Auf der Buchmesse gestöbert

Es ist wieder soweit: Leipzig liest und lädt die ganze Welt dazu ein, neue Bücher zu entdecken. Meine Lieblings-Buchhandlung hat, wie in jedem Jahr, einen Bus gechartert, damit lesehungrige Stammkunden die Leipziger Buchmesse erkunden können. Schon im letzten Jahr erhielt ich eine Mail: „Wollen Sie mit auf die Buchmesse? Es sind nur noch drei Plätze im Bus frei!“ Ups, so früh schon alles ausgebucht? „Ich brauche alle drei Plätze!“, mailte ich zurück. Zwei Leserinnen der Bibliothek wollten unbedingt mitfahren.

Gestern war es nun soweit. Eigentlich strotzte ich nicht gerade vor Tatendrang, denn der Super-Vollmond hatte mich in der Nacht nicht schlafen lassen. „Das kann ja heiter werden“, dachte ich. Aber immer, wenn ich befürchte, ein besonderer Tag könnte anstrengend oder stressig werden, dann wird es gerade ganz besonders schön. Je näher wir nach Leipzig kamen, um so mehr riss der Himmel auf, die Sonne kam, die Gespräche im Bus wurden interessanter und alles war gut. Die lieben Buchhändler hatten wieder mal einen leckeren Verpflegungs- und Informationsbeutel gepackt. Meine Mitfahrerin griff sich als erstes das „Buchjournal“ und hielt mir schließlich grinsend die Seite 1 hin. Na, das war ja mal ein schöner Tages-Auftakt! Gut sichtbar präsentiert, mit meinem Klappentext daneben, strahlte mich das Cover meines neuen Sagenbuches an. Wow!!! Die Buchhandlungen, die das „Buchjournal“ verteilen, haben in jeder Ausgabe Seiten zur Verfügung, die sie selbst gestalten können. Und mein Buchhändler, der ja gleichzeitig mein Verleger ist, hat gleich die Hälfte der ersten Seite meinem Sagenbuch gewidmet. 🙂

Nach vier Stunden Fahrt konnten wir uns ins Buchmesse-Getümmel stürzen. Mit meiner Mitfahrerin, einer eifrigen Leserin meiner Stadtbibliothek, hatte ich vereinbart, dass wir uns einfach treiben lassen. Wir ergänzten und perfekt und hatten das selbe Schritt- und Schau-Tempo und auch ähnliche Interessen. Statt haufenweise Buchkataloge zu sammeln, fotografierten wir einfach die Titel, die uns interessierten. Sie „verschlingt“ täglich Bücher und ist dabei offen für vieles, ich hatte die Interessen aller Bibliotheksleser im Blick. So suchten wir nach den ultimativen Fantasy-Romanen, den spannendsten Krimis und Thrillers, anrührenden Familiensagas, interessanten Sachbüchern und, ganz wichtig, Kinderbüchern, die den Kindern wirklich Spaß machen.

In der Kinderbuch-Halle tummelten sich wirklich die Kinder und lasen ganz interessiert. Ein schöner Anblick!!! 🙂 Comic-Romane sind bei den Kindern immer noch hoch im Kurs. Die Reihe „Collins geheimer Channel“ kannte ich noch nicht. Fantasy ist bei den Kindern auch nach wie vor gefragt. Etablierte Reihen laufen weiter. So staunte ich z. B., wie viele Bücher „Luzifer Junior High“ es inzwischen gibt. Neu waren für mich „Kiesel die Elfe“, „Julie Jewells“ und „Monsterjäger“

Die Bücher für Erstleser werden pfiffiger. So wurde die Leselöwen-Reihe etwas aufgepeppt. Wenn ein Buch für ältere Kinder, wie z. B. die „Ostwind“-Reihe oder „Petronella“ (ein Hexlein) , gut läuft, wird neuerdings flugs eine Erstlese-Variante hinterher geschoben. Aber auch sonst sind die Erstlese-Geschichten spannender geworden.

Immer noch stark verbreitet ist die allgemeine Spaltung in „Bücher für Mädchen“ mit pastellfarbenem Glitzer-Cover und „Bücher für Jungs“ in dunklen Farben mit gelb-grünlich leuchtenden Schwertern oder ähnlichem. Beispiel: „Die Monsterprüfung“. Wenn die Kinder dieser Generation mal erwachsen werden, dann erwarten sie wahrscheinlich genauso pink glitzernde Frauenromane und Männer-Romane mit leuchtenden Star Wars-Schwertern auf dem Cover. Aber egal, wichtig ist, dass die Kinder ein Gefühl dafür entwickeln, dass Lesen Spaß machen kann, dass Bücher Portale sind zu magischen Welten.

Wenn man genau hinschaut, gibt es ja schon geschlechtsspezifische Aufmachungen bei Erwachsenen-Romanen. Wenn auf einem Buchcover eine Frau in einem schönen Kleid erwartungsvoll zu einer Villa schaut, dann handelt es sich garantiert um eine schöne, rührende Familiensaga für Frauen. Weil ihre letzte Trilogie mit eben diesen Covern so toll angenommen wurde, macht Ulrike Renk beispielsweise gleich weiter: „Die Seidenstadt-Saga“. Mit ähnlichem Cover werben „Die Villa in der Elbchaussee“ (Lena Johannson) oder „Die Lytton-Saga“ (Penny Vincenzi). Manchmal sind es auch einfach Cover mit romantischen Häusern ohne schöne Frauen davor, die eine Familiensaga enthalten: „Das Weingut“ (Marie Lacrosse) oder „Der Gutshof im Alten Land“ (Michaela Jary). Da die Leser solche Geschichten so lieben, habe ich in fünf Jahren in meiner Bibliothek wohl Regale voller Bücher mit schönen Frauen vor schönen Villen zu stehen. 🙂 Das peppt die schwarzen Bibliotheks-Regale ungemein auf. 🙂

Bücher, die früher mal gut gelaufen sind, wie die Zeitreise-Reihe von Diane Gabaldon, werden nun im zeitgemäßen Cover neu aufgelegt. Man muss schon sehr genau hinschauen: Ist es eine Neuerscheinung oder ist es nur „Aus alt mach neu“.

Entzückt waren wir über eine Fantasy-Ecke für Erwachsene. Meine Begleiterin stürzte sich auf die Reihe „Das Zeitalter der Fünf“ von Trudy Canavan. Ich begeisterte mich für „Die Götter von Asgard“ und „Helden von Midgard“ von Liza Grimm alias Jennifer Jäger.

Und was gibt es Neues in Sachbuch-Bereich? Natürlich Gesundheits-Bücher ohne Ende, wie „Der Selbstheilungs-Code“ und weiterhin Ernährungsbücher ohne Ende, nicht nur von den Ernährungs-Docs. Z. B. „Warum wir ohne Hunger essen müssen“. Die neuesten Sachbücher sind mehr Erfahrungsberichte als Anleitungen. So beschreibt Meike Winnemuth, die Weltreisende, wie sie das Bewirtschaften eines eigenen Gartens für sich entdeckte und wie sie sich anhand von Youtube-Videos das Gärtnern beibrachte. Hm. Ich ahne es. Es kommen schlechte Zeiten für Do it yourself-Bücher …

Das Buch als Medium wird niemals aussterben, davon bin ich überzeugt. Die E-Books machen gegenwärtig höchstens 10% der Entleihungen in einer Bibliothek aus. Kinder greifen generell lieber zum Buch als zum E-Book. Und wenn man während der Buchmesse an den Ständen, in den Gängen, während der Lesungen, auf den Höfen in der Mittagssonne, beim Cappuccino in der Snack Bar mal die Leute beobachtet, ein bunt gemischtes Publikum, alt, jung, Mann, Frau, divers, Anzugtypen, Jeanstypen, Kinder, Jugendliche, Manga-Fans – dann geht einem wieder mal das Herz auf bei so viel Leselust.

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„Dieses Tuch macht dich jünger!“

Jeder Mensch pflegt so seine kleinen Eitelkeiten und das ist auch völlig okay. Humor hilft , wenn diese Eitelkeiten mit ungewollten verbalen Fehlgriffen lieber Mitmenschen aufeinanderprallen.

Vor einer Woche fuhr ich mit einem netten Kollegen vom Stadtbauhof mal wieder zwischen dem alten und dem neuen Bibliotheks-Quartier hin und her. Unterwegs zeigte er mir eine Laterne: „Dies ist meine Schlusslaterne. Nächstes Jahr gehe ich in Rente!“, erzählte er mir voller Vorfreude. Ich schaute ihn an und es entfuhr mir spontan erstaunt: „Mit 67?“ Mit gespielter Entrüstung entgegnete er: „Neiiin! Ich bin doch erst 63!!!“ Klar, hätte ich mir doch denken können! Erstens sieht er jünger aus als 66 und zweitens: Wer verabschiedet sich denn überhaupt erst mit den gesetzlich gewollten 67 Jahren aus der Tretmühle? Also alle Rentner, die ich kenne, sind früher aus dem Berufsleben gegangen, um noch einmal Zeit zu haben, sich selbst neu zu verwirklichen. Der Kollege nahm jedenfalls meinen Fauxpas gelassen, zog mich aber den ganzen Vormittag damit auf.

