Lebhafte Sommertage

Normalerweise habe ich immer mal wieder einen Geistesblitz zu einem Thema, setze mich, so schnell es geht, hin und schreibe in einem Rutsch den Blogbeitrag. Seit einigen Wochen fehlt aber irgendwie die zündende Idee, also versuche ich mal, mich ganz traditionell vor ein „weißes Blatt Papier“ zu setzen und die Worte fließen zu lassen. Ich bin selbst gespannt auf das Ergebnis. 🙂 Diese Sommertage sind einfach so angefüllt, dass mir die Muße zum Reflektieren fehlt. Habe ich dann mal einige freie Stunden, falle ich fast sofort ins Koma. Als Kind habe ich meine Oma immer für ihren ausgiebigen Mittagsschlaf belächelt. Heute gefällt mir dieses Ritual sehr, aber ich kann es nicht oft praktizieren.

Meine Arbeitstage in der Bibliothek sind vollgestopft mit unterschiedlichen Dingen. Der Sommerleseclub nimmt Fahrt auf, da die Freikarte zum Burgfest unserer Kleinstadt als kleiner Anreiz wirkt. Inzwischen sind es noch einige Lesekinder mehr, die mitmachen, davon haben mir jetzt, nach fast zwei Wochen Ferien, schon sieben Kinder schöne Geschichten aus ihren gelesenen Büchern erzählt. Einige waren ganz schüchtern dabei und mussten erst etwas „auftauen“, andere erzählten so begeistert, dass es Spaß machte, zuzuhören. Besonders die Mädels, die „Mein Lotta-Leben“ ausgeliehen hatten, waren schnell damit durch. Da die Lotta-Bücher in den letzten Jahren schon unzählige Male über die Bibliothekstheke gewandert sind, kann ich da schon gut mitreden. Die häufigste Frage, die ich stelle, lautet: „Hat Lotta wieder etwas mit ihrer Flöte gezaubert?“ Ja, hat sie. Immer. Und die Mädels haben Spaß dabei. 🙂 Die Jungs haben sich zwar reichlich angemeldet, tun sich aber schwerer mit ihren Monsterbüchern. Aber die Ferien sind ja noch lang. 🙂

Am letzten Wochenende ließ ich mich zwar nicht von Lottas Flöte, sondern eher vom Barockhorn meines Neffen verzaubern. Er stattete uns einen seiner sehr seltenen Besuche ab, mit drei Hörnern im Gepäck. Er genoss es, im Haus meiner Eltern mal einfach dann zu üben, wenn ihm danach war, ohne einen Probenrauf aufsuchen zu müssen und ohne dass Nachbarn Sturm klingelten. Das Ergebnis waren meist wunderschöne Bach-Klänge, die allerdings auch in der halben Straße zu hören waren. Aber die Nachbarn meiner Eltern regten sich nicht auf. Ich fand es schön, ebenso die Abende mit intensiven Gesprächen und viel Gelächter im Garten. Der große, uralte Kaktus, der im Sommer auf dem Hof an der Südwand stehen darf, beglückte uns mit einer seiner seltenen weißen Blüten, die sich nur für eine Nacht öffnen. Anton pfiff dem Kaktus zur Belohnung die Arie der Königin der Nacht vor.

In der Bibliothek herrscht auch sonst ein reges Treiben. Es ist ja gleichzeitig die Touristinfo, daher kommen immer mal Urlauber vorbei. Die häufigsten Fragen sind in diesem Jahr die nach den Radwegen, und Radwanderkarten gehen beinahe täglich weg. Die meisten Urlauber sind gut gelaunte Familien mit Kindern. Aber auch Einheimische kommen gern. Gerade habe ich einen Wandkalender für 2018 mit historischen Fotos unserer Kleinstadt im Verkauf. Mit dem Ergebnis, dass das Limit meiner Handkasse täglich erreicht wird und ich jeden Tag am Abrechnen bin. Aber es ist schön. Die Option, einen Kalender drucken zu lassen, hatte sich eher zufällig ergeben. Da wir in unserem Arbeitskreis Stadtgeschichte einen rüstigen Rentner mit einem Händchen für Bildbearbeitung haben, der 500 historische Fotos digitalisiert hat, konnte ich den Kalender-Verlag direkt an diesen Mann weiterleiten und mich darauf verlassen, dass ein toller Kalender entsteht. Nun klopfen die Kunden sogar an Archivtagen an die Tür, um diesen Kalender zu kaufen. Wenn ich aus dem hintersten Archivraum von der Leiter geklingelt werde, finde ich das generell überhaupt nicht nett, aber da sind die Einwohner meines kleinen Arbeitsortes einfach seit Jahren erziehungsresistent. 🙂

Wenn zwischendurch mal eine Minute Ruhe war, saß ich am PC und versuchte, die Inschriften für die Stolpersteine zu erstellen, für die letzte jüdische Familie, die in der Kleinstadt gelebt hatte. Dem war eine wochenlange Suche vorausgegangen, denn das Geburtsdatum des Sohnes, der mit einem Kindertransport nach England geschickt wurde und als einziger überlebt hatte, ließ sich einfach nicht ermitteln. Erst eine sehr nette Berlinerin fand quasi in letzter Minute heraus, dass er in Berlin geboren wurde. 🙂 Da hätte ich hier im Mecklenburg ja lange suchen können! Das Thema ist immer wieder berührend. Als ich gerade in meinen Holocaust-Dateien suchte, fiel mir das Geburtsdatum der in Auschwitz ermordeten Schwester des überlebenden Jungen ins Auge. An genau diesem Tag wäre sie 93 Jahre alt geworden.

So springt man an einem Öffnungstag immer gedanklich hin und her: Lotta mit ihrer Flöte – Kalenderverkauf – jüdische Geschichte – das Bundesland hat die Förderrichtlinien geändert und möchte den Antrag auf Medienförderung noch einmal anders – „Wie komme ich mit dem Fahrrad nach xyz und ist die Strecke schwer zu fahren?“ – „Von diesem Thriller ist gerade der dritte Teil erschienen, können Sie den auch kaufen?“ Kurzer Klick bei amazon: ja tatsächlich, also Buch auf die Kaufliste – zwischendurch ein Anruf: „Ist noch ein Quartier für das Burgfest-Wochenende zu haben?“ „Nein, leider seit Wochen ausgebucht“. – Ups, Handkasse schon wieder voll, also Abrechnungsformular ausfüllen, Belege anheften, Abrechnungsvermerk ins Kassenbuch, wenn meine ehrenamtlichen Helferinnen nicht da sind, „Komme gleich wieder“ an die Tür und mit dem Geld zur Stadtverwaltung rennen – „Was können Sie mir für einen Krimi empfehlen“ – und nicht zu vergessen die Omas und Opas im Ferienkinder-Enkelstress, die Kinderbücher, Hörbücher und Filme für die Enkelkinder suchen. Es ist immer wieder niedlich, zu beobachten, wie die Enkelkinder Oma und Opa absolut im Griff haben. 🙂

So ein Sommer-Öffnungstag einer Kleinstadt-Bibliothek ist wirklich manchmal sehr sportlich, aber es macht auch Spaß – bis das Limit erreicht und die Luft raus ist und ich meinen Vater um seinen täglichen Mittagschlaf beneide. 🙂

Monster, Detektive und natürlich Lotta – ein Lesesommer beginnt

Als ich heute in meinem Arbeitsort aus dem Bus stieg, stand eine ganze Schulklasse an der Haltestelle, die gerade einsteigen wollte. Die Kinder strahlten mich an, winkten mir zu und begrüßten mich lautstark. Ich war völlig perplex. Hey, so eine Begrüßung hatte ich ja noch nie! So muss sich ein Rockstar fühlen, der aus dem Flugzeug steigt und von den Fans bejubelt wird. 🙂 🙂 Das war irgendwie auch so komisch, dass ich noch jetzt lachen muss.

Nun bin ich aber kein Rockstar, sondern Bibliothekarin. Und eben diese Schulklasse (2. Klasse) war am Vortag bei mir in der Bibliothek zu Gast. Erst waren sie ziemlich still, denn sie wurden von einer Lehrerin der alten Schule begleitet und wohl vorher „geimpft“: „In einer Bibliothek hat man leise zu sein! Man hört brav zu, wenn die Bibliothekarin vorliest!“ Nun wollte ich aber garnicht vorlesen und sie sollten auch nicht still zuhören. Das hätte sowieso nicht funktioniert, denn in der letzten Woche vor den großen Ferien haben die Kinder natürlich Hummeln im Hintern. Ich erzählte ziemlich frei, mit nur wenigen Lesepassagen dazwischen, eine Geschichte aus der Reihe „Ein Fall für Kwiatkowski“ von Jürgen Banscherus. Die Kinder waren aufgefordert, mitzuraten und sich selbst in die Lage des kleinen Privatdetektivs zu versetzen. Sie tauten wirklich immer mehr auf und die Lehrerin saß an der Seite und ließ mich machen. Die Kinder waren ziemlich clever und lösten den Fall. Und offenbar habe ich wirklich den Geschmack der Kinder getroffen und sie begeistert, sonst hätte ich heute am Bus nicht so eine Rockstar-Begrüßung gehabt. 🙂 Mittags traf ich die Kinder an der Haltestelle wieder, da hatten wir etwas mehr Zeit zum Erzählen. Mindestens drei Kinder versprachen, demnächst mit ihren Eltern zu kommen und sich eine Jahreskarte zu holen. Ob sie das wirklich tun, werde ich sehen, aber wichtig ist, dass sie den Bibliotheksbesuch in angenehmer Erinnerung behalten. Die Detektivgeschichte hatte ich ausgesucht, weil mir aufgefallen war, das seit einigen Monaten „Die drei ??? Kids“ wieder in Mode gekommen sind. Sie standen einige Jahre wenig beachtet im Regal, aber jetzt werden die zahlreichen Bände wieder gut entliehen.

