Sommerleseclub-Abschied

Geschafft! Endlich habe ich Urlaub!!!

Die letzte große Aktion in der Bibliothek war die Vorbereitung der Sommerleseclub-Abschlussveranstaltung.

Unter den Bibliothekaren wird es ja gegenwärtig deutschlandweit heiß diskutiert, ob die Leseclubs im Sommer überhaupt noch Sinn machen, ob man sie anders strukturieren sollte, ob man vielleicht sogar das Hören von Hörbüchern anbieten und prämieren sollte, ob es Sinn macht, im Sommer die Kinder zusätzlich noch mit begleitenden Workshops zu beschäftigen usw. Mein Fazit nach diesem Sommer: Ja, der Sommerleseclub macht unbedingt noch Sinn. Meine Bibliothek hatte eine Rekordbeteiligung zu vermelden. Aber: Ja, die Lesegewohnheiten ändern sich, die Lese-Bereitschaft der Kinder ändert sich auch. Es gab (zum Glück) keine Super-Vielleser, aber sehr viele Kinder hatten sich überreden lassen, ein zweites Buch zu lesen. Und das ist total gut so, denn dieses Projekt soll ja mit Büchern, die Spaß machen, wenig lesenden Kindern die Freude am Buch vermitteln. Es lohnt sich, mit den Kindern zu arbeiten, auf sie einzugehen, die Kinder ernst zu nehmen, Zeit zu investieren, auch wenn im laufenden Betrieb gerade der Bär steppt und andere Kunden daneben stehen und in die Röhre gucken. Durch diese Zuwendung gelingt es, die Abbrecher-Quote gering zu halten. Natürlich geht das in einer Kleinstadt-Bibliothek wie meiner besser als in der Großstadt. Die Kinder kommen hier in die Bibliothek und wissen, dass ich den ganzen Sommer lang für sie da bin und dass sie, wenn sie kommen, liebevoll empfangen und begleitet werden. Und sie wissen auch, dass mir ihre ehrliche Meinung sehr wichtig ist. Wenn mir ein Kind sagt, dass es das Buch nicht mag, die Geschichte nicht weiterlesen mochte, weil …, dann ist das okay und wir suchen gemeinsam so lange, bis wir ein Buch finden, welches angenommen wird. Wenn sich dieser Prozess beim selben Kind mehrmals wiederholt – auch kein Problem. Wichtig ist, den Kindern den Spaß am Lesen zu vermitteln. Wenn natürlich eine ehrgeizige Mutter neben den Kind steht und sagt: „Ohne ein neues Buch gehst du hier nicht raus!“, dann wachsen mir schon mal die Stier-Hörner. Aber das ist sehr selten geworden, meist halten sich die Eltern zurück und lassen mich machen. Erfreulich ist dagegen, dass zwei wenig lesende Geschwister, die zwar eine Leserkarte hatten, aber sie nur für die Ausleihe von Filmen oder Spielen nutzten, durch dieses Projekt endlich angefangen haben, zu lesen und nun nach den Ferien munter ihre Comic-Romane weiter „verschlingen“. Dieses nur als ein Beispiel für viele ähnliche Geschichten in diesem Sommer.

Allgemein war der Sommer für mich aber eher extrem aufreibend und gewöhnungsbedürftig. Extreme Hitze, verkrustete Machtstrukturen in der Stadtverwaltung, die Ungewissheit, wann denn nun der Umzug der Bibliothek kommt und wie er so optimal planbar wird, dass unnötiger Stress vermieden werden kann. Ich habe viel gelernt, vor allem das: locker lassen, im Moment leben, nichts planen und mich nicht auf die Macht-vollen Widrigkelten fokussieren sondern auf alles das, was ich an meinem Job immer noch so liebe.

Letzteres war auch der Grund, weshalb ich den Bürgermeister erstmalig nicht zur Übergabe der Sommerleseclub-Zertifikate eingeladen hatte. Ich hätte seine Anwesenheit nur schwer ertragen können. Mal angenommen, er hätte, wie so bei ihm üblich, eine flammende Rede darüber gehalten, wie toll die neue Bibliothek wird (mit schwarzen, 2,05 m hohen Regalen im Kinderbuch-Raum), dann wäre ich vermutlich schreiend aus der Bibliothek gelaufen.

Eine Alternative war leicht gefunden. Eine ehemalige liebe Kollegin der Stadtverwaltung, die inzwischen eine Funktion auf Landesebene hat und die ganz toll mit Kindern umgehen kann, war sofort bereit, die Übergabe der Zertifikate zu übernehmen. Es wurde ein fröhlicher, leichter, beschwingter Nachmittag, an dem ich mich trotz aller Verantwortung in diese lockere Stimmung fallen lassen konnte. Die Kinder: fröhlich und stolz, einige anwesende Eltern: dankbar und auch stolz – und ich strahle auf allen Fotos so, wie ich mich selten strahlen gesehen hatte. Natürlich hatten wir, letztmalig in dieser heißen Bibliothek, wieder den heißesten Tag der Woche erwischt. Das ist das Gesetz der Serie. 🙂 Umso mehr schmeckte uns allen anschließend das Eis im Café gegenüber.

Am Abend danach musste ich noch eine spontane gewünschte Zuarbeit (einen plattdeutschen Text) für ein Kinder-Projekt in einer meiner früheren Arbeitsstellen auf den Weg bringen, um die mich eine ehemalige Kollegin, die inzwischen eine liebe Freundin geworden ist, gebeten hatte. So konnte ich das schöne Erlebnis des Tages nicht nachklingen lassen und fiel nur gegen Mitternacht erschöpft ins Bett. Beim gemütlichen Frühstück am nächsten Morgen ließ ich alles noch einmal gedanklich Revue passieren. Und plötzlich fand ich mich in Tränen aufgelöst am Frühstückstisch wieder. Der ganze Druck kam raus und wurde „weggeheult“. Es waren dankbare Freudentränen. Normalerweise habe ich sonst überhaupt nicht nah am Wasser gebaut, aber es sollte anscheinend der ganze Druck dieses Sommers mit einem Mal hinaus gespült werden. Und irgendwie war ja auch alles sehr skurril: Hätte ich nicht vom Bürgermeister eine Abmahnung erhalten, dann hätte ich wieder ihn eingeladen, dann wäre der Abschluss wieder sehr förmlich und steif verlaufen. Dann hätte es diese lockere , beschwingte, schöne Rede und die kleinen Geschenke, die die Kinder noch zusätzlich zu den von mir organisierten Preisen erhielten, nicht gegeben. Also alles Negative hat im Nachhinein auch sein Gutes. 🙂

Advertisements

Himmelszeichen

Endlich kann ich wieder meinen geliebten „normalen“ mecklenburgischen Sommer genießen. Besonders schön finde ich, dass sich jetzt oft die so lange vermissten kreativen Wattewölkchen zeigen, mal als Himmelsgebirge, mal als wattige Inselchen und mal als Himmelsfische.Wie habe ich diese schönen Wolken vermisst, die in den letzten Jahren immer seltener zu sehen waren! Als Kind konnte ich stundenlang auf dem Boot liegen und in den Himmel schauen. In den letzten Jahren jedoch war dort nur entweder Einheitsgrau, waberige Hochnebelmasse oder langweiliges Einheitsblau zu sehen. Keine Wattewölkchen mehr.

Als ich in der letzten Woche abends aus dem Busfenster schaute, stockte mir regelrecht der Atem. Der ganze blaue Himmel war mit weißen Wattewölkchen übersät. Nur an einer Stelle schwammen tatsächlich drei große dunkelgraue Wale durch den Himmel! Die sahen aus wie Raumschiffe. Wie gebannt starrte ich aus dem Busfenster und wunderte mich, dass dieses Himmelsspektakel keinen weiteren Fahrgast zu interessieren schien. Mit der Zeit wurden die Himmels-Wale kleiner, teilten sich in viele kleinere „Himmelsfische“, blieben aber dunkelgrau zwischen den weißen Wattewölkchen in der Umgebung. Kurz vor meinem Heimatort die nächste himmlische Szene: Die dunkelgrauen Himmelsfische hatten sich zu einem Tor, ähnlich wie ein Kirchenportal, formiert. Ein dunkelgraues Wolkentor, in dem es hell leuchtete. Mir stockte erneut der Atem. In dem hell euchtenden Tor war Bewegung, so als ob weiße Wolkenwesen dort hindurchgehen würden. Leider geriet das Tor bald aus meinem Blickfeld oder löste sich auf. Aber es war sooo schööön!!!

Gestern gegen Abend nun das nächste Himmelsschauspiel. Nachdem es einen leichten Sonnen-Regen gegeben hatte, sah ich aus dem Küchenfenster einen so intensiv leuchtenden Regenbogen, wie ich ihn selten erlebt hatte. Schnell holte ich meinen Fotoapparat und setzte mich auf den Balkon. Aber die Eile war überhaupt nicht nötig, denn der Regenbogen blieb mir zwanzig Minuten lang in aller Schönheit erhalten, mal stärker und mal schwächer leuchtend. Ich saß wie gebannt auf meinem Balkon, fotografierte, schaute, staunte. Und ich packte alle meine Sorgen zusammen, ließ sie los und schickte sie auf dieser wunderschönen Regebogenbrücke ins Licht!!!

