Ein Feierabend-Erlebnis

Es ist die Zeit der Baustellen-Ampeln. Ich stehe an der Haltestelle und warte auf meinen Bus. Ich warte und warte. Dabei genieße ich die immer noch wärmenden Strahlen der tiefstehenden Sonne. Über meinem Arbeitsort liegt ein intensiver rauchiger Geruch. Auch das gehört zum Herbst, aber nur in diesem Ort, in dem jede Familie mindestens drei Gärten zu haben scheint. Sie verbrennen Gartenabfälle, was das Zeug hält. Lüften in der Bibliothek ist in diesen Tagen keine gute Idee. Peter Mayle beschrieb übrigens ein ähnliches Phänomen in einem seiner autobiographischen Provence-Romane. Okay, warum also nicht etwas Provence in Mecklenburg? Dann aber bitte mit Trüffeln!!! 🙂

Nach einer Viertelstunde Warten hält ein Wagen neben mir: „Wollen Sie mitfahren?“ Ein junger Familienvater, der manchmal auch den Bus nimmt, um von meinem Arbeitsort in meinen Wohnort zu pendeln, lächelt mich an. Dankbar steige ich ein. Endlich weg aus dem Herbstrauch dieser Stadt und ab in den rauchlosen Garten meiner Eltern, die vor einigen Tagen ihre Kreuzfahrt angetreten haben. Wir plaudern nett, und es wird eine Art Restaurant-Tester-Gespräch. Wir stellen fest, dass wir beide gern gut essen, und in unserer Heimatstadt gibt es einige gute neue Restaurants. Wir debattieren über Saiblings- und Maränenfilet, Entenbraten mit Knoblauch-Knödeln und mediterrane Küche. In den letzten Wochen bin ich von einer Geburtstagseinladung zur anderen gewesen, deshalb könnte ich gerade einen eigenen Restaurantführer über die zahlreichen Lokale am idyllischen Hafen meiner Stadt schreiben. Meinem Fahrer ging es ebenso. Herbst – die Zeit der Geburtstage. So vergeht die Fahrzeit wie im Fluge. Als ich im Garten meiner Eltern ankam, war ich schon ganz relaxt. Der alte Walnussbaum schenkte mir noch einige Nüsse und die Aquarienfische freuten sich über ihr Futter. Ich bin dankbar über jeden Sonnenstrahl. So schön kann Feierabend sein!

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„Bitte registrieren Sie sich!“

Wie war die Welt doch früher schön analog! Wenn sich meine Daten für den Berufsverband geändert hatten, rief ich dort an. Wenn ich eine Reise buchen wollte, tat ich das im Reisebüro. Und die Telefonrechnung kam per Post. Also ich kann heute nicht mehr ohne Internet leben und nutze es sehr gern. Bloggen ist zum Beispiel eine tolle Übung im kreativem Schreiben. 🙂 Aber noch gibt es Menschen, die partout nicht ins Internet wollen und ohne ganz zufrieden sind. Und auch die sollte man respektieren. Nur wird es für sie immer schwieriger, analog zu überleben. Das beste Beispiel sind meine Eltern. Ständig steckt mir mein Vater einen Zettel mit einer Homepage zu und bittet: „Kannst du mal eben …?“ Klar, mache ich ja auch gern. Der Nachteil dabei ist, dass man sich ständig irgendwo registrieren muss. Ich habe schon Mühe, den Überblick über meine Passwörter zu behalten, und nun habe ich auch noch die Passwörter meiner Eltern dazu. Ich bezahle mit den Kreditkartendaten meiner Eltern, ich buche Ausflüge für die nächste AIDA-Kreuzfahrt meiner Eltern, die Handyrechnungen meiner Eltern gehen auf meine Mailadresse – es wird immer mehr. Es wird ja auch für mich immer mehr. Neulich erhielt ich Post von meinem Berufsverband: „Wir führen jetzt die elektronische Mitgliederverwaltung ein. Bitte registrieren Sie sich, dann können Sie auf unserer Plattform die Änderung Ihrer Mitgliederdaten selbst vornehmen“ So ähnlich jedenfalls. Also Anrufe nicht mehr erwünscht. Kommunikation nur noch digital. Und wieder ein Passwort mehr. Von den Passwörtern, die ich, teilweise von zu Hause, für meine Bibliothek verwalte, schweige ich lieber gleich, sonst werde ich nur noch frustrierter. Seit einiger Zeit bettelt mein Vater, ich möge doch sein VW-Navi aktualisieren. Da sitze ich nun wieder: „Bitte registrieren!“ Also wieder meine Mailadresse angeben und noch ein Passwort dazu. Und dann irgendeine App runterladen, die alles Mögliche kann, was meine Eltern nie nutzen werden. Das will ich doch überhaupt nicht! Ich will ja nur das blöde Navi aktualisieren, weil das den richtigen Abzweig zur Straße meiner Eltern immer noch nicht kennt!!! 🙂 Ich überlege gerade, wie ich meinem Vater die Nutzung dieser Plattform erklären sollte. Der würde davor sitzen und nur Bahnhof verstehen. Also selbst, wenn meine Eltern Internet hätten, müsste ich sowieso immer ran.

Das digitale Leben nimmt jetzt nicht nur Randbereiche ein. Nein, es wird sogar ziemlich existenziell. Gerade heute habe ich einen neuen Personalausweis beantragt. Mit elektronischer Unterschrift auf einem Display, versteht sich. Und mit Fingerabdruck auf einem Display. (Vom Verbrecherfoto schweige ich lieber!) Als ich danach ein Merkblatt über die tollen, grenzenlosen digitalen Möglichkeiten des digitalen Personalausweises erhielt – die Pin wird Ihnen in Kürze zugeschickt – wurde mir schon wieder schlecht. Was ist, wenn diese Daten doch mal in falsche Hände kommen? Für viele Firmen sind diese unendlichen digitalen Möglichkeiten bestimmt eine willkommene Optimierung der Ressourcen. Soll heißen, dann werden weniger nett kommunizierende Mitarbeiter gebraucht. Sicher erfinden die Anbieter meiner Bibliothekssoftware irgendwann eine Möglichkeit, die Daten aus dem digitalen Personalausweis direkt in das Leserkonto einzulesen. Dann hätte auch ich mehr Ressourcen. Der PC macht die Anmeldung von selbst, während ich dem neuen Leser die Bibliothek zeige.

Auch privat sollte ich meine zeitlichen Ressourcen optimieren. Ich sollte eine Plattform für Freunde und Bekannte einrichten. Bitte registriert euch! Ihr könnt euch in meinen Terminkalender einloggen und eure Wünsche dort eintragen: gemeinsamer Kaffeeklatsch, gemeinsamer Spaziergang (oder beides nacheinander), gemeinsamer Ausflug, Kinobesuch, Konzertbesuch, Besuch einer Lesung oder ein abendfüllendes Telefongespräch für Freunde, die mich als Kummerkastentante brauchen. Das kann man ja schon wunderbar mit Google machen. Für Firmen, die mir etwas verkaufen möchten, richte ich auch eine Plattform ein. Da stelle ich beispielsweise rein: „Ich suche einen halblange, türkisfarbene Jacke für die Übergangszeit.“ Bitte registrieren, wenn Sie mir Angebote schicken möchten. Ich prüfe dann die Angebote und brauche mich nur noch entscheiden. Ohne Passwörter für diverse Online-Shops. Das spart viele meiner Ressourcen! Obwohl, ganz analog shoppen in meiner schönen Stadt macht doch viel mehr gute Laune und tankt meine Glückshormone wieder auf! Und man fühlt sich dabei ach so sozial, weil man seine Region stärkt! Da tut man gleich noch etwas, um sein Helfersyndrom zu pflegen! 🙂

Bunter-Tag mit allen Farben des Regenbogens

Um es gleich vorauszuschicken: Nein, ich bin keine AfD-Anhängerin. Ja, ich war auch sehr überrascht über das Wahlergebnis. Zäsur? Ja, aber auch eine Riesen-Chance.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich im Bundestag auf der Besucherplattform eine Debatte verfolgen durfte. Und ehrlich gesagt kam mir das alles sehr verschlafen vor, sehr in Routine erstarrt. Die Vertreter der großen Parteien hielten an diesem Freitagmittag ziemlich plakative Statements, während ein Großteil ihrer Fraktionskollegen entweder durch Abwesenheit glänzte oder sehr schläfrig wirkte bzw. anderweitig beschäftigt war. Nur die Vertreter der kleinen Parteien, die Grünen und Linken, waren mit Ernst und fundierten Argumenten dabei und hatten sich gründlich vorbereitet. Aber deren Redezeit war begrenzter als die der Regierungsparteien. Und sie wurden abgebügelt, weil sie nun mal der Opposition angehören. Sieht so die große Politik aus? Oder ist es gar nur Scheinpolitik, wie sie beispielsweise manchmal in meinem Arbeitsort betrieben wird. So unter dem Motto: Na, welche Bröckchen werfen wir den Stadtvertretern denn diesmal zu, damit die auch mal was zu entscheiden haben? Übrigens spielen die Vertreter der großen, etablierten Parteien in dieser Kommune nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Kommunalpolitik wird längst von Wählergemeinschaften gemacht. Der Bürgermeister ist parteilos und hat, um stabile Mehrheiten zu erhalten, schon vor Jahren seine eigene Wählergemeinschaft gegründet. Ich denke, das ist kein Einzelfall. Auf kommunaler Ebene ist das längst ein Trend, der die etablierten Parteien aufhorchen lassen sollte.