Die Rache folgt auf dem Fuße. Gestern wurde ich selbst Zielscheibe eines zweifelhaften Kompliments. Mit einem befreundeten Ehepaar hatte ich mich, wie so oft, zum gemeinsamen Spaziergang verabredet. Mein Kumpel Manfred begrüßte mich mit den Worten: „Dieses Tuch macht dich jünger!“ Ich hinterfragte das nicht und wunderte mich auch nicht weiter, denn ich war noch in der Wiedersehens- und Begrüßungsfreude. Manfreds Frau Christel wies ihren Mann aber sofort entrüstet auf den Umkehrschluss dieses zweifelhaften Kompliments hin: „Ohne dieses Tuch siehst du aber alt aus!“ Wir lachten herzlich. Aber Frau ist ja doch etwas eitel und kommt ins Grübeln: Hat die nun schon vier Monate währende Umzugs- und Bauphase im neuen Bibliotheksgebäude wirklich solche Spuren hinterlassen? Sehe ich jetzt wirklich mit fast 51 schon alt aus? Und das nach einem Wellness-Abend in der Badewanne? Oh je!!! Während des gemeinsamen Nachmittags bemühte sich Manfred charmant, die Scharte wieder auszuwetzen. Meine Welt ist jetzt jedenfalls wieder in Ordnung. Ich bin so jung, wie ich mich fühle. 🙂

Immer in Bewegung

Ich hatte im vorletzten Blogbeitrag angekündigt, etwas über meine Art, Stress abzubauen, zu schreiben. Da gestern wieder ein „bewegter“ Tag war, passt das heute ganz gut.

Also mir hilft in Stressphasen Bewegung immer sehr. Es muss noch nicht mal Bewegung an der frischen Luft sein. Auch nicht das andere Extrem, das Fitnesscenter. Nein, es reicht mir einfach, mich im Alltag viel zu bewegen.

Über den Umzug meiner Bibliothek hatte ich ja schon sehr viel geschrieben. Das neue Quartier hat drei Etagen, die mit einem Fahrstuhl erreichbar sind. Nachdem wir nun ein Vierteljahr in diesen Räumlichkeiten sind, habe ich letzte Woche erstmalig diesen Fahrstuhl betreten. Und das auch nur einfach mal so, um zu schauen, wie er funktioniert. 🙂 Sonst nehme ich immer im Spurt die Treppen und bin damit genauso schnell wie meine Ehrenamtlerinnen mit dem Fahrstuhl. 🙂 Wenn ich etwas vergessen habe, wie heute, renne ich auch dreimal die Treppen hoch und runter. Es ist viel Mist passiert in der Planung der neuen Bibliothek, aber für diesen kostenlosen Fitness-Pfad bin ich meinem Arbeitgeber wirklich sehr dankbar. 🙂 Zu Hause ist es übrigens auch nicht anders, denn ich wohne in der dritten Etage.

Die andere Möglichkeit, Bewegung in den Alltag einzubauen, ist, alle Wege möglichst zu fuß zurückzulegen. Das mache ich erst seit meinem Amsterdam-Urlaub vor zwei Jahren. Vorher war ich immer nur mit dem Rad unterwegs. In Amsterdam war es so, dass wir angesichts der vollgestopften Straßenbahnen alle Wege zu Fuß zurücklegten. Wir waren von morgens bis abends zu Fuß unterwegs und mir ging es prächtig dabei! Nach diesem Urlaub behielt ich das zu Hause einfach bei. Jeder Einkauf wurde zu Fuß erledigt. Ich stellte fest, dass der Zeitaufwand der gleiche war wie beim Einkauf mit dem Rad. Die Zeit, die ich brauchte, um das Rad aus dem Keller zu holen, zu fahren und es am Supermarkt anzuschließen, brauchte ich genau so zu Fuß. Wenn ich also nicht Berge zu schleppen hatte, ließ ich das Rad fortan im Keller und sprintete zu Fuß los. Als ich einmal in einen mächtigen Sommer-Wolkenbruch kam, habe ich mir sogar die Sandaletten ausgezogen und bin barfuß vom Supermarkt nach Hause gegangen. Es war herrlich!!! Jeder, der als Kind gern durch Pfützen gepatscht ist, wird meine Freude  nachvollziehen können!

Der Weg von der neuen Bibliothek zur Bushaltestelle und zur Stadtverwaltung ist nach dem Umzug mehr als doppelt so lang geworden. „Soll ich dich schnell fahren?“, kommt öfter mal das Angebot. „Nö, nicht nötig!“ ist meine Standard-Antwort. Seltene Ausnahmen sind Tage mit wirklich „Schietwetter“, an denen ich ganz dringend etwas in der Stadtverwaltung erledigen muss. Dann lasse ich mich schon mal schnell hinfahren. Aber das war seit dem Umzug erst zweimal der Fall. 🙂 Zur Stadtverwaltung und zurück sind es in meinem Sprinttempo 20 Minuten.

Apropos Sprinttempo: Während des Umzugs gab es eine Situation, dass ich ganz plötzlich ganz schnell vom neuen zum alten Quartier sausen musste. Und ohne nachzudenken sauste ich wirklich los. Ich lief dorthin. Nachdem ich dort die Tür wieder abgeschlossen hatte, ging ich im normalem Tempo zurück. Und da fing ich erst an, das eben erlebte zu reflektieren. „Bin ich eben wirklich die ganze Strecke gelaufen?“ Ich wunderte mich über mich selbst, denn weder war ich irgendwie außer Atem gewesen noch hatte ich Seitenstechen. 🙂 Ich war einfach so gerannt und es ging mir gut dabei. 🙂

Früher war Rennen ein Graus. Meine Eltern fuhren mit mir einige Jahre einmal wöchentlich zum Joggen in den Wald. Ich mochte es nie und hielt auch nie gut durch. Im Sportunterricht einmal jährlich eine Stunde lang um einen See zu laufen oder später in der Lehre die Runden um zwei Teiche waren ein Albtraum. Vielleicht wurde das Laufen auch nur unprofessionell vermittelt. Vorher zu wenig aufgewärmt zum Beispiel. Ich bewundere die ehemaligen Kollegen der Stadtverwaltung, die sich so nach und nach regelmäßiges Lauftraining angewöhnt haben und nun Marathon laufen. Hier wäre wieder mein Schweinehund dagegen. Aber gut zu wissen, dass ich, wenn ich mal lossprinten muss, es auch kann. 🙂

Eswas, woran ich mich aus meiner Kindheit gern erinnere, sind die Wanderurlaube. Wir haben unseren Familienurlaub oft in einem der DDR-Gebirge verbracht und sind dort fast jeden Tag wandern gegangen. Einmal sogar im Riesengebirge. Während unsere Eltern abends „platt“ waren, tobten wir Kinder nach langen Tageswanderungen noch bis zum Schlafengehen draußen herum. Wir waren nicht müde zu kriegen! Mit Kindern meiner Freunde habe ich ähnliches nach langen Radtouren oder im Wanderurlaub im Harz erlebt. Vielleicht sollte ich mal wieder einen Wanderurlaub planen. Mir fehlen da bloß die „Mitmacher“. Die meisten meiner Freunde sind doch eher gelegentliche und gemäßigte Beweger. Gemeinsame Spaziergänge gern, aber mehr bitte nicht. 🙂 Aber es ist ja auch schon schön, Freunde zu haben, die jederzeit zu einem Gang in die Natur oder zu einer gemeinsamen Radtour bereit sind. 🙂 Das hat auch nicht jeder.

Für regelmäßiges Sport-Training jeglicher Art ist erstens meine Freizeit zu knapp (abends will ich das auch nicht mehr) und zweitens der Schweinehund zu groß. Aber man hat immer die Möglichkeit – und das hat ausnahmslos jeder – Bewegung in den Alltag unkompliziert einzubauen. Das kostet nix und bringt gute Laune und Power! Ich bin viel ausgeglichener, wenn ich mich viel bewege! Wobei die schönste Bewegung die ist, die mit Genuss gekoppelt wird. Das Gesicht in die Sonne halten, sich an den Blumen erfreuen, die Vögel zwistschern hören, die Stimmung auf dem See beobachten, sich den Wind ins Gesicht wehen lassen …

Klang der Stille

Vor einem Monat wurde durch den Anbieter meins Kabelanschlusses der Radio-Empfang abgestellt. Im Vorfeld gab es zahlreiche Ankündigungen. Zunächst machte ich mir Sorgen und empfand es als einen großen Verlust, dass meine schöne, sehr kleine und klanglich raumfüllende Kenwood-Anlage keinen Radio-Empfang mehr hatte. Ich suchte wie wild im Internet nach Alternativen, aber auf jeder gefundenen Seite kamen nur Angebote für teure Digital Receiver. Nein danke, den brauchte ich nun wirklich nicht! Weder für meinen nach neuen Standards ausgerüsteten Fernseher noch für die Anlage! Irgendwo musste ich für die Kenwood-Anlage noch eine Antenne im Keller haben, aber auf Anhieb war diese nicht zu finden. Also ließ ich es darauf ankommen und startete das Experiment „radiofreies Wohnzimmer“. Und siehe da: Nach vier Wochen kann ich verkünden, dass ich absolut nichts vermisse!!!

Es ist ja nicht so, dass ich total radiolos dahin vegetiere. In meinem Bad steht noch, aber wohl nicht mehr lange, ein absoluter Dinosaurier. Der „Radio Recorder Babett“, den ich mir 1982 von meinem Jugendweihe-Geld zusammengespart hatte, überlebte tatsächlich bis heute! Den schalte ich aber nur morgens ein, um beim Duschen die Verkehrs- und Wettermeldungen zu hören, die wichtig sind für mich als Pendlerin. Danach bleibt das gute, alte Teil den ganzen Tag lang stumm. Einmal hatte ich es sogar schon dem Stadtgeschichtlichen Museum für eine DDR-Ausstellung geborgt. Gern hätten die Kollegen dort es behalten, aber zu diesem Zeitpunkt gab ich es noch nicht her

In der Küche befand sich bis vor zwei Jahren noch das von meiner Oma geerbte alte DDR-Radio mit einem Holzkorpus, ebenfalls ein Dinosaurier aus DDR-Zeiten. Das gab dann allerdings zu meinem großen Bedauern seinen Geist auf und wurde durch ein kleines, W-Lan-fähiges TechniSat Digitalradio ersetzt. Das tut seinen Dienst sehr gut, aber ich bilde mir ein, dass der Klang des alten Holz-Radios irgendwie wärmer und raumfüllender war. Bis auf meinen im PC integrierten CD-Player und einen uralten aiwa-Walkman für Kassetten (für schlaflose Nächte) besitze ich keine weiteren reinen Musik-Wiedergabe-Möglichkeiten. Der kürzlich gekaufte Discman für schlaflose Nächte taugt absolut nix und wird wohl reklamiert. Natürlich stünde es mir frei, auf dem Handy oder dem Tablet Musik zu hören. Das findet, zumindest auf dem Handy, nie statt.