Weiterlesen

Schmetterlinge weisen den Weg …

An meinem freien Nachmittag sitze ich zu Hause und warte auf das angekündigte Unwetter. Ja, wo bleibt es denn? Immer wieder diese leeren Versprechungen! 🙂 Obwohl, eigentlich haben wir ja seit drei Tagen Unwetter. Zwar nicht so, wie es der deutsche Wetterdienst definiert, sondern rein aus meiner persönlichen Sicht. Lähmende Hitze und stehende, chwüle Luft – also für mich ist das ein Unwetter!!! 🙂

Und dabei soll man noch vernünftig arbeiten? Hinter den großen Schaufenstern der Bibliothek staut sich die Hitze. Auf dem gepflasterten Vorplatz vor der Bibliothek staut sich die Hitze. Jeder Leser, der sich noch hierher verirrt, gibt seinen Kommentar zur aktuellen (Un)wetterlage ab. Und Manni, mein persönlicher Regenschamane ❤ , streikt seit Wochen. Die Hitze hat ihn lahm gelegt. ❤

Tja, was soll man da tun? Also eigentlich nix oder so wenig wie möglich. Am PC arbeiten? Fehlanzeige! Das ist derzeit der heißeste Arbeitsplatz in der Bibliothek. Bücher einarbeiten? Fehlanzeige! Denn es ist einfach eklig, irgendwelche Barcodes und Signaturen kleben zu müssen. Veranstaltungen? Macht nur dann Sinn, wenn man die entsprechende Gruppe schnell wieder loswerden will, denn keiner hält es in der Bibliothek lange aus. 🙂 Also habe ich den täglichen Ablauf etwas verändert: alle Schreibarbeiten am PC morgens, wenn es noch erträglich ist. Danach ziehe ich mich in den hintersten, noch einigermaßen kühlen Winkel der Bibliothek zurück und ordne Archivmaterial. Denn ich bin ja gleichzeitig die Archivarin der Stadt. Zum Glück kann ich an den beiden Archiv-Arbeitstagen jederzeit Überstunden abbummeln. Ich liebe meine neue Zeiterfassungs-Software heiß  🙂 und innig. ❤ Seit ich die habe, merke ich erst einmal, wieviel Freizeit ich meinem Arbeitgeber bisher geschenkt hatte. Also dem Arbeitgeber, der mir vor kurzem eine Abmahnung erteilte und mich in der letzten Woche dauernd mit bösen Mails belegte. Konsequent bummle ich jetzt jede Über-Sekunde ab und mache auch zu Hause keine Hausaufgaben mehr. Das haben die nun davon. Obwohl, seit drei Tagen scheinen die genauso wegzuschmelzen wie ich. Überhaupt keine Mails mehr, weder gute noch böse. 🙂

Immer, wenn ich draußen unterwegs bin, werde ich von Schmetterlingen sanft umflattert. Das ist richtig auffallend. Sogar an Straßenkreuzungen, wo absolut keine Blume wächst, verfolgen mich die Schmetterlinge. An der Bushaltestelle, auf der Straße, früh morgens vor dem Haus, an meinem Arbeitsort auf dem heißen Platz vor der Bibliothek, auf dem verbrannten Rasenplatz hinter der Bibliothek – überall Schmetterlinge. Als ich vorgestern abends im noch haltenden Bus saß und auf die Haltestelle schaute, taumelte ein kleiner Schmetterling ganz langsam an meinem Busfenster vorbei, damit ich ihn auch ja begrüßen kann. Also, kleiner Freund ❤ , was willst du mir denn sagen? Die Seite http://www.schamanische-krafttiere.de gibt Auskunft:

„Flattert der Schmetterling zu Ihnen ins Leben, dann möchte er Ihnen Leichtigkeit, Freude und Verspieltheit schenken. Sie haben sich viel zu lange den schweren Dingen gewidmet, die Sie nach unten gezogen oder auf der Erde festgehalten haben, anstatt Sie zu beflügeln und an andere Orte oder zu anderen Menschen zu bringen. Das Krafttier Schmetterling kommt deshalb jetzt zu Ihnen, um Ihnen die Leichtigkeit des Seins zu vermitteln und Ihnen dabei zu helfen, unnötigen Ballast abzuwerfen, damit Sie wieder leicht genug sind, um abzuheben, Ihre Flügel auszubreiten und Ihre Freiheit zu genießen. So wie sich auch die Raupe verpuppt und als Schmetterling auf die Welt zurückkehrt, so sollen auch Sie sich verpuppen, einen Schlusstrich ziehen und ein neues, unbeschwertes Leben anfangen. Der Schmetterling als Krafttier macht Sie aber auch auf die Kleinigkeiten des Lebens und auf das Geheimnis der Einfachheit aufmerksam, die beide große Macht und Freude in sich bergen. Erkennen Sie mit Hilfe des Schmetterlings als Krafttier, wie facettenreich das Leben ist und in wie vielen Farben es glänzt, schimmert und schillert. Es gibt mehr, als das Auge sieht und das Krafttier Schmetterling hilft Ihnen dabei, das sehen zu können, was Ihren Augen bisher verborgen blieb. Haben Sie erst einmal den Reinigungs- und Erneuerungsprozess des Schmetterlings durchlaufen, fühlen Sie sich wie neu geboren, haben ein anderes Lebensgefühl und können mit mehr Zuversicht und Hoffnung zu neuen Taten schreiten. Folgen Sie dem Schmetterling, wenn Sie wollen, dass Ihre Seele erwacht, Sie nicht länger auf der Stelle verharren, neue Welten erkunden und neue Wesen kennen lernen wollen!“

Na, das passt doch mal wieder!!! 🙂

Also flattere ich ab jetzt leicht und beschwingt durch diesen Sommer und lasse alles Schwere, Blockierende, Schwarze 🙂 hinter mir …

Leben einzeln und frei …

Leben einzeln und frei …

Beim Ausmisten älterer Tageszeitungen bin ich auf die Debatte um Äußerungen Wolf Biermanns in der New York Times über die immer noch verbreitete Sklaven-Mentalität der Ossis gestoßen. Zwei Zitate von Wolf Biermann wurden in diesem Artikel genannt: „Die letzten Jahrzehnte haben uns gelehrt, dass es viel leichter ist, neue Straßen und Häuser und moderne Fabriken zu bauen, als aus geknebelten Untertanen tolerante Demokraten zu machen.“ und „Gelernten Sklaven tut Freiheit halt weh.“ Des weiteren wird berichtet, dass Biermann den Ossis „eine heimliche Sehnsucht nach den Bequemlichkeiten der Diktatur“ nachsagt. Ein negatives Pauschal-Urteil? Das könnte man so sehen. Aber ich habe dazu meine eigene Meinung.

Komisch. Gerade vorgestern hatte ich mit einem aus Baden Württemberg zugezogenen Leser genau dieses Thema am Wickel. Er berichtete über seine Erfahrungen als neu im Osten ansässiger Unternehmer und kam immer wieder zu dem selben Punkt: „Bei uns würde so etwas anders laufen!“ Es ging da um Gehorsam von Amtsträgern und Verwaltungen gegenüber Großgrundbesitzern, die gleichzeitig Groß-Sponsoren sind. Es ging um Verwicklungen von Wirtschaft und Politik und um Machenschaften auf Kosten der Steuerzahler. Und immer wieder der Kommentar: „Bei uns würde es so etwas nicht geben!!!“

Dieses Gespräch mit dem Leser ergab sich nach einer Zeit, in der mir massive Loyalitäts-Verletzungen vorgeworfen wurden, und das aufgrund von Bestimmungen, die für den Öffentlichen Dienst schon längst abgeschafft wurden. In meinem Kampf gegen schwarze Bibliotheksregale habe ich sowohl den Chef von einer ganz diktatorischen Seite kennengelernt als auch eine Bauamts-Leiterin erlebt, die, ganz pflichtbewusste Untertanin, noch kräftig nachgetreten hat. Des weiteren erlebte ich einen Innenarchitekten, der sein fachliches Unvermögen durch gehöriges Verteilen von Schleim an die „Macht“ kaschieren wollte. Nachdem ich da in der letzten Woche erneut etwas aufgedeckt hatte, wurde ich wieder per Mail getreten, getreten und getreten.

Es ist schon unglaublich, was da noch im kollektiven Unbewussten der Ossis wabert und jetzt an die Oberfläche kommt, um geheilt zu werden. Zum Glück erfreue ich mich einer großen psychischen Stabilität, so dass ich nach den Konfrontationen immer schnell den nötigen inneren Abstand finde und das größere Bild erkennen kann. Ich erkenne ganz deutlich bei zwei Beteiligten ein verletztes Kind, welches ganz wütend um sich beißt. Ich erkenne bei einer Beteiligten die Angst um ihren neuen Job, weshalb sie zum perfekten angepassten ausführenden Organ mutiert. Ich erkenne bei anderen zwar Mut, aber auch die Angst, den mutig angedachten Weg weiter zu gehen. Und ich bin in der Lage, dies alles wie einen Film zu sehen, an dem ich nicht beteiligt bin.