Ja, ich stehe nach wie vor zur parlamentarischen Demokratie, weil ich derzeit keine bessere Lösung habe. Aber nach langen Mutti Merkel-Jahren wirkt innenpolitisch alles wie erstarrt, es wirkt nicht mehr glaubhaft, weil einfach nichts so richtig besser wird von den Dingen, die mir wichtig sind. Es wirkt, wie am Volk vorbei regiert. Auch vernünftige Ansätze der etablierten Politik können nicht mehr glaubhaft vermittelt werden. Da auch das Bildungssystem immer schlechter wird und beispielsweise Institutionen, die bei der unabhängigen Meinungsbildung helfen könnten, wie öffentliche Bibliotheken, unzureichend finanziell unterstützt werden, sind die Menschen immer weniger in der Lage, im Politikdschungel überhaupt noch durchzublicken.

Es muss sich etwas ändern. Die etablierten Parteien müssen wieder zu ihren Wurzeln zurückfinden. Sie müssen die Werte wieder neu für sich entdecken, für die sie einst standen: Sozial, christlich oder Arbeiterpartei. Sie müssen sich hinterfragen und neu definieren. Und dabei kann es durchaus helfen, dass der Bundestag bunter geworden ist, dass die Opposition stärker und vielfältiger geworden ist. Als ich die Balken der Hochrechnungen sah, dachte ich unwillkürlich: „alle Farben des Regenbogens“. Es wird eine neue demokratische Streitkultur entstehen müssen.

Ich finde es sehr konsequent, dass die SPD in die Opposition geht und sich damit völlig neu positioniert. Neuausrichtung statt Macht. Und das, obwohl die SPD zwar das Wahlziel verfehlt, aber weitaus weniger Prozentpunkte verloren hat als die CDU. Wenn es die beiden großen Parteien dann geschafft haben, sich auf ihre ursprünglichen Werte zu besinnen, dann wäre der nächste Schritt, nicht nur an den elementaren Bedürfnissen des Volkes vorbei zu regieren, sondern sinnvoll daran zu arbeiten, die Lebensverhältnisse der einfachen Menschen zu verbessern. Steuerreform, Rentenreform, das desolate Gesundheitswesen – es gibt so viele Baustellen. Und es ist so schade, dass die etablierten Parteien nach langen Sonntagsreden immer nur dann spürbar ins Tun kommen, wenn sie unter spürbaren Druck geraten. Ich wünsche mir von der Politik in allen Bereichen mehr vorausschauendes Agieren und weniger hilfloses Reagieren.

Die große Preisfrage an die Politiker lautet meiner Meinung nach: Warum ist der Anteil der AfD-Wähler in den ostdeutschen Bundesländern so erschreckend hoch? Ausreden, wie „Die Ossis mussten alle in der DDR-Kinderkrippe nebeneinander auf den Töpfchen sitzen und sind deshalb alle traumatisiert“ sind bei der Beantwortung dieser zentralen Frage kontraproduktiv. Unsere ostdeutschen Bundestagsabgeordneten sind erstens sowieso in der Minderheit und zweitens wenig im flächenmäßig überaus großen, weil verhältnismäßig dünn besiedelten Wahlkreis präsent. Und wenn ich mir den lange amtierenden 63jährigen, selbstgefällig lächelnden CDU-Mann so anschaue, der unseren großen Wahlkreis wieder gewonnen hat, dann glaube ich nicht daran, dass der wirklich etwas bewegen kann oder überhaupt will. Muss er ja auch nicht, denn er hat ja immer noch die Ausrede, dass er, obwohl in der Regierungspartei, eh nichts tun kann, weil er mit seinen ostdeutschen Ansichten in der Minderheit ist.

Der SPD nimmt man immer noch den Schröder und die Hartz IV-Reformen übel. Von älteren Westverwandten hörte ich oft: „Immer, wenn die SPD regierte, ging es uns schlecht!“ Sowas hält sich anscheinend jahrzehntelang, auch wenn der Schröder nur zum Teil etwas dafür kann, hatte er doch das Erbe der Kohl-Regierung übernehmen müssen. Eine Bekannte hat, ohne nachzudenken, die Ansichten ihres verstorbenen (westdeutschen) Mannes sehr verinnerlicht: „Ich wähle die, die das Geld haben: CDU“. Solche Beispiele legen die Vermutung nahe, dass nicht nur die etablierten Parteien starr sind, sondern auch die jahrelang gepflegten Urteile der Wähler. Da sorgen natürlich die neuen Protestwähler doppelt für Entsetzen. Aber ich wünsche mir, dass diese Zäsur heilsam für die etablierten Parteien ist.

Wahlkampf up Platt – und wer zahlt?

Als Leiterin einer plattdeutschen Gruppe erhielt ich vor drei Wochen einen Anruf: „Der Bundestagsabgeordneten xyz hat euer plattdeutscher Abend so gefallen. Sie möchte euch ein Gespräch mit der Landesbildungsministerin ermöglichen. Habt ihr Lust?“ Ich fiel, ehrlich gesagt, fast vom Stuhl. Auf selbigem hatte ich es mir gerade gemütlich gemacht, um einen der wenigen freien Nachmittage entspannt zu genießen. Das gab es noch nie. Wahlkampf in einer plattdeutschen Gruppe. Ich zögerte. Da fiel mir ein, dass ich gerade ein SOS-Signal aus der vom Land finanzierten Universität erhalten hatte. Das dortige Institut für Volkskunde, welches sich auch mit Plattdeutsch beschäftigt und mit dem uns eine jahrelange enge Zusammenarbeit verbindet, ist nach 2020 in seiner Existenz gefährdet und alle Heimatvereine wurden aufgerufen, sich für dieses Institut stark zu machen. Wahlkampf hin oder her – wenn wir die Landesbildungsministerin im Hause hätten, dann könnte ich sie auf das Volkskunde-Institut ansprechen. Also sagte ich spontan ja zu diesem Termin. Gleich kam die nächste Frage: „Habt ihr einen Vereinsraum?“ – „Ja“, antwortete ich, ohne zu überlegen. Ich begann, die Mitglieder unserer Gruppe anzutelefonieren. Alle waren hocherfreut. Dennoch hatte ich Bauchschmerzen, denn ich kannte ja meine Pappenheimer und wusste ungefähr, wie sie reagieren würden. Und es kam wirklich so.

Bei der Vorbereitung wurde ich von mehreren Vereinsfreunden mit der Frage konfrontiert: Wer ist der Gastgeber? Wieso müssen wir die Ministerin bewirten? Als die Bundestagsabgeordnete in unserer Rheuma-Liga war, hat sie uns zu Kaffee und Kuchen ins erste Hotel am Platz eingeladen! Also ich hätte von Anfang an anders verhandelt. (Mit anderen Worten: Du bist wieder mal viel zu blöd.) Wer bei uns Wahlkampf machen will, muss das auch zahlen!!!“

Zum zweiten Mal war ich kurz davor, vom Stuhl zu fallen. Ich hatte zwar mit einer Bemerkung in diese Richtung gerechnet, aber so massiv nun wirklich nicht, zumal es unserer Gruppe finanziell sehr gut geht. Wir erhalten für unsere plattdeutschen Programme Honorare und können uns hin und wieder mal davon einen gemeinsamen Ausflug, ein gemeinsames Kaffeetrinken und die Weihnachtsfeier leisten. Darüber hinaus werden wir noch von der Stadt finanziell gefördert und können stadteigene Räume kostenlos nutzen.

Um zermürbenden Diskussionen gleich vorzubeugen, sagte ich: „Wenn ihr der Meinung seid, dass unsere Gruppe zu arm ist, um die Ministerin bewirten zu können, dann spendiere ich hiermit 20 € aus meiner privaten Tasche.“ Eine Vereinskameradin, die sonst auch immer gern auf das Geld, aber mindestens genauso gern auf ihr Prestige achtet, kam mir schließlich zu Hilfe: „Wir haben doch noch das Wasser, was wir für die letzte Veranstaltung gekauft haben. Was spricht denn dagegen, einfach noch ein paar Flaschen Saft dazu zu kaufen und Gebäck? Das ist doch nicht teuer?“ Die Älteste von uns, bald 92 Jahre alt, erklärte sich spontan bereit, das Gebäck zu kaufen. Es fand sich schließlich noch jemand, der den Saft besorgen wollte. Das kleine plattdeutsche Programm war von mir schon vorbereitet und schnell besprochen. Eine weitere Frage stand im Raum: Über was wollen wir eigentlich mit der Ministerin reden? Die Antwort war schnell klar und erschütterte mich aufs Neue: Geld!!! „Wir arbeiten zwar mit Freude ehrenamtlich, aber es könnte ja auch mal honoriert werden! Das Land könnte uns das Ehrenamt ja mal vergüten!“ Auch das kannte ich schon. Stell mal einen Antrag beim Land, der (Vorgänger)Bildungsminister will eine Million Euro für Plattdeutsch ausgeben!“ – „Was wollt ihr denn für ein Projekt mit den Millionen machen?“ – So as ümmer, Kemedi!“ Auch über die Erhöhung der Eintrittspreise wurde schon geredet, damit wir mehr Geld verdienen. Das wurde aber bisher nicht verwirklicht. Und sollte es dann doch mal verwirklicht werden – ohne mich. Denn schließlich muss ich als Vorsitzende des Trägervereins ja die Gemeinnützigkeit nachweisen. Als es dann daran ging, den Vereinsraum aufzuräumen und die Requisiten zu entstauben, waren nur noch meine 92jährige Vereinsfreundin und ich übrig. Das war dann wohl schon wieder zu viel verlangt.

