an der frischen Luft zu machen, egal wie kalt und windig es auch sein mag. Das pustet den Kopf frei. Alle Wege werden möglichst zu Fuß erledigt (bis auf der 30 km lange Arbeitsweg). Als ich vorgestern zum Einkaufen aus dem Haus ging und schon um die Ecke war, fing mein entzündetes linkes Auge wie wild an zu schmerzen. Entweder stand da in der Nachmittagssonne doch schon eine Haselpolle senkrecht in den Startlöchern oder es war die Entzündung. Eigentlich hätte ich umkehren müssen. Das Auge schmerzte und tränte wie wild. Als das linke Auge damit fertig war, fing das rechte auch noch an. Aber ich hielt durch und ging weiter. Es wurde schließlich mit jedem Schritt besser, und den Rückweg vom Supermarkt konnte ich sogar genießen.

Musik hilft auch sehr, die innere Mitte wiederzufinden. Allerdings bin ich auch hier sehr sensibel geworden. Rock und Pop geht fast garnicht momentan. Klassik immer sehr gern, aber selbst das schalte ich nach einer Zeit ab. Entspannungsmusik mit Wiederholungsschleifen kann ich überhaupt nicht hören. Seit einer Woche genieße ich immer mal wieder das Konzert, welches mein Neffe Anton für seine Master-Prüfung auf seinem Naturhorn gegeben hat, mit Begleitung von vielen anderen Musikern. Da kann ich eintauchen, mich entspannen und mich freuen – und stolze Tante sein. 🙂 ❤

Eigentlich ist das Tagebuch-Schreiben immer ein guter Weg gewesen, um Stimmungen und Ereignisse zu verarbeiten. Aber nicht mal das funktioniert jetzt. Wenn ich über die unerfreulichen Ereignisse ausführlich schreiben würde, dann würde ich sie, nicht so wie sonst, von der Seele schreiben, sondern ich gäbe ihnen noch einmal Energie, indem ich sie noch einmal aufleben lasse. Das will ich nicht, jedenfalls nicht jetzt, in dieser Zeit. Ich will einfach alles, was nicht mehr zu mir passt, in Frieden gehen lassen. So nach und nach vernichte ich alle meine alten Tagebücher, zuallererst die Tagebücher aus meiner Scheidungszeit. Ich habe längst meinen Frieden mit meinem Ex-Mann gemacht und bedaure sehr, dass es ihm in letzter Zeit gesundheitlich nicht gut ging. Letztens spielte er sogar eine (ganz angenehme) Rolle in einem ansonsten etwas kryptischen Traum. Die genaue Botschaft dieses Traums kann ich bisher nur erahnen. Sicher ist nur, dass es um „alt“ und „neu“, um Aufbruch nach einer Ruhephase ging. Also eigentlich ein Hinweis auf das, was auch im Wachzustand gerade „dran“ ist.

Vielleicht waren diese grenzwertigen Situationen der letzten Zeit wichtig, damit ich noch einmal hinterfrage, was ich wirklich will und was mir und meiner Seele wirklich gut tut.

Forschungen, Forscher und Reaktionen

Mein letzter Blogbeitrag handelte von meinem schönen Hobby. Jetzt möchte ich noch einmal über meine beruflichen Forschungen schreiben, über menschliche Reaktionen darauf und die Gefühle, die ich selbst mit mir herumtrage. Jetzt, da ein Forschungsthema dabei ist, gerade (vorerst) abgeschlossen zu werden, ist es mir wichtig, diese letzte Zeit noch einmal zu reflektieren.

Als wir vor fast einem Jahr durch Amsterdam gingen und die ganzen Stolpersteine vor den wunderschönen Häusern liegen sahen, hatten meine Freundin und ich schon dieses Thema „beim Wickel“. „Wie schafft der Denning das bloß, all die Namen und Schicksale zu erforschen?“, fragte meine Freundin. – „Das muss er garnicht. Das Forschen übernehmen andere. Er gestaltet nur die Steine und verlegt sie dann.“, antwortete ich. Da hatte ich schon die Anfrage auf dem Tisch und eine Weile vor mir hergeschoben.