Und, ja, auch ich erkenne meine Grenzen. Ich habe aus Angst in diesem Kampf nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Ich bin nicht an die Presse gegangen. Ich habe keinen Leser angestiftet, eine Unterschriftenaktion zu starten. Das wären noch Möglichkeiten gewesen, schwarze Bibliotheksregale im Erwachsenenbereich und eine schwarze, hohe Regalwand im Kinder-Bereich zu verhindern. Ich bin schon sehr weit, bis zur erfolgten Abmahnung, gegangen, aber vor diesen weiteren Schritten hatte auch ich Angst. Dazu muss ich sagen, dass ich vor genau 15 Jahren schon einmal gekämpft habe, auch mit Unterschriftenaktion und Presse, und dass dies nicht das erhoffte Ergebnis gebracht hat. In gewisser Weise sind also auch bei mir noch nicht alle „Sklaven-Reste“ getilgt.

In jeder schwierigen Lebensphase fallen mir Trostlieder zu. So auch diesmal. Als ich am letzten Wochenende auf youtube etwas ganz anderes suchte, stolperte ich über ein Lied, was ich in den 80er Jahren mal zur Gitarre gesungen hatte: „Leben einzeln und frei“ von Hannes Wader.

 

Sag, bist du bereit,

dich mit aller Kraft zu wehren,

viele Kämpfe zu besteh’n?

Du hast Mut genug,

willst du unsern langen schweren Weg

gemeinsam mit uns geh’n?

Oder willst du deine Kraft verschwenden,

im Alleingang gegen eine ganze Welt,

um zum Schluss in traurigen Legenden

dazusteh’n als gescheiterter Held?

 

Leben einzeln und frei,

wie ein Baum und dabei,

brüderlich wie ein Wald,

diese Sehnsucht ist alt.

Sie gibt uns Halt, in unserem Kampf,

gegen die Dummheit, den Hass, die Gewalt.

Ihr Gefährten im Zorn, ihr Gefährten im Streit,

mit uns kämpft die Vernunft und die Zeit.

 

Sag, bist du bereit,

dich mit aller Kraft zu wehren,

viele Kämpfe zu besteh’n?

Du hast Mut genug,

willst du unsern langen schweren Weg

gemeinsam mit uns geh’n?

Willst du mit uns geh’n, dem Sieg entgegen?

Komm, wir haben keine Zeit, uns auszuruh’n!

Nichts wird sich von selbst nach vorn bewegen,

darum zählt auch nur das, was wir tun!

 

Leben einzeln und frei …

 

Dieses sowohl vom jungen als auch nach Jahrzehnten vom älteren Hannes Wader so wunderbar gesungene fröhliche, klare Lied hat sich bei mit zu einem Ohrwurm entwickelt, der innere Sicherheit gibt und gute Laune macht. Wenn ihr mal schwanken solltet, und überlegt, ob es Sinn macht, sich für eine Sache zu engageren, dann hört euch dieses Lied an!

Schwesterntag

Zum 50. Geburtstag hatte ich mir von der Familie meiner Schwester ein schönes kulturelles Erlebnis gewünscht. Dieses Geschenk konnte ich nun genießen, in einer Zeit, in der es mehr als nötig ist, meine Batterien immer mal wieder aufzutanken.

Sie hatten sich wirklich liebevoll Gedanken gemacht und alles mit Umsicht bedacht: meine Schwester und mein Schwager schenkten mir ein Konzerterlebnis, mein großer Neffe schenkte mir die Übernachtung im Hotel und der kleine Neffe plus Lebensgefährtin schenkten das kulinarische Drumherum und eine Schifffahrt. Alles zusammen mit meiner Schwester. ❤ Da wir zwar nur 100 km voneinander entfernt wohnen, aber beide auf mehreren „Baustellen“ sehr engagiert sind, sehen wir uns selten. Und wenn, dann ist immer Familie drumherum. Ein alleiniges Treffen gelingt so gut wie nie, und wenn, dann höchstens mal ein gemeinsames Essen zwischen zwei Terminen.

Nun also ein ganzer Schwesterntag!!! Um auch wirklich ganz entspannt zu sein und auch innerlich etwas mehr feiern zu können, hatte ich am Abend vorher mein Manuskript fix und fertig feierlich zum Verleger gemailt. Eigentlich war es ja schon länger fertig, aber ich brauchte noch einen gewissen Loslösungs-Prozess und korrigierte doch noch immer wieder hier und dort daran herum. Aber der rituelle Schlusspunkt war stimmig, mein Bauchgefühl zeigte an, dass es okay ist, wenn das Manuskript jetzt seinen Weg in die Öffentlichkeit finden darf.

Meine Schwester holte mich vorgestern früh ab und wir fuhren zunächst zum Schiffsanleger, neben dem sich, wie ich im Internet erkundet hatte, ein Restaurant mit leckerer italienischer Küche befand. Der Park am See war fast menschenleer, das Restaurant ebenso und am Schiffsanleger wartete außer und kein Mensch. Nur ab und zu sah man Spaziergänger vorbei schlendern oder Kinder vorbeilaufen. Als wir, satt von einer leckeren Möhren-Ingwer-Suppe und einem ebenso leckeren Tomaten-Zucchini-Käse-Auflauf, zum Schiff kamen, war der Anleger immer noch menschenleer. Nur ein Vater stand mit seiner etwa achtjährigen Tochter am Schiff. Sie wollten sich zum nächsten Ort übersetzen lassen und von dort nach einem Eisessen zurückradeln. Der Kapitän schaute bedenklich, wartete lange und verkündete schließlich ernst: „Tut mir Leid, aber mit so wenigen Passagieren fahre ich nicht!“ Vor dem Schiff jammerten der Papa und das Kind. Auf dem Schiff jammerte meine Schwester: „Ooch, die Schifffahrt ist ein Geburtstagsgeschenk, die können Sie doch nicht ausfallen lassen!!!“ Das Wunder geschah. Der Käpt’n ließ sich erweichen und legte ab.  🙂  🙂  🙂 „Aber nur bis zum nächsten Ort, um Papa und Tochter abzusetzen, und wieder zurück!“ Wir waren überglücklich und ließen uns an Bord eine steife Brise um die Ohren wehen. Wir plauderten ein wenig mit Papa und Tochter und ich fotografierte viel und schaute immer mal, ob nicht doch das versunkene sagenhafte Rethra aus dem See auftaucht. Der See schimmerte manchmal etwas türkis und manchmal mystisch dunkel, aber die sagenhafte Stadt blieb versunken.  🙂 Weit hinten sah man das Hügelgrab mit dem schönen Rundblick und davor ein Dorf. Vor dem anderen Ufer konnte man die Umrisse der Insel erahnen, auf der sich das Heiligtum mit der Statue des Slawengottes befunden haben soll. Auf einem Hügel über dem See schimmerte weiß das Belvedere. Nachdem Papa und Tochter am nächsten Ort verabschiedet worden waren, saßen wir zu zweit allein auf dem Fahrgastschiff und genossen dies sehr. Eine Ruhe, eine Stille, nur das Plätschern der Wellen, das Brummen des Schiffsmotors und wir. 🙂 Eine gute halbe Stunde lang hatten wir das Schiff nur für uns allein. Himmlisch!!!  🙂 Schließlich sagte der Käpt’n ins Mikro: „und nun verabschiede ich mich von den Damen und wünsche noch einen schönen Geburtstag!“  🙂 Auf dem Anleger wartete eine riesengroße Seniorengruppe und drängte auf unser Schiff. „Halt! Bilden Sie bitte eine Schneise für die Aussteiger!“, rief der Käpt’n ins Mikro. Gehorsam wichen die älteren Herrschaften zurück. Als meine Schwester und ich auf dem so entstandenen Gang durch die Menschenmenge schwebten, schauten alle sehr irritiert: „Was? Nur diese beiden? Mehr nicht?“  🙂 Wir bedankten uns noch sehr bei Käpt’n und Crew und schwebten von dannen. Es war Zeit, in das Hotel einzuchecken. Es lag 300 m vom großen See entfernt und war durch eine kurze Autofahrt zu erreichen. Ein schönes, helles, großzügiges Zimmer mit einer kleinem, gemütlichen Terrasse wartete auf uns. Wir gingen noch einmal zum See hinunter und bestaunten das große Strandbad. Hier war wirklich alles bedacht worden: ein mit Bäumen bestandener Rasen-Liegeplatz, ein Sandufer, wo die Kinder buddeln konnten, ein Spielplatz für die Kinder, eine Eisbude, Bänke, Toiletten, unendlich viele Fahrradständer und eine riesenlange Brücke mit Badetreppen und Badeleitern. Herrlich!!! Wir wanderten noch bis zum nächsten italienischen Eiscafé und schlemmerten mal wieder.  🙂 Als wir dort ankamen, war am Nebentisch noch eine große Gruppe lautstark miteinander beschäftigt. Aber keine zehn Minuten später waren alle gegangen und wir konnten eine herrliche Ruhe genießen! Es war, als ob an diesem Tag alle sich verabredet hatten, es uns so richtig schön und gemütlich einzurichten!  🙂

Nachdem wir uns im Hotel etwas frisch gemacht hatten, ging es ins Konzert. Wir hatten verschiedene Varianten erwogen, in die Konzertkirche zu gelangen, entschieden uns dann aber doch dafür, zu Fuß zu gehen, für den Fall, das wir noch irgendwo einen Absacker trinken wollten. Im Hotel hatte man uns den Schleichweg beschrieben. An einer Kleingartenanlage entlang, an einem Bach entlang, über eine Brücke, durch eine Wiese mit Schilf, blühenden Wildblumen und laut zirpenden Grillen, ein kurzes Stück durch den Wald. Dann kamen wir an eine Stelle, von der aus ich den Weg kannte. Wir freuten uns vor allem über das Grillenkonzert.

