Abschied und Neubeginn

Hurra, ich bin drin!!! Sowohl im Internet als auch in der neuen Bibliothek!!!

In der Umzugswoche flutschte alles wie von selbst. Ich fühlte mich gut behütet, in meiner Mitte und wunderbar getragen. Dabei sah es am Anfang garnicht so aus, als ob alles so glatt gehen würde. Im Vorfeld versuchte ich eine Zeitlang vergeblich in Erfahrung zu bringen, wann ich denn den Schlüssel für das neue Domizil erhalten würde. Lakonische Antwort des zuständigen Architekten und Bauleiters: „in der 46. KW.“ Ups, das war ja die Woche des Umzugs! Ich kann doch nicht einfach einen Umzug starten, wenn ich noch nicht einmal die Sachen einschließen kann, oder liege ich da falsch? Nach drei weiteren Mails wurde es endlich amtlich, dass ich am ersten Umzugstag um 11 UHR den Schlüssel erhalten würde.

Ab 9.30 Uhr war großes Packen angesagt. Neben meinen beiden seit drei Jahren tätigen ehrenamtlichen Helferinnen fanden sich mein treuer ehemaliger Bufdi und vier Leser ein.  Punkt 11 waren die ersten 60 Umzugskisten gepackt, der Bauhof war bereit, sie abzuholen und ich ging, um den Schlüssel in Empfang zu nehmen. Darauf musste ich allerdings etwas warten, denn die Bauabnahme war noch nicht ganz durch. Während der Bauhof die Umzugskisten in den Bibliotheksflur verfrachtete, führte mich der Architekt mit stolz geschwellter Brust durch das ganze Haus, was ich in diesem fertigen Zustand vor dem Umzug noch nicht einmal gesehen hatte. Ich ließ alles ziemlich schweigend auf mich wirken. Den ersten Schock hatte ich da schon hinter mir, denn die eigentlichen Bibliotheksräume mit den schwarzen Regalen, bei deren Planung ich nicht mitwirken durfte, hatte ich schon gesehen. Nicht nur die Bibliotheksregale waren schwarz, sondern auch der Schonbezug und die Kissen des Kinder-Vorlesetheaters und sogar mein Schreibtisch-Drehsessel. Irgendwann meinte die mit uns mitlaufende Bauamts-Mitarbeiterin: „Sie sagen ja garnichts? Wie gefällt Ihnen denn das alles?“ Da legte ich los. Ich lobte das Lichtkonzept, die vielen Lagermöglichkeiten und ganz besonders das neue Stadtarchiv mit seinen Rollregalen mit beigefarbenen Fronten. Und ich machte die schwarzen Regale deutlich zum Thema. Ich hatte mich ja im Vorfeld versucht, mich gegen diese Ausstattung zu wehren, mit dem Ergebnis, dass der Bürgermeister mir eine Abmahnung verpasst hatte und mir ausdrücklich untersagte, Einfluss zu nehmen, da der Architekt seine künstlerische Freiheit habe. Ich brachte meine Kritik sachlich an, der Architekt reagierte nicht eingeschnappt wie sonst, sondern eher etwas erschrocken und verhalten.

Nachdem wir diese ausgiebige Runde durchs Haus mit Museum, Archiv, Bibliothek, Touristinfo nd öffentlichen Toiletten beendet hatten, durfte ich nun endlich, endlich das ersehnte Objekt meiner Begierde in Empfang nehmen: den Schlüssel!!! 🙂

Und da standen dann schon meine ehrenamtlichen Helfer zum Einräumen der Bibliothek parat. Zuerst hatte ich den engsten Kreis bestellt, also meine beiden Ehrenamtlerinnen und Günthi Bufdi. Mit ihnen drehte ich erneut eine Runde durch das ganze Haus, damit wir dort erst einmal ankamen und warm wurden. Als nach einer Stunde die weiteren Helfer dazu kamen, ging die Post ab. Bis 16 Uhr war schon fast der ganze Kinderbereich eingeräumt, mit viel Lachen und in harmonischem Miteinander. Jeder machte witzige Bemerkungen über die schwarze Bibliothek, so richtig gefiel sie keinem, aber alle hatten irgendeinen Scherz auf den Lippen. Günthi Bufdi, der ehemalige Lagerist, war immer darauf bedacht, „ein System zu haben“. Wenn ich zwischenzeitlich mal etwas ratlos war, meinte ich immer: „Halt stopp, ich muss erstmal nachdenken und mein System finden!“ Die mithelfenden Leser waren teilweise so vertieft, dass man sie überhaupt nicht mehr hörte. Arbeitsame Stille. Günthi Bufdi sprang immer schnell herbei, wenn etwas bzw. ein Umzugskarton an die richtige Stelle gerückt werden musste. Christina, die kleine Ehrenamtlerin mit der großen und herrlich frischen Klappe, kochte uns Kaffee und bemutterte uns und wischte die Regale sauber. Außerdem hatte sie schon mitgedacht und wichtige Küchen- und Putzutensilien dabei. Meine andere Ehrenamtlerin Doreen verteidigte ihr Jugendbuchregal bis aufs Äußerste: „Nein, das räume ich aus und auch wieder ein!!!“ Sie hatte sich ihr „System“ sehr genau überlegt und schickte Günthi Bufdi immer durch die Kante: „Ich brauche die Kiste K8! Jetzt sofort, sonst komme ich nicht weiter!!!“ 🙂 Günthi Bufdi ließ sich selten aus der Ruhe bringen und war wie immer er selbst: ruhig, hilfsbereit und etwas zerstreut. So, wie wir ihn in seiner Bufdi-Zeit alle gemocht haben. „Hast du den Elefantenfuß mitgebracht?“ – „Nö, habe ich vergessen!“ Dabei schaute er so lieb und gleichzeitig so verdutzt, dass ich schon wieder innerlich am Schmunzeln war in Erinnerung an alte Zeiten. 🙂 Er strahlte auf mich eine solche verlässliche Ruhe und Sicherheit aus, dass er mich auch immer wieder vom Turbogang runterholte. Einmal hatte ich ihn mit unserem neuen vertrackten Schließsystem ausgeschlossen und konnte ihn auch nicht gleich wieder reinlassen, weil der Architekt mich mit einem Anliegen belegte. Als ich endlich die Tür zum überdimensional großen, schwarz gefliesten Flur des Verbinders zur Touristinfo öffnen konnte, stand er dahinter, schaute wieder ganz treu und fragte bloß ganz ruhig: „Hast du mich denn nicht vermisst?“ 🙂 Andere wären da schon längst explodiert. Die Leserinnen waren ganz verzückt von den Buch-Entdeckungen bein Ein- und Auspacken und merkten sich gleich die Bücher für ihre nächste Lektüre vor. Um uns herum rumorte es noch kräftig, denn obwohl der Bau schon abgenommen war, turnten noch zahlreiche Handwerker durch das Haus. Ein Tischler war beispielsweise noch dabei, meine Theke zusammenzuzimmern. Der Architekt und die Bauamts-Mitarbeiterin kamen immer wieder mit verschiedenen Anliegen und Erklärungen auf mich zu, so dass mir schon der Kopf brummte. Ansonsten war der Architekt, mit dem ich in der Planungsphase so sehr aneinandergeraten war, auf einmal sehr nett und kooperativ. „Der Büchertrog Leo sollte doch eigentlich neben der Theke stehen!“ – „Nein, ich möchte, dass er in der Kinderbibliothek steht! Der Platz dafür ist vorhanden und so sieht die Kinderbibliothek wenigstens etwas kinderfreundlich aus!“ – „!Okay, So machen wir das!“ Na geht doch. Warum nicht gleich so, dann hätten die Kinder eine schöne Bibliothek gehabt. Das ist alles so, so schade!!!

Am nächsten Tag holte der Bauhof um 8.30 Uhr die geleerten Umzugskartons ab und brachte sie in die alte Bibliothek. Ich durfte sogar auf dem Bauhof-Transporter mitfahren, genoss das sehr und scherzte mit dem Bauhof-Kollegen. Bald darauf fanden sich die fleißigen Helfer ein und das Packen ging weiter. Diesmal „half“ ein über 80jähriger Leser mit, der schon seit Monaten unbedingt mithelfen wollte. Dann sollte man ihn auch „helfen“ lassen, auch wenn er dabei doch mehr im Wege stand. Aber alle waren so tolerant und lieb miteinander, dass das kein Problem darstellte. Nachdem er zwei Stunden „geholfen“ hatte, verabschiedete er sich und ward nie wieder gesehen. Seine nächsten Termine riefen. Keiner verlor ein Wort darüber, wir schauten ihm nur schmunzelnd nach und packten weiter ein. Diesmal gingen alle Romane mit weg. Währenddessen gaben sich in der neuen Bibliothek wieder diverse Firmen die Klinke in die Hand. Der Architekt schaute sich die eingeräumte Kinderbibliothek an und wurde sehr nachdenklich. Ihm war klar geworden, dass schwarze, 2, 05 m hohe Wandregale wohl doch nicht so kindgerecht sind. Aber was nützt mir das jetzt?