Unmittelbar nachdem diese zweite Klasse gegangen war, stand gleich die vierte Klasse in der Bibliothek. Meine beiden ehrenamtlichen Mädels waren auch gerade gekommen und wir hatten nur einige Minuten zum Umräumen. Jetzt ging es darum, den Sommerleseclub zu bewerben und möglichst viele Kinder zum Mitmachen zu bewegen. Ich erklärte zunächst die Regeln für die Teilnahme und machte dann eine Art „bookslam“. Also ich versuchte, den Kindern so viele unterschiedliche Bücher wie möglich schmackhaft zu machen. Die Comic-Romane, ohne die im Sommerleseclub nichts geht, die Mädchenbuchreihen, die neue Abenteuerreihe „Tombquest“ und natürlich die Fantasybücher. Als ich gerade „Darkmouth“ in der Hand hielt, rief ein Mädchen begeistert: „Das kenne ich! Das ist richtig gut!!!“ Da ich das erste Buch dieser Reihe auch gelesen hatte und es auch gut fand, fing ich den Ball auf und erzählte etwas mehr darüber. Außerdem fragte ich das Mädchen, ob sie den dritten Band auch schon kennt, denn der war ziemlich neu und stand auch im Sommerleseclub-Regal. Nachdem ich das Regal zum Stürmen freigegeben hatte, waren sofort alle drei „Darkmouth“-Bücher weg. Der Junge, der den zweiten Band gegriffen hatte, war ein Wenig-Leser, ich kannte ihn. Ich erklärte ihm, dass es besser wäre, mit dem ersten Band anzufangen, denn sonst kennt man die Vorgeschichte nicht. (Außerdem ist die Reihe schon etwas für anspruchsvollere Leser.) Aber der Junge hielt das „erbeutete“ Buch fest umklammert und rückte es nicht raus. Nichts zu machen! Die zahlreichen anderen Fantasy-Bücher konnten ihn auch nicht locken. Noch nicht mal „Bitte nicht öffnen! Schleimig!“ zog ihn an. Auch sonst waren die Monster „in“. „Super Nick“ stand verschmäht in der Ecke und nur zwei Mädchen nahmen sich „Mein Lotta-Leben“-Bücher. Und alle griffen sich die dicksten Wälzer, wie z. B. „Woodwalker“. Normalerweise nehmen sich die Nicht-Leser, die im Sommerleseclub ausnahmsweise mal sich überreden lassen, ein Buch zu lesen, die dünnsten Comic-Romane. Als die Klasse weg war, hatten sich wirklich fast alle Schüler der Klasse für den Sommerleseclub angemeldet. In einer anderen Klase am Vortag war das Interesse ähnlich groß, aber auch da wurden die Monsterbücher ausgeliehen. Nun sitze ich da mit „Mia“, „Carlotta“, der „Glücksbäckerei“ und den anderen Mädchenbüchern und reibe mir verwundert die Augen. Auch „Die wilden Küken“ und „Die Karlsson-Kinder“ stehen in diesem Jahr schmollend in der Ecke. 🙂 Es ist doch immer wieder überraschend, worauf die Kinder gerade abfahren. 🙂 Ich beschäftige mich Abende lang mit der Vorauswahl der Sommerleseclub-Bücher und studiere die Rezensionen und Kritiken bei Amazon & Co. Es soll eine gute Mischung für alle Geschmäcker, möglichst niedrigschwellig und möglichst  aus den Neuerscheinungen der letzten zwei Jahre sein – Bücher, die Leselust wecken. Das ist ja letztendlich auch gelungen, denn Monster waren im Sommerleseclub-Regal reichlich versammelt. 🙂

Die größte Freude für mich ist, dass sich ein zwölfjähriger syrischer Junge, der gerade ein Jahr in Deutschland lebt, für den Sommerleseclub angemeldet hat! Natürlich hat auch er ein Fantasybuch entliehen. Das wird ein spannender Lesesommer!

Sind Bibliothekare autoritäre Machtmenschen?

Wieder einmal erschien in unserer Fachzeitschrift ein Artikel über die Zukunft der Bibliotheken oder über die Bibliothek der Zukunft (was ja ziemlich genau das selbe ist). Natürlich wieder einmal von einem Autor, der kein Bibliothekar ist, auch wenn er schon mehrere Bibliotheks-Publizistenpreise erhielt. Der Autor beschreibt Bibliotheken als konservative „Institutionen mit hoher Beharrungskraft.“ Und natürlich wieder einmal das Schreckensszenario: immer weniger Bücher „in echt“, immer mehr digital, immer leerere Räume. Die kommunale Bibliothek nur noch als rund um die Uhr geöffneter Kommunikations- und Veranstaltungsort. Das kennen wir alles schon. Alles schon tausend Mal gelesen und gehört. Leute, schmeißt eure Bücher raus und stellt Sofas rein.

Doch etwas an diesem Artikel war anders und ließ mich nachdenken. Die Bibliothek der Zukunft, so die ach so revolutionäre Meinung des Autors, sollte vom Leser gestaltet werden. Aber davor hätten ja die Bibliothekare Respekt, denn den Leser die Bibliothek gestalten zu lassen hieße ja Macht und Autorität aus den Händen geben. Wie jetzt? Im Umkehrschluss hieße das, wir seien alle machtgeil und autoritär? Der Autor fordert die „Demokratisierung des bibliothekarischen Selbstverständnisses“ explizit ein.

Hat der Leser etwa jetzt überhaupt kein Mitgestaltungsrecht? Wer entscheidet denn, welche Medien in den Bestand der Bibliotheken wandern? Ich denke, in den meisten Fällen die Leser. Es wird doch wohl keine öffentliche Bibliothek geben, die ihren Bestand an den Bedürfnissen der Leser vorbei aufbaut. Was gern gelesen wird, wird auch gekauft, denn das bringt ja die Entleihungen.  Beispiele gefällig? Bitteschön, ganz aktuell aus dieser Arbeitswoche. Ich harmoniesüchtiges Wesen würde, wenn es nach mir ginge, möglichst nicht noch mehr Thriller in die Bibliothek stellen. Da es aber nicht nach mir geht, erfülle ich natürlich gern den Wunsch einer Leserin, die nach dem ersten und zweiten auch den dritten. gerade erschienenen Teil von „Post Mortem“ lesen möchte. Und ich weiß, dass dann noch mindestens zehn weitere Leser dieses Buch lesen werden. Das ist nun eben so, da geht es nicht nach meinen Wünschen, sondern nach denen der Leser. Gerade haben wir das Sommerleseclub-Regal eingeräumt und ich musste schweren Herzens einige in meinen Augen sehr niedliche Kinderbücher entsorgen, weil sie seit vier Jahren kein Kind lesen wollte und mir einfach der Platz dafür fehlt. Was nicht gelesen wird, fliegt weg und wird durch Bücher ersetzt, die gern gelesen werden. Alles im Sinne der Leser. Wobei es dann auch wieder unzählige Leser gibt, die garnicht glauben und schon gleich überhaupt nicht verstehen können, dass wir Bücher einfach wegschmeißen. Gut, okay, wir versuchen es vorher noch, sie im Bücherflohmarkt anzubieten, aber wenn sie dann auch keiner nimmt, fliegen sie eben weg. Ganz im Sinne des Lesers, aber eben irgendwie doch nicht ganz im Sinne der zahlreichen Leser, denen Bücher nach wie vor heilig sind. Alles hat zwei Seiten.

Wenn ein Leser Einfluss auf die räumliche Gestaltung oder die Aufstellung der Bestände nehmen möchte – bitteschön, solange es sinnvoll ist und alle sich zurechtfinden. Das war aber bisher in meiner Bibliothek kaum der Fall. Es kam schon mal vor, dass einige Ecken für zu dunkel befunden wurden – gut, vor dem Umzug muss dann eben eine stärkere Glühlampe reichen. Oder dass einer Leserin die Stapel auf dem Neuerscheinungs-Wühltisch zu hoch waren. Auch das kann man ändern. An viel mehr Wünsche kann ich mich im Moment nicht erinnern. Der aktuellse Wunsch ist der des Pastors, der unsere Bibliothek noch nie von innen gesehen hat. Der wünscht sich einen Selbstbedienungs-Bücherschrank mit kostenlosen Büchern vor dem Neubau der Bibliothek, weil ihm die Leseförderung so sehr am Herzen liege. Warum er den Kostenlos-Bücherschrank nicht schon vor Jahren in seine im Sommer offene Kirche gestellt hat, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Viele Kirechen haben mittlerweile so einen Büchertisch.