Obwohl wir ortsfremd waren, ging vor der Konzertkirche das große Begrüßen los. Meine Schwester traf zufällig eine ehemalige Kollegin. Ich traf zufällig ein Leser-Ehepaar meiner Bibliothek, meine Schwester traf eine ehemalige Schülerin mit Familie, mit der sie sich verabredet hatte und ich traf zufällig kulturinteressierte Bekannte aus meiner Heimatstadt. So klein ist die Welt!!! 🙂

Die Konzertkirche liebe ich sehr. Ein moderner Konzertsaal in einer ehemaligen Kirche, hell, weiträumig und mit einer tollen Akustik. Das Konzert: himmlische, zart hingehauchte Geigentöne mit Julia Fischer und der Deutschen Streicherphilharmonie, dirigiert von Michael Sanderling. Ein Traum!!! Ich hatte Julia Fischer bisher nur im Radio spielen gehört und Interviews mit ihr gehört. Nun war ich total fasziniert. Ihr Geigenspiel übertraf gefühlt vieles, was ich bis dahin gehört hatte – und ich habe schon viele große Geigenvirtuosen erlebt! So zart, so klar, so auf den Punkt, so präsent und doch so voller Empathie für das junge Orchester – Wahnsinn!!! Wie gesagt, es ist mein gefühlter momentaner Eindruck. Es kann ja sein, dass die anderen Konzerte, die ich bisher erlebte, mindestens genauso schön waren, ich aber an diesem Tag einfach innerlich viel offener war für diese Musik als sonst. Es berührte mich jedenfalls sehr.

Wir waren so voller Eindrücke und so erfüllt von der Musik, dass wir und entschieden, doch sofort in das Hotel zurückzugehen und noch eine Weile auf der Terasse zu sitzen. So gingen wir ganz vorsichtig in der Dämmerung durch den Wald, durch die von Grippen bezirpte Blumenwiese, über die Brücke, am Bach entlang, an den Kleingärten vorbei, immer den Grillen lauschend, auf dem nur vom Mond beschienenen Weg. In der Selbstbedienungs-Bar des Hotels fanden wir noch eine Packung Erdnüsse und zwei Flaschen Wasser, damit machten wir es uns auf der Terasse gemütlich und lauschten weiter dem Grillenkonzert. Es war traumhaft schön!

Bevor wir am nächsten Morgen abreisten, wollten wir nach einem reichlichen Frühstück noch zum Belvedere wandern, welches wir schon vom Schiff aus gesehen hatten. Irgendwo auf einem Hügel über dem See musste es liegen, aber meine Landkarten waren zu ungenau, um den Weg zu zeigen. Wir fragten einen Hotel-Mitarbeiter. „Ich bin nicht von hier. Aber es muss ein längerer Weg und eine große Steigung sein, ziemlich anstrengend. Ich kenne jemanden, der immer dorthin joggt.“ Die zweite Hoteldame konnte immerhin die erste Wegstrecke genauer beschreiben, war aber auch noch nie dort oben gewesen und meinte, dass es schon ein Stück zu gehen sei. Meine Schwester war verunsichert, denn sie wollte zum Mittagessen bei meinen Eltern sein und mich vorher an meinem Arbeitsort absetzen. Also fuhren wir das erste Stück Weg, also den Abschnitt, der uns genauer beschrieben werden konnte, mit dem Auto. Danach gingen wir einen leicht ansteigenden Waldweg entlang. Und fünf Minuten später fanden wir uns laut lachend auf einer Lichtung vor dem Belvedere wieder.  🙂  🙂  🙂  Es war nur ein kleiner, offener, tempelartiger Bau mit weißen Säulen. Vom Schiff aus hatte er größer gewirkt. Wir machten einige Fotos und beschlossen, die Stufen zum See hinabzusteigen, noch einmal auf die schöne, lange Strandbrücke zu gehen und von dort aus den Rundweg zum Parkplatz zu vollenden. Die Morgenstimmung am leeren Strand war schön. Wir beobachteten die Blesshühner und Haubentaucher und konnten schauen, wie unser „Privatschiff“ von gestern seine Morgentour startet, diesmal mit mehr Passagieren an Bord. Unser kleiner Rundweg zum „weit entfernten“ Belvedere hatte nicht mal eine halbe Stunde gedauert.  🙂

An meinem Arbeitsort angekommen, hielten wir noch einen netten Plausch mit meiner freundlichen Gärtnerin, wo meine Schwester noch ein Mitbringsel für unsere Eltern kaufte. Als wir in die Bibliothek traten, unterhielt sich gerade Doreen, meine ehrenamtliche Kollegin, mit Jafa, einem syrischen Mädchen. Jafa erzählte ganz lebendig und wunderbar über das zweite Sommerleseclub-Buch, was sie gelesen hatte. Welch ein schöner Empfang!!! 🙂

Wir haben beschlossen, von nun an in jedem Jahr mindestens einen Schwesterntag zu organisieren. Zeit für uns, Zeit für die Seele und Zeit zum gemeinsamen Genießen.

Wie ich meinen Ärger bewältige

Nach der Lektüre des letzten Blogbeitrags weiß man, dass es bei mir momentan beruflich nicht gerade rund läuft. Wer jetzt glaubt, ich lasse mich vom Ärger auffressen, der irrt sich gewaltig. Ich kann auch in dieser heftigen Zeit mit Freude Bibliotheksleser beraten, mit Spannung den Sommerleseclub vorbereiten, mit einem schönen Film oder bei der Lektüre eines guten Buches oder mit Musik in der Badewanne völlig relaxen. Und da ich mich gerade bei den letzten Arbeiten am neuen Sagenbuch befinde, kann ich stundenlang die Welt um mich herum vergessen und sehe vor meinem inneren Auge nur Zwerge, Drachen und Geister.

Ich habe es doch in der Hand, worauf ich meinen Fokus setze: Denke ich Tag und Nacht an schwarze Bibliotheksregale, dann werden die immer größer, immer gewaltiger und erschlagen mich schließlich mental. Also setze ich meinen Fokus auf das, was mich im Hier und Jetzt umgibt: Sonne, tolle Wolkenformationen am Himmel, blühende Blumen und superschöne, stimmige Fotos, die mir Peter, mein Computer-Freak, für das Sagenbuch zur Verfügung gestellt hat. Das sind jedenfalls die Dinge, die mir für den heutigen Samstag einfallen.

Ansonsten war es gerade in den letzten Tagen so, als hätte die ganze Welt sich verabredet, mir schöne Erlebnisse zu verschaffen. Eine Mail, die mich laut auflachen ließ, ein Telefonat mit meinem Neffen, welches mich erkennen ließ, was für ein toller junger Mann er geworden ist und wie wir uns doch ähnlich sind. Fast zeitgleich meldete sich sein Bruder und mailte mir Berichte über sein lange geprobtes Konzert – und auch hier darf ich wieder einmal stolze Tante sein. 🙂 Beide ahnen übrigens nichts von meinem Ärger. Es hatte sich gerade zufällig so ergeben, dass wir gerade jetzt nach Wochen mal wieder Kontakt hatten. In der Bibliothek erhielt ich ein besonders dickes Lob einer Leserin für meine Beratung und Literaturauswahl. Das sei wesentlich besser als in Berliner Bibliotheken und in der Bibliothek einer größeren Nachbarstadt.  🙂 Auch die Leserin wusste nichts von meinem Ärger. Vielleicht ist es wirklich so, dass wir alle unbewusst miteinander verbunden sind und dass manche Menschen einfach unbewusst so sensitiv sind, dass sie intuitiv spüren, dass man gerade jetzt Streicheleinheiten für die Seele braucht.