Auch an meinem Arbeitsort sollen Stolpersteine verlegt werden. Schon seit fast zehn Jahren war die Rede davon, aber irgendwie kam man immer wieder davon ab. Jetzt weißich auch, warum, aber das ergibt sich aus diesem Text. Ich hatte Berge von anderen Arbeiten zu bewältigen und dachte nicht weiter darüber nach. Es war nicht so, dass mich das Thema nicht interessierte. Natürlich hatte ich Bücher gelesen und Filme gesehen über den Holocaust. Ich hatte bei „Der Pianist“ sehr geheult kannte das Tagebuch der Anne Frank, an deren Versteck wir übrigens in Amsterdam immer wieder vorbeigegangen waren mit der Frage: „Stellen wir uns an die lange Schlange davor an oder nicht?“ Wir hatten uns jeden Tag neu dafür entschieden, uns nicht anzustellen.

Die vielen Stolpersteine in Amsterdam waren jedenfalls der letzte Anstoß, den ich brauchte, das vor mir hergeschobene Forschungsthema endlich ernsthaft in Angriff zu nehmen. Schon einmal war ich ganz kurz familiär auf den Spuren eines Holocaust-Opfers unterwegs gewesen, deshalb wusste ich so ungefähr, wie man vorgehen könnte.

Die Großmutter, die ich nie kennenlernen durfte, hatte ihr Wirtschaftsjahr bei einer jüdischen Familie in Frankfurt/Main absolviert und war dort wie eine Tochter aufgenommen worden. Immer wieder hatte sie ihren Kindern von dieser Zeit erzählt. Noch auf dem Totenbett fragte sie sich, was aus dieser jüdischen Familie geworden sein mag, ob sie überlebt haben. So oft redete sie davon, dass sich meiner Mutter der Name der jüdischen Künstlerin fest eingebrannt hatte. Als ich mehr als fünfzig Jahre nach dem Tod meiner Großmutter unsere Familiengeschichte erforschte, ging ich der Sache nach. Im Internet-Zeitalter war es sehr unkompliziert, herauszufinden, dass auch sie zu den Opfern des Holocaust gehörte.

Nun also die dienstliche Recherche nach der letzten jüdischen Familie meines Arbeitsortes, für die Angaben auf den Stolpersteinen und auf einer Informationstafel. Ich nahm mir vor, alle Emotionen außen vor zu lassen und sachlich an das Thema ranzugehen. Nur so konnte es für mich funktionieren. Zunächst ging es darum, das zu sortieren, was schon bekannt war. Sind diese Fakten richtig, sind sie falsch, sind sie noch aktuell oder überholt? Eine Kollegin aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte hatte da schon ein Zeitungsinterview gegeben, in dem sie mitteilte, dass sie in Erwartung der Stolpersteine bereits alle bekannten Fakten gesammelt hätte und nun an einer Broschüre arbeiten würde. Das war zwar lobenswert, aber nicht sehr hilfreich. Erstens war diese liebe Frau nicht im Internet unterwegs, hatte daher nur allgemein bekannte gedruckte Quellen älteren Datums, und zweitens war es nicht mein Ansatz, die bereits bekannten Quellen mit teils widersprüchlichen Angaben wiederzukäuen, sondern sie mit den neuen Möglichkeiten (Internet!) noch einmal zu überprüfen. Ich fragte also einen anderen Forscherkollegen, der im Internet ganz gut unterwegs war, und sich auch schon mal mit der betreffenden jüdischen Familie beschäftigt hatte, ob er mir helfen wolle. „Dieses Thema zieht mich zu sehr runter.“, war die abschlägige Antwort. Na toll, dann also allein die Spuren verfolgen. Zunächst ging es um die genauen Daten für die Stolpersteine und ganz besonders um das Geburts- und Sterbedatum eines Überlebenden. Auf der Suche nach dem Geburtsdatum waren sowohl unsere Standesbeamtin als auch die der benachbarten Städte sehr hilfsbereit und äußerst bemüht, obwohl sie es aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zwingend gemusst hätten. Da der überlebende Sohn der Familie wider Erwarten überhaupt nicht in unserer Region geboren worden war, nützte mir das nur nicht allzu viel.