Im Vorfeld ergab sich noch ein Problem. Spontan, wie ich war, hatte ich nicht darüber nachgedacht, dass der Vereinsraum, den wir nutzen, ja zum Stadtgeschichtlichen Museum gehört, also städtisches Eigentum ist. Als ich dem Museumsleiter verklickerte, dass wir dden Rathaussaal nebenan brauchen, da unser Vereinsraum zu klein war, schaute er etwas schräg. Aber ein Besuch der Bildungsministerin tat ja auch dem Museum ganz gut. Und außerdem ist unser Bürgermeister in derselben Partei wie die Bildungsministerin und die Bundestagsabgeordnete, also stellte dies dann letztendlich doch kein Problem dar.

Heute war nun der große Tag. Ich hatte Einweg-Tischdecken und Servietten mitgebracht, es fanden sich auch Mitglieder, die den Tisch dekorierten und die Getränke aufstellten. Die örtliche Presse scheint der Opposition zugeneigt, über deren Wahlkampf wird sehr genau berichtet. Wir haben dank jahrelanger guter Kontakte aber den Redakteur eines kostenlosen Anzeigenblattes einladen können, der immer sehr gute Artikel verfasst. Noch besser, denn unsere örtliche Tageszeitung kauft sowieso kaum noch jemand. Der Hauptamtsleiter der Stadtverwaltung begrüßte die Ministerin und gab zwischen den Zeilen seiner Verwunderung Ausdruck, dass die Ministerin nicht die Schulen, sondern einen plattdeutschen Verein besucht. Das ist in der Tat ungewöhnlich.

Da ich, wie schon geschrieben, meine Pappenheimer kannte, riss ich ziemlich schnell nach der Begrüßung das Wort an mich und kam auf das Universitätsinstitut zu sprechen. Die Ministerin kannte das Problem und es gibt Überlegungen, ein gemeinsames Institut für beide Landesteile aufzubauen – das wäre sogar noch eine Erweiterung. Aber konkrete Pläne existieren noch nicht. Dann folgte unser kleines Programm und ich moderierte etwas dazu. Um die Diskussion gleich in eine fruchtbare Richtung zu lenken, wies ich darauf hin, dass die Frau, die gerade das letzte Gedicht gesprochen hatte, eine plattdeutsche Kindergruppe leitet. Das war gut so, denn nun redeten wir intensiv darüber, wie wir den Kindern Plattdeutsch vermitteln können. Da ging es um plattdeutsche Lehrmaterialien, um die bei uns im Land geplante Heimat-Kita-Kiste und um die Lehrerausbildung (also wieder um das Institut für Volkskunde) uns die Zusammenarbeit unseres Vereins mit dem örtlichen Gymnasium. Alle brachten sich in das Gespräch ein und ich hielt mich zurück. Unser ältestes Mitglied, die ihre schöne Tracht trug, klärte die Ministerin darüber auf, dass Plattdeutsch keine Mundart, sondern eine Sprache ist, und durch die europäische Charta der Regional- und Minderheitssprachen geschützt wird. Die Ministerin war offen, natürlich und gut informiert, sowohl über die Plattdeutsch-Szene im Land als auch über die Initiativen, Plattdeutsch in den Schulen zu vermitteln. Und sie hatte durchaus ein Herz für Plattdeutsch. Alle waren so beschäftigt miteinander, dass keiner das Wort „Geld“ explizit in den Mund nahm. Zum Glück. Ein Fauxpas passierte dann aber doch noch. Die Ministerin hatte schon den baldigen Aufbruch verkündet, ich stand schon parat, um ihr Hefte aus der vereinseigenen Schriftenreihe zu überreichen, da wurde ein Mitglied aktiv, welches von jemandem aus unserem Stammpublikum mal als „Rampensau“ tituliert wurde. Er musste nun unbedingt noch ziemlich lang und breit einen plattdeutschen Witz loslassen, in dem mehrmals das Wort „Pimmel“ vorkam. Bei der Vorbereitung war er derjenige gewesen, der die Bewirtungsfrage gestellt hatte. Und nun das. Ich schaute ihn hinter dem Rücken der Ministerin und der Bundestagsabgeordneten so böse an wie ich konnte, in der Hoffnung, er möge aufhören. Denn wenn er einmal anfängt, dann hört er so schnell nicht wieder auf. Als er schließlich fertig war, reichte es nur noch für einen schnellen Blick in unseren Vereinsraum, in dem wir Trachtenteile, historische Fotos, eine Wäschetruhe und Utensilien wie ein Spinnrad ausgestellt hatten. Die Bundestagsabgeordnete blieb noch etwas und ließ sich gern in Gespräche verwickeln. Es war ja schließlich ihr Wahlkampf. Alle aus unserer Gruppe strahlten und waren zufrieden mit sich und der Welt. Schließlich kam die Bundestagsabgeordnete auf mich zu: „Ihr habt das so toll gemacht! Hattet ihr Auslagen?“ – „Wir haben ja nur die Getränke und die Kekse gekauft.“ – Gebt mir die Kontonummer und ich überweise eine Spende für den Verein!“ Als ich das unseren Mitgliedern verkündete, strahlten alle noch viel glücklicher um die Wette. Die Kekse und die Getränke, die kaum jemand angerührt hatte, waren schon in die privaten Taschen bzw. in unseren Vereinsraum gewandert.

Mir ist es im Leben schon oft so gegangen: einfach machen, einfach loslegen, wenn man etwas tun will – das Geld kommt dann schon noch. Wenn man erst nach dem Geld fragt und dann garnicht erst loslegt, weil es zu teuer werden könnte, dann hätte man ja etwas versäumt.

Rundfunkbeitrag – komplizierter geht’s nicht!

Ja, auch ich gehöre zu den braven Beitragszahlern – sowohl privat als auch dienstlich. Privat ist das alles kein Problem. Und ich zahle gern, denn ich schaue und höre ja überwiegend die öffentlich-rechtlichen Programme. Der Beitrag wird per Lastschrift eingezogen. Alles gut.

Dienstlich ist es etwas anders. Denn im Dienst schaue ich weder Fernsehen noch höre ich Radio. Ich zahle den Beitrag für meine Einrichtung, weil wir dort per PC ja rein theoretisch die Möglichkeit hätten, die öffentlich-rechtlichen Programme zu nutzen. Aber nur rein theoretisch. Rein praktisch bin ich nämlich am Arbeiten, und das im Dauerlauf. Im Dauerlauf und zwischendurch schreibe ich auch die Zahlungsanordnungen für die Kämmerei der Stadt. Das ist so ähnlich wie ein Überweisungsformular einer Bank. „Die Kasse wird angewiesen … an … zu zahlen. An jeder dieser Anordnungen muss eine Rechnung hängen. Für den Rundfunkbeitrag gab es bisher so eine Art Kontoauszug per Post, den ich an diese Zahlungsanordnungen tuckerte.

Aber jetzt ist alles anders. Irgendwann, mit dem ersten Beitrags-Kontoauszug dieses Jahres, erhielt ich ein Schreiben, was besagte, dass Kontoauszüge fortan nicht mehr per Post verschickt werden. Man müsse sich jetzt in ein Internet-Portal einloggen und könne sich dort seine Rechnungen abholen. Für die Kunden mit Lastschriftverfahren bleibe selbstverständlich alles beim Alten – und man könne selbstverständlich den Beitrag ab jetzt bequem abbuchen lassen. Ja, schön, darf ich aber nicht. Da streikt die Stadtkasse.

Ich ärgerte mich. Nicht genug, dass ich dienstlich Rundfunkbeitrag für nichts zahle – nun soll ich mir auch noch den Kontoauszug selbst ausdrucken? Nö. Ich ließ das Schreiben erstmal liegen und wartete ab. Irgendwann werden die schon merken, dass von mir nichts kommt. Bisher habe ich den Beitrag vierteljährlich bezahlt. Es passierte lange nichts. Erst vor etwa sechs Wochen kam eine Zahlungserinnerung. Die ließ ich auch erstmal stressbedingt liegen. Irgendwann versuchte ich mich in das Online-Portal einzuloggen. Aber so auf Anhieb ging das garnicht. „Sie erhalten innerhalb einer Woche Ihren Aktivierungscode per Post. Oder wollen Sie nicht doch den Beitrag bequem abbuchen lassen?“, so sinngemäß der Wortlaut. Ach, sie schicken es per Post? Sie wissen also noch, wie es geht, etwas per Post zu schicken? Irgendwann kam der Brief mit dem Aktivierungscode, der aus lächerlichen sechs Zahlen bestand. Den hätten sie auch mailen können. Gleichzeitig erhielt ich drei Seiten Nutzungsbedingungen für das Online-Portal mit 11 umfangreichen Paragraphen. Glauben die etwa im Ernst, ich setze mich hin und lese mir das durch? Für die vier Seiten bedruckten Papiers hätten sie mir schon ein Jahr lang die vierteljährlichen Kontoauszüge schicken können. Bei allem Dauerlauf im Dienst fiel das Pamphlet natürlich wieder auf den hintersten To-Do-Stapel. Irgendwann kam eine Erinnerungs-Mail. (Ah, mailen können sie auch?) „Ihr Aktivierungscode gilt nur 30 Tage und wird Ende August ungültig!“ Okay, also nahm ich das Schreiben, wie andere berufliche Dinge auch, mit nach Hause und machte mich ans Werk. Eingeloggt in das Portal, boten sich mir folgende Varianten: „Beitragskonto hinzufügen, Registrierung entfernen“ Hä, wie, ich wollte doch einfach nur meine Kontoauszüge abholen! Wieso sollte ich denn den mühsam eingerichteten Account schon wieder entfernen wollen? Und hinzufügen geht ja schon gleich garnicht, denn einmal sinnlos bezahlter Beitrag reicht ja wohl, oder? Wo komme ich denn nun an meine nicht bezahlten Rechnungen, um sie für die Stadtkasse auszudrucken? Ich loggte mich wieder aus, denn es hätte ja sein können, dass dies nur die Startseite nach dem Aktivieren ist. Also wieder Einloggen – das gleiche Bild. Ich klickte mich durch alle Möglichkeiten. Ich könnte ja zum Beispiel unkompliziert die Zahlungsmodalitäten ändern. Wie wäre es denn per Lastschrift? Oder halb- und ganzjährig? Die letzten beiden Varianten wären ja eine Alternative. Geht aber nur im Voraus – und da spielt wahrscheinlich die Stadtkasse wieder nicht mit. Ratlos saß ich vor dem Online-Portal, bis mir ein Button „Details“ auffiel. Und unter „Details“ fand ich dann endlich, endlich meine nicht bezahlten Rechnungen. Also ehrlich, geht’s noch komplizierter?