Ich bin mit den Jahren immer sensitiver geworden und liebe die Stille. Ich brauche keine Dauer-Beschallung durch Radios. Ganz bewusst wähle ich aus, was ich hören möchte. Momentan gibt es für mich (abgesehen von dem im Badradio mit den Wetter- und Verkehrsmeldungen) nur einen Radiosender, den ich beim Frühstück und manchmal beim Abendbrot höre. Das ist NDR Kultur. Schon allein deshalb unverzichtbar, weil gerade zu meiner Frühstückszeit dort die Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt besprochen werden. Diese morgendliche Buchrezension hat mir und damit den Lesern meiner Bibliothek schon unzählige Lesetipps gebracht. Als die NDR-Literatur-Experten Annemarie Stoltenberg kürzlich zu Gast auf einer unserer Fortbildungen war, konnte ich ihr einmal persönlich sagen, wie sehr ich ihre Sendung schätze. Sie hat sich sehr gefreut, und das nicht nur „aufgesetzt“, sondern ganz ehrlich.

Aber auch NDR Kultur bleibt immer öfter aus. Nämlich immer dann, wenn der Sender am Morgen zum Frühstück meditative „Bedudelungsmusik“ spielt. Dann wird gnadenlos abgeschaltet. Ich liebe klassische Musik sehr und freue mich beispielsweise über einen temperamentvollen Mozart oder Beethoven, um schwungvoll in den Tag zu starten. Soll heißen, ich brauche Power. Sowie es aber in Richtung „neue meditative Musik“ geht, kann ich nur noch weghören. Komisch, aber es ist so. Seit Jahren drehe ich das Radio auch gnadenlos aus, wenn der „Bolero“ von Maurice Ravel gespielt wird. Ich weiß nicht, warum,. aber ich kann es einfach nicht mehr hören!!! Dabei habe ich es früher wirklich gern gehört. Ausflüge in die Moderne stören mich bei NDR Kultur dagegen sonst überhaupt nicht. Wenn mal ein Rockstar Jubiläum hat und sein Lebenswerk geehrt wird, wenn mal ein Liedermacher gespielt wird, wenn mal klassische Werke völlig neu interpretiert werden oder frische Gesangsgruppen wie „amarcord“ zu hören sind – immer her damit!!! Es gibt auch neue Komponisten, die mir sehr gefallen, z. B. Francis Poulanc. Seit ich von Poulanc mal ein Werk für Klarinette und Fagott im Konzert gehört habe (die Fagottistin war die Ex-Freundin meines Neffens, aber das nur nebenbei), bin ich immer ganz Ohr, wenn etwas von Poulanc gespielt wird. Dies nur als ein Beispiel für viele moderne Werke, die mir gefallen.

Um mal kurz auf das tablet zurückzukommen: Das tablet hat sich zum Surfen im Internet als geliebter „Couch-Computer“ bei mir fest etabliert. Gelegentlich sehe ich mir bei YouTube Musik-Videos an, die ich auf der Suche nach besonderen Interpretationen oder besonderen Liedermachern entdecke. Im Moment stehen bei mir Hannes Wader und Konstantin Wecker ganz oben auf der Favoritenliste. Von ihm gebt es viele Live-Aufnahmen bei Youtube. Musik streamen käme für mich nicht in Frage. Dazu ist mein Musik-Geschmack einfach zu speziell, zu weit weg vom Mainstream. Es gibt keinen Anbieter, der das abdecken würde. Meine technische Ausrüstung würde es ermöglichen, sowohl im Wohnzimmer (Handy auf mein kleines Kennwood-Klangwunder andocken) oder auch im Bus während der 40 Minuten-Fahrt zu meinem Arbeitsort Musik zu hören, z. B. Radio über das Internet. Aber ich persönlich brauche es nicht.

Wenn man lernt, sich auf die Stille einzulassen, dann reagiert man sensibler auf alle akustischen Reize. Man hört bei Musik ganz genau hin. Durch meinen Neffen, den Hornisten und Spezialisten für Alte Musik, entsprechend gebildet, kann ich jetzt beispielsweise im Radio ein Naturhorn von einem „normalen“ Horn unterscheiden. Ich kann verschiedene Interpretationen einzelner Werke vergleichen, höre beispielsweise auf unterschiedliche „Mozart-Triller“ und es macht für mich durchaus einen großen Unterschied, wer Schubert-Lieder singt. Ich empfinde es als eine große Bereicherung, genau hinhören zu können. Und in der jetzigen stillen Mittagsstunde höre ich bei angelehntem Fenster die Vögel zwitschernd den Frühling begrüßen. Gestern Abend hörte ich vom Balkon ganz weit in der Ferne die Kraniche trompeten. Ja, sie sind wieder da, die Vögel des Glücks!!!

 

Hier, passend zum Thema, eins meiner Lieblingslieder von Gerhard Schöne.

 

Abwarten und Tee trinken

Mein ganzes Leben lang war ich die Macherin. Ich musste immer alle Fäden in der Hand haben, musste immer alles selbst machen oder mich zumindest selbst verantwortlich fühlen und selbst alles kontrollieren. Wenn man mich mal nicht „machen“ ließ, bombardierte ich die „Bremser“ so lange mit Argumenten, bis sie alle entnervt aufgaben und mich einfach weiter „machen“ ließen. Als „Macherin“ habe ich tatsächlich sehr vieles erreicht. Der Erfolg gab mir immer Recht.

Im letzten Jahr wurde ich jedoch von meinem Chef hart ausgebremst. Er hatte etwas dagegen, dass ich selbst Entscheidungen zum Design der neuen Bibliothek traf und „machte“. Weitermachen wie bisher war nicht mehr erwünscht. Für mein „Machen“ wurde ich abgemahnt. Da stand ich nun und meine Träume von einer schönen Bibliothek flossen mir aus der Hand. Ich konnte wirklich nichts tun, nur fassungslos zuschauen, wie sich in meinen Augen der Super-GAU entfaltete.

Extremsituationen sind dazu da, dass man aus ihnen lernt. So entwickelte ich mich innerhalb eines halben Jahres in Sachen Bibliotheks-Planung von einer Macherin zur Zuschauerin. Leute, das ist echt ein saublödes Gefühl!!! Aber es half nichts. Ich konnte wirklich nur zuschauen, ansonsten hätte ich mich nur noch mehr in Schwierigkeiten gebracht, eine Abmahnung nach der anderen kassiert und vielleicht meinen Job entweder verloren oder meinen Job nicht mehr ausgehalten. Also ließ ich mich schweren Herzens ausbremsen, akzeptierte die Situation so wie sie war, trat einige Schritte zurück, konzentrierte mich auf das Hier und Jetzt. Das Hier und Jetzt war schließlich auch nicht ohne. Wer schon mal einen Bibliotheks- und Archivumzug ohne Umzugsfirma bewältigt hat, weiß das. Mitten im Umzug erreichte mich dann noch eine weitere Hiobsbotschaft. Ich sollte eine Vorgesetzte bekommen, die den gesamten Kulturbereich der Stadt leiten und mir weisungsberechtigt sein sollte. Eine bisher auf Honorarbasis angestellte wissenschaftliche Mitarbeiterin, mit der mich seit Jahren eine gepflegte Feinschaft verband. Schlimmer ging’s nimmer. Ès war Schwerstarbeit, den Umzug weiterhin zu managen, den Kopf oben zu behalten, das Gedankenkarussell auszuschalten und in den Nächten wenigstens etwas Schlaf zu finden. Erstaunlich, was ein Mensch so aushält und leisten kann. Ich versuchte, mich an das Motto zu halten, welches ich vor dem Umzug an meine Ehrenamtlichen ausgegeben hatte: „Leute, seht es als ein großes Abenteuer, bei dem wir ganz viel Spaß haben werden!“ Jeden Tag waren Umzugs-Entscheidungen zu treffen und da war ich ja wieder die „Macherin“ im stets aktiven Tun. Immer in Bewegung. Nebenbei gesagt, half mir das unentwegte körperliche Bewegen sehr, den Stress abzubauen. Aber dazu schreibe ich vielleicht mal einen eigenen Blogbeitrag.