Inzwischen hatte sich ein Problem mit dem Telefon- und Internetanschluss ergeben. Die Telekom konnte nun doch nicht zum festgesetzten Termin liefern. Zum Glück fühlte sich das Bauamt dafür zuständig. Ich nahm das alles nur am Rande wahr, aber die Bauamts-Mitarbeiterin war wieder einmal am Rande des Nervenzusammenbruchs. „Was, der Internet-Stick für den provisorischen Zugang liegt in W? Wie soll ich denn jetzt dahin kommen???“ Hier klickte ich mich ein: „Ich wohne doch in W. Ich hole den Stick heute Abend ab und bringe ihn morgen früh mit, okay? Geben Sie mir mal den Mann von der IT-Firma, wir kennen uns.“ Sie schaute mich mit offenem Mund an. Ja, so ist das, wenn das Personalkarussell in der Stadtverwaltung so routiert. Man weiß unter Kollegen nichts Privates voneinander. Aber auch ich lernte diese Frau in den letzten Tagen besser kennen und verstehen, ich konnte einmal hinter ihre zickige Fassade schauen und erfuhr, dass sie eine familiäre Stresssituation durchlebt.

An dritten Umzugstag wurden meine heißgeliebten grünen Kinderbuch-Regale in der alten Bibliothek abmontiert und in der neuen Bibliothek als Sachbuch-Regale wieder aufgestellt. Das war dann schon ein Moment, in dem ich innehielt und wehmütig zurückschaute. Wie hatte ich vor sechs Jahren um diese Regale gekämpft und wie sehr hatten die Kinder ihre Ecke geliebt!!! Als die Frau von der Regalfirma meine Meinung zu der neuen Bibliothek hören wollte, sagte ich ihr wieder die Wahrheit. Inzwischen hatte Günthi Bufdi schon begonnen, die 2,05 m hohe, schwarze Regalwand im Kinderbereich zurückzubauen, so viele Regale wie möglich schräg zu stellen und die knallrote, mit bunten Fotos versehene Reihe „Meine kleine Tierbibliothek“ frontal zu präsentieren. Buch für Buch. Drei ganze lange Reihen entlang. Stillschweigend ließ Günthi Bufdi einige schwarze Regalbretter verschwinden und stellte sie an die Seite. Bei der Endabnahme der Regale durch den Architekten, die Regalfirma und die Bauamts-Mitarbeiterin duldeten diese es stillschweigend. 🙂 Am selben Nachmittag hatten wir die Sachbücher bis auf vier Kisten schon eingeräumt. Eine der ersten Helferinnen hatte sich aus terminlichen Gründen inzwischen verabschiedet und ein weiterer Helfer, ein Kollege aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte und eifriger Leser, war dazu gekommen. Auch an diesem Nachmittag wieder schweigendes, konzentriertes Arbeiten. Christina, die die Teeküche inzwischen vollständig „adoptiert“ hatte und eine Kaffeemaschine und ein Tablett aus ihrem Haushalt mitgebracht hatte, versorgte uns mit Kaffee und Cappuccino.

Inzwischen stand auch meine Theke und ich konnte schon mal etwas Material einräumen und mit Christina meinen PC in die neue Bibliothek fahren.

Am Donnerstag stürzten wir uns auf das Stadtarchiv. Diesmal zu fünft. Günthi Bufdi forderte als erstes wieder „mein System“ ein – und das funktionierte wie immer hervorragend. Ich war sooo stolz auf mich!!! Die Rollregale gaben Anlass zum Scherzen, das kann Christina super. „Wenn du mich jetzt hier zusammenrollst, werde ich immer dünner und immer länger!“ Als wir den Nachlass eines bedeutenden Stadthistorikers einräumten, hatte ich keine Chance, in die betreffende Regalreihe zu kommen. Alle vier Helfer quetschten sich in diese Reihe, packten die Bücher und Akten ein und staunten und erzählten Histörchen über diesen Forscher und Schulleiter, den sie alle noch kannten. Ich, die ich gerade diesen Teil des Archivs gern selbst eingeräumt hätte, stand sehr still und bewegt daneben. Ein weiterer magischer Moment.

Alle Tage hatte ich mich um den Kopierer gesorgt. Wer zieht den um? Der Bauhofs-Mitarbeiter hatte sich bisher standhaft geweigert. Mails gingen hin und her und ich war ratlos. Doch oh Wunder: am Donnerstag stand eine andere Bauhof-Truppe plötzlich mit dem Kopierer in der Tür!!! Sie waren mit ihrem Transporter, der etwas flacher war als der andere, ganz nah an eine Treppe herangefahren, hatten eine schiefe Ebene gelegt und den Kopierer ganz sacht hochgefahren. Sie freuten sich alle über mein verblüfftes Gesicht 🙂 und ich machte auf ihre Bitte hin mit ihnen eine große Extra-Führung durch das neue Haus. Inzwischen kannte ich mich ja schon aus, war innerlich angekommen und die Handgriffe für die Schließ- und Lichttechnik hatten sich automatisiert. Heute früh war ich dann „drin“, der provisorische Internet-Zugang funktionierte und den Schrank hinter der Theke kann ich nun auch abschließen. Gemeinsam mit Christina holte ich die ersten Zimmerpflanzen in die neue Bibliothek und nach einigen letzten Handgriffen kann die Bibliothek am Montag eröffnet werden. Die ersten Leser haben schon in der Umzugsphase um die Ecke geschaut und es gibt sogar schon Angebote, bunte Kissenbezüge zu nähen für die schwarze Kinder-Leseecke mit schwarzen, großen Kissen. 🙂 „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben

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Wie kann man Gott zum Lachen bringen?

„Wie kann man den lieben Gott zum Lachen bringen? – Indem man Pläne macht!“

Das ist zwar ein uralter Witz, aber er hat sich wieder mal bewahrheitet. Pläne machen war gestern. Heute heißt es, im Hier und Jetzt zu leben und dabei möglichst entspannt zu sein. 🙂

Seit ich vor fast genau zehn Jahren meinen Job in einer Kleinstadt-Bibliothek angetreten hatte, wurde eine neue Bibliothek geplant. An meinem ersten Arbeitstag, am 15. Oktober 2008, führte man mich in ein am Rande der Stadt liegendes Bürgerzentrum und zeigte mir darin zwei Räume. Einer der Räume war fensterlos. „Hier ziehen Sie mit der Bibliothek im nächsten Jahr ein!“ Ich fand die Räume schrecklich, ich fand die Lage schrecklich und mein Bauchgefühl sagte mir irgendwie: Nö, da ziehst du nie und nimmer ein!“ Als ich dann so nach und nach die Leser der Kleinstadtbibliothek kennenlernte, war das erste, was sie mir signalisierten: „Also wenn Sie da hinziehen, dann kommen wir nicht mit!“ Das ist doch mal ein cooles Bürgerzentrum, oder? Millionenschwer saniert und so gelegen, dass da kein Mensch hin will. 🙂

Der liebe Gott muss sehr erheitert gewesen sein, denn schon ein Jahr später, also 2009, wurde ein neuer Plan geboren. Ein leer stehendes Fachwerkhaus am Markt, also mitten in der Kleinstadt, wurde als neues Bibliotheks-Domizil auserkoren. Seitdem hieß es unisono jahrelang: „In zwei Jahren ziehen Sie um!“ 🙂 Und der liebe Gott lachte wieder.

Ich legte mir in all den Jahren ein sehr dickes Fell zu – und lachte mit dem lieben Gott mit. Das Positive an dieser Situation war ja immerhin, dass wirklich jahrelang an dem Plan festgehalten wurde, der Bibliothek ein neues Domizil zu errichten. Es hätte ja auch anders laufen können, so wie es in vielen Städten im Osten Deutschlands gelaufen ist. Man hätte ja auch einfach die alte Bibliothek ersatzlos schließen können. Während ich auf den Umzug „in zwei Jahren“ 🙂 wartete, tat ich mein Bestes, um die Bibliothek auf den neuesten Stand zu bringen. Ich mistete aus ohne Ende, ich beteiligte mich seit 2010 am Sommerleseclub und konnte mit den dafür geförderten Büchern die Kinderbücher für Kinder ab 10 komplett erneuern. Ich organisierte weitere Fördermittel für den Medienkauf, ich fütterte von Anfang an eine Bibliothekssoftware und konnte 2015 den Onlinekatalog in Betrieb nehmen und Anfang 2016 sämtliche Zettelkataloge in den Müll hauen. Der Inhalt stimmt also seit Jahren – fehlt nur noch die moderne Hülle.