Wenn ich mir das richtig überlege, dann glaube ich, da steckt System hinter. Ein System, welches die Beitragszahler mit dem komplizierten Verfahren so verunsichern und abschrecken soll, dass sie automatisch lieber das Lastschriftverfahren wählen. Weil es einfach für die Verwaltung der Öffentlich Rechtlichen, also die GEZ-Nachfolgeeinrichtung, bequemer ist. Es wird also alles dafür getan, den Beitragszahler in das Lastschriftverfahren zu zwingen. Damit Sie auch zukünftig in der ersten Reihe sitzen, auch wenn Sie das überhaupt nicht brauchen. Schon GEZahlt? Nö, immer noch nicht. Vielleicht Montag.

Das sollte eigentlich das Ende sein von diesem Mecker-Blogbeitrag. Aber mir fiel gerade noch etwas skurriles ein, noch aus GEZ-Zeiten. Die Stadtkasse verlangte immer, dass die Rechnungsadresse für alle zu zahlenden Rechnungen die der Stadtverwaltung ist. Das brachte öfter mal Verwirrungen mit sich. Seit dem letzten Kämmerer ist das zum Glück nicht mehr zwingend notwendig. In dieser Zeit erhielt ich an die Hausadresse ein Schreiben. Sinngemäßer Inhalt: „Sie sind noch nicht als Runfunkbeitragszahler gemeldet. Bitte melden Sie sich an oder nennen Sie uns Ihre Beitragsnummer auf folgendem Formular …! Brav füllte ich das Formular aus mit meiner Beitragsnummer und schickte es zur GEZ. Ein Jahr später kam genau so ein Schreiben wieder. Nochmals füllte ich das Formular aus und schickte es brav an die GEZ. Als, wieder ein Jahr später, erneut so ein Schreiben kam, schmiss ich es wutentbrannt in den Papierkorb. Ja wie oft denn noch? Es kamen, glaube ich, zwei oder drei Erinnerungen, das Formular auszufüllen. Es kam ein Schreiben, in dem mit gerichtlichen Konsequenzen gedroht wurde. Die Sache sollte einem Anwalt übergeben werden. Ich zuckte mich nicht. Denn schließlich hatte ich ja ordnungsgemäß GEZahlt, und es war nicht einzusehen, dass ich das jedes Jahr erneut bestätigen soll, nur weil meine Rechnungsadresse nicht die Postadresse ist. Irgendwann müssen die dann doch mal die Konten abgeglichen haben. Es kam nie wieder etwas – auch nicht nach einem Jahr.

Noch immer Lesesommer

Der Sommer ist inzwischen zum Altweibersommer geworden. Es ist meist sonnig und trocken, aber oft windig, und die Sommerwärme wird von kalten Luftströmungen durchsetzt. Mal fühle ich mich wohlig gewärmt, dann durchzieht es mich wieder kalt. Eigentlich ist es ein idealer Sommer, um aktiv zu sein. Nicht zu warm und nicht zu kalt.

Inzwischen haben 19 Sommerleseclub-Kinder mindestens ein Buch gelesen. Waren es im letzten Jahr schon geradezu unheimliche Mengen Bücher, die von einigen Kindern verschlungen wurden, so ist die Menge des Lesefutters pro Kind in diesem Jahr moderat. Viele Kinder lesen ein Buch schnell durch und holen sich dann ein zweites, was dann aber wochenlang bei ihnen liegt. Die meisten schaffen drei Bücher, einige wenige 5 – 7 Bücher. Das ist völlig okay so.

Natürlich geben auch Kinder die Bücher ungelesen wieder ab, aber es sind in diesem Jahr nur wenige. Die grandioseste Ausrede, die meiner Meinung nach fast einen Preis verdient hätte, war: „Ich hatte mir das Bein gebrochen und lag eine Woche im Krankenhaus. Und da konnte ich absolut nicht lesen!“ 🙂 Ja, was macht man denn sonst so mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus? Fußball spielen bestimmt nicht, oder?!

Die Mädchen stehen nach wie vor auf „Mein Lotta-Leben“ von Alice Pantermüller. Und diejenigen, die vorsichtshalber ganz dünne Bücher suchen, nehmen „Penny Pepper“ mit nach Hause. Beides lustige Comic-Roman-Reihen für Mädchen. Mehrere Jungs, die mit ihren dicken Monsterbüchern nicht klarkamen, habe ich jetzt erfolgreich auf die Reihe „Temple Run“ „umgeleitet“. Bei der Lektüre dieser Bücher ist der Leser sozusagen selbst der Titelheld und kann entscheiden, wie die Geschichte weitergeht. Und dünn sind die Bücher auch – ein wesentlicher Vorteil im Sommerleseclub. 🙂 Es ist immer wieder zu beobachten, dass die absoluten Wenigleser im Sommerleseclub zu möglichst dünnen Büchern greifen. Ein Beispiel ist Alex, der ungern liest, aber von seiner Mutter zum Lesen „verdonnert“ wird. Eigentlich steht Alex auf Comic-Romane, aber „Super Nick“ und „Gregs Tagebuch“ hat er komplett durch und an „Coolman“ war er nicht ranzukriegen. Nun habe ich es mit „Spotz“ versucht. Fehlanzeige. Alex brachte „Spotz“ zurück und meinte, es gefiele ihm überhaupt nicht. Zufälligerweise war Alex große Schwester mit dabei, der im Urlaub der Lesestoff ausgegangen war, weshalb sie Alex‘ Bücher mitgelesen hatte. „Was war denn so schlecht an „Spotz“, fragte ich sie. Die Antwort war eine klare Ansage: „Spotz“ ist nicht schlecht, es ist ganz lustig – aber für Alex einfach zu dick!“ 🙂 Nach dieser Pleite versuchte es Alex mit „Temple Run“ und hat bereits das zweite dieser Bücher durch. Man muss eben nur so lange probieren, bis man das richtige Buch für das jeweilige Ferienkind findet. Manche Kinder haben ganz enge Interessengebiete. So muss ich beispielsweise immer aufpassen, dass ich die neu erschienenen Pferdebücher, z. B. die „Haferhorde“, für Celine beiseite lege. Denn Pferde sind ihre Welt. Wenn sie kein Pferdebuch kriegen kann, nimmt sie mir auch mal „Lotta“ ab, aber schon zögerlich. 🙂 Johanna dagegen hat alle Mädchenbücher durch und erklärte mir kürzlich, dass sie später Meeresbiologie studieren möchte. Fantasybücher mag Johanna auch, aber am liebsten dann, wenn eine Nixe darin vorkommt oder wenn die Bücher zumindest eine Geschichte im oder am Meer erzählen. Ganz überrascht hat mich Ida. Idas Mutter hat seit Jahren eine Familienkarte und versucht, ihre Kinder an Bücher heranzuführen. Bei Idas älterer Schwester und ihrem Bruder gelang das eher nicht, vielleicht war auch der Druck der Mutter zu groß. Ida kam in diesem Sommer mit ihrer Klasse zu einer Sommerleseclub-Einführungsveranstaltung. Und – oh Wunder – was in der Familie nicht gelang, bewirkte die Gruppendynamik in der Klasse. 🙂 Da die meisten Kinder dieser Klasse sich anmeldeten, wurde auch Ida ein Sommerleseclub-Mitglied. Nach zwei Wochen kam sie mit einem gelesenen „Lotta“-Buch, die stolze Mutter war dabei. Die Mutter, selbst Lehrerin, drängte Ida nun auf ganz pädagogische Art, ein weiteres Buch auszusuchen, welches möglichst dem Geschmack der Mutter entsprechen sollte. Ich sah Idas Unlust und machte mit ihr eine große Extra-Runde durch die Bibliothek und zeigte ihr alle möglichen Bücher, die vielleicht zu ihr passen könnten. Zum Glück war gerade kein anderer Leser da, so dass ich mir wirklich Zeit für Ida nehmen konnte. Ich stapelte ihr die Auswahl auf einen Stuhl und ließ sie sich in Ruhe entscheiden, während die Mutter im Hörbuch-Regal stöberte. Schließlich kam Ida mit einem „Magic Girls“-Band zur Theke. Ich freute mich, dass sich nach Jahren mal wieder ein Mädchen für „Magig Girls“ interessierte. Die Reihe von Marliese Arold war mal sehr gut gelaufen, stand aber jetzt schon gefühlt ewig im Regal. Als Ida schon nach zwei Tagen wieder in der Bibliothek stand, mir begeistert von Elenas Abenteuern im „Hexil“ berichtete und gleich drei weitere Magic Girls“-Bücher mitnahm, strahlten ihre Mutter und ich um die Wette. 🙂 Bingo! Geschmack getroffen und wieder Leselust geweckt!!!