Es gibt allerdings durchaus Fälle, in denen ich total autoritär reagiert habe. Und dazu stehe ich auch. 🙂 Das war dann, wenn meine jeweiligen Vertretungen in der Bibliothek oder der Touristinfo so umgeräumt hatten, dass ich nichts mehr wiederfand. Das eine Mal hatte meine Trulla, mit der ich ewig Zickenkrieg führe, den Schlüssel zur Handkasse wohl bewusst an einem ganz anderen Platz versteckt als ich es üblicherweise tue, mir aber das neue Versteck nicht verriet. Und da stand ich nun am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub: kein Schlüssel da, damit kein Wechselgeld da und natürlich gerade dann jemand da, der einige wenige Kopien mit einem großen Schein bezahlen wollte. (Wieso passiert eigentlich immer sowas gerade dann? 🙂 ) Und Trulla telefonisch nicht erreichbar. Da steht man dann in seiner eigenen Bibliothek wie ein Trottel und weiß nicht weiter. In solchen Fällen werde ich dann schon mal, gelinde gesagt, zur rasenden Wildsau. 🙂 Ein anderes Desaster passierte, als meine ehrenamtlichen Mädels mich während meines Amsterdam-Urlaubs vertraten. In dem Moment, als ich nach dem Urlaub die Bibliothek aufschloss, kamen schon Kunden, die in der Touristinfo, die ja mit dazu gehört, die CD des örtlichen Männerchores kaufen wollten. Komisch, seit Monaten hatte keiner mehr diese CD gekauft, aber gerade dann. Ich schaute irritiert auf den Tisch, wo sie immer lag: keine CD da! Überhaupt sah der Verkaufstisch total umgeräumt aus. Glücklicherweise hatte ich noch einen kleinen Vorrat von CDs im Schrank. Als die Kunden weg waren, schaute ich mir das Ganze genauer an: Die CDs waren von meinen Mädels in einen Ständer verfrachtet worden, in dem außerdem nur kostenlose Flyer standen. Statt dessen hatten sie andere, kostenlos erhältliche Dinge zwischen die Verkaufsartikel gelegt und die Verkaufsartikel dafür so zusammengelegt, dass man sie garnicht einzeln anschauen konnte. Ich atmete dreimal tief – und fünf Sekunden später, noch bevor meine Mädels zur Tür reinkamen, sah der Tisch wieder so aus, wie ich ihn aus praktischen Gründen brauche: alle Verkaufsartikel extra schön ausgebreitet auf diesem Tisch, den ich gut im Blick habe, und alle kostenlosen Flyer wieder in dem Ständer, der für mich von der Theke aus nicht so gut einsehbar ist. 🙂 Da war ich dann wirklich ganz autoritär. Ich sagte kein Wort dazu, denn ich wusste ja, dass die Mädels Augen im Kopf haben, um die wieder hergestellte alte Ordnung wahrzunehmen. (Nebenbei bemerkt: Wenn ich alle Vierteljahre mal eine Vertretung in einem Antiquariat mache, räume ich ja auch nicht das Antiquariat um.) Eine gewisse, praktische Ordnung muss schon sein, gerade in der Bibliothek. Denn wenn man Leserwünsche erfüllen möchte, dann wäre es auch ganz schön, etwas wiederzufinden. Alle Bibliothekare kennen bestimmt das ziemlich blöde Gefühl, was entsteht, wenn ein Leser gerade drei Minuten raus ist und das von ihm verzweifelt gesuchte und nicht gefundene Buch drei Meter weiter irgendwo auf einem Stapel liegt, auf dem es eigentlich nicht liegen sollte. Schade!!! Ein frustrierter Leser mehr! Ist das autoritär, wenn man für die Leser die richtigen Bücher nicht nur haben, sondern auch finden möchte? So wie ich vielleicht „autoritär“ bin, entspricht auch die Bibliothek, die ich leite, nicht dem allgemeinen Trend. Keine Onleihe, also keine eBooks, und dennoch, seit ich vor fast neun Jahren diese Bibliothek übernommen habe, von Jahr zu Jahr leicht steigende Entleihungszahlen, und das, ohne wie andere Kollegen in der Region die Statistik fälschen zu müssen. Was ich anders mache als die anderen, kann ich so nicht benennen. Ich bin eben einfach immer nur im Dienste des Lesers.

Die Bibliothek der Zukunft wird gerade in Hamburg-Finkenwerder erprobt und ist in 500 dänischen Bibliotheken schon Realität: Mit ihrem Leserausweis können Leser ab 18 Jahren 24 Stunden am Tag und 8 Tage die Woche, also größtenteils ohne Beratung und Aufsicht durch Bibliothekare, die Bibliothek betreten. Für die Verbuchung gibt es ja schon diese Selbstverbucher, so dass sich der Leser selbst ohne Hilfe des Personals seine Medien ausleihen kann. Und zur Diebstahlsicherung gibt es die RFID-Technologie, ähnlich wie im Supermarkt. In Hamburg wird ein auf diese Weise nutzbarer Bereich mit 11.000 Medien präsentiert. Die dänischen Kollegen berichten, dass in solchen 24 h-Bibliotheken manchmal über Nacht von den Lesern die Möbel umgeräumt wurden, aber manchmal auch zum Vorteil.

Okay, machen wir es doch so: Eine Hälfte Bibliothek der Zukunft mit 11.000 aktuellen Medien und dazu Möbeln, die der Leser so im Raum verteilen kann, wie er es gerade will – und eine Hälfte ganz traditionell eingerichtet, auch mit 11.000 aktuellen Medien, die ich so ordnen kann, dass ich sie für die Leser auch wiederfinde. Eine Alternative wäre die Erfindung eines neuen Ortungssystems. In welcher Ecke hat der kreative Leser gerade das neueste „Lotta-Leben“ fallenlassen, welches wie die Natter die Flatter gemacht hat? Suchgerät an, Peilung – ah, in der linken Ecke des roten Sofas, welches übrigens gerade von der Kuschelecke auf die Terrasse gewandert ist! 🙂 Kindern würde so ein Suchgerät bestimmt total Spaß machen. Das weckt doch mal wieder das Interesse am echten Buch und lässt einen Hauch von Abenteuer entstehen! Zur Deckung der Mehrkosten schlage ich vor, dass alle kreativen Köpfe mit klugen Ideen für die Bibliothek der Zukunft, die keine schlecht bezahlten Bibliothekare sind, von ihren Publizistenpreisgeldern eine Stiftung gründen, damit die finanziell klammen Kommunen auch alle in den Genuss der Bibliothek der Zukunft kommen.

(Dieser Beitrag bezieht sich auf den Artikel von Henning Bleyl: Ich bin eine Bibliothek, verändert mich!. in: BuB7/2017)

Muss ich meinem Chef etwas schenken wollen?

Es ist schon ein halbes Jahr her, als ich eine Mail der Sekretärin des Bürgermeisters öffnete: „Der Bürgermeister wird 50. Wollen Sie sich am allgemeinen Geschenk beteiligen oder haben Sie ein eigenes Geschenk?“ Nö. Weder noch. Weder will ich mich beteiligen noch will ich ihm selbst etwas schenken. Zumal eine Einladung zu einem Geburtstagsfrühstück bis dahin nicht erfolgt war und später auch nicht erfolgte. Der Bürgermeister ist nämlich ein ziemlicher Geizkragen. Dies zeigt sich sowohl privat (u. a. im nicht erfolgten Geburtstagsfrühstück, aber auch im nicht geschenkten Frauentagsblümchen) und auch dienstlich (wir sind fast alle unterbezahlt – das geht sogar trotz TvöD. Und er hält sich selbst mit Geburtstagsglückwünschen und dergleichen für Kollegen sehr zurück, selbst zu runden Geburtstagen. Selbst ein Lob hört man von ihm fast nie. Auch eine Art von Geiz. Alles ist immer selbstverständlich, sogar die Überstunden. Freundlicher Smalltalk im Vorbeigehen kommt von ihm überhaupt nicht. Der Hauptamtsleiter ist da anders. Begegne ich ihm auf dem Weg zu meinem Postfach im Dauerlauf auf dem Flur, hat er immer einen netten Satz für mich, und wenn es über das Wetter ist.

Es kann durchaus sein, dass diese Mail, die voraussetzt, dass wir alle dem Bürgermeister etwas schenken wollen, ein Fauxpas der neuen Sekretärin war, die die Gepflogenheiten des Hauses noch nicht kannte und vermutlich noch ganz begeistert vom Chef war. Wie ich auch am Anfang.

Aber Zeiten ändern sich. Ich bin nicht die, die zu Kreuze kriecht, ich sage immer ehrlich und sachlich meine konstruktive Meinung. Und damit ecke ich regelmäßig an. Dumm nur, dass der Chef statt sachlich zu reagieren jedes Mal persönlich beleidigt ist und fast in eine Art Verfolgungswahn verfällt. Einmal hat er mir in einer ziemlich bösen Mail Loyalitätsprobleme unterstellt und hat sich auf den Loyalitätsparagraphen berufen, den ich bei der Einstellung angeblich unterschrieben haben soll. Das war, als er der Meinung war, ich hätte den Arbeitskreis Stadtgeschichte gegen ihn aufgehetzt. Aber die waren alle von ganz allein wütend auf ihn und eine seiner Mitarbeiterinnen. Selbst verzapft – da konnte ich wirklich nix für! Vorsichtshalber schaute ich doch mal nach, was ich damals unterschrieben hatte. Aber ich fand nichts zum Thema Loyalität. Im Internet fand ich dann heraus, dass es früher mal tatsächlich einen Loyalitätsparagraphen gegeben hatte, den man bei der Einstellung unterschreiben musste. Heute gibt es das nicht mehr, und auf dem Formular, was ich unterschrieben hatte, bekannte ich mich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und das tue ich noch heute. Würde ich jederzeit wieder unterschreiben!

Dass mein Chef psychisch instabil ist, wissen wir seit langem. So ist der Umgang mit ihm ein ständiger Balanceakt. Jeder Kollege sucht sich den für ihn optimalen Weg. Die meisten halten sich an die Redewendung: „Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen würst.“ 🙂 Ein sehr guter Rat, dem auch ich folge. Einige, die ihm doch öfter über den Weg laufen müssen, arbeiten erfolgreich mit der Methode „überkorrekt arbeiten, aber sehr distanziert im persönlichen Umgang“ Zumindest die Arbeit dieser Mitarbeiter weiß der Chef zu schätzen. Für sie selbst war diese Methode jedoch offenbar zu anstrengend, oder sie konnten vieles von dem, was der Bürgermeister wollte oder äußerte, nicht mittragen. Jedenfalls sind die meisten dieser netten Kollegen leider gegangen. Was vielleicht auch an der Unterbezahlung lag. Diese Kollegen verhielten sich meist loyal, aber wenn man in einem Vier-Augen-Gespräch genau hinhörte (und als gelernter DDR-Bürger kann ich das noch ganz gut), dann konnte man zwischen den Zeilen doch das eine oder andere kritische Wort heraushören. Einer dieser gegangenen Kollegen zieht heute in seinem Dorf über seinen Ex-Chef ordentlich vom Leder. Dummerweise kenne ich jemanden in diesem Dorf, der mir das dann immer brühwarm weitererzählt, u. a. die völlig unangebrachten Bemerkungen des Bürgermeisters über die Flüchtlinge in unserer Stadt. Peinlich, sowas!