Inzwischen waren viele Pläne aufgestellt und wieder geschrottet worden. 🙂 Aber der große, ganze Plan blieb wundersamerweise über die Jahre erhalten: das alte Fachwerkhaus wird das neue Bibliotheks-Domizil. Im Sommer 2016 war Grundsteinlegung für den Anbau und ein Jahr später war man dann endlich so weit, Richtfest feiern zu können.

Nachdem die Planung der Inneneinrichtung der Bibliothek allen meinen Bemühungen zum Trotz völlig an mir vorbei gelaufen war und ich mir deswegen sogar eine Abmahnung eingefangen hatte (man lese meine Blogs vom Mai / Juni), hielt ich mich komplett raus. Ich widmete mich dem Alltag und den mehr als reichlichen täglichen to do’s und verschwendete keinen Gedanken mehr an die neue Bibliothek. Ich trat einfach einen Schritt zurück, ließ nichts mehr an mich rankommen und lebte im Hier und Jetzt. Pläne machen ist ja sinnlos – obwohl ich mich ja freue, wenn der liebe Gott etwas zum Lachen hat … 🙂 Wenn ich mal nach dem Umzugstermin fragte, gab es vage, ausweichende Antworten. Jahresende … vielleicht …, März 2019 … vielleicht … 🙂

Inzwischen ging der Bau nach monatelangem Stillstand wieder voran. Das einst typisch beige Fachwerkhaus mit braunen Balken erstrahlte neu – in einem faden Einheits-Grauton. Bevor ich Anfang September meinen Jahresurlaub antrat, überraschte mich der Hauptamtsleiter mit der folgenden Botschaft: „Sie haben noch 14 Tage Resturlaub (und 15 Überstunden auf dem Arbeitszeitkonto). Bedenken Sie bitte, dass dieser im alten Jahr genommen werden muss und dass die Bibliothek im November umzieht!“ Ups! Jetzt doch so früh schon? Zwei Wochen später, an meinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub, traf ich auf dem Weg zu meinem Postfach in der Stadtverwaltung den Hauptamtsleiter, der verlegen verkündete, dass er sich mit dem vor dem Urlaub genannten Umzugstermin wohl doch zu weit aus dem Fenster gelehnt hätte und dass ich erst ab Dezember mit einem Umzug rechnen solle. 🙂 Gott grinste schelmisch und ich war  beruhigt, denn im November ist eigentlich die heiße Phase, die immer erst sehr spät bewilligte jährliche Landes-Medienförderung auszugeben.

Am 12. Oktober erleichtertes Aufatmen (und Gott lächelte 🙂  ), als ich den Fördermittelbescheid für die Medienförderung in meinem Postfach vorfand. Am 19. Oktober erreichte mich eine Mail des Innenarchitekten, ich möge doch bitte schon mal die Kinderbuchregale ausräumen, denn am 26. würden diese ab- und in der neuen Bibliothek wieder aufgebaut. (Die Kinderbuchregale sind die einzigen Regale, die mit umziehen.) Der liebe Gott verschluckte sich fast vor Lachen und ich leitete diese Mail wütend an den Hauptamtsleiter weiter, mit der Bitte, dass mir sofort! ein verbindlicher!!!  🙂 Umzugstermin genannt wird!!! Diese Mail wurde an das Bauamt weitergeleitet. An diesem Freitag keine Antwort. Am Montag darauf keine Antwort. Ich konnte mich auch nicht weiter darum kümmern, denn die Bibliothek war so gut besucht, dass ich mit dem laufenden Geschäft genug zu tun hatte. Wie schon jeden Tag seit Wochen fragte mich jeder Besucher: „Und wann ziehen Sie um?“ Und an dieser Stelle sei auch mal der sich immer mal bei diesen und anderen Gelegenheiten wiederholende Kommentar meines Vaters erwähnt, der in den 1980er Jahren den örtlichen Kreisbaubetrieb geleitet hatte: „In der DDR hätte es sowas nicht gegeben!“ Am Nachmittag mailte ich noch einmal kurz die Bauamtsleiterin an und teilte ihr mit, dass ich bis zum nächsten Tag eine Antwort erwarte. Es könne nicht sein, dass in drei Tagen die Kinderbibliothek schon mal leer wäre und die Bibliothekarin schulterzuckend daneben stünde und keinen Plan hätte. Antwort der Bauamtsleiterin: Sie wisse auch nichts. Das könne allein der Architekt wissen (also derjenige, der die Regale in drei Tagen abbauen lassen wollte). Da beißt sich ja der Hund in den Schwanz! 🙂 Ich saß vor dem PC und kugelte mich vor Lachen – und Gott lachte kräftig mit.

Der nächste Tag, Dienstag, der 23. Oktober. Ich bereitete gerade meine ehrenamtlichen Mädels schonend darauf vor, dass wir am Donnerstag eine große Blitz-Räum-Aktion machen müssen, da flatterte eine Mail ins Haus. Der Innenarchitekt meldete sich sinngemäß so: „Als Ergebnis der gestrigen Besprechung mit der zuständigen Sachbearbeiterin im Bauamt steht nun folgendes fest: Umzug der Bibliothek in der Woche vom 19. bis 23. November 2018. Auf eine vorzeitige De- und Remontage der Kinderbuch-Regale kann zugunsten des Gesamtumzugs verzichtet werden.“

Hurra! Wir haben einen Plan!!! 🙂

Eine leckere Charme-Offensive

Der Donnerstag ist Café-Tag. Im kleinen Café gegenüber der Bibliothek versammeln sich die unterschiedlichsten Menschen zur kleinen Mittagspause. Eigentlich ist es ja ein Café mit leckeren selbstgemachten Konditorwaren und ohne Mittagstisch. Aber Veronika, die Chefin, bewirtet uns einmal wöchentlich sehr kreativ mit einer warmen Mahlzeit: meist eine Suppe oder Kartoffelsalat mit Würstchen, mal ein Auflauf, mal eine kreative Nudelpfanne oder Milchreich mit übergefüllten Kirschen. Irgendetwas hat sie immer für uns gezaubert. Und wenn sie mal keine Zeit hat oder das ganze Café um diese Zeit für eine Familienfeier gebucht ist, dann können wir uns wenigstens belegte Brötchen abholen, damit wir nicht verhungern.

Vor einer Woche saß Veronika ernst an unserem Stammtisch, als ich dazukam. Ich ahnte nichts Gutes. Veronika erzählte uns, dass ihr eine sehr heikle OP bevorstand und sie mindestens zehn Tage im Krankenhaus sein wird. Wir wünschten ihr viel Glück und mussten das erstmal, zusammen mit der leckeren Soljanka, verdauen.“Ja, was machen wir denn nun?“, fragte Elena ratlos. Wir? 🙂 Das war neu. Wenn das Café mal geschlossen war, hatte jeder sich allein irgendwie über die Runden geholfen. Aber seit kurzem haben wir ein „Wir-Gefühl“ entwickelt.

An unserem neuen Zusammenhalt ist Elena nicht ganz unschuldig. Sie fegt immer rein wie ein Wirbelwind, 🙂 strahlt Freude, Herzlichkeit und Lebenslust aus und umarmt jeden, der ihr in die Quere kommt. Elena kam vor über zwanzig Jahren aus Rumänien nach Deutschland und arbeitet jetzt seit einigen Monaten in meinem kleinen Arbeitsort. Sie geht mit offenen Augen durch die Stadt und immer auf die Menschen zu. Bei mir schneite sie im Frühjahr rein und fragte, wann die große Kirche der Stadt offen ist. Sie wollte alles kennenlernen. In unserer Donnerstags-Runde krempelte sie wie ein Wirbelwind alles um. Bisher saßen wir in kleinen Grüppchen oder auch mal allein an kleinen Tischen. Als ich vor einigen Wochen aus dem Urlaub kam, saßen plötzlich alle zusammen an einem Tisch und unterhielten sich lebhaft. Und alle waren nach jahrelangem „steif norddeutschen“ Siezen plötzlich beim Du gelandet. 🙂 Nicht jeder kam da gleich mit. Meine stets überarbeitete Tisch- und Büronachbarin, die in der Pause mal einfach einige ruhige Minuten haben will, saß mitten in der Runde und schaute etwas gequält drein. Ihr war es wohl zuviel Trubel. Elena war immer in action und wollte über alle Häuser der Stadt etwas wissen. Als ich ihr mal etwas über die glitzernde Fassade eines Gutshauses erzählte, war sie sofort Feuer und Flamme. „Wir treffen uns mal an einem Wochenende und machen einen Ausflug. Und du führst uns! Und ich bringe eine Freundin mit und wir wollen noch viel mehr Schlösser und Gutshäuser kennenlernen! Veronika kommt auch mit.“

Veronika war aber nun erstmal mit ihrer Heilung beschäftigt. „Was machen wir denn nun?“ Elena ließ nicht locker. Irgendwann an den vorigen Donnerstagen hatte uns Elena etwas über rumänisches Essen erzählt und uns versprochen, eines Tages mal etwas für uns zu kochen. Da nahm ich sie doch glatt beim Wort: „Du könntest doch Polenta kochen und wir treffen uns zum Essen bei mir in der Bibliothek? Eine Stunde ist Mittagsschließzeit, Ein Tisch zum Essen ist da, zusammengesuchtes Geschirr auch und Trinken spendiere ich“. Elena war sofort begeistert.