Die Lesekinder der Bibliothek waren alle extrem gut drauf und bekundeten ihre Freude darüber, dass der Sommerleseclub losgeht. Gerade die Kinder zu beraten macht total viel Spaß. Neue Leser meldeten sich an. Ein Mädchen, welches früher mal eifrige Sommerleseclub-Leserin war, zwischenzeitlich aber andere Interessen hatte und sich deshalb jahrelang nicht mehr blicken ließ, kam nun wieder, meldete sich erneut als Leserin an und liest sich nun durch die gesamte Fantasy-Literatur. Sie brachte dann gleich mal ihre kleine Schwester mit, die gerade das Sommerleseclub-Alter erreicht hat …  🙂

Und dazu noch die normalen, schönen alltäglichen Kleinigkeiten. Mein Honiglieferant hat seinen Rapshonig fertig. Mein schönes Sommerkleid ist endlich geliefert worden. Mein Fahrrad läuft wieder und der Reifen verliert keine Luft mehr. Die große Palme meiner Eltern hat nach meiner dreiwöchigen Gartenpflege so schön geblüht wie noch nie. Mein Bibliotheks-Pannentelefon funktioniert jetzt gerade etwas besser als sonst. Einer kranken Freundin geht es wieder besser. 🙂 Es sind so viele schöne Kleinigkeiten im Moment, man muss nur in der Lage sein, sie zu sehen und sich am schönen Augenblick zu erfreuen. Sowieso ist es für mich in solchen Fällen oberstes Prinzip, dass ich diesen Ärger bei mir behalte und nicht an Andere, die nichts dafür können, weitergebe. Dass so etwas extrem nach hinten losgehen kann, wurde mir gerade brühwarm und frisch erzählt. Eine Stadtvertreterin meines Arbeitsortes wollte Einsicht in städtische Akten nehmen, um sich vor einer Stadtvertretersitzung ein Urteil über entstandene Mehrkosten bilden zu können. Die Bauamtszicke, gerade extrem im Stress, knallte ihr nach einiger Diskussion einen großen Stapel Ordner vor die Nase und blubberte: „Da! Schauen Sie selbst nach!“ Der Bitte der Stadtvertreterin nach Erklärungen wurde nicht nachgekommen. Das dicke Ende kam: Die Stadtvertreterin ist Fraktionsvorsitzende. Sie sorgte gemeinsam mit einer weiteren Fraktion dafür, dass der Nachtragshaushalt inklusive dieser entstandenen Mehrkosten von den Stadtvertretern am selben Tag abgelehnt wurde. Ein abgelehnter Nachtragshaushalt ist natürlich der Super-Gau für die Verwaltung und letztendlich auch für mich. Aber ich muss zugeben, dass ich mich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren konnte. Wer in einen Wald hineinzickt, muss auch damit rechnen, dass es aus dem Wald auch gewaltig und folgenschwer wieder herauszicken kann. 🙂 Und dann ist da noch einer, der jetzt das Gefühl kennen dürfte, wie es ist, etwas vernünftiges zu wollen und dabei von höheren Autoritäten sinnlos ausgebremst zu werden. Und dass das gerade jetzt passiert und er mit diesem blöden Gefühl auch noch in den Urlaub gehen muss, ist schon sehr kurios. Ich sag’s ja, es gibt das kollektive Unbewusste, das morphogenetische Feld und alles ist mit allem verbunden.

Aber auch auf bewusster Ebene habe ich in diesen Tagen viele Herzens-Verbindungen gespürt, Menschen, die mir beistehen, obwohl sie mich noch nicht mal persönlich kennen, dazu sehr, sehr nette, feinfühlige neue Kollegen und ehemalige Kollegen. Ein zufällig hereingeschneiter Besuch meines ehemaligen Bibliotheks-Einrichtungsberaters, der mir Hintergründe erklärte und versuchte, mich zu trösten und dann noch meinen halben Bücherflohmarkt-Wagen leerkaufte. Und das schöne Dauer-Sommerwetter noch dazu. 🙂

Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich neben mir stehe und mich beobachte. Man lernt viel über sich selbst in solchen Situationen. Zum Beispiel, dass es mir gut tut, durch Bewegung Stress abzubauen. Am besten gleich einige makulierte Bücher oder Archivmüll nehmen und zerfetzen oder die Sommerleseclub-Regale oder Archivregale umräumen, danach 20 km radfahren und dann noch Großputz in der Wohnung. Und dann ist alles wieder gut. Auch Gespräche mit Menschen über alle möglichen anderen Themen helfen total. Die Tourismussaison läuft an,erste Touristen kommen und wollen beraten werden. Lesern zuhören, wenn die ihre Probleme loswerden wollen, hilft auch sehr und relativiert vieles. Und immer wieder: Leser beraten, Lesern schöne Bücher oder Hörbücher ans Herz legen. Dafür bin ich da, das ist mein Job, den ich nach wie vor sehr liebe. Egal, wie schwarz die Regale auch in Zukunft sein mögen. Die sind doch eh nur Verpackung. Auf den Inhalt kommt es an!!!

Ach, so schwarz …

 

Seit ich in meiner Bibliothek angefangen hatte, zu arbeiten, war mir versprochen worden, dass eine neue Bibliothek kommt und dass ich meinen Arbeitsplatz selbst gestalten darf. Seit einigen Jahren ist nun tatsächlich eine neue Bibliothek in Planung – allerdings größtenteils ohne mich. Da gibt es ein Architekturbüro, dass die Bauleitung inne hat und eng mit dem Bürgermeister zusammenarbeitet, der den Bau zur Chefsache erklärt hat. Außerdem mischt da noch die wissenschaftliche Leiterin eines Museums kräftig mit, welches in die obere Etage des Altbaus, der die Bibliothek beherbergen soll. Und dieses Team plant im Wesentlichen das ganze architektonische Drumherum: Altbau, neuer Anbau, Verbinder, Außenanlagen. Ich hatte mich im Vorfeld angeboten, da mitzumischen, was ignoriert wurde. Nun hörte ich also nur sporadisch bröckchenweise vom großen Bibliotheksprojekt. Irgendwann resignierte ich und gab es auf, mich da reinhängen zu wollen.

Das Museum über der Bibliothek hat entfernt mit der griechischen Antike zu tun. Das, was ich so bröckchenweise mitbekam, war: griechische Buchstaben an den Fenstern (nein, nicht des Museums, sondern der Bibliothek !!!), ein sauteures Schild des Achilles als Gartentisch hinter dem Haus, dort, wo es nicht auffällt und eine Ausstellungskonzeption für das Museum, die so kryptisch war, dass der altgriechisch gebildete damalige Bildungsminister unseres Bundeslandes entnervt den Saal verließ, als die Konzeption endlos lange vorgestellt wurde.

Der gute alte Zeus schien ebenso erbost wie ich zu sein, denn zur Grundsteinlegung schickte er ein gewaltiges Gewitter mit Wolkenbruch vorbei, so dass wir leider aus der griechischen Götterwelt in die Arme des allmächtigen Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, sprich in die benachbarte Kirche, fliehen mussten.

Ein Jahr später, beim Richtfest, hatten wir Wetter-Glück. Die wissenschaftliche Museumsleiterin schwebte euphorisch durch den Rohbau. Im zukünftigen Glasverbinder säuselte sie beglückt: „Schauen Sie, wir stehen im Olymp!!!“ Und im Keller, am Eingang zum fensterlosen Stadtarchiv, erklärte sie mir: „Und das ist der Hades!“ Ehrlich gesagt, bin ich froh über diesen Hades. Es sollte zunächst überhaupt kein Archivraum eingeplant werden, was bedeutet hätte, dass ich zur Archivarbeit woandershin hätte gehen müssen. So kann ich wie Demeter zwischen der Oberfläche von Gaia und dem Hades pendeln, hoffentlich mit fruchtbaren und kreativen Gedanken im Kopf.

Aber es kam noch richtig dick. Zwei Tage vor meinem Geburtstagsurlaub stand spontan der Architekt bei mir auf der Matte: „Wir müssen jetzt! sofort! über die Bibliothekseinrichtung sprechen, die Ausschreibung muss nächste Woche raus!“ – „Ich bin aber nächste Woche im Urlaub!“ – „Dann müssen wir alles jetzt sofort klären. Wir einigten uns darauf, dass die neuen Kinderbuchregale in der jetzigen Bibliothek die Fachbuch-Regale werden. Wir vereinbarten auch, dass die Kinder ihr Apfelgrün behalten sollen. Ich gab dem Architekten dann noch mit auf den Weg, dass die Farbe der Romanregale sich von der Farbe der Kinderbuch-Regale abheben sollte. Und ich sagte noch, ich wäre auch im Urlaub jederzeit ansprechbar und hinterließ meine Kontaktdaten. Im Urlaub mailte er mir dann die bereits veröffentlichte Ausschreibung zu. Und was sah ich da, versteckt unter zahlreichen Positionen? Schwarze Fachböden mit weißen Rahmen als Roman-Regale!!! Ich fiel bakd vom Schemel. Nein, das mag ich überhaupt nicht!!! Und außerdem, wer soll das denn bitte putzen!!! Aber keine Chance. Ich beschloss, erstmal Geburtstag zu feiern und alles andere dann später zu klären. Nach dem Urlaub nahm ich noch einmal Anlauf und bat den Architekten um einen Kompromissvorschlag. Während er schon Kompromissbereitschaft signalisierte, wurde mir eine Mail zugespielt, Absender anonym, in der zu lesen war: „Sie kriegt sie nicht! Die Fachböden bleiben schwarz!“ Aha. Daher weht der Wind! Befehl von oberster Stelle sozusagen. Dagegen komme ich nicht an. Oder doch? Ich überlegte, stellte mir vor, wie ich in zehn Jahren Romane einstellen und mich dabei ärgern würde, damals nichts unternommen zu haben.

Also ging ich aufs Ganze. Ich gestaltete ein Blatt mit einer neutral gehaltenen Leserumfrage: „Die Planung sieht folgendes vor … Finden Sie das schön? Ja Nein, wenn nein, haben Sie alternative Ideen? Für die Wandfarbe? Für die Regalfarbe? Für die Fachböden? Ich informierte den Liebhaber der Farbe Schwarz über meine Umfrage per Mail und hängte das Formblatt an. Und legte los damit, die Leser ganz neutral zu informieren und zu befragen. Nur zwei Lesern war es egal, wie die Regale aussehen. „Hauptsache, die Bücher sind aktuell!“ Alle anderen Leser wünschten spontan helle Regale. Viele nahmen sich das Umfrage-Blatt mit nach Hause, um es in Ruhe auszufüllen. Es kamen einige kreative Vorschläge: sonnengelbe oder sandfarbene Wände, dazu weiße Regale. Oder weiße Regale mit lichtgrauen Böden. Einige Leser fanden die weiß-grünen Kinderbuch-Regale so schön, dass sie sie auch im Erwachsenenbereich haben wollten. Das haben sie ja schon – im Sachliteratur-Raum.