Es gibt auch einige Kollegen, die den Chef total anschleimen. Die eine tat das ziemlich offensiv, wohl in der Hoffnung, Chefsekretärin zu werden. Ich mag diese Kollegin nicht besonders, weil sie, so wie sie nach oben schleimt, versucht, nach unten zu treten. Bei einer Weihnachtsfeier tat sie mir dann aber wieder Leid, denn kaum war sie gegangen, fing der Chef an, unendlich über sie zu lästern. Und Chefsekretärin ist sie schließlich auch nicht geworden. Da hat sich der Chef lieber etwas Junges, Knackiges geholt. Zumal man bei neuen, unverbrauchten Kollegen ja noch Sympathiepunkte sammeln kann. 🙂

Eigentlich gibt es ja einen Personalrat, der dazu da ist, Ungerechtigkeiten zu vermeiden. Ja, eigentlich. Dieser war aber im Laufe der Jahre so inaktiv geworden, dass man glatt die Personalrats-Wiederwahl vergessen hatte und sie erst zwei Jahre später pro Forma nachholte. Und wozu soll ich mich an der Wiederwahl eines Personalrats beteiligen, der nicht einmal selbst dafür sorgen kann, dass er rechtzeitig wiedergewählt wird? Wenn er schon nicht in der Lage ist, sich dafür einzusetzen – wie soll er sich dann für die Rechte der Kollegen einsetzen?

Wie ist nun meine Strategie? Ersten möglichst aus dem Weg gehen. (gehe nicht zum Fürst …) Zweiten habe ich immer ein gutes Gewissen, weil ich fachlich erfolgreich arbeite. Deshalb biete ich keinem Chef eine Angriffsfläche. Und wenn es sich doch nicht vermeiden lässt, ihn zu kontaktieren, dann versuche ich es erst per Mail. In 99% aller Fälle reicht die sachliche Mail aus und erspart die persönliche Begegnung. („Gehe nicht zu deinem Fürst …“) Da ich in einer Außenstelle arbeite, geht das wunderbar. Auf diese Weise habe ich meinen Chef Monate nicht gesehen, das letzte Mal bei einer Arbeitsschutzbelehrung, an der alle teilnehmen mussten. Wenn er eine Anweisung an mich hat, dann tut er das auch in einer Mail, und immer sehr höflich und formvollendet. Neuerdings bedankt er sich auch schon mal für Zuarbeiten. Vielleicht sind Chefs ja doch lernfähig? Zumindest dann, wenn sie auf einmal ohne ihre Führungsebene dastehen, weil Kämmerer, Bauamtsleiter und Ordnungsamtsleiterin gegangen sind.

Ich habe jedenfalls, da ich die freiheitlich-demokratische Grundordnung liebe, mein Recht auf Überprüfung meiner TvöD-Entgeltgruppe geltend gemacht. Ich bin es mir selbst wert! Wenn ich fortan richtig eingruppiert werden sollte, kann ich mir vielleicht zum nächsten runden Geburtstag auch ein Geschenk für den Bürgermeister leisten – wenn er dann noch Bürgermeister sein sollte.

Wie heißt das Kind?

Vor einigen Tagen kam eine gute Bekannte in die Bibliothek. „Bist du nun schon Oma geworden?“, fragte ich sie, denn die Geburt ihres Enkelkindes sollte irgendwann jetzt stattfinden. „Ja.“, sagte sie und schaute mich bedrückt an. „Ist alles okay mit dem Kind? Alles dran?“, fragte ich besorgt. „Ja. Es ist ein Mädchen und es heißt – Palina.“ – Wie bitte?“ – Palina, nach einer Moderatorin eines Privatsenders.“ – „Kenne ich nicht.“ – „Wir kannten die auch nicht. Mein Mann hat sie gegoogelt: knallrote Haare und sooo ein Busen, mit dem sie sich auch schon mal nackt fotografieren lässt. Igitt! Und nach so einer Frau wird unsere Enkeltochter benannt. Hätte meine Tochter nicht einen traditionellen Namen nehmen können? Die alten Namen sind doch gerade wieder modern!“

Die Frau hatte mein vollstes Verständnis. Ich versuchte sie zu trösten: „Palina geht ja noch. Klingt zumindest melodiös, und in zehn Jahren kennt man die rothaarige Moderatorin mit dem großen, nackten Busen vielleicht schon garnicht mehr.“ Dann erzählte ich ihr, was ich schon alles für Namen in der Bibliothek erlebt habe. Hailie Joline zum Beispiel. Ein kleiner Stöpsel sagte mal ganz fachmännisch, als ich seinen Vornamen nicht verstand: „Ich buchstabiere Ihnen das mal.“ Das musste er wohl schon oft, denn er heißt: „Y-a-s-s-i-n.“ Der Name stammt aus dem Arabischen. Die kleine Schwester einer Sommerleseclub-Teilnehmerin wurde immer „Fibi“ gerufen. Ich bekam keinen Sinn in diesen Namen, und auch anderen Einwohnern meines kleinen Arbeitsortes war der Name des Mädchens unverständlich. Bei mir weckte er eher negative Assoziationen, denn eine ungeliebte ehemalige Kollegin wurde in Abkürzung ihres Nachnamens von uns immer „Vibi“ gerufen. Es wagte aber auch keiner, die junge Mutter zu fragen. Des Rätsels Lösung zeigte sich erst einige Jahre später, als die Schulanfänger einer kleinen, alternativen Schule, in die „Fibi“ eingeschult wurde, auf einem Foto mit namentlicher Bildunterschrift in der Zeitung abgebildet waren. Die Kleine heißt Phoebe. Ein alter, englischer Name, der auch im englischen Sprachraum so gut wie out ist. Da wäre ich allein nie drauf gekommen! Ganz verrückt klingt es, wenn die Eltern ihrem Kind einen englischen Namen verpassen, ihn aber dann nicht englisch aussprechen. Dafür habe ich auch ein lebendes Beispiel in der Bibliothek, die Kleine heißt Winona, und die Eltern sprechen sie genauso an, wie es hier geschrieben steht. Mit langgezogenem ou  und englisch ausgesprochenem, weil weicher klingendem W würde es sich etwas besser anhören, aber naja. Ist wohl auch wieder Geschmackssache. Der Name ist übrigens indianischer Herkunft und bedeutet „erstgeborene Tochter“. Ein kleiner Leser heißt Quentin. Als ich das in einer familiären Kaffeerunde erzählte, schaute mich mein Neffe ganz entgeistert an: „Kennst du denn Quentin Tarantino nicht?“ – „Nö. Habe ich jetzt eine Bildungslücke?“ – „Ja, aber ganz entschieden!“, sagte er gnadenlos. Für meinen persönlichen Geschmack ist es irgendwie einengend, nach einer bekannte Persönlichkeit benannt zu werden. Man hört den Namen des Kindes und hat sofort eine Schublade vor den inneren Augen. So wie bei dem Namen eines inzwischen erwachsenen jungen Mannes aus dem Freundeskreis meines Ex-Mannes, der Che heißt.

Ich bin zwar auch nach einer in der DDR bekannten Tänzerin benannt worden, aber mein Name ist ein Allerweltsname, weder positiv noch negativ auffallend. Man kann ihn deutsch aussprechen (wie es die meisten tun und was sich gut anhört), man kann ihn auch englisch aussprechen oder einen Kosenamen wählen, der sich auch gut anhört. Einziges Handicap ist es, dass ich immer dazu sagen muss „aber mit einem n!“ Aber ich liebe meinen Namen sehr. Eine Heilerin wolle einmal meinen kosmischen Namen für mich herausfinden. Aber ich lehnte dankend ab. Die so genannten kosmischen Namen sind auch wieder nur so eine Art Schublade. Den Namen werden bestimmte Eigenschaften zugeordnet, wie bei den Sternzeichen. Das will ich nicht. Ich möchte in keine Schublade gesteckt werden.

Die alten, deutschen Namen sind auch nicht immer schön, finde ich. Eine Mutter nannte ihr Kind Theda. Irritiert fragte ich nach. „Das kommt von Theodora.“, klärte sie mich auf. Ein kleines Mädchen trägt den Namen Eleonore, aber so nennt sie keiner. Sie wird immer Elli genannt. Eine kleine Leserin heißt Ferun. Es klingt immer irgendwie streng, wenn die Mutter sie ruft. Garnicht so liebreizend mädchenhaft. Irgendwie passt es auch nicht zu der quirligen Kleinen. Für diesen Blogbeitrag habe ich es mal gegoogelt – und siehe da, Ferun ist ein alter deutscher Name germanischer Herkunft und bedeutet soviel wie „Freude bringend“ oder „liebreizend“. Hätte ich überhaupt nicht vermutet. Ich hätte da eher an eine tibetische Göttin oder sowas gedacht. Naja, wieder was gelernt. Aber schön finde ich den Namen dennoch nicht. Bei einer anderen kleinen Leserin muss ich immer unwillkürlich an Harry Potters Eule denken, denn sie heißt Hedwig. Auch nicht gerade nach meinem Geschmack. Aber Geschmäcker sind ja subjektiv. Vielleicht finden ja außer den Eltern noch andere den Namen schön. Oder die Eltern suchten einfach den ganz besonderen Namen, den sonst keiner trägt, für das ganz besondere Kind. Eine kleine Leserin trägt den, wie ich finde, schönen Namen Elena. Ich wollte ihr gerade sagen, wie schön ich ihren Namen finde, da rief die Mutter sie: „Eeeleeena!“ Hört sich total blöd an! Mit kurz gesprochenen „E“ finde ich ihn aber schön, genau wie den Namen der Enkelin meines ehemaligen Bufdis, die Helena heißt, was in dieser Familie auch mit kurzem „E“ gesprochen wird, also auch schön klingt. Klingt schön, ist selten und besonders. Ist doch mal ein schöner Name, oder?