Der letzte Donnerstag war sowieso schon etwas turbulent, denn am ersten wirklich nebligen Herbsttag fiel allen ein, dass sie doch mal wieder spannende Lektüre brauchen. Meine beiden ehrenamtlichen Mädels und ich hatten voll zu tun. Ich konnte sogar seit langem mal wieder spontan mein Englisch einsetzen, denn Gäste aus Dänemark erkundigten sich über ihren Vorfahr, der Prediger in unserer Kleinstadt gewesen war. Ich hatte die ganze Woche nichts von der Café-Suppenrunde gehört und zweifelte schon, ob wirklich alle kommen würden oder ob es überhaupt bei dieser Verabredung bleibt. Aber plötzlich stand Elena in der Tür mit einem großen Topf in der Hand. Hinter ihr stand ihre Freundin, ebenfalls mit einem großen Topf in der Hand. Und so nach und nach kamen unsere Mittagspausen-Gefährten und der Tisch füllte sich. Es gab keine Polenta. Elena hatte eine Art rumänischer Kohlrouladen gekocht, mit Reis gefüllt. Stundenlang muss dieses Gericht ganz sachte vor sich hin köcheln, damit der Kohl beim Essen auf der Zunge zergeht. Total lecker!!! Es war richtig gemütlich an der improvisierten Tafel und selbst meine sonst so gestresste Tischgefährtin strahlte. Sie war es auch, die sich trotz aller meiner Proteste in die Küchenecke verzog und den Abwasch erledigte, während Elena und ihre Freundin den Bücherflohmarkt durchstöberten, der gerade in der Bibliothek aufgebaut war. „Danke für deine Bewirtung!“, verabschiedeten sich die Gäste. „Wieso, ich habe doch nichts gemacht! Danke dir, Elena!!!  ❤  Manchmal braucht es solche charmanten Wirbelwinde wie sie, um einfach mal die Routine durcheinander wirbeln zu lassen und alles etwas lockerer (und leckerer) zu gestalten. 🙂

Der Caféwirtin geht es übrigens schon viel besser, also können wir uns bald wieder über den nächsten Suppenstammtisch im Café freuen.

Sommerleseclub-Abschied

Geschafft! Endlich habe ich Urlaub!!!

Die letzte große Aktion in der Bibliothek war die Vorbereitung der Sommerleseclub-Abschlussveranstaltung.

Unter den Bibliothekaren wird es ja gegenwärtig deutschlandweit heiß diskutiert, ob die Leseclubs im Sommer überhaupt noch Sinn machen, ob man sie anders strukturieren sollte, ob man vielleicht sogar das Hören von Hörbüchern anbieten und prämieren sollte, ob es Sinn macht, im Sommer die Kinder zusätzlich noch mit begleitenden Workshops zu beschäftigen usw. Mein Fazit nach diesem Sommer: Ja, der Sommerleseclub macht unbedingt noch Sinn. Meine Bibliothek hatte eine Rekordbeteiligung zu vermelden. Aber: Ja, die Lesegewohnheiten ändern sich, die Lese-Bereitschaft der Kinder ändert sich auch. Es gab (zum Glück) keine Super-Vielleser, aber sehr viele Kinder hatten sich überreden lassen, ein zweites Buch zu lesen. Und das ist total gut so, denn dieses Projekt soll ja mit Büchern, die Spaß machen, wenig lesenden Kindern die Freude am Buch vermitteln. Es lohnt sich, mit den Kindern zu arbeiten, auf sie einzugehen, die Kinder ernst zu nehmen, Zeit zu investieren, auch wenn im laufenden Betrieb gerade der Bär steppt und andere Kunden daneben stehen und in die Röhre gucken. Durch diese Zuwendung gelingt es, die Abbrecher-Quote gering zu halten. Natürlich geht das in einer Kleinstadt-Bibliothek wie meiner besser als in der Großstadt. Die Kinder kommen hier in die Bibliothek und wissen, dass ich den ganzen Sommer lang für sie da bin und dass sie, wenn sie kommen, liebevoll empfangen und begleitet werden. Und sie wissen auch, dass mir ihre ehrliche Meinung sehr wichtig ist. Wenn mir ein Kind sagt, dass es das Buch nicht mag, die Geschichte nicht weiterlesen mochte, weil …, dann ist das okay und wir suchen gemeinsam so lange, bis wir ein Buch finden, welches angenommen wird. Wenn sich dieser Prozess beim selben Kind mehrmals wiederholt – auch kein Problem. Wichtig ist, den Kindern den Spaß am Lesen zu vermitteln. Wenn natürlich eine ehrgeizige Mutter neben den Kind steht und sagt: „Ohne ein neues Buch gehst du hier nicht raus!“, dann wachsen mir schon mal die Stier-Hörner. Aber das ist sehr selten geworden, meist halten sich die Eltern zurück und lassen mich machen. Erfreulich ist dagegen, dass zwei wenig lesende Geschwister, die zwar eine Leserkarte hatten, aber sie nur für die Ausleihe von Filmen oder Spielen nutzten, durch dieses Projekt endlich angefangen haben, zu lesen und nun nach den Ferien munter ihre Comic-Romane weiter „verschlingen“. Dieses nur als ein Beispiel für viele ähnliche Geschichten in diesem Sommer.

Allgemein war der Sommer für mich aber eher extrem aufreibend und gewöhnungsbedürftig. Extreme Hitze, verkrustete Machtstrukturen in der Stadtverwaltung, die Ungewissheit, wann denn nun der Umzug der Bibliothek kommt und wie er so optimal planbar wird, dass unnötiger Stress vermieden werden kann. Ich habe viel gelernt, vor allem das: locker lassen, im Moment leben, nichts planen und mich nicht auf die Macht-vollen Widrigkelten fokussieren sondern auf alles das, was ich an meinem Job immer noch so liebe.

Letzteres war auch der Grund, weshalb ich den Bürgermeister erstmalig nicht zur Übergabe der Sommerleseclub-Zertifikate eingeladen hatte. Ich hätte seine Anwesenheit nur schwer ertragen können. Mal angenommen, er hätte, wie so bei ihm üblich, eine flammende Rede darüber gehalten, wie toll die neue Bibliothek wird (mit schwarzen, 2,05 m hohen Regalen im Kinderbuch-Raum), dann wäre ich vermutlich schreiend aus der Bibliothek gelaufen.

Eine Alternative war leicht gefunden. Eine ehemalige liebe Kollegin der Stadtverwaltung, die inzwischen eine Funktion auf Landesebene hat und die ganz toll mit Kindern umgehen kann, war sofort bereit, die Übergabe der Zertifikate zu übernehmen. Es wurde ein fröhlicher, leichter, beschwingter Nachmittag, an dem ich mich trotz aller Verantwortung in diese lockere Stimmung fallen lassen konnte. Die Kinder: fröhlich und stolz, einige anwesende Eltern: dankbar und auch stolz – und ich strahle auf allen Fotos so, wie ich mich selten strahlen gesehen hatte. Natürlich hatten wir, letztmalig in dieser heißen Bibliothek, wieder den heißesten Tag der Woche erwischt. Das ist das Gesetz der Serie. 🙂 Umso mehr schmeckte uns allen anschließend das Eis im Café gegenüber.