Der Umzug war geschafft, die Weihnachts-Erholungs-Pause vorbei und schon ging das Ohn – macht-sgefühl wieder los. „Machen“ war immer noch nicht angesagt. Die „angedrohte“ neue Kulturchefin schickte mir fleißig, auch am Wochenende an meine Privatadresse Mails mit to do’s. Sie gestaltete gedanklich fleißig den Eingangsbereich der neuen Bibliothek um und ich drohte, von der „Macherin“ zur eiskalt dominierten Mitarbeiterin zu degenerieren. Im Laufe der letzten Jahre äußerst sensitiv geworden, spürte ich in den Mails hinter den Worten große weibliche Eifersucht und lustvolles Quälen. Die Dinge, die sie mir da mit kurzer Frist auftrug, waren weder sinnvoll noch so kurzfristig machbar. Da gab es ganz andere Baustellen zu beackern. Wie jetzt weitermachen? Kampf ging immer noch nicht. Zu verhärtet die Fronten. Argumentenhammer ging auch nicht wirklich. Das einzige Argument, welches ich vorsichtig und wie nebenbei geschickt platzieren konnte, war der dezente Hinweis auf die klammen Finanzen der hoch verschuldeten Stadt, die in Zeiten der vorläufigen Haushaltsführung wirklich keine zusätzlich getischlerten Regale und künstlerisch gestaltete Ecken zuließen. Dies entfaltete die gewünschte Wirkung. Selbst der ganz große Chef wurde spontan zum guten Onkel und stand mir ganz von selbst bei. Ich musste wirklich nicht tun, nichts „machen“. Nur eine hilfesuchende Frage „Wie soll ich mich verhalten?“ reichte aus. Danach konnte ich mich zurücklehnen, abwarten und die Reaktionen sich entfalten lassen. Eine wirklich neue, angenehme Erfahrung! Es ergab sich ein zeitlicher Aufschub. Zeit, in der ich fast alle durch den Umzug liegen gebliebenen Dinge, die zum Jahreswechsel so wichtig sind, aufarbeiten konnte. Ich erledigte also meinen alljährlich zu machenden Kram und ließ die ganz großen Dinge einfach ruhen. Ich saß alles aus, ich fragte auch nicht nach, ob und wann Entscheidungen zur zukünftigen Leitung und Bewirtschaftung des Hauses fallen werden – ich wartete wirklich einfach ab, lebte im Hier und Jetzt und trank, naja, nicht immer Tee. Meine Freundin hat da einen Lieblingsspruch, den sie immer mal wieder anbringt: „Apfelkernchen kennt seine Zeit“. So gingen der Januar ins Land und die erste Februarwoche. Also wirklich, es fiel mir richtig schwer, die Feinsortierung in Bibliothek und Archiv zu machen, die Leser lächelnd durchs neue Haus zu führen und den Journalisten freundlich Rede und Antwort zu stehen, die über die neue Bibliothek berichten wollten, während ich immer noch nicht wusste, ob das Haus auch am Wochenende geöffnet sein würde, ob eine vorgesetzte „Leiterin“ an meiner Stelle bibliothekarische Entscheidungen treffen würde, ob Teile der Bibliothek zweckentfremdet umgestaltet würden und ob jeder unseren Veranstaltungsraum würde mieten können, ob die Bibliothek einen neuen Namen erhält, ob die Kollegen aus dem örtlichen Museum Dienst im Bibliotheks-Haus schieben werden, um nur einiges vage anzureißen. Mir blieb wirklich nur, täglich Gelassenheit zu üben, immer wieder neu. Und das, was ich eigentlich bis zu dieser unglücklichen Verkettung von Umständen immer hatte, nämlich mein Urvertrauen, dass sich alles fügen würde, wieder Stück für Stück neu aufzubauen. Immer in Bewegung, immer im Schaffen, immer erlebend, wie es in ganz kleinen Schritten gemütlicher wurde im neuen Haus, gelang mir das schließlich. Ich war wieder in meiner Mitte angekommen. Auch rein äußerlich kehrte endlich in kleinen Schritten die Routine und gewohnte Ordnung ein. Alle Stammleser fanden sich ein im neuen Haus, alle Bücher und Archivalien fanden ihren richtigen Platz, die Arbeitsabläufe wurden flüssiger, der Kopierer war endlich auch als Drucker konfiguriert, so dass ich nicht mehr alle Dokumente zu Hause ausdrucken musste. Und zwei Monate nach dem Umzug gingen schließlich sogar wieder Telefon und Internet. Hm,  diese Synchronizität wird mir gerade beim Schreiben erst bewusst. Ich trat nicht nur innerlich einen Schritt vom Krisenherd zurück, sondern wurde durch die mangelnde Anbindung an die Kommunikationsnetze auch äußerlich „stillgelegt“. Völlig abgeschnitten vom gewohnten vorausschauenden Agieren, immer nur am Reagieren irgendwie. Eine seltsame Zeit war das!

Aber nun hat das Apfelkernchen gekeimt und es sprießen vorsichtig grüne Spitzen aus der Erde. Durch die Schwangerschaft einer Kollegin aus dem Kulturbereich ergibt sich eine völlig neue Situation. Anstatt angemessen zu reagieren, beschäftigt sich die wissenschaftliche „Möchtegern-Leiterin“ des Hauses weiterhin mit zusätzlichen Präsentationen, Plakaten, Flyern und Homepage-Auftritten, während der ganz große Chef schon schlaflose Nächte zu haben scheint. Denn in ganz ungünstigen baulichen Gegebenheiten (dank der künstlerischen Freiheit des Architekten) muss der Alltag in der im gleichen Hause befindlichen, nur über die Bibliothek zu erreichenden Touristinfo nebst Veranstaltungssaal und Ausstellung organisiert werden. Da sind nun wieder kreative „Macher“ und praktische Ideen gefragt. Nun gibt es wieder Annäherung, nette Mails mit anerkennenden Worten für meine bisherige Arbeit, „Könnten Sie“-Fragen und ein konstruktives Miteinander mit sinnvollem Ideen-Austausch. Die „Möchtegern-Leiterin“ dagegen haut beleidigt um sich (diesmal haut sie andere Kolleginnen) und trägt nichts zur akuten Problemlösung bei. So kann ich ganz behutsam nach und nach vorsichtige Vorschläge für den zukünftigen Alltagsbetrieb einbringen. Und zwischendurch nehme ich immer wieder meinen Tee (oder sonstige Getränke), setze mich in die erste Reihe und schaue live dabei zu, wie andere sich selbst disqualifizieren. Meine „Apfelkernchen“-Freundin ist begeistert: „Ich wusste es! Alles fügt sich von selbst!!!“

Also Leute, wenn die Krise am größten ist, dann haut nicht noch drauf. Nehmt euch zurück, geht aus der Gefahrenzone weg, haltet einfach inne, widmet euch etwas Schönem (ich habe in dieser Zeit zufällig gerade die Erfolge aus meinem Hobby „geerntet“ und mich an dem großen Interesse zu meinem neuen Sagenbuch erfreut) und bewegt euch körperlich, um den Stress rauszulassen. Und dann setzt euch mit neuen Kräften in die erste Reihe dieses Theaters und schaut zu, wie sich das Drama auflöst. Bis dahin vertraut einfach, dass es sich auflösen wird.

Viel Glück im neuen Jahr!

Nun ist es da, das Jahr 2019! In der Silvesternacht sind mir in meiner Wohnung in der dritten Etage eines Mietshauses so dermaßen die Funken um die Ohren, d. h. um die Fenster geflogen, dass sich bei allem Genuss auch Ärger über die ungezügelte Unvernunft einiger Zeitgenossen eingeschlichen hatte. Auch virtuell flogen mir in diesen Tagen Funken um die Ohren. Ein dermaßen „krachender“ Abschied und Neubeginn kann ja nur Glück bringen!!!  🙂

Glück und Gesundheit wünsche ich allen Lesern mit diesem Gedicht bzw. Liedtext von Wolfgang Rieck. Um seine hochdeutschen und plattdeutschen Lieder zu hören, muss man sich die Zeit nehmen, sich still in eine Ecke setzen und nichts anderes tun, als mit allen Sinnen zu lauschen. Im lauten Alltags-Getümmel lag seine neueste CD ungehört im Regal, aber nun, in dieser langen Jahreswechsel-Auszeit, setzte ich mich wirklich lauschend in die Ecke und fand nicht nur dieses Lied schön.

Glücklich

Glücklich, wer liebt und sich daran freut,

glücklich, wer liebt, und es nicht bereut,

glücklich, wer gibt, und nicht danach fragt,

was es wohl bringt – ein großes Herz wagt.

 

Glücklich, wer lacht und das Leben genießt,

glücklich, wer träumt, sich der Welt nicht verschließt,

glücklich, wer sieht des Anderen Not,

und schielt nicht ängstlich aufs eigene Brot.

 

Glücklich, wer ankommt und schaut sich noch um,

glücklich, wer irrt und fragt sich warum,

glücklich, wer schenkt, wie er’s selber gern hätt‘,

und nicht den Unsinn auf gold’nem Tablett.

 

Glücklich, wer singt und trifft auch den Ton,

glücklich, wer kämpft und erhält seinen Lohn,

glücklich, wer schweigt, wenn es an der Zeit,

wenn Worte nicht trösten des Anderen Leid.

 

Glücklich, wer sucht, was die Welt offenbart,

glücklich, wer sich noch das Staunen bewahrt,

glücklich, wer hört ganz tief in sich rein

und kann noch trennen das Wahre vom Schein.

 

Glücklich, wer stirbt und hat auch gelebt,

glücklich, wer sich nicht über Andere erhebt,

glücklich, wer endlich von sich sagen kann:

Dies Antlitz im Spiegel schau ich mir gern an.

 

Danke für dieses Jahr!

Danke für dieses Jahr 2018! Danke für alle Erlebnisse, für alle Erfahrungen, die ich sammeln durfte, für alles, was ich lernen durfte – und für alles, was ich mit ganzem Herzen genießen konnte!

Danke für meinen zauberhaften 50. Geburtstag, den ich genau so feiern konnte, wie ich es mir gewünscht hatte. Danke für den Super-Sommer! Danke für die neuen Stolpersteine an meinem Arbeitsort und die damit verbundenen „Stolpersteine“ – und für die liebe, stets helfende Forscherkollegin, die ich durch die Stolpersteine virtuell kennenlernen durfte! (nächstes Jahr vielleicht „in echt“? 🙂  ) Danke für das musikalische Wochenende in Hamburg! Danke dafür, dass ich mit einer Freundin gemeinsam meine Heimatregion wieder einmal neu entdecken durfte! Ein ganz dickes Danke den fleißigen Lesekindern meiner Bibliothek, die im Sommer und auch danach alle Rekorde brachen! Danke für ein wunderschönes Mädel-Wochenende mit meiner Schwester! Danke meinem Chef für die Abmahnung, auf die ich sehr stolz bin! Und ich danke mir dafür, dass ich weiterhin fähig bin, eine eigene Meinung zu haben und diese auch zu vertreten! Danke für das neue Bibliotheks-Haus und für alle damit verbundenen Erfahrungen! („Gut“ und „Schlecht“ sind relativ und Ansichtssache. Es waren in jedem Fall Erlebnisse, die es wert waren, durchlebt zu werden!) Danke, dass ich mich selbst in den Tagen des Umzugs noch besser kennenlernen durfte! Danke, dass ich meiner allergrößten Angst ins Auge schauen durfte und erfahren durfte, dass man auch dabei in seiner Mitte bleiben kann!  Danke dafür, dass ich im neuen Haus ungehindert meiner Kreativität selbstbestimmt freien Lauf lassen darf!