Wenn die Großen so viel Lesespaß haben, dürfen die Kleinen natürlich auch nicht zu kurz kommen. Kürzlich erhielt ich einen Anruf von einer Leserin, die als Erzieherin in der evangelischen Kita tätig ist. „Können wir kommen?“, fragte sie. Jein. Kita-Veranstaltungen müssen gut vorbereitet sein und sind für mich nur an Schließtagen durchführbar. Da mein Schreibtisch gerade brechend voll und die to do-Liste elend lang ist, passte es gerade überhaupt nicht. Andererseits: Wann passt es schon mal? Die Arbeitszeit außerhalb der Öffnungsstunden, die eingentlich nur für Arbeiten im Stadtarchiv reserviert ist, wurde von vornheraein von der Chefetage zu kurz bemessen. Also entschied ich mich doch für die Kita und aus dem „Jein“ wurde ein „Ja“. Ich bat aber darum, dass die Kita nicht, wie dort üblich, mit allen Kindern in einer gemischten Gruppe kommt, sondern dass zwei Gruppen kommen: eine mit vierjährigen Kindern und eine mit den Vorschul- und Hortkindern. Denn ein Buch für eine Altersspanne zwischen 4 und 10 zu finden, bei dem nicht die Hälfte der Kinder unter- oder überfordert ist, ist nahezu unmöglich.

Doch was vorstellen? Ratlos stöberte ich in den Bibliotheksbüchern. Die evangelische Kita mag es eher traditionell, ich musste mir schon mal anhören: „Aber keinen Fantasy-Scheiß vorlesen!“ Am liebsten wollten sie eine Sommergeschichte, etwas mit Tieren wäre auch nicht schlecht. Hm. Die schönsten Tiergeschichten-Bücher waren gerade ausgeliehen. Ich hatte absolut keine Idee und die Zeit zur Vorbereitung war kurz, die Anfrage kam ziemlich spontan.

Beim Stöbern fiel mein Blick auf Janosch, und so langsam erwärmte ich mich für die Idee, seit Jahren mal wieder „Oh wie schön ist Panama“ vorzustellen. Die Geschichte kannte ich fast noch auswändig, ich liebe sie! Eine Tigerente habe ich noch zu Hause, sie hat tatsächlich die Aussortierungs-Aktionen der letzten Zeit überstanden. Eine Bibliothekarin in der Praktikumsbibliothek meiner Studienzeit, der Stadtbibliothek Neumünster, hatte Anfang der 90er Jahre ein Buch mit interessanten Veranstaltungsideen zusammengestellt. Dabei war auch eine schöne Konzeption für „Panama“, die ich aus Platzgründen etwas abwandelte. Ich legte aus hellblauem A4-Papier einen Fluss quer durch die Kinderbibliotheksecke, kopierte die Bilder vom Haus am Fluss, von Maus, Kuh, Fuchs, Hase und Igel und baute die Route von Bär und Tiger auf der Suche nach Panama auf dem Fußboden nach. Während ich die Geschichte las bzw. erzählte, wanderte die kleine Tigerente von Station zu Station, bis sie wieder zu Hause landete. Die Kinder waren ganz fasziniert und verfolgten gespannt die Geschichte. Entgegen meinen Befürchtungen kannte nur ein Kind die Geschichte. Noch nicht einmal den Film kannten sie. Ach, wie schön ist Panama!!! 🙂 Ich blieb noch etwas beim Thema Reisen und Ferne Länder und unterhielt mich mit den Kindern über ihre Urlaubsreisen.

Auch für die Gruppe mit den älteren Kindern hatte ich keine zündende Idee. Alle meine sonstigen Konzepte für diese Altersgruppe waren mehr oder weniger unter „Fantasy-Scheiß“ zu verbuchen und auch keine Sommergeschichten. Ich war wirklich ziemlich ratlos, als mein Blick eher zufällig auf „Tafiti“ fiel. Noch nie hatte ich mich mit den „Tafiti“-Büchern von Julia Boehme beschäftigt, sie eben immer nur eingekauft, eingearbeitet und ausgeliehen. Ich schaute, blätterte, las mich fest – und verliebte mich sofort! 🙂 Es war eine echte Entdeckung!!! Man müsste viel öfter die Zeit haben, sich mit den Büchern der Bibliothek intensiver zu beschäftigen. Früher blätterte ich beim Einstellen der Bücher öfter mal, aber seit meine ehrenamtlichen Kolleginnen das Einstellen übernommen haben, nehme ich noch seltener die Kinderbücher in die Hand. „Tafiti“ ist einfach liebevoll und detailverliebt gezeichnet und kindgerecht erzählt, da stimmt einfach alles. So eine Art Savannen-Bullerbü mit Erdmännchen und Pinselohrschwein. Ich entschied mich für „Tafiti und der Honigfrechdachs“, weil ich dabei gleich noch etwas Lehrreiches über die Bienen und den Honig vermitteln konnte. Auch hier hörten die Kinder andächtig zu und verfolgten interessiert die Geschichte. Kein einziges Kind kannte Tafiti, die Kindergärtnerin auch nicht. Eigentlich schade. Andererseits haben mir Eltern mal erzählt, dass bei den „Tafiti“-Hörbüchern die ganze Familie begeistert mitgehört hat. Das ist zwar toll, aber wer Kinderbücher hört, dem entgehen gerade die oberniedlichen Illustrationen – das ist dann leider nur der halbe Genuss. Selber lesen macht schlau! Also werde ich mir demnächst abends auch mal ein „Tafiti“-Buch mit nach Hause nehmen – weil es einfach Spaß macht!

Lebhafte Sommertage

Normalerweise habe ich immer mal wieder einen Geistesblitz zu einem Thema, setze mich, so schnell es geht, hin und schreibe in einem Rutsch den Blogbeitrag. Seit einigen Wochen fehlt aber irgendwie die zündende Idee, also versuche ich mal, mich ganz traditionell vor ein „weißes Blatt Papier“ zu setzen und die Worte fließen zu lassen. Ich bin selbst gespannt auf das Ergebnis. 🙂 Diese Sommertage sind einfach so angefüllt, dass mir die Muße zum Reflektieren fehlt. Habe ich dann mal einige freie Stunden, falle ich fast sofort ins Koma. Als Kind habe ich meine Oma immer für ihren ausgiebigen Mittagsschlaf belächelt. Heute gefällt mir dieses Ritual sehr, aber ich kann es nicht oft praktizieren.

Meine Arbeitstage in der Bibliothek sind vollgestopft mit unterschiedlichen Dingen. Der Sommerleseclub nimmt Fahrt auf, da die Freikarte zum Burgfest unserer Kleinstadt als kleiner Anreiz wirkt. Inzwischen sind es noch einige Lesekinder mehr, die mitmachen, davon haben mir jetzt, nach fast zwei Wochen Ferien, schon sieben Kinder schöne Geschichten aus ihren gelesenen Büchern erzählt. Einige waren ganz schüchtern dabei und mussten erst etwas „auftauen“, andere erzählten so begeistert, dass es Spaß machte, zuzuhören. Besonders die Mädels, die „Mein Lotta-Leben“ ausgeliehen hatten, waren schnell damit durch. Da die Lotta-Bücher in den letzten Jahren schon unzählige Male über die Bibliothekstheke gewandert sind, kann ich da schon gut mitreden. Die häufigste Frage, die ich stelle, lautet: „Hat Lotta wieder etwas mit ihrer Flöte gezaubert?“ Ja, hat sie. Immer. Und die Mädels haben Spaß dabei. 🙂 Die Jungs haben sich zwar reichlich angemeldet, tun sich aber schwerer mit ihren Monsterbüchern. Aber die Ferien sind ja noch lang. 🙂

Am letzten Wochenende ließ ich mich zwar nicht von Lottas Flöte, sondern eher vom Barockhorn meines Neffen verzaubern. Er stattete uns einen seiner sehr seltenen Besuche ab, mit drei Hörnern im Gepäck. Er genoss es, im Haus meiner Eltern mal einfach dann zu üben, wenn ihm danach war, ohne einen Probenrauf aufsuchen zu müssen und ohne dass Nachbarn Sturm klingelten. Das Ergebnis waren meist wunderschöne Bach-Klänge, die allerdings auch in der halben Straße zu hören waren. Aber die Nachbarn meiner Eltern regten sich nicht auf. Ich fand es schön, ebenso die Abende mit intensiven Gesprächen und viel Gelächter im Garten. Der große, uralte Kaktus, der im Sommer auf dem Hof an der Südwand stehen darf, beglückte uns mit einer seiner seltenen weißen Blüten, die sich nur für eine Nacht öffnen. Anton pfiff dem Kaktus zur Belohnung die Arie der Königin der Nacht vor.