Es dauerte nur einen Tag, bis eine wütende Mail des Schwarz-Liebhabers kam, mit der Androhung personalrechtlicher Konsequenzen und der Weisung, die Umfrage sofort zu stoppen. Es kam noch schlimmer. Als ich gerade zu meinem monatlichen Date mit dem Hauptamtsleiter wollte, fing mich der Schwarz-Liebhaber ab, lotste mich in sein Büro und kanzelte mich nach allen Regeln der Kunst ab. Nachdem er schon mal mündlich eine Abmahnung ausgesprochen hatte, verwies er auf die vertraglich geregelte künstlerische Freiheit des Architekten, die man nicht verletzen dürfe. „Und außerdem, schauen Sie mal, ich sehe gerade rein zufälligerweise, ich habe ja auch schwarze Regale im Büro!!! Und schauen Sie mal, sehen Sie da ein Stäubchen? Ich habe da bestimmt seit Wochen nicht geputzt!“ Das war schon wieder so skurril, dass ich mich trotz meiner misslichen Lage einer gewissen Heiterkeit nicht erwehren konnte. Nachdem er mir noch einmal die Abmahnung mündlich erteilte, die mir dann schriftlich zugehen würde, wünschte er mir ein schönes Wochenende und gab mir zum Abschied die Hand.

Man kann sich vielleicht vorstellen, wie schön mein Wochenende aussah. Da schafften es weder ein Vereinsausflug noch ein Kinobesuch, mich abzulenken. Noch am Sonntag schrieb ich eine Mail an die wissenschaftliche Museumsleiterin. Ich bat sie ausdrücklich, diese Mail vertraulich zu behandeln. Aber ich wusste genau, dass sie das nicht tun würde. Ich schilderte kurz meine Situation mit den wahren Hintergründen, wie ich sie sehe, und bat um ihre Meinung im Zusammenhang mit der Farbgestaltung des Museums, da das Haus ja aus einem Guss sein sollte. Natürlich blieb diese Mail nicht vertraulich.

Drei Tage später wurde ich zu einem Termin eingeladen. Einziges Thema der Beratung: die Regalfachböden. Als ich die Mail sah, heulte ich vor Glück, denn ich dachte, es würde endlich einen Kompromiss geben.

Im Beratungsraum der Stadtverwaltung empfingen mich zwei ernste Architekten, eine zickige Bauamtsleiterin und der Liebhaber schwarzer Regale. Also der oberste Bauherr. Ich wurde vorgeführt wie vor einem Tribunal. Mir wurde ernsthaft Geschmacksverirrung bescheinigt, der „Schwarze“ erzählte noch einmal amüsiert und lachend die Story, wie er mir seine „zufälligerweise auch schwarzen“ Büroregale gezeigt hatte, der Architekt meinte, ich hätte ja keine Ahnung von Kunst, ich würde ihm noch vor Dankbarkeit die Füße küssen, wenn ich die Regale sehen würde. Die Bauamtsleiterin flötete zu den Herren, dass sie die Regale auch „schöhön“ fände und zickte mich wegen der Leserumfrage an. Schließlich wurde mir eine Palette mit verschiedenen Schwarztönen vor die Nase gehalten und eine Alternative angeboten. Also auch ein Schwarzton, nur leicht silbrig glänzend, also anthrazit. Vorausgesetzt natürlich, das Anthrazit harmoniert mit den schwarz-weißen Fußbodenfliesen – im Nebenzimmer. :-)Mehr war nicht drin.

Inzwischen habe ich meinen Humor trotz der tatsächlich erfolgten Abmahnung  wiedergefunden. Als sich herausgestellt hatte, dass im zukünftigen Stadtarchiv nur die Rollregale eingeplant waren, keine Ablage- oder Arbeitsfläche nebenbei, bat ich den Architekten um entsprechende Möblierung: „Ich könnte Ihnen einen Tisch bauen lassen, aber sprechen Sie das bitte mit dem Bauamt ab.“ Die Antwort der Bauamts-Zicke kam prompt: „Das kann nicht finanziert werden und muss umständlich abgesegnet werden von den Stadtvertretern. Haben Sie nicht noch einen alten Tisch, den Sie mitnehmen können? Meine Antwortmail lautete: „Ja, ich hätte noch einen alten Tisch. Ist es Ihnen recht, wenn ich den mitnehme oder passt der nicht in die künstlerische Gesamtkonzeption des Hauses?“ Bisher erhielt ich keine Antwort.

Ach, bitte, lieber Zeus, kannst du nicht ein kleines Wunder zaubern und die geplanten Regalböden hell färben? So wie die weißen Regale, die mir auf den Homepages der Anbieter als erstes entgegenleuchten? Ansonsten sehe ich mich nämlich gezwungen, nach einer gewissen Zeit, spätestens nach der nächsten Wahl, zur Selbstklebefolie zu greifen. 🙂

Allgemeiner Lagebericht

Mein Lieblingsmonat Mai hat in diesem Jahr den Turbogang aufgedreht, jedenfalls hier im Nordosten. Sonne satt und immer eine angenehme Wärme bei teils böigem Ostwind. Was mir eigentlich ganz gut gefällt, ist weniger gut für den Garten meiner Eltern. Während meine Eltern gerade bei 5 – 8°C um Island herumschippern, habe ich täglich ein Date mit den Gartenschläuchen meines Vaters. 🙂 Aber selbst das ausgeklügelste Gießsystem hilft nicht, wenn alle Regentonnen leer und alle unterirdischen Speicher aufgebraucht sind und noch dazu der Brunnen trockenliegt. Nun muss ich wirklich abwägen, was mit dem teuren Leitungswasser wirklich dringend gegossen werden muss. Aber dennoch genieße ich die Gießabende bei Vogelgezwitscher sehr. 🙂

Zwischendurch lese ich immer mal wieder einige Seiten aus Martin Suters „Elefant“ und freue mich an der Wortschöpfung „Elefäntchen“. 🙂 Sehr weit bin ich noch nicht gekommen, die Story beginnt gerade erst, spannend zu werden. Im Moment kommt es mir vor wie eine Parodie auf „Bob“ und „dem Hundertjährigen“ zugleich, aber das kann sich ja noch ändern. Da schon einige Leser der Bibliothek, deren Lesegeschmack sonst auch auf meiner Wellenlänge liegt, begeistert von diesem Buch waren, denke ich, dass es mir auch gefallen wird.

Meine Eltern erzählten übrigens eben am Telefon, sie hätten in Reykjavik den Cousin von Halldór Laxness getroffen. Hm. Das muss entweder rein rechnerisch ein sehr viel jüngerer Cousin sein, oder es ist einfach so, dass sie in Island alle irgendwie miteinander verwandt sind. Oder dieser Mensch konnte sich nicht anders verständlich machen, als den Verwandtschaftsgrad „cousin“ anzugeben, weil das in englisch am einfachsten verstanden wird. 🙂 Na, mal sehen, was meine Eltern erzählen, wenn sie wieder daheim sind.

Da ich dringend meinen Marmeladenvorrat auffüllen musste, wartete ich sehnsüchtig auf die Holunderblüte. Vorgestern hatte ich eine Schrecksekunde, als eine Kundin, die in der Touristinfo Honig kaufte, jammerte: „Holundergelee wird es leider dieses Jahr nicht geben, ich habe die Blüte verpasst!“ Oh nein. Aber wann soll denn der Holunder geblüht haben? Etwa in meinem Urlaub? Beim Pendeln zum Arbeitsort sehe ich die riesengroßen gelblichweißen Blütendolden immer schon vom Bus aus. Außerdem habe ich immer eine gute innere Uhr für solche Sachen. Aber meine Christina, die das Gespräch verfolgt hatte, bestätigte es: „Ja, die Blüte war ganz kurz und jetzt, wenn ich mit meinem Dackel durch den Wald gehe, sehe ich schon die Beeren.“ Na, das lässt sich ja schnell prüfen. Ich schnappte mir den Hausbriefkastenschlüssel und verkündete, die Post holen zu wollen. Um die Ecke, einige Meter hinter dem Hausbriefkasten, steht ein riesiger Holunderbusch voll in der Sonne. Wenn er blüht, dann sind die Holunderbüsche in den schattigen Wäldern noch nicht so weit. Und siehe da: die erste gelbweißlich blühende Dolde schaute mich an, die anderen Dolden waren ganz kurz vor dem Aufblühen. Als ich wieder in die Bibliothek kam, sagte ich nichts, denn sonst hätten sich die beiden Frauen womöglich vor mir auf diesen Strauch gestürzt. Aber was immer Christina da im Wald gesehen hat, Holunderbeeren waren es definitiv nicht. 🙂 Und die andere Dame war wahrscheinlich deshalb vergebens unterwegs, weil dort, wo sie geschaut hatte, leider Sträucher abgeholzt worden waren. Gestern, am kurzen Archiv-Arbeitstag, schlug ich zu, hoffend, dass ich, obwohl seit Tagen ausverkauft, irgendwie doch noch schnell an den 3:1 Gelierzucker kommen würde. Blühende Dolden hatte mein Lieblingsstrauch inzwischen reichlich, und es war besser, sie vor dem Wochenende zu ernten, denn es könnte ja das bereits vorausgesagte Gewitter die Blüten verhageln. Nach der Arbeit so schnell wie es nur ging in den Supermarkt – und siehe da, auch hier war das Glück auf meiner Seite und neuer Gelierzucker gerade eingetroffen. Auch der naturtrübe Apfelsaft war vorrätig, so stand meinem Holunderblütengeleeglück nichts mehr im Wege. 🙂