Ich danke meinem Körper, dass er mich in diesem Jahr so treu und gesund begleitet hat.

Und danke für mein neu aufgelegtes, schöneres, erweitertes Sagenbuch! Danke dem Verleger, der mir „zugefallen“ ist, danke dem umsichtigen Mediengestalter und danke Peter für die wundervollen Fotografien!!!

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Und Danke an alle Freunde, alle ehrenamtlichen Helfer, alle Vereinskollegen und an die Familie für ihr Sein und ihr stets für mich offenes Ohr!  Danke für das Jahr 2018!

Sonnenaufgang am Silvestermorgen

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Neustart auf der Bibliotheks-Baustelle

So ganz freudestrahlend und unkompliziert, wie im letzten Blogbeitrag beschrieben, gelang die Eröffnung der neuen Bibliothek leider doch nicht. Das wäre ja auch zu schön gewesen! Aber inzwischen habe ich meinen Humor inmitten der zahllosen Umzugskisten wiedergefunden und kann wieder lachen.

Aber der Reihe nach: Am ersten Öffnungstag war die Bibliothek wieder voller Baufirmen. Direkt gegenüber der Theke tischlerte man mit gefühlt ohrenbetäubendem Lärm Einbaumöbel zusammen. Mitten auf der Baustelle die ersten Leser mit Blumentöpfen und Glückwünschen, und dazwischen die ersten Kinder, die neugierig ihren Raum mit den schwarzen, hohen Regalwänden erkundeten. Mitten im Trubel versuchte ich, lächelnd Haltung zu bewahren. Garnicht so einfach! Während ich die Bibliothek öffnete, waren meine beiden Ehrenamts-Engel und mein ehemaliger Bufdi dabei, das Archiv weiter umzuziehen. Zwei Wochen lang fanden sie sich jeden Morgen hoch motiviert und gut gelaunt am alten Archiv-Standort ein und packten 30 – 60 Umzugskisten mit Archivakten voll. Gegen Mittag kamen dann die fleißigen Bauhof-Leute und holten die Umzugskisten an den neuen Standort. Pünktlich um 13 Uhr standen meine drei stets gut gelaunten Helfer dann wieder auf der Matte und räumten bis 15 Uhr oder 15.30 Uhr das neue Archiv ein. Immer fröhlich, immer mit einem Scherz auf den Lippen. Ich musste nichts tun, nur die Himmelsrichtung angeben, in die die jeweiligen Akten geräumt werden sollten, also die in den Rollregalen zu öffnende Regalschneise. Unbedingt wichtig, denn ich wollte meine Akten ja wiederfinden und Günthi Bufdi brauchte sowieso „sein System“. 🙂 Währenddessen bediente ich lächelnd die Leser, machte Feinsortierung in der Bibliothek, montierte die Regale in der Krimi-Ecke von 2,05 m auf ein erträgliches Maß herunter und ließ unzählige Elektriker, Maler, Maurer, Tischler und weiß ich, wen noch rein und raus. 🙂 Zwischendurch machte ich Führungen durch das Haus und tröstete den Vorarbeiter von der Reinigungsfirma, der unbezahlte Überstunden ohne Ende leistete. Als kleine Kabarett-Einlage gab es immer mal wieder ein Geplänkel mit dem Architekten und der Bauamts-Mitarbeiterin:

Am einzigen Regentag Gespräch mit der Bauamts-Mitarbeiterin: „Sagen Sie mal Ihren Leuten, dass sie die Füße abtreten sollen, wenn sie ins Haus gehen!“ – „Das Problem sind nicht meine fleißigen Helfer, das Problem ist die Konstruktion des Hauses, in dem man fast unmittelbar von der Straße auf den wertvollen Fichtenholz-Fußboden tritt. Meine Leute sind nur der Probelauf. Stellen Sie sich vor, eine Schulklasse kommt bei solchem Wetter in die Bibliothek?“ Am nächsten Tag wurde draußen vor der Tür ein Abtritt gebaut.

Architekt: „wieso haben Sie den großen Tisch von der Garderobe weggestellt?“ – ich: „Wie sollen denn die Leser und vor allem die Kinder ihre Jacken an die Garderobe hängen, wenn da ein so großer Tisch davor steht?“ Architekt (jammert): „Wenn da an dieser Stelle nicht eine Barriere steht, dann wird die Eingangstür überdehnt, deshalb muss dort etwas stehen!“ – ich: „Aber doch nicht ein riesengroßer Tisch vor einer Garderobe! Sowas stellen Sie sich doch zu Hause auch nicht hin, oder?“ Am nächsten Tag stand wieder einmal der Tischler in der Tür: „Ich soll hier einen Türstopper anbringen!“

Den lustigsten Dialog mit dem Architekten gab es gestern, vier Wochen nach dem Einzug und an meinem letzten Arbeitstag vor Weihnachten:

ich:“Ist eigentlich ein Briefkasten am Haus vorgesehen?“ – Architekt: „Genau das wollte ich Sie auch gerade fragen! Hatten Sie denn an ihrem alten Domizil einen Briefkasten oder lief die Post über die Stadtverwaltung?“ – ich: „Beides. Wir haben ein Postfach in der Stadtverwaltung, aber es kam auch vieles direkt in der Bibliothek an.“ – Architekt: Haben Sie denn Ihren alten Briefkasten noch? Und kann man den weiterverwenden?“ – ich: (kringele mich schon innerlich): „Nein, das war ein Briefkasten mit Abteilungen für mehrere Mieter im Haus.“ (Der alte Briefkasten war noch immer in Betrieb. Ich hatte die Post informiert, dass sie bitte den alten Briefkasten weiter füttern sollen, bis am neuen Domizil ein neuer hängt.) – Architekt (jetzt kommts): „Hat die Stadt vielleicht irgendwo noch einen gebrauchten Briefkasten zu liegen?“ – ich: „Wie, Sie stylen für 2,2 Mio € das ganze Haus durch und wollen danach einen gebrauchten Briefkasten direkt neben die Eingangstür ans Haus hängen?“ 🙂 Daraufhin beratschlagen Architekt und Bauamts-Mitarbeiterin, ob ein schwarzer oder weißer Briefkasten gekauft werden soll. Ich tippe mal darauf, dass das Ergebnis schwarz ausfallen wird, passend zu den Bibliotheksregalen.  (Das Briefkastenproblem hatte ich übrigens schon mehrmals, auch vor dem Umzug, angesprochen und per Mail angefragt.)

Und zwischendurch noch ein lustiger Mailwechsel, verkürzt wiedergegeben: Ich an Bauamts-Mitarbeiterin und Architekten: „Da die beiden Bürosessel auf Dauer den Fichtenholz-Fußboden schädigen könnten, beantrage ich hiermit zwei Schutzmatten.“ – Bauamts-Leiterin am Hauptamtsleiter: „Den Wunsch halte ich für berechtigt. Aber wir sind nicht mehr zuständig. Die Fußmatten müssen aus dem laufenden Etat finanziert werden.“ – Hauptamtsleiter an Chefsekretärin: „Besorgen Sie so ein Ding!“ (Das war jetzt der O-Ton. 🙂 ) Chefsekretärin an mich: Es wurden leider die falschen Matten geliefert. Können Sie mir bitte die Rollen Ihres Drehstuhls beschreiben oder fotografieren? Sind es harte oder weiche Rollen?“ Ich beschrieb ihr die Rollen, aber die Sache wurde wohl doch zu chwierig. „Der zuständige Büroausstatter wird sich selbst an Sie wenden!“ Die Sache wurde mir zu blöd und ich hatte inzwischen zahlreiche andere Baustellen. Aber, oh Wunder, kurze Zeit später stand der nette Bauhof-Kollege mit einem großen Paket auf der Matte und strahlte mich an: „Schönen Gruß von der Chefsekretärin!“ 🙂 Na, geht doch! Und es waren sogar die richtigen Matten!

Gestern, am letzten Arbeitstag vor dem Urlaub, sollte eigentlich die Alarmanlage scharf geschaltet werden, deshalb sollte ich extra meinen Urlaub um einen Tag verschieben.

Architekt: „Da die Telefonanlage noch nicht funktioniert, kann im Alarmfall noch kein Ruf rausgehen. Deshalb können wir die Alarmanlage noch nicht hochfahren.“ – ich: „Heißt das, ich habe heute umsonst auf meinen Urlaub verzichtet?“ – Architekt: „Ähm, jaaa, das könnte man so meinen – aber ich bin nicht schuld!!!“ (Das ist er nach seiner Meinung sowieso nie.)  🙂

Doch nicht nur der Architekt machte Probleme. Es gab noch andere unliebsame Eingriffe in das Geschehen.