Währenddessen hatten die Vorsitzende des städtischen Kulturausschusses und der Pastor des Ortes schon Nägel mit Köpfen gemacht. Der Termin der Stolperstein-Verlegung stand bereits fest und die Sache wurde langsam dringend. Ich hatte schon alles Mögliche versucht: über meinen ancestry-account schon etwas Licht in die Verwandtschaftsverhältnisse der letzten am Ort ansässigen jüdischen Familien gebracht, dabei eine in den USA lebende Nachfahrin einer anderen jüdischen Familie kennengelernt und von ihr schließlich den entscheidenden Tipp erhalten, der auf das Naheliegendste verwies, das ich bisher übersehen hatte: eine sehr gute Internetseite über jüdisches Leben in meinem Bundesland. Und ab da ging es richtig los. Ich kontaktierte die betreffenden Forscher, und die gaben so nett, so bereitwillig und so geduldig Auskunft, dass es ein Segen für mich und letztendlich für meinen Arbeitsort war. Mails flogen hin und her und ich wurde, u. a. aus jüdischen Kirchenbüchern,  reichlich mit Wissen beschenkt. Als kleinen Dank konnte ich im Rahmen des wissenschaftlichen Austausches einige wenige offene Fragen der beiden Forscher aus unserem Stadtarchiv beantworten. Mein Herz quoll über vor Freude. Ständig berichtete ich meinen beiden Forscherkollegen von den neuen Erkenntnissen. Der eine – der, dem das Thema zu nahe ging – reagierte mit Desinteresse. Einmal kolportierte er mir sogar ganz hämisch, dass der Bürgermeister diese ganze Stolperstein-Aktion eigentlich überhaupt nicht will und nur duldet, weil Stadtvertreter und der Pastor des Ortes sie losgetreten hätten. Was ich mir sogar vorstellen konnte, denn die Reaktion des Bürgermeisters auf die Flüchtlingswelle von 2015 war ähnlich gewesen. Meine andere Forscherkollegin – die, die eine Broschüre schreiben wollte – hörte sich meine Berichte an, nahm auch Anteil, berichtete mir ab und zu mal bröckchenweise, was ihr Zeitzeugen erzählt hätten, aber von der geplanten Broschüre war keine Rede mehr. Überhaupt hatte sie sich anderen Forschungsschwerpunkten zugewandt und sowieso (das muss man fairerweise anmerken) auch einige zunehmende gesundheitliche Probleme, die prinzipiell das Forschen erschwerten. In dem Moment, wo ich mich kümmerte, war sie aber sozusagen mit dem Thema durch. Nun konnte sie damit nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Ich will jetzt nicht die langjährigen Verdienste dieser lieben Forscherkollegin abwerten, aber so ist derzeit auch aufgrund anderer Erlebnisse leider mein sich immer erhärtender Eindruck. In dem Moment, in dem man mit einem Forschungsgebiet nicht mehr in Presse und Öffentlichkeit glänzen kann, lässt man es fallen. Punkt.

Obwohl ich meine Emotionen außen vor lassen wollte, gab es zwischendurch immer wieder bewegende Momente. So mailten mir die beiden Experten einen Wikipedia-Link. Als ich ihn öffnete, sah ich auf einem Foto den Neffen von einem der beiden aus unserem Ort deportierten Holocaust-Opfer. Er war schon 1933 nach Stockholm gegangen und hatte überlebt. Ganz vertieft betrachtete er, der Geologe, einen Stein, der aussah wie ein Sternberger Kuchen. Das rührte mich zutiefst.