Meine Schwester, die selbst einen schönen alten, melodiösen und seltenen deutschen Namen trägt, hat beide Söhne mit alten deutschen Namen benannt. Etwas Pech hatte der Ältere, als DJ Ötzi mit einem Hit bekannt wurde. In dieser Zeit wurde er ständig darauf angesprochen. Das hat sich aber wieder gelegt, und der Name ist nach wie vor nicht allzu sehr verbreitet. Wie sie auf den Namen für den Kleinen kam, weiß ich wirklich nicht, denn für die Familiengeschichte hatte sie sich zu dieser Zeit noch nicht interessiert. War es Zufall oder lag es im morphogenetischen Feld unserer Familie? Meine Oma geriet jedenfalls total in Verzückung: „So hieß ja mein Vater!“ Auch in einem anderen Zweig der Familie wurde die Urenkelin unwissentlich nach der Uroma benannt, die einen seltenen Namen trägt. Es gibt auch junge Familienmitglieder, die ihre Kinder ganz bewusst nach den Ururgroßeltern benannt haben. Was sich noch nicht mal schrecklich anhört, denn Johannes und Margarethe sind schöne Namen – finde ich jedenfalls. Ansonsten geht die junge Generation in unserer Familie eher mit dem Trend. So kam es dazu, dass in drei verschiedenen Zweigen der Familie, die nichts miteinander zu tun haben, weil nur entfernt verwandt, der Name Leonard vergeben wurde.

Auf jeden Fall ist die Welt der Vornamen phantasievoller geworden. Wenn ich die alten Geburts-, Sterbe- und Heiratsurkunden meines Stadtarchivs durchsuche, heißt jeder zweite Hermann oder Wilhelm oder Friedrich und jedes zweite Mädchen Frieda oder Johanna oder Sophie. Es gab Dörfer mit mindestens zwanzig Sophies und dreißig Hermanns, teilweise sogar mi dem selben Nachnamen, was es für uns Archivare manchmal schwierig macht, den richtigen zu finden. Dann schon lieber Palina – dann haben wenigstens die Archivare der Zukunft einen abwechslungsreichen Job!

Aufgedeckte Heimlichkeit

Das ist eine etwas skurrile Familiengeschichte, die sich um ein einfaches Foto dreht. Aber was ist in unserer Familie schon einfach? Eigentlich ist immer alles irgendwie kompliziert.

Seit unserer Kindheit hatte meine Mutter eine von einem einheimischen Keramiker nachempfundene afrikanische Tanzmaske über dem Klavier zu hängen. Naja, schön ist was anderes, aber Kunst ist ja bekanntlich Geschmackssache. Erst jetzt traute sich meine Schwester, die als Kind viel Zeit an diesem Klavier verbrachte, meiner Mutter zu sagen, wie hässlich sie das Ding findet, und dass sie sich als Kind immer vor dieser Maske gefürchtet hatte. Es fruchtete nicht, die Maske blieb. Meine Schwester malte ein schönes Bild, ein Stillleben, was genau richtig für diese Ecke über dem Klavier war. Fehlanzeige. Meine Mutter hängte es in eine andere Ecke. Die blöde Maske blieb. Meine Schwester malte ein weiteres Bild, eine heitere, lichte Blumenwiese. Auch dieses Bild verschwand in einem anderen Raum. Die Maske blieb, wo sie war.

Vor kurzem hatte meine Mutter doch noch den Impuls, diese Ecke anders zu gestalten. Auf dem Klavier standen lauter Familienfotos. Da in anderen Ecken auch Familienfotos hingen, war das eigentlich überflüssig. Meine Mutter wollte nun diese Fotos vom Klavier verbannen und wünschte sich statt dessen neue Fotos, die an der Stelle der afrikanischen Maske hängen sollten. Dazu hatte sie die Idee, dass mein fotobegeisterter Schwager meine Schwester und meine beiden Neffen mit ihren Musikinstrumenten fotografieren sollte. Das geschah dann auch. Der Große setzte sich mit seinem Horn in eine Blumenwiese, der Kleine wurde ans Klavier gesetzt und fotografiert, obwohl er schon seit fünf Jahren nicht mehr zum Klavierspielen kommt, und meine Schwester steht blöderweise mit ihrer Geige im Arm wie eine Statue da, noch dazu durch falsches Licht mit irgendwie gelben Haaren. Alle drei Fotos wurden zu Ostern geschenkt, jedoch schon in Rahmen gefasst, die überhaupt nicht zum Klavier passen.

Meine Eltern waren irgendwie unzufrieden. Erstens mussten andere Rahmen her. Zweitens waren die drei Fotos zu groß und es sah alles an der Wand irgendwie nicht aus. Und das Foto meiner Schwester ging gar nicht. In unserem Stamm-Fotoladen konnte man das Foto mit den gelben Haaren auch nicht bearbeiten. Mein Vater fragte mich: „Du hat doch so viel fotografiert, wenn deine Schwester bei Familienfeiern geigte. Hast du nicht ein schönes Foto?“ Klar hatte ich welche, aber die waren Schnappschüsse und von der Qualität her nicht so, dass man sie an die Wand hängen konnte. Meine Eltern suchten sich dennoch einen dieser Schnappschüsse aus und gingen damit zum Fotografen. Dort hatte Kjeld gerade Dienst, ein Bekannter von mir. Der öffnete die Datei mit dem Foto – und weigerte sich, das Foto zu bearbeiten. Das ging überhaupt nicht, das ging über seine Fotografenehre! 🙂 Das ist normalerweise kein kundenfreundliches Verhalten, aber wir beide kennen uns lange genug, und ich weiß ja, dass das Foto wirklich nicht gut ist. Mein Vater bestellte aber wenigstens schon mal zum Klavier passende Rahmen vor. Als er wieder beim Fotografen vorsprach, um die Möglichkeit zu besprechen, die anderen Fotos zu verkleinern für die neuen Rahmen, war der Inhaber des Ladens dort und Kjeld nicht zu sehen. Mein Vater nutzte die Gunst der Stunde und fragte nun den Chef, ob er ihm nicht mein schlechtes Foto vom Stick für den Rahmen passend ausdrucken könnte. Der Chef machte das, was man normalerweise auch tut, nämlich Kundenwünsche erfüllen, um Geld zu verdienen, und so hing mein Foto vor einigen Tagen über dem Klavier. Nun wartet mein Vater noch auf die Dateien mit den anderen Fotos, damit auch sie passend für die neuen Rahmen gemacht werden können. Dass wir das eine Bild ausgetauscht haben, das erzählten meine Eltern weder meiner Schwester noch meinem Schwager, denn der hat auch seine Fotografenehre und ist schnell mal beleidigt. 🙂

Soweit, so gut. Am Himmelfahrtswochenende war meine Schwester mit Freunden auf einem Künstlermarkt in einer Stadt, 100 km entfernt von uns. Dort saß Kjeld und zeichnete seine Vedouten – das ist sein großes Hobby seit Jahren. Kjeld und meine Schwester kannten sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht, denn als Kjeld in meinem Bekanntenkreis kam, war meine Schwester schon lange aus meiner Stadt weggezogen. Kjeld beobachtete meine Schwester auf dem Künstlermarkt und grübelte die ganze Zeit, warum ihm die Dame mit den blondgelockten Haaren so bekannt vorkommt. Meine Schwester kam schließlich auch an den Stand von Kjeld, da fragte er sie: „Kennen wir uns irgendwoher? Sie kommen mir so bekannt vor!“ Natürlich stellten sie fest, dass sie aus derselben Stadt stammen. Dann war schnell klar, dass Kjeld ihre Eltern und ihre Schwester kennt. Und nun fiel bei ihm der Groschen: „Ich habe Sie ja vor kurzem erst auf Fotos gesehen!“ Okay, Fotografen haben ein fotografisches Gedächtnis! Und dann kam an den Tag, was meine Eltern eigentlich erstmal verheimlichen wollten: Dass ihnen das Foto mit den gelben Haaren absolut nicht gefällt und dass sie nach Alternativen suchten, aber meinen schnell gekränkten Schwager auch nicht beleidigen wollten und nun irgendwie in der Patsche saßen. Es wurde herzlich gelacht und nun wird sich die Situation hoffentlich so klären, dass meine Eltern bald ein vernünftiges Foto meiner geigenden Schwester über dem Klavier zu hängen haben.

Forschungen – verschlungene Wege führen schnell zum Ziel

Jahrelang schwebte der Wunsch im Raum, aber nun endlich wird es konkret: Der Bürgermeister möchte für die einzige direkt aus meinem Arbeitsort deportierte jüdische Familie Stolpersteine setzen lassen. Eine rührige, resolute Frau aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte jubilierte und begann, alles über die Juden aus unserer Stadt „zusammenzuharken“, wie sie immer so schön sagt, und noch einmal die letzten Zeitzeugen zu befragen.

Viele Informationen hatten wir nicht. Vieles wussten wir gerüchteweise. Z. B., dass der Sohn der Familie über die Schweiz nach England geflohen sein soll und überlebt hat. Im Laufe der letzten Jahre versuchte ich immer mal, über das Internet Informationen über den Sohn zu suchen, aber erfolglos. Irgendwann hatte ich es dann aufgegeben.