Am Abend danach musste ich noch eine spontane gewünschte Zuarbeit (einen plattdeutschen Text) für ein Kinder-Projekt in einer meiner früheren Arbeitsstellen auf den Weg bringen, um die mich eine ehemalige Kollegin, die inzwischen eine liebe Freundin geworden ist, gebeten hatte. So konnte ich das schöne Erlebnis des Tages nicht nachklingen lassen und fiel nur gegen Mitternacht erschöpft ins Bett. Beim gemütlichen Frühstück am nächsten Morgen ließ ich alles noch einmal gedanklich Revue passieren. Und plötzlich fand ich mich in Tränen aufgelöst am Frühstückstisch wieder. Der ganze Druck kam raus und wurde „weggeheult“. Es waren dankbare Freudentränen. Normalerweise habe ich sonst überhaupt nicht nah am Wasser gebaut, aber es sollte anscheinend der ganze Druck dieses Sommers mit einem Mal hinaus gespült werden. Und irgendwie war ja auch alles sehr skurril: Hätte ich nicht vom Bürgermeister eine Abmahnung erhalten, dann hätte ich wieder ihn eingeladen, dann wäre der Abschluss wieder sehr förmlich und steif verlaufen. Dann hätte es diese lockere , beschwingte, schöne Rede und die kleinen Geschenke, die die Kinder noch zusätzlich zu den von mir organisierten Preisen erhielten, nicht gegeben. Also alles Negative hat im Nachhinein auch sein Gutes. 🙂

Himmelszeichen

Endlich kann ich wieder meinen geliebten „normalen“ mecklenburgischen Sommer genießen. Besonders schön finde ich, dass sich jetzt oft die so lange vermissten kreativen Wattewölkchen zeigen, mal als Himmelsgebirge, mal als wattige Inselchen und mal als Himmelsfische.Wie habe ich diese schönen Wolken vermisst, die in den letzten Jahren immer seltener zu sehen waren! Als Kind konnte ich stundenlang auf dem Boot liegen und in den Himmel schauen. In den letzten Jahren jedoch war dort nur entweder Einheitsgrau, waberige Hochnebelmasse oder langweiliges Einheitsblau zu sehen. Keine Wattewölkchen mehr.

Als ich in der letzten Woche abends aus dem Busfenster schaute, stockte mir regelrecht der Atem. Der ganze blaue Himmel war mit weißen Wattewölkchen übersät. Nur an einer Stelle schwammen tatsächlich drei große dunkelgraue Wale durch den Himmel! Die sahen aus wie Raumschiffe. Wie gebannt starrte ich aus dem Busfenster und wunderte mich, dass dieses Himmelsspektakel keinen weiteren Fahrgast zu interessieren schien. Mit der Zeit wurden die Himmels-Wale kleiner, teilten sich in viele kleinere „Himmelsfische“, blieben aber dunkelgrau zwischen den weißen Wattewölkchen in der Umgebung. Kurz vor meinem Heimatort die nächste himmlische Szene: Die dunkelgrauen Himmelsfische hatten sich zu einem Tor, ähnlich wie ein Kirchenportal, formiert. Ein dunkelgraues Wolkentor, in dem es hell leuchtete. Mir stockte erneut der Atem. In dem hell euchtenden Tor war Bewegung, so als ob weiße Wolkenwesen dort hindurchgehen würden. Leider geriet das Tor bald aus meinem Blickfeld oder löste sich auf. Aber es war sooo schööön!!!

Gestern gegen Abend nun das nächste Himmelsschauspiel. Nachdem es einen leichten Sonnen-Regen gegeben hatte, sah ich aus dem Küchenfenster einen so intensiv leuchtenden Regenbogen, wie ich ihn selten erlebt hatte. Schnell holte ich meinen Fotoapparat und setzte mich auf den Balkon. Aber die Eile war überhaupt nicht nötig, denn der Regenbogen blieb mir zwanzig Minuten lang in aller Schönheit erhalten, mal stärker und mal schwächer leuchtend. Ich saß wie gebannt auf meinem Balkon, fotografierte, schaute, staunte. Und ich packte alle meine Sorgen zusammen, ließ sie los und schickte sie auf dieser wunderschönen Regebogenbrücke ins Licht!!!

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Schmetterlinge weisen den Weg …

An meinem freien Nachmittag sitze ich zu Hause und warte auf das angekündigte Unwetter. Ja, wo bleibt es denn? Immer wieder diese leeren Versprechungen! 🙂 Obwohl, eigentlich haben wir ja seit drei Tagen Unwetter. Zwar nicht so, wie es der deutsche Wetterdienst definiert, sondern rein aus meiner persönlichen Sicht. Lähmende Hitze und stehende, chwüle Luft – also für mich ist das ein Unwetter!!! 🙂

Und dabei soll man noch vernünftig arbeiten? Hinter den großen Schaufenstern der Bibliothek staut sich die Hitze. Auf dem gepflasterten Vorplatz vor der Bibliothek staut sich die Hitze. Jeder Leser, der sich noch hierher verirrt, gibt seinen Kommentar zur aktuellen (Un)wetterlage ab. Und Manni, mein persönlicher Regenschamane ❤ , streikt seit Wochen. Die Hitze hat ihn lahm gelegt. ❤

Tja, was soll man da tun? Also eigentlich nix oder so wenig wie möglich. Am PC arbeiten? Fehlanzeige! Das ist derzeit der heißeste Arbeitsplatz in der Bibliothek. Bücher einarbeiten? Fehlanzeige! Denn es ist einfach eklig, irgendwelche Barcodes und Signaturen kleben zu müssen. Veranstaltungen? Macht nur dann Sinn, wenn man die entsprechende Gruppe schnell wieder loswerden will, denn keiner hält es in der Bibliothek lange aus. 🙂 Also habe ich den täglichen Ablauf etwas verändert: alle Schreibarbeiten am PC morgens, wenn es noch erträglich ist. Danach ziehe ich mich in den hintersten, noch einigermaßen kühlen Winkel der Bibliothek zurück und ordne Archivmaterial. Denn ich bin ja gleichzeitig die Archivarin der Stadt. Zum Glück kann ich an den beiden Archiv-Arbeitstagen jederzeit Überstunden abbummeln. Ich liebe meine neue Zeiterfassungs-Software heiß  🙂 und innig. ❤ Seit ich die habe, merke ich erst einmal, wieviel Freizeit ich meinem Arbeitgeber bisher geschenkt hatte. Also dem Arbeitgeber, der mir vor kurzem eine Abmahnung erteilte und mich in der letzten Woche dauernd mit bösen Mails belegte. Konsequent bummle ich jetzt jede Über-Sekunde ab und mache auch zu Hause keine Hausaufgaben mehr. Das haben die nun davon. Obwohl, seit drei Tagen scheinen die genauso wegzuschmelzen wie ich. Überhaupt keine Mails mehr, weder gute noch böse. 🙂

Immer, wenn ich draußen unterwegs bin, werde ich von Schmetterlingen sanft umflattert. Das ist richtig auffallend. Sogar an Straßenkreuzungen, wo absolut keine Blume wächst, verfolgen mich die Schmetterlinge. An der Bushaltestelle, auf der Straße, früh morgens vor dem Haus, an meinem Arbeitsort auf dem heißen Platz vor der Bibliothek, auf dem verbrannten Rasenplatz hinter der Bibliothek – überall Schmetterlinge. Als ich vorgestern abends im noch haltenden Bus saß und auf die Haltestelle schaute, taumelte ein kleiner Schmetterling ganz langsam an meinem Busfenster vorbei, damit ich ihn auch ja begrüßen kann. Also, kleiner Freund ❤ , was willst du mir denn sagen? Die Seite http://www.schamanische-krafttiere.de gibt Auskunft:

„Flattert der Schmetterling zu Ihnen ins Leben, dann möchte er Ihnen Leichtigkeit, Freude und Verspieltheit schenken. Sie haben sich viel zu lange den schweren Dingen gewidmet, die Sie nach unten gezogen oder auf der Erde festgehalten haben, anstatt Sie zu beflügeln und an andere Orte oder zu anderen Menschen zu bringen. Das Krafttier Schmetterling kommt deshalb jetzt zu Ihnen, um Ihnen die Leichtigkeit des Seins zu vermitteln und Ihnen dabei zu helfen, unnötigen Ballast abzuwerfen, damit Sie wieder leicht genug sind, um abzuheben, Ihre Flügel auszubreiten und Ihre Freiheit zu genießen. So wie sich auch die Raupe verpuppt und als Schmetterling auf die Welt zurückkehrt, so sollen auch Sie sich verpuppen, einen Schlusstrich ziehen und ein neues, unbeschwertes Leben anfangen. Der Schmetterling als Krafttier macht Sie aber auch auf die Kleinigkeiten des Lebens und auf das Geheimnis der Einfachheit aufmerksam, die beide große Macht und Freude in sich bergen. Erkennen Sie mit Hilfe des Schmetterlings als Krafttier, wie facettenreich das Leben ist und in wie vielen Farben es glänzt, schimmert und schillert. Es gibt mehr, als das Auge sieht und das Krafttier Schmetterling hilft Ihnen dabei, das sehen zu können, was Ihren Augen bisher verborgen blieb. Haben Sie erst einmal den Reinigungs- und Erneuerungsprozess des Schmetterlings durchlaufen, fühlen Sie sich wie neu geboren, haben ein anderes Lebensgefühl und können mit mehr Zuversicht und Hoffnung zu neuen Taten schreiten. Folgen Sie dem Schmetterling, wenn Sie wollen, dass Ihre Seele erwacht, Sie nicht länger auf der Stelle verharren, neue Welten erkunden und neue Wesen kennen lernen wollen!“