Inzwischen waren die Stolpersteine in Auftrag gegeben. Als ich zwei Tage vor meinem Herbst-Urlaub noch wegen eines Leseförderungs-Projektes der Bibliothek am Rennen war, erreichte mich die Mail der „Kulturtante“ der Stadtverwaltung mit dem Anliegen, ich möge doch noch bitte in letzter Minute vor meinem Urlaub, also innerhalb von zwei Tagen, den Text für die Info-Tafel liefern, denn eine Kulturausschuss-Sitzung stand bevor. Nachdem ich noch kurz vor meinem Urlaub fast eine Nacht durchgearbeitet hatte, stand schließlich auch dieser Text.

Das Ergebnis war, dass die Sache wieder auf Eis gelegt wurde. Ich dachte schon, die Tafel sei lange gedruckt und ruhe schon in irgendeinem Lager, als mich vor zwei Wochen eine weitere Mail dieser „Kulturtante“ erreichte, mit der Bitte, dass ich doch noch einmal möglichst ganz schnell über den Text der Info-Tafel drüberschauen möge. Die Mail war gleichzeitig an den Pastor gerichtet, der auch korrigieren sollte. Was ich da las, ließ mich völlig vom Stuhl kippen. Das war nicht mehr mein Text. Das waren völlig andere, sehr ungeschickte Formulierungen, die Sinn entstellend wirkten. Die „Kulturtante“ wollte sich anscheinend auch noch irgendwie in diesem Projekt verewigen und hatte des Textes bemächtigt und ihn umgestellt, sachlich unkorrekt und mit vielen Wortwiederholungen und grammatikalischen Unkorrektheiten noch dazu.

Eigentlich hätte ich einen freien Nachmittag gehabt, eigentlich wäre da die Probe meines plattdeutschen Vereins dran gewesen. Aber ich musste jetzt so schnell wie möglich handeln, bevor dieses wirre Geschreibsel, was ich da lesen musste, so in Druck geht und die ganze Stadt blamiert. Einen Nachmittag und einen Abend lang korrigierte ich den Text, begründete jede Korrektur mit dem Verweis auf Quellen und Faktenlage oder den Duden, 🙂 formulierte neue Bildunterschriften und mailte den neuen, korrigierten Text der Info-Tafel nicht nur an die Kulturtante und den Pastor, sondern, um mich abzusichern, auch an die Kulturausschuss-Vorsitzende (Stadtvertreterin), den Hauptamtsleiter (mein unmittelbarer und mich meinst sehr unterstützender Vorgesetzter) und den Bürgermeister. Von allen anderen keine Reaktion darauf, aber von der Kulturausschuss-Vorsitzenden kam absolute Rückendeckung: „So wird es jetzt gedruckt. Punkt!“ Wir beide kennen und vertrauen uns und sind meist auf einer Wellenlänge. 🙂

Zwischen diesen ganzen Aufregungen spukte mir immer noch die einst geplante Broschüre im Kopf rum. Müsste eigentlich geschrieben werden. Jetzt ist das Thema gerade dran, ist im Ort präsent und wird von vielen Bürgern (den Bürgermeister mal ausgenommen) wohlwollend beobachtet und verfolgt. Aber ich kann jetzt beim besten Willen keine Broschüre schreiben. Vielleicht könnten ja die beiden Experten, mit denen ich nach wie vor im Frage-Antwort-Mailkontakt stehe … ? Irgendwie schlichen wir umeinander herum, warfen uns die Bälle zu, fragten oder antworteten. Die beiden halfen, wo sie konnten, mischten sich aber nicht ein. Sie beobachteten und warteten ab. Aber sie waren die Experten und hatten in wohl jahrzehntelanger Arbeit all das erforscht, was ich jetzt mühsam hätte recherchieren müssen. Und, nebenbei bemerkt, mit fremden Federn wollte ich mich auch nicht schmücken. 🙂 Schließlich traute ich mich, etwas direkter zu fragen. Die Antwort kam prompt, so sinngemäß: „Wir hatten ja ein Buch über Ihre Stadt in Planung, aber dann stand in der Zeitung, dass Ihre Kollegin eine Broschüre schreibt. Und da wollten wir uns nicht vordrängeln.“