Vor einigen Jahren hatte ein anderer Kollege meines Arbeitskreises irgendwo ein Klassenfoto ausgegraben, auf dem die Schwester des Überlebenden zu sehen war, die im Holocaust ermordet wurde. Er veröffentlichte immer wieder in diversen Artikeln die schlecht recherchierte rührende Geschichte des ausgegrenzten Mädchens – sehr zum Unmut einiger Einwohner der Stadt: „Wieso, wir haben doch mit ihr gespielt! Und unsere Eltern haben der Familie durch die Hintertür Sachen zugesteckt!“ Aber das interessierte den Mann nicht. Die schlechte Story passte einfach zu gut zum Foto. Schlechte Nachrichten verkaufen sich immer besser als gute, und er verdient sich durch freiberufliche Autorentätigkeit ein paar Euro zur Rente dazu.

Die resolute Frau aus meinem Arbeitskreis wollte jedoch mit ihren Zeitzeugeninterviews die ganze Wahrheit herausfinden, was ihr auch gelang. Sie suchte nur einen Mitstreiter, weil es ihr mit über 80 Jahren schon schwerfällt, Texte knapp und sachlich zu formulieren. Außerdem erhoffte sie sich, dass ich im Internet doch noch etwas mehr rausfinde. Wenn sie allerdings etwas auf dem Faden hat, dann aber heftig. Jeden Tag stand sie in der Bibliothek auf der Matte, um mich für die Mitarbeit zu gewinnen, denn wir waren schon einmal ein gutes Autorenteam und haben uns dabei gut ergänzt.

Innerlich stöhnte ich. Ich musste doch noch die Auswahlliste für den Sommerleseclub der Bibliothek durchsehen und die Bücher möglichst schnell bestellen, ich musste im Archiv Liegengebliebenes aufarbeiten, ich musste Fördermittel abrechnen und das letzte Buchprojekt schmort auch immer noch irgendwie vor sich hin – ich musste irgendwie so vieles. Und der Holocaust ist ja auch nicht gerade ein erfreuliches Forschungsthema. Ich habe mich ja sogar in Amsterdam davor gedrückt, mich stundenlang an die Schlange vor dem Anne-Frank-Haus anzustellen. Ich schob und schob es vor mir her. Natürlich bin ich ständig voll ausgelastet. Und für so ein Projekt muss ich mich bewusst entscheiden, denn ich kenne mich lange genug. Wenn ich etwas anpacke, dann aber richtig, intensiv und heftig. Keine halben Sachen zwischendurch. Dazu muss ich dann emotional auch bereit sein. Da geht dann schon mal nicht nur die Archiv-Arbeitszeit komplett rein, sondern auch teilweise Bibliotheks-Arbeitszeit und auch viel Freizeit. Denn wenn ich einmal etwas recherchiere, dann soll es auch Hand und Fuß haben. Ich möchte schließlich nicht die schon mal veröffentlichten eventuellen Fehler abschreiben.

Also dann los, und am besten jetzt. Wenn der Sommerleseclub beginnt und im Herbst der Umzug von Bibliothek und Archiv vorbereitet wird, dann wird es wieder nichts. Dann lieber das eh schon lange liegende aktuelle Buchprojekt noch länger liegenlassen und die jüdischen Familien meines Arbeitsortes recherchieren. (Das hätte je eigentlich schon mal jemand vorher tun können – wieso eigentlich immer ich?)

Wo beginnen? Ich habe ja einen privaten ancestry-account, vielleicht finde ich ja darüber etwas über den einzigen Überlebenden der letzten jüdischen Familie. Fehlanzeige. Nichts zu machen. Wie nun weiter? Es gab schon eine gute Arbeit über Juden in meiner Region, in der auch viel über meinen Arbeitsort nachzulesen ist. Darin werden viele Namen genannt. Es gibt in meinem Wohnort schon Stolpersteine für eine Familie, deren Familienvater in meinem Arbeitsort geboren wurde. Irgendwie waren die mit „unseren“ Holocaust-Opfern verwandt. Ich könnte ja so vorgehen, wie es sich bei meiner privaten Familienforschung bewährt hat. Ich schaue einfach über die Volkszähllisten, welche jüdischen Familien zuletzt bei uns gelebt haben, gehe dann in die Geburts-, Sterbe- und Heiratsregister meines Stadtarchivs und versuche, Stammbäume zu erstellen, um einen Überblick über die jüdischen Familien zu erhalten. Nach 1900 hatte die jüdische Gemeinde nur noch wenige Mitglieder, also wäre das eine überschaubare Recherche. Und dann müsste man sich auf diese Weise immer weiter in die Vergangenheit arbeiten, auch mit Hilfe von ancestry. Alle in meinem Arbeitsort geborenen Opfer des Holocaust kannte ich bereits aus dem Bundesarchiv. Man könnte nun versuchen, den Opfern ihre Geschichte zu geben, um dann später bei der Verlegung des Stolpersteins nicht nur an die eine Familie, sondern an alle zehn Opfer aus dem Ort zu erinnern. Eine Übersicht über jüdische Kaufleute, die es in dem Ort gab, haben wir schon. Vielleicht könnte man einen kleinen Einblick in das jüdische Leben unserer Stadt erhalten.

Die Anzahl meiner Daten wuchs in kürzester Zeit. Ups, das war doch mehr als ich dachte.Es wurde aber doch ziemlich kompliziert, denn einige Familien lebten nur kurz Inder Stadt und tauchten dann nie mehr in den Registern auf. Auch an die Namen musste ich mich erst gewöhnen. „Salomon Jacobsohn, der Sohn von Jacob Salomon.“ Wie soll man denn da durchfinden?  Die meisten Holocaust-Opfer stammten aus einer Familie, waren miteinander näher oder weiter verwandt. Überlebende fand ich nicht. Zunächst. Nach zweiwöchiger intensiver Arbeit bekam ich einen ancestry-Kontakt zu Nachfahren einer vor zweihundert Jahren in meinem Heimatort lebenden Familie, die in den USA leben. Es gingen einige Mails hin und her, und sie verwiesen mich – oh Wunder – auf eine deutsche Internet-Seite, die es erst seit 2015 gibt und deren Betreiber sich intensiv mit Juden in meinem Bundesland beschäftigen. Ich hatte schon vor einigen Monaten mal davon gelesen, fand es aber damals nicht schön, dass sie die Opferdatenbank verschlüsselt hatten und vergaß die Seite wieder. Da aber meine Mailpartnerin so von der fleißigen Recherchearbeit dieser Seitenbetreiber schwärmte, entschloss ich mich doch, diese anzumailen.

Das Ergebnis war so überraschend, dass ich jetzt noch ganz perplex bin. Ich erhielt ganz selbstverständlich und ganz unentgeltlich einen kompletten Stammbaum der betreffenden jüdischen Familie zugemailt, mit den Daten von mehreren Überlebenden und ihren (inzwischen leider schon verstorbenen) Nachfahren. Der Überlebende, den ich so gesucht hatte, war also tatsächlich bis nach England gekommen, andere in meinem Arbeitsort Geborene kamen bis Stockholm. Es blieb fast keine Frage mehr offen, und wenn sich bei weiteren Recherchen wieder Fragen ergeben sollten, habe ich jetzt einen heißen Draht. Es gibt schon noch einiges zu erforschen, zu hinterfragen und in richtige Zusammenhänge zu setzen, aber ich sehe jetzt keinen unüberwindlichen Berg mehr vor mir. Ich kann garnicht beschreiben, wie dankbar ich bin. Das alles, was mir hier sozusagen auf dem Silbertablett kredenzt wurde, hätte ich nie im Leben allein recherchieren können. Da steckt unendlich viel Arbeit drin. Und die betreffende website hat noch nicht mal einen Button für Spenden!!! Immerhin habe ich jetzt eine Liste mit offenen Fragen der website-Betreiber an mein Stadtarchiv, so dass ich wenigstens etwas zurückgeben kann.

Während meine Arbeitskreis-Mitstreiterin und ich vor Freude im Rundeck springen, kam vom Bürgermeister (der ja den Stolperstein verlegen lassen will) bisher überhaupt keine Reaktion. Der „rasende Reporter“ mit der rührseligen Fotostory reagierte etwas verlegen, aber nicht so übermäßig interessiert, und ein weiteres, bisher eher inaktives Mitglied des Arbeitskreises (weil bisher mit eigenen Memoiren beschäftigt) schleimt plötzlich hinter uns her und verkündet: „Ich habe ja auch sooo viel über die Juden gesammelt!“ Tja, wenn es so wäre, dann hätte er ja mal eher damit rausrücken können?

Egal, wir machen es ja nicht für die, sondern um die Opfer zu ehren, ihre Geschichte zu erfahren und an die nächsten Generationen zu vermitteln. Wir machen weiter. Was neben der Rede für die Stolperstein-Verlegung daraus entstehen wird – ein Faltblatt, eine Info-Tafel, ein Artikel für die website der Stadt oder vielleicht doch eine Broschüre – schauen wir mal! Zumindest fügen wir der Stadtgeschichte ein weiteres Mosaiksteinchen hinzu, in welcher Form auch immer. Aber jetzt steht Pfingsten vor der Tür und damit eine willkommene Verschnaufpause.