Na, das passt doch mal wieder!!! 🙂

Also flattere ich ab jetzt leicht und beschwingt durch diesen Sommer und lasse alles Schwere, Blockierende, Schwarze 🙂 hinter mir …

Leben einzeln und frei …

Leben einzeln und frei …

Beim Ausmisten älterer Tageszeitungen bin ich auf die Debatte um Äußerungen Wolf Biermanns in der New York Times über die immer noch verbreitete Sklaven-Mentalität der Ossis gestoßen. Zwei Zitate von Wolf Biermann wurden in diesem Artikel genannt: „Die letzten Jahrzehnte haben uns gelehrt, dass es viel leichter ist, neue Straßen und Häuser und moderne Fabriken zu bauen, als aus geknebelten Untertanen tolerante Demokraten zu machen.“ und „Gelernten Sklaven tut Freiheit halt weh.“ Des weiteren wird berichtet, dass Biermann den Ossis „eine heimliche Sehnsucht nach den Bequemlichkeiten der Diktatur“ nachsagt. Ein negatives Pauschal-Urteil? Das könnte man so sehen. Aber ich habe dazu meine eigene Meinung.

Komisch. Gerade vorgestern hatte ich mit einem aus Baden Württemberg zugezogenen Leser genau dieses Thema am Wickel. Er berichtete über seine Erfahrungen als neu im Osten ansässiger Unternehmer und kam immer wieder zu dem selben Punkt: „Bei uns würde so etwas anders laufen!“ Es ging da um Gehorsam von Amtsträgern und Verwaltungen gegenüber Großgrundbesitzern, die gleichzeitig Groß-Sponsoren sind. Es ging um Verwicklungen von Wirtschaft und Politik und um Machenschaften auf Kosten der Steuerzahler. Und immer wieder der Kommentar: „Bei uns würde es so etwas nicht geben!!!“

Dieses Gespräch mit dem Leser ergab sich nach einer Zeit, in der mir massive Loyalitäts-Verletzungen vorgeworfen wurden, und das aufgrund von Bestimmungen, die für den Öffentlichen Dienst schon längst abgeschafft wurden. In meinem Kampf gegen schwarze Bibliotheksregale habe ich sowohl den Chef von einer ganz diktatorischen Seite kennengelernt als auch eine Bauamts-Leiterin erlebt, die, ganz pflichtbewusste Untertanin, noch kräftig nachgetreten hat. Des weiteren erlebte ich einen Innenarchitekten, der sein fachliches Unvermögen durch gehöriges Verteilen von Schleim an die „Macht“ kaschieren wollte. Nachdem ich da in der letzten Woche erneut etwas aufgedeckt hatte, wurde ich wieder per Mail getreten, getreten und getreten.

Es ist schon unglaublich, was da noch im kollektiven Unbewussten der Ossis wabert und jetzt an die Oberfläche kommt, um geheilt zu werden. Zum Glück erfreue ich mich einer großen psychischen Stabilität, so dass ich nach den Konfrontationen immer schnell den nötigen inneren Abstand finde und das größere Bild erkennen kann. Ich erkenne ganz deutlich bei zwei Beteiligten ein verletztes Kind, welches ganz wütend um sich beißt. Ich erkenne bei einer Beteiligten die Angst um ihren neuen Job, weshalb sie zum perfekten angepassten ausführenden Organ mutiert. Ich erkenne bei anderen zwar Mut, aber auch die Angst, den mutig angedachten Weg weiter zu gehen. Und ich bin in der Lage, dies alles wie einen Film zu sehen, an dem ich nicht beteiligt bin.

Und, ja, auch ich erkenne meine Grenzen. Ich habe aus Angst in diesem Kampf nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Ich bin nicht an die Presse gegangen. Ich habe keinen Leser angestiftet, eine Unterschriftenaktion zu starten. Das wären noch Möglichkeiten gewesen, schwarze Bibliotheksregale im Erwachsenenbereich und eine schwarze, hohe Regalwand im Kinder-Bereich zu verhindern. Ich bin schon sehr weit, bis zur erfolgten Abmahnung, gegangen, aber vor diesen weiteren Schritten hatte auch ich Angst. Dazu muss ich sagen, dass ich vor genau 15 Jahren schon einmal gekämpft habe, auch mit Unterschriftenaktion und Presse, und dass dies nicht das erhoffte Ergebnis gebracht hat. In gewisser Weise sind also auch bei mir noch nicht alle „Sklaven-Reste“ getilgt.

In jeder schwierigen Lebensphase fallen mir Trostlieder zu. So auch diesmal. Als ich am letzten Wochenende auf youtube etwas ganz anderes suchte, stolperte ich über ein Lied, was ich in den 80er Jahren mal zur Gitarre gesungen hatte: „Leben einzeln und frei“ von Hannes Wader.

 

Sag, bist du bereit,

dich mit aller Kraft zu wehren,

viele Kämpfe zu besteh’n?

Du hast Mut genug,

willst du unsern langen schweren Weg

gemeinsam mit uns geh’n?

Oder willst du deine Kraft verschwenden,

im Alleingang gegen eine ganze Welt,

um zum Schluss in traurigen Legenden

dazusteh’n als gescheiterter Held?

 

Leben einzeln und frei,

wie ein Baum und dabei,

brüderlich wie ein Wald,

diese Sehnsucht ist alt.

Sie gibt uns Halt, in unserem Kampf,

gegen die Dummheit, den Hass, die Gewalt.

Ihr Gefährten im Zorn, ihr Gefährten im Streit,

mit uns kämpft die Vernunft und die Zeit.

 

Sag, bist du bereit,

dich mit aller Kraft zu wehren,

viele Kämpfe zu besteh’n?

Du hast Mut genug,

willst du unsern langen schweren Weg

gemeinsam mit uns geh’n?

Willst du mit uns geh’n, dem Sieg entgegen?

Komm, wir haben keine Zeit, uns auszuruh’n!

Nichts wird sich von selbst nach vorn bewegen,

darum zählt auch nur das, was wir tun!

 

Leben einzeln und frei …

 

Dieses sowohl vom jungen als auch nach Jahrzehnten vom älteren Hannes Wader so wunderbar gesungene fröhliche, klare Lied hat sich bei mit zu einem Ohrwurm entwickelt, der innere Sicherheit gibt und gute Laune macht. Wenn ihr mal schwanken solltet, und überlegt, ob es Sinn macht, sich für eine Sache zu engageren, dann hört euch dieses Lied an!

Schwesterntag

Zum 50. Geburtstag hatte ich mir von der Familie meiner Schwester ein schönes kulturelles Erlebnis gewünscht. Dieses Geschenk konnte ich nun genießen, in einer Zeit, in der es mehr als nötig ist, meine Batterien immer mal wieder aufzutanken.

Sie hatten sich wirklich liebevoll Gedanken gemacht und alles mit Umsicht bedacht: meine Schwester und mein Schwager schenkten mir ein Konzerterlebnis, mein großer Neffe schenkte mir die Übernachtung im Hotel und der kleine Neffe plus Lebensgefährtin schenkten das kulinarische Drumherum und eine Schifffahrt. Alles zusammen mit meiner Schwester. ❤ Da wir zwar nur 100 km voneinander entfernt wohnen, aber beide auf mehreren „Baustellen“ sehr engagiert sind, sehen wir uns selten. Und wenn, dann ist immer Familie drumherum. Ein alleiniges Treffen gelingt so gut wie nie, und wenn, dann höchstens mal ein gemeinsames Essen zwischen zwei Terminen.

Nun also ein ganzer Schwesterntag!!! Um auch wirklich ganz entspannt zu sein und auch innerlich etwas mehr feiern zu können, hatte ich am Abend vorher mein Manuskript fix und fertig feierlich zum Verleger gemailt. Eigentlich war es ja schon länger fertig, aber ich brauchte noch einen gewissen Loslösungs-Prozess und korrigierte doch noch immer wieder hier und dort daran herum. Aber der rituelle Schlusspunkt war stimmig, mein Bauchgefühl zeigte an, dass es okay ist, wenn das Manuskript jetzt seinen Weg in die Öffentlichkeit finden darf.