Ups! Da kippte ich wieder fast vom Stuhl. 🙂 Erstens, weil ich nicht gedacht hätte, dass die Beiden in Berlin und Halle unsere Regionalzeitung lesen. Und zweitens, weil es so aussah, als hätten sie schon ein fast fertiges Buch in der Schublade!!! Die nächste Mail von mir an die beiden könnte man in einem Satz zusammenfasen: Bitte, bitte, schreiben Sie – wir unterstützen Sie gern (wenn es überhaupt noch etwas geben sollte, was Sie nicht wissen). Dann ging eine Mail zur Info an Kulturausschuss-Vertreterin, Hauptamtsleiter, Bürgermeister und Kulturtante: Wir haben die Möglichkeit, dass die Experten ein Buch schreiben. Wir müssen vorerst weiter nichts tun, nur wie bisher unterstützen. Wieder keiner Reaktionen vor Rest der Truppe, nur die Kulturausschuss-Vorsitzende war total begeistert und leitete die Mail sofort an den Stadtpräsidenten (Die Linke) weiter. Was mir sehr Recht war, denn sollte sich das kolportierte Gerücht meines Forscherkollegen bewahrheiten und der Bürgermeister gegen diese ganze Sache sein, dann hätte ich die städtische Politik auf meiner Seite. 🙂

Wenige Tage später, an einem Freitag, Monatsgespräch mit dem Hauptamtsleiter. Seine erste Info löste Sektlaune aus: „Über die Kulturtante müssen Sie sich keine Sorgen mehr machen – die hat vor wenigen Minuten gekündigt!“ 🙂 Yeah!!! 🙂 Die gute Nachricht zum Wochenende!!! 🙂 Und ich dachte, das geht jetzt bis zur Rente so weiter … Die weniger gute Nachricht folgte prompt: „Der Bürgermeister will das alles garnicht. Er will auch keine Öffentlichkeit bei der Stolpersteinverlegung. Der duldet das nur dem Pastor zuliebe, weil der in des Bürgermeisters Wählergemeinschaft aktiv ist. Und ein Buch will der Bürgermeister auch nicht. Er will, dass Sie sich einem anderem Thema widmen und darüber ein Buch schreiben. Aber er wird noch mit Ihnen selbst reden. Okay, das muss ich zur Kenntnis nehmen. Mich tröstet die Hoffnung, dass die Politik am Ball bleibt und die Sache weiter vorantreibt.

Auch der Pastor blieb am Ball. Auch er machte Hausaufgaben und schickte ebenso wie ich eine korrigiert Version der Info-Tafel, allerdings erst eine Woche verspätet. Diese Version war zwar gut formuliert und in ihr waren die meisten Passagen meines Textes erhalten geblieben, aber einige entscheidende Daten und Fakten waren quasi in einen Uralt-Modus versetzt worden. Der Pastor hatte offensichtlich eine Broschüre aus den 1990er Jahren für sich entdeckt und war der irrigen Annahme, die Daten von dort wären die aktuellsten und einzig richtigen, richtiger als die Opferdaten auf dem Bundesarchiv. Wieder kam diese Mail an einem Mittwoch. Da unsere Kulturtante – noch ist sie ja da – so chaotisch veranlagt ist, war es mir das sicherste, dass sie am Donnerstag früh zusammen mit der Mail des Pastors gleich meine korrigierte Mail dazu vorfindet. Also wieder korrigieren, alles Korrigierte exakt begründen, Mail an alle (ohne Bürgermeister) mit der nun nochmals korrigierten Fassung. Und wieder war der freie Nachmittag weg. Der Pastor hatte inzwischen einen riesengroßen Artikel über die neuesten Stolperstein-Verlegungen unseres Bundeslandes (unsere inklusive) in der Landes-Kirchenzeitung initiiert. Also keine Öffentlichkeit wird schon mal nicht stattfinden. 🙂 Diese Woche nun die Mail der Kulturtante: Diese von Ihnen korrigierte Fassung geht nun so zum Mediengestalter, um sie für den Druck vorzubereiten. 🙂 Und bitte schicken Sie mir Ihre Einladungsliste für die Stolpersteinverlegung! 🙂 Na, das mache ich doch liebend gern, denn zwei Experten aus Berlin und Halle haben ihr Kommen auch ohne Einladung schon längst zugesagt! 🙂