Wiederbelebung eines Schlossgeistes

In unserer Tageszeitung befand sich vor einigen Tagen ein Artikel über die Wiedereröffnung eines noblen Schlosshotels. Wie so oft beim Zeitunglesen überflog ich den Artikel nur diagonal, denn welche Promis anwesend waren, interessiert mich nicht wirklich. Ich wollte schon weiterblättern, als mein Blick an dem Foto von der Eröffnungsparty hängenblieb. Da stand zwischen all den Galagästen eine überdimensional große Dame. Sie trug ein schwarzes, weit ausgestelltes Kleid und einen sehr großen schwarzen Hut. Es war eine „echte Frau“, aber ich vermute, dass sie auf Stelzen ging. Verblüfft sah ich die schwarze Dame an und freute mich. Der Schlossgeist ist wieder auferstanden!!!

Vor fast 20 Jahren begann ich, Sagen aus meiner Region zu sammeln und zu veröffentlichen. Die meisten Sagen entdeckte ich in Büchern und Archiven, denn die heutigen Besohner der Dörfer kannten fast keine Sagen mehr. In einem Archiv, welches den Nachlass eines bedeutenden mecklenburgischen Erzählforschers aufbewahrt, fand ich einen Zettel, auf dem ein Gymnasiast aus dem Dorf, in dem sich das heutige Schlosshotel befindet, um 1900 die Sage von der schwarzen Dame aufgeschrieben hatte. In diesem Schloss „wandelt eine Dame, mit schwarzem, wallendem Kleide, und wenn sie geht, geht es „husch, husch“. In einer Nacht im hellen Mondschein geht sie in das Zimmer des zweiten Dieners, guckt ihn an, fasst ans Kopfkissen und eilt davon. Der Diener denkt, die Uhr sei schon über fünf und er habe die Zeit verschlafen. Er springt aus dem Bette und sieht nach der Uhr, da wird er gewahr, dass die Uhr eins ist.“

Bevor ich diese Sage in dem Archiv entdeckte, war sie völlig vergessen. Kein Mensch kannte diese Spukgestalt. Vermutlich hatte die Dame irgendwann aufgehört zu spuken. Das Schloss war zwischenzeitlich FDGB-Ferienheim, vielleicht wollte die Leitung dieses sozialistischen Erholungsdomizils die Gäste nicht mit einem Schlossgeist erschrecken. 🙂

Das Gymnasiums, an dem der Sagenerzähler lernte und der bedeutende Erzählforscher lehrte, gibt es heute immer noch, und es hält sehr viel auf seine Tradition. Ich ließ meine Sagensammlung von Schülern dieser Schule illustrierten, außerdem gab es ein begleitendes Kunstprojekt mit einer Ausstellung. Besonders die Schülerinnen stürzten sich auf die schwarze Dame, um sie zu zeichnen. Es entstanden gleich mehrere sehr schöne Zeichnungen in unterschiedlichen Stilen. Eine Gruppe von Schülerinnen opferte sogar extrem viel Freizeit, um eine Plastik zu erschaffen. Ich fand sie so genial, dass ich sie mir nach der Ausstellung in meine Schulbibliothek holte. (Ich leitete damals die Schulbibliothek dieses Gymnasiums.) Jetzt arbeite ich zwar schon lange nicht mehr dort, aber die schwarze Dame steht noch immer in der Bibliothek, im schwarzen Kleid, mit einem „Silber“tablett, auf dem ein „silberner“ Becher steht. Obwohl es ganz viele andere interessante Sagengestalten gab (Nixen, Zwerge, Schlangenkönige, Wassergeister, Drachen, spukende Ritter …), wurde die schwarze Dame irgendwie zum Symbol dieses Projektes. Eine der Zeichnungen zierte das Plakat und die Einladungen zur Ausstellung, und die Plastik war wohl das am meisten fotografierte Kunstobjekt.

Und nun hat die schwarze Dame wieder Einzug in ihr Schloss gehalten. 🙂 Die Gäste des heutigen Nobelhotels werden diesen leichten Gruseleffekt sicher zu schätzen wissen. Spukende Schlossgeister ließen sich schon immer gut vermarkten, nicht nur in England und Irland. Und ich habe letztendlich genau das erreicht, was ich wollte. Nämlich dass die Sagen meiner Region aus der fast hundertjährigen Versenkung auftauchen und als Zeugnisse einer einst so reichen Erzählüberlieferung wieder neu erzählt werden.

Das verflixte Steuerteufelchen

Ich hasse es, ausgebremst zu werden, wenn ich etwas Wichtiges erledigen möchte. Aber manchmal scheint es einfach höhere Gewalt zu sein, es klemmt an allen Ecken und Enden, als ob ein kleines Teufelchen seine Hand im Spiel hat.

In diesem langwierigen Fall war es ein Steuerteufelchen. Und es war ziemlich hartnäckig. Das erste Mal plagte es mich vor drei Jahren. Die Finanzchefin meines Vereins hatte gerade gewechselt und war noch dabei, sich in die Vereinsgeschäfte einzuarbeiten. Da wir lange nach einem neuen Kassenwart gesucht hatten, wollte ich sie nicht gleich verschrecken und machte mich heldenmütig selbst an die Drei-Jahres-Steuererklärung meines Vereins. Zuerst ging alles glatt. Die Jahresrechnungen mit Einnahmen und Ausgaben erläutern, um die Gemeinnützigkeit nachzuweisen. Die nötigen Dokumente und Protokolle zusammensammeln und mir noch mal einzelne Positionen der Einnahmen und Ausgaben vom Museumsleiter erklären lassen. Dann sollte ich ein Elster-Formular je Abrechnungsjahr hochladen (welches, war nicht angegeben) und es per Elster dem Finanzamt zusenden.

Und nun ging der Stress los. Das Formular passte irgendwie überhaupt nicht zu den Gegebenheiten unseres Vereins und das Versenden war kompliziert. Ich gab dann die Anlagen persönlich im Finanzamt ab und erhielt daraufhin einen Anruf, dass die Elster-Formulare nie im Finanzamt angekommen waren. Na toll. Das Blöde an den Dingern ist nämlich, dass man sie nicht speichern kann. Unsere Ansprechpartnerin des Finanzamtes verklickerte mir, dass die im Anschreiben an unseren Verein aufgezeigte Verfahrensweise zwar technisch möglich sei, aber leider noch nicht in unserem Finanzamt. Sie bat mich, die nötigen Elster-Vordrucke auf der Homepage der Landesregierung runterzuladen und sie erneut auszufüllen, um sie dann ganz traditionell auszudrucken und dem Finanzamt zu bringen. (Ich wohne ganz in der Nähe, da kann man sich das Porto sparen). Außerdem waren die Formulare, die ich im Elster-Pool für Vereine gefunden hatte, leider die falschen. 😦 Also gut, zweiter Versuch. Die neuen Formulare passten zwar auch nicht besser zu unserem Verein, aber irgendwie ging es, und das meiste erklärte sich sowieso aus den beigefügten Jahresrechnungen mit den Erläuterungen. Es dauerte ewig und ich musste mich immer wieder förmlich selbst an den PC prügeln, aber irgendwann hatte ich es geschafft, und kurz vor Weihnachten 2014 kam dann auch die weitere Anerkennung unserer Gemeinnützigkeit. Der Dank meines Vereins wird mir dafür wohl ewig hinterherschleichen. 🙂 (Das lasse ich mal kommentarlos so stehen.)

Privat hatte ich immer ziemlich pünktlich und problemlos die Steuererklärung gemacht. Zuerst ganz traditionell per Hand in den Finanzamts-Vordrucken, und seit ich zur Arbeit pendle und dadurch mehr Werbungskosten habe, mit der SteuerSparErklärung von der Akademischen Verlagsanstalt. Prima Sache, das!!! Ein Jahr nach dem Vereins-Steuer-Krampf schlug das Teufelchen allerdings auch hier zu. Wenn es schon einmal da ist … ! Ich hatte mir 2015 zum ersten Mal die Steuersoftware per Amazon-Download kommen lassen und die Steuererklärung schon mal fast fertiggestellt, als im Frühjahr meine große Wohnungs-Renovierungs-Aktion begann. Da blieb alles irgendwie liegen. Ja, noch schlimmer! Bein Ein- und Ausräumen meiner Akten kam ein Beleg völlig abhanden und ist bis heute verschwunden. In der Hoffnung, dass sich wie immer alles wieder anfinden würde, ließ ich die Steuererklärung erstmal liegen. Sie lag… und lag … bis jetzt. Der Beleg blieb verschwunden. Inzwischen bestellte ich schon die neue Steuer-Software, diesmal wieder als CD, weil ich sie weiterreichen wollte. Um Platz zu sparen, entsorgte ich die Verpackung der CD gleich.

Das war ein Fehler und eine gute Gelegenheit für das Steuerteufelchen, erneut gnadenlos zuzuschlagen. Der Verlag hatte nämlich den Zugangscode nicht, wie sonst immer, direkt auf der CD-Hülle angebracht, sondern ein Extra-Zertifikat in die Verpackung gelegt. Und das war schon lange entsorgt, als ich das Fehlen des Freigabe-Codes bemerkte. Es ging hin und her, und schließlich blieb mir nicht weiter übrig, als die Steuersoftware noch einmal zu bestellen, zum Glück bei Amazon gebraucht und etwas günstiger. Nun war es schon August 2016 und ich hatte noch keinen Handschlag für die Steuer gerührt. Ich hatte auch keine Lust. Ich war nur genervt und allgemein schon mit Bibliotheks-Dingen reichlich ausgelastet.