Im Moment sind sowieso Glücksage angesagt. Als ich wie üblich am Dienstag die Tageszeitung schnell überflog, fiel mir dort, wo ich sonst nie hinschaue, eine Anzeige ins Auge. In der Bibliothek steppte an diesem Tag gewaltig der Bär, aber dennoch flogen „Archivmails“ mit dem Betreff „Elphi“ 🙂 zwischen mir und meiner einen Tag jüngeren Freundin hin und her. Ich konnte zwar zwischen all dem Tohuwabohu in der Bibliothek nur immer bröckchenweise formulieren, aber schell war klar, dass wir uns unseren Wunsch zum 50. Geburtstag nun erfüllen konnten. Erst am nächsten Tag, einem kurzen Archivtag, schaffte ich es, zu buchen, aber nun ist die Vorfreude auf ein Konzert in der Elbphilharmonie und zwei Tage Hamburg im Herbst sehr groß. 🙂

Ein halbes Jahrhundert Leben gefeiert …

Seit drei Tagen habe ich die magische 50 glücklich überschritten. Es war superschön, so, wie ich es mir gewünscht hatte. Sogar die Sonne spielte mit und brachte das frische Maigrün zum Leuchten.

Schon seit dem letzten Jahr hatte ich überlegt, welche Art, meinen Geburtstag zu feiern, mich glücklich machen würde. Viele große, rauschende Partys erlebte ich bisher im Familien- und Freundeskreis. Früher fand ich große Partys mit vielen Leuten toll. Heute sehe ich das anders. Lieber kleine, passend zusammengestellte Feierrunden mit sehr gutem Essen und netten Gesprächen, am liebsten irgendwo in der Natur. Jeder meiner Gäste sollte sich wohlfühlen. Und ich wollte so gut wie keine Arbeit damit haben müssen, denn schließlich bin ich ja das Geburtstagskind!!! 🙂

Da mein Geburtstag an einem Sonntag zu feiern war, wollte ich mich mit der Familie am Samstag irgendwo an einem schönen Ort treffen, um in den Geburtstag reinzufeiern. Aber schon bald zeichneten sich Schwierigkeiten ab. Meine Schwester musste am Samstag im Norden wenigstens kurz am Tag der offenen Tür ihrer Musikschule teilnehmen. Mein Neffe musste in Nordrhein-Westfalen am Samstag noch Schüler unterrichten. Die Freundin meines zweiten Neffen fiel wegen eines Wochenend-Lehrgangs gleich ganz aus und brauchte das Auto, so dass mein Neffe aus Bayern, Verzeihung, natürlich Franken, mit dem Zug anreisen ind an einem Bahnhof „eingesammelt“ werden musste. Also am besten irgendwo in der Mitte treffen, damit alle kürzere Anfahrtswege haben. Mir schwebte da so die Region um Potsdam vor, irgendwo an einem schönen See.

Kurz nach Weihnachten fing ich an, im Internet intensiv zu suchen. Alle guten Häuser mit toller Speisekarte waren schon langfristig ausgebucht! Jugendweihen, Erstkommunionen, Hochzeiten, und nicht zu vergessen das Apfelblütenfest in Werder und die Beelitzer Spargelwochen. Es war wie verhext. Ich lag schon heulend auf der Couch, als ich mich erinnerte, dass mein Schwager einen Ort weiter südlich erwähnt hatte, der bis dahin nicht in meinem Suchradius war. Ich schaute also dort und fand eine Mühle mit schöner, kreativer Speisekarte und tollen Hotel- und Restaurantkritiken. Und: Bingo! Endlich ein Hotel, in dem wir willkommen waren, dessen Mitarbeiter vom ersten Augenblick an bemüht waren, mir jeden Wunsch zu erfüllen, und was dazu auch noch idyllisch gelegen war und was alle Familienmitglieder aus allen Himmelsrichtungen gut erreichen konnten! Ich atmete auf und konnte wieder ruhig schlafen.

Am Samstag war es dann soweit. Alle Familienmitglieder reisten aus allen Richtungen an. Es erwartete uns traumhaftes Wetter, ein maigrüner Wald, ein Hotel mit weitläufigen, gepflegten Anlagen und kleinen Teichen im Grünen, ein tolles Essen und ein perfekter Service, bei dem bis ins Detail liebevoll vorausschauend mitgedacht wurde. Ich konnte mich einfach fallen lassen, umsorgen und feiern lassen. War das schön!!! 🙂 Wir ließen uns Beelitzer Spargel schmecken, hatten Zeit füreinander, konnten nicht nur meinen Geburtstag, sondern auch noch berufliche Erfolge meiner beiden Neffen feiern und in herrlicher Natur den Frühling genießen. Um uns herum nur der Wald mit Vogelzwitschern. Kuckuck und Nachtigall zwitscherten Geburtstagsmusik! 🙂 Passend dazu wurde mir, wie es in unserer musikalischen Familie Tradition ist, ein Ständchen mit Waldhorn und Geige gegeben. Am nächsten Tag, am Geburtstag selbst, fuhren wir zu einem Schloss mit einem Landschaftspark im englischen Stil, in dem die Rhododendren blühten. Alle waren so begeistert, dass wir mehr als zwei Stunden benötigten, um bei zauberhaftem den relativ kleinen Landschaftspark mit allen Ecken zu erkunden und zu fotografieren. Mir wurde wieder einmal bewusst, wie ähnlich wir uns alle sind, wie ähnlich unsere Interessen und unsere Naturliebe sind. Mit wem sonst, außer meiner besten Freundin, kann ich zwei herrliche Stunden in einem kleinen Park „vertrödeln“ und einfach nur beobachten, wohin der Storch fliegt, ob er die Kaulquappen am Teichrand schon entdeckt hat oder schauen, wie sich der Wald im Wasser spiegelt? Nach einem gemeinsamen Mittagessen nahte der Abschied und jeder fuhr in seine Himmelsrichtung davon. Geschenkt hatte mir die Familie, meinem Wunsch entsprechend, einen tollen Tag mit einem schönen, kulturellen Erlebnis als Höhepunkt, welchen ich an einem Tag im Sommer, gemeinsam mit meiner Schwester, genießen werde.

Am nächsten Tag feierte ich mit meinen Freunden in meinem Lieblingsrestaurant an meinem Heimatort. Es ergab sich so, dass wir den großen Wintergarten mit Blick auf den sonnigen Hafen am großen See zum Mittagessen und Kaffeetrinken für uns allein hatten. Auch hier wurden wir liebevoll umsorgt, das Essen schmeckte allen sehr und es ergaben sich schöne Gespräche, in denen jeder zu Wort kam. Mir machte es einfach Freude, meine Freunde zu bewirten und mit ihnen entspannt zusammen zu sitzen und plaudernd und zuhörend das Essen zu genießen. Eingeladen hatte ich nur wirkliche Freunde, echte, jahrzehntelange Wegbegleiter, mit denen ich durch Höhen und Tiefen gegangen bin. Es war einfach perfekt!!! Spontan beschlossen einige von uns, am nächsten Tag gemeinsam in einem neu eröffneten Hotel meines Heimatortes zu frühstücken. Auch das war ganz besonders schön. Zwischen diesen ganzen schönen Erlebnissen trudelten die Anrufe ein und quoll der Briefkasten über und Päckchen, die ich nicht selbst annehmen konnte, stapelten sich bei den Nachbarn. Zeitgleich hielten meine einen Tag jüngere Freundin aus Süddeutschland und ich uns per Telefon und Mail über unsere Feier-Erlebnisse auf dem Laufenden. 🙂 Von Tag zu Tag stiegen die Temperaturen, so dass aus dem geplanten Frühlingsurlaub unverhofft ein Sommerurlaub wurde. Für morgen ist noch ein kleines, familiäres Nachfeier-Kaffeetrinken angesetzt. Eine Gelegenheit, doch noch meinen Backofen anzuheizen, denn eine Geburtstagsfeier ohne meine traditionelle Rharbarbertorte geht ja eigentlich auch nicht! 🙂

Etwas Zeit habe ich dann noch, um auszupendeln, um alles zu verdauen, um Dankschreiben zu verfassen und Danktelefonate zu führen. Zwei Feiern mit dem Verein und mit Kollegen werden noch nachgeholt.