In der Bibliothek herrscht auch sonst ein reges Treiben. Es ist ja gleichzeitig die Touristinfo, daher kommen immer mal Urlauber vorbei. Die häufigsten Fragen sind in diesem Jahr die nach den Radwegen, und Radwanderkarten gehen beinahe täglich weg. Die meisten Urlauber sind gut gelaunte Familien mit Kindern. Aber auch Einheimische kommen gern. Gerade habe ich einen Wandkalender für 2018 mit historischen Fotos unserer Kleinstadt im Verkauf. Mit dem Ergebnis, dass das Limit meiner Handkasse täglich erreicht wird und ich jeden Tag am Abrechnen bin. Aber es ist schön. Die Option, einen Kalender drucken zu lassen, hatte sich eher zufällig ergeben. Da wir in unserem Arbeitskreis Stadtgeschichte einen rüstigen Rentner mit einem Händchen für Bildbearbeitung haben, der 500 historische Fotos digitalisiert hat, konnte ich den Kalender-Verlag direkt an diesen Mann weiterleiten und mich darauf verlassen, dass ein toller Kalender entsteht. Nun klopfen die Kunden sogar an Archivtagen an die Tür, um diesen Kalender zu kaufen. Wenn ich aus dem hintersten Archivraum von der Leiter geklingelt werde, finde ich das generell überhaupt nicht nett, aber da sind die Einwohner meines kleinen Arbeitsortes einfach seit Jahren erziehungsresistent. 🙂

Wenn zwischendurch mal eine Minute Ruhe war, saß ich am PC und versuchte, die Inschriften für die Stolpersteine zu erstellen, für die letzte jüdische Familie, die in der Kleinstadt gelebt hatte. Dem war eine wochenlange Suche vorausgegangen, denn das Geburtsdatum des Sohnes, der mit einem Kindertransport nach England geschickt wurde und als einziger überlebt hatte, ließ sich einfach nicht ermitteln. Erst eine sehr nette Berlinerin fand quasi in letzter Minute heraus, dass er in Berlin geboren wurde. 🙂 Da hätte ich hier im Mecklenburg ja lange suchen können! Das Thema ist immer wieder berührend. Als ich gerade in meinen Holocaust-Dateien suchte, fiel mir das Geburtsdatum der in Auschwitz ermordeten Schwester des überlebenden Jungen ins Auge. An genau diesem Tag wäre sie 93 Jahre alt geworden.

So springt man an einem Öffnungstag immer gedanklich hin und her: Lotta mit ihrer Flöte – Kalenderverkauf – jüdische Geschichte – das Bundesland hat die Förderrichtlinien geändert und möchte den Antrag auf Medienförderung noch einmal anders – „Wie komme ich mit dem Fahrrad nach xyz und ist die Strecke schwer zu fahren?“ – „Von diesem Thriller ist gerade der dritte Teil erschienen, können Sie den auch kaufen?“ Kurzer Klick bei amazon: ja tatsächlich, also Buch auf die Kaufliste – zwischendurch ein Anruf: „Ist noch ein Quartier für das Burgfest-Wochenende zu haben?“ „Nein, leider seit Wochen ausgebucht“. – Ups, Handkasse schon wieder voll, also Abrechnungsformular ausfüllen, Belege anheften, Abrechnungsvermerk ins Kassenbuch, wenn meine ehrenamtlichen Helferinnen nicht da sind, „Komme gleich wieder“ an die Tür und mit dem Geld zur Stadtverwaltung rennen – „Was können Sie mir für einen Krimi empfehlen“ – und nicht zu vergessen die Omas und Opas im Ferienkinder-Enkelstress, die Kinderbücher, Hörbücher und Filme für die Enkelkinder suchen. Es ist immer wieder niedlich, zu beobachten, wie die Enkelkinder Oma und Opa absolut im Griff haben. 🙂

So ein Sommer-Öffnungstag einer Kleinstadt-Bibliothek ist wirklich manchmal sehr sportlich, aber es macht auch Spaß – bis das Limit erreicht und die Luft raus ist und ich meinen Vater um seinen täglichen Mittagschlaf beneide. 🙂

Monster, Detektive und natürlich Lotta – ein Lesesommer beginnt

Als ich heute in meinem Arbeitsort aus dem Bus stieg, stand eine ganze Schulklasse an der Haltestelle, die gerade einsteigen wollte. Die Kinder strahlten mich an, winkten mir zu und begrüßten mich lautstark. Ich war völlig perplex. Hey, so eine Begrüßung hatte ich ja noch nie! So muss sich ein Rockstar fühlen, der aus dem Flugzeug steigt und von den Fans bejubelt wird. 🙂 🙂 Das war irgendwie auch so komisch, dass ich noch jetzt lachen muss.

Nun bin ich aber kein Rockstar, sondern Bibliothekarin. Und eben diese Schulklasse (2. Klasse) war am Vortag bei mir in der Bibliothek zu Gast. Erst waren sie ziemlich still, denn sie wurden von einer Lehrerin der alten Schule begleitet und wohl vorher „geimpft“: „In einer Bibliothek hat man leise zu sein! Man hört brav zu, wenn die Bibliothekarin vorliest!“ Nun wollte ich aber garnicht vorlesen und sie sollten auch nicht still zuhören. Das hätte sowieso nicht funktioniert, denn in der letzten Woche vor den großen Ferien haben die Kinder natürlich Hummeln im Hintern. Ich erzählte ziemlich frei, mit nur wenigen Lesepassagen dazwischen, eine Geschichte aus der Reihe „Ein Fall für Kwiatkowski“ von Jürgen Banscherus. Die Kinder waren aufgefordert, mitzuraten und sich selbst in die Lage des kleinen Privatdetektivs zu versetzen. Sie tauten wirklich immer mehr auf und die Lehrerin saß an der Seite und ließ mich machen. Die Kinder waren ziemlich clever und lösten den Fall. Und offenbar habe ich wirklich den Geschmack der Kinder getroffen und sie begeistert, sonst hätte ich heute am Bus nicht so eine Rockstar-Begrüßung gehabt. 🙂 Mittags traf ich die Kinder an der Haltestelle wieder, da hatten wir etwas mehr Zeit zum Erzählen. Mindestens drei Kinder versprachen, demnächst mit ihren Eltern zu kommen und sich eine Jahreskarte zu holen. Ob sie das wirklich tun, werde ich sehen, aber wichtig ist, dass sie den Bibliotheksbesuch in angenehmer Erinnerung behalten. Die Detektivgeschichte hatte ich ausgesucht, weil mir aufgefallen war, das seit einigen Monaten „Die drei ??? Kids“ wieder in Mode gekommen sind. Sie standen einige Jahre wenig beachtet im Regal, aber jetzt werden die zahlreichen Bände wieder gut entliehen.

Unmittelbar nachdem diese zweite Klasse gegangen war, stand gleich die vierte Klasse in der Bibliothek. Meine beiden ehrenamtlichen Mädels waren auch gerade gekommen und wir hatten nur einige Minuten zum Umräumen. Jetzt ging es darum, den Sommerleseclub zu bewerben und möglichst viele Kinder zum Mitmachen zu bewegen. Ich erklärte zunächst die Regeln für die Teilnahme und machte dann eine Art „bookslam“. Also ich versuchte, den Kindern so viele unterschiedliche Bücher wie möglich schmackhaft zu machen. Die Comic-Romane, ohne die im Sommerleseclub nichts geht, die Mädchenbuchreihen, die neue Abenteuerreihe „Tombquest“ und natürlich die Fantasybücher. Als ich gerade „Darkmouth“ in der Hand hielt, rief ein Mädchen begeistert: „Das kenne ich! Das ist richtig gut!!!“ Da ich das erste Buch dieser Reihe auch gelesen hatte und es auch gut fand, fing ich den Ball auf und erzählte etwas mehr darüber. Außerdem fragte ich das Mädchen, ob sie den dritten Band auch schon kennt, denn der war ziemlich neu und stand auch im Sommerleseclub-Regal. Nachdem ich das Regal zum Stürmen freigegeben hatte, waren sofort alle drei „Darkmouth“-Bücher weg. Der Junge, der den zweiten Band gegriffen hatte, war ein Wenig-Leser, ich kannte ihn. Ich erklärte ihm, dass es besser wäre, mit dem ersten Band anzufangen, denn sonst kennt man die Vorgeschichte nicht. (Außerdem ist die Reihe schon etwas für anspruchsvollere Leser.) Aber der Junge hielt das „erbeutete“ Buch fest umklammert und rückte es nicht raus. Nichts zu machen! Die zahlreichen anderen Fantasy-Bücher konnten ihn auch nicht locken. Noch nicht mal „Bitte nicht öffnen! Schleimig!“ zog ihn an. Auch sonst waren die Monster „in“. „Super Nick“ stand verschmäht in der Ecke und nur zwei Mädchen nahmen sich „Mein Lotta-Leben“-Bücher. Und alle griffen sich die dicksten Wälzer, wie z. B. „Woodwalker“. Normalerweise nehmen sich die Nicht-Leser, die im Sommerleseclub ausnahmsweise mal sich überreden lassen, ein Buch zu lesen, die dünnsten Comic-Romane. Als die Klasse weg war, hatten sich wirklich fast alle Schüler der Klasse für den Sommerleseclub angemeldet. In einer anderen Klase am Vortag war das Interesse ähnlich groß, aber auch da wurden die Monsterbücher ausgeliehen. Nun sitze ich da mit „Mia“, „Carlotta“, der „Glücksbäckerei“ und den anderen Mädchenbüchern und reibe mir verwundert die Augen. Auch „Die wilden Küken“ und „Die Karlsson-Kinder“ stehen in diesem Jahr schmollend in der Ecke. 🙂 Es ist doch immer wieder überraschend, worauf die Kinder gerade abfahren. 🙂 Ich beschäftige mich Abende lang mit der Vorauswahl der Sommerleseclub-Bücher und studiere die Rezensionen und Kritiken bei Amazon & Co. Es soll eine gute Mischung für alle Geschmäcker, möglichst niedrigschwellig und möglichst  aus den Neuerscheinungen der letzten zwei Jahre sein – Bücher, die Leselust wecken. Das ist ja letztendlich auch gelungen, denn Monster waren im Sommerleseclub-Regal reichlich versammelt. 🙂

Die größte Freude für mich ist, dass sich ein zwölfjähriger syrischer Junge, der gerade ein Jahr in Deutschland lebt, für den Sommerleseclub angemeldet hat! Natürlich hat auch er ein Fantasybuch entliehen. Das wird ein spannender Lesesommer!