In der dritten Umzugswoche, es war der Nikolaustag, erreichte mich folgende Mail: „Von mehreren Seiten wurde ich darauf angesprochen, dass im Thekenbereich der Bibliothek zwei unansehnliche Zimmerpflanzen stehen. Ich bitte Sie, diese Zimmerpflanzen zu entfernen.“ Große Trauer bei mir und ungläubiges Kopfschütteln bei meinen Mädels, die vorgeschlagen hatten, genau diese Zimmerpflanzen dorthin zu stellen, damit kein Passant von der Straße auf meinen Monitor schauen kann. In diesem Moment rückte zufälligerweise wieder mal der fleißige Bauhof-Trupp an: „Wo steht das Klavier?“ Noch etwas weich in den Knien fragte ich die Männer: „Möchte jemand eine unansehnliche Zimmerpflanze adoptieren?“ Der nette Leiter dieser schnellen Eingriffstruppe begriff sofort, was los ist. Weise meinte er: „Wenn ich einen guten Rat geben kann, dann ist es das beste, ich nehme die Pflanzen sofort hier weg. Im Chor tönten meine Mädels und mein Bufdi bedauernd: „Oooooch!“ Augenzwinkernd nahm der Bauhof-Kollege sein Basecap ab und tat so, als ob er sich ein paar Tränchen abwischte. Und weg waren mein Affenbrotbaum, der im letzten Winter so schön geblüht hatte, und der Pfingstkaktus meiner Vorgängerin, dem ich eigentlich mehr als gegönnt hätte, im Sommer blühend auf dem Innenhof zu stehen. 😦 „Und nun warte ich auf das Geld, was dir die Stadt für neue Zimmerpflanzen zur Verfügung stellt“, meinte Christina trocken.

Eigentlich konnte mich aber gerade an diesem Nikolaustag nichts erschüttern. Denn mit der Riesen-Buchbestellung für die Bibliothek brachte mir die Buchhändlerin ein ganz spezielles Buch: mein neues Sagenbuch!!! (Der Buchhändler ist gleichzeitig der Verleger.) Die Freude über dieses lang ersehnte Buch, für das ich noch am Abend des zweiten Bibliotheks-Umzugstages den Klappentext geschrieben hatte, trug, zusätzlich zu meinen fleißigen Umzugs-Engeln, dazu bei, dass ich trotz arg strapazierter Nerven und vieler schlafloser Nächte den Kopf oben behielt.

Nach dem Einzug kamen Presse und Fernsehen. Komischerweise suchten sie sich für Fotos bzw. für den Dreh immer Ecken aus, in denen keine schwarzen Bibliotheksregale standen. Mal war das getischlerte Spieleregal der Blickfang, mal der große Büchertisch, der zum Leidwesen des Architekten nicht direkt vor der Garderobe stand, mal der lustige Büchertrog „Leo“ und mal eins der beiden grünen Kinderbuch-Regale. Auch die Pressesprecherin der Stadtverwaltung suchte sich für ihre Fotos genau diese Motive ohne Schwarz. Zum Glück verlangte keiner von mir ein Statement zur Einrichtung. Statt dessen punktete ich mit neuen Ideen zur Bibliotheksarbeit und mit gestiegenen Benutzer- und Entleihungszahlen in diesem Jahr. Wenigstens der Inhalt stimmte, wenn auch nicht die Form!!!

Die zukünftige wissenschaftliche Leiterin des Hauses, Frau Professor, schwebte ein: „Ich weiß, das wird schwierig, aber möchte gern folgendes einführen: Im allgemeinen Sprachgebrauch soll der Mehrzweckraum der „Olymp“ sein. „Mehrzweckraum“ finde ich zu einfallslos. Die Bibliothek ist die fruchtbare Erde und das Archiv ist der Hades.“ Hach schön, wenn man so weltfremd einschweben kann und keine anderen Sorgen hat! Prompt kam der Leiter der Seniorentruppe, die den Mehrzweckraum für Veranstaltungen nutzen möchte. „Das ist toll, dass hier dieser schöne Mehrzweckraum integriert ist!“ – wissenschaftliche Leiterin: „Ja, und der Mehrzweckraum hat wie das ganze Haus genau die richtige Größe, um sich darin wohlzufühlen!“ Ja, in Mecklenburg den Olymp im allgemeinen Sprachgebrauch einzuführen, ist extrem schwierig! 🙂

Und wie reagierten die Leser auf ihre Bibliothek? Nicht sehr euphorisch. Es kam von selbst kaum ein Kommentar, auf Nachfrage kamen kurze Kommentare. „Zum Glück hat man Ihnen ja noch etwas Grün gelassen.“, meinte ein Leser. „Schade um das Geld!“, so eine Leserin. Eine Leserin aus Berlin, die hier ihr Ferienhaus hat und seit Jahren sowohl bei mir als auch in Berliner Bibliotheken Stammgast ist, schaute ganz entsetzt und sagte spontan: „Geben Sie mir mal die Mailadresse des Bürgermeisters!“ Was ich dann natürlich gern tat. Die Reaktionen der Kinder fielen ebenso kurz aus. Hier habe ich sogar den direkten Vergleich. Als ich vor sehcs Jahren die grünen Kinderbuch-Regale anschaffte, erlebte ich von den Kindern wahre Begeisterungsstürme. Und Kinder sind ja bekanntlich die ehrlichsten Kritiker. Und hier, in dieser Bibliothek? Nichts. Wortlos kamen die Kinder aus ihrem Raum zurück an die Theke. „Wie gefällt es dir denn?“, fragte ich dann immer. Die Antwort war meist kurz und knapp, aber nicht im übermäßig begeistertem Tonfall: „Cool!“ Als der Bürgermeister mal drei Mädchen nach ihrer Meinung fragte, bekam er genau dieselbe Antwort. Er schaute etwas verwirrt und meinte dann: „Ihr könnt ruhig ehrlich sein!“ Zwei Mädchen sagten daraufhin (ganz ehrlich) nichts und ein Mädchen meinte gnädig: „Es ist jetzt mehr Platz als vorher.“ Na, wenigstens das! 🙂

Nach dem geplatzten Termin mit der Alarmanlage versuchte es der Architekt erneut auf die linke Tour: „Morgen kommen noch einmal die Trockenbauer und bessern die Nord-Fassade aus und übermorgen …“ Da unterbrach ich ihn: „Das interessiert mich nicht. Ich habe Urlaub und wohne 30 km weit weg. Soll heißen, ich komme nicht mal eben zum Auf- und Zuschließen des Hauses vorbei.“ – „Ach so?“ Ratlosigkeit. Dann die Bemerikung der Bauamts-Kollegin: „Ich habe noch weitere Baustellen zu betreuen, ich kann auch nicht immer auf- und zuschließen! Aber der Bürgermeister hat ja einen Generalschlüssel, und der wohnt auch am Ort.“ Ob dem Bürgermeister denn die beiden Weihnachtssterne, die Kalanchoes und die Orchidee gefallen, die ich von Lesern geschenkt bekam oder werden die auch als „unansehnlich“ eingestuft? 🙂

Aber egal, ab jetzt ist für mich Weihnachten angesagt, mit allem, was dazu gehört: Lebkuchen, Räucher-Bücherwurm, Weihnachtspyramide, Weihnachtsessen mit Freunden, Weihnachtskonzert, Weihnachtspost schreiben und Weihnachtsgeschenke verschicken. Wenn man keine Zeit hat, Geschenke zu besorgen, dann schreibt man mal eben sein eigenes Sagenbuch …! 🙂 Ein frohes Weihnachtsfest wünsche ich allen Lesern!

Abschied und Neubeginn

Hurra, ich bin drin!!! Sowohl im Internet als auch in der neuen Bibliothek!!!

In der Umzugswoche flutschte alles wie von selbst. Ich fühlte mich gut behütet, in meiner Mitte und wunderbar getragen. Dabei sah es am Anfang garnicht so aus, als ob alles so glatt gehen würde. Im Vorfeld versuchte ich eine Zeitlang vergeblich in Erfahrung zu bringen, wann ich denn den Schlüssel für das neue Domizil erhalten würde. Lakonische Antwort des zuständigen Architekten und Bauleiters: „in der 46. KW.“ Ups, das war ja die Woche des Umzugs! Ich kann doch nicht einfach einen Umzug starten, wenn ich noch nicht einmal die Sachen einschließen kann, oder liege ich da falsch? Nach drei weiteren Mails wurde es endlich amtlich, dass ich am ersten Umzugstag um 11 UHR den Schlüssel erhalten würde.

Ab 9.30 Uhr war großes Packen angesagt. Neben meinen beiden seit drei Jahren tätigen ehrenamtlichen Helferinnen fanden sich mein treuer ehemaliger Bufdi und vier Leser ein.  Punkt 11 waren die ersten 60 Umzugskisten gepackt, der Bauhof war bereit, sie abzuholen und ich ging, um den Schlüssel in Empfang zu nehmen. Darauf musste ich allerdings etwas warten, denn die Bauabnahme war noch nicht ganz durch. Während der Bauhof die Umzugskisten in den Bibliotheksflur verfrachtete, führte mich der Architekt mit stolz geschwellter Brust durch das ganze Haus, was ich in diesem fertigen Zustand vor dem Umzug noch nicht einmal gesehen hatte. Ich ließ alles ziemlich schweigend auf mich wirken. Den ersten Schock hatte ich da schon hinter mir, denn die eigentlichen Bibliotheksräume mit den schwarzen Regalen, bei deren Planung ich nicht mitwirken durfte, hatte ich schon gesehen. Nicht nur die Bibliotheksregale waren schwarz, sondern auch der Schonbezug und die Kissen des Kinder-Vorlesetheaters und sogar mein Schreibtisch-Drehsessel. Irgendwann meinte die mit uns mitlaufende Bauamts-Mitarbeiterin: „Sie sagen ja garnichts? Wie gefällt Ihnen denn das alles?“ Da legte ich los. Ich lobte das Lichtkonzept, die vielen Lagermöglichkeiten und ganz besonders das neue Stadtarchiv mit seinen Rollregalen mit beigefarbenen Fronten. Und ich machte die schwarzen Regale deutlich zum Thema. Ich hatte mich ja im Vorfeld versucht, mich gegen diese Ausstattung zu wehren, mit dem Ergebnis, dass der Bürgermeister mir eine Abmahnung verpasst hatte und mir ausdrücklich untersagte, Einfluss zu nehmen, da der Architekt seine künstlerische Freiheit habe. Ich brachte meine Kritik sachlich an, der Architekt reagierte nicht eingeschnappt wie sonst, sondern eher etwas erschrocken und verhalten.