Nachdem alles (vorerst, bis zur endgültigen Druckfreigabe der Tafel) ausgestanden war, kam eine meiner Lieblingsleserinnen in die Bibliothek. Wi beid‘ snacken ümmer ’n bäten Plattdütsch. 🙂 Wi snackten hier un snackten dor un sei vertellte mi von früher. Vorsichtig lenkte ich das Gespräch auf das jüdische Ehepaar, welches von meinem Arbeitsort aus nach Auschwitz deportiert worden war. Sofort prasselten die Informationen der 88jährigen Frau auf mich herab. „Klar kenne ich die beiden noch! Die trugen doch immer den gelben Stern! Und wir haben dort immer „grüne Seife“ eingetauscht! (Das Thema „grüne Seife“ hatten wir zufälligerweise bei einer Veranstaltung meines plattdeutschen Vereins über Waschen in früherer Zeit gerade beim Wickel – so können sich nebenbei Informationen ergänzen.) Und die Tochter durfte irgendwann nicht mehr zur Schule und stand immer traurig davor! Der Sohn war da schon in England. Und die Sachen der Familie wurden nach der Deportation öffentlich versteigert, mit einem Nazi-Auktionator, der immer so blöde Sprüche dazu machte. Die Frau soll übrigens noch im Viehwagen einen Schlaganfall erlitten haben und daran verstorben sein. Er kam dann nach Auschwitz.“ Ich fiel schon wieder vor Überraschung fast um. (Das scheint in diesen Zeiten sowieso ein Dauerzustand zu sein, auch privat.) „Woher weiß man denn das mit dem Schlaganfall?“ – „Das haben die Leute hier so erzählt, als ich Kind war.“

Also, liebe Leser, wenn ihr ein Abenteuer erleben wollt: Geht in die Geschichtsforschung!  🙂 Da erlebt man immer wieder Überraschungen:; einerseits durch die Fakten, die man entdeckt, und andererseits durch die lieben Mitmenschen, die einen begleiten, in welcher Art auch immer. Trockene Geschichtsforschung war gestern, heute ist action angesagt! Tägliches vom Stuhl kippen inklusive.

Ich werde froh sein, wenn die Stolpersteine endlich liegen, die Info-Tafel (ohne weitere abenteuerliche Korrekturen) endlich steht und der Opfer auf diese Weise endlich würdevoll gedacht werden kann. Und ich freue mich sehr auf das Buch der Experten zu einem wichtigen Teil der Stadtgeschichte meines Arbeitsortes. Ich hoffe, ganz, ganz viele Bürger dieser Stadt sehen das genau wie ich.