Sind Bibliothekare autoritäre Machtmenschen?

Wieder einmal erschien in unserer Fachzeitschrift ein Artikel über die Zukunft der Bibliotheken oder über die Bibliothek der Zukunft (was ja ziemlich genau das selbe ist). Natürlich wieder einmal von einem Autor, der kein Bibliothekar ist, auch wenn er schon mehrere Bibliotheks-Publizistenpreise erhielt. Der Autor beschreibt Bibliotheken als konservative „Institutionen mit hoher Beharrungskraft.“ Und natürlich wieder einmal das Schreckensszenario: immer weniger Bücher „in echt“, immer mehr digital, immer leerere Räume. Die kommunale Bibliothek nur noch als rund um die Uhr geöffneter Kommunikations- und Veranstaltungsort. Das kennen wir alles schon. Alles schon tausend Mal gelesen und gehört. Leute, schmeißt eure Bücher raus und stellt Sofas rein.

Doch etwas an diesem Artikel war anders und ließ mich nachdenken. Die Bibliothek der Zukunft, so die ach so revolutionäre Meinung des Autors, sollte vom Leser gestaltet werden. Aber davor hätten ja die Bibliothekare Respekt, denn den Leser die Bibliothek gestalten zu lassen hieße ja Macht und Autorität aus den Händen geben. Wie jetzt? Im Umkehrschluss hieße das, wir seien alle machtgeil und autoritär? Der Autor fordert die „Demokratisierung des bibliothekarischen Selbstverständnisses“ explizit ein.

Hat der Leser etwa jetzt überhaupt kein Mitgestaltungsrecht? Wer entscheidet denn, welche Medien in den Bestand der Bibliotheken wandern? Ich denke, in den meisten Fällen die Leser. Es wird doch wohl keine öffentliche Bibliothek geben, die ihren Bestand an den Bedürfnissen der Leser vorbei aufbaut. Was gern gelesen wird, wird auch gekauft, denn das bringt ja die Entleihungen.  Beispiele gefällig? Bitteschön, ganz aktuell aus dieser Arbeitswoche. Ich harmoniesüchtiges Wesen würde, wenn es nach mir ginge, möglichst nicht noch mehr Thriller in die Bibliothek stellen. Da es aber nicht nach mir geht, erfülle ich natürlich gern den Wunsch einer Leserin, die nach dem ersten und zweiten auch den dritten. gerade erschienenen Teil von „Post Mortem“ lesen möchte. Und ich weiß, dass dann noch mindestens zehn weitere Leser dieses Buch lesen werden. Das ist nun eben so, da geht es nicht nach meinen Wünschen, sondern nach denen der Leser. Gerade haben wir das Sommerleseclub-Regal eingeräumt und ich musste schweren Herzens einige in meinen Augen sehr niedliche Kinderbücher entsorgen, weil sie seit vier Jahren kein Kind lesen wollte und mir einfach der Platz dafür fehlt. Was nicht gelesen wird, fliegt weg und wird durch Bücher ersetzt, die gern gelesen werden. Alles im Sinne der Leser. Wobei es dann auch wieder unzählige Leser gibt, die garnicht glauben und schon gleich überhaupt nicht verstehen können, dass wir Bücher einfach wegschmeißen. Gut, okay, wir versuchen es vorher noch, sie im Bücherflohmarkt anzubieten, aber wenn sie dann auch keiner nimmt, fliegen sie eben weg. Ganz im Sinne des Lesers, aber eben irgendwie doch nicht ganz im Sinne der zahlreichen Leser, denen Bücher nach wie vor heilig sind. Alles hat zwei Seiten.

Wenn ein Leser Einfluss auf die räumliche Gestaltung oder die Aufstellung der Bestände nehmen möchte – bitteschön, solange es sinnvoll ist und alle sich zurechtfinden. Das war aber bisher in meiner Bibliothek kaum der Fall. Es kam schon mal vor, dass einige Ecken für zu dunkel befunden wurden – gut, vor dem Umzug muss dann eben eine stärkere Glühlampe reichen. Oder dass einer Leserin die Stapel auf dem Neuerscheinungs-Wühltisch zu hoch waren. Auch das kann man ändern. An viel mehr Wünsche kann ich mich im Moment nicht erinnern. Der aktuellse Wunsch ist der des Pastors, der unsere Bibliothek noch nie von innen gesehen hat. Der wünscht sich einen Selbstbedienungs-Bücherschrank mit kostenlosen Büchern vor dem Neubau der Bibliothek, weil ihm die Leseförderung so sehr am Herzen liege. Warum er den Kostenlos-Bücherschrank nicht schon vor Jahren in seine im Sommer offene Kirche gestellt hat, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Viele Kirechen haben mittlerweile so einen Büchertisch.

Es gibt allerdings durchaus Fälle, in denen ich total autoritär reagiert habe. Und dazu stehe ich auch. 🙂 Das war dann, wenn meine jeweiligen Vertretungen in der Bibliothek oder der Touristinfo so umgeräumt hatten, dass ich nichts mehr wiederfand. Das eine Mal hatte meine Trulla, mit der ich ewig Zickenkrieg führe, den Schlüssel zur Handkasse wohl bewusst an einem ganz anderen Platz versteckt als ich es üblicherweise tue, mir aber das neue Versteck nicht verriet. Und da stand ich nun am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub: kein Schlüssel da, damit kein Wechselgeld da und natürlich gerade dann jemand da, der einige wenige Kopien mit einem großen Schein bezahlen wollte. (Wieso passiert eigentlich immer sowas gerade dann? 🙂 ) Und Trulla telefonisch nicht erreichbar. Da steht man dann in seiner eigenen Bibliothek wie ein Trottel und weiß nicht weiter. In solchen Fällen werde ich dann schon mal, gelinde gesagt, zur rasenden Wildsau. 🙂 Ein anderes Desaster passierte, als meine ehrenamtlichen Mädels mich während meines Amsterdam-Urlaubs vertraten. In dem Moment, als ich nach dem Urlaub die Bibliothek aufschloss, kamen schon Kunden, die in der Touristinfo, die ja mit dazu gehört, die CD des örtlichen Männerchores kaufen wollten. Komisch, seit Monaten hatte keiner mehr diese CD gekauft, aber gerade dann. Ich schaute irritiert auf den Tisch, wo sie immer lag: keine CD da! Überhaupt sah der Verkaufstisch total umgeräumt aus. Glücklicherweise hatte ich noch einen kleinen Vorrat von CDs im Schrank. Als die Kunden weg waren, schaute ich mir das Ganze genauer an: Die CDs waren von meinen Mädels in einen Ständer verfrachtet worden, in dem außerdem nur kostenlose Flyer standen. Statt dessen hatten sie andere, kostenlos erhältliche Dinge zwischen die Verkaufsartikel gelegt und die Verkaufsartikel dafür so zusammengelegt, dass man sie garnicht einzeln anschauen konnte. Ich atmete dreimal tief – und fünf Sekunden später, noch bevor meine Mädels zur Tür reinkamen, sah der Tisch wieder so aus, wie ich ihn aus praktischen Gründen brauche: alle Verkaufsartikel extra schön ausgebreitet auf diesem Tisch, den ich gut im Blick habe, und alle kostenlosen Flyer wieder in dem Ständer, der für mich von der Theke aus nicht so gut einsehbar ist. 🙂 Da war ich dann wirklich ganz autoritär. Ich sagte kein Wort dazu, denn ich wusste ja, dass die Mädels Augen im Kopf haben, um die wieder hergestellte alte Ordnung wahrzunehmen. (Nebenbei bemerkt: Wenn ich alle Vierteljahre mal eine Vertretung in einem Antiquariat mache, räume ich ja auch nicht das Antiquariat um.) Eine gewisse, praktische Ordnung muss schon sein, gerade in der Bibliothek. Denn wenn man Leserwünsche erfüllen möchte, dann wäre es auch ganz schön, etwas wiederzufinden. Alle Bibliothekare kennen bestimmt das ziemlich blöde Gefühl, was entsteht, wenn ein Leser gerade drei Minuten raus ist und das von ihm verzweifelt gesuchte und nicht gefundene Buch drei Meter weiter irgendwo auf einem Stapel liegt, auf dem es eigentlich nicht liegen sollte. Schade!!! Ein frustrierter Leser mehr! Ist das autoritär, wenn man für die Leser die richtigen Bücher nicht nur haben, sondern auch finden möchte? So wie ich vielleicht „autoritär“ bin, entspricht auch die Bibliothek, die ich leite, nicht dem allgemeinen Trend. Keine Onleihe, also keine eBooks, und dennoch, seit ich vor fast neun Jahren diese Bibliothek übernommen habe, von Jahr zu Jahr leicht steigende Entleihungszahlen, und das, ohne wie andere Kollegen in der Region die Statistik fälschen zu müssen. Was ich anders mache als die anderen, kann ich so nicht benennen. Ich bin eben einfach immer nur im Dienste des Lesers.

Die Bibliothek der Zukunft wird gerade in Hamburg-Finkenwerder erprobt und ist in 500 dänischen Bibliotheken schon Realität: Mit ihrem Leserausweis können Leser ab 18 Jahren 24 Stunden am Tag und 8 Tage die Woche, also größtenteils ohne Beratung und Aufsicht durch Bibliothekare, die Bibliothek betreten. Für die Verbuchung gibt es ja schon diese Selbstverbucher, so dass sich der Leser selbst ohne Hilfe des Personals seine Medien ausleihen kann. Und zur Diebstahlsicherung gibt es die RFID-Technologie, ähnlich wie im Supermarkt. In Hamburg wird ein auf diese Weise nutzbarer Bereich mit 11.000 Medien präsentiert. Die dänischen Kollegen berichten, dass in solchen 24 h-Bibliotheken manchmal über Nacht von den Lesern die Möbel umgeräumt wurden, aber manchmal auch zum Vorteil.