Meine Schwester holte mich vorgestern früh ab und wir fuhren zunächst zum Schiffsanleger, neben dem sich, wie ich im Internet erkundet hatte, ein Restaurant mit leckerer italienischer Küche befand. Der Park am See war fast menschenleer, das Restaurant ebenso und am Schiffsanleger wartete außer und kein Mensch. Nur ab und zu sah man Spaziergänger vorbei schlendern oder Kinder vorbeilaufen. Als wir, satt von einer leckeren Möhren-Ingwer-Suppe und einem ebenso leckeren Tomaten-Zucchini-Käse-Auflauf, zum Schiff kamen, war der Anleger immer noch menschenleer. Nur ein Vater stand mit seiner etwa achtjährigen Tochter am Schiff. Sie wollten sich zum nächsten Ort übersetzen lassen und von dort nach einem Eisessen zurückradeln. Der Kapitän schaute bedenklich, wartete lange und verkündete schließlich ernst: „Tut mir Leid, aber mit so wenigen Passagieren fahre ich nicht!“ Vor dem Schiff jammerten der Papa und das Kind. Auf dem Schiff jammerte meine Schwester: „Ooch, die Schifffahrt ist ein Geburtstagsgeschenk, die können Sie doch nicht ausfallen lassen!!!“ Das Wunder geschah. Der Käpt’n ließ sich erweichen und legte ab.  🙂  🙂  🙂 „Aber nur bis zum nächsten Ort, um Papa und Tochter abzusetzen, und wieder zurück!“ Wir waren überglücklich und ließen uns an Bord eine steife Brise um die Ohren wehen. Wir plauderten ein wenig mit Papa und Tochter und ich fotografierte viel und schaute immer mal, ob nicht doch das versunkene sagenhafte Rethra aus dem See auftaucht. Der See schimmerte manchmal etwas türkis und manchmal mystisch dunkel, aber die sagenhafte Stadt blieb versunken.  🙂 Weit hinten sah man das Hügelgrab mit dem schönen Rundblick und davor ein Dorf. Vor dem anderen Ufer konnte man die Umrisse der Insel erahnen, auf der sich das Heiligtum mit der Statue des Slawengottes befunden haben soll. Auf einem Hügel über dem See schimmerte weiß das Belvedere. Nachdem Papa und Tochter am nächsten Ort verabschiedet worden waren, saßen wir zu zweit allein auf dem Fahrgastschiff und genossen dies sehr. Eine Ruhe, eine Stille, nur das Plätschern der Wellen, das Brummen des Schiffsmotors und wir. 🙂 Eine gute halbe Stunde lang hatten wir das Schiff nur für uns allein. Himmlisch!!!  🙂 Schließlich sagte der Käpt’n ins Mikro: „und nun verabschiede ich mich von den Damen und wünsche noch einen schönen Geburtstag!“  🙂 Auf dem Anleger wartete eine riesengroße Seniorengruppe und drängte auf unser Schiff. „Halt! Bilden Sie bitte eine Schneise für die Aussteiger!“, rief der Käpt’n ins Mikro. Gehorsam wichen die älteren Herrschaften zurück. Als meine Schwester und ich auf dem so entstandenen Gang durch die Menschenmenge schwebten, schauten alle sehr irritiert: „Was? Nur diese beiden? Mehr nicht?“  🙂 Wir bedankten uns noch sehr bei Käpt’n und Crew und schwebten von dannen. Es war Zeit, in das Hotel einzuchecken. Es lag 300 m vom großen See entfernt und war durch eine kurze Autofahrt zu erreichen. Ein schönes, helles, großzügiges Zimmer mit einer kleinem, gemütlichen Terrasse wartete auf uns. Wir gingen noch einmal zum See hinunter und bestaunten das große Strandbad. Hier war wirklich alles bedacht worden: ein mit Bäumen bestandener Rasen-Liegeplatz, ein Sandufer, wo die Kinder buddeln konnten, ein Spielplatz für die Kinder, eine Eisbude, Bänke, Toiletten, unendlich viele Fahrradständer und eine riesenlange Brücke mit Badetreppen und Badeleitern. Herrlich!!! Wir wanderten noch bis zum nächsten italienischen Eiscafé und schlemmerten mal wieder.  🙂 Als wir dort ankamen, war am Nebentisch noch eine große Gruppe lautstark miteinander beschäftigt. Aber keine zehn Minuten später waren alle gegangen und wir konnten eine herrliche Ruhe genießen! Es war, als ob an diesem Tag alle sich verabredet hatten, es uns so richtig schön und gemütlich einzurichten!  🙂

Nachdem wir uns im Hotel etwas frisch gemacht hatten, ging es ins Konzert. Wir hatten verschiedene Varianten erwogen, in die Konzertkirche zu gelangen, entschieden uns dann aber doch dafür, zu Fuß zu gehen, für den Fall, das wir noch irgendwo einen Absacker trinken wollten. Im Hotel hatte man uns den Schleichweg beschrieben. An einer Kleingartenanlage entlang, an einem Bach entlang, über eine Brücke, durch eine Wiese mit Schilf, blühenden Wildblumen und laut zirpenden Grillen, ein kurzes Stück durch den Wald. Dann kamen wir an eine Stelle, von der aus ich den Weg kannte. Wir freuten uns vor allem über das Grillenkonzert.

Obwohl wir ortsfremd waren, ging vor der Konzertkirche das große Begrüßen los. Meine Schwester traf zufällig eine ehemalige Kollegin. Ich traf zufällig ein Leser-Ehepaar meiner Bibliothek, meine Schwester traf eine ehemalige Schülerin mit Familie, mit der sie sich verabredet hatte und ich traf zufällig kulturinteressierte Bekannte aus meiner Heimatstadt. So klein ist die Welt!!! 🙂

Die Konzertkirche liebe ich sehr. Ein moderner Konzertsaal in einer ehemaligen Kirche, hell, weiträumig und mit einer tollen Akustik. Das Konzert: himmlische, zart hingehauchte Geigentöne mit Julia Fischer und der Deutschen Streicherphilharmonie, dirigiert von Michael Sanderling. Ein Traum!!! Ich hatte Julia Fischer bisher nur im Radio spielen gehört und Interviews mit ihr gehört. Nun war ich total fasziniert. Ihr Geigenspiel übertraf gefühlt vieles, was ich bis dahin gehört hatte – und ich habe schon viele große Geigenvirtuosen erlebt! So zart, so klar, so auf den Punkt, so präsent und doch so voller Empathie für das junge Orchester – Wahnsinn!!! Wie gesagt, es ist mein gefühlter momentaner Eindruck. Es kann ja sein, dass die anderen Konzerte, die ich bisher erlebte, mindestens genauso schön waren, ich aber an diesem Tag einfach innerlich viel offener war für diese Musik als sonst. Es berührte mich jedenfalls sehr.

Wir waren so voller Eindrücke und so erfüllt von der Musik, dass wir und entschieden, doch sofort in das Hotel zurückzugehen und noch eine Weile auf der Terasse zu sitzen. So gingen wir ganz vorsichtig in der Dämmerung durch den Wald, durch die von Grippen bezirpte Blumenwiese, über die Brücke, am Bach entlang, an den Kleingärten vorbei, immer den Grillen lauschend, auf dem nur vom Mond beschienenen Weg. In der Selbstbedienungs-Bar des Hotels fanden wir noch eine Packung Erdnüsse und zwei Flaschen Wasser, damit machten wir es uns auf der Terasse gemütlich und lauschten weiter dem Grillenkonzert. Es war traumhaft schön!

Bevor wir am nächsten Morgen abreisten, wollten wir nach einem reichlichen Frühstück noch zum Belvedere wandern, welches wir schon vom Schiff aus gesehen hatten. Irgendwo auf einem Hügel über dem See musste es liegen, aber meine Landkarten waren zu ungenau, um den Weg zu zeigen. Wir fragten einen Hotel-Mitarbeiter. „Ich bin nicht von hier. Aber es muss ein längerer Weg und eine große Steigung sein, ziemlich anstrengend. Ich kenne jemanden, der immer dorthin joggt.“ Die zweite Hoteldame konnte immerhin die erste Wegstrecke genauer beschreiben, war aber auch noch nie dort oben gewesen und meinte, dass es schon ein Stück zu gehen sei. Meine Schwester war verunsichert, denn sie wollte zum Mittagessen bei meinen Eltern sein und mich vorher an meinem Arbeitsort absetzen. Also fuhren wir das erste Stück Weg, also den Abschnitt, der uns genauer beschrieben werden konnte, mit dem Auto. Danach gingen wir einen leicht ansteigenden Waldweg entlang. Und fünf Minuten später fanden wir uns laut lachend auf einer Lichtung vor dem Belvedere wieder.  🙂  🙂  🙂  Es war nur ein kleiner, offener, tempelartiger Bau mit weißen Säulen. Vom Schiff aus hatte er größer gewirkt. Wir machten einige Fotos und beschlossen, die Stufen zum See hinabzusteigen, noch einmal auf die schöne, lange Strandbrücke zu gehen und von dort aus den Rundweg zum Parkplatz zu vollenden. Die Morgenstimmung am leeren Strand war schön. Wir beobachteten die Blesshühner und Haubentaucher und konnten schauen, wie unser „Privatschiff“ von gestern seine Morgentour startet, diesmal mit mehr Passagieren an Bord. Unser kleiner Rundweg zum „weit entfernten“ Belvedere hatte nicht mal eine halbe Stunde gedauert.  🙂

An meinem Arbeitsort angekommen, hielten wir noch einen netten Plausch mit meiner freundlichen Gärtnerin, wo meine Schwester noch ein Mitbringsel für unsere Eltern kaufte. Als wir in die Bibliothek traten, unterhielt sich gerade Doreen, meine ehrenamtliche Kollegin, mit Jafa, einem syrischen Mädchen. Jafa erzählte ganz lebendig und wunderbar über das zweite Sommerleseclub-Buch, was sie gelesen hatte. Welch ein schöner Empfang!!! 🙂

Wir haben beschlossen, von nun an in jedem Jahr mindestens einen Schwesterntag zu organisieren. Zeit für uns, Zeit für die Seele und Zeit zum gemeinsamen Genießen.