Kleiner Nachtrag, eine Woche später und in bester Frühlingslaune:

Es kam noch eine Datei angeschwebt, diesmal mit der schon vom Mediengestalter bearbeiteten Tafel. Und siehe da, es hatte sich ein ganzer Abschnitt über die allgemeine Symbolik des Judensterns eingeschlichen. Postwendend mailte ich zwei Voschläge zur Änderung, denn wir hatten ja noch genug ortsspezifische Fakten, die nicht auf die Tafel gepasst hatten. Ein Vorschlag war, die Liste der Holocaust-Opfer zu veröffentlichen, die aus meinem Arbeitsort stammen, aber von anderen Orten aus depirtiert worden waren. Und der zweite Vorschlag war eine Auflistung der Namen jüdischer Familien, die aus diesem Ort stammten oder in diesem Ort lebten.

Einen Tag später, wieder an einem freien Mittwochnachmittag, schaute ich sicherheitshalber noch einmal in meine dienstlichen Mails. Und siehe da, der Hauptamtsleiter hatte sich nun persönlich dieser „never ending Story“ angenommen und mit den Mediengestaltern verhandelt. Der zweite Vorschlag von mir passte und wurde auf die Tafel gebracht. Ob ich denn nun zufrieden sei, fragte er. Jawoll, einigermaßen zufrieden, aber in dieser Angelegenheit auch irgendwie am Ende meiner Kräfte. Mittlerweile kann ich aber schon darüber lachen. 🙂

Ein sagenhaft schönes Hobby

Seit fast zwanzig Jahren begleiten mich die Sagen meiner Region. Wie ich eigentlich dazu gekommen bin, weiß ich schon nicht mehr so genau. Vielleicht zog mich das Mystische an. Vielleicht auch das Rätselhafte: war es wirklich so? Gibt es wirklich Geister? Können einige Menschen „mehr sehen“ als andere und mit Geistern kommunizieren, die um Erlösung bitten?

Als es darum ging, dass wir für unsere Region unbedingt ein Sagenbuch brauchen – die Nachfrage war da – reservierte ich mir dieses Thema. Bald, nachdem ich anfing, Sagen zu sammeln und in Büchern, Bibliotheken und Archiven nach ihnen zu suchen, wurde ich arbeitslos. Aus heutiger Sicht eine glückliche Fügung. Wann hat man sonst so viel Zeit, sich ganz tief in ein so komplexes Thema „einzubuddeln“? Ich erkundete mit dem Rad die Handlungsorte der Sagen, musste sie manchmal sehr suchen, so verborgen waren sie. Kein Wunder, denn die Landschaft verändert sich ja ständig. Wo damals, vor dem Bau der Chausseen, die Leute nachts mit Fuhrwerken den Wald durchquerten und von „Aufhockern“ bedrängt wurden, ist heute, abseits der jetzigen Chaussee, nur noch ein unbedeutender Wanderweg. Wenn man Glück hat.

Es war eine sehr, sehr spannende Zeit mit unendlich vielen Erkenntnissen und Entdeckungen. Dennoch bin ich bis heute leider keinem Zwerg begegnet, noch nicht einmal am Johannistag in der Mittagstunde, denn ich gehöre nicht zu den Menschen, die „etwas sehen können“. 🙂

Es entstanden im Laufe der Jahre fünf von mir herausgegebene Sagenbücher. Im Zusammenhang mit diesen Publikationen „fügte“ sich immer alles zufällig. Alle guten (Sagen)geister waren also mit mir. Drei Bücher erschienen in der Schriftenreihe meines Vereins, eins gab ich gemeinsam mit einem anderen Verein (über eine andere Region) heraus, was sich so nebenbei im Gespräch bei einem anderen gemeinsamen Projekt ergeben hatte. Und das fünfte Sagenbuch erschien bei einem Verlag, dessen Verlegerin ich quasi zufällig beim Besuch ihrer damaligen Verlagsbuchhandlung traf. Bei meinen Büchern zu anderen Thematiken war es ähnlich. Es passierte immer alles eher zufällig, weil ich gerade in einem Forschungsthema ganz tief drinsteckte. Wenn andere Autoren stöhnten, wie sehr sie einen Verlag suchen mussten und sich dabei auch noch finanziell beteiligen mussten, konnte ich immer nur mitleidig lächeln. So etwas passierte mir nie.