Das ging so bis jetzt. Jetzt ist ja schon wieder die nächste Steuererklärung fällig. Ich kaufte also wieder eine neue CD (Die Akademische Verlagsanstalt lässt sich die ja gut bezahlen) und prügelte mich an den PC. Ächz! Also zunächst mal die Steuererklärung für 2014 in Angriff nehmen, die war ja eigentlich schon so gut wie fertig. Doch was ist das? „Die Lizenzdatei ist fehlerhaft.“ Na toll. Kannst du dich nicht endlich mal verp …, du blödes Steuerteufelchen? Oder geht das jetzt immer so weiter? 😦 Ich probierte einen ganzen Abend hin und her, versuchte erneut einen Download („Die gekauften Downloads stehen in Ihrem Games- und Software-Center für Sie zum erneuten Download bereit.“) Ich schaltete alle Sicherheitseinstellungen des PCs auf null und deaktivierte die Virenscanner, um auszuschließen, dass irgendein Virenscanner den Download nicht mag. Es ging nichts. Die Begrüßungsseite des Programms offerierte mir die Möglichkeit, das Programm auf einem USB-Stick zu installieren, dann müsste nur der Steuerfall neu angelegt werden. Entnervt tat ich das dann auch. Hätte ich das gleich gemacht, dann wäre ich zu diesem Zeitpunkt wohl schon fertig gewesen, so lange hatte ich versucht, das Problem zu beheben. Während das Teufelchen in meinem PC hockte und vermutlich abfeierte. Alles neu eingeben, keine Datenübernahme aus den Vorjahren. Nochmals Ächz!!! Aber jetzt hatte ich mich einmal da rangeprügelt und wollte unbedingt da durch. Bis nachts um 12 Uhr saß ich dran, am nächsten Morgen ging’s weiter. Ich war wie im Rausch, ich wollte alles! jetzt! sofort!!! fertig haben. Endlich mal!!!

Bei der Arbeit merkte ich dann, dass der verschollene Beleg ein Riester-Beleg war, und die werden sowieso automatisch dem Finanzamt übermittelt. Die ganze jahrelange Verzögerung, die auch überhaupt nicht meine Art ist, hätte also garnicht notgetan. Gut, inzwischen kann ich darüber lachen. Also mit frohem Gelächter weiter zur doppelt bezahlten Steuersoftware für 2015. Doch was war das? Eine viel kompliziertere Bedienoberfläche als sonst erwartete mich, die dreimal fragte, ob ich nun mit diesem Dialog fertig sei und mich immer wieder zurückwarf. Ich ließ mich immer wieder verunsichern, denn ich wollte wegen der, im Zusammenhang mit meiner Renovierung stehenden, haushaltsnahen Dienstleistungen nichts übersehen. Und das verflixte Steuerteufelchen saß vermutlich wieder im PC und hatte seinen Spaß. Sonst liebte ich diese Software, weil sie fast intuitiv zu bedienen ist, weil sie die Daten aus dem Vorjahr übernimmt und immer tolle Tipps parat hat, denen ich höhere Rückzahlungen zu verdanken habe. Doch diesmal nervte sie, und nicht mal die zu erwartende Steuerrückzahlung wurde wie sonst am rechten, unteren Rand angezeigt.Die Anzeige der zu erwartenden Summe musste ich erstmal suchen. Vermutlich hatte das Teufelchen inzwischen die Software ordentlich manipuliert. Aber ich blieb dran. Unterm Strich hat es mich anderthalb Tage meines Wochenendes gekostet, aber jetzt ist alles für das Finanzamt ausgedruckt. Und wenn, wie es immer der Fall ist, genau die Steuerrückzahlung erstattet wird, die mir mein Programm errechnet hat, dann lohnt sich die Mühe allemal. Nun warte ich nur noch auf die Betriebskostenabrechnung meines Vermieters, um auch das Steuerjahr 2016 abschließen zu können. In diesem Jahr steht auch wieder die Vereins-Steuererklärung für die letzten drei Jahre an, aber mich kann jetzt nichts mehr erschrecken! Ich habe das Teufelchen gebannt!!!

„Nur Ersatz“? – Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Wieder einmal stand mein plattdeutscher Verein auf der Bühne. Unser Jahreshöhepunkt stand an, für den wir Monate geprobt hatten. Leider, leider, war ein Mitglied der uns immer zur Seite stehenden Band erkrankt. Also hatten die übrigen beiden Bandmitglieder, sicher schweren Herzens, entschieden, ohne den dritten Mann nicht aufzutreten. Schade, denn diese Band ist echt originell und passt einfach zu uns.

Wir fanden Ersatz: Der Mann einer Mitstreiterin spielt Klavier und hat uns schon oft auf kleineren Lesenachmittagen begleitet. Allerdings hatte er noch nie in der großen Aula musiziert. Er kam aber auf die Idee, sich Unterstützumg zu suchen. Im Blinden- und Sehschwachenverband hatte er schon oft mit einem vielseitigen Musiker gemeinsam gespielt, der Akkordeon und Saxophon spielt und ganz passabel singt. Beide Musiker sind blind bzw. können nur eingeschränkt sehen. Der Musiker, den wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannten, war früher Architekt und leidet nun sehr unter seiner Augenkrankheit und dem damit einhergehenden Verlust der Selbständigkeit.

Unserem gestrigen großen Abend ging eine öffentliche Generalprobe voraus. Gastgeber war ein Mieterverein, in dessen Begegnungsstätte die Veranstaltung stattfand. Ich war noch im Urlaub, also nicht bei dieser Veranstaltung dabei. Erzählt wurde mir aber folgendes: Die Verantwortliche des Mietervereins begrüßte unsere Gruppe und stellte die Musiker ungefähr so vor: „Die „Muskanten“, die wir alle lieben, sind aus gesundheitlichen Gründen verhindert, also sind diese Musiker leider nur Ersatz.“ Jemand aus unserer Gruppe betonte auch noch einmal das außerordentliche Bedauern darüber, dass einer unserer Musiker krank ist.

Menschen mit Behinderungen sind besonders sensibel, besonders dann, wenn sie noch nicht so lange unter der Behinderung leiden. Sie vergleichen ihr jetziges Leben immer mit dem Leben, was sie vorher führten – das kratzt natürlich am Selbstwertgefühl. Das kann auch zu psychischen Problemen führen. Was tat nun unser neuer „Ersatz“musiker? Er forderte sich Beachtung massiv ein! Er dehnte die Musikstücke endlos aus und redete auch mal laut dazwischen, wenn unsere Gruppe an der Reihe war.

Als Feedback auf diesen Abend hörte ich von den Mitgliedern meiner Gruppe lautes Schimpfen über den unmöglichen Musiker. Ich war ratlos, denn gebucht ist gebucht und Absagen können wir für die zweite Veranstaltung nicht. Ich war auch etwas sauer, denn ursprünglich hatte ich einen anderen Ersatzmusiker vorgeschlagen, der sehr gut gewesen wäre und perfekt zu uns gepasst hätte. Aber die Gruppe war dagegen gewesen. Toll, nun hatten wir den Salat! Ich musste die Musiker an diesem Abend begrüßen und anmoderieren. Lange überlegte ich mir eine Strategie. Ich fragte unseren Klavierspieler und seine Frau ausführlich über den mir unbekannten Musiker aus und entschloss mich dazu, die Flucht nach vorn anzutreten. Kurz und sachlich verkündete ich, dass unsere angestammte Band aus Krankheitsgründen leider ausfällt, brachte kurze Genesungswünsche an und erwähnte meinen Respekt vor der Entscheidung der beiden anderen Bandmitglieder, ohne den dritten Mann nicht auftreten zu wollen. Dann sagte ich: „Wir haben eine würdige Vertretung gefunden.“ Ich begrüßte den Klavierspieler als den Musiker, der öfter schon unsere Programme umrahmte, sagte scherzhaft, dass wir immer gern auch die Ehepartner unserer Mitglieder einspannen (die Ehefrau eines anderen Mitglieds saß an der Kasse) und stellte den neuen Musiker, der in unserer Stadt noch nicht allzu lange wohnt und daher den meisten unbekannt war, würdig und allerausführlichst vor. Ganz unvoreingenommen, ganz so, als wüsste ich nicht, wie sehr er bei der letzten Veranstaltung angeeckt war.

Das Wunder geschah: wir erlebten einen absolut bescheidenen Musiker, der seine Stücke nicht endlos in die Länge zog und auch nicht während unserer Aufführungen „dazwischenredete“. Die Wahl der Musikstücke passte zwar nicht immer ganz zu unserem Programm, aber das fiel nicht so negativ auf. Das Publikum klatschte und sang mit, genau wie bei unseren eigentlichen Musikern. Am Schluss dankte ich den beiden Musikern sehr und lobte sie sehr. Und als einer aus unserer Gruppe, der immer gern das letzte Wort hat, noch einmal lang und breit Genesungswünsche für den erkrankten Musiker aussprechen wollte, reichte ein Blick von mir, um das nicht ausufern zu lassen.

Natürlich sind unsere angestammten „Muskanten“ einfach unschlagbar klasse. Aber wenn es nun mal so ist, wie es ist, dann kann man doch die Ersatzmusiker nicht von vornherein spüren lassen, dass sie nur zweite Liga sind und alles, was sie tun, sowieso nie an die angestammte Band heranreichen wird. Man gibt ihnen ja so von vornherein keine Chance, gut zu sein. Man nimmt sie nicht ernst und nicht als Menschen erster Klasse wahr. Man nimmt ihnen von vornherein die Würde und das Selbstwertgefühl. Und man gibt sich als Zuschauer ja selbst keine Chance, eine positive Überraschung erleben zu können, wenn man davon ausgeht, dass jeder andere außer unserer eigentlichen Band nur schlecht sein kann!!!

Ist es nicht viel schöner, wenn man trotz aller Umstände offen bleibt für alles und offen auf die Menschen zugeht, mit denen man nun mal in diesem Moment zusammenarbeiten muss? Ist es nicht schöner, dem Menschen seine Würde zu lassen und ihn so dazu zu motivieren, überraschend gute Leistungen zu bringen? Ich hoffe, dieser schöne, sehr gelungene Abend hat auch die anderen Mitglieder meiner Gruppe zum Nachdenken gebracht.