Nachdem wir diese ausgiebige Runde durchs Haus mit Museum, Archiv, Bibliothek, Touristinfo nd öffentlichen Toiletten beendet hatten, durfte ich nun endlich, endlich das ersehnte Objekt meiner Begierde in Empfang nehmen: den Schlüssel!!! 🙂

Und da standen dann schon meine ehrenamtlichen Helfer zum Einräumen der Bibliothek parat. Zuerst hatte ich den engsten Kreis bestellt, also meine beiden Ehrenamtlerinnen und Günthi Bufdi. Mit ihnen drehte ich erneut eine Runde durch das ganze Haus, damit wir dort erst einmal ankamen und warm wurden. Als nach einer Stunde die weiteren Helfer dazu kamen, ging die Post ab. Bis 16 Uhr war schon fast der ganze Kinderbereich eingeräumt, mit viel Lachen und in harmonischem Miteinander. Jeder machte witzige Bemerkungen über die schwarze Bibliothek, so richtig gefiel sie keinem, aber alle hatten irgendeinen Scherz auf den Lippen. Günthi Bufdi, der ehemalige Lagerist, war immer darauf bedacht, „ein System zu haben“. Wenn ich zwischenzeitlich mal etwas ratlos war, meinte ich immer: „Halt stopp, ich muss erstmal nachdenken und mein System finden!“ Die mithelfenden Leser waren teilweise so vertieft, dass man sie überhaupt nicht mehr hörte. Arbeitsame Stille. Günthi Bufdi sprang immer schnell herbei, wenn etwas bzw. ein Umzugskarton an die richtige Stelle gerückt werden musste. Christina, die kleine Ehrenamtlerin mit der großen und herrlich frischen Klappe, kochte uns Kaffee und bemutterte uns und wischte die Regale sauber. Außerdem hatte sie schon mitgedacht und wichtige Küchen- und Putzutensilien dabei. Meine andere Ehrenamtlerin Doreen verteidigte ihr Jugendbuchregal bis aufs Äußerste: „Nein, das räume ich aus und auch wieder ein!!!“ Sie hatte sich ihr „System“ sehr genau überlegt und schickte Günthi Bufdi immer durch die Kante: „Ich brauche die Kiste K8! Jetzt sofort, sonst komme ich nicht weiter!!!“ 🙂 Günthi Bufdi ließ sich selten aus der Ruhe bringen und war wie immer er selbst: ruhig, hilfsbereit und etwas zerstreut. So, wie wir ihn in seiner Bufdi-Zeit alle gemocht haben. „Hast du den Elefantenfuß mitgebracht?“ – „Nö, habe ich vergessen!“ Dabei schaute er so lieb und gleichzeitig so verdutzt, dass ich schon wieder innerlich am Schmunzeln war in Erinnerung an alte Zeiten. 🙂 Er strahlte auf mich eine solche verlässliche Ruhe und Sicherheit aus, dass er mich auch immer wieder vom Turbogang runterholte. Einmal hatte ich ihn mit unserem neuen vertrackten Schließsystem ausgeschlossen und konnte ihn auch nicht gleich wieder reinlassen, weil der Architekt mich mit einem Anliegen belegte. Als ich endlich die Tür zum überdimensional großen, schwarz gefliesten Flur des Verbinders zur Touristinfo öffnen konnte, stand er dahinter, schaute wieder ganz treu und fragte bloß ganz ruhig: „Hast du mich denn nicht vermisst?“ 🙂 Andere wären da schon längst explodiert. Die Leserinnen waren ganz verzückt von den Buch-Entdeckungen bein Ein- und Auspacken und merkten sich gleich die Bücher für ihre nächste Lektüre vor. Um uns herum rumorte es noch kräftig, denn obwohl der Bau schon abgenommen war, turnten noch zahlreiche Handwerker durch das Haus. Ein Tischler war beispielsweise noch dabei, meine Theke zusammenzuzimmern. Der Architekt und die Bauamts-Mitarbeiterin kamen immer wieder mit verschiedenen Anliegen und Erklärungen auf mich zu, so dass mir schon der Kopf brummte. Ansonsten war der Architekt, mit dem ich in der Planungsphase so sehr aneinandergeraten war, auf einmal sehr nett und kooperativ. „Der Büchertrog Leo sollte doch eigentlich neben der Theke stehen!“ – „Nein, ich möchte, dass er in der Kinderbibliothek steht! Der Platz dafür ist vorhanden und so sieht die Kinderbibliothek wenigstens etwas kinderfreundlich aus!“ – „!Okay, So machen wir das!“ Na geht doch. Warum nicht gleich so, dann hätten die Kinder eine schöne Bibliothek gehabt. Das ist alles so, so schade!!!

Am nächsten Tag holte der Bauhof um 8.30 Uhr die geleerten Umzugskartons ab und brachte sie in die alte Bibliothek. Ich durfte sogar auf dem Bauhof-Transporter mitfahren, genoss das sehr und scherzte mit dem Bauhof-Kollegen. Bald darauf fanden sich die fleißigen Helfer ein und das Packen ging weiter. Diesmal „half“ ein über 80jähriger Leser mit, der schon seit Monaten unbedingt mithelfen wollte. Dann sollte man ihn auch „helfen“ lassen, auch wenn er dabei doch mehr im Wege stand. Aber alle waren so tolerant und lieb miteinander, dass das kein Problem darstellte. Nachdem er zwei Stunden „geholfen“ hatte, verabschiedete er sich und ward nie wieder gesehen. Seine nächsten Termine riefen. Keiner verlor ein Wort darüber, wir schauten ihm nur schmunzelnd nach und packten weiter ein. Diesmal gingen alle Romane mit weg. Währenddessen gaben sich in der neuen Bibliothek wieder diverse Firmen die Klinke in die Hand. Der Architekt schaute sich die eingeräumte Kinderbibliothek an und wurde sehr nachdenklich. Ihm war klar geworden, dass schwarze, 2, 05 m hohe Wandregale wohl doch nicht so kindgerecht sind. Aber was nützt mir das jetzt?

Inzwischen hatte sich ein Problem mit dem Telefon- und Internetanschluss ergeben. Die Telekom konnte nun doch nicht zum festgesetzten Termin liefern. Zum Glück fühlte sich das Bauamt dafür zuständig. Ich nahm das alles nur am Rande wahr, aber die Bauamts-Mitarbeiterin war wieder einmal am Rande des Nervenzusammenbruchs. „Was, der Internet-Stick für den provisorischen Zugang liegt in W? Wie soll ich denn jetzt dahin kommen???“ Hier klickte ich mich ein: „Ich wohne doch in W. Ich hole den Stick heute Abend ab und bringe ihn morgen früh mit, okay? Geben Sie mir mal den Mann von der IT-Firma, wir kennen uns.“ Sie schaute mich mit offenem Mund an. Ja, so ist das, wenn das Personalkarussell in der Stadtverwaltung so routiert. Man weiß unter Kollegen nichts Privates voneinander. Aber auch ich lernte diese Frau in den letzten Tagen besser kennen und verstehen, ich konnte einmal hinter ihre zickige Fassade schauen und erfuhr, dass sie eine familiäre Stresssituation durchlebt.

An dritten Umzugstag wurden meine heißgeliebten grünen Kinderbuch-Regale in der alten Bibliothek abmontiert und in der neuen Bibliothek als Sachbuch-Regale wieder aufgestellt. Das war dann schon ein Moment, in dem ich innehielt und wehmütig zurückschaute. Wie hatte ich vor sechs Jahren um diese Regale gekämpft und wie sehr hatten die Kinder ihre Ecke geliebt!!! Als die Frau von der Regalfirma meine Meinung zu der neuen Bibliothek hören wollte, sagte ich ihr wieder die Wahrheit. Inzwischen hatte Günthi Bufdi schon begonnen, die 2,05 m hohe, schwarze Regalwand im Kinderbereich zurückzubauen, so viele Regale wie möglich schräg zu stellen und die knallrote, mit bunten Fotos versehene Reihe „Meine kleine Tierbibliothek“ frontal zu präsentieren. Buch für Buch. Drei ganze lange Reihen entlang. Stillschweigend ließ Günthi Bufdi einige schwarze Regalbretter verschwinden und stellte sie an die Seite. Bei der Endabnahme der Regale durch den Architekten, die Regalfirma und die Bauamts-Mitarbeiterin duldeten diese es stillschweigend. 🙂 Am selben Nachmittag hatten wir die Sachbücher bis auf vier Kisten schon eingeräumt. Eine der ersten Helferinnen hatte sich aus terminlichen Gründen inzwischen verabschiedet und ein weiterer Helfer, ein Kollege aus meinem Arbeitskreis Stadtgeschichte und eifriger Leser, war dazu gekommen. Auch an diesem Nachmittag wieder schweigendes, konzentriertes Arbeiten. Christina, die die Teeküche inzwischen vollständig „adoptiert“ hatte und eine Kaffeemaschine und ein Tablett aus ihrem Haushalt mitgebracht hatte, versorgte uns mit Kaffee und Cappuccino.

Inzwischen stand auch meine Theke und ich konnte schon mal etwas Material einräumen und mit Christina meinen PC in die neue Bibliothek fahren.

Am Donnerstag stürzten wir uns auf das Stadtarchiv. Diesmal zu fünft. Günthi Bufdi forderte als erstes wieder „mein System“ ein – und das funktionierte wie immer hervorragend. Ich war sooo stolz auf mich!!! Die Rollregale gaben Anlass zum Scherzen, das kann Christina super. „Wenn du mich jetzt hier zusammenrollst, werde ich immer dünner und immer länger!“ Als wir den Nachlass eines bedeutenden Stadthistorikers einräumten, hatte ich keine Chance, in die betreffende Regalreihe zu kommen. Alle vier Helfer quetschten sich in diese Reihe, packten die Bücher und Akten ein und staunten und erzählten Histörchen über diesen Forscher und Schulleiter, den sie alle noch kannten. Ich, die ich gerade diesen Teil des Archivs gern selbst eingeräumt hätte, stand sehr still und bewegt daneben. Ein weiterer magischer Moment.