Nun ist seit längerer Zeit eine Nachauflage eines der Sagenbücher fällig. Den alten Verlag gibt es nicht mehr, die Verlegerin genießt ihre Rente. Aber ich schob und schob das Projekt vor mir her. Beruflich hatte ich für meinen Arbeitsort genug andere Publikationsprojekte zu stemmen. Seit einiger Zeit schiebt sich aber dieses Thema quasi „von hinten“ immer mehr in mein Bewusstsein zurück. Immer wieder kreist das Thema Sagen um mich herum. Eine Kollegin berichtet, dass sie meine Bücher gern für Bibliotheksveranstaltungen nutzt. Ein Forscher-Kollege fragt mich um Rat, weil er für seine Region auch ein Sagenbuch publizieren möchte, mein Ex-Mann hätte gern eine Sagengestalt in unserer Stadt als Skulptur verewigt, und immer wieder erreichen mich „Sagen-Fragen“, die meinen Wohnort oder meinen Arbeitsort betreffen. Wenn es sich so häuft, ist eines klar: das Thema ist nun endlich „dran“ – komme beruflich, was da wolle. Nun, nachdem ich ein Thema, was mich beruflich in letzter Zeit sehr beschäftigte, quasi an die Experten weiterreichen konnte, geht es wirklich los.

Ich suchte mir also meine alte Sagenbuch-Datei und fing an, sie zu überarbeiten. Über das „Wie“ des Publizierens kreisten seit langem unterschwellig immer mal Ideen in meinem Kopf. Durch meine beruflich bedingten Ausschreibungsverfahren kenne ich den günstigsten Verlag in der Region und habe mit ihm schon toll zusammengearbeitet. Falls der Verleger kein Risiko eingehen möchte, könnte ich mich diesmal ja auch beteiligen. Ich könnte aber auch auf Nummer sicher gehen und es via „book on demand“ machen. Fotos wären als Illustration wieder gut, möglich mystischer als die des Vorgänger-Buches. Na gut, Fotos sind das geringste Problem, denn da gibt es ja meinen Computer-Freak Peter, der schon mal morgens um Fünf im Wald fotografiert, um das besondere Licht zu nutzen. Mein Schwager fotografiert auch immer professioneller und wird damit neben seinem eigentlichen Job öffentlich immer präsenter. Seit ich Peter vor drei Wochen von meinem Vorhaben erzählte, quillt mein „Mehlkasten“ vor Fotos bereits über. 🙂 In der letzten Woche, als beruflich bei mir gerade gewaltig die Luft brannte, weil meine „Lieblingskollegin“ einen Text für eine Info-Tafel über die jüdische Geschichte meines Arbeitsortes in Eigenregie total umformuliert und damit sinnentstellt hatte, ging ich nach Feierabend kurz durch die Stadt, einfach, weil ich an die frische Luft musste. Als ich in meiner Lieblingsbuchhandlung reinschaute, lief mir der Geschäftsführer über den Weg, der selten mal im Laden ist. Spontan und ohne nachzudenken schoss eine Frage aus mir heraus. Ich erzählte ihm, dass ich eine Nachauflage meines Sagenbuches plane, dass sich das Vorgänger-Buch bei ihm ja gut verkauft hatte und ob er das neue, demnächst entstehende Buch auch in Kommission nehmen wolle?

Das Ende vom Lied war wieder mal eine der glücklichen Fügungen, die sich immer dann ereignen, wenn ich wirklich auf dem richtigen Weg bin. Der Buchhändler hat, was ich nicht wusste, schon einige Bücher zu unserer Region in einem eigenen Verlag publiziert und wird nun auch mein Sagenbuch verlegen. „Bitte liefern Sie mir das Manuskript so schnell wie möglich!!!“ Wow! Nichts lieber als das! Ab jetzt brechen für mich wieder sagenhaft schöne Zeiten an!!! 🙂