Okay, machen wir es doch so: Eine Hälfte Bibliothek der Zukunft mit 11.000 aktuellen Medien und dazu Möbeln, die der Leser so im Raum verteilen kann, wie er es gerade will – und eine Hälfte ganz traditionell eingerichtet, auch mit 11.000 aktuellen Medien, die ich so ordnen kann, dass ich sie für die Leser auch wiederfinde. Eine Alternative wäre die Erfindung eines neuen Ortungssystems. In welcher Ecke hat der kreative Leser gerade das neueste „Lotta-Leben“ fallenlassen, welches wie die Natter die Flatter gemacht hat? Suchgerät an, Peilung – ah, in der linken Ecke des roten Sofas, welches übrigens gerade von der Kuschelecke auf die Terrasse gewandert ist! 🙂 Kindern würde so ein Suchgerät bestimmt total Spaß machen. Das weckt doch mal wieder das Interesse am echten Buch und lässt einen Hauch von Abenteuer entstehen! Zur Deckung der Mehrkosten schlage ich vor, dass alle kreativen Köpfe mit klugen Ideen für die Bibliothek der Zukunft, die keine schlecht bezahlten Bibliothekare sind, von ihren Publizistenpreisgeldern eine Stiftung gründen, damit die finanziell klammen Kommunen auch alle in den Genuss der Bibliothek der Zukunft kommen.

(Dieser Beitrag bezieht sich auf den Artikel von Henning Bleyl: Ich bin eine Bibliothek, verändert mich!. in: BuB7/2017)

Muss ich meinem Chef etwas schenken wollen?

Es ist schon ein halbes Jahr her, als ich eine Mail der Sekretärin des Bürgermeisters öffnete: „Der Bürgermeister wird 50. Wollen Sie sich am allgemeinen Geschenk beteiligen oder haben Sie ein eigenes Geschenk?“ Nö. Weder noch. Weder will ich mich beteiligen noch will ich ihm selbst etwas schenken. Zumal eine Einladung zu einem Geburtstagsfrühstück bis dahin nicht erfolgt war und später auch nicht erfolgte. Der Bürgermeister ist nämlich ein ziemlicher Geizkragen. Dies zeigt sich sowohl privat (u. a. im nicht erfolgten Geburtstagsfrühstück, aber auch im nicht geschenkten Frauentagsblümchen) und auch dienstlich (wir sind fast alle unterbezahlt – das geht sogar trotz TvöD. Und er hält sich selbst mit Geburtstagsglückwünschen und dergleichen für Kollegen sehr zurück, selbst zu runden Geburtstagen. Selbst ein Lob hört man von ihm fast nie. Auch eine Art von Geiz. Alles ist immer selbstverständlich, sogar die Überstunden. Freundlicher Smalltalk im Vorbeigehen kommt von ihm überhaupt nicht. Der Hauptamtsleiter ist da anders. Begegne ich ihm auf dem Weg zu meinem Postfach im Dauerlauf auf dem Flur, hat er immer einen netten Satz für mich, und wenn es über das Wetter ist.

Es kann durchaus sein, dass diese Mail, die voraussetzt, dass wir alle dem Bürgermeister etwas schenken wollen, ein Fauxpas der neuen Sekretärin war, die die Gepflogenheiten des Hauses noch nicht kannte und vermutlich noch ganz begeistert vom Chef war. Wie ich auch am Anfang.

Aber Zeiten ändern sich. Ich bin nicht die, die zu Kreuze kriecht, ich sage immer ehrlich und sachlich meine konstruktive Meinung. Und damit ecke ich regelmäßig an. Dumm nur, dass der Chef statt sachlich zu reagieren jedes Mal persönlich beleidigt ist und fast in eine Art Verfolgungswahn verfällt. Einmal hat er mir in einer ziemlich bösen Mail Loyalitätsprobleme unterstellt und hat sich auf den Loyalitätsparagraphen berufen, den ich bei der Einstellung angeblich unterschrieben haben soll. Das war, als er der Meinung war, ich hätte den Arbeitskreis Stadtgeschichte gegen ihn aufgehetzt. Aber die waren alle von ganz allein wütend auf ihn und eine seiner Mitarbeiterinnen. Selbst verzapft – da konnte ich wirklich nix für! Vorsichtshalber schaute ich doch mal nach, was ich damals unterschrieben hatte. Aber ich fand nichts zum Thema Loyalität. Im Internet fand ich dann heraus, dass es früher mal tatsächlich einen Loyalitätsparagraphen gegeben hatte, den man bei der Einstellung unterschreiben musste. Heute gibt es das nicht mehr, und auf dem Formular, was ich unterschrieben hatte, bekannte ich mich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und das tue ich noch heute. Würde ich jederzeit wieder unterschreiben!

Dass mein Chef psychisch instabil ist, wissen wir seit langem. So ist der Umgang mit ihm ein ständiger Balanceakt. Jeder Kollege sucht sich den für ihn optimalen Weg. Die meisten halten sich an die Redewendung: „Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen würst.“ 🙂 Ein sehr guter Rat, dem auch ich folge. Einige, die ihm doch öfter über den Weg laufen müssen, arbeiten erfolgreich mit der Methode „überkorrekt arbeiten, aber sehr distanziert im persönlichen Umgang“ Zumindest die Arbeit dieser Mitarbeiter weiß der Chef zu schätzen. Für sie selbst war diese Methode jedoch offenbar zu anstrengend, oder sie konnten vieles von dem, was der Bürgermeister wollte oder äußerte, nicht mittragen. Jedenfalls sind die meisten dieser netten Kollegen leider gegangen. Was vielleicht auch an der Unterbezahlung lag. Diese Kollegen verhielten sich meist loyal, aber wenn man in einem Vier-Augen-Gespräch genau hinhörte (und als gelernter DDR-Bürger kann ich das noch ganz gut), dann konnte man zwischen den Zeilen doch das eine oder andere kritische Wort heraushören. Einer dieser gegangenen Kollegen zieht heute in seinem Dorf über seinen Ex-Chef ordentlich vom Leder. Dummerweise kenne ich jemanden in diesem Dorf, der mir das dann immer brühwarm weitererzählt, u. a. die völlig unangebrachten Bemerkungen des Bürgermeisters über die Flüchtlinge in unserer Stadt. Peinlich, sowas!

Es gibt auch einige Kollegen, die den Chef total anschleimen. Die eine tat das ziemlich offensiv, wohl in der Hoffnung, Chefsekretärin zu werden. Ich mag diese Kollegin nicht besonders, weil sie, so wie sie nach oben schleimt, versucht, nach unten zu treten. Bei einer Weihnachtsfeier tat sie mir dann aber wieder Leid, denn kaum war sie gegangen, fing der Chef an, unendlich über sie zu lästern. Und Chefsekretärin ist sie schließlich auch nicht geworden. Da hat sich der Chef lieber etwas Junges, Knackiges geholt. Zumal man bei neuen, unverbrauchten Kollegen ja noch Sympathiepunkte sammeln kann. 🙂

Eigentlich gibt es ja einen Personalrat, der dazu da ist, Ungerechtigkeiten zu vermeiden. Ja, eigentlich. Dieser war aber im Laufe der Jahre so inaktiv geworden, dass man glatt die Personalrats-Wiederwahl vergessen hatte und sie erst zwei Jahre später pro Forma nachholte. Und wozu soll ich mich an der Wiederwahl eines Personalrats beteiligen, der nicht einmal selbst dafür sorgen kann, dass er rechtzeitig wiedergewählt wird? Wenn er schon nicht in der Lage ist, sich dafür einzusetzen – wie soll er sich dann für die Rechte der Kollegen einsetzen?

Wie ist nun meine Strategie? Ersten möglichst aus dem Weg gehen. (gehe nicht zum Fürst …) Zweiten habe ich immer ein gutes Gewissen, weil ich fachlich erfolgreich arbeite. Deshalb biete ich keinem Chef eine Angriffsfläche. Und wenn es sich doch nicht vermeiden lässt, ihn zu kontaktieren, dann versuche ich es erst per Mail. In 99% aller Fälle reicht die sachliche Mail aus und erspart die persönliche Begegnung. („Gehe nicht zu deinem Fürst …“) Da ich in einer Außenstelle arbeite, geht das wunderbar. Auf diese Weise habe ich meinen Chef Monate nicht gesehen, das letzte Mal bei einer Arbeitsschutzbelehrung, an der alle teilnehmen mussten. Wenn er eine Anweisung an mich hat, dann tut er das auch in einer Mail, und immer sehr höflich und formvollendet. Neuerdings bedankt er sich auch schon mal für Zuarbeiten. Vielleicht sind Chefs ja doch lernfähig? Zumindest dann, wenn sie auf einmal ohne ihre Führungsebene dastehen, weil Kämmerer, Bauamtsleiter und Ordnungsamtsleiterin gegangen sind.

Ich habe jedenfalls, da ich die freiheitlich-demokratische Grundordnung liebe, mein Recht auf Überprüfung meiner TvöD-Entgeltgruppe geltend gemacht. Ich bin es mir selbst wert! Wenn ich fortan richtig eingruppiert werden sollte, kann ich mir vielleicht zum nächsten runden Geburtstag auch ein Geschenk für den Bürgermeister leisten – wenn er dann noch Bürgermeister sein sollte.