Alle Tage hatte ich mich um den Kopierer gesorgt. Wer zieht den um? Der Bauhofs-Mitarbeiter hatte sich bisher standhaft geweigert. Mails gingen hin und her und ich war ratlos. Doch oh Wunder: am Donnerstag stand eine andere Bauhof-Truppe plötzlich mit dem Kopierer in der Tür!!! Sie waren mit ihrem Transporter, der etwas flacher war als der andere, ganz nah an eine Treppe herangefahren, hatten eine schiefe Ebene gelegt und den Kopierer ganz sacht hochgefahren. Sie freuten sich alle über mein verblüfftes Gesicht 🙂 und ich machte auf ihre Bitte hin mit ihnen eine große Extra-Führung durch das neue Haus. Inzwischen kannte ich mich ja schon aus, war innerlich angekommen und die Handgriffe für die Schließ- und Lichttechnik hatten sich automatisiert. Heute früh war ich dann „drin“, der provisorische Internet-Zugang funktionierte und den Schrank hinter der Theke kann ich nun auch abschließen. Gemeinsam mit Christina holte ich die ersten Zimmerpflanzen in die neue Bibliothek und nach einigen letzten Handgriffen kann die Bibliothek am Montag eröffnet werden. Die ersten Leser haben schon in der Umzugsphase um die Ecke geschaut und es gibt sogar schon Angebote, bunte Kissenbezüge zu nähen für die schwarze Kinder-Leseecke mit schwarzen, großen Kissen. 🙂 „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben

Wie kann man Gott zum Lachen bringen?

„Wie kann man den lieben Gott zum Lachen bringen? – Indem man Pläne macht!“

Das ist zwar ein uralter Witz, aber er hat sich wieder mal bewahrheitet. Pläne machen war gestern. Heute heißt es, im Hier und Jetzt zu leben und dabei möglichst entspannt zu sein. 🙂

Seit ich vor fast genau zehn Jahren meinen Job in einer Kleinstadt-Bibliothek angetreten hatte, wurde eine neue Bibliothek geplant. An meinem ersten Arbeitstag, am 15. Oktober 2008, führte man mich in ein am Rande der Stadt liegendes Bürgerzentrum und zeigte mir darin zwei Räume. Einer der Räume war fensterlos. „Hier ziehen Sie mit der Bibliothek im nächsten Jahr ein!“ Ich fand die Räume schrecklich, ich fand die Lage schrecklich und mein Bauchgefühl sagte mir irgendwie: Nö, da ziehst du nie und nimmer ein!“ Als ich dann so nach und nach die Leser der Kleinstadtbibliothek kennenlernte, war das erste, was sie mir signalisierten: „Also wenn Sie da hinziehen, dann kommen wir nicht mit!“ Das ist doch mal ein cooles Bürgerzentrum, oder? Millionenschwer saniert und so gelegen, dass da kein Mensch hin will. 🙂

Der liebe Gott muss sehr erheitert gewesen sein, denn schon ein Jahr später, also 2009, wurde ein neuer Plan geboren. Ein leer stehendes Fachwerkhaus am Markt, also mitten in der Kleinstadt, wurde als neues Bibliotheks-Domizil auserkoren. Seitdem hieß es unisono jahrelang: „In zwei Jahren ziehen Sie um!“ 🙂 Und der liebe Gott lachte wieder.

Ich legte mir in all den Jahren ein sehr dickes Fell zu – und lachte mit dem lieben Gott mit. Das Positive an dieser Situation war ja immerhin, dass wirklich jahrelang an dem Plan festgehalten wurde, der Bibliothek ein neues Domizil zu errichten. Es hätte ja auch anders laufen können, so wie es in vielen Städten im Osten Deutschlands gelaufen ist. Man hätte ja auch einfach die alte Bibliothek ersatzlos schließen können. Während ich auf den Umzug „in zwei Jahren“ 🙂 wartete, tat ich mein Bestes, um die Bibliothek auf den neuesten Stand zu bringen. Ich mistete aus ohne Ende, ich beteiligte mich seit 2010 am Sommerleseclub und konnte mit den dafür geförderten Büchern die Kinderbücher für Kinder ab 10 komplett erneuern. Ich organisierte weitere Fördermittel für den Medienkauf, ich fütterte von Anfang an eine Bibliothekssoftware und konnte 2015 den Onlinekatalog in Betrieb nehmen und Anfang 2016 sämtliche Zettelkataloge in den Müll hauen. Der Inhalt stimmt also seit Jahren – fehlt nur noch die moderne Hülle.

Inzwischen waren viele Pläne aufgestellt und wieder geschrottet worden. 🙂 Aber der große, ganze Plan blieb wundersamerweise über die Jahre erhalten: das alte Fachwerkhaus wird das neue Bibliotheks-Domizil. Im Sommer 2016 war Grundsteinlegung für den Anbau und ein Jahr später war man dann endlich so weit, Richtfest feiern zu können.

Nachdem die Planung der Inneneinrichtung der Bibliothek allen meinen Bemühungen zum Trotz völlig an mir vorbei gelaufen war und ich mir deswegen sogar eine Abmahnung eingefangen hatte (man lese meine Blogs vom Mai / Juni), hielt ich mich komplett raus. Ich widmete mich dem Alltag und den mehr als reichlichen täglichen to do’s und verschwendete keinen Gedanken mehr an die neue Bibliothek. Ich trat einfach einen Schritt zurück, ließ nichts mehr an mich rankommen und lebte im Hier und Jetzt. Pläne machen ist ja sinnlos – obwohl ich mich ja freue, wenn der liebe Gott etwas zum Lachen hat … 🙂 Wenn ich mal nach dem Umzugstermin fragte, gab es vage, ausweichende Antworten. Jahresende … vielleicht …, März 2019 … vielleicht … 🙂

Inzwischen ging der Bau nach monatelangem Stillstand wieder voran. Das einst typisch beige Fachwerkhaus mit braunen Balken erstrahlte neu – in einem faden Einheits-Grauton. Bevor ich Anfang September meinen Jahresurlaub antrat, überraschte mich der Hauptamtsleiter mit der folgenden Botschaft: „Sie haben noch 14 Tage Resturlaub (und 15 Überstunden auf dem Arbeitszeitkonto). Bedenken Sie bitte, dass dieser im alten Jahr genommen werden muss und dass die Bibliothek im November umzieht!“ Ups! Jetzt doch so früh schon? Zwei Wochen später, an meinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub, traf ich auf dem Weg zu meinem Postfach in der Stadtverwaltung den Hauptamtsleiter, der verlegen verkündete, dass er sich mit dem vor dem Urlaub genannten Umzugstermin wohl doch zu weit aus dem Fenster gelehnt hätte und dass ich erst ab Dezember mit einem Umzug rechnen solle. 🙂 Gott grinste schelmisch und ich war  beruhigt, denn im November ist eigentlich die heiße Phase, die immer erst sehr spät bewilligte jährliche Landes-Medienförderung auszugeben.

Am 12. Oktober erleichtertes Aufatmen (und Gott lächelte 🙂  ), als ich den Fördermittelbescheid für die Medienförderung in meinem Postfach vorfand. Am 19. Oktober erreichte mich eine Mail des Innenarchitekten, ich möge doch bitte schon mal die Kinderbuchregale ausräumen, denn am 26. würden diese ab- und in der neuen Bibliothek wieder aufgebaut. (Die Kinderbuchregale sind die einzigen Regale, die mit umziehen.) Der liebe Gott verschluckte sich fast vor Lachen und ich leitete diese Mail wütend an den Hauptamtsleiter weiter, mit der Bitte, dass mir sofort! ein verbindlicher!!!  🙂 Umzugstermin genannt wird!!! Diese Mail wurde an das Bauamt weitergeleitet. An diesem Freitag keine Antwort. Am Montag darauf keine Antwort. Ich konnte mich auch nicht weiter darum kümmern, denn die Bibliothek war so gut besucht, dass ich mit dem laufenden Geschäft genug zu tun hatte. Wie schon jeden Tag seit Wochen fragte mich jeder Besucher: „Und wann ziehen Sie um?“ Und an dieser Stelle sei auch mal der sich immer mal bei diesen und anderen Gelegenheiten wiederholende Kommentar meines Vaters erwähnt, der in den 1980er Jahren den örtlichen Kreisbaubetrieb geleitet hatte: „In der DDR hätte es sowas nicht gegeben!“ Am Nachmittag mailte ich noch einmal kurz die Bauamtsleiterin an und teilte ihr mit, dass ich bis zum nächsten Tag eine Antwort erwarte. Es könne nicht sein, dass in drei Tagen die Kinderbibliothek schon mal leer wäre und die Bibliothekarin schulterzuckend daneben stünde und keinen Plan hätte. Antwort der Bauamtsleiterin: Sie wisse auch nichts. Das könne allein der Architekt wissen (also derjenige, der die Regale in drei Tagen abbauen lassen wollte). Da beißt sich ja der Hund in den Schwanz! 🙂 Ich saß vor dem PC und kugelte mich vor Lachen – und Gott lachte kräftig mit.

Der nächste Tag, Dienstag, der 23. Oktober. Ich bereitete gerade meine ehrenamtlichen Mädels schonend darauf vor, dass wir am Donnerstag eine große Blitz-Räum-Aktion machen müssen, da flatterte eine Mail ins Haus. Der Innenarchitekt meldete sich sinngemäß so: „Als Ergebnis der gestrigen Besprechung mit der zuständigen Sachbearbeiterin im Bauamt steht nun folgendes fest: Umzug der Bibliothek in der Woche vom 19. bis 23. November 2018. Auf eine vorzeitige De- und Remontage der Kinderbuch-Regale kann zugunsten des Gesamtumzugs verzichtet werden.“

Hurra! Wir haben einen Plan!!! 🙂