Wie ich meinen Ärger bewältige

Nach der Lektüre des letzten Blogbeitrags weiß man, dass es bei mir momentan beruflich nicht gerade rund läuft. Wer jetzt glaubt, ich lasse mich vom Ärger auffressen, der irrt sich gewaltig. Ich kann auch in dieser heftigen Zeit mit Freude Bibliotheksleser beraten, mit Spannung den Sommerleseclub vorbereiten, mit einem schönen Film oder bei der Lektüre eines guten Buches oder mit Musik in der Badewanne völlig relaxen. Und da ich mich gerade bei den letzten Arbeiten am neuen Sagenbuch befinde, kann ich stundenlang die Welt um mich herum vergessen und sehe vor meinem inneren Auge nur Zwerge, Drachen und Geister.

Ich habe es doch in der Hand, worauf ich meinen Fokus setze: Denke ich Tag und Nacht an schwarze Bibliotheksregale, dann werden die immer größer, immer gewaltiger und erschlagen mich schließlich mental. Also setze ich meinen Fokus auf das, was mich im Hier und Jetzt umgibt: Sonne, tolle Wolkenformationen am Himmel, blühende Blumen und superschöne, stimmige Fotos, die mir Peter, mein Computer-Freak, für das Sagenbuch zur Verfügung gestellt hat. Das sind jedenfalls die Dinge, die mir für den heutigen Samstag einfallen.

Ansonsten war es gerade in den letzten Tagen so, als hätte die ganze Welt sich verabredet, mir schöne Erlebnisse zu verschaffen. Eine Mail, die mich laut auflachen ließ, ein Telefonat mit meinem Neffen, welches mich erkennen ließ, was für ein toller junger Mann er geworden ist und wie wir uns doch ähnlich sind. Fast zeitgleich meldete sich sein Bruder und mailte mir Berichte über sein lange geprobtes Konzert – und auch hier darf ich wieder einmal stolze Tante sein. 🙂 Beide ahnen übrigens nichts von meinem Ärger. Es hatte sich gerade zufällig so ergeben, dass wir gerade jetzt nach Wochen mal wieder Kontakt hatten. In der Bibliothek erhielt ich ein besonders dickes Lob einer Leserin für meine Beratung und Literaturauswahl. Das sei wesentlich besser als in Berliner Bibliotheken und in der Bibliothek einer größeren Nachbarstadt.  🙂 Auch die Leserin wusste nichts von meinem Ärger. Vielleicht ist es wirklich so, dass wir alle unbewusst miteinander verbunden sind und dass manche Menschen einfach unbewusst so sensitiv sind, dass sie intuitiv spüren, dass man gerade jetzt Streicheleinheiten für die Seele braucht.

Die Lesekinder der Bibliothek waren alle extrem gut drauf und bekundeten ihre Freude darüber, dass der Sommerleseclub losgeht. Gerade die Kinder zu beraten macht total viel Spaß. Neue Leser meldeten sich an. Ein Mädchen, welches früher mal eifrige Sommerleseclub-Leserin war, zwischenzeitlich aber andere Interessen hatte und sich deshalb jahrelang nicht mehr blicken ließ, kam nun wieder, meldete sich erneut als Leserin an und liest sich nun durch die gesamte Fantasy-Literatur. Sie brachte dann gleich mal ihre kleine Schwester mit, die gerade das Sommerleseclub-Alter erreicht hat …  🙂

Und dazu noch die normalen, schönen alltäglichen Kleinigkeiten. Mein Honiglieferant hat seinen Rapshonig fertig. Mein schönes Sommerkleid ist endlich geliefert worden. Mein Fahrrad läuft wieder und der Reifen verliert keine Luft mehr. Die große Palme meiner Eltern hat nach meiner dreiwöchigen Gartenpflege so schön geblüht wie noch nie. Mein Bibliotheks-Pannentelefon funktioniert jetzt gerade etwas besser als sonst. Einer kranken Freundin geht es wieder besser. 🙂 Es sind so viele schöne Kleinigkeiten im Moment, man muss nur in der Lage sein, sie zu sehen und sich am schönen Augenblick zu erfreuen. Sowieso ist es für mich in solchen Fällen oberstes Prinzip, dass ich diesen Ärger bei mir behalte und nicht an Andere, die nichts dafür können, weitergebe. Dass so etwas extrem nach hinten losgehen kann, wurde mir gerade brühwarm und frisch erzählt. Eine Stadtvertreterin meines Arbeitsortes wollte Einsicht in städtische Akten nehmen, um sich vor einer Stadtvertretersitzung ein Urteil über entstandene Mehrkosten bilden zu können. Die Bauamtszicke, gerade extrem im Stress, knallte ihr nach einiger Diskussion einen großen Stapel Ordner vor die Nase und blubberte: „Da! Schauen Sie selbst nach!“ Der Bitte der Stadtvertreterin nach Erklärungen wurde nicht nachgekommen. Das dicke Ende kam: Die Stadtvertreterin ist Fraktionsvorsitzende. Sie sorgte gemeinsam mit einer weiteren Fraktion dafür, dass der Nachtragshaushalt inklusive dieser entstandenen Mehrkosten von den Stadtvertretern am selben Tag abgelehnt wurde. Ein abgelehnter Nachtragshaushalt ist natürlich der Super-Gau für die Verwaltung und letztendlich auch für mich. Aber ich muss zugeben, dass ich mich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren konnte. Wer in einen Wald hineinzickt, muss auch damit rechnen, dass es aus dem Wald auch gewaltig und folgenschwer wieder herauszicken kann. 🙂 Und dann ist da noch einer, der jetzt das Gefühl kennen dürfte, wie es ist, etwas vernünftiges zu wollen und dabei von höheren Autoritäten sinnlos ausgebremst zu werden. Und dass das gerade jetzt passiert und er mit diesem blöden Gefühl auch noch in den Urlaub gehen muss, ist schon sehr kurios. Ich sag’s ja, es gibt das kollektive Unbewusste, das morphogenetische Feld und alles ist mit allem verbunden.

Aber auch auf bewusster Ebene habe ich in diesen Tagen viele Herzens-Verbindungen gespürt, Menschen, die mir beistehen, obwohl sie mich noch nicht mal persönlich kennen, dazu sehr, sehr nette, feinfühlige neue Kollegen und ehemalige Kollegen. Ein zufällig hereingeschneiter Besuch meines ehemaligen Bibliotheks-Einrichtungsberaters, der mir Hintergründe erklärte und versuchte, mich zu trösten und dann noch meinen halben Bücherflohmarkt-Wagen leerkaufte. Und das schöne Dauer-Sommerwetter noch dazu. 🙂

Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich neben mir stehe und mich beobachte. Man lernt viel über sich selbst in solchen Situationen. Zum Beispiel, dass es mir gut tut, durch Bewegung Stress abzubauen. Am besten gleich einige makulierte Bücher oder Archivmüll nehmen und zerfetzen oder die Sommerleseclub-Regale oder Archivregale umräumen, danach 20 km radfahren und dann noch Großputz in der Wohnung. Und dann ist alles wieder gut. Auch Gespräche mit Menschen über alle möglichen anderen Themen helfen total. Die Tourismussaison läuft an,erste Touristen kommen und wollen beraten werden. Lesern zuhören, wenn die ihre Probleme loswerden wollen, hilft auch sehr und relativiert vieles. Und immer wieder: Leser beraten, Lesern schöne Bücher oder Hörbücher ans Herz legen. Dafür bin ich da, das ist mein Job, den ich nach wie vor sehr liebe. Egal, wie schwarz die Regale auch in Zukunft sein mögen. Die sind doch eh nur Verpackung. Auf den Inhalt kommt es an!!!