So ganz ohne Bibliotheks-Hausaufgaben ging es jedoch nicht mal im Geburtstagsurlaub, denn die Sommerleseclub-Bestelllisten kamen jetzt und müssen schnell bearbeitet werden. Und der Architekt wollte ganz spontan unbedingt jetzt! sofort! die Ausstattung der neuen Bibliothek geklärt haben,obwohl es seit mindestens fünf Jahren im Raum steht, dass die Bibliothek nach dem Umzug neu eingerichtet wird. Das scheint das Gesetz der Serie zu sein: Kein Urlaub, in dem ich nicht mit spontanen, beruflichen Unwägbarkeiten konfrontiert werde, die schon lange davor hätten geklärt werden können. Ich habe jedoch beschlossen, mich über die unter anderem durch den Architekten vorgeschlagenen schwarzen Regalfachböden erst nach dem Urlaub zu ärgern. Noch genieße ich den Sommer und das schöne Gefühl, gefeiert zu werden. 🙂 Und den Fliederduft , die Kastanien-Kerzen, die vielen Blumen, die gelb leuchtenden Rapsfelder und das frische Grün!

„Kommt“ … „Geht“ – (Arbeits)Zeit ist relativ

Seit Jahren wird die Arbeitszeit der Kollegen in der Kernverwaltung durch eine Arbeitszeit-Erfassungs-Software überwacht. Vor drei Jahren kündigte mir der Hauptamtsleiter an, dass dies auch bald in den Außenstellen der Fall sein wird. Er war sehr überrascht über meine erfreute Reaktion. „Ja, machen Sie das nur ruhig! Dann sehen Sie es schwarz auf weiß!“, sagte ich begeistert. Er schaute mich ungläubig an – und die Zeiterfassung für mich kam nicht. 🙂 Wohl aber für die Kollegen im Bürgerhaus und im städtischen Museum. Die stöhnten und jammerten, was das Zeug hielt. Der Hausmeister des Bürgerhauses braucht, nachdem er sich in der Zeiterfassung am Computer ausgeloggt hat, noch etliche Minuten, um die Alarmanlage des Gebäudes von außen scharfzuschalten. Die Museumsmitarbeiter müssen am Ende des Öffnungstages die gesamte Computertechnik im Ausstellungsbereich des Museums runterfahren. Da sie nicht die steile Treppe ins Büro, wo der PC mit der Zeiterfassung steht, wieder hoch- und runtersteigen möchten, loggen sie sich vorher in der Zeiterfassung aus. Da fehlen dann mitunter zehn wertvolle Minuten und noch mehr Sekunden!

Nachdem ich einen Antrag auf Erhöhung meiner Arbeitszeit gestellt hatte, wurde die Zeiterfassung endlich auch bei mir und in den Schulsekretariaten installiert. Endlich!!! Zum Einweisungs-Termin konnte ich nicht in die Stadtverwaltung gehen, weil gerade wieder die Kita-Gruppe zu einer Lesung bei mir war. Nachdem ich der zuständigen Kollegin erklärt hatte, das ich schon einmal bei einem früheren Arbeitgeber mit einer Zeiterfassung gearbeitet hatte, sagte sie: „Dann fangen Sie doch diese Woche schon mal an mit der Erfassung, dann werden wir sehen, ob sich Fragen ergeben.

Andere wären vermutlich wieder umgefallen bei dem Gedanken, jetzt schon kontrolliert zu werden, aber ich nahm es sportlich. Okay, dann schauen wir mal. Es ist doch gut, schon mal zu üben, damit die Routine ab 1. Mai sitzt. Schließlich möchte ich nach der Öffnungszeit schnell noch den Tagesabschluss in meiner Bibliothekssoftware machen, den Abgleich zum Online-Katalog durchführen, dann „geht“ in der Zeiterfassung drücken, buchen und „OK“ anklicken- und dann auch noch meinen Bus schaffen, denn der nächste fährt erst eine Stunde später. Da muss schon jeder Handgriff routiniert sitzen.

Da die Bus-Zeiten immer nicht ganz mit den Arbeitszeiten übereinstimmen, arbeite ich automatisch jede Woche ein bis anderthalb Stunden länger, je nachdem, wie lange ich an den drei langen Arbeitstagen in der Mittags-Schließzeit wirklich in der Mittagspause bin. Diese Zeit habe ich meinem Arbeitgeber bisher meist geschenkt. Genau wie die Zeit der langen Fortbildungstage, an denen ich eigentlich nur vier Stunden hätte arbeiten müssen. Ich hatte kein Problem damit, denn für mich ist diese Arbeit eine Herzenssache. Wenn man sie gründlich machen möchte, dann beschäftigt sie einen über die Arbeitszeit hinaus. Wie oft gehe ich an meinem Wohnort noch zur Buchhandlung, weil diese Buchhandlung meine Bibliothek beliefert? Wie oft sitze ich abends am heimischen PC, um die Medienlisten für Buchbestellungen zu schreiben? Wie oft gehe ich abends noch einmal Veranstaltungskonzepte durch und „übe“ quasi für meine Lesungen? Ganz zu schweigen von den Zeiten, in denen ich gemeinsam mit meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte Publikationen über meinen Arbeitsort verfasst habe. Wenn ich publiziere, nutze ich immer gern noch den abendlichen Flow. Ich sehe das als normal an, denn meine Arbeit macht mir Freude und ich möchte damit auch den Bibliothekslesern und Archivnutzern Freude bereiten. Als Leiterin einer Bibliothek arbeite ich nun einmal eigenverantwortlich, da ist es völlig normal, dass ich mein dienstliches Gehirn nicht an jedem Abend völlig abschalte.

Da die Arbeitszeit-Erfassung also quasi nur symbolisch ist, nehme ich sie also sportlich. In der Regel schließe ich die Bibliothekstür mit dem Gongschlag der Kirchturmuhr auf. 8 Uhr also. Wie ging das doch gleich? Erst die Verbindung zum Stadtverwaltungs-Sever herstellen, warten bis das Symbol grün leuchtet. Ach so, ich muss mich ja mit einem Passwort einloggen. Und jetzt? „Kommt“. Die laufende Uhrzeit, die bis dahin angezeigt wurde, bleibt stehen. 8.03.35. Aha, so lange dauert es also. Und jetzt die Bibliothekssoftware starten. Eigentlich wäre ja Archivtag, aber da die Kita kommt, brauche ich die Software. Kompliziert wird es am Ende des kurzen Arbeitstages. Ich habe zu spät daran gedacht, mich auszuloggen und hatte mich zwischendurch so aus dem System geklickt, dass ich mich erneut mit Passwort einloggen musste. „Geht“ – „Buchen“ – „OK“. Jetzt schnell den PC runterfahren. Denkste. „Wollen Sie die Seite wirklich verlassen?“ – „Jaha, ich muss die Bibliothek verlassen, mein Bus wartet nicht!“ Jetzt wurde es wirklich sportlich. Im Dauerlauf zur Haltestelle. Der Bus stand nur noch da, weil eine ganze Schulklasse ausgestiegen war, was länger dauerte als gewöhnlich. Puh! Geschafft! Na, ganz so sportlich wollte ich es nun doch nicht nehmen! Okay, also vier Minuten vor Abfahrt des Busses ausloggen war eindeutig zu spät. Muss ich morgen eher machen. Am nächsten Tag ging es schon routinierter. Statt 8.03.35 schon Einloggen um 8.02.28. Der Bus war heute aber auch überpünktlich. Ich probierte nun, mich nicht aus dem System zu klicken und erwischte mich abends, nach dem langen Öffnungstag dabei, wie ich, schon in der Jacke, vor dem PC saß und die Uhr hypnotisierte. „Wann logge ich mich jetzt am besten aus? Reichen drei Minuten eher als gestern?“ Mist. Ich wollte mich doch überhaupt nicht zum Sklaven der Arbeitszeit-Erfassung machen lassen!!! Eigentlich hätte ich sowieso schon seit einer halben Stunde Feierabend gehabt, also was soll der Sekunden-Geiz! 🙂 Dummerweise hatte ich nun im System vier Fenster geöffnet, hatte also jedes Mal beim Bedienen der Zeiterfassung ein neues Fenster geöffnet. „Kommt“ – „Geht (Mittagspause) – „Kommt“ und „Geht“. Also nach dem Ausloggen alle vier Fenster schließen. „Wollen Sie die Seite wirklich verlassen?“ Ich hatte schon wieder einen leichten Anflug von Panik: „Jaha, ich muss doch zum Bus!!!“ Dieser fuhr gerade ein, als ich im Dauerlauf um die Ecke bog. Geschafft!!! Heute, am kurzen, öffnungsfreien Archivtag, klappte alles schon ganz super, ich konnte relativ entspannt zur Haltestelle gehen, wo Elias, mein zehnjähriger Freitags-Mitfahr-Kumpel, mich schon strahlend erwartete. 🙂

Also lieber etwas eher ausloggen und sch … auf die Minuten und Sekunden der Arbeitszeit, die ich sowieso meinem Arbeitgeber schenke, denn zuviel Arbeit für zu wenig Zeit gibt es immer, ob mit Zeiterfassung oder ohne. Was passiert eigentlich mit den Arbeitszeit-Journalen? Die werden einmal monatlich von den beiden großen Chefs gelesen und unterschrieben und uns dann in unser Postfach gelegt. Vielleicht trägt das ja nach fast zehn Arbeitsjahren in dieser Bibliothek zur Vertrauensbildung bei. 🙂

Wenn etwas nicht mehr funktioniert …